Part 4
Dies war meine erste Begegnung mit wilden Hunden. Noch häufig traf ich diesen Schrecken des armen Wildes an. Einmal, als ich gerade Wildbret für meine Tafel brauchte und bei Morgenlicht im Wildgebiet eintraf, galoppierte ein Wasserbock (+Cobus ellipsiprymnus Ogilb.+) auf mich zu. Ich nahm an, daß er mich früher wahrgenommen hatte und mir auf seiner Flucht wieder in den Weg lief, weil ich durch Gebüsch gedeckt war. In hohen Fluchten quittierte er auf meinen Blattschuß. Der erst spärlichen, dann reicher werdenden Schweißfährte folgend, fanden wir ihn, nach etwa 1000 Meter Suche, verendet in einem Dickicht.
Einen Augenblick bei dem zur Strecke gebrachten Bock ausruhend, hörte ich plötzlich den Schreckton eines Buschbockes (+Tragelaphus roualeyini Gord. Cumm.+). Da das Fleischbedürfnis meiner europäischen Nachbarn groß war, wollte ich auch diesen strecken. Vorsichtig schiebe ich mich aus der Dickung heraus und habe vor mir: sechs Wildhunde. Auf vier Meter Entfernung bleiben sie ruhig vor mir sitzen, indem sie mich anäugen. Sie müssen meine Anwesenheit schon vorher bemerkt haben und waren höchstwahrscheinlich auch schon vorher hinter meiner Beute her. Den Vordersten schoß ich spitz von vorn. Er fiel ohne einen Laut. Die anderen machten nun einen Luftsprung, dann saßen sie wieder. Einer steht auf und nimmt Witterung an seinem toten Kameraden, aber nur einen Augenblick. Hastig faßt er ihn dann mit den Zähnen, und im Nu bilden die übrigen vier mit ihm einen Knäuel. Sie reißen große Fetzen aus dem Geschossenen und würgen die Bissen ohne Kauen hinunter. In kurzer Zeit ist auch kein Knochen oder Haarbüschel von ihm übrig. Als ich den zweiten schoß und nach seinem Fall gleich auf die Wildhunde zuging, zogen sie sich knurrend zurück und verschwanden dann. Eine halbe Stunde danach hörte ich, wie sie mit einem Löwen stritten. Als ich mir durch das Dickicht einen Weg nach dem Kampfgetöse zu gebahnt hatte, waren alle Beteiligten verschwunden. Nur das niedergetretene Gras gab Zeugnis von einer Balgerei.
Wer den kürzern gezogen hatte, ließ sich nicht ermitteln. Ich glaube aber der Löwe. Selbst habe ich es zwar noch nicht mit angesehen, aber mir bei verschiedenen eingeborenen Jägerstämmen erzählen lassen, daß der Löwe deshalb eine so große Furcht vor meinen Doggen hätte, weil er sie für wilde Hunde hielte, die ihm stets so arg zusetzten, daß er das Weite suchte. Käme es zu einem Kampf, so stürzten alle zugleich auf den Löwen und bissen ihn überall, wobei immer ein Stück Fell und Fleisch in ihrem Fang bliebe. Der Löwe selbst wäre nicht flink genug, sich so vieler Angreifer zu erwehren. Etwas Wahres muß daran sein, denn stets brachten meine Hunde den Löwen zur Flucht und konnten ihn nur dann stellen, wenn ich mehr als zwei bei mir hatte.
Wie das Wild die Wildhunde fürchtet, sah ich häufig daran, daß Gebiete, die dicht mit Wild bevölkert waren, plötzlich wie ausgestorben dalagen und nur einige Buschböcke und Ducker (+Sylvicapra grimmia L.+) (kleine Antilopen, die durch Ducken sich vorzüglich verbergen), die ihren Standort schwer wechseln, übrig waren. Wasser- oder Futtermangel war nicht eingetreten. Stets ergab es sich dann, daß Wildhunde dort gehetzt hatten. Rudel bis zu dreißig Stück waren keine Seltenheit. Eine solche Panik unter dem Wild ruft kein Löwe hervor. Wohl zeigt das Wild bei Löwenanwesenheit Unruhe, ich sah aber mehrfach weit auseinandergezogen äsende Wasserböcke und Hartebeeste, die von einem Löwen, der mitten durch die Herde lief, kaum Notiz nehmen.
