Part 8
Ich fühlte, wie ich tiefer und tiefer mich entwürdigte. – Es gab verzweifelte Stimmungen, in denen ich mich nur noch daran klammerte, daß sie, zumindest für einige Zeit noch, meine Unterstützung brauchte. Das Geld, früher ein Grund zur Unruhe in der zarteren Auffassung unserer Liebe, wurde nun eine Art von Ruhepunkt: so sehr hatte ich meine Ansprüche, meine Auffassung von Ruhe und innerer Sicherheit hinuntergestimmt. Der absurde Gedanke, die Geliebte durch einen Detektiv beobachten zu lassen, kam mir nahe. Glücklicherweise ließ ich mich niemals dazu herbei, dieser Versuchung nachzugeben. Eine solche Veranstaltung hätte ja dem ganzen Sinn unserer Beziehung geradezu ins Gesicht geschlagen. – Hielt ich mich aber auch in dieser einen Hinsicht aufrecht, so fühlte ich doch, wie sich alles Edle meiner Seele in Zersetzung befand. In widerlicher Bescheidenheit überblickte ich manchmal die Trümmerreste meines Glückes und fand sie immer noch – beträchtlich genug. Das war schlimm. Das trieb mich zu einem Gefühl, das mir vordem ganz fremd gewesen war: Selbstverachtung.
Wie aber, wenn der Mechaniker reich wurde, – wozu er ja vermöge seiner Tüchtigkeit auf dem besten Wege schien? – Dann hätte sie mich ja nicht mehr gebraucht. – So gab es für jede Gemeinheit eine Gegengemeinheit, um deren allenfalls heilsame Wirkung auf mich aufzuheben.
Nein, ich sollte kein Behagen mehr haben. Entweder auf der allerobersten Stufe der Reinheit und des Glückes – oder gar nicht atmen können – jedes Mittelding, jedes Durchschlüpfen war ausgeschlossen.
Wie oft versuchte ich den Kern meiner Unruhe zu fassen. Etwa so: Jorinde log nicht. Richtig. Aber ihre Stimmungen wechselten. Immer wahrhaftig, war sie doch immer eine andere! Wie in ihren Briefen, deren Herzlichkeit wiederum knapp nach den Tagen in R. mich beglückt und – verwöhnt hatte, in der Folge aber dem bekannten kühleren Ton zu weichen begann. Unmöglich, diesen Prozeß, der nach jedesmaligem Zusammentreffen einsetzte, durch irgendein Kunstmittel aufzuhalten. – Manchmal glaubte ich klar zu sehen, daß ich sie ganz anders behandeln müßte, um sie mir dauernd zu sichern. Brutal, gleichgültig, selbst treulos! – Aber wäre mir auf diese Art nicht das beste meiner Liebe, die unendliche Zärtlichkeit und Verehrung, die ich für Jorinde empfand, verlorengegangen? Von allem abgesehen: meiner ganzen Natur nach war ich eben unfähig, anders zu lieben als auf diese gefahrvoll unverstellte, lautere, das ganze Herz ergreifende, auf meine Art.
