Chapter 7 of 8 · 3958 words · ~20 min read

Part 7

Es wird freier, und ich hoffe, bei besserem Ausblick den Bullen irgendwo verhoffend zu sehen. Statt dessen wechselt er im Gelände mit grobem Kies, wo er auch nicht die geringste Fährte hinterläßt. Einen Bogen schlage ich noch, als ich auch dann nichts finde, gehe ich mißmutig heim.

Häufig wiederholen sich die Pirschen, die ich auf den alten Bullen unternahm, aber stets mit gleichem Erfolg. Niemals traf ich ihn noch äsend, und stets hatte er sich in undurchdringlichem Dickicht niedergelassen und nach Art alter schlauer Büffel vor dem Niedertun einen Haken geschlagen, war parallel neben dem Wechsel zurückgekehrt und hatte sich ganz knapp an der Fährte in guter Deckung niedergetan. Er mußte also stets rechtzeitig durch Wind und Geräusch gewarnt werden.

So oft ich es auch versuchte, ich kam nie zum Schuß. Weidlich wurde ich mit »meinem« schlauen Bullen geneckt, ein ganzes Jahr lang konnte ich seiner nicht habhaft werden.

Doch auch ihn ereilte schließlich sein Schicksal. Von Hobola kommend, nahm ich eines Tages im Januar 1914 meinen Weg durch Busch und Steppe, da ich einesteils den Fußweg so oft gegangen war, daß ich ihn langweilig fand. Andernteils macht frisches niederes Gras und ein in der Nacht gefallener Regen den Boden so geeignet zum Fährtenlesen wie ein Neuschnee in Europa. Ich wurde auch reichlich belohnt und wußte bald, welche Wildarten und in welcher Zahl sie sich in diesem Gebiet aufhielten. Beim Durchschreiten des trockenen Oberlaufes des Gomeroflusses flogen seitlich erst zwei Schattenvögel (+Scopus umbretta Gmel.+) und dann einige Ibisse auf. Wie! Jetzt hier Wasser! denke ich und folge dem Flußbett. Richtig, eine ganze Strecke lang steht Wasser in dem lehmigen Bett. Fährten von Elefanten mit Kälbern und Rhinozerossen zeugten von häufigem Besuch der Wasserstelle, und da, was sehe ich, auch die unverkennbaren Fußabdrücke meines langgesuchten Flußpferdbullen.

Da das Flußbett einen Bogen macht, den ich im Bett stehend nicht übersehen kann, klettere ich am Ufer hoch und komme auf einen mit dem Fluß parallel laufenden Elefantenwechsel, dem ich folge. Als sich mir der nächste Ausblick auf das Wasser bietet, sehe ich endlich den Langgesuchten im seichten Wasser ruhen. Kreuz und quer ist sein mächtiger Rücken von vielen tiefen Narben bedeckt, die davon Zeugnis ablegen, daß er zahlreiche Kämpfe mit seinesgleichen im Werben um das Weibchen bestanden hat. Leichtere Narben deuten darauf hin, daß bei seiner Vorliebe für das Leben auf dem Land in kaum durchdringbaren Dickichten beim Eindringen in diese mit ungestümer, machtvoller Kraft seine Haut von zersplitternden Ästen ganz durchpflügt wurde. Ganz versunken in seinen Anblick stehe ich da und sehe vom hohen Ufer in sechs Meter Entfernung auf ihn herab. Das Wasser muß ziemlich seicht sein, denn er scheint zu liegen, und der Rücken ist mehr als einen Meter außerhalb sichtbar. Nun fangen seine Lauscher an zu spielen, und das blutunterlaufene Weiße in den Lichtern wird sichtbar. Langsam erst schiebt er sich vorwärts, nun springt er auf und rast davon, daß das Wasser hoch aufwirbelt. In seine Fluchtrichtung kann ich nicht schießen, da dichtes Zweiggewirr hinderlich ist. Also zurück auf den Elefantenwechsel, auf dem ich in eiligem Lauf vorwärts stürme, um ihm weiter oberhalb den Weg abschneiden zu können. Mein Boy Saleh, der zehn Meter vor mir lief, ruft mir zu: »Hierher, Herr -- ein Ausstieg, er muß gleich da sein.« In ein paar Sätzen bin ich dort, springe auf den alten, tiefausgetretenen Wechsel, der von zur Tränke ziehenden Elefanten getreten war, hinab, schlage an, für einen Augenblick den Atem aussetzend wegen der Bewegung der hastig arbeitenden Lungen, die sich dem Körper mitteilt, und trage dem Bullen einen Schuß in den Nacken an. Für Sekunden ist er vom Anprall des 11,2-Geschosses betäubt; ich stehe jetzt einen Meter vom Wasser entfernt. Da faßt er auch schon am Ufer Fuß; eine Gewehrlänge trennt uns. Gerade als er den Körper krümmt, um sich hinten kräftig abzustoßen, damit er ganz aufs Land kommt, wobei er den Schädel tief senkt, gebe ich ihm, fast mit dem Gewehr sein Auge berührend, den zweiten Schuß. Ich taumle einen Schritt rückwärts, da ich schlecht Fuß gefaßt hatte und der Rückstoß von 5,5 Gramm Blättchenpulver ziemlich bedeutend ist, und sehe meinen Bullen langsam ins Wasser zurücksinken. Kurz ist sein Todeskampf, und die Beine rudern langsam im Schlamm.

