Part 7
„Ja – Saisonende! Ich bin ziemlich am Rand mit meiner Kraft.“
„So viel Mühe hast du?“
„Nie hätte ich gedacht, daß mich das Theater so anstrengen würde.“
Sie nahm ihren Beruf sehr ernst. Verbürgte das nicht, daß sie auch im Leben nicht leichtsinnig sein konnte?
„Warum wir einander nur so quälen.“ Ich gab ihr die Hand, nach der sie die ihre ausgestreckt hatte. „Da wir doch ohnehin so viel Energie aufwenden müssen, jeder in seinem Beruf –“
„Es ist wirklich überflüssig“, sagte sie und sah mich dabei mit schelmischem Lächeln an, das zu ihren und meinen Worten nicht ganz zu passen schien. Aber sehr weich und zärtlich hielt sie meine Hand fest ... Nun bot sie mir, leicht vorgeneigt, zum zweitenmal die Lippen. Wie von einem leichten Traum umfangen, bewegte sich ihr Gesicht lieblich mir entgegen. – Ich weiß nicht, was da ganz plötzlich in mich gefahren sein mochte. Alle unterdrückte Wut kam in mir empor, die Wut eines Sklavenaufstandes gleichsam, Rachedurst für erlittene Demütigungen, – zitternd, meiner selbst nicht mächtig, von äußerster Gier erfüllt, sie gleich jetzt, auf der Stelle zu besitzen, wenn es möglich gewesen wäre – mit heißem Griff riß ich das Mädchen an mich – es war nicht der kühle Kuß wie im Vorraum – sondern meine Zähne drangen in ihre Lippen, während gleichzeitig meine Finger an ihrer Kehle lagen. Sie schrie leise auf, machte sich los. Blut färbte ihr Taschentuch, das sie an den Mund führte ... Betroffen stammelte ich etwas von Entschuldigung. Kaum gewonnen, sollte sie mir wieder verlorengehen? „Sei nicht böse, ich bitte dich – sei doch nicht böse. Ich weiß nicht, was ich getan habe, ich weiß nicht, was mit mir los ist ...“
Sie schwieg lange, – war es ein strafendes Schweigen oder war sie nur so erschreckt? Abgewendet, stumm, – wie ich aber bat, sie solle mir doch zur Strafe, zur Vergeltung gleichfalls die Kehle zudrücken, lachte sie plötzlich auf.
„Nun ist also alles wieder gut?“ sagte ich mit jäher Energie. „Oder bist du mir böse?“
„Nein, ich bin dir nicht böse“, erwiderte sie innig.
Wir sahen einander ernsthaft an. Es lag wirklich nicht der mindeste Grund vor, einander böse zu sein. Man verdüstert sich nur ganz mutwilligerweise das Leben, – rätselhaft, warum. Bei Licht betrachtet, besaßen wir doch alle Vorbedingungen eines großen reinen Glückes. Wir liebten einander, wir waren jung, gesund, nicht arm ...
„Und doch hast du mir so beleidigend geschrieben?“
„Ich?“
„Geradezu grob – daß einer meiner Briefe dich gelangweilt hat. Das war doch schon sehr arg.“
Sie redete eifrig auf mich ein, bis ich ihr versprach, diesen ihren häßlichen Brief zu vernichten, zu verbrennen. – Sie sei eben nervös gewesen, ich solle ihr doch verzeihen, – ich wisse doch, daß sie niemand als mich habe, auf der ganzen weiten Welt niemand sonst ...
„So ist es dir recht, daß ich heute gekommen bin – obwohl es anders vereinbart war?“
„Ich bin froh“ – wie aufrichtig, wie klar sie das sprach!
