Chapter 5 of 8 · 3916 words · ~20 min read

Part 5

Daß wir vorbeigingen, ohne die drei Elefanten zu bemerken, ist nichts Verwunderliches. Im dichten Blätter- und Astgewirr, aus dem nur Teile der Tiere sichtbar sind, läuft man sehr leicht vorbei; die Säulen (Beine) dieser großen Dickhäuter sehen Baumstämmen täuschend ähnlich, und oft hat die vorzügliche Mimikry (Anpassung an die Umgebung) meine nicht gerade schlechten Jägeraugen getäuscht, wenn ich auf frischer Elefantenfährte pirschte, und nicht, wie heute, Routen aufnehmend und nur beobachtend meines Weges zog.

Erzählte doch ein Spaßvogel, er habe einen Büffel vor sich gehabt, und zum sicheren Schuß an einem Stamme angestrichen[5]; nach dem Schuß wäre der Büffel davongelaufen, sein Stamm aber auch, und erst jetzt habe er gemerkt, daß er eine Elefantensäule für einen Stamm angesprochen habe.

Ist dies auch etwas toll geflunkert, so habe ich, wie viele Elefantenjäger, doch oft über eine Viertelstunde neben einem Elefanten gestanden, auf den ich achtlos gelaufen war, weil ich einen anderen, entfernteren schießen wollte, der nicht günstig stand. Solange der Elefant nicht Wind bekommt, reagiert er nur schwach durchs Gesicht und achtet auf Geräusche, die durch Gehen oder Brechen im Busch verursacht werden, recht wenig.

Nach dem überstandenen Schrecken ging es wieder weiter. Um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen, zündete ich immer vorn das Gras an, womit ich gleichzeitig meinen folgenden Trägern das Zeichen gab, wie weit ich voraus sei, da sie an der Ausbreitung des Feuers merken konnten, wie lange es schon brannte.

Wir überschritten jetzt ständig Flußpferdpfade, die alle frisch begangen waren. Einem Pfad, auf dem die Losung noch so frisch war, daß sie noch Luftbläschen enthielt, folgte ich bis zum Wasser. Schon nach hundert Metern stand ich vor dem Ruaha, der sich hier durch eingelagerte Felsbänke seenartig erweiterte, d. h. er füllte trotz der Trockenheit das ganze Flußbett aus. Ein wunderbares Bild hatte ich, als ich den Wasserspiegel überblicken konnte. Mir gegenüber in fünfzig Meter Entfernung lagerten im seichten Wasser mehrere Flußpferde (+Hippopotamus amphibius L.+, s. Abb. 10). Einzelne stiegen auf den Steinklippen umher, den ganzen Körper außerhalb des Wassers, und balanzierten trotz des massigen Körpers geschickt auf den schmalen Stützpunkten herum. Andere jagten sich im neckischen Spiel im Wasser, und zwei junge Bullen probierten gegenseitig ihre Stoßzähne, indem sie Lippen gegen Lippen stießen. Fast sah es so aus, als ob diese massigen Mäuler sich zum Kusse berührten. Man hörte aber deutlich das Aneinanderklirren der Stoßzähne, die im Maul verborgen lagen, und konnte sich einen Begriff davon machen, wie es später im blutigen Ernst zuginge. Ein auf einer Sandbank liegender alter Bulle ließ deutlich erkennen, daß auch die dickste Schwarte Risse bekommen kann; in allen Richtungen war seine Rückenpartie vom Kampfe zerhackt, teils alt und weißlich verharscht, teils neueren Datums, an der rosigen Farbe erkennbar. Insgesamt mochten es mehr als vierzig Flußpferde gewesen sein, die da beisammen waren. Sie nahmen kaum Notiz von mir. Auf mein lautes Händeklatschen antwortete nur der alte Bulle durch tiefes Rohren, bemühte sich jedoch nicht aus seiner bequemen Lage. Von der anderen Gesellschaft hoben nur einige die Köpfe, schüttelten die kleinen Lauscher und pflegten dann weiter der Ruhe. Lange konnte ich mich nicht von dem Bilde trennen, aber ich war noch nicht am Ende meines heutigen Marschzieles. Drei Stunden wenigstens wollte ich noch weiter gehen.