Strichweise bewegen sich die Wildhunde durchs Land und steigen auch in hügeliges Gelände auf. 1910 traf ich sie auf 1200 Meter Höhe nahe Langenburg, wo sie die weidenden Viehbestände schwer schädigten.
Nach meinen Erfahrungen bevorzugen sie alles Hornwild mit Ausnahme des Büffels, der ihnen wohl zu wehrhaft ist. Warzen- und Wildschweine verschmähen sie nach meinen Beobachtungen gänzlich. Übrigens nahmen auch meine Hunde (Doggen und deutsche Schäferhunde) Schweinefleisch nur ungern auf. Bei Zebras und Giraffen fürchten sie Schläge mit dem harten Huf. Überall bestätigten mir die Eingeborenen, daß diese beiden Tiere von Wildhunden verschont würden, wenn es sich nicht um ein junges Stück handelte, das sich von der Herde entfernt hatte und den Anschluß nicht mehr erreichen konnte.
Erstaunlich ist die Muskelkraft der Kieferpartie der Wildhunde. Einer meiner Bekannten in Langenburg zog zwei junge Hyänenhunde auf. Sie liefen frei herum und kamen auf Ruf zum Futter. Als sie ein Vierteljahr alt waren, hatten sie das Bestreben, nicht unter Beobachtung zu fressen. Sie nahmen deshalb die Blechbüchse, die ihr Futter -- Reis und gekochtes Fleisch -- enthielt, in den Fang, und einer trug den für beide bestimmten Teil, der mit Büchse mehr als sein Körpergewicht betrug, wagrecht davon, ohne daß dem Tier eine Anstrengung anzumerken war.
Übrigens waren die Tiere trotz ihrer Gefräßigkeit äußerst mager. Nur der dicke Kopf, der durch die sehr großen, aufrechten Lauscher (Ohren) noch größer erschien, fiel auf, so daß der übrige Körper dagegen ganz zurücktrat.
Im Gegensatz zu anderen vierfüßigen Raubtieren sind Wildhunde ausgesprochene Tagestiere. Nase, Gehör und Gesicht sind außerordentlich scharf.
Deutsche Schäferhunde, die nach meinem Dafürhalten unter allen Hunderassen das beste Gesicht haben, erkannten auf 200 Meter Entfernung sich schwer vom Gelände abhebende, sehr ruhig weidende Esel nicht, d. h. sie nahmen sie nicht wahr. Die beiden jungen Wildhunde verfolgten die Esel aber ständig mit dem Auge. Keine laufende Ratte entging ihrer Aufmerksamkeit, und zwar auf viel größere Entfernung, als wie ich dies bei meinen sonst sehr regen Hunden beobachtete.
Die Farbe der von mir erlegten Wildhunde war verschieden. Niemals fand ich sie rein einfarbig, sondern immer in zwei Farben unregelmäßig gefleckt. Im Südosten der Kolonie fand ich vorwiegend Dunkelbraun bis Schwarz als Grundfarbe mit weißen oder gelben Flecken. Im Westen war die Grundfarbe heller. Mehrmals schoß ich ganz fahlgelbe Exemplare mit weißen Flecken. Einmal brachte ich einen Wildhund zur Strecke von schmutziggelber Grundfarbe und schwarzen Flecken.
Meist beherbergt das Fell zahlreiches Ungeziefer, vorwiegend Flöhe, Zecken und Sarcoptes-Milben. Auch den Eingeborenen ist die Vorliebe des Ungeziefers für den Wildhund als Wirtstier bekannt, und gerade aus diesem Grunde ist das Fell eines Wildhundes den Eingeborenenärzten oder Medizinmännern eine begehrte Sache, aus der sich Kapital schlagen läßt.
