Chapter 3 of 10 · 3317 words · ~17 min read

Part 3

Wie selig machte mich Jorindes Liebe; aber ihr oft überschwenglich geäußerter Dank beschämte mich. Selbstverständlich tat ich alles für sie, wonach sie nur den leisesten Wunsch äußerte, – während von ihrem Vater niemals ein Zuschuß eintraf, vielmehr verlangt wurde, daß sie die Kosten ihres Berliner Aufenthalts mit ihrem Gehalt aus dem angeblichen Posten in meiner Fabrik bestreite. Aber hätte ich nicht gern noch viel mehr für sie getan! Sie war ja so bescheiden in ihren Ansprüchen, – und obendrein auch noch Dank? Nebstdem: alle Dienste, die ich ihr erweisen konnte, verwandelten sich gleich auf der Stelle in ebenso viele Glücksfälle für mich. So war es nun einmal, weder sie noch ich wären imstande gewesen, etwas dazu oder hinweg zu tun. Von meiner Freude über ihre gut fortschreitenden dramatischen Studien war schon die Rede. Aber bis in unwichtige, halbspielerische Kleinigkeiten reichte diese seltsame Verkettung von Dienst und sofortigem Lohn. (Wer kann übrigens von Angelegenheiten der Liebe sagen, daß diese wichtig, jene unwichtig sei.) Ging ich etwa mit ihr ins Theater, – welch ein Genuß für sie; aber für mich doch nicht minder, ihre jugendliche Begeisterung einzuatmen oder dies eine nur: – ihre Gegenwart zu fühlen! Und welch ein Glück, an ihrer Seite die großen Modeateliers zu besuchen, unermüdlich Modellkleider anzusehen. Es ist seltsam: man kann derartiges nicht sagen, ohne daß sich ein frivoler Nebenton einmischte. Und doch erlebt man es in aller Innigkeit und Herzenseinfalt, ganz ohne diesen Nebenton, und gerade das ist ja das Schöne dabei. Wäre ich Schriftsteller, ich würde über der Beschreibung einer solchen Episode verrückt werden. Aber vielleicht haben gerade nur die Schriftsteller durch ihr ewiges Herabsetzen aller Gefühle, die man in der Stadt erlebt, durch ihre an sich berechtigte, aber zu absichtlicher Kontrastwirkung mißbrauchte Lobpreisung ländlichen Glückes es verschuldet, daß man diese Dinge in ihrer lauteren Süße zwar empfinden, aber nicht ausdrücken kann. Wie dem auch sei: Reinheit und unendliche Liebeserfülltheit brausten in mir bei diesen Besorgungsgängen durch Warenhäuser und das nüchterne Ankleidekabinett war mir kein unpassenderer Hintergrund für meiner Seele Entzücken als etwa einem jungverliebten Bauernpaar abends der Lindenbaum vor dem Dorf. Ja, nicht anders war mir zumute, wenn ich – als rechtmäßiger Gatte – ins Probierzimmerchen mitgenommen wurde, unter Vorantritt einer ältlichen, geschäftsmäßig lächelnden, sehr höflichen Verkäuferin, – wenn ich nun in einem Sessel zur Seite Platz nahm und, während Dora ihr Kleid abtat, ihre weißen, ganz zarten, wie für Vogelflug gebauten Schultern und das kleine, kaum sichtbare blonde Nest unter ihnen bewunderte, – die tiefe, geschmeidige Teilungslinie oben in der Mitte des Rückenanfangs –, und nun konnte ich oder mußte vielmehr recht gleichgültig tun – in einer Situation, die ich sonst nur in Zittern und Herzklopfen erlebe, – mußte mich soweit beherrschen (und es ging ja ganz leicht), nur hie und da eine sachkundige Bemerkung zu machen, nur hie und da, scheinbar ganz nachlässig und zufällig, in die Spiegel zu schauen, die im äußerst vorteilhaft aufgefangenen Tageslicht dieses sonst ganz schmucklosen Raumes meine Geliebte mit jedem neuen Kleid, das sie an- und ablegte, in immer neuer Schönheit, ja wie das Urbild alles Lächelns, aller Grazie auf Erden erstehen ließen. – Ich glaube: in einer einzigen solchen Stunde offenbarte sich mir von Kräften und Stolz der Schöpfungspracht mehr als in meinem ganzen Leben zuvor. Und es berührte mich seltsam, daß mir Jorinde nachher für ein einfaches Kostüm oder ein Sommerkleid dankte, das wir mitnahmen. Aber solches unauffälliges Hinweggleiten über den wahren Tatbestand gehörte vermutlich mit zum Wesen ihrer Göttlichkeit.

