Part 6
Die Erlegung von Flußpferden kann dem Jäger aber auch reine weidmännische Freuden bescheren. In den Gebieten, wo sich dieses riesige Wasserschwein mit der Kultur trifft und seines Feldschadens wegen häufig verfolgt wird, werden auch namentlich die älteren Bullen äußerst angriffslustig. Wer an der Wehrhaftigkeit zweifelt, braucht sich nur einmal einen alten Bullenschädel mit seinen gewaltigen Stoßzähnen und Hauern im Unterkiefer genau anzusehen (s. Abb. 11). Wie mancher Neger hat im Rufidji schon seinen Tod gefunden, weil ein bösartiger Bulle ein harmloses Kanu umstieß oder zerbiß. Mancher mir bekannte Europäer geriet durch Flußpferde, ohne daß er sie beschoß, infolge Kenterns seines Bootes in die Gefahr des Ertrinkens oder des Todes durch den Angriff eines Krokodils und wurde nur mit Mühe gerettet.
Aber nicht nur im Wasser können Flußpferde unangenehm werden, wie aus folgendem hervorgeht. Im März 1912 kehrten in Kissaki eines Abends zwei Neger von der Arbeit zurück. Es war gegen neun Uhr und ziemlich dunkel, wie meist in der Regenzeit. Kurz vor ihrem Dorfe sahen sie ein großes schwarzes Tier an der Straße stehen. Der eine der Männer klopft mit dem Stiele seiner Hacke an einen Baum, und im Augenblick werden beide angegriffen. Der eine entkommt, der zweite fällt auf dem schlüpfrigen Boden hin und streckt die Beine in die Luft. Schon hat ihn das Flußpferd erreicht und zermalmt ihm gänzlich den Unterschenkel. Es wurde erst durch das Geschrei der Dorfbewohner vertrieben. Da alle Wege tief voll Wasser standen, war eine Verfolgung durch Aufnahme der Fährte am nächsten Morgen ausgeschlossen.
Beim zweiten Falle erschien im Juli desselben Jahres ein alter Bulle mittags um 12 Uhr in einem Dorfe. Die Leute hörten das Laufen und glaubten, ein Europäer sei geritten gekommen. Als sie zu seiner Begrüßung aus ihren Hütten heraustraten, sahen sie ein Flußpferd laufen. Eine alte, schwerfällige Frau lief ihm in den Weg und erhielt einen solchen Hieb mit den Hauern, daß die Rippenpartie der linken Seite samt den Rippenknochen aufgerissen wurde.
Da ich dringend verreisen mußte, hatte ich selbst keine Zeit, die Verfolgung aufzunehmen, und schickte deshalb fünf Leute mit Gewehren ab, um das bösartige Tier, das sich seit längerem eine halbe Stunde abseits des Flusses in den Maisfeldern aufhielt, deren Hüter angriff und nur schwer zu verjagen war, unschädlich machen zu lassen. Angeblich hatten es die Leute beschossen. Es habe auch schwer vom Blatt geschweißt, trotzdem sei es entkommen. Den Mgetafluß habe es durchschwommen und sich stets auf dem trocknen Lande in Sicherheit zu bringen gesucht. Ich konnte diese Behauptungen wegen meiner dazwischenliegenden Abwesenheit nicht nachprüfen. Einige Zeit später, als das Flußpferd wieder gemeldet wurde, brachte es der Baumeister S., der die Station Kissaki baute, zur Strecke.
+a.+ ~Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf dem Njassasee.~
Häufig hatte ich am Njassastrand in den frühen Morgenstunden oder auch am Tage, wenn der See wellenlos lag, die Umrisse der der Flußpferdjagd obliegenden Wakissi beobachtet. In Kanus, die sechs bis acht Leute fassen, stand am Bug der Harpunier mit der Harpune, die stets auf dem nach oben ausgestreckten Arm wagerecht gehalten wird. Immer folgte ein Kanu ohne Harpunier. Nie waren es aber mehr als zwei Kanus, die gemeinsam fuhren. Vom Land aus gelang es mir nicht, den Augenblick des Harpunierens zu erspähen, wohl aber sah ich mehrmals die Leute mit ihrer Beute im Schlepptau heimkehren und diese im seichten Wasser zerlegen.
