Part 3
Gleichzeitig melden die Gau- und Ortsgruppen, mit welchen anderen Verbänden oder Bünden nähere Beziehungen bzw. Verabredungen auf gegenseitige Hilfeleistungen bestehen.
Der Bundesvorsitzende wird morgen nochmals nach Berlin fahren, um mit den dortigen maßgebenden Stellen zwecks Klärung der Lage zu sprechen und in ultimativer Form die Errichtung der nationalen Diktatur weiter zu fordern.
Der Gesamtgang der künftigen Ereignisse ist angesichts der verschiedenen Strömungen in der Regierung noch nicht auf Zeiten festzulegen. Es muß aber heute schon gesagt werden, daß es eine andere Lösung als die möglichst schnelle Errichtung einer nationalen Diktatur heute nicht mehr gibt.
Mit kameradschaftlichem Gruß gez. Fr. Seldte, 1. Bundesvorsitzender.
Entwurf. Ohne juristische Abfassung.
1. Der Herr Reichspräsident hat mich angesichts der Möglichkeit weiterer Umsturzversuche und angesichts der drohenden Hungersnot zum Reichsverweser mit diktatorischer Gewalt für begrenzte Zeit ernannt.
2. Ich bilde ein Direktorium. Ich ernenne die Herren
Rabethge zum Wirtschaftsdirektor,
Graf Kanitz zum Ernährungsdirektor,
Dr. Stresemann zum Außendirektor.
Sie üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Die Aufgaben der Reichsminister übernehmen Staatssekretäre.
3. Der Reichstag wird aufgelöst.
5. Die Schutzpolizei tritt unter meinen Befehl. Sie wird verstärkt.
7. Streiks sind bis auf weiteres verboten. Die Börse wird bis auf weiteres geschlossen.
8. Es werden mit sofortiger Wirkung Standgerichte eingesetzt mit Befugnis der Todesstrafe für Auflehnung und Sabotage gegen den Reichsverweser, Streikhetzer, Plünderer, Wucherer, Zurückhaltung von Nahrungsmitteln, Ausfuhr von Nahrungsmitteln.
Bemerkungen:
Zu 1. Mit Rücksicht auf Frankreich und auf die Sozialisten ist der Passus „weitere Umsturzversuche“ und „Hungersnot“ gewählt. Ebenso der Passus „begrenzte Zeit“.
Zu 3. Wird der Reichstag nur in die Ferien geschickt, so sitzen die Abgeordneten nach wie vor in den Vorzimmern des Direktoriums.
Zu 5. Eine Verstärkung der Reichswehr aus außenpolitischen Gründen unmöglich. Reichsverweser braucht jedoch eine starke Macht. Daher Verstärkung der Schutzpolizei, die unter den Befehl von Reichswehroffizieren tritt.
Zu 7. Streiks muß evtl. durch Erschießung jedes Zehnten entgegengetreten werden, insbesondere dem der Banknotendrucker.
Zu 8. Im augenblicklichen Stadium, d. h. solange bis die Maßnahmen des Ernährungsdirektors und des Wirtschaftsdirektors, die nicht zaubern können, sich ausgewirkt haben, muß Terror an die Stelle von Besserung der Lage treten. Daher ist jede Auflehnung gegen den Reichsverweser mit dem Tode zu bestrafen. _Das Aufhängen von vier Wucherern auf dem Potsdamer Platz und von Streikhetzern am Neuen Tor, die Erschießung von drei Landwirten_, die ihr Getreide zurückhalten, ist der _Schreckschuß_, den bisher noch niemand gewagt hat und der notwendig ist. Wer dafür kein Verständnis hat, kann die Lage nicht meistern.
Funkspruch an Alle!
„Deutschland stellt alle Zahlungen und Sachlieferungen bis auf weiteres an die Entente wegen drohender Hungersnot ein. Komme, was da kommen mag.“
_v. Seeckt_, _Rabethge_, _Graf Kanitz_, _Stresemann_.
Nachbemerkungen:
Der Reichsverweser ist der Aufpeitscher, Vorwärtstreiber, und das Schwert der drei Direktoren, ist das stahlharte Rückgrat, ist der, der erschießen läßt, wozu die anderen nicht den Mut aufbringen.
Die Hereinnahme von Stresemann erscheint notwendig:
a) damit nach außen keine Veränderung im außenpolitischen Kurs eintritt, Frankreich nicht einmarschiert,
b) ein Mann zur Abwicklung des Parlamentarismus mit Erfahrung da ist.
Beweisen alle diese Protokolle, Briefe, Geheimbefehle wirklich das, was die Völkischen behaupteten? Sie zeigen uns jedenfalls, daß dem scheinbar unentwirrbaren Rattenschwanz von Putschplänen, Aktionen und Gegenaktionen ein gewisses System zugrunde lag, daß durch dies verworrene Gespinst ein Faden lief, der von geschickten und kundigen Händen geknüpft worden war.
