Part 2
In der Nacht hatten wir noch ein kleines Nachspiel. Um Mitternacht wurden wir durch angstvolles Geschrei unserer Träger geweckt. Es ist keine Kleinigkeit, wenn fünfundachtzig Menschen in Todesangst losheulen; wir fuhren erschreckt aus den Betten hoch. Unser Zelt wurde halb eingerissen, Lasten, unser Tisch mit Eßgeräten und der Lampe polterten zu Boden, und dazwischen brüllten Löwen. Ich hörte lautes Atmen im Zelt und glaubte für einen Augenblick, der Löwe stünde zwischen unseren Betten. Mit der Hand nach dem Gewehr tastend, erwischte ich die nackte Kehrseite eines Menschen, und ein angstvolles »Ich, Herr« belehrte mich über meinen Irrtum. Einige Träger waren splitternackt unterm Zelte durchkriechend eingedrungen. Als ich mit einigen energischen Worten die Ruhe hergestellt hatte, klärte sich die Lage dahin auf, daß wohl ein Träger wach geworden war und einen Löwen gesehen hatte. Als er seinen Kameraden weckte, verstand dieser die Sache falsch und glaubte, der Löwe habe ihn schon. In seiner Angst fing er an zu brüllen. Alle anderen fuhren aus dem Schlafe hoch und brüllten mit, um dann nach den Zelten zu stürzen und beim Europäer Schutz zu suchen. Die Leute waren vom Stamme der Wanjamwesi, deren hervortretende Eigenschaft nicht der Mut ist. Ich lagerte sie im hellen Mondschein um große Feuer und verbot ihnen, falls der Löwe wirklich käme, durcheinander zu laufen und zu schreien. Einmal sah ich einen Löwen durchs Gebüsch schleichen; da sie aber zu mehreren waren und ich immer nur Teile des Körpers sah, schoß ich nicht. Mein Reittiersoldat meldete mir immer: Jetzt kommen zwei Löwen den Weg aufs Lager zu, jetzt schwimmt einer durch den Ruaha usf. Immer kam ich zu spät, um schießen zu können, geschlafen haben wir aber bis zum Morgen nicht mehr. Ununterbrochen brüllten Löwen in nächster Nähe, so daß ich mindestens sechs bis acht Löwen vermutete. Der Nervendruck, der sich unser bemächtigte, löste sich erst bei Anbruch des Tages, wo auch die Löwen verstummten.
Auf dem Weg vom Lager ins Dorf fand ich reichlich Löwenfährten, und als unsere Karawane etwas im Marsch war, kamen wir an ein paar einsamen Hütten vorüber, an deren einer ein mächtiges, noch blutendes Kudugehörn lehnte. Die Bewohner der Hütte erzählten, sechs Löwen hätten in Sicht der Hütte heute nacht das Kudu verzehrt.
Im Dezember 1910 reiste ich wieder einmal am Rikwasee entlang. Ich befand mich auf dem Heimwege nach Langenburg und hatte vier geangelte Marabus (+Leptoptilus crumeniferus Less.+, siehe Abb. 3), junge Wildkatzen (+Felis ocreata Gm.+), eine Python-Riesenschlange und noch verschiedene andere Tiere zur Bereicherung meines Tierparkes bei mir. Die Tierkarawane bildete die Spitze, da die Käfige mit Inhalt leichter waren als die übrigen Lasten.
[Illustration: Abb. 3. Marabu.]
Meine Träger mußten etwa eine Stunde zurück sein, und wir beschlossen, auf die Karawane zu warten. Der Weg war scheußlich. Infolge der Regenzeit war der See ausgetreten, und das Wasser lief bei jedem Schritt von oben in die Stiefel. Ab und zu trat man auch bis an die Hüften ein, wenn ein unsichtbarer Graben den Weg kreuzte. Auf einer vom Wasser nicht bespülten Stelle machten wir Halt. Nachdem ich die Marabus gefüttert und jungen Servals (+Felis serval Schreb.+, s. Abb. 4) Milch gegeben hatte, frühstückte ich. In der Ferne standen drei Leier-Antilopen (+Damaliscus jimela Mtsch.+, +Bubalus jacksoni Thos.+) [Jacksons Hartebeest]. Meine Leute meinten, die Karawane hätte nur noch wenig Fleisch, ich möchte doch eins schießen. Da ich gar keine Lust hatte, durchs Wasser und den Schlamm mich an die Leier-Antilopen in offener Steppe anzupirschen, fragte ich meinen Fährtensucher Fardjallah, ob er nicht Lust hätte. Einen Jagdschein hatte er, und das Pulver versprach ich ihm zu ersetzen. Es dauerte dann eine Viertelstunde, bis ich den Dampf aus seinem Vorderlader und zugleich die Antilopen unverletzt flüchten sah.