„Heute abend fahren wir nach R. Bist du einverstanden?“
Sie zögerte keinen Augenblick. „Da muß ich nur noch nach Hause gehen und meine Sachen für die Nacht zusammenpacken. – Morgen spiele ich nicht, für übermorgen mach’ ich mich auch noch frei.“
Ich ließ mir das Reichskursbuch bringen. Wir sprachen eine Weile ganz sachlich nur von den möglichen Abendzügen nach R. – Mein Gott! In meinen kühnsten Träumen hätte ich gestern nicht zu hoffen gewagt, daß sie mehr als eine Viertelstunde für mich Zeit haben würde. Und schon diese Viertelstunde hätte mich namenlos glücklich gemacht. Ein gutes Wort nur, ein kurzes, klärendes Gespräch – das war das äußerste, was ich bestenfalls erwartet hätte. Und nun, und nun, – welche unfaßbare Wendung – welch eine Nacht knapp vor mir! – und dabei so selbstverständlich, so ohne jeglichen Sturm, als könne es gar nicht anders sein – nun saß ich neben ihr, und wir berieten in aller Sachlichkeit, ob wir um acht Uhr oder schon um sieben fahren sollten, ob wir bei einiger Eile noch zum ersten Zuge zurecht kämen und so fort. – Es gibt eine Sachlichkeit über allen Räuschen der Welt, eine Ruhe, stürmisch lebendiger als alle Kunstmittel der Nervenmassage, – diesen höchsten aller Räusche genoß ich nun.
Der Kellner brachte das Bestellte. – Noch nie im Leben habe ich um diese Zeit einen Braten gegessen. Aber Jorinde drängte: „Du siehst ja ganz verhungert aus. Wie kannst du nur so unvernünftig sein, – während der ganzen Fahrt nichts essen!“
„Auch gestern nicht – seit deinem letzten Brief.“
„Du mußt ihn verbrennen. Vergiß nicht, du hast es mir zugesagt. – Nein, so unvernünftig zu sein! Und lauter Dummheiten.“ Unter solchen Reden schnitt sie mir den Braten, fütterte mich geradezu. Aber ich konnte schon das erste Stück nicht herunterwürgen. Hunger hatte ich wohl, aber nicht den mindesten Appetit.
„Bitte, so iß doch.“
„Ich kann nicht.“
„Du mußt.“
„Also hilf mir. Nimm die Hälfte.“
„Gut. – Aber du auch, du auch. – Sonst komme ich heute abend nicht mit.“
Jedes Wort haftet mir im Gedächtnis. Weltumstürzende Aussprüche großer Staatsmänner können ihrer Umgebung nicht wichtiger erscheinen als mir diese lieben Sätzchen Jorindes, die so besorgt klangen, deren freundlicher Klang mich beglückte. Nach all den Peinigungen des Briefwechsels – welch eine Ruhestunde, welche Erholung! Es war, als würden die Fesseln aufgeschraubt, die meine Seele bis dahin in unnatürlich zusammengedrückter Haltung schmerzend festgehalten hatten. Nun streckte sie sich, gradete ihren Rücken, brachte den Blutkreislauf wieder in Fluß. – Belebend der Rotwein dazu, dessen blühender Schein auf das feine Linnen des Tischtuchs fiel.
Alles so seltsam, daß mir der Kopf wohlig weh davon tat. Das große Lokal, für Abendbeleuchtung bestimmt, – im kalten nüchternen Tageslicht lag es in ungewohnter Schmucklosigkeit, gleichsam übertrieben unfestlich da – dazu vor den Spitzenvorhängen draußen ein unfreundlicher Regennachmittag – und all dies, was sonst melancholisch gemacht hätte, wirkte andachtsvoll, – die Stille wie das Schweigen in einer Kirche, – zauberhaft alles und so zart, daß es wie in feinem Regenbogendunst zu zittern schien, in völlig unmateriellen Farben, kaum mehr der Erde angehörig und ihrem dumpfen Reich. Eine Gasthausstube wie tausend andere: das Paradies! –
Wir sprachen natürlich auch vom Mechaniker. Ich weiß nicht, ob sie oder ich damit begann. Jedenfalls hatte ich lange genug an mich gehalten. „Wie heißt er denn eigentlich?“
„Günther Schmidt.“
„Siehst du, nicht einmal das hast du mir geschrieben – wie er heißt. Und dabei behauptest du noch, mir immer alles geschrieben zu haben.“
„Habe ich auch“, erwiderte sie kühn.