Ende des Jahres 1902 konnte ich die Angst des Wakissihäuptlings Mandemera, daß mir ein Unfall zustieße und er dann dafür verantwortlich gemacht würde, besiegen und ihn breitschlagen, mich auf solche eigentümliche Jagd mitzunehmen.
Zunächst will ich kurz die Ausrüstung beschreiben. Die beiden Kanus boten Platz für vier bis sechs Personen, trugen aber im Notfall das Doppelte. Es waren ausgehöhlte Baumstämme, deren Öffnung oben breit genug war, daß ich, ohne mich seitwärts zu drehen, im Niedersitzen meine Hüften hineinbrachte.
Zu jedem Boot gehörten vier Mann mit dem am Njassa gebräuchlichen kurzstieligen Paddelruder (s. Abb. 13, rechts) mit lanzettlichem Blatt, das, ohne am Bootsrand aufgelegt zu werden, mit beiden Armen gehandhabt wird. Die Ruderer sitzen am Boden des Bootes mit vorgestreckten Beinen und bewegen nur den Oberkörper beim Rudern.
Die Harpune (s. Abb. 13, links) ist ein am Blatte oval geschmiedetes und haarscharf geschliffenes Eisen von 6 cm Länge und 4 cm Breite. Oberhalb des Blattes steht als Widerhaken ein eiserner Dorn von der Dicke und Länge eines kleinen Fingers, dann folgt eine mit einer Öse versehene Lasche. In dieser ist eine aus Hanffaser festgeflochtene Leine gut verknüpft. In die Lasche wird locker ein aus hartem, zähem Holz gearbeiteter, fünf Meter langer Schaft gesteckt, an dem die Harpune durch die an der Öse befestigte Leine festgezogen wird. Bei Lockerung der Leine trennt sich die Harpune sofort vom Schaft. Der Schaft von Handgelenkstärke wird durch monatelanges Liegen im Schlamm mit mehrmaligem Erhitzen über Feuer besonders schwer und wuchtig gemacht und wiegt dann gebrauchsfähig fünfunddreißig bis vierzig Pfund. Man muß die Harpunenführer bewundern, daß sie stundenlang dieses Gewicht auf dem erhobenen Arm balanzieren können. Die oben erwähnte Leine ist sechzig bis siebzig Meter lang und liegt sauber aufgerollt hinter dem Harpunenträger. Eine zweite ist zur Reserve vorhanden. Dann kommen auf jedes Boot noch zwei Dutzend starke Speere mit 30 Zentimeter langem, dreieinhalb bis vier Zentimeter breitem Blatt. Die Speere sind mit Blatt etwa 1,6 m lang.
[Illustration: Abb. 13. Rechts Paddelruder, links Harpune der Wakissi-Neger für Flußpferde (n. Skizze d. Verfassers gez. v. R. Öffinger).]
An einem windstillen Morgen fuhren wir bei der ersten Dämmerung ab. Östlich von uns sah und hörte man schwach einige Flußpferde, die, aus der Lufiriomündung kommend, langsam in den offenen See zogen. Ich befand mich im Boot beim Harpunenträger -- dem Häuptling Mandemera selbst -- und hatte, weil ich von dieser Art Jagd noch nichts verstand und daher sonst passiv bleiben wollte, die Beaufsichtigung der Leine übernommen, um möglichst genau vom Bug aus beobachten zu können. Ich hatte bis auf Hut, Hemd und Hose alles abgelegt, um gegebenenfalls im Schwimmen nicht behindert zu sein, falls das Boot zum Kentern kam, was häufig vorkommen sollte. Außer uns beiden trug das Boot vier Ruderer. Das zweite Boot war ebenfalls mit vier Ruderern bemannt und trug noch einen Mann und einen Jungen. Jener sollte speeren, der Junge ihm Ersatzspeere reichen.