[Illustration: Abb. 4. Serval.]
Um ein Bedürfnis zu verrichten, ging ich dann etwa hundert Schritt abseits von meinen Leuten, da dort einige Grasbüschel zur Deckung standen. Mit einem Schlage verstummte das lebhafte Schwatzen meiner Leute. Als ich aufsehe, kommen zwei Löwen im Trabe direkt auf mich zu. In Eile befestigte ich meine Kleider, und mein Boy Amri springt mir mit dem Gewehr entgegen. Zwanzig Meter von mir entfernt stutzen die Löwen. Es sind ein alter Mähnenlöwe und eine Löwin, beide im allerbesten Futterzustande. Die Mähne des Löwen war fast schwarz, und ebenso befanden sich an den Gelenken der Vorderpranken dichte, lange, tiefdunkle Haarbüschel. Die Löwen hatten wohl den auf mich zueilenden Boy gesehen und schlugen nun einen Haken, um in gewaltigen Fluchten davonzusetzen. Als ich das Gewehr bekam, waren sie schon im hohen Grase. Ich sah nur noch bei jedem Sprung den Rücken und dann Wassergarben über das Gras spritzen, wenn sie den Boden wieder erreichten. Erst nach etwa vierhundert Metern durchquerten sie ein Gelände mit niedrigem Gras und verhofften einen Augenblick. Es war mir zu weit zum Schuß. In Trab fallend, erreichten die Löwen den Wald und entzogen sich meinen Blicken. Merkwürdig war noch, daß die Löwen an einer Zebraherde vorbeikamen und diese gar keine Notiz von ihnen nahm, als sie zwischen ihnen hindurchgingen. Die Zebras scheinen besondere Anzeichen dafür zu haben, ob ein Löwe auf dem Raubzug ist oder sattgefressen seines Weges zieht. Als nach einer halben Stunde Fardjallah zurückkam, hatte er von den Löwen nichts gesehen. Meine Leute behaupteten, nach Fardjallahs Schuß seien die Löwen aus einem Grasgebüsch, das Fardjallah schon durchschritten hatte, aufgesprungen. Sie hätten wahrscheinlich dort geschlafen und seien durch den Schuß geweckt worden.
Sehr viele Löwen sah und hörte ich auch im Kissakidistrikt, wo ich mich von 1912 bis 1914 aufhielt. Hier gab es jedoch kein Vieh, dem die Löwen gefährlich werden konnten, und Menschenfresser hatten sich nicht gezeigt. Es ist eine ganz besondere Art von Löwen, die wir in Afrika als »Menschenfresser« bezeichnen. Vorwiegend sind es alte Löwen, die kein Wild mehr erjagen können und dann bei irgend einer Gelegenheit an den Menschen geraten sind. Es gibt aber auch jüngere Tiere darunter. Haben Löwen einmal gesehen, welch leichte Mühe sie mit den Menschen haben, so halten sie sich an diese Nahrung und werden dann zur Landplage. Ich erinnere mich, daß in »Kambi uleya«, dem ersten Lager hinter Kilossa auf Iringa zu, fortgesetzt Leute geholt wurden. Viermal kam ich durch diesen Ort, und jedesmal waren wieder Träger gefressen worden. Die Karawanenträger, die zwischen Iringa und Kilossa liefen, schlafen meist auf den Veranden der Dorfbewohner, so daß die Löwen leichte Mühe haben. Trotzdem hatte ich jedesmal Not mit meinen Leuten, wenn ich ihnen befahl, sich ein Dornenverhau herzustellen. Es rechnete jeder damit, daß er nicht der Gefressene sein würde, und sie hätten sich lieber der Möglichkeit eines Löwenangriffs ausgesetzt, als daß sie freiwillig zehn Minuten arbeiteten, um jeder drei bis vier Dornenäste abzuhauen, heranzuschleifen und zur gemeinsamen Sicherheit um das Lager zu legen.