Denn das ist doch das Schönste von allem: ganz aufgehen in Arbeit und Sorgfalt um die Geliebte, nicht bloß Leidenschaft für sie fühlen, sondern geradezu freundschaftliches Wohlwollen, – so daß man ihr guten Erfolg in allem wünscht, Ruhm, Zufriedenheit, Gesundheit, – so daß man fähig wird, jeden Schritt, den sie nach vorwärts macht, als Bereicherung des eigenen Seins, ja mit einer Dankbarkeit zu genießen, die über die Dankbarkeit für eigenes Glück weit hinausgeht. Erst diese wahrhaft menschliche Stufe der Liebe scheint mir wahre Liebe zu sein. Doch ist es nicht Menschlichkeit im gewöhnlichen Sinn, hat nichts mit Nächstenliebe, mit banaler, wenn auch guter Anteilnahme an unserem Nebenmenschen zu tun – es ist ja eine Göttin, an der man Anteil nimmt, nicht ein Mensch –, es ist ein frevelhaftes Emporsteigen in die heidnischen Berge Thessaliens, von denen man schnell wieder hinabgeschleudert werden kann, wie Tantalus in den Hades hinab, – o wie deutlich mischt sich das Feuer der Vermessenheit in die kühle Tugend, die Sünde der Fremdheit noch in die vertrauliche Hilfsbereitschaft. Wenn mich nun aber Jorinde beleidigte oder in ängstliche Spannung versetzte, mußte ich mich in Verteidigungszustand gegen sie setzen – und das war das Schreckliche: Da wo es mich drängte, mein Herz in süßestem Wohlwollen zu verströmen, wie Tantalus an seine göttlichen Freunde, und wo ich auch die Fähigkeit in mir fühlte, dies rückhaltlos zu tun, da mußte ich mich wehren, Böses ersinnen, vergiftenden Trotz.
Ein Glück, daß mir bei all dem immer noch klar blieb, daß die Schuld an diesem Verfall nicht auf Jorindes Seite, sondern ausschließlich, ausschließlich auf meiner Seite war. Jorinde war richtig, so wie sie war. Wäre nun auch ich richtig, wäre ich stärker, kälter, vertrauensvoller gewesen, so hätte ich den Anforderungen standgehalten, die das Leben mit einer Göttin, – oder vielleicht das Leben schlechthin stellt ...
Doch ich wurde ja zusehends schwächer. Die schlaflosen Nächte ließen einen einseitigen Schmerz in meinem ganzen Körper zurück. Auf der rechten Seite schmerzte der Kopf, das Rückgrat, die Hüfte, sogar der Schenkel. – Jorinde foltert mich! Geradezu körperlich tut sie mir weh! Es ist nicht nur die seelische Spannung, die ich nicht länger ertrage, – auch dieses Aufpeitschen fieberhafter Blutströmungen halte ich nicht mehr aus!
Als ein besonderes Mißgeschick erschien es mir, daß um diese Zeit die Photographie der unbekannten Dame, die mich immer so tröstend an Jorinde erinnert hatte, aus der Bahnhofshalle am Nollendorfplatz verschwand. Aller Trost wurde aus meinem Leben entfernt ...
Ich gab den Kampf nicht auf. Ich suchte Trost in der Religion, befaßte mich mit verschiedenen Philosophien, – doch was ich auch hörte und las, es bekräftigte mich in meiner Grundüberzeugung: Frieden ist nur im Schoß der Geliebten.
Dieser Frieden ist mir unwiederbringlich verlorengegangen, und so sterbe ich gern.