Klar grün schimmerte das Njassawasser. Es war so durchsichtig, daß man am Bug, ohne verzerrte Bilder zu bekommen, auf dem Sandboden jedes Steinchen schimmern und jeden Fisch schwimmen sah. Der See mochte fünf Meter tief sein, wie ich mich belehren ließ. Mandemera bestimmte die Tiefe nach der Farbe des Wassers. In einem Kilometer Abstand von den Flußpferden fuhren wir zunächst zu diesen parallel. Dann wurde ein Bogen geschlagen, der die Tiere zwischen uns und das Land brachte. Da sich auch die Flußpferde gleichzeitig vom Ufer entfernten, waren wir etwa 6 Kilometer weit draußen im See. Nun warteten wir mit eingezogenen Rudern. Oft war von den Flußpferden nichts zu sehen. Sie schwammen unter Wasser; näher und näher kamen sie. Erst sah man eine Fontäne zerstäubten Wassers aufsteigen, dann erst hörte man den prustenden Ton, der durch das Ausstoßen der Luft verursacht wird. Auf 150 Meter waren sie jetzt an uns herangekommen. Es war 7 Uhr morgens. Nun suchten sie seitlich auszubiegen, da sie wohl die feindliche Absicht witterten. Unsere Ruderer traten in Tätigkeit, und Mandemera stellte sich in Positur, wie ich sie so häufig vom Land aus beobachtet hatte. Das zweite Boot fuhr in drei Meter Abstand eine halbe Bootslänge hinter uns. Nun waren wir heran. Zehn Meter vor uns tauchte der Wassersprudel auf. Dann hob sich das Tier mit halbem Körper aus dem Wasser und versank lautlos. Es waren vier Flußpferde. Mandemera hatte es auf das letzte abgesehen. Er schien es unter Wasser genau im Auge zu haben, ich konnte nichts sehen, da ich saß. Da tauchte vor uns in fünf Meter Entfernung die Nase auf und war auch schon wieder unter Wasser.
Jetzt sah auch ich das Tier unter Wasser. Ganz rosig durchscheinend schimmert seine Haut, ganz verschieden von dem sonstigen bräunlichen Ton. Nun tauchte es zwei Meter seitwärts vor uns auf, sofort wendeten unsere Boote. Wieder schwamm es unter uns. Es schien mir greifbar nahe. Mandemera sagte, ohne seine Stellung zu verändern, es schwimmt zu tief. Wohl eine Stunde folgten wir dem Flußpferd und bewegten uns kreuz und quer fahrend dem Lande zu. Wir waren nur noch etwa vier Kilometer vom Strand entfernt und die anderen Flußpferde weit draußen im See. Mandemera sagte mir, ich stoße nur, wenn es nach [Illustration: Abb. 14. Flußpferdjagd der Eingeborenen auf dem Njassasee. (Nach Skizze des Verfassers gez. von M. Zimmer.)]
oben schwimmt, um Luft zu holen. Dies geschah alle drei bis fünf Minuten. Wie mir schien, verpaßte der Häuptling gute Momente. Plötzlich sah ich, wie Mandemera die Spitze der Harpune langsam senkte. »Gib auf die Leine acht!« rief er mir zu. Das Flußpferd tauchte auf, wieder hatte er nicht gestoßen, und ich fing an, ungeduldig zu werden. Jetzt erhob er sich auf den Zehen, und die Harpune mit beiden Händen fassend stieß er zu (Abb. 14). Ich spähte über den Rand und sah, wie sich das Flußpferd im Wasser überschlug. Indem ich hastig die Leine abwarf, sah ich, wie Mandemera jetzt den harpunenlosen Schaft in der Rechten hielt und durch die Linke die Leine gleiten ließ. Halb links waren wir über das Flußpferd hinweggefahren. Jetzt tauchte es auf, etwa 10 Meter rechts von uns, seine Wasserfontäne war hellrot vom Schweiß. Rückwärts fahrend hatte Mandemera den Harpunenschaft abgelegt und ließ sich von mir einen Speer reichen. Ungefähr zwei Drittel der Leine waren abgelassen. Mandemera faßte sie jetzt straff und sagte zu mir »festhalten«; schon merkte ich das Reißen des flüchtenden Tieres. Ich spreizte meine Knie, um fest im Boot zu sitzen, und ließ die Leine am Bootsschnabel aufliegen. Tief neigte sich dieser nach dem Wasser; obwohl die Ruderer Gegengewicht gaben, nahmen wir doch Wasser über, das ein Mann eilig mit einem halben Flaschenkürbis ausschöpfte. Vierhundert Meter hatten wir so in schneller Fahrt, vom Flußpferd gezogen, zurückgelegt, das zweite Kanu hielt sich an unserem Boote fest. Mandemera und ich hatten scharf zu halten, weil wir die Last beider Boote schleppten.