Ich sagte vorher, daß in Kissaki die Löwen keine üblen Neigungen zeigten. Aus diesem Grunde empfahl ich den Eingeborenen, die Löwen zu schonen, und ging selbst mit gutem Beispiel voran, indem ich trotz guter sich bietender Gelegenheiten die Löwen unbeschossen ließ. Es gab nämlich ungeheuer viel Wildschweine, die die Kulturflächen schwer schädigten. Durch die zahlreichen Löwen wurden sie einigermaßen in Schach gehalten und von den Feldern verjagt. Die Löwen gaben sich der Schweinejagd so ohne Störung hin, daß sie durch die Dörfer liefen und häufig Leuten, die zur Arbeit gingen oder von der Arbeit zurückkehrten, begegneten, ohne daß übermäßige Scheu auf beiden Seiten hervorgerufen worden wäre.
Eine Angewohnheit der Löwen muß ich noch hervorheben. Sie schleppen häufig ihre Beute fort, ohne sie vorher zu töten. Sobald sich die Beute nicht zur Wehr setzt, fängt der Löwe an einem sicheren Platze an zu fressen. Mir war schon ein Fall von Tanganjika bekannt, wo ein Pater vom Orden der »Weißen Väter« von Löwen geholt wurde und eine Viertelstunde lang um Hilfe schrie, während der Löwe schon an ihm fraß. Ich entrüstete mich damals, als ich hörte, daß ihn keiner der anderen Brüder befreit hatte, kam aber später selbst in eine Lage, wo das Hilfebringen unmöglich war. -- Ein Eingeborener war in einem Dorfe in Ussangu, in dem ich gerade lagerte, im Beisein seiner Angehörigen durch einen Löwen vom Feuer weggeholt worden. Sein Schreien klang schauerlich durch die Nacht. Meine Kerzenlaterne gab solch jämmerliches Licht, daß man nur im nächsten Umkreis sah. Schleunigst ließ ich die Dorfbewohner mit brennenden Holzscheiten und Grasfackeln antreten. Deutlich zeigte die Schleifspur im hohen, regennassen Gras den Weg des Löwen. Der fortgeschleppte Mann schrie unaufhörlich. Ich ging vornweg, dann folgte mein Boy, damals noch ein halbes Kind, mit der Laterne, und dann kamen die Leute mit den Feuerbränden.
Als ich schon den Mann, der fortgetragen worden war, in schwachen Umrissen liegen sah, brach der Löwe fauchend auf uns los. Sofort liefen die Leute mit den Grasbränden davon, und ich las mir meine Laterne vom Boden auf, gerade noch, ehe sie verlöschte. Rückwärts schreitend zog ich mich aus dem Gras zurück, denn helfen konnte ich allein nicht, da es stockfinster war und ich nicht weiter als zwei Meter mit meiner schlechten Laterne sehen konnte. Ich holte die Leute wieder heran und machte ihnen klar, daß, wenn alle mitkämen, der Löwe sich sicher zurückziehen würde. Außerdem könnte ich schießen, wenn ich über den Rücken her Licht bekäme. Der geschlagene Mann wimmerte und stieß ab und zu laute Schreie aus. Kaum war ich wieder in seiner Nähe, rohrte der Löwe auf, und ich stand wieder allein. Als auch der dritte Versuch scheiterte, mußte ich's aufgeben, den Mann zu retten, auch gab der Mann keinen Laut mehr von sich. Am nächsten Morgen fanden wir den Leichnam unversehrt bis auf abgerissenes Fleisch an Waden und Oberschenkel. Keine einzige Verletzung war am übrigen Körper zu entdecken, so daß der Löwe ihn lebend angefressen hatte.
Es ist dies eigentümlich für den Löwen im Gegensatz zu dem Leoparden, der, wenn er in einen Stall eingedrungen ist, so lange herumbeißt und Prankenschläge austeilt, bis sich nichts mehr rührt.
=Leoparden= (+Felis pardus nimr H. E.+).