Aber sie hatte recht, wahrhaftig recht. Wie lächerlich erschien mir plötzlich die ganze Angelegenheit. „Alles“ schreiben, – was sollte das denn eigentlich bedeuten? Wer vermöchte denn „alles“ zu schreiben? Und war der Namen nicht wirklich ganz unwichtig? – O unwichtig dies und jenes, wenn Jorinde neben mir saß und ich ihre Hand hielt! Ich hörte denn auch kaum auf sie hin, als sie Näheres über den Mechaniker erzählte, von der Hessingschen Anstalt, an der er arbeite, von Hessing selbst, dem genialen Erfinder, der, aus dem Handwerksstand hervorgegangen, bessere Schienen für verkrüppelte Glieder anzufertigen gewußt als alle diplomierten Chirurgen der Welt, – von der Tradition seiner Anstalt, die den Fachmann der Praxis über den Akademiker stelle, – so daß auch der Mechaniker keinen gewöhnlichen Mechanikerposten dort bekleide, sondern einer der ersten sei ...
„Er interessiert dich?“
„Aber nein, – er ist mir doch vollständig gleichgültig.“
Ich atmete auf, erst jetzt, – als sei gerade dies das rechte Wort gewesen, das ich erwartet hatte. „Ach, Jorinde, warum hast du mir denn das nie geschrieben?“
„Ich glaube doch, daß ich es dir oft genug geschrieben habe.“
Auch ich entsann mich jetzt. Aber es hatte nie so überzeugend geklungen wie in diesem Augenblick.
„Ich will dir etwas gestehen“, plauderte sie. „Anfangs habe ich die Sache in meinen Briefen ein wenig aufgebauscht. Es gefiel mir ganz gut, dich eifersüchtig zu machen. Nachher aber ...“
„Nachher?“
„Nachher wurde es zuviel des Guten.“
„Da warst du dann beleidigt, weil ich eifersüchtig wurde, – wie du mich doch haben wolltest.“
„Ja.“
„Einfach ja?“
„Ja.“
Etwas in mir riet, dies doch nicht so ganz glatt hingehen zu lassen. Nicht etwa, weil ich gegenwärtig irgendwelche Besorgnis empfand, auch nur den Schimmer einer Angst um meine Frau, – wohl aber der Zukunft wegen. „Und wie du nun sahst, daß es zuviel des Guten wurde,“ sagte ich, „da hast du die Sache in deinen Briefen wohl wieder – abgebauscht?“
„Nein, – die bloße Wahrheit!“
„Du siehst nun aber, wie schwer dies alles zu regulieren ist. Fängt man einmal mit so etwas an, so weiß man nicht, wo man endet. Ich meine das auf die ganze Beziehung zwischen dir und ihm.“ Wunder wie verständig redete ich mit ihr. Ich beherrschte die Situation. Nun durfte ich eine gefährliche Frage stellen, wiewohl ich mir vorgenommen hatte, auf diesen Punkt unter keiner Bedingung einzugehen. „Wie verkehrt ihr eigentlich miteinander? Ihr sagt einander: „Du?“
Zu meiner Überraschung: „Ja.“
Ich legte Messer und Gabel weg: „Nun, das genügt wohl ...“ Ich fühlte die Zimmerdecke auf mich stürzen ...
Eine kurze Pause. Dann lachte sie auf: „Das hast du dir wohl gedacht? Aber nein, wir sagen natürlich Sie zueinander.“
Was ist nun die Wahrheit? Das, was sie zuerst gesagt, oder die Berichtigung, als sie mein tiefes Entsetzen sah? ... Dies blieb eine dunkle Stelle dieses sonst so lichten Zusammenseins. „Kannst du es mir schwören?“ – „Ja.“ „Bei dem, was dir am heiligsten ist?“ – „Ja.“ – „Beim Grab deiner Mutter?“ – „Ja.“ – War es die kurze Antwort, dieses „Ja“, das zu wenig Substanz enthält, um einem so mächtigen Strom von neuer Unruhe den Weg zu sperren, – ich weiß den Grund nicht. Weiß nur, daß von dieser Gesprächswendung etwas Unaufgelöstes in meinem Herzen zurückblieb. – Und noch etwas anderes stimmte nicht ganz. Ich hatte sie küssen wollen. Sie wehrte ab. So ist nun einmal Jorinde! Zweimal hat sie selbst mich völlig ungescheut geküßt, – nun wo ich dasselbe wollte, wies sie angstvoll auf den Spiegel an der fernen gegenüberliegenden Wand: man könnte uns vom Korridor aus sehen! Doch nicht dieser Widerspruch erregte mich, sondern ihr Aufschrei: „Günther!“ – Also hatte auch er sie geküßt – oder zumindest küssen wollen? – Merkwürdig, daß sie bei ihrem Irrtum gar nicht verlegen wurde. Nie werde ich die Wahrheit herausbringen. Ihr ganzes Benehmen zeugte von so unbedingter Treue, – an der Hauptsache dieser Treue zweifelte ich ja auch gar nicht, – es verwirrte sich nur alles für einen Moment, dann wurde es wieder klar. Ich hatte Selbstbeherrschung genug, von diesem Zwischenfall kein Wort zu reden. Nur bei späterer Gelegenheit fragte ich sie, wie sie den Mechaniker anspreche.