Alle Viertelstunden stießen wir jetzt am Lande auf schlafende Flußpferde, die wir hoch machten, damit sie unter der nachfolgenden Karawane keine Verwirrung anrichten konnten. Eilig trotteten sie dem Flusse zu. Auf einen jungen Bullen waren wir bis auf 1 Meter aufgelaufen, ohne ihn im Grase zu sehen. Schießen wollte ich nicht, da ich mir nur einen alten Bullenschädel mitnehmen wollte und die Tiere hier fern von allen Anpflanzungen keinen Schaden anrichten können. Anfangs glaubte ich, er schliefe. Als ich aber eine kleine Seitenwendung machte, bewegte er seine Lauscher und drehte seine Lichter so nach mir, daß ich den blutunterlaufenen Augapfel sah. Ich winkte meinen beiden Leuten mit den Augen und wollte mich vorsichtig zurückziehen und ihn erst dann hoch machen. Ganz sympathisch war mir seine große Nähe nicht. Sowie ich den linken Fuß hinten aufgesetzt hatte und den Körper nachzog, sprang er auf, warf sich nach mir herum, und mit knapper Not entging ich durch einen Seitensprung einem nach mir geführten Stoß; dann raste er auf meine beiden Begleiter zu, ohne jedoch Notiz von ihnen zu nehmen, als sie durch einen hastigen Satz aus seiner Fahrtrichtung flüchteten. Saleh wollte mir und Mohamadi Kungulio die Hand schütteln zur Beglückwünschung nach überstandener Gefahr. Mohamadi als alter Elefantenjäger lachte ihn aber aus und meinte wegwerfend: »Hm, ein Flußpferd ist kein Nashorn,« womit er ja schließlich recht hat im zweifachen Sinne seiner Worte.

Wir kamen jetzt an einen versumpften Flußlauf, der von links auf den Ruaha zu führte. Dicht war der Sumpf mit Nymphazeen bewachsen, auf deren schwimmenden Blättern braune und schwarze Blätterhühnchen (+Phyllopezus africanus Gmel.+) trippelten. Bei unserer Annäherung fingen sie an zu gurren, und dieser gurrende Ton setzte sich über den ganzen Sumpf fort. Zahlreiche Dickhäuter mußten hindurchgewechselt sein, denn nach allen Richtungen konnte man die Linien der im Gehen umgewendeten Nymphazeen sehen, deren rotbraune Unterseite sich deutlich vom übrigen Grün abhob. Hellgrüne Flecken bildeten die Fanna-Rosetten dazwischen. In der Mitte standen zwei Nimmersatte (+Pseudotantalus ibis Linn.+) auf einem Ständer und putzten sich das Gefieder. Weiter unten nach dem Fluß zu sah ich einige weiße Vögel, konnte aber auch durchs Glas nicht bestimmen, ob ich Reiher oder Löffelgänse vor mir hatte.

Um die Fährten am Rande des Sumpfes zu lesen, beschloß ich, ihn zu umgehen. Ich hatte dabei die Nebenabsicht, falls die weißen Vögel Reiher wären und Schmuckfedern trügen, einen bis zwei zu erlegen.