Dieses unauffällige, in sich verborgene Wesen, – in aller Stille hat es auf mich gewirkt, mich belehrt, in manchem vielleicht auch umgewandelt, soweit eben bei so entgegengesetzter Anlage ein Wandel überhaupt noch möglich ist. Von Anfang an war ihm ja meine großstädtische Hast, meine Nervosität, mein ewiges Drängen und Nachdrückenwollen durchaus entgegengesetzt. – Das zeigte sich sozusagen bei jedem Schritt. Fuhr ich mit Jorinde in der Elektrischen, so konnte ich sicher sein, daß ich schon einige Minuten vor der Haltestelle aufsprang, um mich zwecklos und geradezu krankhaft im Wagen zwischen den Menschen hin und her zu drehen. Jorinde dagegen blieb geduldig und mit einem gewissen Behagen auf ihrem Platz, stand erst dann auf, wenn es nötig wurde, um ruhig und ohne jemand zu stören auszusteigen. Wir sprachen nie über diese Beobachtung. Ich aber weiß seither, daß man die Menschen in zwei Gruppen einteilen kann, und daß in dieser Unterscheidung mehr Weisheit liegt als in so manchen gründlichen Charakteristiken. Es gibt Menschen, die in der Elektrischen bis zur Haltestelle sitzenbleiben und solche, die viel zu bald vorher aufstehen.

Von Jorinde habe ich gelernt, nicht immer und allem zuvorkommen, nicht immer nachhelfen zu wollen. Es kam etwa so: wenn wir stritten und ich ihr nachher gut zuredete, auch wohl manchmal mich entschuldigen wollte, so hörte sie immer nur in stummem Zorne zu oder wandte sich ganz ab. Einige Stunden oder den ganzen Tag nachher kam kein Wort von ihren Lippen. Mochte ich mich anstellen, wie ich wollte: es half nichts. Am Tag darauf aber sprach sie schon mit mir, sprach von gleichgültigen Dingen, wich auch dem eigentlichen Streitgegenstand nicht aus und redete recht vernünftig von ihm, gar nicht mehr gereizt. Auch gab sie öfters zu, unrecht gehabt zu haben, ohne dies aber für eine besonders wichtige Eröffnung zu halten. In den folgenden Tagen nahmen dann ihre Worte immer mehr den zärtlichen, weichen Klang an, der mir unentbehrlich war, und nach Ablauf seiner gewissen, bald längeren, bald kürzeren Zeit war das gute, alte Einvernehmen vollständig wiederhergestellt, – obwohl es am Anfang immer so aussah, als sei der Bruch ein endgültiger. Auch war sie dann imstande, sich ganz und gar vor mir zu demütigen, mir abzubitten oder durch ganz besonders liebevolle Einfälle ihre Hingabe auszudrücken, so daß nicht selten ein Glücksrausch, eine Steigerung, die ich gar nicht mehr für denkbar gehalten, das Ende solcher Zerwürfnisse war. Dieses glückliche Ende aber irgendwie zu beschleunigen, die qualvolle Wartefrist abzukürzen, – das lag gänzlich außerhalb aller Möglichkeiten, mochte sich dieser Vorgang noch so oft abgespielt haben und sein Verlauf immer genau derselbe sein. Spät erst erkannte ich das und lernte, daß es keinen Zweck habe, auf ein Geschehen drücken zu wollen, das seinen naturgesetzlichen Gang nehmen muß. Wie ein Gewitter losbricht und in der Zeit seines Wütens als etwas Ewiges am schwarzen Himmel steht, durch keine Macht der Welt wegzubringen, wie es aber dann doch vorbeizieht und erfrischte, klare Luft nachher den vollen Sonnenschein herausbringt, als sei gar nichts geschehen, – so schwangen bei einem gesunden Menschen wie Jorinde Gemütserregungen allmählich aus, von Argumenten freilich unbeeinflußbar, desto zugänglicher aber dem ruhigen Walten der großen Natur, die ganz von selbst auf Störungen neuen Frieden folgen läßt. Dies lernte ich. Lernte: abwarten. Lernte: nicht gleich trostlos werden, nicht gleich den Kopf verlieren, wenn Jorinde mir fern und unverständlich war. Lernte überhaupt: ein gewisses Zutrauen zur Natur. Lernte gleich auch eine ganze Fülle von Nutzanwendungen dazu.