Zur Erinnerung mache ich eine photographische Aufnahme. Mein Boy Saleh plagt mich, auch mit dem Flußpferd photographiert zu werden, da er so oft vergeblich auf seiner Fährte mitgelaufen sei, und ich willfahre ihm.

Den Schädel nehme ich als Trophäe mit, um ihn später in meinem Jagdzimmer in Deutschland aufstellen zu können. Rasch lasse ich die Fleischteile zur Erleichterung des Transportes herunterschneiden. Leider essen meine Leute als Mohammedaner das Fleisch nicht; ich schicke deshalb Nachricht auf eine Pflanzung, wo Wangonis aus dem Ssongeabezirk arbeiten; bald kommen sie auch in Scharen an, um sich diesen seltenen Leckerbissen zu holen.

Doppelt freute ich mich über meinen Erfolg, da ich häufig vorher mit meinem sagenhaften Bullen geneckt worden war, und nun den Beweis erbrachte, daß Ausdauer und Festhalten am erstrebten Ziel auch auf der Jagd zum Schluß reichlich für die gehabte Mühe entschädigt.

Auf Elefantenfährte.

In früheren Jahren, als das berufsmäßige Elefantenjagen in Deutsch-Ostafrika noch gestattet war, hielten sich stets mehrere Jäger im Kissakigebiet auf, da dort besonders starke Bullen aus den früher errichteten Jagdschutzreservaten Mohorro und Mahenge herüberwechselten. Durch das Jagdgesetz von 1911, nach dem die Erlaubnis zur Elefantenjagd an den Besitz eines großen Jagdscheines gebunden war, mit dem nur zwei Bullen mit einem Einzelzahngewicht von über fünfzehn Kilogramm erlegt werden durften, hörte das unsinnige gewerbsmäßige Schießen auf diese Denkmäler der Urzeit auf. Nur Leute, die aus Lust an der Jagd und nicht aus schnöder Geldgier diesen gewaltigen Dickhäutern zuleibe rückten, kamen zu ihrem Recht.

Zeitweilig kamen die Elefanten (Abb. 18) so zahlreich, daß sie ernsten Schaden in den Feldern der Eingeborenen anrichteten. Namentlich wenn die Hirse zu reifen begann, weideten sie so viel ab und zertraten noch mehr, daß die Eingeborenen die ganze Nacht in den Feldern saßen, Feuer unterhielten und auf Blechen rasselten; aber auch der Elefant gewöhnt sich schließlich an alles. Ich versprach dann den Eingeborenen, ihnen beizustehen; sie möchten mich nachts wecken, wenn Elefanten aus ihren Feldern nicht zu vertreiben wären.

[Illustration: Abb. 18. Der deutsch-ostafrikanische Elefant. Nach einer Zeichnung von M. Zimmer.]