An Fährten stellte ich fest: drei afrikanische (Spitz-)Nashörner (+Diceros bicornis L.+, s. Abb. 12), dann Flußpferde, Elefanten, Wasserböcke und Zebras sowie einen starken Löwen. Es waren wirklich Reiher (+Herodias alba Linn.+), wie ich auf hundertfünfzig Meter ausmachen konnte. Beim Näherkommen sah ich durchs Glas, daß nur einer gute Federn hatte, d. h. diese ragten über den Stoß als vom Wasser zusammengeklebtes Schwänzchen. Auf einem Flußpferdwechsel, der durchs Gebüsch führte, kam ich ungefähr auf vierzig Meter heran und holte mir den Federträger mit einem Schuß meines kleinen 6 mm-Bayardkarabiners, der, rauchlos beschossen, nur sehr schwach knallt. Mein Vogel schwamm sofort auf dem Wasser, und die anderen lüfteten nur etwas die Flügel. Mit dieser Beute war ich sehr zufrieden. Die Federn waren zwar durch das Schleifen im Schlamm an den Spitzen braungrau gebeizt, bei den trockenen Federn war aber nichts davon zu merken.

Ich stieß wieder zu meiner Karawane, die sich inzwischen ausgeruht hatte, und wir setzten den Weitermarsch fort. Bei Durchquerung eines Dickichts, das wenig Ausblick gewährte, schreckte uns plötzlich ein in allernächster Nähe ausgestoßener fauchender Grunzton. »Mbuisi«, wilde Hunde (Hyänenhunde), sagte Mohamadi. Ich bückte mich möglichst tief und sah zwei Löwen von merkwürdig dunkler, ins Braune gehender Farbe, mit dunkelbraunem Kopf, mähnenlos und nur halb so groß als ausgewachsene Löwen, weshalb ich sie für junge Tiere hielt. Mohamadi und Saleh hatten sechs Stück gezählt, und jener erklärte mir, daß es sich um »Buschlöwen« handelte, die nicht größer würden und stets in Rudeln jagten. Sie griffen Menschen niemals aus freien Stücken an, kämen auch niemals in die Nähe der Dörfer. Sobald jedoch einer von ihnen angeschossen wäre, gingen alle solidarisch zum Angriff über.

Vor sechs Monaten hatte mir Pater Jäckel von der Missionsstation Tununguo, ein sehr eifriger Jäger, erzählt, daß er einen solchen kleinen Löwen geschossen hätte, drei andere seien darauf geflüchtet. Ich hielt damals Pater Jäckels Beute für einen jungen Löwen, da ich mir einbildete, alles größere deutsch-ostafrikanische Wild aus eigener Anschauung zu kennen, und sah nun, daß ich mich getäuscht hatte. Leider habe ich auch späterhin keinen dieser kleinen, kaum bekannten und bisher unbeschriebenen Löwenart wieder zu Gesicht oder gar zum Schuß bekommen.

Die überall im Grase liegenden Flußpferde wurden uns bald äußerst lästig; da sie in so großer Anzahl herumlagen, erlosch mein Interesse für sie. Einige Male folgte ich noch ihren Pfaden bis zum Wasser und sah dann stets Flußufer und Sandbänke von ihnen bevölkert. Ich habe auf dieser Reise mindestens tausend Stück gesehen; da ich nur ab und zu Ausblick auf den Fluß hatte und dort stets eine größere Anzahl -- zwanzig bis vierzig -- sichtete, muß die wirkliche Menge ganz gewaltig sein. Kein Mensch hatte sie hier gestört, und andere Feinde gibt es wohl kaum für sie, da sie mit ihren Mitbewohnern des Wassers, den Krokodilen, friedlich auszukommen scheinen. Es mag höchstens ab und zu einmal ein Löwe ein junges Flußpferd schlagen.

Auf einer Insel, die zurzeit mit der Landseite trockene Verbindung hatte, schlug ich das Lager auf. Ich hatte von hier aus Ausblick auf stark benutzte Tränkstellen an beiden Flußufern. Der Ruaha floß hier in nur vierzig Meter breiter Rinne in reinem Sandbett. Außer einigen großen Bäumen, die mir Schatten gewährten, war die Hälfte der Insel mit dichtem, hohem Schilfrohr bestanden. In dem trockenen Teil des Flußbetts waren zahlreiche, zum Teil tiefe Tümpel, die von sehr mannigfacher Vogelwelt bevölkert waren. Ich sah hier die ersten jungen Nilgänse (+Alopochen aegyptiacus Linn.+), die noch nicht flügge waren.