Auch die Bücher der Dichter durchstöberte ich auf der Suche nach einem beruhigenden Wort. Aber die modernen wissen nichts von der Liebe, – von verzehrender, unterjochender Liebe, wie ich sie meine, – und bei den älteren, die wohl das Wesentliche davon empfunden haben (so scheint es), stieß mich die fremdartige Umgebung ab. Nur ein einziges Mal empfing ich aus einem Kunstwerk unmittelbar das, wonach ich dürstete. An einem schönen Frühlingssonntag spielte man in einem Vormittagskonzert Beethovens letztes, schönstes Quartett, das Quartett des Abschieds. Ich kannte es längst und sehr genau, hatte es selbst wiederholt gespielt, – aber jetzt erst, in meiner ärgsten Zerrüttung, verstand ich es. Welch ein tiefer Schmerz der Anfangstakte, – dann sofort ein die Brust weitendes Hauptthema, frei herausgesungen, – gleichsam der Idealzustand der heiteren Ruhe, der für immer dahin ist. Wie Phantasmagorie tauchen leichte punktierte Figuren auf, man glaubt Anklänge an die Pastoralsymphonie gleicher Tonart zu erkennen. Oh, da war Glück, da war Verbundenheit in Gott, Frieden, Größe, Andacht. Traut aber irgendwer dem aufsteigenden Motiv, das jetzt (beim ersten Forte) Entschlossenheit, Energie vorspiegelt? Nein, nein, – bald setzen die schwermütigen Anfangstakte ein, durch harmloses Geplänkel hindurch dringen sie immer mehr an die Oberfläche, beherrschen die Durchführung, – und der arglose Schluß dieses Satzes hebt sich von drohend schwarzem Gewitterhimmel ab. Donner und Blitz, Feuerwerk aller Rhythmen, Orgie und Satire ist denn auch im Scherzosatz entfesselt. Der Violinbogen springt, die Bässe poltern monoton. Ein rasender Schrei nach Vergessen, nach Wollust, nach Betäubung und Schmerz. – Bis dann in der unbegreiflichen Eingebung des Lento der „Abschied“ wirklich da ist, in all seiner Melancholie süß und zart, Keim des Wahnsinns, der sich bis ans Sternengewölbe entfaltet. Klagt nicht das herrliche Cis-Moll-Zwischenspiel wie ein Requiem? Das Grab ist geöffnet, schwarze Fahnen wallen, von Kerzen düster erhellt, – hinab, hinab in grenzenlose Tiefe alles, was mir lieb war, alles, woran meine Gedanken sich anklammerten, woraus sie Kraft und Erquickung sogen! Das liebliche Bild der Geliebten erscheint nochmals, von Sopranfiguren umspielt. Rückhaltslos, ja rückhaltslos wird hier das Herz dem Wahnsinn geöffnet. Die trügerische Reinheit der Dur-Harmonien baut Phantasiefreuden auf, man spürt die sehnsuchtsvolle, nie mehr stillbare Leere einer Seele, die mit letzter Ausschweifung an ihren Erinnerungen hängt. – Dann aber, welch eine Erlösung, beginnt Beethoven zu sprechen: „Der schwer gefaßte Entschluß.“ „Muß es sein? – Es muß sein! Es muß sein!“ Furchtbare Frage zuerst, dringender und immer dringender gestellt. Dann setzt mutig und frisch die Antwort ein. Weg mit allen kranken Gefühlen, – leben, leben, da dies nun doch einmal unser Teil ist! Wie nun mit einemmal der Bann gebrochen ist, ein quellender Strom neuer Themen einsetzt, – zart ansteigend bis zu dem in sich gefaßten, schrittweisen, wundervoll männlichen Marschthema in A-Dur. „Es muß sein, es muß sein!“ bekräftigt immer wieder eine oder die andere Stimme dazu, treibt den rüstigen Wanderer vorwärts in eine neue Landschaft. Welch ein Aufbruch! Welch eine beneidenswerte Sicherheit wiedergefundenen Selbstbewußtseins! – Was ich aber am meisten bewundere, ist Beethovens Seelenerkenntnis: sich losreißen von der Geliebten – das erscheint anfangs ziemlich leicht und einfach. So folgt auf die pathetische, doch einfach harmonisierte Frage „Muß es sein?“ recht schnell die nicht einmal sehr aufgeregte Antwort des Allegro „Es muß sein“. Gewissermaßen so: „Adieu, leben Sie wohl, gnädiges Fräulein. Es war ja sehr nett, was wir miteinander erlebt haben. Aber so, wie sich die Sache jetzt gestaltet hat, geht sie ja offenbar nicht weiter. Das sehen Sie doch wohl selbst ein. Wir quälen einander nur gegenseitig. Also ist es das beste, wenn wir einander frischweg die Hände zum Abschied reichen. Nichts für ungut, vielleicht auch mal auf Wiedersehen. Adieu.