Part 2
Die Enttäuschung über das klägliche Versagen der Revolution – diesen „Generalstreik einer erschöpften Armee“, wie sie Rathenau genannt hat – trieb das Kleinbürgertum, nachdem es beim Umsturz in hellen Haufen zur Sozialdemokratie übergelaufen war, sehr bald wieder zurück ins bürgerliche Lager. Dieser Prozeß war wahrscheinlich in hohem Grade unvermeidlich. Die goldenen Berge, die sich das Kleinbürgertum versprach, hätte ihm keine Partei zu schenken vermocht, gegen die ökonomische Entwicklung des Zusammenbruchs anzukämpfen, war unmöglich. Aber da die Sozialdemokraten den Zusammenbruch nicht nur durch ihren Eintritt in die bürgerliche Regierung sanktionierten, sondern „zur Verhütung des ärgsten“, sogar deckten, identifizierten sie sich den breiten Massen gegenüber mit ihm. Die Sozialdemokratie wurde nicht nur als Partei von den breiten Massen des kleinen Bürgertums für den wirtschaftlichen Bankrott verantwortlich gemacht, der Sozialismus überhaupt wurde heillos kompromittiert, die Kluft zwischen der Arbeiterschaft, „deren Partei doch regierte“, und den kleinbürgerlichen Massen immer weiter aufgerissen.
Das deutsche Kleinbürgertum ist heute zwar ein Typus von scharf durchgebildeter politischer Physiognomie, aber soziologisch keine einheitliche Klasse. Drei große Schichten lassen sich deutlich unterscheiden:
1. das ehemalige Offizier- und Staatsbeamtentum nebst dem überwiegenden Teil der Studentenschaft;
2. die Kleinhändler, Gewerbetreibenden, Handwerker, Kleinrentner;
3. die geistigen Arbeiter (Ärzte, Ingenieure, mittlere Beamte).
Die „Stehkragenproletarier“ – um mit der dritten Schicht zu beginnen – haben durch den Krieg und in der Revolution ohne Zweifel die stärkste seelische und geistige Wandlung durchgemacht. Die bittere Not hat der großen Mehrheit von ihnen den Standesdünkel recht bald ausgetrieben und, wurde es in diesen Kreisen noch vor wenigen Jahren als ärgste Schmach empfunden, materiellen Interessen die Herrschaft über den freien Geist einzuräumen, so bläute den Mittelständlern der von Tag zu Tag schwerere Kampf um die Erhaltung des nackten Lebens unbarmherzig die Erkenntnis ein, daß der sehr prosaische Magen und nicht der poetische Geist das letzte, entscheidende Wort hat. Diese Schicht ist es auch, die zuerst eine Brücke zur Arbeiterschaft zu schlagen versuchte und in der Erkenntnis, daß ihre Interessen mit denen der Handarbeiter gleichlaufen, die Notwendigkeiten der praktischen Solidarität, der Organisation immer klarer erfaßte.
Schwieriger steht es mit der zweiten Schicht. Unser Wirtschaftsleben bringt Kleinhändler und Arbeiter täglich in scharfen Gegensatz. Die Arbeiter, die dem kleinen Händler nur als Konsumenten bzw. im Gewerbe als „unbescheidene Angestellte“ gegenübertreten, sind nur allzu leicht geneigt, für die teuern Preise, für ihre Übervorteilung die verantwortlich zu machen, mit denen sie unmittelbar in Beziehung kommen, statt zu erkennen, daß diese selbst auch Opfer des Systems, der großen Unternehmer sind. Und die Kleinhändler wieder klammern sich an die Illusion von der „Wiederkehr der guten alten Zeit“ und verfolgen (Ursache und Wirkung in bekannter Weise vertauschend) Revolution, Demokratie, Republik – die Symbole ihres Falles – mit wütendem Haß.
Bleibt noch das Heer der ehemaligen Offiziere und Staatsbeamten, der Studenten und Lehrer.