Gern hätte ich mir einige davon gefangen, da sie im Geflügelhof ganz zahm werden und auch späterhin nicht fortfliegen. Wir plagten uns aber bis Sonnenuntergang vergeblich. Sie hielten sich immer in der Nähe des Wassers und ließen sich durch keine List davon abschneiden. Auf dem Wasser aber war alle Mühe aussichtslos; sie tauchten so geschickt und kamen zwischen schwimmenden Blättern und Ästen unbemerkt wieder an die Oberfläche, wo man sie erst nach längerem Umherstreifen wieder entdeckte.

Als ich noch bei Tageslicht -- um die durch das Lampenlicht herbeigelockten Insekten nicht ständig aus Suppe und Fleischtunke herauslesen zu müssen -- meine Mahlzeit einnahm, die sich, wie stets auf Reisen, aus vereinigtem Mittags- und Abendbrot zusammensetzte, sah ich auf der rechten Flußseite (dem Jagdreservat) zwei Elefanten langsam auf den Fluß zu wechseln. Sie kamen bis auf einige Meter an den Fluß heran, knieten dort nieder und schaufelten mit den recht langen Stoßzähnen -- an der schlanken Form der Stoßzähne erkannte ich sie als alte Kühe -- den Sand auf. Dann erhoben sie sich wieder und halfen mit den Vordersäulen nach, um die Vertiefung größer zu machen. Sie warteten eine kleine Weile, sogen sich mehrmals hintereinander die Rüssel voll und entleerten sie in ihr Maul, dann wurden einige Rüssel voll über den Rücken und die riesenhaften, lebhaft hin und her bewegten Ohrmuscheln gespritzt (Der deutsch-ostafrikanische Elefant (+Loxodonta africana knochenhaueri Mtsch.+, s. Abb. 18) hat im Gegensatz zu +Elephas maximus L. [E. indicus]+ riesenhafte Ohren. Auch seine Stoßzähne sind erheblich größer und erreichen ein Gewicht von 300 Pfund und eine Länge von 2,8 Metern.), bis sie in steinerner Ruhe dastanden, in der hereinbrechenden Dunkelheit immer verschwommener und gewaltiger erschienen und sich schließlich ihre Schatten meinem Auge ganz auflösten. Leider erschien der Mond erst gegen vier Uhr morgens als letztes Viertel.

Von allen Seiten hörte ich in dieser Nacht Elefanten trompeten und beim Laubäsen in den Ästen brechen. Ab und zu gurgelte in dem lautlos fließenden Ruaha das Wasser, wenn Flußpferde heraus oder hinein wechselten. Dazwischen schreckten Buschböcke mit ihrem tiefen Bellton. Einmal erwachend, hörte ich ein Flußpferd ganz dicht bei meinem Zelt Schilf äsen. Ganz gleichmäßig wechselten das Rupfen und die Kaugeräusche ab, so daß ich bald wieder einschlief. Es ist eine weihevolle Stimmung, die einen beherrscht, wenn man in der von frevelnder Menschenhand noch nicht berührten Natur das Leben dieser Urriesen auf sich einwirken lassen kann.