“ – So etwa klingt mir der Anfang des Schlußsatzes. Aber nach der Reprise verdüstert sich das Bild sehr schnell. Das Marschthema bekommt schon einen leise sentimentalen Einschlag; sinkt dann in tiefere Lagen, sequenzartig, Moll, von tiefen Trillern untermalt, unheimlich. – Und nun die erschütterndste Episode: die Frage „Muß es sein?“ taucht nochmals auf, jetzt aber gewaltiger, im Glanz eines furchtbaren Tremolo aller Oberstimmen. Und die Antwort: „Es muß sein!“ klingt nun nicht mehr kurz und schnell, – ach, sie hat vielmehr das Tempo der Frage („Grave“) angenommen, nur leise, vorsichtig, ohne Impetus. Klage, nichts als tränenreiche, widerstandslose Klage ist die Antwort geworden. Sie muß sich auf den Baß der Frage stützen, sonst bräche sie in sich zusammen. – O Schauer, Schauer der Wahrheit! Beethoven, wie konntest du wissen, daß es so und nicht anders ist: zunächst so leicht der Entschluß, dieser Liebe ein Ende zu machen, und erst nach einiger Zeit in seinem ganzen gräßlichen Ernst, in seiner unwiderruflichen Schmerzhaftigkeit erkannt! Erst leicht, dann schwer ist der Abschiedsentschluß, – so lehrt wirkliches Erlebnis, indes schablonenhafte Stümperpsychologie das Umgekehrte voraussetzen würde. Solcherart sind die Einblicke, die das Werk des Genius von dem bloßer Talente scheiden. – Und nun zu Ende: nochmals Zusammenraffen aller guten Kräfte, um den Wahnsinnskeim zu überwinden. Sieg! Sieg! Ein Sieg in Zartheit, in stiller Einkehr. Sanft ertönt es jetzt, fragend und antwortend zugleich, in süßer, schon unirdischer Schwebe: „Es muß sein.“ Und dann _pizzicato_, leicht und fein trippelt der Meister aus der Welt davon, entfernt sich still aus dem Leben, ohne viel Aufhebens zu machen. Diese letzten Takte sind wohl das Zauberhafteste, was Beethoven geschrieben hat. Ein Lächeln erfüllt sie, ein sacht verspieltes, fast kindliches Lächeln, etwas spieldosenhaft Liebliches, – die Spieluhr einer anderen Welt erklingt. Ohne Leidenschaft und Leid – rein und leicht ist das Himmelreich. – Und das Herz sagt „Amen“ und sagt wohl noch: „Möge auch mir solch seliges Ende beschieden sein!“
Der letzte und _entscheidende_ Brief Jorindes lautete:
„Mein guter, lieber Mann! Ich teile Dir mit, daß ich ein Zimmer in Bobingen gemietet habe, wo ich nach Schluß der Saison (ganz bald) wohnen und Dich erwarten werde, bis Du mit Deinen Geschäftssachen fertig bist. Dann fahren wir zusammen nach Holland, hurra, wie ich mich freue, gelt? Ich nahm das Zimmer schon jetzt, um in diesen letzten Wochen der Saison gelegentlich einen oder zwei Tage dort verbringen zu können. Meine Nerven sind kaputt. Wenn es nur der Spielplan häufiger erlaubte hinauszufahren! Neulich traf ich den Mechaniker – zufällig, in der Stadt –, er fand, daß ich sehr elend aussähe und hat mir dann dieses Zimmer verschafft, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Das Haus gehört Verwandten von ihm. Ich erhalte da auch sehr billig Milch, fette Sahne, wie man sie in der Stadt nie zu sehen bekommt oder nur für neun bis zehn Mark das Liter, während es hier nur sieben Mark kostet. Du bist mir doch nicht böse, gelt, daß ich das gemacht habe (nämlich die Miete), ohne Dich vorher anzufragen. Es eilte, denn schon machen sich überall Sommergäste unangenehm bemerkbar. – Möchtest Du mich nicht einmal in meinem Sommersitz besuchen? Es ist sehr einfach hier. Auch die Gegend ist nicht berückend. Um so schöner wird dann die Reise nach Holland mit Dir, dann hast Du auch wenigstens eine Frau mit, die nicht ein bloßes Knochengerüst ist. Ich meine infolge dieser Kur, die ich jetzt mache. Also, nicht böse sein! Schreibe bald, viel und lieb. Und schone Dich doch ein wenig, ich bitte Dich darum. Rege Dich nicht auf. Es ist wirklich kein Anlaß vorhanden. Iß brav, sonst mag ich Dich nicht, wenn Du wieder so hohläugig ausschaust wie neulich. Das war doch gänzlich unnütz und überflüssig. Hoffentlich siehst Du das nun ein. – Es küßt Dich
Deine dankbare Jorinde.