Als unmittelbar nach dem Zusammenbruch die deutsche Armee in die Heimat zurückflutete, entlud sich der Haß, die Erbitterung der Masse der einfachen Soldaten, die fünf lange Jahre in den Schützengräben ganz Europas gehungert und gelitten hatten, zuerst gegen jene, die sie als ihre eigentlichen Peiniger empfanden – die Offiziere. Es ist damals gewiß so manchem dieser Offiziere bitter Unrecht getan worden. Sicher hat der überwiegende Teil des deutschen Offizierkorps, vor allem in den niederen Rängen, ebenso gelitten, ebenso geblutet wie die Mannschaft. Sicher kann der Mehrzahl der Offiziere der alten Armee die Bestätigung ihrer persönlichen Anständigkeit, Korrektheit, Pflichttreue und ehrlicher Sorge um die Untergebenen nicht versagt werden. Gewiß, es gab traurige Ausnahmen – die aber nur die Regel bestätigen. Und dennoch: so bitter und ungerecht der Entrüstungssturm gegen die Offiziere, der damals die Massen in Deutschland durchtobte, jenen erscheinen mußte, die Erbitterung war nicht nur begreiflich, sie war auch notwendig. Die Masse sah nicht den einzelnen Leutnant oder Rittmeister, sondern den „Offizier“, das Symbol des wilhelminischen Kaiserreichs. Der einzelne war nur der sichtbare Ausdruck für die Maschine, die zu zerbrechen für die Massen Voraussetzung ihrer Befreiung war.
Ein großer Teil der Offiziere, durch ihre ganze Erziehung, durch Umgebung und Tradition in einen scharfen Gegensatz zur Arbeiterschaft, zum „Zivilistenpack“ aufgewachsen, hat im Krieg eine seelische Wandlung durchgemacht und war beim Umsturz vielfach sogar ehrlich bestrebt, sich durchzuringen zu einem inneren, ehrlichen Verhältnis zur Masse. Da mußten gerade diese sehen, wie ihre Annäherung mit Mißtrauen, ja mit Hohn zurückgewiesen wurde. Das tat weh. Das verbitterte. Man mußte schon ein innerlich starker und gefestigter Mensch sein, um allen diesen täglichen Verhöhnungen und Beschimpfungen, die immer gegen den ganzen Stand erhoben wurden, zum Trotz, den Weg zur Arbeiterschaft zu finden. Die Mehrzahl fand ihn nicht. Viele von ihnen zogen sich, geschworene Feinde der Republik und der Demokratie, die sie für ihren tiefen Sturz verantwortlich machten, grollend zurück. Viele fanden in den folgenden Jahren nach und nach den schweren Weg ins bürgerliche Berufsleben. Sehr viele verkamen, versanken im Schiebertum, Gelegenheitsgeschäft, wurden Hochstapler, Abenteurer, Landsknechte.
Die anderen aber, mochten sie mittlerweile auch den Weg in die bürgerlichen Berufe gefunden haben, sie blieben auch dort nur der Leutnant oder Oberleutnant a. D., d. h. eingesponnen in die Ideologie ihrer Vergangenheit und so innerhalb der Masse der Schwankenden und des zur Passivität neigenden Kleinbürgertums die starken Führerpersönlichkeiten, die weit über ihre nächste Umgebung hinaus bestimmenden Einfluß genießen.
Endlich die Studentenschaft. So traditionstreu sie sich vielleicht dünkt, sie hat überhaupt keine Tradition. Kaum glaublich, daß noch vor siebzig Jahren die deutschen Studenten Schulter an Schulter mit den Arbeitern auf den Barrikaden für Republik und Demokratie kämpften und fielen. Vergessen sind die Befreiungskriege, vergessen 1848 – unvergessen ist Schwarz-Weiß-Rot, Hohenzollern, Militärpracht. So sind die deutschen Hochschulen uneinnehmbare Festungen der Reaktion geworden.