Plötzlich wird die Leine schlaff und, den ganzen Kopf außer Wasser, kommt das Flußpferd laut brüllend auf uns zu. Mir wurde beklommen zumute. Mandemera ging wieder an die Spitze des Bootes, und die Ruderer ruderten mit Kraft rückwärts. Jetzt ist das Tier so nahe, daß ich im Geiste schon unser Boot splittern sehe. Da hat es Mandemeras Speer im Rachen, es schüttelt wütend den Kopf und beißt zu, der Speerschaft zersplittert. Rasch reiche ich Mandemera den bereitgehaltenen zweiten Speer. Er kommt aber nicht mehr zum Stoßen, denn das zweite Kanu kam heran, und blitzschnell hatte sein Speerträger zweimal zugestoßen. Das Flußpferd warf sich hintenüber, etwa wie der Stier den Kopf hochwirft, auf den Schmerz reagierend, wenn er die erhoben gehaltenen Banderillos in den Nacken empfängt, so daß der Torero Zeit hat, zu entfliehen. Schon ist es wieder an der Oberfläche. Die Ruderer leisten Fabelhaftes im schnellen Wenden und Vor- und Rückwärtsfahren. Blutiger Schaum breitet sich auf dem Wasser. Mehrmals noch haben die Speerhalter beider Boote Gelegenheit, zuzustechen, die Bewegungen des Tieres werden matter, die Speerstiche bei jedem Auftauchen häufiger und tiefer. Jetzt ist das Flußpferd wieder oben, es liegt halb auf der Seite. Mandemera sticht so heftig zu hinters Blatt, daß er ins Wasser springen muß, der Speer bleibt stecken. Noch einmal bäumt das Tier auf, uns mit flockigem Schweiß übersprühend, dann sinkt es langsam weg. An der Leine wird es bis an die Oberfläche geholt und noch ein Strick an sein Bein gebunden. Dann werden beide Stricke am Boot festgemacht. Das andere Boot legt sich uns vor. Mandemera und ich halten es mit den Händen fest und, das Flußpferd im Schlepptau, geht's dem Lande zu. Gegen elf Uhr hatten wir wieder Boden unter den Füßen. Die Beute lag drei Meter vom Strand entfernt im See, weil wir sie im seichten Wasser nicht weiterziehen konnten. Es war ein junger Bulle. Das ganze Dorf hatte sich schon versammelt mit Messern und Körben, um das Fleisch abzuholen. Ich sah mir zunächst die Speerstiche an, die zehn Zentimeter breit waren. Vergeblich versuchte ich, einen Speer durch die Haut zu stoßen. Sie federte wie Gummi, und zum Schluß hatte ich das Blatt ganz verbogen. Es scheint bei der Anwendung dieser Waffe, die ich in ihrer Weichheit mit den Händen fast wieder gerade biegen konnte, mehr Geschicklichkeit als Kraft nötig zu sein. Dann ließ ich mir die Harpune herausschneiden, um zu sehen, wie sie saß. Fünfzig Zentimeter weit war sie seitlich in den Nacken gedrungen und hing mit dem Widerhaken am Kehlkopf. Vor dem Zerlegen ging ich nach Hause. Meine Nerven erschlafften stark nach der aufregenden Anspannung, und ich habe auch keine weitere Mitwirkung an derartiger Jagd angestrebt, obwohl sich mir späterhin mehrfach Gelegenheit bot, d. h. die Leute keine Angst mehr hatten, mich mitzunehmen, da diesmal die Sache gut abgelaufen war. Ein Gewehr hatte ich deshalb nicht mit ins Boot genommen, weil ich zu damaliger Zeit nur ~eine~ gute Waffe besaß, die ich nicht verlieren wollte, falls das Boot kenterte, wie mir vorher ausgemalt wurde. Sonst hätte ich dem Tier bald den Fangschuß gegeben, nachdem es an der Harpune saß -- es hat eben nicht jeder eine Negernatur --, Gelegenheit hätte ich dazu gehabt.
