Part 2
Dora hielt sich durchaus im Hintergrund. Auch bei diesem zweiten Zusammentreffen sprach sie nicht viel. Nur ein leises beifälliges Lachen fiel mir auf, sooft der Vater eine der vielen scherzhaften Dialektanwendungen oder Witze verwendete, die ich meist nicht verstand, wie ich denn überhaupt der fremden Mundart wegen dem Gespräch trotz seines sehr gemächlichen Tempos nur mit Anstrengung zu folgen vermochte. „Man kann doch eigentlich nicht einmal recht deutsch“, sagte ich mir ärgerlich. „Was kann man also eigentlich?“ – Übrigens machte Dorn, obwohl sie sich dem Anschein nach vollständig in diese Umgebung einfügte, doch nur einen etwas gedrückten Eindruck auf mich. Immer wurde nur von männlichen Vergnügungen geredet oder vom militärischen Rang der Söhne, der so viel Geldzuschüsse von daheim erforderte. Auf Dora nahm das Gespräch keine Rücksicht. Was mochte für sie hier übrigbleiben? Die Arbeit wohl, – die Vesorgung des ganzen Hauswesens, da die Mutter nicht mehr lebte. – Die kleine weiße Latzschürze stand ihr ausgezeichnet: dennoch dachte ich mehr als einmal daran, daß es doch eine seltsame Welt sei, in der schlanke, weiße, feingegliederte Frauen derartig ungeschlachten Männern gleichsam als Kriegsbeute anheimfallen und dies obendrein noch ganz in der Ordnung finden. Der Gedanke verfolgte mich, wiewohl er offenbar keinen rechten Sinn hatte.
Hauptsächlich um Dora eine Freude zu machen, bat ich die Familie, mich am nächsten Abend für ihre Gastfreundschaft revanchieren zu dürfen. Ich würde eine Loge ins Theater nehmen, dann könnten wir in der Reginabar speisen. Man nahm an. Bald darauf verabschiedete ich mich.
Nach anstrengenden Geschäftskonferenzen gelangte ich am nächsten Abend ins Theater. Die Logennummer hatte ich schon am Mittag der Familie Grothius durch einen Boten bekanntgegeben.
Zu meinem Erstaunen war nur Dora da. Sie stand im Couloir vor der Loge, wartete offenbar auf mich.
„Sie haben wohl unsere Absage nicht bekommen?“ empfing sie mich.
„Nein.“
„Wir haben ins Hotel geschickt.“
„Ich war seit Mittag nicht zu Hause.“
„Mein Vater ist nämlich erkrankt –“
„Ach, das tut mir leid.“
„– so heißt es in der Absage. Aber Sie brauchen nicht besorgt zu sein. Die Krankheit ist ganz ungefährlich.“
„Wirklich?“
„Und nehmen Sie mich nun trotzdem in Ihre Loge mit?“
Ihre Augen strahlten zauberhaft lustig. Es war ein ganz anderes Gesicht, und doch, so schien es mir, hatte ich auch gestern schon hinter ihren geschlossen ernsten Zügen diesen Übermut, diese Feuerblicke aus den Augenwinkeln hervor geahnt. Sie trug auch eine andere Frisur: kurzgeschnittenes Haar fiel blondbuschig von den Schläfen in die Wangen, das übrige war in einen großen Knoten geschlungen. Die modischen kurzen Locken waren gestern wohl unter glatten Flechten verborgen gelegen. Und wie sie sich bewegte, wie gelenkig und schnell im Vergleich zu ihrer gestrigen stillen Getragenheit. Ganz eilig trat sie mit mir in die Loge ein, setzte sich an die Brüstung. „Wie konnte Ihnen nur einfallen, uns Karten zu solch einem Stück anzubieten?“
Ich unterdrückte das beschämende Geständnis, daß ich noch jetzt nicht wisse, was denn eigentlich gespielt werde.