PS. Man fährt mit der Eisenbahn nach Bobingen, nicht mit der Elektrischen.“
Ich war natürlich im Augenblick entschlossen, nach Augsburg zu reisen, und zwar unverzüglich.
Es hätte des verräterischen Gleichklanges (Bobingen, Göggingen) nicht bedurft: ich wußte, noch ehe ich einen Blick auf die Landkarte geworfen hatte, daß diese beiden Orte nicht weit voneinander entfernt waren. – Was bedeutete nur die merkwürdige Nachschrift in Jorindes Brief? Sollte sie den Verdacht ablenken? – Sie konnte allerdings auch bedeutend harmloser aufgefaßt werden: Jorinde lud mich ja ein, sie in ihrem „Sommersitz“ zu besuchen. Also gab sie mir naturgemäß auch die nähere Anweisung, wie ich hinzukommen hätte. O diese teuflische doppelte Auslegung, die überall möglich war! Bedeutsam aber war das Wort „Sommersitz“ (wie es überhaupt in diesem Briefe nichts Bedeutungsloses gab). Wies „Sommersitz“ nicht auf dauernden Aufenthalt hin, – also würde Jorinde nach der Hollandreise wieder dahin, zu ihm zurückkehren? Daß sie an dieser unserer gemeinsamen Reise festhielt, sich auf sie freute, gab mir seltsamerweise keinen Trost. Alles wurde überwogen durch den Eindruck, daß sie ihren Sommerplan in einem wesentlichen Punkte dem Rate jenes Dritten angepaßt hatte, daß er schon Autorität genug besaß, sie zu raschem Entschluß zu veranlassen, – wie nahe aber sind Liebe und Autoritätsglauben bei einer Frau – und nun wohnte sie, ihm bequem erreichbar, mitten in jener bayrischen Landschaft, der sie beide entsprossen waren, wohnte ständig da, nicht zu kurzen Spaziergängen nur, und noch dazu bei seinen Verwandten! Das war es, was mich am meisten aufregte: Die vage Vorstellung von Familienvertrautheit mit jenem anderen, von dörflich anspruchslosem Leben, mir unzugänglich, von einem gemeinsamen Spiel, das ich nicht durchschauen konnte, von einer Verbundenheit, die mich ausschloß. Sie waren ja alle zusammen eine Familie gegen mich! – Und das sollte ich dulden, sollte abwarten bis zur Erledigung meiner „Geschäftssachen“, – von denen Jorinde so obenhin sprach, obwohl ich ihr von der gefährlichen Wendung, die der Prozeß gegen meine Brüder genommen, mehrmals ausführlich geschrieben hatte. – Nein, nein, sie irrte, – ich würde mich durch diese „Geschäftssachen“ nicht abhalten lassen, sofort zur Stelle zu sein, – ich hatte kein Interesse mehr an ihnen! Wozu sich in einer vorgeschobenen Position behaupten wollen, wenn der Mittelpunkt nicht mehr zu halten ist? So beauftragte ich sofort nach Empfang des Schicksalsbriefes meinen Rechtsanwalt, einen Vergleich zu schließen, – meine Brüder sollten alles nehmen, was sie wollten, mir nur einen finanziellen Anteil lassen; die geistige Leitung der Fabrik beanspruchte ich nicht mehr. Ich konnte sie ja auch nicht mehr leisten. Mußte am Ende noch froh sein, wenn ich Kompagnons bekam, die mir die Arbeit abnahmen, zu der ich mich mehr und mehr unfähig