„Herr Schmidt.“
„Anders nicht?“
„Manchmal auch Herr Günther.“
„Oder vielleicht manchmal auch kurzweg – Günther?“
„Nein, das nie.“
„Wirklich nicht?“
„Glaubst du, daß ich lüge?“
Es ist also nicht ausgeschlossen, daß ich mich verhört habe. Ja, ich muß die Möglichkeit zugeben, daß ihr Aufschrei im Moment des Kusses vielleicht weder „Herr Günther“ noch „Günther“ gelautet hat, sondern irgendwie ganz anders. Denn eine Lüge habe ich eigentlich nie von Jorinde gehört.
Noch manches fragte ich. Ich erfuhr, daß sie nie mit ihm Briefe gewechselt habe, – sie ließ auch nie zu, daß er für sie zahle, – das hätte eine Verpflichtung bedeutet. Und getanzt? – Ein einziges Mal!
Mein Gott, ich zermalme sie ja – dachte ich einen Augenblick lang, – so deutlich war es, daß ich, ich allein alle ihre Gedanken ausfüllte, daß mein Argwohn ihr unrecht tat, daß die Episode mit dem Mechaniker viel bedeutungsloser war, als ich je hätte glauben können. Gerade Ausdrücke, die Jorinde so nebenher gebrauchte, bestärkten mich in dieser neuen glücklichen Ansicht. „Er respektiert mich“, sagte sie von ihm. Oder: „Er ist ein Kind. Du kannst dir eben nicht vorstellen, wie ein unreifer Mensch das alles betrachtet.“ So spricht eine Frau nicht von einem Mann, der ihr etwas bedeutet.
„Aber er liebt dich.“
„Ich weiß es nicht.“
„Hat er denn nie etwas davon gesagt?“
„Nein. – Ach, du meinst, daß alle so sprechen und fühlen wie du. Ein kleiner Mechaniker. Er würde es gar nicht wagen. Und er braucht ja eine reiche Frau, um selbständig zu werden. Das ist seine Hauptsorge. Davon spricht er, von nichts anderem sonst. Du meinst, alle Menschen denken nur an Liebe wie du.“
Ich küßte ihre Hand. „Aber wo ist dein Ring?“
Sie trug ihn nicht. Es hätte Aufsehen unter den Kollegen erregt.