Sehr stark ist nämlich die Nachfrage nach Amuletten, die Liebe und Zuneigung erwecken sollen. Ein alter Medizinmann, mit dem ich Freundschaft unterhielt, um mich über die Art seines Wirkens zu unterrichten, gab mir im Laufe der Jahre interessante Aufschlüsse über seine Praxis.
Vieles ist Hokuspokus, ohne jeden Wert, einem großen Teil der angewandten Mittel liegt aber eine gute Kenntnis heilkräftiger Kräuter zugrunde. Es ist dieselbe Art des Wirkens, wie sie bei uns im Mittelalter üblich war und heute noch von Schäfern und Wunderdoktoren ausgeübt wird. Früher standen diese Leute im höchsten Ansehen, es schwindet aber immer mehr, je mehr europäische Ärzte ins Land kommen. Es bricht sich allmählich Bahn, daß diese denn doch etwas mehr vom Heilen verstehen, als die eigenen Ärzte. Außerdem sind sie billiger, d. h. der Eingeborene wird vorwiegend kostenlos behandelt, während der eingeborene Arzt seine Kranken gehörig schröpft und diese bis auf wenig Ausnahmen, wenn überhaupt, so aus Autosuggestion, ihre Gesundheit wiedererlangen. Der europäische Arzt ist diejenige Person, die am leichtesten den Weg zum Herzen der Neger findet, sofern er einigermaßen umgänglich ist. Das Gefühl der Dankbarkeit geht zwar dem Neger völlig ab, dafür erkennt er aber den Vorteil einer mit Erfolg geführten ärztlichen Behandlung voll an. Für ihn sind ja die Wirkungen der Schutzimpfung gegen Pocken und die Salvarsanbehandlung bei Frambösie[4] die reinen Wunder.
Doch ich sprach von der Verwendung des Felles der Wildhunde durch Medizinmänner. Mein alter Freund verwendete deshalb bei der Herstellung von Liebesamuletten stets einige Haare vom Wildhund, weil diese starke Anziehungskraft ausübten, wie ja schon daraus zu ersehen wäre, daß sich alles Ungeziefer zum Wildhund hingezogen fühlte.
Von Eingeborenen wird der Wildhund nur selten erlegt. Einesteils ist es nicht häufig, daß Wildhunde sich weidendes Vieh holen; es fehlt der Anreiz der notwendigen Abwehr. Andernteils flößt der in Herden jagende Wildhund den Negern Achtung ein. Ob diese berechtigt ist oder nicht, hatte ich nie Gelegenheit festzustellen. Es wird zwar vielfach behauptet, daß ab und zu Menschen von Wildhunden angegriffen würden, etwas Bestimmtes scheint aber nicht dahinter zu stecken. Wenigstens konnte ich nicht einen einzigen Fall dieser Art ermitteln.
So wie ich den Neger kenne, wirkt schon das dreiste Verhalten der Wildhunde, die nicht sofort die Flucht ergreifen, wenn einer oder mehrere ihrer Genossen getötet werden, auf sie abschreckend.
Fußnoten:
[1] Die in diesem Bändchen mehrfach vorkommenden weidmännischen Ausdrücke bedürfen wohl meistens keiner besonderen Erklärung, da sich ihr Sinn aus dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht werden, von selbst ergibt. Wo es uns aber dennoch nötig schien, haben wir eine entsprechende Erklärung als Fußnote gebracht.
[2] D. h. in den Bewegungen innezuhalten (beim Wahrnehmen einer Gefahr oder eines Feindes).
[3] D. h. bei Raubwild eine »Spur« (Tritt) vor die andere setzen.