„Zu einem Revolutionsstück“, fuhr sie fort. „Von Sternheim. Bei der Premiere war doch ein richtiger Theaterskandal, wie bei allen modernen Stücken, die man jetzt in München spielt.“
„Das habe ich nicht gewußt. Sie müssen entschuldigen.“
„Nun aber wissen Sie, warum wir nicht kommen konnten.“
Ich sah ihr ins Gesicht. Es verriet keine Spur von Ironie. „Sie sind ja aber doch gekommen“, wollte ich eben sagen, – da ging der Vorhang auf. Ich merkte, daß sie sich sofort mit ganzem Interesse der Bühne zuwandte und machte daher keine weitere Bemerkung. – Doch konnte ich keinen Augenblick lang dem Stück folgen. Mit dem schönen Mädchen allein zu sein, verwirrte mich allzusehr.
Endlich Pause.
„Sie fühlen sich wohl sehr einsam in Ihrer Familie?“
Und nun das Unbegreifliche, die erste Offenbarung des Tatbestands, der so entscheidende Gewalt über mein Leben und Schicksal gewonnen hat: – Dora verstand zuerst gar nicht, was ich meinte. Ihre tiefe Überraschung bei meiner Frage war es, was mich geradezu elementar ergriff. Einsam in der Familie, – nein, der Gedanke war ihr offenbar noch nie aufgetaucht. Nun ja, sie war ins Theater gekommen, weil Theater ihre einzige große Leidenschaft war. Was denn weiter! Daß darin zumindest eine Eigenmächtigkeit, eine Art Protest gegen die strenge Zucht zu Hause, vielleicht sogar mehr: eine gewisse Treulosigkeit gegen den Vater lag, – das kam ihr überhaupt nicht zu Bewußtsein. Und meine Sache konnte es natürlich an diesem Abend nicht sein, sie auf solche Ideen zu bringen. – Aber daß sie selbst den Widerspruch nicht merkte, daß sie mir ganz vergnügt erzählte, zu Hause glaube man sie bei einer Freundin zu Besuch, nebenher aber wieder auf „Ausländer und Juden“ schimpfte, „die die besten Plätze besetzt hätten“ (und so waren alle ihre Beobachtungen von dem abhängig, was sie zu Hause gehört haben mochte), – das hatte etwas tief Beunruhigendes, Unverständliches für mich. Und das Merkwürdigste dabei: nicht daß sie selbst ganz ehrlicherweise die Widersprüche nicht merkte, in denen sie sich bewegte, – nein, daß auch ich, wenn ich näher hinsah, sie nicht mehr oder nicht mehr immer auffinden konnte. So sehr ergriff einen die Selbstverständlichkeit, die von Dora ausging. Es gab Momente, in denen auch für mich alles in eins zusammenfloß. So etwa dachte ich: gut, sie will zur Bühne (das gestand sie mir mit beinahe kindlicher Übereiltheit sofort ein), die ist ihre größte, ihre einzige Sehnsucht, und offenbar paßt ein solcher Wunsch sehr wenig in den traditionellen Stil der Familie Grothius. Aber Dora weiß das nicht. Oder kümmert sich nicht darum. Jedenfalls gelingt es ihr, sozusagen in einem Atem, von ihrem Bruder-Major wie von geheimen Dilettantenaufführungen zu schwärmen, an denen sie teilnahm. Wie das vereinbaren? – Dann aber, wenn ich nur für einen Augenblick diesen sichtenden Standpunkt aufgab und mich in Doras schöne Hand oder den feinen Nacken „verschaute“, dann verstand ich eigentlich wieder nicht, was da unvereinbar sein solle. Konnte es denn nicht strenge, zuchtvolle Schauspielkünstlerinnen geben? Ich kannte zwar das Leben hinter den Kulissen genau – leider –, aber warum nicht an die Möglichkeit von Ausnahmen glauben! – So riß mich von Anfang an die Annäherung an Doras Gefühlswelt hin und her. Ihre Erscheinung war unklar, schwankte –, aber da ich sie selbst mit solcher Einfachheit und Leichtigkeit leben und fortschreiten sah, in einer überirdischen Leichtigkeit der Existenz, die mir das Bewundernswürdigste an ihr schien, fiel alles Unsichere, das ich ihr gegenüber empfand, auf mich selbst zurück. Ich war befangen, mußte ihre Art als etwas, was über mein Begriffsvermögen hinausging, verehren; zumindest anerkennen, daß es jenseits meines Verständnisses durch kräftige Lebensäußerung hinreichend und in aller Selbstverständlichkeit gestützt sei. Das ist es, weshalb ich den Lebensabschnitt, der an jenem Theaterabend begann, in meiner Seele so oft „Leben mit einer Göttin“ genannt habe. Unverständlich und großartig ist mir Dora immer geblieben, mochte ich ihr noch so nahe gekommen sein. So wurde sie mir zur Göttin, – freilich nicht nur aus diesem einen Grund.