Solcherart ist das große, vielmillionenköpfige Heer des deutschen Kleinbürgertums, das – durch Not, Hunger und Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen aus seiner Ruhe und althergebrachten Ordnung aufgerüttelt – nunmehr in Bewegung geraten ist. Der Wechsel auf das selige Jenseits hat eine zu lange Laufzeit und der Glaube an Gott macht den Magen nicht voll. Der Kaiser war zu „schlapp“ und also mitschuldig an dem Sieg der „Novemberverbrecher“. So lautet also der neue Schlachtruf: „Mit Wotan für Diktator und Vaterland, gegen die Juden, gegen die Marxisten, Sozialisten und Kommunisten, gegen das ‚jüdische‘ Kapital!“ Und aus dem Gefühl seiner inneren Schwäche, aus dem tiefen Sehnen, sich unter eine starke Führung begeben zu können, wo doch alle bürgerlichen Parteien, wo doch vor allem die Sozialdemokratie nicht einmal die Bereitschaft gezeigt haben, zu _führen_, stimmt die unklare, schwankende Masse des Kleinbürgertums den Schlachtruf an: „Einen Diktator, einen Diktator, alle republikanischen Errungenschaften für einen Diktator!“ ER wird wieder Ordnung und Autorität in Deutschland zu Ehren bringen, ER wird die Teuerung in Deutschland abschaffen und das Volk in die schönen Friedenszeiten zurückführen.
Der Mann war schon gefunden. Er hieß Hitler. Aber da in Deutschland bekanntlich an politischen Führern und Diktatoren von jeher kein Mangel ist, so traten neben ihm gleich noch ein halbes Dutzend solcher Führer auf den Plan: General Ludendorff, Kapitän Ehrhardt, Leutnant Roßbach – einer für die militärischen und einer für die politischen und einer für die diplomatischen Angelegenheiten, Sachverständige, deren Fachkenntnis die Bildung eines Direktoriums nationalgesinnter Männer zur Rettung Deutschlands aus den Klauen des jüdischen Kapitals und des französischen Militarismus verbürgte.
Diese Männer machten sich ans Werk. Drei Jahre lang trafen sie ihre Vorbereitungen, spannten ein Netz von Verschwörungen über ganz Deutschland, rüsteten ihre Armee aus, bewaffneten ihre Soldaten, sorgten für Nachschub und Rückendeckung und Aufnahmestellungen – alles klappte glänzend. Das Geld, das man bekanntlich zum Kriegführen braucht, floß ihnen in Hülle und Fülle zu. Der Kapp-Putsch hatte ihnen gezeigt, wie man’s nicht machen darf. Sie hatten erkannt, daß die Republik trotz allem ein zu mächtiger Gegner ist, als daß sie durch einen Handstreich überrumpelt, die Stellungen der Demokratie allzu fest, als daß sie einfach überrannt werden könnten. Sie wußten, daß es ein harter und blutiger Kampf werden würde und sie richteten sich danach ein.
Als der deutsche Faschismus seinen großen Aufmarsch in militärischer und politischer Beziehung beendet hatte, als die feindlichen Stellungen durch ein Trommelfeuer aus den schwersten Geschützen der Inflation „eingedeckt“ waren, als durch eine würgende Blockade das flache Land die Städte ausgehungert hatte, als die Verzweiflung wie eine schleichende Seuche die Reihen der Arbeiter- und Beamtenschaft, der Verteidiger der Republik und Demokratie, lichtete, als der Angriff Poincarés gegen das Ruhrrevier die Republik „sturmreif“ gemacht hatte, da holte der Faschismus zum entscheidenden Stoß aus, um der Republik, die dank der Stärke ihrer Feinde und der Zaghaftigkeit ihrer Freunde nur mehr eine leere Form ohne jeden Inhalt geworden zu sein schien, den letzten Schlag zu versetzen.
Mussolinis Marsch nach Rom sollte in Hitler-Ludendorffs Zug nach Berlin seine Nachahmung finden. Allerdings: Als Mussolini nach Rom marschierte, da war das kaum mehr als ein theatralischer Effekt, da hatte er die Entscheidungsschlacht bereits gewonnen, da lag Italien von den Alpen bis Neapel wehrlos und besiegt den faschistischen Truppen zu Füßen und nur die rauchenden Druckereien und Versammlungslokale der Sozialisten, nur die Attentate verzweifelter Revolutionäre gaben Kunde davon, daß es noch „elementi soversivi“ (Umstürzler) in Italien gab.