Viel seltener als den Löwen bekommt man den Leoparden (Abb. 5) in freier Wildbahn zu Gesicht. Mir war es sehr selten vergönnt, einem zu begegnen, und wenn es geschah, so war die Begegnung so flüchtig, daß ich meist nicht zum Schuß kam. Im Hochgebirge traf ich am Tage einige Male auf Leoparden. Sie waren aber so rasch im Gebüsch verschwunden, daß ich kaum die Gestalt ordentlich mit dem Auge erfassen konnte.
Einmal, als ich nur mit dem Stock in der Hand meiner Karawane vorauslief -- es war in Unyika am Mloboflusse -- sah ich erst ein Paar Wildenten im Wasser und dann auf einem überhängenden Stamme am anderen Ufer einen Leoparden liegen, der die Wildenten scharf beobachtete. Es war gegen ein Uhr nachmittags. Wahrgenommen hatte mich der Leopard, denn ich bemerkte deutlich, wie die Spitze seines Schwanzes zitterte, sonst lag er bewegungslos. Ganz langsam drehte ich mich halb zurück, den Leoparden nicht aus dem Auge lassend, um meinen Boy, wenn er sichtbar werden sollte, gleich zuwinken zu können, daß er mir das Gewehr vorsichtig bringe. Einige Zeit hatte ich so gestanden. Gegen die Enten war ich gedeckt, und der Leopard blieb auf seinem Platze. Da sehe ich meinen Boy stehen. Er hat mich bemerkt und beobachtet, daß irgend etwas los war. Vorsichtig kommt er näher. Als er fast bei mir ist, macht der Leopard einen gewaltigen Satz über den Fluß weg an das Ufer, wo ich stand, landete im hohen Grase und war verschwunden.
Ab und zu traf ich Leoparden im Gras, wenn ich auf anderes Wild pirschte. Ein scharfes Krallen an der Rinde eines Baumes ließ mich aufsehen, und der Leopard hockte am Stamm etwa wie eine Hauskatze, die im ersten Sprung vor Hunden flüchtet. Schneller als es sich beschreiben läßt, war der Leopard wieder im Gras verschwunden. Manchmal fand ich dann unter solchem Baum ein gerissenes Schwein, oft war der Leopard wohl noch selbst auf der Jagd und wollte nur Ausblick haben.
Einen wunderschönen Anblick hatte ich in der Nähe der Ortschaft Mbuiga (Mgunda) zwischen Kissaki und Kidoti. Ich pirschte in einer dicht mit Schilf bewachsenen Niederung auf Büffel. Als ich die Niederung umschreite, um am Rande zu lesen, ob Büffel in das Schilf eingewechselt wären, höre ich plötzlich links von mir einen lauten Ton. Es konnte ein wilder Hund, ein Buschbock gewesen sein, möglicherweise auch ein Elefant, genau ließ sich der Ton nicht einer bestimmten Tierart zuschreiben. Mein Begleiter und ich stehen still. Einen Mann lasse ich auf einen Baum klettern, um zu sehen, ob etwa Elefanten im Schilf wären, da ich auf diese am ehesten schloß. Nichts konnte der Mann sehen. Plötzlich sagt einer meiner Begleiter: »Ein Leopard!« Ich sah mich um und brachte die Sache gar nicht mit dem vorher gehörten Ton in Zusammenhang. Da zeigen alle Leute auf einen etwa dreißig Meter über das Schilf herausragenden Baum, der zurzeit blattlos war, und nun entdeckte ich auch den Leoparden auf der äußersten Spitze eines Astes, in den dürrsten Zweigen zur Kugel geballt, liegen. Er war von mir etwa hundert Meter entfernt. Schießen wollte ich auf keinen Fall, da Büffel das begehrte Ziel waren. Trotz der nicht sehr großen Entfernung und trotzdem der Leopard so ganz frei sichtbar auf dem kahlen Baum saß, hätte ihm wohl kaum einer von uns Beachtung geschenkt. Er sah so der Umgebung angepaßt aus, daß man bei oberflächlichem Sehen weit mehr auf einen Raubvogelhorst im dünnen Gezweig geschlossen hätte.
Rasch hatte ich mein Glas zur Hand. Der Leopard mußte unsere Beobachtung bemerkt haben. Er richtete sich auf, lief vorsichtig über das schwankende Gezweig, dann schnürte[3] er auf einem dickeren Ast bis zur ersten Gabelung des Baumes, machte noch einige schnelle Schritte den Stamm hinunter und war dann mit mächtigem Satze im Schilf verschwunden.