[4] Die Frambösie ist eine eigenartige Hautkrankheit, die sich nur in den Tropenländern vorfindet und durch das Auftreten kleiner weißer Pusteln auf geröteter und entzündeter Haut, sowie daraus entstehender Geschwüre und schwammiger Auswüchse von Form und Größe einer Himbeere (franz. +framboise+) zu erkennen gibt.
[Illustration]
Dickhäuter.
Gewaltig ist der Reichtum an Dickhäutern in Deutsch-Ostafrika, die allerdings die großen Heerstraßen, auf denen Europäer oder ihre Karawanen entlang ziehen, verlassen haben. Bedingung für alle ist das Vorhandensein reichlichen Wassers. Frisches Gras, Schilf und Laubwerk ist ihre Hauptnahrung, und namentlich in der Trockenzeit sind diese Genüsse an fließendes oder stehendes Wasser gebunden. Allerdings treten die Dickhäuter zeitweise auch große Wanderungen an, so daß man sie in Gebieten antrifft, in denen sie ihre Lebensbedingungen auf die Dauer nicht finden. Stets halten sie sich aber dort nur vorübergehend auf, seien es Nashörner und Flußpferde, z. B. wenn sie nach einem anderen Weidegrund Umschau halten, oder Elefanten, wenn ihre Naschlust sie treibt, Borassuspalmen oder Bäume in der Zeit der Fruchtreife abzuernten.
Plump und unbeholfen scheint uns ihr massiger Körper, der in der Natur eine ganz andere Größe erreicht als bei noch so sorgfältigster Pflege und reichlichster Nahrung in der Gefangenschaft.
Jedoch mit welcher Behendigkeit entgegen dem täuschenden Anblick durchqueren sie die für kleineres Wild und Mensch kaum gangbaren Dickichte, die diesen nur auf ihren Pfaden ein Vorwärtskommen gestatten! Dornendickichte und üppig wuchernde Schlingpflanzen, die die Gebüsche förmlich verfilzen mit ihren frischen und abgestorbenen Ranken, durchschreiten sie wie weiches Gras. Wenn auch lautes Gekrach und Geprassel damit verbunden ist, den Kolossen selbst ist eine Anstrengung nicht anzumerken.
Durch ein Dickhäuter-Eldorado.
Im Oktober 1912 reiste ich im Morogoro-Bezirk in Deutsch-Ostafrika. Am Schnittpunkt der Morogoro-Mahengestraße mit dem Ruahafluß angekommen, sagte ich mir, daß es für mich wenig Zweck hätte, auf den bisher bekannten Wegen mein Reiseziel Kissaki zu erreichen, und ich beschloß, den Ruahafluß abwärts zu gehen bis zum Zusammenfluß mit dem Rufidji. Auf der Karte war der Ruaha auf dieser Strecke nur durch punktierte Linien angedeutet, eine Routenaufnahme längs des Flusses war mir also vorbehalten.
In den Ortschaften Kidatu und Kidoti versuchte ich, Eingeborene zu finden, die vielleicht die in Luftlinie etwa 180 km lange Strecke schon zurückgelegt hätten. Keiner war beim Fischen nach den im Ruaha lebenden enorm großen Welsen weiter als 40 km gekommen. Europäer hatten den Weg noch nicht gemacht. Nur der mit Schomburgk Elefanten jagende Engländer Kapitän Hemming war im Oktober 1908 dreißig Kilometer weit flußabwärts gelangt.
Auf der Missionsstation Widunda, die von meinem Lager nur zwei Stunden entfernt lag, und wo ich bei Mönch Lamberti gastfreieste Aufnahme fand, suchte ich mich weiter zu orientieren. Andere Auskunft als die, daß weder Europäer noch Eingeborene diese menschenleere Gegend durchquert hätten, bekam ich auch hier nicht. In gemeinsamer Beratung nahmen wir an, daß der Weg bis zu den ersten Ortschaften vor dem Rufidji in vier Tagen zu machen sei.