War nicht im Oktober 1923 die Lage in Deutschland eine ähnliche? Es mußte ein Kinderspiel scheinen, die Hakenkreuzfahne auf den Zinnen des Berliner Schlosses zu hissen. Demütigungen auf Demütigungen, Verhöhnungen und Bedrohungen hatte die Republik fast widerstandslos eingesteckt, untätig sahen die Regierungsparteien, sah auch die Sozialdemokratie dem Aufmarsch des Gegners zu, und wer die warnende Stimme erhob, um in letzter Stunde zum Widerstand, zur Verteidigung zu rufen, den schickte die Republik in Zuchthaus und Kerker.
Hitler und Ludendorff hatten die Situation klar erfaßt und verstanden es wohl, daß sie nicht länger warten durften, wollten sie sich nicht selbst aufgeben. Nur eine Kleinigkeit hatten sie übersehen: daß plötzlich – fast über Nacht – der reiche Geldstrom, der in immer steigendem Maße ihnen zugeflossen war, merklich zu versiegen begann. Ein Zufall? Nein: während die Nationalsozialisten wie gebannt nach Berlin starrten und ihr Heer an der thüringischen Grenze aufmarschierte, hatte die deutsche Schwerindustrie ihre Geschäfte mit Paris in Ordnung gebracht. Die Industrie, die den Faschismus ausgerüstet, großgezogen, ins Feld gestellt hatte, um den Rücken frei zu haben gegen die für den Achtstundentag, für den Ausbau der sozialen Reformen kämpfende Arbeiterschaft und um andererseits einen entsprechenden Druck auf den französischen Partner ausüben zu können, war mit diesem zu einer Einigung gelangt. Der Faschismus hatte seine Schuldigkeit getan, nun mochte er sich trollen und brav im Hintergrunde warten und lauern, bis er wieder gerufen würde. Der Weg für den legalen parlamentarischen Rechtskurs war frei, der Gedanke des Bürgerblocks marschierte, völkische Experimente konnten da nur mehr unangenehme Verwicklungen herbeiführen.
Hitler und die Seinen aber verstanden gar nicht, worum es ging. Das große Heer der Hakenkreuzler machte sich jedenfalls keine Gedanken darüber, was später einmal kommen sollte. Sie hatten ihre Befehle, sie hatten ihren Führer, sie hatten ihr nächstes Ziel, sie hatten den Glauben an ihre Berufung und sie durften gehorchen. Hitler schlug los. Er schlug ins Leere.
So ist der Putsch vom 8. November 1923, der als entscheidender Kampf um die Macht gedacht war und in wenigen Stunden als Revolte im Bürgerbräukeller endete, das wichtigste politische Ereignis in Deutschland seit der Revolution. Er ist ein Merkstein für eine politische Entwicklung, die mit ihm ihren Abschluß gefunden hat, und erst die späteren Monate machten seine Bedeutung für den sozialen und politischen Umschichtungsprozeß in Deutschland ganz klar.
OKTOBER
Der passive Widerstand an der Ruhr war zusammengebrochen. Verzweiflung über die würgende Not, die in den Hochsommermonaten eine phantastische Höhe erreicht hatte, trieb die rettungslos im reißenden Malstrom der Inflation versinkenden Arbeiter, Kleinbürger, Beamten, Angestellten zu gewaltigen, spontanen Kundgebungen auf die Straße. Cuno ging und Stresemann kam. Die Massen, die im ersten Anlauf eine Schlacht gewonnen hatten, fluteten wieder zurück. Ihre Aktion, die sich im ersten Augenblick so bedrohlich und gewaltig angelassen hatte, verpuffte. Die Sozialdemokratie sprang in die Bresche, um den Erfolg des ersten Treffens auszunutzen und als Teilhaber der Regierung Ruhe und Ordnung im Lande wiederherzustellen und den „Ruhrkampf zu liquidieren“.
Hilferding, der neue Finanzminister, machte sich voll Eifer ans Werk. Es galt, die ins Bodenlose gestürzte Mark wieder auf die Beine zu bringen, die heillos zerrütteten Finanzen zu ordnen, die Teuerung einzudämmen, während dem Innenminister Sollmann, von dem man erwartete, daß er als Sozialdemokrat über den unerläßlichen Einfluß bei den erregten Massen verfügte, die Aufgabe zufiel, in der Zwischenzeit für die Aufrechterhaltung von Ordnung und Ruhe zu sorgen.