Wenn zum Beispiel eine Frau etwas Allgemeines oder auf die Zukunft Bezügliches sagt, so gilt es doch nur für den Augenblick. „In Pärken küßt man nicht“, sagte Jorinde einmal ganz streng. Aber es war gar nicht so gemeint, es bedeutete nur: „Heute und hier habe ich zufällig keine Lust, mich von dir küssen zu lassen.“ Man muß die Ausdrucksweise der Frauen richtig verstehen. Frauen reden ja nur scheinbar dieselbe Sprache wie wir, dieselben Worte bedeuten bei ihnen oft ganz anderes als im Redegebrauch der Männer. Als wir damals auf der Reise den kleinen Konflikt mit der Kriminalpolizei hatten (schon ihr Name eine Taktlosigkeit), geriet Jorinde in begreifliche Aufregung und rief: „Nie mehr, nie mehr reise ich mit dir zusammen wie Mann und Frau.“ Es wäre ganz verfehlt von mir gewesen, daraufhin traurig zu werden, an der Fortdauer ihrer Liebe zu zweifeln und so fort. Was sie gesagt hatte, bedeutete ja, in meine Sprache übersetzt, nichts als: „Es ist mir augenblicklich etwas sehr Peinliches zugestoßen.“ Über die Gegenwart sagte es etwas aus, gar nichts für die Zukunft ... Ach, mein Gott, wie hübsch läßt sich das alles niederschreiben und dozieren. Nur vergesse ich dabei, daß mein Unglück wahrscheinlich doch nur darauf beruht, daß ich schließlich kein mehr als durchschnittlicher Schüler gewesen und Jorindes Kurs zu bald entlaufen bin.

Denn dieser Kurs war manchmal sehr schwer. – Ja, es scheint mir zuweilen, als hätte ich nur einige Äußerlichkeiten ihres göttlich stillschweigenden Unterrichts erfaßt, – die Hauptlehren aber seien mir unzugänglich geblieben. Unzugänglich, rätselhaft und so gefährlich, daß ich schließlich an Unkenntnis ihres geheimen Kerns untergehen mußte.

Dies habe ich übrigens von Anfang an dunkel geahnt.