+b.+ ~Flußpferde im Rikwasee.~
Gegen Ende des Jahres 1907 hielt ich mich einige Wochen am Rikwasee (Abb. 1) auf. Die Gegend ist recht spärlich bewohnt, wegen der sehr geringen Regenfälle unfruchtbar und sehr, sehr heiß. Groß ist dagegen der Wildreichtum, und in den Mittagsstunden ist stellenweise nichts zu sehen vor dem Staub der sich wälzenden Zebras und der herumgaloppierenden Hartebeeste, denen das Brackwasser des Sees und das Gras der Salzsteppen so vorzüglich bekommt, daß ich nie wieder Tiere in solchem Ernährungszustande sah wie dort. Das Wasser ist belebt von Scharen von Watvögeln. Rosa und weißen Wolken gleich fliegen unzählige Flamingos und Pelikane über das Wasser, das großen Fischreichtum -- allerdings vorwiegend wenig schmackhafte Welse -- beherbergt und außerordentlich viel Schildkröten und Krokodilen zum Aufenthalt dient.
Flußpferde sind im Verhältnis zu anderem Wild nur wenige vorhanden, Nashörner wechseln ganz selten vorbei, und Elefanten durchschreiten den See nur alle Jubeljahre einmal. Nur einmal sah ich drei Elefanten mitten im See stehen. Ich hielt sie erst für Flußpferde, da sie nur etwa eineinhalb Meter über dem Wasserspiegel sichtbar waren, und dann betrug auch die Entfernung einige Kilometer.
Nach Westen zu ist der See in der Trockenzeit für Fußgänger durchschreitbar, südlich ist das Wasser so flach, daß man nach sechshundert Metern vom Ufer nur bis an die Knie im Wasser steht. Im Osten sind die Ufer versumpft durch den einmündenden Songwefluß, und nur im Norden fallen die Ufer steil ab.
Mir war neben anderen Nahrungsmitteln Butter und Fett ausgegangen. Von den Fettschwanzschafen hatte ich nur noch eins, dessen »Fettschwanz« leider seine Rasse Lügen strafte und nur als schlaffer Hautlappen herunterhing. Meine Mahlzeiten wurden täglich miserabler. Der Koch gestand sein Unvermögen, ohne Fettstoffe Abwechslung in die Küche zu bringen, und ich mußte ihm in dieser Beziehung recht geben. Ein Pumpversuch bei den Mönchen der »Weißen Väter« in Galula zeitigte eine Flasche Erdnußöl, mehr konnten sie wegen eigener Ebbe nicht entbehren. Was sollte ich mit diesem »Tropfen auf den heißen Stein« anfangen? Da fiel mir ein, daß ich im Kolonialkochbuch gelesen hatte, »der Speck des Flußpferdes ist sehr wohlschmeckend und in den Tropen bekömmlicher als Schweinespeck,« es standen da allerdings auch noch andere Sachen drin, wie »Affenrücken zuzubereiten« -- brrr, mich schüttelte es, -- aber versuchen konnte man es immerhin. Ich lagerte in Kadabula und hatte sowohl an die Süd- wie an die Ostseite zwei gute Wegstunden bis zum See. Rasch ließ ich Pferd und Maskatesel satteln und machte mich in Begleitung meines Pferdejungen auf den Weg. Die Südseite, die ich für die aussichtsloseste hielt, entsprach meinen Erwartungen. Mit dem Glas sah ich im Osten des Sees mehrere Flußpferde im Wasser spielen. Also gut, nach Osten. Zwei Kilometer vor dem See mußte ich Pferd und Esel zurücklassen, da das Gelände sumpfig [Illustration: Abb. 15. Sultan Mwen Iwunga rechts, daneben sein Minister. Besser phot.]
wurde. Zahlreiche Moorantilopen, die Ricken in Sprüngen, die älteren Böcke einzeln, sprangen knätschend im Sumpfboden ab. An Wildbret lag mir nichts, meine Trophäen wiesen gute Stücke auf, und aus diesem Grunde schoß ich nicht; sodann wollte ich mir auch die Flußpferde nicht vergrämen.