Hilferding hatte nicht nur einzelne Reformen im Auge, er brachte einen wohldurchgearbeiteten Plan ins Ministerium mit. Die Arbeit begann. Die Mark stürzte weiter. Die Teuerung wuchs, das Elend, die Verzweiflung, Hunger und Not wuchsen mit. Innerhalb der Koalition spitzten sich die Gegensätze von Tag zu Tag zu. Das Finanzministerium und die Reichsbank arbeiteten aneinander vorbei, bald standen sie in offenem Kampf. Hilferding forderte die Sperrung aller Kredite, der Reichsbankpräsident Havenstein setzte die Kreditpolitik der Inflationszeit eigensinnig fort. Bei dem Duell Hilferding-Havenstein blieb als Leidtragender der kleine Mann auf dem Kampfplatz.
Die Sozialdemokratie machte Opposition, protestierte, drohte mit dem Austritt aus der Koalition und merkte gar nicht, daß inzwischen Deutschnationale und Volkspartei, Schwerindustrie und Agrarkapital sich geeinigt hatten, zu einem gemeinsamen Aktionsprogramm gelangt waren. Die Sozialdemokratie drohte, ihre außerparlamentarischen Machtmittel einzusetzen und wußte, als einzige der politischen Parteien, nicht, daß diese Machtmittel – infolge der wachsenden Unzufriedenheit und Enttäuschung in der Mitgliedschaft – beträchtlich zusammengeschmolzen waren. So beantworteten die bürgerlichen Koalitionsparteien die Drohungen der Sozialdemokratie damit, daß sie sie beim Wort nahmen. Ehe sich die Partei dessen versah, war sie durch die Schwerindustrie ohne viel Federlesens aus der Regierung hinausmanövriert.
Bevor es aber die Deutsche Volkspartei zu einem offenen Bruch mit der Sozialdemokratie kommen ließ, wollte sie gewisse unerläßliche Garantien für die Zukunft schaffen. Auf dem Wege zur rein bürgerlichen Regierung galt es, als erstes und wichtigstes Hindernis den roten Block zu überwinden, der gerade in jenen Monaten zu einem bedrohlichen revolutionären Pfeiler gegen die bürgerliche Regierungspolitik ausgebaut worden war. Das Reichswehrministerium täuschte sich nicht darüber, daß die Beseitigung der sozialistischen Regierungen in Sachsen und Thüringen eine schwierige Aufgabe bedeutete und zu gefährlichen Auswirkungen führen mußte, wenn nicht die Sozialdemokratie für die Teilnahme an dieser Aktion gegen ihre Parteigenossen im sächsischen und thüringischen Kabinett gewonnen werden konnte. Die letzte Tat der Koalitionsregierung war denn auch die Liquidierung der mitteldeutschen Arbeiterregierungen. Am 10. Oktober marschierte die Reichswehr in Sachsen und Thüringen ein, setzte die sozialistischen Regierungen ab, vertrieb mit aufgepflanztem Bajonett die kommunistischen und sozialdemokratischen Minister aus ihren Ämtern und proklamierte den Ausnahmezustand, dessen Durchführung einem eigenen Staatskommissar übertragen wurde.
Diese Reichswehraktion gegen Sachsen und Thüringen war nur ein Schachzug in einem weit umfassenderen Plan. Am 27. September hatte die bayrische Regierung den Ausnahmezustand verkündet und die vollziehende Gewalt in Bayern dem Regierungspräsidenten von Oberbayern, Herrn von Kahr, übertragen, der als Generalstaatskommissar mit diktatorischen Vollmachten die Regierung übernahm. Begründung: Hitler hatte für Anfang Oktober 14 Massenversammlungen in München angekündigt, die nach Ansicht der bayrischen Regierung den Auftakt zu einem völkischen Putsch bilden sollten, den zu vereiteln Herr von Kahr berufen wurde.