Schon in der folgenden Nacht ließ mich der alte Häuptling Nderange rufen. Ich setzte mich bei klarem Mondschein mit der Elefantenbüchse aufs Rad und fuhr bis an das heimgesuchte Feld. Nderange empfing mich an seinem Felde, und beim Stillstehen hörten wir die Elefanten deutlich an verschiedenen Stellen in der Hirse brechen. Klarer Vollmondschein überflutete die Landschaft, so daß man dabei lesen konnte. Probeweise zielte ich und konnte bei bestimmter Beleuchtung des Silberkorns gut Ziel nehmen. Nun kam auch mein Boy Saleh nach, der es sich als »Hans Dampf in allen Gassen« nicht nehmen lassen wollte, mit dabei zu sein; auch einer meiner Aufseher, »Kofia mbaya«, ein Soldat a. D. der Schutztruppe, fand sich noch ein. Nderange trug einen alten Vorderlader, den er, wie er mir versicherte, mit Elefantenladung versehen hatte, d. h. er hatte so viel Schwarzpulver eingestopft, daß der sonst mit der Mündung gleich lange Ladestock um vier gespreizte Finger herausstand. Ich bat ihn, wenigstens nicht in meiner allzugroßen Nähe seine Donnerbüchse loszulassen. Gern war er damit einverstanden, seinen Schuß aufzuheben für den Fall, daß ich einmal nicht kommen könnte.

Nderange führte, dann folgte ich, dann Saleh, und den Schluß machte Kofia mbaya, dem ich zu meiner eventuellen Unterstützung meine 9,3-Büchse anvertraut hatte. Kaum ein paar Schritt in der Hirse war es so dunkel, daß man nicht weiter als drei Meter sehen konnte. Vorsichtig gingen wir weiter auf die Brechgeräusche zu und vermieden ängstlich, die 5½-6 Meter hohen, über daumenstarken Hirsehalme zu knicken, da sie laut prasseln, etwa wie trockenes Schilf beim Brechen.

Bald konnten wir drei getrennt brechende Elefantengruppen unterscheiden und gingen, jetzt ich mit der Büchse vornweg, auf das uns zunächstliegende Geräusch zu. Ich hatte die Absicht, einen Elefanten zur Strecke zu bringen, um dadurch die anderen bis zur Hirseernte zu vergrämen. Ich mußte mein Vorhaben nachts ausführen, da die Elefanten tagsüber nicht in die Felder kamen und sie nur auf diesen vom Eigentümer des Feldes oder von ihm beauftragten Dritten zur Schadenverhütung erlegt werden durften. Das Elfenbein fiel dabei dem Fiskus zu, falls der Schütze nicht über einen großen Jagdschein verfügte oder die beiden erlaubten Elefanten schon erlegt hatte. Nun waren wir nur noch etwa dreißig Meter entfernt und hörten deutlich nach jedem Rupfen die Kaugeräusche und dann wieder ein kurzes Brechen, das besagte, daß der Elefant -- wir hatten vermutet, daß uns nur einer gegenüberstand -- den Körper wendete oder einen Schritt vorwärts ging. Durch Zeichen bedeutete ich meinen Begleitern, mehrere Schritt Abstand zu nehmen, um uns beim Ausweichen, wenn der Elefant nach dem Schusse die Richtung auf uns zu nehmen sollte, nicht gegenseitig anzurempeln und zu hindern. Ich vermied jedes Geräusch und pirschte mich auf etwa zehn Meter heran. Vom Elefanten war nichts zu sehen. Deutlich hörte ich, wie er sich löste und kaute. Eine halbe Stunde verharrte ich in dieser Stellung, ohne daß eine Änderung eintrat, die mir einen Schuß gestattet hätte. Es wäre leichtsinnig gewesen, näher heranzugehen, da ich im Halmgewirr der Hirse nicht hätte ausweichen können. Nderange schlich sich an mich heran und sagte mit Tränen im Auge: »Meine Hirse, meine Hirse, schieß doch, Herr!«

Ich winkte Kofia mbaya und ließ mich von ihm hochheben, indem er seinen Kopf zwischen meine Beine steckte. Auch jetzt sah ich nur hin und wieder vom Elefanten bewegte Halme, von ihm selbst nichts. Als ich wieder stand und mir sagte: »Bäume, die einen Überblick gewähren, sind nicht in der Nähe,« blieben mir nur zwei Möglichkeiten -- unverrichteter Sache umzukehren oder aufs Geratewohl zu schießen.