Eine filzige Rasendecke bedeckte den Sumpf. Wie auf Eiern lief ich vorwärts. Bei jedem Stehenbleiben spülte Wasser um meine Schuhe, und die Rasendecke zitterte bei jedem Schritt mehrere Meter im Umkreis. Einigemal trat ich durch und zog den Fuß bis übers Knie mit grauem Schlamm bekleistert wieder heraus. Als ich erst ordentlich eingeschlammt war, kam ein Gefühl der Gleichgültigkeit dagegen auf. Eine dünne Binsenlinie versperrte mir noch den Ausblick auf den See. Endlich hatte ich sie überschritten, aber wo waren die Flußpferde? Mehr als sechshundert Meter draußen im See. Überall standen Krokodilköpfe auf dem Wasser, und ab und zu schwamm ein Krokodil vorbei, den zackigen Rücken und Schwanz außer Wasser. Sollte ich weiter ins Wasser hineingehen? Die Krokodile sind hier sehr friedlich, da sie überreich Fischnahrung haben und von Menschen wenig belästigt werden. Ich versuchte es, aber nach dreißig Metern ging mir das Wasser schon bis an die Hüfte, und ganz vertrauenerweckend war mir die Nähe der Krokodile doch nicht. Unverrichteter Sache kehrte ich wieder um, denn ich sagte mir: Schieße ich wirklich ein Flußpferd, wer holt es mir heraus? Da ich das Fett für den Tisch verwerten wollte, mußte es wenigstens frisch geborgen werden, ehe Zersetzungsgase den Auftrieb besorgten.
Zu Haus fragte ich den Sultan Mwen Iwunga (Abb. 15), ob er mir nicht sein großes Kanu zur Verfügung stellen könnte. Er behauptete aber, das Befahren des Sees wäre nur in der Regenzeit möglich, wenn der Songwe hoch sei, jetzt wäre durch die verschilfte Mündung nicht durchzukommen. Wenn ich Flußpferde schießen wollte, müßte ich abends gehen oder zeitig vor Tagesanbruch, da wären sie an Land. Früher, wo er noch rüstig gewesen sei, hätte er es immer so gemacht und Erfolg gehabt. Also ritt ich abends wieder hin und fand die Flußpferde genau so weit draußen, wie am folgenden Morgen. Sie mußten erst spät in der Nacht aussteigen und nicht sehr lange äsen. Der Mond war aber noch zu klein, um nachts schießen zu können.
Gekochtes Wildfleisch und Reis, das ich früh, mittags und abends vorgesetzt bekam, konnte ich aber kaum mehr sehen und riechen.
Nach fünf Tagen hatten wir endlich Vollmond. Elf Uhr nachts war ich wieder an Ort und Stelle und zitterte förmlich vor Aufregung, daß die Flußpferde vielleicht an einer entfernteren Stelle aussteigen könnten. Ich nahm meinen Fährtensucher mit, um jemand bei mir zu haben. Kaum waren wir am Wasser angekommen, so hörten wir ein Rauschen; es wurde still, dann rauschte es wieder. Nun können wir auch sehen. Drei Flußpferde kommen aufs Land zu. Sie haben schon Grund und den halben Leib außer Wasser. Alle paar Schritt bleiben sie stehen. Jetzt sind sie nur noch hundert Meter entfernt, jetzt noch vierzig. Wir wollen sie erst aussteigen lassen, und ich will dann möglichst nahe herankriechen, da ich trotz des hellen Mondes schlecht zielen kann.
[Illustration: Abb. 16. Hart am Ufer des Sees tat sich das Flußpferd nieder. Besser phot.]
Kaum liegen wir hinter einem ausgesuchten Grasbüschel, so legen die Flußpferde die letzten vierzig Meter in ziemlichem Eiltempo, das Wasser aufrauschen lassend, zurück und sind am Land. Sie sinken bis an den Bauch im Sumpf ein und fangen sofort lebhaft, fast gierig an zu äsen. Silbern glänzen die feuchten Leiber im Mondlicht. Vorsichtig schiebe ich mich zwischen den Binsen entlang. Ich war schon zu weit gekrochen, nur ein Meter trennte mich vom mittleren Tier. Indem ich mich seitlich zurückschob, hoffte ich, daß das Flußpferd bald durch eine kleine Lichtung in den Binsen hindurchkommen würde. Nun erschien der Schädel, und nun der Körper. Zwei Meter war ich von ihm entfernt und ließ fliegen, aufs Blatt abkommend. Im Augenblick war ich auch aufgesprungen und von dem an mir vorbeirasenden Tier wieder hingeworfen worden. Als ich hoch kam, sah ich es bereits zusammenbrechen. Da pustete das letzte Flußpferd heran. Ich trug ihm einen Schuß an und lief dann in vier Meter Abstand neben ihm her und feuerte im Laufen noch dreimal. Es hat das Wasser erreicht; nun taumelt es und tut sich noch hart am Ufer nieder (Abb. 16). Das Nebenherlaufen war übrigens gar nicht so einfach. Bei jedem Schritt trat ich tief in den Sumpf, und es muß ein komisches Bild gewesen sein, wie ich meine Sätze machte und immer den hinteren Fuß aus dem Sumpf ziehen mußte. Dem Flußpferd ging es aber auch nicht besser. Am nächsten Morgen bezeichnete eine tiefe Rinne die Schleifspur seines Bauches; zu beiden Seiten standen die Löcher voll Wasser, wo es tief eingetreten war.