fühlte. – Der Zusammenbruch war da. Ein Plan schwebte mir vor, – in Augsburg oder sonst in Jorindes Nähe eine Wohnung für mich zu nehmen. Ich hielt es nicht länger aus, fern von ihr zu leben. Das war das einzige Klare an diesem Plan, – unbestimmte Hoffnungen schwirrten allerdings rings um ihn. Mit ihr zusammen von vorn anfangen, – vielleicht, wenn sie meine Frau war – wiewohl ich einsah, daß dies im Wesen nicht viel ändern konnte. Nun, jedenfalls ging es auf die Art wie bisher keinen Tag mehr weiter! Wie hatte ich es nur so lange ertragen können – keine Stunde, in der nicht völliger Umsturz drohte – ein Umstand, so gleichgültig wie die Tatsache, daß das Liter Milch in Bobingen um zwei Mark billiger war als in der Stadt, genügte, um mein Lebensglück, dem ich gern all mein Hab und Gut geopfert hätte, über Nacht zu vernichten, – auch hier allerdings jene verfluchte Doppeldeutigkeit, wenn ich den Brief genau las: es hieß dort, daß gute Milch in der Stadt „nie“ zu sehen war „oder nur für neun Mark“. Was bedeutete, um aller Heiligen willen, was bedeuteten hier die Worte „ober“ und „nur“? Es war nicht zu durchdringen, ebensowenig wie dieses ganze dumpfe Geheimnis zwischen Jorinde und mir. Verzaubert war ich, verzaubert die Frau, wie in jenem schauerlichen Märchen meiner Kindertage. Unmöglich, einander festzuhalten. Das ging über Menschenkraft hinaus! Und doch hatte ich auf dieser Welt nichts, nichts anderes mehr zu schaffen, als Jorinde für immer und in tiefster Einigkeit bei mir festzuhalten. –
Das Vorwärtsrütteln der Eisenbahn war doch noch eine Art Beruhigung für die tobenden Nerven.
Ich hatte wieder telegraphiert. Aber Jorinde war diesmal weder im Kaffeehaus noch im Restaurant. – Die Gespenstererscheinung unserer vorigen Begegnung huschte durch den bläulichen Glaskorridor, saß schattenhaft am weißgedeckten Tisch im leeren Speisesaal. – Es war natürlich diesmal damit zu rechnen gewesen, daß Jorinde gerade am Tage meiner Reise in Bobingen draußen sein und mein Telegramm nicht erhalten würde. Ich hatte es vorhergesehen. – Dennoch: was hätte ich nicht darum gegeben, von ihr auch diesmal wieder mit solch einem sanften ehelichen Kuß empfangen zu werden, der eigentlich jede weitere Auseinandersetzung überflüssig macht oder wenigstens von Anfang an in gute Bahnen lenkt ...
Was nun? – Ich irrte die Maximilianstraße hinunter, bestellte Kaffee in der prunkvollen Halle des Fuggerhauses, das jetzt das „Hotel Drei Mohren“ ist. – Die Enttäuschung hatte unerwartete Gegenkräfte in mir ausgelöst. Ich wußte plötzlich, _wußte_ bestimmt, daß Jorinde mich liebte. Wenn solche Liebe vergehen kann, dann kann ja alles vergehen. Es war unmöglich ... Auch aus ihrem letzten Brief las ich nun einen zärtlichen Ton heraus, der mir im ersten Schreck ganz entgangen war. Die Anrede gleich „Mein guter, lieber Mann“. Unzähligemal wiederholte ich mir die vier Worte.