Die Reichswehraktion in Mitteldeutschland, die Berufung des Herrn von Kahr – beide Ereignisse standen in innerem ursächlichen Zusammenhang. Hier wie dort hatte man erkannt, daß man vorbauen mußte, wollte man nicht von der weiteren Entwicklung überrannt werden. Die Bayrische Volkspartei, das heißt die bodenständige, klerikale, besitzende Bürger- und Bauernschaft Bayerns, wußte ganz genau, daß sie der lawinenartig anwachsenden Bewegung des verelendeten Kleinbürgertums, Mittelstands keinen offenen Widerstand entgegensetzen konnte, erkannte aber auch ebenso klar, daß sie, diese Bewegung richtig auswertend, ihr eigenstes Ziel – die Aufrichtung der uneingeschränkten Herrschaft der katholischen Kirche in einem, der Fesseln der zentralistischen Reichsverfassung ledigen, selbständigen bayerischen Staat als Vorbedingung für eine Restauration der Wittelsbacher Monarchie und einen später zu verwirklichenden separatistischen, süddeutschen Staatenbund – mit einem Schlage gewaltig fördern könnte. Also hatte die Bayrische Volkspartei Kahr vorgeschoben, dem es als Ehrenvorsitzenden der separatistisch eingestellten Kampfverbände – vor allem der Organisation „Bayern und Reich“ – gelingen sollte, auch die Hitlerschen Kampfbünde zu sich herüberzuziehen, zu „binden“. Herr Kahr wieder betraute den Kapitänleutnant Ehrhardt mit der schwierigen Aufgabe, die Mittlerrolle zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden Hitler-Ludendorffs und Kahr selbst zu spielen.
Ehrhardt hatte nachdem er aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis entwichen war, in Bayern bei Herrn Kahr warme Aufnahme gefunden, der ihm das Oberkommando über den „Abschnitt Koburg“, die Führung der an der sächsischen und thüringischen Grenze sich versammelnden Formationen übertrug. Kahrs Plan lief darauf hinaus, zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen: einerseits sollte seine Herrschaft in Bayern mit Hilfe der völkischen Verbände gesichert, anderseits die nicht ganz zuverlässigen schwarzen Schafe möglichst aus der Mitte der weißen katholischen Lämmlein entfernt werden. Herr Kahr hielt es nicht für klug, den Tatendrang der Völkischen zu zügeln, wünschte aber, daß sie ihn außerhalb Bayerns austobten. So fand die Hitlersche Parole: „Gegen Berlin!“ bei Kahr und der Bayrischen Volkspartei beifällige Aufnahme.
Am 27. Oktober brachte die „Chronik des Faschismus“, eine damals in Berlin erscheinende, über die Vorgänge im völkischen Lager sehr gut informierte Zeitschrift, folgenden Situationsbericht aus München:
Daß Kahrs Kampfansage an den „marxistischen Norden“ ebenso nur ein Manöver ist, wie seine Beschwerden gegen den Zentralismus der Weimarer Verfassung, und daß der eigentliche Plan Kahrs und der Bayrischen Volkspartei auf die völlige Separation Bayerns um jeden Preis hinausläuft, zeigt ... die Tatsache, daß die Bayrische Hauptstadt, bisher der Sammelpunkt aller faschistischen und reaktionären Kondottieri von Ehrhardt bis Ludendorff, jetzt zum Stelldichein viel höherer und höchster Herrschaften geworden ist. Der Erzherzog Josef von Ungarn, der „Soldatenvater“, der seine Kinder anno 14 in den Karpathen so energisch behandelte, daß sie zu Zehntausenden elend im Schnee umkamen – dieser hohe Heerführer eröffnete den Reigen als Vertreter Horthys. Mussolini zögerte nicht, einen Delegierten zu senden. Herr Kahr ließ durch Mittelspersonen in Paris anfragen, wie dort die Wiederherstellung der Donaumonarchie aufgenommen werden würde, und als die Antwort so günstig ausfiel, wie erwartet, eilten jetzt Zita aus Spanien und der König Ferdinand von Bulgarien höchstselbst nach München zum Rendezvous.