Mit Rücksicht auf Nderange tat ich das letztere. In der Richtung der Kaugeräusche schlug ich an und rechnete dabei auf 3-1/2 bis 4 Meter Höhe. Das Silberkorn konnte ich nicht von der Laufschiene, die schwach glänzte, unterscheiden. Deutlich hörte ich einen harten Kugelaufschlag und dann ein prasselndes Getöse des gegen den Wind losbrechenden Tieres, dem sich die uns entfernt stehenden Elefanten schrill trompetend anschlossen. Die Fährte belehrte uns nach ihrer Größe von sechsundvierzig Zentimetern Durchmesser der Vordersäulen, daß wir einen mittleren Bullen vor uns gehabt hatten. Wie aber sah der Teil des Feldes aus, auf den wir jetzt hinaustraten? Auf fünfzig Meter im Geviert war alles niedergetrampelt. Wir folgten der Fährte des Bullen, bis er sich mit den anderen vereinigt hatte. Aus der Ferne hörten wir die Flüchtlinge noch zweimal trompeten. Im Mondlicht war jedoch nirgends Schweiß zu entdecken. Daß er bei dem von mir verwendeten 11,2-Geschoß mit Antrieb von 5,5 Gramm rauchlosem Pulver nur gering sein konnte, wußte ich, da sich die fettunterlegte Schwarte wie Gummi wieder zusammenschiebt und nur knappen Schweiß austreten läßt. Es machte sich bei mir die Überzeugung geltend, daß der von uns gehörte Kugelaufschlag ebensogut durch Hirsehalme hervorgerufen worden sein könnte. Eine weitere nächtliche Folge war zwecklos, und so befahl ich Kofia mbaya, am nächsten Morgen einmal nach Schweiß zu sehen und zwei bis drei Stunden der Fährte zu folgen, wenn er aus den sich ergebenden Umständen ein Krankschießen vermutete. Als Mhehe-Neger (Wahehe) verfügte er über gute Jägerinstinkte, hatte auch als Kind seinen Vater häufig auf Elefantenjagd begleitet.

Die Löwen machten ein recht lautes Konzert. Ich wollte Saleh nicht allein gehen lassen und ließ ihn deshalb mein Rad schieben. Wir machten uns zu Fuß auf den Heimweg. Gegen 1 Uhr waren wir wieder daheim.

Als wir am nächsten Morgen wegen des nächtlichen Intermezzos etwas später beim Frühstückstisch saßen, kommt schon von weitem rufend Kofia Mbaya und bringt -- einen Zahn des beschossenen Elefanten. Umringt von einer großen Schar Neugieriger, teilt er mir mit, daß er der Fährte kaum hundert Schritt gefolgt sei. Vom Tau noch feucht habe er ganz kleine Schweißspritzer gesichtet und plötzlich den Zahn gefunden. Der Zahn war in der Hälfte des Nervs durchschossen und wohl vom Elefanten im Schmerz mit dem Rüssel aus dem Zahnfleisch herausgerissen worden. Ich lieferte ihn mit Bericht an das Bezirksamt Morogoro als dem Fiskus gehörig ab und wurde viel wegen dieser merkwürdigen Sache angeulkt, wobei erörtert wurde, ob ich nicht berechtigt gewesen wäre, den Zahn zu behalten, da der Elefant ja noch lebe. Ich erzähle dieses nächtliche Ereignis, das ich Ende Juni 1913 erlebte, weil es später noch ein Nachspiel fand.

Im Oktober des gleichen Jahres teilt mir Stabsarzt J. mit, daß er nach Kissaki käme. Er hätte nur noch einige Tage auf seinen Jagdschein Zeit und würde gern den ihm darauf noch zustehenden Elefanten auf die Schwarte legen, ob ich ihm einen ausmachen könnte. Da ich außer dem persönlichen Interesse an der Jagd noch den Doppelzweck verfolgte, die immer dreister werdenden Elefanten durch gelegentlichen Abschuß zu vergrämen und zum Rückzug aus dem Kulturgebiet mehr in die Jagdreservate zu zwingen, war ich äußerst gern bereit, seinem Wunsche zu entsprechen.

Im Laufe der Zeit hatte ich mir die Neigung der sonst sich Europäern gegenüber recht passiv verhaltenden Eingeborenen des Kreises Kissaki erworben. Ich machte nun bekannt, daß ich am soundsovielten früh einen frischen Elefantenwechsel in der Nähe Kissakis wissen und zum Beleg der Botschaft frische Losung und durch Kerbschnitt in einem Stäbchen das Ausmaß der Fährte haben möchte. Am Morgen des bestimmten Tages, es war gegen 5 Uhr und eben der Himmel am Horizont im Osten mit einem helleren Strich versehen, weckte mich die Wache und führt mir meinen ehemaligen Arbeiter Bilingi zu, der frische Losung bringt. Er wollte gerade wieder Arbeit bei mir nehmen und hatte auf dem Wege von Mafumbo nach Kissaki eine halbe Stunde von hier die Elefanten gesehen, die auf dem Wege standen. Die Fährte konnte er der Dunkelheit wegen nicht messen.