Die Moskitos hatten mich ganz eklig zugerichtet, und meine Augenlider waren von den Stichen dick verschwollen. Einen jungen Bullen und eine sehr alte Kuh hatte ich zur Strecke gebracht. Speck hatte der Bulle gar keinen und die Kuh nur ganz wenig. Mit dem Bauchfett zusammen schmolz mein Koch nur etwa vierzig Pfund daraus. Geschmeckt hat's übrigens ganz leidlich, ich war aber auch lange genug für den Genuß vorbereitet und hätte auch übleren Sachen einen guten Geschmack abgewonnen.
+c.+ ~Der alte Gomerobulle.~
Ich hatte durch nächtliches Arbeiten meine Nerven etwas überanstrengt und konnte wieder einmal nicht einschlafen. Um nicht schlaflos im Bett liegen und naß zu schwitzen, lief ich auf meiner Veranda auf und ab und rauchte dann im Dunkeln im Klubsessel liegend noch eine Zigarette. Fortwährend hörte ich vom Gomeroflusse her das Schrecken von Buschböcken, und ich beschloß, mich am künftigen Tage, da ich gerade den Strich unter eine größere Arbeit gemacht hatte, selbst zu belohnen und auf einer kleinen Streife am Gomero, der nur zwei Kilometer entfernt war, durch körperliche Anstrengung die Nerven wieder in das richtige Gleichgewicht zu bringen. Buschböcke sah ich zwar keine, dafür aber eine außerordentlich starke Flußpferdfährte. Nach zwei Stunden Folge durch übles Dickicht verlor ich die Fährte und kehrte mit zerrissenem Anzug und auch nicht ganz heiler Haut heim.
[Illustration: Abb. 17. Die heißen Quellen bei Kissaki (Kalksinter). Besser phot.]
Öfter, wenn ich in der Richtung auf die heißen Quellen (Abb. 17) den Gomero überschritt, um für meine Küche einen Wasserbock oder ein Hartebeest zu holen, traf ich diese alte Fährte wieder, so daß ich zu der Überzeugung kam, der alte Einzelgänger hat dort sein Standquartier. Ideal genug dazu war ja die Gegend. Dichtestes Phönixpalmengebüsch und schwerer Busch, der dicht mit Lianen bewachsen war, gab selbst bei heißester Sonne kühle Verstecke. Grünes Gras war am und im Gomero das ganze Jahr hindurch vorhanden. So zog ich denn eines Tages aus, um ausschließlich auf den alten Burschen zu pirschen. Leicht stieß ich auf die Morgenfährte, folgte ihr zum Flußbett und fand, daß mein Freund nur Wasser eingenommen hatte, indem er sich nur einen halben Meter ins Wasser begab. Schon früher hatte ich festgestellt, daß er seinem Namen wenig Ehre machte und das feste Land gegen das feuchte Element bevorzugte. Bald begann eine üble Kriecherei im dichtesten Gebüsch. Zahlreiche Phönixstacheln waren schon in meiner Haut abgebrochen, und der Schweiß badete mich förmlich. Ich trug mein Gewehr selbst, da mir mein Boy Raschid, den ich an Stelle des erprobten Saleh mitgenommen hatte, nicht zuverlässig genug war. Immer mußte ich auf diesen Rangen von Boy warten, da er wegen der Dornen für seine Haut überängstlich besorgt war. Jetzt finde ich Urin, der noch im Schaum steht, etwas weiter Losung, die noch tropft; da geht auch schon ein Getöse los, das mich schleunigst das Gewehr entsichern läßt. Ehe ich es aber noch auf den für einen Augenblick sichtbaren Hautfleck in Anschlag bringen kann, bricht der Bulle durchs Dickicht und reißt ganze Wände Lianen mit sich, die mir das Gesichtsfeld versperren und mir Arme und Gewehr nach unten drücken. So schnell wie möglich ging ich ihm nach; das Brechen entfernte sich immer weiter von mir.