Bei lebhaftem Gespräch in den Zwischenakten gelangten wir noch so weit, daß ich ihr meine Hilfe zur Erreichung ihres Ziels anbieten konnte. – Dann fuhren wir in die Reginabar. Das Souper war ja schon bestellt. Kein Grund lag vor, es verfallen zu lassen. Im Dunkel des Wagens küßte ich sie zum erstenmal, und sie erwiderte die Küsse mit einer Leichtigkeit, für die ich ihr dankbar war. Eine glückliche Zeit sah ich vor mir aufblühen. Enttäuscht von all den Liebschaften, die ich dem Brauch meiner Kreise entsprechend mit allerlei Berliner Film- und Operettendamen gehabt hatte, sehnte ich mich seit je nach einer starken, von den Gewürzen der üblichen Koketterie verschonten Liebe. Dora war rein von Berechnungen und Unechtheiten, das fühlte ich sofort. Wie herrlich schien es mir, daß sie sozusagen keine Geschichten machte, daß sie in aller Einfachheit ihrer Jugend und ganz unbedenklich zu erkennen gab, daß ich ihr gefiel ... Die Folgerung aber, die ich daraus zog: daß keine Schwierigkeiten in diesem Verhältnis zu überwinden sein würden, erwies sich bald als der verrückteste Einfall, den ich je gehabt habe. Ohne Schwierigkeiten das Leben mit einer Göttin – welch eine geradezu gotteslästerliche Idee! Schon an jenem Abend zeigte sich das.
Noch ganz berauscht von den Küssen und Anpressungen der Wagenfahrt saß ich ihr im Restaurant gegenüber –, im hellerleuchteten Lokal aber war ihre Miene sofort wieder wohlerzogen und fromm geworden. Ich schrieb etwas auf meine Papierserviette, da ich von der in meinem Herzen erwachten Liebe über den Tisch hinweg nicht reden konnte. Sie erwiderte durch eine Bemerkung auf derselben Serviette. Eine Übertrumpfung meiner heißen Liebesworte hatte ich erwartet. Was las ich aber – in steiler, großer Mädchenschrift: „Achtung und Freundschaft.“ Mit Ernst, ohne zu lächeln, reichte sie mir diese Antwort, die mich verblüffte.