[Illustration: Abb. 5. Leopard.]
Wenn man sich in einer Gegend befindet, wo es Hundsaffen, Meerkatzen und braunrückige Paviane gibt, und diese sind in Deutsch-Ostafrika fast überall, wo Wald und Wasser zu finden ist, so wird der Leopard fast immer von den Affen gemeldet. Er ist ihr schlimmster Feind, und sie folgen seinem Weg auf dem Boden oben im Gezweig unter fortwährendem lautem Geschrei. Durch Affen aufmerksam gemacht, schoß ich meinen ersten Leoparden. Der ganze Wald hallte von dem Geschrei der Affen -- es waren Hundsaffen (+Cynocephalus (Papio) langheldi Mtsch. (?) oder Papio cynocephalus L. (?) C. ibeanus Thos.+) --, die in einer Richtung weiterzogen. Ich schritt zu den Affen parallel vorwärts, bis ich an eine Stelle kam, wo es kein Unterholz und infolge dichten Blätterdachs nur spärlichen Graswuchs gab. Eine ganze Zeit stand ich hier unter einem Baum in Deckung, ohne etwas zu sehen. Plötzlich stand der Leopard mitten auf der kahlen Stelle. Er äugte zu mir herüber, nahm mich aber nicht wahr. Als er seinen Kopf in entgegengesetzter Richtung bewegte, strich ich am Stamme an und kam aufs Blatt ab. Ein fauchendes Miauen, dann ein plötzliches Wenden, und er war dort verschwunden, wo er hergekommen war. Hunde hatte ich nicht bei mir. Ich nahm zwar an, daß ich gut getroffen hatte, wollte aber lieber noch einige Zeit warten, ehe ich ihm nachging. Meine farbigen Begleiter wollten mich ganz davon abhalten, weil ein kranker Leopard »furchtbar böse« sei.
Die Affen tobten inzwischen auf derselben Stelle weiter, der Leopard mußte also noch dort stehen, wo er eingewechselt war. Um ihm Zeit zu geben, drehte ich mir eine Zigarette, die ich bis zu Ende rauchte. Nun ging ich Schritt für Schritt, die Umgebung abspähend, weiter, zunächst zum Anschuß. Ich fand vereinzelte Schnitthaare und dann große Spritzer Schweiß. Zwei Meter davon entfernt fand ich einen ganzen Klumpen Haare, an dem noch Haut festsaß, also der Ausschuß. Nun war mir nicht mehr bange. Zwei Schritt brauchte ich nur ins Gebüsch einzutreten, da schimmerte es mir schwarz-weiß entgegen. Der Leopard lag auf dem Rücken und war schon verendet, wie die verglasten Lichter (Augen) zeigten. Obwohl ich gern den ganzen Leoparden mitgenommen hätte, um ihn zu photographieren, war es doch im Hinblick auf meine beiden nicht sehr kräftigen Begleiter besser, ich schlug ihn an Ort und Stelle aus der Decke und nahm nur diese und den Schädel mit. Es war ein prächtiger alter Kater und der Fang (das Gebiß des Raubzeugs und der Hunde) ganz vollständig. Groß war meine Freude, und mit Sorgfalt weichte ich zu Hause die Decke persönlich in gesättigte Salz- und Alaunlösung ein, knetete sie eine halbe Stunde lang durch und hing sie zum Trocknen auf.
Später, als ich eine große Hundemeute hatte, wurde es mir leichter, Leoparden zu erlegen. Mit meinen Hunden hatte ich insofern Glück gehabt, als die Stammeltern, zwei blutsfremde deutsche Doggen, sehr schneidige Tiere waren. Der Nachwuchs lernte es ohne mein Zutun, mit System, d. h. mit gegenseitiger Unterstützung, zu hetzen und wehrhaftes Raubwild zu stellen.
Wurde mir aus einem Dorfe gemeldet, daß die Leoparden dreist würden und Hunde und Ziegen holten, so brach ich, wenn ich Zeit hatte oder es sich sonst mit meinen Obliegenheiten vereinigen ließ, mit meinen Hunden auf und bezog in dem Dorf Lager.