Manchmal stellte mich nämlich Jorinde auf die Probe. Wortlos natürlich. Aber anderes als eine Probe kann das, was dann zwischen uns vorfiel, nicht gewesen sein. Anders kann ich es nicht auffassen. Nun aber ist es so, daß ich niemals solch eine Probe bestanden habe. Obwohl ich nachher zugeben mußte, daß sie eigentlich nicht so besonders schwer zu bestehen gewesen wäre, wenn – ja, wenn ich mich nur ein wenig mehr in der Hand gehabt hätte. Aber ich zitterte ja um Jorinde und habe das nie verbergen können. Nun, ich zitterte eben wie einer, der alles auf eine Karte gesetzt hat. So unbegreiflich ist das ja nicht. Sah nun etwa Jorinde, bei einem Ausflug, unbekannte Herren am Nachbartisch etwas länger als üblich an, so geriet ich schon in Eifersucht. Ihrer Ansicht nach aber war Liebe mit Vertrauen gleichbedeutend. Vertrauen sollte ich haben. War sie denn nicht mein, – so sagte sie später, wenn die Krise vorbei war, – mein für immer! Während des Ausflugs aber sagte sie so etwas Herzliches nicht, was meine Aufregung sofort besänftigt hätte, nein, es schien ihr Freude zu machen, meine Eifersucht zu reizen, mir immer neue Wahrscheinlichkeiten für sie zu geben, etwa daß sie den oder jenen Herrn schon von früher her kenne und dergleichen. Es war ganz absurd. Ich wußte auch schon, daß sie mich nachher auslachen würde. Aber in meinem Wahnsinn ging ich blindlings auf die dümmsten Andeutungen ein. Zuerst nur scherzend, gleichsam, um ein Gesprächsthema, eine Abwechslung zu haben. O wie rächte sich aber dann dieses kleine Amüsement, das zuerst nur als Neckerei gedacht war, dieses „Mit-dem-Feuer-Spielen“. Unvermittelt, ich wußte selbst nicht wie, geriet ich in heißesten Ernst. Die ganze Sache bekam eine Kulisse von Möglichkeit, die ich (der Teufel mag raten, aus welchem Magazin) in immer neuen Farben aufzuführen verstand. Manches lag daran, daß Jorinde eine Art hatte, mich ablenken zu wollen, die mich erst recht in Hitze brachte. So etwa, wenn sie sagte: „Ich weiß gar nicht, wie du mir so etwas zumuten kannst. Kennst du mich denn nicht? Weißt du denn nicht,“ dies flüsterte sie nur, „wie wenig sinnlich ich bin. Bei mir ist doch wirklich keine Gefahr ...“ Mit einem gewissen bescheidenen Stolz pflegte sie darauf zu bestehen, daß sie so etwas wie eine Heldin von abnormer Kälte sei. Sehr selten, nur in Momenten größter Vertraulichkeit sprach sie davon – und gewiß war es stets ein Zeichen ehrlichen Versöhnungsversuchs, wenn sie von selbst auf dieses ihr peinliche Thema zu reden kam. Sprach sie aber schon davon, dann immer in diesem Sinne. Und das Merkwürdige, Aufreizende: daß unsere Nächte sie Lügen straften. „Für mich brauchte das gar nicht zu existieren, das Materielle“ – (dies der Ausdruck, den sie erfunden hatte). Ich aber hatte es ganz unzweifelhaft anders erlebt. Daran durfte ich sie natürlich nicht erinnern. War sie doch ohnehin bei der geringsten Anspielung auf unkeusche Dinge beleidigt. Aber in gewissen Stunden, das war ja eben das ungeheuerste Glück, brach durch all ihre Schamhaftigkeit der Urtrieb durch, und sie konnte aufpeitschende Worte stammeln oder auch bloß Laute ausstoßen, deren bloßer Erinnerungsklang mir noch heute alles Blut zu Kopfe treibt. War der richtige Augenblick gekommen, so verwandelte sie sich in ein Hexenwesen. Heidnische Freude durchglühte ihre weiße Brust, wie Stahl hielt der schmale zarte Leib meinen wildesten Umarmungen stand, immer neuen Ansturm herausfordernd. Und ein paar Stunden später auf der Gasse: der kalte Blick einer Nonne, die aufrecht stolze Haltung einer Hofdame. Eine etwas zu tief ausgeschnittene Bluse einer Vorübergehenden konnte ihre Verachtung herausfordern. Ebenso Disziplinlosigkeit am Schalter der Bahn, – alles, was sich vordrängte oder nicht von sauberstem Geschmack war. Dabei log sie weder mit ihrem Nacht- noch mit ihrem Tagbenehmen. Auf natürlichste Art vollzog sich der Wechsel – mit geänderter Situation. Nie wäre ihr klarzumachen gewesen, daß sie sich widersprach. Sie fühlte das eben nicht als Widerspruch, und so war es auch keiner. Ist es ein Widerspruch, daß das Meer heute stürmt, morgen klarblau wie ein Flüßchen daliegt? Es ist das Geheimnis des Meeres, aber darum doch nur für uns ein Widerspruch.

Man hält im allgemeinen Frauen vom Typus Carmen für besonders gefährlich. Ungehemmte Elementarkraft, Wedekinds Lulu ... Unsittlich, zerstörend, verschwenderisch. Mich langweilt das grenzenlos ... Die Unterstrichenheit und Eindeutigkeit der sogenannten dämonischen Frau hat für mein Gefühl etwas von der Routine des Gewerbes, das (auch bei Gratisausübung) selbst die stolzeste dieser Gestalten verdunkelt. – Wie anders lockt, wie zauberhaft verführt jene rätselhafte Frau, deren asketisches Bewußtsein in tiefem Gegensatz zu ihrer naturheidnischen Sinnlichkeit steht, ohne daß ihre Tugend von ihrem Trieb, ihre Ausschweifung von ihren Prinzipien Notiz nähme. Die als Weib lebt und beglückt, – und seltsam mischt sich in ihre Kraft die strenge Zucht einer religiösen Tradition, einer ernsten Familie, einer angeborenen und anerzogenen Verschlossenheit. Da ist es dann wohl unmöglich, seine fünf Sinne beisammenzuhalten. Mich zumindest ließ das fremde ferne Lebensgesetz, das ich in Jorinde ahnte, nie mehr zur Ruhe kommen.