Ihre Kühle, die durchaus nicht gespielt schien, reizte mich auf. Das prinzessinnenhafte Benehmen beim Essen, beim zierlichen Erfassen des Trinkglases, der vornehme Anstand, die gleichmäßige, beherrschte Freundlichkeit ihrer Worte, – war es nicht ein geradezu unglaubwürdiger Kontrast zu dem, was eben zwischen uns vorgefallen war? Wieder solch ein Widerspruch. Und wieder einer, der bei näherem Hinsehen dahinzuschmelzen schien. Sehr einfach: benimmt man sich denn nicht im dunkeln Wagen natürlicherweise anders als in einem eleganten Restaurant? Gerade das war ja das Besondere an Dora: daß der rasche Wechsel ihrer Stimmungen nie einen launenhaft willkürlichen Eindruck machte, sondern wie eine Naturnotwendigkeit wirkte, vor der man sich ganz klein erschien. Wenigstens gedanklich wollte ich aber den innigen Zusammenhang zwischen uns festhalten, der doch nach der eben erlebten leidenschaftlichen Szene nicht sofort verflogen sein konnte. An solche Unbegreiflichkeiten habe ich mich ja späterhin gewöhnen müssen. Damals aber war mir der plötzliche Umschwung noch zu neu; so spornte ich meinen armen Kopf, um das herauszufinden, womit ich sie fester an mich binden könnte. Ich sprach von ihrer Zukunft. In dieser einen Richtung wenigstens hatte ich mich nicht getäuscht: für sie und ihre Hoffnungen gab es in der Familie wirklich kein Geld, da alles nur den Erfolgen der Söhne dienstbar gemacht wurde. So konnte ich mit dem Vorschlag herausrücken, ihr die Mittel für ihre Bühnenausbildung zur Verfügung zu stellen, leihweise natürlich, bis zum ersten großen Engagement. An ihrem Talent zweifelte sie nicht, sie hatte schon mehr als einmal berühmten Lehrern mit Erfolg vorgesprochen. Doch in München konnte sie nicht studieren. Der Vater war durchaus dagegen, hielt sie als Assistentin im wissenschaftlichen Hilfsdienst fest, der ihr nur Langeweile und Qual bereitete. – Ein Einfall! Sie könne nach Berlin kommen – unter dem Vorwande, eine Stelle im Laboratorium meiner Fabrik anzunehmen. „Das wird Ihr Vater erlauben. Denn die Fabrik zahlt besser als die Universität. Und wenn Sie erst einmal in Berlin sind, können Sie tun, wozu Sie Lust haben.“ – Sie hatte gegen meinen Vorschlag, der mich selbst mit Seligkeit erfüllte, nichts einzuwenden. Doch entzückt war sie nicht. Das setzte mich aufs neue in Erstaunen. Wenn man einem Menschen die Erfüllung seines Traumes anbietet, den er eigentlich nur noch ungläubig im Herzen getragen hat, dann sollte doch eigentlich große Begeisterung zum Vorschein kommen. Dora aber sprach plötzlich von anderen Dingen. Ob ich die Glocken auf der Bühne gehört hätte, ob sie nicht auch mir wie Totenglocken geklungen hätten ... „Sie sind wahrhaftig Jorinde“, sagte ich und erzählte ihr von dem Mädchen, das plötzlich (das Märchen sagt noch gar nicht, worum) zu weinen und zu klagen beginnt. „Ja, das tue ich sehr oft“, erwiderte Dora und sah mir traurig, tief in die Augen. Da wurde mir wirklich ganz so bang wie beim Lesen des Märchens, wenn der Abend beschrieben wird, der hell ins dunkle Grün des Waldes hereinscheint, während die Turteltaube auf den alten Maibuchen gar kläglich singt, die beiden Liebenden aber sich im Sonnenschein hinsetzen (halb steht die Sonne noch über dem Berge, und halb ist sie unten) und in ihrer Bestürzung ihnen zumute ist, als ob sie sterben sollten. Da merken sie denn auch, daß sie sich schon zu nahe an das Schloß herangewagt haben, und todbang können sie sich nicht rühren, warten verzaubert auf das, was nun mit ihnen geschehen soll. – „Jorinde“, sagte ich und nahm ihre Hand. Sie hatte Tränen im Auge. „Sie sind so gut zu mir“, flüsterte sie, „und kennen mich doch noch kaum.