Am Morgen erwacht, ging ich im Schlafanzug aus dem Zelt, und mein erster Blick galt der Stelle, wo gestern abend die Elefanten gestanden hatten. Sie war natürlich leer, aber ein größeres dunkles Etwas lag am Boden, dessen Natur ich mit dem Glas nicht ausmachen konnte. Mohamadi Kungulio, als Monfidyi (Bewohner des Rufidjideltas) an Wasser mit Krokodilen gewöhnt, schwamm hinüber und fand -- die Nachgeburt eines Elefanten. Hätte ich von diesem nächtlichen Vorgang eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich sicher hinübergepirscht, um diesen Vorgang, der wohl selten eines Menschen Auge geboten wird, zu belauschen. Frisch gekalbte Elefanten hatte ich früher am Njassa häufig gesehen, sie waren aber immer einige Tage alt, da ich sie nur dadurch zu Gesicht bekommen hatte, daß mir gemeldet wurde, der Elefant, der immer dort und dort zur Tränke zieht oder nachts die Zuckerrohrpflanzungen abweidet, hat jetzt ein Junges.

Der Weitermarsch bot gegen die Vortage nichts Neues. Flußpferde, Flußpferde, Flußpferde und ab und zu einige Wasserböcke, sonst sahen wir nichts.

Vom Lager wagte ich es, im Fluß zu schwimmen. Hundertfünfzig Meter von mir entfernt lagen mehrere Flußpferde ruhig im Wasser. Durch unseren Lärm aufmerksam gemacht, schwamm eins langsam auf uns zu. Es war wohl mehr Neugierde als Angriffslust. Als es gähnend den Rachen aufriß, sah ich prachtvolles Elfenbein schimmern (Abb. 10). Ich machte meinen oben vom Zelt uns zuschauenden Leuten die Geste des Schießens, und mein Boy Saleh brachte mir gleich mein schwerstes Gewehr, die 11,2 Elefantenbüchse mit 5,5 g rauchlosem Pulver. Auf etwa 30 Meter ließ ich den Bullen herankommen, dann ließ ich, auf das rechte Auge abkommend, fliegen. Ein gewaltiges Plätschern, das mir die Wellen bis an die Brust spülen ließ -- ich stand bis etwas über die Hüfte nackt im Wasser --, und der Bulle lag tot auf dem Wasser, ohne unterzusinken. Auf den Schuß antworteten flußauf und -ab die anderen Flußpferde durch tiefes Rohren.

Um einem Abschwimmen in dem zwar langsam abfließenden Wasser entgegenzuarbeiten, rief ich gleich nach Stricken und Leuten, und bald bewegte sich der Koloß, von Schwimmern gezogen, aufs Ufer zu, während einer auf den Kadaver geklettert war und Umschau hielt, ob kein Krokodil oder Flußpferd in der Nähe sichtbar würde. Plötzlich angstvolles Schreien aller Leute, mein Flußpferd war im Stich gelassen, und alles strebte dem Ufer zu. Ein zweites Flußpferd erschien dicht hinter dem erlegten und gab dem toten Tier gewaltige Stöße. Da mir meine Munition zu kostbar war, rief ich meinem Soldaten beim Zelt zu, einen Schreckschuß abzugeben. Er gab deren zwei ab, die wirkungslos blieben. Na, dann meinetwegen! Ich hatte zwar an einem Schädel genug, aber diesen einen wollte ich auch sicher haben.

[Illustration: Abb. 10 Flußpferd.]

Gerade als das Flußpferd den Kopf etwas aus dem Wasser hob und steil nach unten senkte, trug ich ihm meinen Schuß durch die Lichter an. Lautlos versank es, nur der dumpfe Ton der einschlagenden Kugel war weit hörbar. Mit Mühe bekam ich meine Leute so weit, daß sie sich wieder vorspannten. Als die Schwimmer Grund hatten, ging die Sache rasch vor sich. Im knietiefen Wasser wollte es aber nicht weiter gehen, trotzdem zwölf Mann an den Stricken zogen und zehn hinten drückten. Da die Sonne schon untergegangen war, ließ ich den Kopf vom Rumpfe trennen. Vier Mann hatten schwer daran zu tragen. Der Schädel sollte bis zum Morgen durch Entfernen aller Fleischstücke leichter gemacht werden, und drei Mann, die sich immer ablösen mußten, ließ ich unter Aufsicht eines Soldaten ans Werk gehen. Schrilles Trompeten der Elefanten, Rohren der Flußpferde und das Heulen einiger Hyänen, die der Fleischgeruch lockte, machten unser Nachtkonzert. Am Morgen rief ich durchs Zelt, daß zwei Mann nachsehen sollten, ob der Kadaver des zweiten Flußpferdes, das gestern gleich gesunken war, an den Stromschnellen, die weiter unten waren, angeschwemmt sei oder so auf dem Wasser treibe.