„Und bei Herrn Günther.“
„Ach, laß doch den, – nun gewiß, er ginge keinen Schritt mit mir, dazu ist er viel zu ehrlich.“
„Nun also?“
„Gönnst du mir wirklich die kleinen Spaziergänge nicht?“
„Wenn er sich nun aber wirklich in dich verliebte! Das kannst du doch auf keine Weise ausschließen. Bedenke, welche Verantwortung du auf dich nimmst. Du machst ihn für sein ganzes Leben unglücklich.“
Ihr Gesicht wurde hart. „Was geht das mich an! Ich kann nichts dafür, wenn mir die Männer nachlaufen. Ich tue nichts dazu.“
So verstellen sich Göttinnen. – Eben noch hatte ich mich ihr überlegen gefühlt, hatte gefürchtet, sie zu zermalmen mit meiner Herrschaft, – nun war ich wieder zu Furcht und Anbetung verwiesen. Und dabei behandelte sie mich zart. Sah sie, daß ich traurig wurde, so milderte sie das eben Gesprochene, entschuldigte sich, führte immer wieder an, daß die letzten Rollen alle ihre Kräfte verzehrt hätten. Eine arme Schauspielerin, eine geplagte Anfängerin, – aber nur Achtung, nicht übermütig werden, sonst zeigt sie den Blitz und den schuppigen Ägisschild mit dem Gorgohaupt. –
Wir fuhren im Auto zu ihrer Wohnung. Nicht ganz bis hin. Sie mochte in der Gasse nicht auffallen. So ließ ich an der Ecke zuvor halten. Ehe sie ausstieg, umfing ich sie: „Und freust du dich auf heute abend?“
„Ich habe doch lange genug warten müssen.“
Ich drückte sie fester an mich, ihren weichen, biegsamen Körper. – Sie lachte mir noch zu, ehe sie um die Ecke verschwand. – O Natur, Natur! Dieses eine Wort entschuldigte doch für alle Qual.
Nun allein im breiten Ledersitz des Autos – allein und doch auf so ganz andere Weise allein als vor wenigen Stunden in der Bahn – denn nun war es ja sicher, daß Jorinde in wenigen Minuten wieder da sein würde. O Sicherheit, die mich umfing – nach all den Zweifeln und Aufstörungen der letzten Zeit. Gerade in meinem Alleinsein kam mir diese Sicherheit erst richtig zu Bewußtsein. Es war eine süße Ruhe, eine Art Schlaf. Jede Faser meines Körpers, das spürte ich, kehrte allmählich zur Ruhe zurück. Alles ringsum fühlte ich als vollständigen Frieden. – Da stellte der Chauffeur draußen den Motor ab. Es war wie ein Schlag. Nun erst merkte ich, daß der Wagen bis jetzt mit gehendem Motor gestanden war, tüchtig durchgeschüttelt; und diesen Lärm, dieses Zittern hatte ich in meinen vibrierenden Nerven immer noch als Ruhe empfunden; jetzt aber tauchte ich in die wirkliche Stille unter wie in ein laues Bad. – Vielleicht war es eine leichte Ohnmacht, die mich umfing. – Ich kam wieder an die Oberfläche. „Wie lange warten wir schon?“ Der Chauffeur zog die Uhr, zeigte mir etwas. Ich verstand ihn nicht. Es war mir auch einerlei. O diesen Frieden genießen – bis ans Lebensende, – es wäre Glückes genug. Und selbst, wenn Jorinde jetzt überhaupt nicht zurückkäme – oder wenigstens noch lange nicht – es wäre Frieden, der silbergraue Frieden des Himmelreichs. Der Regen fiel, kaum sichtbar, – nur ein leichtes Abwärtswallen der dämmerigen Luft, – ein leises Rauschen an den großen Glasfenstern, durch die ich hinaussah, nach rechts und nach links, doch beinahe ohne den Kopf zu bewegen. So müde, so müde! Die Straße war fast menschenleer. Aber die Häuser machten einen warmen, anheimelnden Eindruck. Ich hatte das Gefühl, als ob ich schon einmal – vor Jahren, als Kind vielleicht – hier gewesen wäre. Oder vielleicht hatte ich die Straßenansicht einmal geträumt. Das Schattenbild einer angenehmen Erinnerung mischte sich mit lieblich gedämpften Farben in die Gegenwart. Nun kam ein Radfahrer vorbei. Klar sah ich alles – und doch trunken. Er hielt an, indem er seine Hand an die Seitenwand des Autos legte. So stützte er sich leicht an unseren Wagen, immer auf seinem Rad aufrecht sitzend, und fragte den Chauffeur irgendwas. Der hatte offenbar nichts dagegen, gab bereitwilligst Auskunft. Beide lachten. Dann fuhr der junge Bursch davon.