“ Und nun ergaben wir uns beide einer süßen, schamhaften Niedergeschlagenheit, die uns näher zusammenbrachte als alle die heißen Küsse vorher; so hat es ja auch später manchmal, gerade wenn wir sehr traurig waren, solche kurze, innige Minuten gegeben, in denen das Fremde und Unverständliche zwischen uns in nichts zusammenfiel und Jorinde mir ganz menschlich, ganz so wie ich selbst erschien. „Eines versprich mir“, sagte sie dann, als ich sie durch dunkle Gassen heimbegleitete. „Wenn ich sterbe, mußt du mir ein weißes Kleid machen lassen, ganz aus schwerem, weißem Taft, – so viereckig ausgeschnitten wie das Kleid, das ich heute trage, – und eine Reihe weißer Rosen unter der Brust.“ Ich mußte es ihr versprechen, mußte die genaue Beschreibung wiederholen, auf die sie großen Wert zu legen schien. Die Sache mit dem Theater hatte sie ganz vergessen. Immer seltsamere Dinge waren es, von denen sie sprach. Ob ich nicht die Hände sähe, die nach ihr griffen, – aus den Häusern, aus den Haustoren hervor. Plötzlich begann sie zu laufen, als seien Verfolger hinter uns her. Ich durfte nichts reden. Sie hielt mir den Mund zu, jedem Wort von mir verwehrte sie durch energisches Schütteln ihres Kopfes schweigend den Weg. Sie lief sehr schnell und dabei so leicht, daß es aussah, als schwebten ihre Fußspitzen über dem nachtdunklen Pflaster. Ihr Gesicht war von furchtbarer Angst verzerrt. Mir wurde unheimlich ums Herz, denn alles, was ich ihr zum Trost begann, vermehrte nur ihr Entsetzen. So mußte ich schließlich stumm neben ihr herlaufen, um sie nur nicht ganz zu verlassen. Während sie mit ihrem Schlüssel hastig das Haustor aufsperrte, küßte ich ihre Hand. Sie sah mich nicht mehr an. „Jorinde, Jorinde“, rief ich, während sie wie geistesabwesend mit ihrer heißen Hand über meine Stirn strich und sich dann eilig an mir vorbei ins geöffnete Tor drängte.
Der Frühling, der diesem Herbst folgte, war dann die glücklichste Zeit meines Lebens.
Nicht unheimlich wirkte Jorinde auf mich. Nein, das war durchaus nicht der Grundzug ihres Wesens. Es ist nur ein Zufall, vielmehr eine Ungeschicklichkeit von mir, daß ich gerade diese eine unheimliche Szene so ausführlich geschildert habe. – Solche Szenen wiederholten sich zwar auch später noch zuweilen. Mehr als einmal schrie Jorinde aus dem Schlaf auf, ich mußte sie dann wecken, mußte anhören, daß ihr die heilige Mutter Gottes erschienen sei, zu der sie als strenge Katholikin oft betete, und daß Strafe und Unglück aus dem verehrten Mund der Immergnädigen auf sie niedergeregnet wären. – Einmal gar, auf einer unserer kleinen Reisen, als die gänzlich überflüssige bayrische Kriminalpolizei zum Morgenbesuch in unserem Zimmer erschien und das arme Mädchen durch die Frage: „Sind Sie die Frau?“ erschreckte, – sah sie nachher bei hellem Tageslicht ihre eigene Mutter hinter dem Fenstervorhang stehen und wie aus dem Grabe hervor drohend den vom Totenhemd umwehten Arm erheben.
Doch solche Märchen- und Legenden-Schrecknisse wirkten nie lange nach, versanken zum Glück ebenso unvermittelt, wie sie gekommen waren, und überließen uns schnell unserem holderen Schicksal, einer Liebesseligkeit, wie ich sie eigentlich nie für möglich gehalten habe.
In Berlin wurde Jorinde bald ganz mein. Eine Zeitlang widerstrebte sie natürlich, doch es war kein bösartiges Sichsträuben, es gehörte nur gleichsam mit zum Laufe der Dinge und ging vorbei wie ein leichter Frühlingsregen. Nach kurzem Kampf war sie dann ebenso hingebungsvoll glücklich wie ich. Ja, ein kindlicher Frohsinn, der sie in jenen Tagen ihrer Weibwerdung ergriff, hob sie über mich hinaus. Und wie er sie verschönte! Die bläulichen Schatten um die Augen, die Schalkhaftigkeit der Mundwinkel und hübsche Röte auf den sonst so blassen Wangen, – es war eine berückende Mischung von Wehmut und gesunder Lebensfreude.