Da man beim Reisen in Afrika mit allen möglichen Zufällen rechnen muß, nahm ich für meine zwanzig Träger Verpflegung für sechs Tage mit, in der Voraussicht, unterwegs die Nahrungsmittel noch durch erlegtes Wild und gefangene Fische zu ergänzen. Ich warb in Kidoti noch vier Mann an, die die erste vierzig Kilometer lange Strecke kannten, zum Tragen des Mehlvorrates, den meine Träger nicht mehr auf ihre Traglasten schnüren konnten. Am ersten Tage legten wir fünfunddreißig Kilometer zurück. Der Weg war prächtig, da die Grasbrände von den von uns verlassenen Ortschaften sich bis hierher ausgedehnt und die ersten leichten Niederschläge der kleinen Regenzeit einen üppigen niedrigen Grasteppich hervorgezaubert hatten. Das Schweifen des Auges ins Grüne weiß nur der richtig zu würdigen, der den trostlosen afrikanischen Winter, die Trockenzeit, kennt, in der alles gelb, starr und tot ist, und wo das Auge nur zwei bis drei Meter vor sich Ausblick auf den schmalen Fußweg hat, den die eigenen Träger oder eine frühere Karawane getreten haben.
Wunderbare Flußszenerien boten sich dem Auge dar. Das Flußbett war stellenweise dreihundert Meter und mehr breit, und da wenig Wasser floß, bildete der Fluß nur Rinnsale innerhalb eines Gewirrs von Sandbänken, die dicht mit aller Art Enten und Nilgänsen bedeckt waren.
Im Schlick wateten fischende Marabus (+Leptoptilus crumeniferus Less.+) und Löffelgänse (+Platalea leucerodia Linn.+). Ibisse steckten ihre gebogenen Schnäbel in den Schlamm, und wo im Fluß ein abgestorbener Baumstamm lag, dort wimmelten unter seinen in die Luft starrenden Ästen Madenhacker (+Buphaga+), Kuhreiher (+Bubulcus lucidus Rafin.+), unter denen einzelne Edelreiher (+Herodias alba Linn.+) saßen und sich in der Reichsadlerstellung sonnende Kormorane (+Phalacrocorax carbo Linn.+).
Hoch in der Luft zogen Seeschreiadler ihre Kreise und erfüllten sie mit ihrem hellen, klaren Schrei. Einzeln oder zu mehreren hielten Krokodile auf den Sandbänken Siesta in der Sonne, um beim langsamen Näherkommen behäbig ins Wasser zu rutschen, oder, falls sie überrascht wurden, in eilig grotesker Stellung dem Wasser zuzuwatscheln und mit starkem Schwanzschlag Wassergarben aufzuwerfen, so daß auf der Stelle, wo sie eingetaucht waren, noch einen Augenblick die Regenbogenfarben standen.
Von Haarwild waren mir nur Wasserböcke (+Cobus ellipsiprymnus Ogilb.+ und +Cobus defassa Rüpp.+) zu Gesicht gekommen. Da niemand in dieser Gegend jagte, waren sie recht wenig scheu und trotteten mir nur gemächlich aus dem Winde. Dabei fiel mir auf, daß sie wohl unter einer Seuche leiden mußten, denn ihre Behaarung war ruppig und glanzlos, und die Rippen traten deutlich hervor. Später gemachte Blutpräparate kamen mir leider abhanden, so daß ich nach meiner Heimkehr nicht mehr feststellen konnte, ob es sich um Tsetse (+Nagana+) oder einen anderen Erreger handelte. Obwohl Tsetsefliegen (+Glossina fusca+ und +morsitans+) in übergroßer Menge uns belästigten, möchte ich doch nicht auf Nagana schließen, da mein mitgeführter Reitesel gesund blieb und erst ein Jahr später sich an Nagana infizierte und einging, die Fliegen am Ruaha also wohl nicht infiziert waren.
Schießen wollte ich erst kurz vor dem Lager, um keine Schwierigkeit mit dem Fleischtransport zu haben.