Ich ließ nochmals das Fenster hinunter. „Wie heißt die Straße hier?“
„Frohsinnstraße.“
Frohsinnstraße! – Doch eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, stand in der Nähe und sah immer wieder in den Wagen herein. Was mochte sie wollen, warum ging sie nur immer ein paar Schritte weit, blieb dann wieder stehen und kehrte um, um zu mir hereinzuspähen? – Ach nein, sie hatte nichts Böses im Sinn. Eine Straßenbahn kam, nahm die Alte mit. Ich hatte nur die Haltestelle nicht bemerkt, an der sie gewartet hatte.
Ach nein, – das Leben ist nicht so bös. Wir ängstigen uns grundlos. Es gibt eine Frohsinnstraße. Die Hexe wird mitgenommen. Man erteilt Auskünfte, Mensch und Mensch helfen einander unter gemütlichem Lachen. Der Regen fällt weich, befruchtend in den grauen Frühlingsabend. – Und Jorinde – kommt sie denn wirklich nicht? Nun dauert es eigentlich schon gar zu lange. Ein Telephongespräch wegen Rollenübernahme, ein wenig Einpacken, das kann doch nicht so lange dauern? – Ach nein, sie kommt gewiß. Viel ist zwar möglich, viel ist bei Jorinde möglich, – das aber scheint doch undenkbar, daß sie mich hier im Auto warten ließe. Ich spüre zwar ein Tröpfchen Unsicherheit, – aber das ist nur ganz genau jenes winzige Tröpfchen, das nötig ist, um den Ozean von Sicherheit, in dem ich schwimme, fühlbar zu machen.
Und da ist sie ja schon, – im grauen Reisemantel, die Lederkappe aufgesetzt das Köfferchen in der Hand.
Vorwärts, Chauffeur, in den Abend, in die Nacht, zum Bahnhof, zu den Sternen. – Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich.
Man hört oft die Redensart: Othello, das Drama der Eifersucht. – Die so reden, haben nie erlebt, was Eifersucht ist.
Othello ist das Drama einer plumpen Täuschung. Eifersucht spielt wohl eine Rolle dabei, – doch ist Othello weit entfernt davon, den Urtyp des Eifersüchtigen darzustellen. Beweis: daß er sich zum Schluß widerlegen läßt, seine Eifersucht für durchaus unbegründet, Desdemona für vollendet treu hält. Wer so fühlen kann, ist auch vorher nie wirklich eifersüchtig gewesen. Das Wesen der Eifersucht liegt ja eben darin, daß sie unter allen Umständen unvergänglich und unwiderlegbar ist, daß sie sich vollständig außerhalb des Gebiets von Beweis und Nichtbeweis hält. So wie es ein Vertrauen gibt, das eines Beweises nicht bedarf, so wie wahrer Glauben den Versuch eines Beweises gar nicht erträgt, – so gibt es auch ein Mißtrauen ohne Beweis, das ist die Eifersucht. Wahre Eifersucht hat daher etwas vom Rang des Religiösen an sich, freilich nicht auf der Lichtseite, sondern auf der dunklen Hemisphäre des Daseins. Denn nicht das ist Eifersucht, daß man eine Frau für treulos hält, ohne genügende Beweise, auf bloßen Verdacht hin; – nein, weiter noch, der Eifersüchtige fühlt und weiß, daß es überhaupt niemals, durch kein Mittel auszumachen ist, ob die Frau treu ist oder nicht, daß es nichts in ihrem Benehmen gibt, was nicht nach beiden Richtungen hin, als Argument für Treue wie für Untreue, gedeutet werden könnte, daß auch die Frau, selbst wenn sie helfen wollte, bei der Deutung ihrer eigenen Seele ebensowenig weiß wie der, der sich um sie abhärmt, und daß daher jeder Deutungsversuch ganz zwecklos, das Eifersuchtsgefühl dagegen das einzig Sichere, das Absolute ist. – Vielleicht ist dies allerdings schon eine solche Definition der Eifersucht, wie sie nur ein Eifersüchtiger geben kann. Gut, ich stecke eben in meiner Welt, – das leugne ich ja nicht.
Das wundervolle Zusammensein mit Jorinde hatte nichts genützt. Gar nichts.