Und mit welcher Kraft ergriff sie gleichzeitig das neue, tätige Leben. Eifrig nahm sie dramatischen und Sprechunterricht, studierte bei Held, und es gehörte gewissermaßen mit zu dem Glück, mit dem mir damals alles gelang, daß sie wirklich ein außerordentliches Talent bewies und schnelle Fortschritte machte. Alle Lehrer bewunderten die Reife ihrer Auffassung, die trotz ihrer kaum zwanzig Jahre von tiefster Instinktsicherheit zeugte und nur der technischen Schule, niemals irgendwelcher prinzipieller Anweisungen bedurfte.
So kam der Plan, den ich in der Münchener Reginabar nur in die Luft skizziert hatte, ohne an ihn zu glauben, mit voller Ausführlichkeit zu wirklichem Leben. Alles traf ein, was ich mir in jener hellsichtigen Stunde vorgenommen hatte, – wie es überhaupt im Wesen unserer Beziehung zu liegen schien, daß alles Äußere, alles Umrißhafte immer tadellos „klappte“, – so zum Beispiel haben wir (um eine Kleinigkeit zu nennen), bei Verabredungen einander fast nie verfehlt, selbst bei komplizierten Reiseverabredungen nicht, zu denen wir von verschiedenen Städten aus zu bestimmter Stunde an einem bestimmten Bahnhof erscheinen mußten. Das alles ging immer exakt und so leicht, – ich selbst hatte zwar manchmal einige Angst, daß Jorinde nicht kommen würde, denn sie war keine Freundin von unterstrichenen Zusagen, warf nur wie von ungefähr ein „Ja“ hin und mochte dann über dieselbe Sache nicht zweimal reden, – aber später legte ich diese Art von Bangigkeit ab, da ich merkte, daß derartige Dinge äußerer Natur sozusagen ausnahmslos gut abliefen, daß seltsamerweise sogar dann, wenn ein Mißverständnis vorkam, die drohende Störung durch ein anderes, in entgegengesetzter Richtung wirkendes Mißverständnis gutgemacht zu werden pflegte. Übrigens diente diese Leichtigkeit des äußeren Rahmens, diese Leichtigkeit, die mir wie eine zarte Ausstrahlung von Jorindes Wesen erschien, gleichsam nur dazu, um das im Kern Unentwirrbare und Problematische unserer Liebe um so deutlicher hervortreten zu lassen. – Und dennoch: auch heute kann ich es nicht als Fehler ansehen, daß ich damals mein ganzes Herz diesem zauberhaften Geschöpf zugewendet, daß ich förmlich alles auf die eine Karte gesetzt habe. Das Glück, das sich mir anbot, war zu groß, als daß ich es nicht mit ganzer Kraft der Seele hätte ergreifen müssen. Käme ich heute noch einmal in dieselbe Lage: ich würde keinen Augenblick zögern, mich genau ebenso zu entscheiden, würde noch einmal alle Tiefen und Höhen des Gefühls in eine, eine einzige Richtung werfen, dem leuchtenden Stern entgegen, dessen blauer Blick mit so schmeichlerischem Segen und Wohlgefühl und Gelingen mich angelockt hat.
Ja, in dieser guten ersten Zeit gelang alles, und es ging ganz merklich aufwärts mit mir. Kräfte wuchsen mir zu, und es setzte mich nicht in Erstaunen, daß auch in meinem Beruf Erfolg auf Erfolg eintraf. Bald konnte ich die Fabrik nicht unbeträchtlich vergrößern, überseeische Verbindungen neu anknüpfen. Auch meine wissenschaftlichen Forschungen nahm ich wieder auf.