Im Schlafanzug suchte ich Stabsarzt J. in seinem Zelt auf und weckte ihn mit der frohen Botschaft. Bald nach Tagesanbruch waren wir marschbereit und gingen dem Wechsel zu. Kurz nach Ssadumas Dorf überschritten wir den Mgetafluß und waren bald an der Fährte. Ich wußte, daß die Elefanten, wenn sie an dieser Stelle waren, nicht gar so weit gingen, und so ließen wir an einer schönen schattigen Stelle am Mgeta die Zelte aufschlagen und besichtigten dann die Fährte. Nebst einigen Kühen war ein ganz annehmbarer Bulle in der Herde. Bald führte die Fährte durch den Mgeta an die linke Flußseite. Dort zerstreuten sich die Einzelfährten. Die Elefanten hatten überall Schilf geäst, und es dauerte fast eine Stunde, bis wir aus dem Kreuz und Quer der Spuren, die sich kaum sichtbar von den teilweise alten Wechseln abhoben, den weiteren Ausweg fanden. Endlich hatten wir ihn, und als wir eine halbe Stunde gefolgt waren, so daß eine bestimmte Richtung zu erkennen war, konnte ich aus innerster Überzeugung J. versichern, »zu Gesicht bekommen wir die Elefanten heute auf alle Fälle«. Sie hatten sich einem Winkel zugewandt, den der Wiguberg durch steilen Abfall mit dem Mgetafluß bildet. Diese Gegend war mir wie meine Tasche bekannt. Sie enthielt eine Menge dichtester Dickichte, wie sie der Elefant zum Unterstellen von 10-3 Uhr während der heißesten Sonne liebt. Wir kamen an eine Stelle, wo die Steppe über Nacht gebrannt hatte, und konnten in der Asche die Fährten noch einmal genau auf ihre Stärke prüfen. Nun brauchten wir nur den Daumen zu halten, damit wir beim Annähern guten Wind hatten. Auf diesen allein war unser erhoffter Erfolg gestellt, und es hat gar nichts zu sagen, ob die allgemeine Windrichtung gut ist. Eine Übersicht des Geländes ist in den Dickichten ja gänzlich ausgeschlossen, und da die Elefanten wie vieles andere Wild zu ihrer Sicherung häufig Bogen schlagen, geschieht es öfters, daß man in ihren Wind gerät, ohne daß man sie zu Gesicht bekommt, und nur am Brechen sein Mißgeschick hört. Schön klar und deutlich können wir die Fährte halten. Die Elefanten waren längere Zeit nicht hier gewesen und die ehemaligen Wechsel so alt, daß man sofort die frische Fährte unterscheiden konnte, was sonst manchmal recht schwierig wird, wenn Fährten des Vortages oder der Nacht mitgeprüft werden müssen.