Die linke Flußseite war bisher ziemlich frei von Wald, die gegenüberliegende trug abwechselnd dichtesten Uferbusch und Hochwald, aus dem ab und zu einige Borassuspalmen lugten, die sich hier und da in kleinen Inseln als Palmenbusch vereinigten (Abb. 9).
Die rechte Seite des Ruaha bildete von meinem Ausgangspunkt bis hinunter zum Rufidji die Grenze des großen Jagdreservates des Bezirkes Mahenge und war bekannt wegen ihres Reichtums an Dickhäutern. In allen wildreichen Bezirken Deutsch-Ostafrikas finden sich nämlich ein oder mehrere Reservate, die von der Regierung geschaffen werden, um dem Wilde Schutz und Schonung angedeihen zu lassen. Es herrscht eine scharfe Kontrolle, daß von Durchreisenden kein Schuß, und sei es auf Raubtiere, darin abgegeben wird.
Gegen zwei Uhr fing auch auf meiner Seite ein zunächst lichter Uferwald an, der den Fluß in zweihundert bis dreihundert Meter Breite begleitete und sich bis an die das Flußtal umsäumenden Hügel erstreckte. Das sonst aus abgebrannten Wiesenflächen wieder frisch gesprossene Gras hatte hier aufgehört, und wir mußten von nun alte Elefantenwechsel benutzen, die überall längs des Flusses kreuz und quer führten. Da meine Leute erschöpft waren, machte ich gegen halb vier Uhr Lager. Ich machte mir eine Stelle aus, wo ich freien Überblick nach dem Fluß und auch nach der Landseite zu eine Lichtung hatte, und baute das Zelt in niedrigem Busch ein, um nach Möglichkeit die Tierwelt beobachten zu können. Meine Leute plagten mich um Fleisch, und nach vier Uhr machte ich einen kleinen Gang ums Lager, mehr um mich zu orientieren, als mit der Absicht, Wild zu erlegen. Nur für alle Fälle nahm ich einen Mann mit, der, wenn nötig, das rituelle Schächten besorgen sollte, da alle meine Leute Mohammedaner waren, die nicht durch Kehlschnitt getötetes Wildbret verschmähen. Unmittelbar nachdem das Wild durch den Schuß auf der Decke liegt, muß der Schnitt unter Gebeten ausgeführt werden, solange das Blut der Halsschlagader noch fließt.
Wir schlenderten also zunächst fünfhundert Meter am Flußufer hin. Man kann da im weichen, feuchten Ufersand am besten lesen, was alles zur Tränke kommt. Besonders zahlreich waren die Fährten von Wasserböcken, daneben lag Losung (Exkremente), die noch nicht ganz erkaltet war; die Tiere mußten also vom Zeltaufschlagen flüchtig geworden sein. Einige Warzenschweine waren auch zur Tränke gegangen.
[Illustration: Abb. 9. Landschaftsbild vom unteren großen Ruaha während der Trockenzeit. Besser phot.]
Ein kleines Bachbett, das zurzeit trocken war, hatte Flußpferden zum Ausstieg an das höhere Flußufer gedient; der Wechsel war aber schon älteren Datums und die Losung prasseldürr. Wir folgten dem Bachbett aufwärts und sahen etwa dreißig Stück nur männliche Wasserböcke. Um sie dem Lager noch näher zu treiben, gingen wir, bis sie Wind bekamen. Es war mehr eine Spielerei von mir, aber der Versuch glückte. Durch langsames Nachgehen trieben wir sie bis auf hundert Meter aufs Lager zu. Plötzlich stutzten sie vor den Brennholz holenden Negern, und ich nahm auf neunzig Meter den stärksten Bock aufs Korn und ließ fliegen. Mit gesenktem Äser (Maul) ging er noch einige taumelnde Schritte näher zum Zelt und lag dann mit gutem Lungenschuß. Leider war er genau so mager, als die tagsüber gesichteten. Den Negern ist das ja ganz gleichgültig, meinen Appetit schärfte das kränkliche Aussehen jedoch nicht, und ich verzichtete auf den Genuß.