Daß sie sofort und mit Freude mein war wie nur je, – daß also diese schöne Frau mir angehörte, so oft es möglich war, – hätte mir das nicht genügen können? – War es nicht phantastisch, die ausschließliche Herrschaft über ihre Gedanken zu beanspruchen. Wann hast du an mich gedacht? Wie oft? Oh, so kindisch, danach zu fragen, – und dabei nie kontrollierbar – und dennoch, sobald ich nur wieder in Berlin war, meine Sorge Tag und Nacht.
Eine Entscheidung hatten die schönen zwei Tage in R. nicht gebracht. – Wohl sah ich Jorindes schlanken Leib in hundert lockenden Bildern vor mir, roch förmlich das rotbraune alte Hotelzimmer mit seinem schwachen Seifen- und Haarwasserparfüm, mit seiner frischgebügelten Bettwäsche, dem Metall der kleinen elektrischen Lampe auf dem Nachttisch, – erlebte nochmals Jorinde in der Pracht ihrer Hingabe, nochmals ihr Streicheln über mein Haar, ihre Anschmiegungen, süßer als die irgendeiner anderen Frau der Welt – sah mich am Morgen ihren goldenen Armreifen auf der Marmorplatte vor dem Spiegel tanzen lassen, hörte ihre lieben Scheltworte (sie war so ordentlich und sparsam, fand das kostbare Stück ein wenig zerkratzt), – das alles beruhigte nicht, belebte nur meinen sehnsüchtigen Schmerz.
Während ich mich mit Entzücken der geringsten Erinnerung hingab, dem Surren und Glitzern, Tanzen und Niederfallen dieses Goldrings auf den Marmor, – ging sie wahrscheinlich mit dem Mechaniker spazieren. Denn es war stillschweigende Übereinkunft geblieben, daß sie den Verkehr fortsetzen würde.
Vielleicht legten sie beim Gehen Hand in Hand? Und wenn sie einander nur mit dieser gewissen sehnsüchtigen Beharrlichkeit Aug’ in Aug’ schauen! – Es ist doch unmöglich für einen jungen Mann, an Sommerabenden, neben einem schönen Mädchen, – – ich zitterte vor Wut, wenn mir diese Szenerie erschien. Doch ich war wehrlos. Sie drängte sich auf.
Nun war also Jorinde wieder abgetrennt von mir, den unbekannten Einwirkungen einer fremden Welt überlassen. Das „Du“ fiel mir ein, das sie zuerst zugegeben, dann abgeleugnet hatte. Der Ausruf „Günther“. – Um wieviel beweiskräftiger jetzt all dies als in ihrer Gegenwart. – Mir wurde klar (woran ich in Augsburg und R. gar nicht gedacht hatte), daß diese beiden Umstände einander unterstützten. Wen man duzt, den ruft man auch mit dem Vornamen. – Und weiter: das Interesse an seiner selbständigen Stellung. – Ich bedauerte, nicht genauer hingehört zu haben, als sie von diesen Dingen sprach.
Manchmal dachte ich ganz kalt: „Was hätte ich davon, wenn ich nun wirklich herausbrächte, daß sie ihn mehr liebt als mich, – oder daß er einen wesentlichen Teil ihrer Gedanken in Anspruch, also mir fortnimmt. Wie könnte ich mich denn trösten? Es gibt ja nichts! Ich habe mein Leben ganz und gar auf sie gestellt. Das war eine Zeitlang so süß – immer, immer sie vor Augen zu haben, nur ganz kurz bei den dringendsten Dingen des Bedarfs zu verweilen – und dann wieder zu ihr die Gedanken! Wie ist es jetzt? Der Gedanke an sie ist Qual. Will ich mich aber von ihm ablenken, so falle ich ins Leere, – es ist einfach rund um sie nichts da, keine Interessen, keine Welt, sie schwebt als einziger bewohnbarer Fleck mitten im leeren Raum. Also bin ich ja auf sie allein angewiesen. Wozu die Zweifel, ich muß ja doch bei ihr bleiben, mag sie sein, wie sie will. – Am Ende wäre es am besten, sie anzuleiten, wie sie mir am wenigsten Verdacht einflößte. Sie brauchte ja überhaupt nichts vom Mechaniker zu schreiben. – Ob ich mir nur einreden könnte, daß ich ihr glaube: das ist die Frage dabei.“