Vergnügt schreiten wir weiter, von der Sonne nicht allzusehr belästigt, da das Blätterdach guten Schutz gewährt. Nun biegt die Fährte wieder links aus der Richtung ab, und als wir ihr eine halbe Stunde gefolgt sind, sinkt uns das Herz in die Stiefel, wir durchschneiden eine schon vorher durchquerte Stelle; die Fährte hat eine Schleife gemacht. Beklommen holen wir Atem und fragen uns, haben die Elefanten beim Überschreiten ihres Wechsels von unserer Folge Witterung genommen? Denn übersehen können wir die Fährte unmöglich haben. Wir unterhandeln mit unsern Begleitern. Senikambi, Salim und Saleh, unsere Fährtensucher, von mir langerprobte gute Jäger, bestreiten aufs entschiedenste, daß bei unserm Durchqueren der verfolgte Wechsel schon von den Elefanten überschritten war. Unmittelbar auf den alten Wechsel ist keine neue Fährte über die alte gesetzt, sondern von allen Tieren überschritten worden. Mit recht gemischten Gefühlen folgen wir weiter. Die Jagdlust und -freude sinkt gleich um 50 Prozent, wenn sich eine Aussicht wie durch diesen Fall verringert, und man merkt plötzlich, daß die Körperfrische einer Ermüdung Platz macht. Gegen 12 Uhr beschließen wir, etwas zu ruhen. Wir verzehrten ein mitgenommenes kleines Frühstück, tranken einen Schluck kalten Kaffee dazu und legten uns lang, die Beine etwas erhöht, da diese Lage die Schwere in den Füßen am raschesten beseitigt. J. schlief ein, und ich döste vor mich hin. J.s Boy schien Verdauungsbeschwerden zu haben, denn es kollerte von Zeit zu Zeit in seinem Bauch. Ich fragte ihn, ob ihm was fehle, er verneinte. Kurz vor 1 Uhr weckte ich J., und wir zogen weiter. Noch keine hundert Schritte waren wir gegangen, da hörte ich es wieder in dem Leib von J.s Boy kollern, doch nein, das ist stärker, kommt aus anderer Richtung. Ich bleibe stehen, wende mich zurück und lege die Finger auf die Lippen. Da streckt auch schon Senikambi den Arm aus und deutet die Richtung an; es sind die Elefanten. Ich freue mich innerlich, daß ich trotz meiner leichten Schwerhörigkeit schon bei der Ruhepause als einziger das Geräusch bemerkt hatte, das die Elefanten mit den Ohren hervorbringen, indem sie mit der pappdeckelartigen Knorpelmasse durch Bewegung knattern; ich hatte es zwar in des Boys Leib verlegt, aber doch wahrgenommen, obwohl kein anderer etwas gehört hatte.

Die Elefanten stehen links von uns, der Wechsel führt noch in gerader Richtung weiter. Am aufgenommenen Staub prüfen wir den Wind. O weh, sie müssen halben Wind von uns bekommen, und richtig, schon knackt's und prasselt's für einige Sekunden, dann ist alles still, und nur hin und wieder rauscht leise ein Busch, den die flüchtenden Elefanten streiften. Schnell folgen wir dem Wechsel. Es ist nicht zu befürchten, daß sie schon wieder stehen. Nach fünf Minuten lauschen wir wieder; nichts ist zu hören.

[Illustration: Abb. 19. Ein guter Elefantenbulle. Besser phot.]

Vorsichtiger gehen wir weiter, wieder von links das Geräusch. Alle Nerven gespannt, spähen wir in den dichten Busch. Dichtes Lianengewirr im Blätterdach hat im Unterholz jeden Laubwuchs unterdrückt. Da hebt sich durch eine Bewegung mit den Ohren in dem dämmrigen Dunkel der Kopf eines Elefanten ab, der auf uns gerichtet ist. J., der etwas weiter rechts steht, bittet mich durch Gesten, mit anzuschlagen. Fast gleichzeitig hallen unsere beiden Schüsse, der Kugeleinschlag dröhnt, wie nur aus einer Büchse herrührend. Gut bin ich auf die Grube zwischen Licht und Gehör abgekommen, sie ist eine der wenigen Stellen, die direkt zum Gehirn führen.

Ein gewaltiges, wütendes Trompeten hebt an, und im Dickicht kracht es. Man denkt, ein Tornado habe eingesetzt. Da, ein schwerer Fall. Das Hurra bleibt noch in der Kehle stecken, denn häufig wird der umgelegte Elefant wieder hoch und läuft kilometerweit, so daß man ihn zuguterletzt noch verlieren kann. Vorsichtig gehe ich von links, Stabsarzt J. von rechts vor. Nach zehn Schritt liegt der Elefant auf acht Meter mit dem Rücken auf mich zu (Abb. 19). Kantig hebt sich das Rückgrat mit der Schwarte vom anderen Körper ab. Kurz entschlossen setze ich eine Kugel zwischen die Wirbel, und der Elefant streckt sich. Diese Art von Fangschüssen wird wohl bei europäischen Jägern Mißfallen erregen. Bei dem zählebigen größeren afrikanischen Wild bildet sie aber die einzige Sicherung gegen ein Hochwerden, da sofort die hintere Partie gelähmt ist. J. schüttelte mir die Hand. Wir ließen das Gestrüpp freihauen, um die Zähne besichtigen zu können. Doch, der Elefant hat nur ~einen~ Stoßzahn, der rechte fehlt völlig! Zwei Handbreiten unter dem rechten Auge ist eine pfenniggroße eiternde Wunde. Ich drücke daran, und es quillt dicker Eiter. Mir dämmert's. Sollte das nicht mein Elefant aus dem Hirsefeld des Nderange sein? Ich mache J. darauf aufmerksam, und gemeinsam untersuchen wir die Wunde mit einem Hölzchen. Es ist eine tiefe Wunde, und auch J. glaubt sicher an einen Schußkanal. Als auch die Eingeborenen merken, was wir da ausprobieren, sind sie sofort der Meinung, daß wir den im Juli nächtlich beschossenen Elefanten zur Strecke gebracht hätten. Vorausschicken will ich hier, daß Stabsarzt J. später Gelegenheit hatte, auf einer Versteigerung den von mir ausgeschossenen Stoßzahn zu erstehen, der in Dicke und Form genau zu dem des erlegten Elefanten paßte.