Nun, da die Leute ihren Willen, d. h. Fleisch zu ihrer Polenta hatten, gab ich mich der Ruhe hin. Schöner lockerer Sand am Ufer lockte zum Niederlegen, und die am Uferrand stehenden wilden Feigenbäume dämpften das noch immer grelle Sonnenlicht. Einige meiner Leute kamen zum Wasser, das einen klaren Tümpel von etwa Hektargröße bildete, und spülten die Därme des Wasserbockes, um sich diese Delikatesse mundgerecht zu machen. Wäre kein Wasser in der Nähe gewesen, so wäre es auch gegangen, indem die Därme einfach umgedreht und mit der Hand abgestreift worden wären.
Während ich den Leuten so zusehe, fällt mir auf dem Wasserspiegel in der Nähe der Spülstelle auf, daß kleine, aus dem Wasser ragende Zweige hin und her schwimmen, untertauchen und wiederkommen, so daß ein mechanisches Bewegen durchs Wasser ausgeschlossen erscheint. Ich rufe die Leute an, was das wäre, und erhalte die Antwort: +cambale mingi sana+ -- sehr viele Welse.
Na gut! Fisch hatten wir längere Zeit nicht gehabt, und wenn sie so gierig waren, wie die vor uns, so versprach das einen leichten Fang. Von einer Wasserbockkeule ließ ich das Fleisch abschneiden, band dann den Knochen an einen Strick, diesen an eine Baumwurzel und schnitzte mir dann einen Stiel zu meiner Hechtgabel, die ich noch aus meiner Jugendzeit besitze.
So, nun noch einen Nagel durchgetrieben, daß die Öse fest am Stock sitzt, und die Sache kann losgehen. Schon von weitem sehe ich, daß der Köder gut angenommen war. Der Strick wurde hin und her gezerrt, und einzelne Rücken schoben sich aus dem plätschernden Wasser. Vorsichtig ging ich näher. Es waren mächtige Kerle dabei, deren Bart über Bleistiftstärke Dicke hatte. Ich suchte mir einen mittleren von 1 Meter Länge aus und hatte ihn an der Gabel, die ich aber fest an den Grund drücken mußte, damit er sich nicht losriß. Ich schickte einen Mann ins Wasser, der untergreifen mußte, und mit gleichzeitigem Schwunge lag der Wels hilflos im losen Sande. Die anderen Welse nahmen keine Notiz von uns, sie mußten im Tümpel wohl nicht mehr allzuviel finden und waren deshalb so gierig, daß sie auf nichts mehr acht gaben. Die Gabel kam nun noch ein paarmal zur Anwendung, dann nahmen der mir helfende Mann und dazugekommene andere Träger einfach die Hände und warfen Fisch auf Fisch in den Sand, bis ich sagte: »Jetzt sind's genug!« Bald waren alle Fische kopflos und wegen ihrer Dicke der Länge nach halbiert; auf Stäbe gespießt und ums Feuer gesteckt, begannen sie ihren Räucher- oder vielmehr Dörrprozeß, für meine Nase allerdings kein idealer Genuß. Ist man aber erst über ein Jahrzehnt in Afrika, d. h. wirklich darin und nicht nur an der Küste und in Orten der Bahnlinie, dann ist die Nase auch an mancherlei Düfte gewöhnt, ohne ihrem Träger Übelkeit und Brechreiz zu verursachen, wie so oft im Anfang. Am nächsten Morgen waren so viele getrocknete Fische vorhanden, daß, nachdem sich jeder Träger die Menge auf seine Last geschnürt hatte, die er noch gerade zu tragen vermochte, neben dem Rest des Wasserbockfleisches noch zwei Traglasten übrig blieben, die die in Kidoti mitgenommenen Mehlträger auf ihrem Rückwege mit nach Hause nehmen wollten; sie verschnürten sie deshalb sorgsam in Borassusblätter und hingen sie zum Schutze gegen Hyänen drei Meter über der Erde an einem Baum auf.