Sie kamen zurück mit der Botschaft, daß nicht nur von dem zweiten Flußpferd nichts zu sehen sei, sondern auch der kopflose Kadaver, den wir nur mit Mühe im knietiefen Wasser fortbewegt und nicht einmal bis ans Ufer gebracht hatten, verschwunden sei. Wir nahmen an, daß es Krokodile gewesen waren, die den unverletzten Körper angeschnitten und dadurch am Auftrieb verhindert und ebenso den kopflosen Kadaver erst durch Abreißen von Stücken leichter gemacht und dann ins tiefere Wasser gezerrt hätten. Am Rikwasee hatte ich häufig die Beobachtung gemacht, daß auf den Grund gesunkene Flußpferde von Krokodilen angeschnitten wurden, ehe sich die Auftriebsgase entwickeln konnten.

[Illustration: Abb. 11. Flußpferdschädel. Seitenansicht. Besser phot.]

Nun, dann hilft weiter nichts, wir mußten weiter. Zwei Mann tragen den jetzt nur noch etwa hundert Pfund schweren Schädel an einer Stange. Das Gebiß ist prächtig (Abb. 11). Die Stoßzähne sind handgelenkstark, und die beiden unteren Hauer reichten mir, als ich sie später herausnehmen konnte, um den Leib, wenn man Wurzel und Spitze zum Ring zusammenlegte.

Gegen zehn Uhr wurde hinten bei den letzten Trägern ein Nashorn (+Diceros bicornis L.+, Abb. 12) hoch. Geräuschvoll wie eine Dampfmaschine pustend, jagte es an der Karawane entlang, lief auf uns bis auf vierzig Meter zu und schwenkte dann links ab, in der Hügellandschaft im hohen Grase verschwindend. Natürlich lagen wieder sämtliche Lasten auf der Erde. Wegen seiner Angriffslust ist es das von den Negern am meisten gefürchtete Tier. Man sieht es dem ruhig weidenden, plumpen Tier gar nicht an, welch behende Geschwindigkeit es entwickeln kann.

[Illustration: Abb. 12. Ostafrikanisches Nashorn.]