Sollte ich nach Bobingen hinausfahren, sie überraschen! – Der Gedanke, daß ich sie mit dem Mechaniker dort antreffen würde, war mir schrecklich. Die Situation mochte noch so unverfänglich sein; nur ihn sehen, diesen Eindringling, – das schon schien mir in seiner brutalen Tatsächlichkeit meine Kräfte zu übersteigen.
Doch vielleicht war sie gar nicht draußen? War in der Stadt – und nur ein Zufall hatte sie abgehalten, rechtzeitig zu mir zu kommen? – Eine neue Hoffnung. Ich erbebte vor Glück bei dem Einfall, daß ich sie vielleicht in ihrer Wohnung finden würde. Wiewohl es doch ersichtlich nichts Böses sein mußte, wenn sie in ihr Landheim hinausgefahren war: ich flehte Gott um die Gnade an, daß es nicht geschehen sein möge, – sonst ja, aber heute, gerade heute, möge es nicht geschehen sein!
Rasch ins Auto. – Als müßte sich alles so wiederholen, wie es damals, bei unserem letzten glücklichen Zusammentreffen gewesen war, ließ ich den Wagen an der Ecke der Frohsinnstraße halten. Oh, solche Wiederholungen haben etwas entsetzlich Leichenhaftes an sich und nützen gar nichts. – Ich ging die Gabelsbergerstraße hinein, – denselben Weg, den sie damals gegangen war, um den Koffer zu packen – an der Ecke noch hatte sie sich umgewandt und mir zugelächelt! Dann stand ich vor dem Haus, in dem sie seit geraumer Zeit wohnte. Ich sah es zum erstenmal; denn so nahe heran hatte ich sie nie begleiten dürfen. Hier also lebte sie. Wie seltsam! Dies der Erdenfleck, zu dem alle meine Briefe, all meine unendliche Sehnsucht und Bangigkeit hingeflogen waren. – Da mischte sich der wütende Gedanke ein, daß vielleicht, nein sicherlich, auch die Sehnsucht eines anderen denselben Weg, dasselbe Ziel hatte. – Wie unrein war doch alles, ach, ohne meine Schuld, – nichts in der Welt konnte sich rein erhalten!
Im dritten Stock öffnete ein graubärtiger, sehr großer und dürrer Mann die Tür, an der ich geläutet hatte. Nein, das Fräulein sei seit heute morgen nicht zu Hause gewesen. Sonst wisse er nichts, gar nichts ... Er höre auch schlecht, er bitte, lauter mit ihm zu reden ...
So blieb also doch nichts übrig, als nach Bobingen hinauszufahren.
Ohne viel zu überlegen, nahm ich den nächsten Zug. Möglicherweise verfehlte ich sie nun erst recht. Sie konnte in jedem der Züge sitzen, die jetzt gegen Abend von Bobingen in der Richtung Augsburg zurückfuhren. – Doch gab es keine Wahl mehr für mich. Das sinnlose Starren in die vorbeirasenden Gegenzüge gab ich bald auf. – So wie es kommen muß, kommt es jetzt, dachte ich. Ist sie nicht draußen, so fahre ich sofort wieder zurück. Ein tolles Ringelspiel. Nun, jedenfalls sehe ich sie heute noch vor Nacht, das ist die Hauptsache. Allerdings bringe ich sie draußen in Verlegenheit, in dem Nest. Schon ein Zusammentreffen in Augsburg fand sie unschicklich, hatte Angst um ihren Ruf. Und nun erscheint plötzlich ein Berliner Herr in dem Dorfe, besucht die Schauspielerin ... Dazu macht sich doch jeder seinen Text ... Jorinde wird sehr böse sein, ihre Einladung war vielleicht nicht ernst gemeint oder hatte gewisse Vorsichtsmaßregeln zur Voraussetzung ... Es wäre wohl das beste, mich diesmal gar nicht als ihr Bekannter einzuführen. Ich kann ihr ja ein Zeichen geben, daß ich gleichsam inkognito da bin, – ein Fremder.