Inzwischen wußte „Der Abend“ in Wien zu melden:
„Die derzeitige politische Lage in Deutschland hat den Vatikan veranlaßt, die bayrischen Bischöfe, den Erzbischof von Bamberg und die Bischöfe von Speyer und Passau zu einer Beratung nach Rom zu berufen. Der Vatikan will offenbar den jetzigen Augenblick der allgemeinen Verwirrung dazu benutzen, um den alten Plan der Errichtung eines katholischen Donaustaates auszuführen.“
Doch bei all dem vergaß Herr von Kahr nicht, daß ein Kampf nach zwei Fronten – gegen Berlin und gegen Hitler – die große Gefahr barg, in ein Kreuzfeuer zu geraten, im entscheidenden Augenblick völlig isoliert zu werden. Während er sich den Völkischen gegenüber sicher und stark genug fühlte, war er über die letzten Pläne und Absichten der Reichsregierung, das heißt des von Präsident Ebert mit den unumschränkten Vollmachten eines Diktators zum Inhaber der vollziehenden Gewalt bestellten Generals von Seeckt, des Oberbefehlshabers der Reichswehr, nicht im klaren. Gewiß, in Einzelheiten gab es Differenzen – aber bestanden nicht solche auch zwischen Kahr und Hitler, ohne daß sie ein Zusammenarbeiten für das gemeinsame Ziel des reaktionären Umsturzes ausschlossen? Und vor allem: würde General von Seeckt nicht im richtigen Augenblick bereit sein, Kahrs Stichwort aufzunehmen? Separatismus und Großdeutschland – Hohenzollern oder Wittelsbach – das waren doch Fragen, die erst später nach dem Sturz der Republik brennend wurden. Vorläufig galt es, die Schlacht zu schlagen. Sollte da nicht General von Seeckt ein geheimer Verbündeter sein, der es vorläufig nur noch nicht als geraten ansah, seine republikanische, ihm selbst gewiß am meisten lästige Maske abzuwerfen?
Kahrs Rechnung schien zu stimmen. Seine Vorstöße, die er zur Klärung des Gefechtsfeldes unternahm, trafen wenigstens nur auf eine sehr schwächliche Abwehr des Generals von Seeckt und des Berliner Kabinetts, eine Abwehr, die beinahe wie ein Manöver aussah. Ja, während sich die völkischen Verbände unter den Augen und mit der wohlwollenden Unterstützung des Herrn von Kahr an der thüringischen Grenze zum Marsch gegen Berlin sammelten, trat der Oberbefehlshaber der Reichswehr mit dem bayrischen Generalstaatskommissar in Verhandlungen ein, um die Teilnahme der bayrischen Reichswehrformationen und auch der völkischen Kampfverbände an der Aktion gegen Sachsen und Thüringen zu vereinbaren. Selbst in den ersten Novembertagen noch lagen die letzten Absichten Seeckts in mystisches Dunkel gehüllt.
Dieses zu erhellen sollte ein Flugblatt dienen, das die Völkischen im Dezember 1923 in München insgeheim verbreiteten, um nachzuweisen, daß Hitlers Putsch nur die logische, im ursprünglichen Programm vorgesehene Fortsetzung einer von ganz anderer Seite beabsichtigten Aktion war.
Dies Flugblatt gab einen Reichswehrbefehl vom 3. November wieder und enthielt folgende Absätze:
Aus dem Befehl, der unter der Überschrift „Ue...“ ausgegeben wurde, ergibt sich, daß die Reichswehr „für Auffüllung ihrer Bestände am ersten Tag der Herbstübung 1923 ihre Fehlstellen aus den jetzigen Hilfsmannschaften decken soll“. Danach werden die einzeln angeführten Kompagnien einer nicht genannten Division durch Kompagnien der Nationalsozialisten, des „Hermannbundes“, des „Oberland“ und von „Bayern und Reich“ verstärkt. Es heißt dann in diesem Befehl wörtlich:
„Verpflegung und Gebühren: Es dürfen nur unbedingt verläßliche Leute zur Einstellung kommen, für die Feldtruppe nur voll ausgebildete. Gebühren und Versorgung wie Angehörige der Reichswehr.
Studenten der Hochschule wird die verlorene Studienzeit voll angerechnet. Beamten, Angestellten, Arbeitern wird die Rückkehr zu ihren früheren Stellungen ohne Dienstzeitverlust zugesichert. Während der Operationen ruht das Recht der Kündigungen seitens der Freiwilligen.“
Endlich seien noch nachstehende Geheimdokumente der Organisation „Stahlhelm“ wiedergegeben. Auch sie wurden von den Völkischen zum Beweis herangezogen, daß Hitlers Putschpläne bis Anfang November nicht nur bei Kahr, sondern auch bei General von Seeckt Verständnis und Billigung gefunden hatten, und die Verteidigung suchte später daraus den Schluß abzuleiten, daß unter solchen Umständen von einem Hochverrat Hitlers nicht gesprochen werden könnte – es sei denn, man wollte neben ihm auch Herrn von Kahr, General von Seeckt und verschiedene andere Mitglieder der Reichsregierung unter dieselbe Anklage stellen.