Nachts verbellten dann meine Hunde den Leoparden. Meine Träger kannten den Rummel schon. Rasch hatte jeder ein paar ordentliche Hände voll trocknes Gras aus den Dächern der Hütten gezogen und sie als Fackeln angebrannt. Kamen wir zu den Hunden, so hatten diese den Leoparden zum Aufbäumen gezwungen, und ich schoß, indem ich einen Mann mit seiner Fackel hinter mich treten ließ. Nach dem Schuß stand ich zwar stets im Finstern, denn die Fackelträger waren ausgerückt. Es schadete aber nichts, denn wenn der Leopard nicht tödlich getroffen war, was bei der nächtlichen Schießerei häufig vorkam, so beschäftigten sich sofort die Hunde mit ihm und hatten ihn, falls er noch konnte, sofort wieder auf einen Baum getrieben. Selten verlor ich dabei einen Hund. Größere Wunden durch Prankenschläge nähte ich, worauf rasch Heilung eintrat. Übler waren kleinere Wunden, wo die Krallen eingeschlagen worden waren und nur ein kleines Stückchen Fleisch heraushing. Diese Wunden heilten äußerlich rasch zu, innen bildete sich aber meist ein langwieriger Eiterprozeß und Zellgewebsentzündung.
Ganz übel benehmen sich Leoparden, wenn es ihnen gelingt, in einen Ziegenstall oder Kral einzubrechen. Solange noch eine Ziege am Leben ist, wird gemordet. Es kommt vor, daß ein Leopard 30-50 Ziegen tötet und keine davon frißt. Die Dreistigkeit der Leoparden ist außerordentlich groß. Ziegen werden am Tage vor den Augen der Hirten, Hunde vor den Türen weggefangen. Dabei läßt der Leopard seinen Raub nicht oder nur sehr schwer im Stich, wenn er auch sofort angegriffen wird. Als Beispiel der Dreistigkeit erwähne ich folgendes kleine Erlebnis.
Auf dem Tanganjikaplateau hatte ich einen Europäer getroffen. Da wir gut bekannt waren, stellten wir unsere Zelte zusammen und brachten in dem einen die Betten unter, während uns das zweite als Eßzimmer diente. Vor dem Abendbrot saßen wir beide auf einem Bett, und mein Bekannter spielte Ziehharmonika. Plötzlich gab es während des Spiels lautes Geheul von meines Bekannten Foxterrier, der unter dem Bett geschlafen hatte. Das Bett wurde unter uns hochgehoben, und ehe wir zur Besinnung kamen, sprang ein Leopard mit dem Terrier zum Zelt hinaus. Draußen war es dunkel, und wir konnten nichts gegen den Leoparden tun. Der Hund war sowieso verloren.
Am nächsten Morgen brachten Eingeborene den angefressenen Hund und behaupteten, der Leopard säße unweit unseres Lagers in einem Gebüsch dürren Grases, das beim letzten Steppenbrand noch zu grün gewesen wäre und deshalb stehen geblieben sei.
Wir besahen uns die Lage. Der Grasfleck war nur etwa drei Hektar groß, aber brennen wollte das Gras von 1,20 Meter Höhe auch heute noch nicht. Es blieb also nur die Möglichkeit eines Durchtriebes. Was wir an Eingeborenen auftreiben konnten, machten wir als Treiber mobil. Zwischen je 10 Mann stellten wir einen Soldaten. Schießen wollten nur wir Europäer, damit kein Unglück geschah. Ich stand auf jener Seite, wo wir vermuteten, daß der Leopard herauskäme, mein Bekannter ging mit den Treibern. Nachdem mehr als die Hälfte des Grases durchgetrieben war, schoß mein Bekannter zum ersten Male, wie er mir zurief, »daneben«. Gleich darauf sprang der Leopard einen Soldaten an, und zwar so, daß er seine Hinterpranken dem Mann in die Oberschenkel schlug und mit den Vorderpranken Lappen in die Kopfhaut riß. Der Mann fiel natürlich hintenüber, aber ehe er lag, war der Leopard schon wieder zurück ins Gras gesprungen. Dieses Manöver wiederholte der Leopard mehrere Male und stets so unverhofft und blitzschnell, daß die mit Stöcken zuspringenden anderen Treiber nicht dazukamen, einen Schlag zu führen. Wir hatten insgesamt sieben Verwundete mit mehr oder minder schweren Verletzungen.