Und warum bin ich gekommen? Nun, es wäre doch lächerlich, in Augsburg zu bleiben, wenn ich schon einmal die weite Fahrt gemacht habe, und sie nichts davon wissen zu lassen. Ich komme nur, um sie zu benachrichtigen. Draußen müssen wir gar nichts miteinander reden, sehen einander nur im Einverständnis an, – dann fahren wir in demselben Zug, aber scheinbar ohne Kenntnisnahme voneinander, nach Augsburg zurück. Von dort vielleicht sofort weiter nach R. Vielleicht genügt auch ein kurzes Gespräch in Augsburg. Ich will diesmal wirklich ganz bescheiden sein. In drei, vier Sätzen muß sich alles sagen lassen. – Wenn ich aber von Augsburg zurückreiste, wenn wir einander diesmal (es wäre das _erste_mal) verfehlten: dann würde doch auch Jorinde dies übelnehmen, sich über mich ärgern. Sie freut sich ja, wenn ich komme. Immer hat sie sich so ehrlich damit gefreut. Und nun hätte ich am Ende sie in Bobingen lassen und nach Berlin zurückkehren sollen, ohne sie zu sehen? Undenkbar! Jorinde wäre untröstlich, wenn sie das erführe ... Bleibt nur der eine Ausweg: mich möglichst unauffällig in ihre Nähe schleichen, mich bemerkbar machen – und sie dann gleich nach Augsburg oder sonstwohin mitnehmen.
So belog ich mich auf ganz raffinierte Art. Oder war es Wahrheit? – Jedenfalls hatte ich mich in eine ganz sonderbare Situation gebracht, in der ich nun _gezwungen_ war, eine Art _ungewollter Spionage_ zu treiben. Der Detektiv, den ich früher als tief unter der Würde unserer Liebe stehend abgelehnt hatte, dieser Detektiv war nun – ich selbst.
Bobingen. – Ich stieg aus. Vorsichtig verließ ich den Bahnhof.
Ich brauchte nicht weit zu gehen.
Die alleeumsäumte Straße, die zum Bahnhof führte, kamen zwei Menschen in langsamem Schritt einher. Ich erkannte von weitester Ferne Jorinde in weißem Kleid – und ihn, den Mann. – Zitternd trat ich hinter einen Baum, ließ die beiden näher kommen. Sie gingen nicht im Schlußarm, sondern ungefähr einen Schritt voneinander entfernt. Ich konnte nicht unterscheiden, ob sie miteinander sprachen oder nicht. Während sie an mir vorübergingen, schwiegen sie.
Gewohnt, mit dem ersten Blick Jorindes Aussehen zu prüfen, fand ich, daß sie leicht abgebrannt war, – die blonden schlanken Augenbrauen flammten im gebräunten Gesicht. Sie sah gut aus, – auch in der Gestalt etwas voller als sonst, – die sehnsuchterweckende Kindlichkeit ihrer Arme, ihrer Hüften, ihres Schrittes war geblieben; nur gesünder und weniger zerbrechlich strahlte all diese Anmut, die einstens mein gewesen war ... Warum hatte sie nur das mit dem „Knochengerüste“ geschrieben? Es peinigte mich, weil in diesem Augenblick alles darauf ankam, ob man Jorindes Worten unbedingtes, wörtliches Vertrauen schenken könne oder nicht.
Den Mann hatte ich noch gar nicht recht angesehen, da waren die beiden schon im Bahnhofsgebäude verschwunden.
Meilenweit weg wünschte ich mich. – Überall in der Welt war es schön, nur hier nicht.