Frisch und fröhlich marschierte die Karawane dann an dem noch kühlen Morgen weiter. Viel Gelände gewannen wir nicht auf unserem Wege, denn Gestrüpp und hohes Gras zwangen uns, nur Elefantenwechsel zu benutzen, die außerdem nicht gerade in der gewünschten Richtung führen. Man muß daher oft Leute nach rechts gehen lassen, um festzustellen, ob wir uns auch parallel am Fluß halten. Diese Wechsel sind zwar, wenn weniger benutzt, am Boden in achtzig Zentimeter- bis Meterbreite gut glattgetreten, aber von der Seite ragen Dornenzweige herein, und von oben hängen armdicke Schlingpflanzen herunter, um die sich der Elefant zwar wenig kümmert, da er sie einfach beiseite drückt oder zerreißt, die aber den Trägern mit der Last auf dem Kopfe äußerst hinderlich sind, namentlich wenn die Last sperrig ist, wie das beim Zelttisch, dem Feldbett und den Zeltlasten der Fall ist. Mühsam müssen die Vordermänner dann mit dem Buschmesser Luft schaffen, was die Leute recht ermüdet. Damit ich zu allererst die Natur immer frisch vorgesetzt bekomme, gehe ich mit meinem Boy Saleh und einem alten Jagdbegleiter -- Mohamadi Kungulio -- der früher berufsmäßiger Elefantenjäger war, fünfhundert Meter voraus.
Wir warten nun und wollen die Karawane aufmarschieren lassen und dann den Leuten etwas Rast gönnen. Wir warten, warten, warten -- nichts kommt. Endlich wird mir's zu bunt, und ich lasse Saleh laut rufen. Nach dem zweiten »Huiiiii« zupft mich Mohamadi Kungulio am Ärmel -- +tembo kule, na kule, na kule+ -- Elefanten dort und dort und dort, die Richtung mit dem zur Schnute geformten Mund angebend. Da höre ich auch schon meine Leute hinter mir aufschreien und für eine halbe Minute kracht's und prasselt's im Wald und Gebüsch, als ob ein Zyklon hindurchbrauste. Ich selbst sah für kurze Augenblicke vier Elefanten, die mit den Ohren schlugen und im Laufen den Rüssel nach allen Richtungen in die Luft warfen, um zu winden. Zwei kamen auf uns zu, zwanzig Meter in der Breite getrennt; wir blieben ruhig stehen, ohne uns zu rühren, und sie schlürften weiter auf die Karawane zu, ohne Notiz von uns zu nehmen. Wir steckten rasch das trockene Gras in Brand, um sie durch den Brandgeruch weiterzuvertreiben, und gingen dann zurück zu den Trägern. Hier lagen meine Lasten am Boden, von den Leuten keine Spur; erst nach mehrmaligem Rufen kommen einige zaghaft hinter Stämmen hervor oder von Bäumen herunter. Zu Schaden ist keiner gekommen, nur meine Lasten werden durchs Hinwerfen etwas beschädigt sein. Nun lachen die Leute sich gegenseitig aus wegen der überstandenen Angst. Die vordersten hatten drei Elefanten schlafend stehen sehen; nach der Beschreibung der Leute mußten wir auf sechs Meter an ihnen vorbeigegangen sein, hatten aber nichts gemerkt. In Angst hatten sich die Leute nicht weiter vorgewagt, sondern waren mit der Last auf dem Kopfe stehen geblieben und hatten erst nach dem »Huiiiii« die Lasten weggeworfen und waren ausgerückt, als einer der aus der Ruhe gestörten Elefanten die Richtung auf sie zu nahm. Es mögen insgesamt etwa dreißig Elefanten gewesen sein, die sich lang auseinandergezogen zur Ruhe untergestellt hatten.