Nur ein ganz schmaler Grasstreifen deckte den Leoparden noch, und ich hoffte, daß er jeden Augenblick flüchten und mir Gelegenheit zum Schusse geben würde. Statt dessen versuchte er immer wieder, die Treiberlinie zu durchbrechen. Jetzt schoß Herr H. zum zweiten Male, und das gleich darauf einsetzende Freudengeheul der Treiber verkündete mir, daß der Schuß tödlich war. Der Leopard hatte die Kugel spitz von vorn erhalten, und sie war durch den ganzen Körper gegangen mit dem Ausschuß neben dem Weidloch (After).
Bei genauerer Betrachtung des toten Leoparden wurde uns auch klar, warum er bei seinem Anspringen der Treiber niemals den Fang gebrauchte. H.s erster Schuß hatte ihm beide Kaumuskeln und die Pfannen der Unterkiefer durchschlagen. Lange haben übrigens unsere Verletzten an ihren Wunden nicht laboriert, sie hatten ausnahmsweise gesundes Blut, was man von den wenigsten Negern behaupten kann.
In eine recht mißliche Lage brachte mich ein Leopard im August 1908 in Ilongo in Ussangu. Zur Reparatur einer Baumwollspinnerei wohnte ein ehemaliger Fremdenlegionär B. bei mir, der früher Techniker war. Als wir nachts die Löwen brüllen hörten, erzählte er mir, er hätte im Atlas schon Löwen geschossen, und fragte dann, ob ich ihm nicht zu einem Löwen verhelfen könnte, er möchte gern ein Fell als Waffenschmuck haben. Ich stand kurz vor einer Europareise, um mich von einem Gelenkrheumatismus zu erholen, den ich mir im letzten Negeraufstand zugezogen hatte. Vier Monate hatte ich festgelegen, und seit zwei Monaten konnte ich wieder langsam gehen, war also mehr als klapprig, so daß ich eine Suche auf Löwen nicht wagen konnte.
Um B. aber eine Freude zu machen, da er mir die Maschinen rasch und gut in Ordnung brachte und auch ein sächsischer Landsmann von mir war, ließ ich einen Selbstschuß herstellen.
Nach dem Rezept meines Freundes L., eines Schweden, der schon mit Livingstone Afrika durchquert hatte und damals als Zivilkommissionär in Rhodesia amtierte, baute ich eine Schußfalle, die fast nie versagt und in die das Raubwild -- und wäre es noch so schlau -- leicht hineintappt. L.s System bestand in einem auf zwei eingegrabenen Astgabeln wagrecht gebundenen Gewehr in Blatthöhe über der Erde. Ein dünner, aber fester Bindfaden wird am Abzug befestigt, durch die untere Gewehrriemenöse gezogen, am Gewehr entlang geführt und dann quer über den Weg gespannt, den das Raubwild mutmaßlich durchquert. Man darf den Faden nicht zu fest spannen, da der nächtliche Tau ein Nachspannen besorgt. Mit der Hand drückt man dann den Faden in der Richtung des mutmaßlich vorbeikommenden Tieres. Wird das Gewehr ausgelöst, wenn man den Faden etwa 40 Zentimeter aus seiner Ruhe drückt, so ist die Aufstellung richtig, und man kann die Patrone einschieben.
Über den Weg führen wollte ich den Selbstschuß nicht. Ich benützte für solche Fälle immer ein ausrangiertes Gewehr Mod. 71, und ein solches Geschoß können des Weges kommende Negerbeine nicht gut vertragen. Ein eingeschlagener Pfahl, an den ich ein zwei Monate altes Kalb band, war das Zentrum eines dreiviertel geschlossenen Kreises aus Dornenästen. Quer über die Öffnung war dann das Gewehr gerichtet und der Fadenabzug gespannt. Um das Kalb noch besser zu schützen, ließ ich noch eine Reihe Pfähle mit handbreitem Abstand quer durch den Dornenkreis rammen, so daß der Löwe das Kalb bequem vom Eingang her sehen konnte. Damit er gezwungen war, den Eingang gehend und nicht springend zu durchschreiten, hing ich einige kleine Dornenäste an einer Stange in 1,20 Meter Höhe über den Eingang.