Zwei Leute schickten wir zum Lager zurück, um unsere photographischen Apparate nebst etwas Kaffee und ein paar Bananen zu holen. Zwanzig Mann sollen mit Messern und Äxten kommen, um dem Elefanten die Stiefel (d. h. die Haut der Säulen) auszuziehen (aus denen sich J. Papierkörbe und Bowlen machen lassen will) und den Zahn herauszuhauen. Wir machen es uns inzwischen im Schatten bequem, und als sich die übrigen Leute etwas ausgeruht haben, lassen wir durch Niederschlagen des Busches den Kadaver freilegen, um Licht zum Photographieren zu haben. Nach eineinhalb Stunden sind die Leute schon zurück. Nur zehn Minuten von uns liegt der Mgeta, und hart an diesem am jenseitigen Ufer der Weg Kissaki-Mafumbo. Bald sind die Säulen abgeschnitten und der Zahn herausgehauen. Schon finden sich Scharen von Weibern, Kindern und alten Männern ein, die fleischhungrig sind. Es sind nichtislamitische Wapungas, denen Elefantenfleisch einen Hochgenuß bedeutet.

Wir überlassen es ihnen gern, da wir keine Verwendung dafür haben; nur einige Zentner behalte ich für mich als Dörrfleisch für meine Hunde. Fest überzeugt, daß am nächsten Morgen von dem wandelnden Fleischberg nur noch einige Knochen übrig sind, treten wir dann den Rückweg zum Zelt an. Hier entfaltet sich noch einmal rege Tätigkeit; es ist gar keine Kleinigkeit, die Haut von den Säulen zu lösen. Der Beinknochen wird mit einem Strick fest an einen Ast gebunden, und nachdem alle vier Säulen baumeln, mühen sich an jedem Fuß vier Mann zwei Stunden lang. Dann wird mit dem Messer noch etwas nachgekratzt und jede Fußhaut voll Holzasche, die inzwischen bereitet worden war, gefüllt, damit nicht Haut auf Haut zu liegen kommt und der Gerbungsprozeß sich selbsttätig vollziehen kann.

Recht müde gingen wir dann nach dem Abendbrot zu Bett, aber ganz ungestört sollte ich die wohlverdiente Nachtruhe nicht genießen. Ich erwachte nach einigen Stunden durch ein Zwicken an verschiedenen Körperstellen. Leider hatte ich abends vergessen, meine elektrische Lampe mit unters Moskitonetz zu nehmen, und lüftete es nun, um nach den Streichhölzern zu tasten und die Lampe anzuzünden. Was hatte ich dadurch angerichtet! Siafus! -- Wanderameisen waren in meinem Zelt. Der Boden, die Decke und die Außenseite meines Moskitonetzes wimmelten von diesen schwarzen Gesellen. Zu mir waren vorher nur die kleinen Tiere gekommen, die durch die Maschen des Moskitonetzes durchschlüpfen konnten. Ich heftete schnell die Zeltwand auf, rief den Boy und stürzte fluchend ins Freie, indem ich mir den Schlafanzug vom Leibe riß und die einzelnen Tiere ablas, die ihre Zangen fest in meine Haut eingebohrt hatten. J. erwachte von meinem Fluchen, als ich splitternackt in seinem Zelt, das, obwohl es nur sechs Meter von dem meinigen stand, von dem Zuge verschont blieb, Zuflucht suchte. Saleh hatte inzwischen Träger mobil gemacht, und diese machten rings um mein Zelt Feuer und kehrten die Ameisen hinein. Ein durch Streuen von heißer Holzasche ums Zelt gezogener Kreis lenkte den Wanderzug ab, und nach einer halben Stunde konnte ich mich wieder niederlegen.