Und auch auf andere hat es ja nicht anders gewirkt. Jorinde brauchte nur von den Dilettantenaufführungen in München zu reden, an denen sie mitgewirkt hatte, und ich sah leibhaftig die von ihr angerichteten Verheerungen. – Wie viele beunruhigte Herzen hatte sie zurückgelassen! Welch einem Sturm die Stirn geboten! Fast unglaublich – und doch war es geschehen –, daß sie mir als erstem mit ihrem ganzen Leib zugefallen war. Von Küssen allerdings wußte sie manches zu erzählen. „Was liegt denn an einem Kuß!“ Oh, aber man konnte nicht sagen, daß sie je ihren strengen Grundsätzen untreu geworden war. Immer reserviert, entschlossen, nie alles zu sagen, im entscheidenden Augenblick dem Mann turmhoch überlegen: – ich konnte mir vorstellen, welche Verzweiflung sie damit entfesselt hatte. Sprach sie nur von solchen „letzten Szenen“ einer bis dahin zufriedenstellenden „anständigen“ Beziehung, so hatte sie unwillkürlich ein hochmütiges Gesicht, trotzig, die Nase gerümpft. Im Namen der Moral verachtete sie völlig aufrichtig alle Männer mit ihren „materiellen“ Wünschen. Daß sie bei Spaziergängen mit oder ohne Kuß, beim Tanz vorher, den sie leidenschaftlich liebte, diese Wünsche geweckt hatte, daß sie selbst ganz bedenkenlos einem solchen Wunsch sich hingegeben hätte, wenn nur der richtige Mann gekommen wäre (wie sie es dann auch wirklich getan hat, ohne Koketterie, ohne Ziererei), das hatte sie ganz einfach nicht im Kopf, wenn sie von Moral sprach. Und wenn sie wortlos ihrer Natur folgte, so waren die sauber geschlichteten Moralsätze in irgendeinem Fach versperrt, wurden nicht verletzt, weil sie gar nicht hervorgezogen wurden. An dieser Verbindung von Keuschheit und Foxtrott rannten sich denn auch alle die Köpfe wund. – Und ich, der ich dieses unmögliche Amalgam jeden Augenblick an ihr merkte, der jeden Augenblick aufs neue sie nicht verstand (wie sie etwa mit ihren Berliner Studien den Vater, schlicht gesprochen, hinterging – und dabei dennoch in ihren eigenen Augen, von Momentvisionen abgesehen, das strengerzogene gute Kind blieb), ich war diesem Rätsel verfallen mit Seele und Leib.

Zum erstenmal begriff ich, daß man einer Frau, die man liebt, niemals sicher ist, auch dann nicht, wenn man sie tags zuvor restlos besessen hat –, daß man nachher ebenso durstig von ihr geht, wie man gekommen ist, – daß überhaupt kein Grad von Vertraulichkeit denkbar ist, der einen ganz befriedigen könnte, solange man eben liebt; – und hat man ihr auch abends die Haarnadeln aus dem dichten, leise verwirrten Haar nehmen dürfen, und spürt man noch in den Fingerspitzen die Wärme ihrer Kopfhaut, die auch ihre Haare wärmt – vor dem Schlafengehen im Bett, wenn alles an ihr sich in Wärme und blonde Süßigkeit aufzulösen scheint – und bringt man ihr morgens den Kaffee ans Bett und sieht sie lachen und hört die Übermütige, die in diesem Augenblick nach gesundem Schlaf eine Art Tiergöttin ist und alle möglichen Tierstimmen nachahmt, bellt, grunzt, gackert und besonders kunstvoll kräht, – all das ist doch nichts, ist nur ein leichter Nebel, der ihre tiefinnere Fremdheit verhüllt, der bei kleinem Windstoß auseinanderweicht und den trostlos unendlichen Ozean dort zeigt, wo man festes Land zu sehen geglaubt.