Diese Forschungen, – nun, sie haben schließlich doch zu keinem Ergebnis geführt, und so wäre es lächerlich, mich hier über sie auszulassen. Nur so viel sei gesagt, daß mir eine bessere Ausnützung der in den Lebensmitteln enthaltenen Energien vorschwebte. Verbilligung des Genusses, allgemein ausgiebigere Volksernährung und Volksgesundung wären die Folgen gewesen. – Es ist nichts, gar nichts daraus geworden. Die wahnsinnige Inanspruchnahme durch kommerzielle Sorgen für meine Fabrik hat mir niemals recht Zeit dazu gelassen, meinen Ideen und Anfangsversuchen nachzugehen. Trotzdem glaube ich (soweit man in solchen Dingen über sich selbst Klarheit haben kann), daß ich für die Fabrik nur gearbeitet habe, um Geldmittel zur Wiederholung meiner Experimente im allergrößten Umfang zu erlangen. Daneben war ich ja freilich fanatischer Geschäftsmann, von meinem Vater zu nichts anderem als kaufmännischen Interessen erzogen. Und jahrelang hatte ich mich mit einer Art von Verbohrtheit (von einer gewissen Vorliebe für Musik und besonders häusliche Kammermusikaufführungen abgesehen) ausschließlich nur im Kreis des von ihm gegründeten Familienunternehmens bewegt. Ich wäre geradezu menschenscheu geworden, wenn nicht ein gewisser Verkehr mit Geschäftsfreunden notwendig gewesen und durch diesen Verkehr der Weg in die Garderobe galanter Theaterschönheiten nahegebracht worden wäre. Meine Liebesabenteuer aber, die ich regelmäßig viel zu ernst nahm, hatte ich damals nur als Störung in dem forschen, nervenerregenden Großbetrieb der Fabrik empfunden, diese wieder als Störung meiner wissenschaftlichen Bestrebungen – und zuzeiten auch wieder umgekehrt. Erst durch Jorinde war in das ganze Chaos mit einemmal Ordnung eingezogen. Sie, sie war der Mittelpunkt, – ihr, die ich schon im Glanz des ihr sicheren Künstlerruhms sah, wollte ich mich durch große Entdeckertat an die Seite stellen, – die Fabrik sollte als sichere finanzielle Grundlage für meine wie auch ihre Bestrebungen ausgebaut werden. Nun stand plötzlich alles in dem richtigen Unter- und Überordnungsverhältnis ein für allemal fest, die Liebe als Beherrscherin inmitten meines ganzen Seins. Von diesem Zeitpunkt glaubte ich eigentlich erst mein wahres Leben zu beginnen, – vorher hatte es nur ein mechanisches Herumtappen gegeben. Erst die Liebe zu Jorinde machte mich gleichsam darauf aufmerksam, daß das Leben etwas ist, was einen tiefen Wert haben kann. Ich lebte nur um dieser Liebe willen. Um der Liebe willen wurde mir natürlich auch noch vieles andere wichtig. Aber nur um der Liebe willen. Liebe ist der Atlas, der den Menschen und alle seine Lebensäußerungen tragen muß, sollen sie nicht zur Lüge werden und sich gegen ihn und sein Aufblühen kehren. – Ich brauche nur die sinnlose, zerfahrene Art, in der ich vor Jorindes Erscheinen arbeitete, mit meinen methodischen, freudigen, innerlich als notwendig empfundenen, ehrlichen und deshalb wohl auch erfolgreichen Unternehmungen nachher zu vergleichen, – um die Wahrheit dieses Satzes (für mich wenigstens) einzusehen. Diese ganze Wandlung und das Glück, das damals alle meine Vorsätze und Wünsche begünstigte, schien mir übrigens durchaus nicht so besonders verwunderlich. Es muß doch irgendwie auch im Erfolg zum Ausdruck kommen, wenn man mit einer Göttin lebt.