Die Hügellandschaft trat jetzt etwas mehr zurück, und das Gras wurde niedriger, so daß das verbreiterte Flußufer Salzsteppencharakter annahm. Gnus (+Connochaetes taurinus Burch.+), Hartebeeste und Zebras traten in kleinen Herden auf, und Rudel von Schwarzfersenantilopen äugten auf uns aus der Ferne. So blieb das Bild einige Tage, die Elefantenwechsel wurden spärlicher, und nur die Flußpferde blieben zahlreich wie zuvor. Ein heftiger Kopfschmerz hatte sich bei mir bemerkbar gemacht, und ein Ziehen im Kreuz und in den Beinen gab mir Gewißheit, daß sich Malaria eingestellt hatte. Unsere Vorräte waren aufgezehrt, wir waren schon am siebenten Tage unterwegs, statt, wie gerechnet, am fünften bis sechsten auf eine Ortschaft zu stoßen. Mein Kaffee war auch zu Ende, ebenso der Brot- und Mehlvorrat, und selbst das Petroleum zu meiner Reiselampe. Nur Reis war für mich noch für eine Mahlzeit vorhanden. Nachmittags nahm ich ein Gramm Chinin und abends ein zweites. Das Fieber ging nicht herunter und blieb auf neununddreißig Grad stehen, ab und zu etwas über vierzig steigend. Nachts erwache ich und nehme halb im Fieberwahn ein drittes Gramm Chinin. Das war auch für meine Pferdenatur etwas zu viel, und am Morgen sah ich die Bescherung, ich hatte mir ein Schwarzwasserfieber zugezogen, das zweite in Afrika, allerdings mit einem Zwischenraum von elf Jahren. Ich versuchte, auf dem Esel zu reiten, nach einer Stunde ging's nicht mehr. Nun heißt zwar bei Schwarzwasserfieber die erste Pflicht, ruhig liegen bleiben, ganz gleich, wo. Meine und meiner Leute Nahrungsmittelverhältnisse zwangen uns aber weiter. Ein paar Schritte machte ich, auf meinen Boy Saleh gestützt -- es ging nicht mehr. Meine Soldaten machten aus meiner Zeltbodendecke eine Hängematte und trugen mich persönlich. Es ging so lange gut, bis das schon mürbe Segeltuch riß. Nun banden sie ihre Schlafdecken als Hängematte an eine Stange, aber bald löste sich auch dort das Gewebe auf, und es blieb nichts anderes übrig, als daß ich mehrere Strickpartien mir um Decke und Stange in kleinen Abständen legen ließ. Fest wie ein Bündel lag ich nun an die Stange angeschnürt. Das durch die Decke gemilderte Einschneiden der Stricke war noch zu ertragen, aber ich konnte mich nicht bewegen und die Tsetsefliegen nicht verjagen, die sich saugend auf Kopf und Gesicht niedergelassen hatten. Ich verlor bei dieser Tour mehrere Plomben aus den Vorderzähnen, wenn ich in Schmerz und Wut in die Decke biß.

Essen mochte ich im Lager nichts. Es gab nur gedörrtes Wasserbockfleisch und abgekochtes lauwarmes Ruahawasser. Von diesem zwang ich so viel in mich hinein, als mir ohne Brechreiz möglich war, um die mit Blut verstopften Nieren wieder zu spülen und arbeiten zu lassen. Einen Mann sandte ich voraus, um mir aus der unmöglich weit entfernten Ortschaft eine Papay (Baummelone) zu holen, koste es was es wolle. Spät am Abend kam er ergebnislos zurück, er brachte aber einen Fischer mit, den er mit zwei anderen Leuten getroffen hatte.

Nun konnte ich mich wenigstens über die Gegend orientieren. Die Ortschaften flußabwärts waren mehrere Tage entfernt, die auf der Karte angegebenen existierten nicht mehr. Ihre Bewohner waren flußabwärts gezogen, weil sie infolge der zahlreichen Elefanten, Nashörner und Flußpferde nie eine ordentliche Ernte einbringen konnten, sondern nur auf Fischfang angewiesen waren, um dann mit der geräucherten Ware spärliche Lebensmittel eintauschen zu können. Viel braucht der Neger nicht, aber dies war ihnen doch zu primitiv, und sie verließen diese Gegend schon lange, wie ich zu meinem Leidwesen hörte.

Die drei Fischer konnten uns keine Lebensmittel ablassen, denn sie hatten selber nichts außer Dörrfischen. Uns war es um Mehl oder Reis zu tun, da Fleisch und Fisch allein den Verdauungsapparat zu sehr anstrengt und auf die Dauer Darmkrankheiten hervorruft. Einer meiner Leute hatte einen wilden Bienenschwarm entdeckt, es war aber nur eine kleine Honigwabe drin von halber Handgröße, die anderen Waben enthielten Brut oder waren so wenig angefüllt, daß der Honig noch nicht herausfloß.