An alle Gauführer!
Magdeburg, den 11. November 1923.
Vertraulich!
Kurzer Lagebericht.
Am Sonntag, den 4. d. M., tagte die Bundesleitung in Magdeburg zur Besprechung der Lage. Das Ergebnis wurde in ultimativer Form als Kundgebung dem Reichskanzler Dr. Stresemann überreicht, sowie der Presse übergeben. Die Entschließung hat in der Presse und in der Öffentlichkeit lebhafte Besprechungen hervorgerufen, zum größten Teil sehr anerkennend, von gewisser halbrosaer Seite erbittert, mit dem Versuch niederzureißen, von sozialdemokratischer Seite fragend, was der Stahlhelm mit der Forderung der nationalen Diktatur beabsichtige.
Die gedrängte Stellungnahme ist aus folgendem kurzen Entschluß zu ersehen, sowie aus der Mitteilung, daß der Bundesvorsitzende seit der Zeit vom 5. d. M. bis heute _dreimal nach Berlin zum Reichskanzler gerufen wurde_. Der Unterzeichnete hat dem Reichskanzler, der Reichsregierung und dem Oberbefehlshaber in klaren Worten die Stellung und Forderung des Stahlhelms überreicht. Er gewann jedoch den Eindruck, daß der jetzige Reichskanzler nicht der Mann ist, um die nötige Entschlußhärte zur Führung sowohl der nationalen Diktatur als auch der Reichsregierung und letzten Endes von Preußen aufzubringen. Vor Forderungen wie Nachhauseschicken des Reichstags, Ausbooten der Sozialdemokratie in der preußischen Regierung, rücksichtslose Einführung und schnellste Erledigung der wertbeständigen Zahlung und der Ernährungsfrage wich der Kanzler zurück.
_Infolgedessen trug der Unterzeichnete dem Oberbefehlshaber die Entschließung und die Stellungnahme des Stahlhelms vor._
Die durch den Putsch Ludendorff-Hitler gebrachte Spannung der Lage ergab, daß der Bundesvorsitzende den Gaugruppen übermittelte, daß der Bundesführer in diktatorischer Weise von jetzt ab handeln muß. Gleichzeitig ergibt die Spannung der Lage, daß die gesamte Stellung des Stahlhelms auf eine präzise Formel gebracht werden muß. Sie lautet: „Der Stahlhelm steht zur Reichswehr!“
Von Berlin nach dreimaligem Besuch und umfangreicher Arbeit in den verschiedenen Ministerien zurück, traf den Unterzeichneten der persönliche Besuch des Führers des Jungdeutschen Ordens, des Herrn Marauhn. Der Jungdeutsche Orden, eine der stärksten norddeutschen Korporationen, zählt etwa zirka 6000 Ortsgruppen. Die ideale Einstellung des Jungdo ist dem Stahlhelm verwandt. Der Großmeister Marauhn legte seinen ganzen Nachdruck auf die Vorbereitung des Siedlungswerkes und Erschließung von Ödland, in der ideellen Ertüchtigung der deutschen Männer und männlicher Jugend und der Unterstützung der Reichswehr durch wehrhafte Männer.
Der Bundesvorsitzende des Stahlhelms nahm nach sorgfältiger Besprechung das Angebot des Jungdoführers an, was den beiliegenden Wortlaut hat. Der Stahlhelm erfährt durch das Bündnis mit dem Jungdo, das jedem Verbande seine Eigenart läßt, eine Stärkung in der heutigen Zeit. Die Gau- und Ortsgruppenführer haben daher Sorge zu tragen, daß das Einvernehmen mit dem Jungdo unter Bezugnahme auf dieses Bündnis das denkbar beste ist, und der eine Bund den andern kameradschaftlich und brüderlich unterstützt.