Und nun kann ich sagen, worin meine eigentliche Schuld besteht.

Meine Schuld: daß gerade diese Fremdheit es war, was ich so sehr geliebt habe.

Diese Fremdheit, diese Unsicherheit, diese Spannung, in der das Herz kaum mehr zu schlagen vermag, – ich habe eigentlich von Anfang an gefühlt, daß es Sünde ist, die Seele an Zustände von solch tödlicher Reizkraft zu gewöhnen.

Dennoch sage ich nicht, daß es unrichtig war, so zu leben, wie ich es begonnen habe und nur leider nicht habe durchführen können. Ich bin vielmehr überzeugt, daß es die Bestimmung des Menschen ist, nicht etwa sündenlos zu leben, sondern _mit_ der Sünde (so wie viele unserer Organe ohne Bazillen gar nicht funktionieren könnten). – Mit der Sünde leben: das heißt, – so daß man die Sünde neben sich und auch wohl in sich hat, den mächtigen Wirbel und Bewegungsstrom benützt, der von ihr ausgeht, – ohne sie jedoch groß werden zu lassen. _Das ist die Kunst: ohne sie groß werden zu lassen._ Denn die Sünde hat, sobald man sich mit ihr einläßt, ebenso wie die Bazillen, die Tendenz, sich maßlos zu vermehren, ins Ungeheuerliche zu wachsen, und es ist dann sehr schwer, „Herr über sie“ zu sein, wie die Bibel es verlangt. Das Sprichwort weiß es auch. Der Teufel, so sagt es, dem man einen Finger gereicht hat, will gleich die ganze Hand. – Aber das darf kein Grund sein, ihm nicht einmal einen Finger zu reichen. _Reiche den Finger und verweigere die Hand_, – so, nun habe ich gar ein neues Sprichwort erfunden, wie mir scheint. Dazu also reicht meine Kraft: Sprichworte zu erfinden. Nun aber dem Teufel wirklich den Finger zu reichen und die Hand zu verweigern, – das leuchtet mir allerdings als höchste Lebensweisheit ein. Es auszuführen jedoch, dazu gehört wahrscheinlich doch nur ein ganz anderer Kerl als ich.

Haben nun aber auch meine Kräfte nicht ausgereicht, so ist es doch eine große Sache, der ich mich unterfangen habe. Und darauf bin ich einigermaßen stolz –, man möge mir in meinem Unglück diese Eitelkeit verzeihen! – Mit einer Göttin leben – als Mensch – es ist und bleibt ein Wagestück. Ein Frevel wohl, auf solche Art Feuer und Wasser mischen zu wollen, ein Frevel, den man mit der fast unerträglichen Ungewißheit im Herzen bezahlt. Wie wird es gelingen? Wie weit halte ich denn eigentlich? Ist es überhaupt auch nur möglich, daß es gelingt? – Aber sieht man noch etwas näher zu, so entdeckt man, daß man in ebenderselben Unsicherheit eigentlich allem in der Welt gegenübersteht, und daß die Aufgabe schließlich gerade darin liegen mag, uns in dieser Schwebe zu erhalten, in dieser Frage, die keine Antwort, in diesem Glauben, der keinen Beweis zuläßt. Da ein letztes Eindringen nach jeder Richtung hin unmöglich ist, besteht der ganze Unterschied nur darin, wie man den Satz ertragen will, den ich damals im Hause Grothius über dem Tische zu sehen glaubte, den Satz, „nicht von allem zu reden“. Die einen springen nervös auf, noch vor der Haltestelle, die anderen bleiben mit gesunden, ausgeruhten Sinnen auf ihrem Platz sitzen. – Mein Fall ist nur eine besondere Verschärfung des allgemeinen. Abfinden muß sich ein jeder mit dem Unverständlichen. Man kann das verdrießlich tun oder siegreich lachend, oder halb im Schlaf, oder auf die verschiedensten anderen Arten. Ich nun habe dieses Unverständliche außerdem noch geliebt, ich habe ihm abends die Haarnadeln aus dem schönen blonden Haar genommen, um sie sauber auf das Nachttischchen zu schichten, – das ist viel, dabei kann einen schon einmal der Blitz erschlagen.