Am nächsten Tage bei den Fischern angekommen, bogen wir vom Ruaha links ab auf das Dorf Hobola zu. Nach sechsstündigem Marsche erreichten wir drei ganz primitive Hütten. Hier erhielt ich einige Stücke Maniok, den ich erst rösten ließ und heißhungrig verzehrte. Endlich am neunten Tage erreichten wir Hobola. Schon von dem Anblick der hübschen Hütten, zwischen denen zahlreiches Federvieh herumlief, kam ich wieder zu Kräften. Bald hatten die Leute gehört, daß wir ein paar Tage gehungert hatten und daß ich schwer krank sei. Sie schleppten in großen Mengen Süßkartoffeln, Maniok, Kürbisse, Zuckerrohr und Eier herbei, und es begann ein Schmausen meiner Leute bis zum nächsten Morgen. Ich selbst leistete auch darin Erhebliches und hielt meinen Koch bis elf Uhr nachts in Atem. Erst ließ ich mir Kürbissuppe machen, dann Süßkartoffeln rösten, dann solche kochen. Zwei große Portionen Rührei genoß ich in den Pausen und kaute dann noch eine Stange Zuckerrohr. Jedenfalls futterte ich mich in dieser einen Nacht völlig zu Kräften.

Neu gestärkt und wie zu neuem Leben erwacht ging es am nächsten Morgen vor Tagesanbruch weiter. Gegen elf Uhr erreichten wir das Dorf Kirengwe an der Straße Kissaki-Mahenge. Hier hatte ich mein Rad stehen lassen, und mit dem Gefühl »nur nach Hause« ließ ich meine Leute Lager machen und setzte mich selbst aufs Rad, um gegen einhalb ein Uhr in Kissaki zu sein.

Jedenfalls war ich der erste Europäer, der diese gänzlich unberührte Gegend durchquert hatte. Unser rasches Vorwärtskommen auf dieser unbewohnten Strecke verdanke ich meinen gut eingeübten Trägern, die mich schon monatelang auf Reisen begleiteten. Heute sind alle Mühseligkeiten vergessen, und gern erinnere ich mich dieser Reise, die mir so reichen Einblick in dieses Stück erhaltenen Dorados der Riesen aus der Urzeit gewährte.

=Flußpferde= (+Hippopotamus amphibius L.+).

Viele Reisende berichten aus Afrika, daß Flußpferde harmlose Tiere wären, die niemand etwas zuleide täten und den Menschen aus dem Wege gingen. Sie verurteilen auch die Jagd auf Flußpferde, erklären den Abschuß für unweidmännisch und möchten die Flußpferde von der Liste der zur Jagd erlaubten Tiere gestrichen wissen.

Ohne Zweifel haben sie teilweise recht. Es gab Leute, die sich Jäger nennen, sich an einen Wassertümpel setzten, in dem sich Flußpferde befanden, und die dann auf eins schossen, worauf die übrigen untertauchten. Vorsichtig kommt wieder ein Kopf aus dem Wasser, um Luft zu schöpfen; puff, wird auch er beschossen, das erste könnte ja nicht tödlich getroffen sein, und so geht's weiter. Am nächsten Morgen schwimmen dann zwanzig und mehr Leichen auf dem Wasser, der Rest ist ausgewandert. Ich spreche hier von häufig vorgekommenen Tatsachen. Solche »Jäger« haben aber gewöhnlich in Afrika zum erstenmal ein Gewehr in der Hand gehabt und halten sich nun für geübt, wenn sie eine Kugel aus dem Lauf lösen und einigermaßen richtig ans Ziel bringen können; Liebe und Interesse für Wild fehlt ihnen; die Natur selbst ist ihnen fremd. Sie gleichen den Engländern, die das Tontaubenschießen von Monaco und Ostende auf das Wild übertragen und mit ihrer Rekordwut die Kreatur zugrunde richten. Durch das neue Jagdgesetz, das für einzelne Bezirke eine Einschränkung vorsah, ist ihnen das Handwerk gelegt worden. --