Chapter 10 of 10 · 988 words · ~5 min read

Part 10

Und warum ist mein Vertrauen erkrankt? – Abgesehen davon, daß es Antworten auf Fragen dieser Art nicht gibt, glaube ich manchmal zu fühlen, daß ich an einer lasterhaften Ausschweifung gestorben bin: an einer besonders stark angespannten und strenge Anforderungen stellenden Liebe. An der Liebe zur Fremdheit und daher Göttlichkeit einer Frau. An der Liebe, bei der Vernunft und alle anderen Hilfen und Sicherheitsmittel versagen müssen, weil Vertrauen, – Vertrauen zur Natur das einzige ist, was verlangt wird. In dieser furchtbaren Anspannung hält das Vertrauen eben aus – oder es erkrankt. Meines ist erkrankt. Wie es Menschen gibt, die der Weinrausch zugrunde richtet, so war mein Genuß – der Genuß der Fremdheit – ein tödlicher Genuß. Dennoch ist er das einzige in der Welt, auch heute noch, was mir eines Wunsches, eines Gefühls wert erscheint. Wie dem Trinker die Flasche, die ihn vergiftet. – Nur haben die Trinker doch alle, wie ich glaube, ein schlechtes Gewissen. Es ist etwas so Schmutziges im Schnaps. Die Trinker spüren denn auch, daß sie auf dem falschen Wege sind. Ich aber – ich habe mich eigentlich, ehrlich gesprochen, auf dem guten Wege gefühlt. Haben auch meine Kräfte nicht ausgereicht, – der Weg war gut, der Weg ins Ferne, ins Fremde hin, – und auch das Fremde lieben, nichts so heiß wie das Fernste und Fremdeste und das Geheimnis des Nebenan. Ob das nicht der wahrhaftige Weg der Menschenliebe ist, – nicht derjenigen, die in den Schulbüchern steht, – nein, der brennenden, die mit sehnsüchtiger Kraft sich selbst nicht aufgibt und doch auch den anderen erfassen, umfangen will, weil alles Leben, das eigene wie das fremde, ihr wunderbar groß und leuchtend erscheint. O Jorinde, Jorinde! Wie hat mir gebangt um dich, weil ich dich immer nur außerhalb meiner gefühlt habe, – und selbst im heißesten Augenblick: „Bist du jetzt mein?“ „Ja.“ „Ganz mein“, in diesem heiligen Augenblick deines Ja-Hauches warst du mir noch durch Länder und Meere und Jahrtausende entrückt. Und dennoch flog meine Seele immer wieder gegen dieses dicke Glas zwischen uns und wollte nicht ablassen, dich zu gewinnen, nicht ablassen, sich selbst hinzugeben für dich, – und wenn es jetzt auch nur auf eine ziemlich entehrende Art geschieht: genug, es geschieht, es geschieht! Totenhochzeit wird es geben. Wenn der Henker mich packt, so will ich dein sein, – du wirst es nicht wissen, nicht ahnen, und doch will ich dann, dann erst dein sein wie noch nie. Und die großen Augenblicke meiner tödlich berauschenden Liebe ziehen noch einmal auf: ich warte an der Ecke der Frohsinnstraße – oder ich nähere mich im Eilzug dem Bahnhof Augsburg, in dem du mich erwartest, und ich sehe die Bahnhofskuppel und kann es nicht fassen, daß dieses Bauwerk dich enthalten soll, dich, Jorinde, mein Leben dich – dieses glanzlos gemeine Eisenrippenwerk, dem man von außen gar nichts ansieht, so wenig wie allen anderen Bahnhofskuppeln der Welt ... Und noch eines, Jorinde: jener Abend am Wannsee, jenes einzige Dankgebet an Gott, das ich in meinem ganzen Leben gebetet habe. Es war kurz, aber aufrichtig, dieses Dankgebet. Nachts auf der Landungsbrücke stand ich allein, – du tanztest im Restaurant drinnen, mit fremden Menschen – ich konnte dich sehen, durch die hell beleuchteten Scheiben sah ich das Schattenbild deiner Gestalt kommen und vorbeischweben. Der Himmel war schwarz, ein Gewitter zog auf. Es regnete nicht; doch wie ich nun niederkniete zum Gebet, war das Holz der Brücke naß, von einem früheren Regen vielleicht. Ich kniete nieder und dankte Gott für dich. In der Fülle meines Glücks war ich ins Freie gestürzt. Du warst so lieb zu mir gewesen, Jorinde, und wenn du nun auch mit einem anderen tanztest – nein, falsch, gerade daß du mit einem anderen tanztest, das war das süße Fremde an dir, und dennoch warst du ja mein, das fühlte ich ganz genau. Gott dankte ich, daß er mir nach all den Fehlschlägen meines Lebens endlich das gegeben, was ich brauchte. Ich dankte ihm für das fremdartige Leben dort drinnen in der leuchtenden Tanzhalle, – für dein Leben, Jorinde, das mich so beglückte gerade dadurch, daß es _unabhängig_ von mir war, unverständlich im tiefsten Grunde, mir fern und dennoch mein. Dieser Kuß aus dunkelster Fremdheit hervor ist das Beste, was das Leben, was Gott zu geben hat, – denn dieser Kuß ist glaubhaft wahr; er kann, weil er so tief aus Fremdartigem hervorkommt, nicht anders sein als echt, kann nicht Einbildung, nicht Illusion sein! Da fühlte ich, wie Liebe mich überschwemmt, – fühlte, daß es Liebe in der Welt gibt, in Wirklichkeit, nicht bloß in meiner Phantasie, – ich fühlte diese Liebe mich heiß überrieseln, von außen her kam sie, nicht in mir war die Quelle. Die Liebe ist da, ist da, – auch wenn ich nicht da wäre, wäre die Liebe da! O jubelnde Erkenntnis! Und daß ich nun doch auch noch das unverdiente Glück hatte, da zu sein, neben dir, Jorinde, dafür dankte ich Gott in jener Minute. Ich mußte es tun, mußte niederknien, von niemand gesehen, – ganz kurz nur kniete ich, denn sowie ich den nassen Boden merkte, erhob ich mich wieder. – Sah dann noch lange das dunkle Wasser, den Himmel, die erleuchteten Fenster, den einzigen Menschenfleck im riesigen schwarzen Nichts der Nacht – und fühlte die Wärme hinter diesen Fenstern, fühlte dich, mein fernes und dennoch mein Glück! Und so danke ich dir denn, Jorinde, – denn deinetwegen ist es mir ja möglich gewesen, wenigstens einmal, minutenlang, mit voller Redlichkeit, Gott zu danken für mein qualvoll-süßes Leben in dieser fremden Welt. Ich danke dir, Jorinde, und nichts mehr tut mir weh. Ich habe das gehabt, was ein Mensch sich nur wünschen kann: meinen Rausch, meine Trunkenheit. Nun laßt mich versinken, laßt mich vorbei. Die Göttin, mit der ich gelebt habe, geleitet mich in den Tod. Keine Ablenkung mehr! Laßt mich allein.

Ende

Anmerkungen zur Transkription

Die ursprüngliche Schreibweise des Originals wurde weitgehend beibehalten. Nur einige wenige offensichtliche Druckfehler wurden stillschweigend korrigiert.