DER PUTSCH
Die Ernennung Kahrs zum Generalstaatskommissar war von den „Vaterländischen Verbänden“ Bayerns, deren Ehrenvorsitzender er war, mit folgender Kundgebung begrüßt worden:
„Bayern steht unter der Führung des Generalstaatskommissars v. Kahr.
Wir wissen, daß der Mann, der vor zwei Jahren allein gegenüber Zumutungen (in den Fragen der Entwaffnung und der Einwohnerwehren), die zum Schaden Deutschlands und Bayerns führen mußten, aufrecht geblieben ist, heute dieselbe gerade Gesinnung durch die Tat beweisen wird.
Damals stand er allein, wenn auch die Gefühle der Besten in Bayern und Deutschland mit ihm waren. Heute soll Herr Kahr wissen, daß er nicht nur auf Gefühle rechnen kann, die Machtmittel des Staates und machtvolle Organisationen stehen ihm zur Seite.
Jetzt heißt es, das Vaterland vom Abgrund zurückzureißen und sich in die Erfordernisse des völkischen Gedankens und einer auf diesem Gedanken fußenden Staatsmacht einzuordnen.
Das ist die heilige Pflicht jedes Mitgliedes der Vereinigten vaterländischen Verbände Bayerns.
gez. Bauer. Kleinhenz.“
Das Stichwort war gefallen. Die Führer der verschiedenen Kampfverbände nahmen es auf. Für Arbeitsteilung sorgte Hitler, der fieberhaft die Aufrüstung betrieb und seine Anhänger mit der Versicherung, die Stunde zum Losschlagen sei gekommen, unerbittlich vorwärtstrieb. Seine Zuversicht wurde nicht einmal getrübt, als Kahr in den ersten Oktobertagen mit einem geschickten Manöver den nationalsozialistischen Kampfbund sprengte. Der Wiking-Bund, eine militärische Organisation Ehrhardts, an dessen Spitze dessen Adjutant Kapitän Kautter stand, trat auf die Seite Kahrs über. Die Organisation „Reichsflagge“, von Hauptmann Heiß befehligt, folgte. Das war ein schwerer Schlag, denn Heiß saß in Nürnberg und hatte die wichtigen nordbayrischen Gebiete in der Hand. Kahr ließ nicht locker. Als der Leipziger Staatsgerichtshof wegen einer hochverräterischen Rede des draufgängerischen Hauptmanns Heiß einen Haftbefehl gegen ihn erließ, setzte nun der Generalstaatskommissar noch am selben Tag – 28. September – mit einer Verordnung das Reichsgesetz zum Schutz der Republik für Bayern außer Kraft. Damit war dem Reich in aller Form der Fehdehandschuh hingeworfen. Nun gab es kein Zurück mehr.
In den letzten Septembertagen ein zweiter, noch bedeutsamerer Zwischenfall: General von Seeckt hatte als Inhaber der vollziehenden Gewalt im Reich den „Völkischen Beobachter“ in München, Hitlers Organ, wegen fortgesetzter hochverräterischer Drohungen verboten. Das Blatt hielt es nicht für notwendig, das Verbot zu beachten. Seeckt ließ die bayrischen Behörden ersuchen, dem Verbot Beachtung zu erzwingen – die bayrischen Behörden erklärten, ein Eingreifen auf Grund des Reichsausnahmezustandes ablehnen zu müssen. Ein neuer Befehl von Berlin, diesmal an General von Lossow: er habe im eigenen Wirkungskreis das Weitererscheinen der Zeitung zu verhindern. General Lossow warf den Befehl seines Vorgesetzten in den Papierkorb. General von Seeckt entschloß sich, den letzten Trumpf auszuspielen: Lossow wird seines Postens und des Kommandos über die bayrische Reichswehr enthoben. Auch jetzt kapituliert Lossow nicht. Er erklärt formell, diesem Befehl nicht Folge geben zu können, und der Generalstaatskommissar von Kahr ernennt ihn noch am selben Tag zum bayrischen Landeskommandanten. Tags darauf ordnet Kahr an, die bayrischen Truppen auf den Generalstaatskommissar von Bayern zu vereidigen. Am 20. Oktober rücken die Münchener Truppen zur Eidesleistung aus. Der Bruch mit dem Reich ist vollzogen. Was werden die nächsten Tage bringen?
November wird’s. Grauer dichter Nebel deckt sein Tuch über Deutschland. Unten in Bayern brodelt es. Niemand weiß recht, welche Gewitter im Anzug sind, was die schweren Wolken bergen, die über der thüringischen und sächsischen Grenze heraufziehen. Aber im ungewissen Schein der Dämmerung hat man dort unten Truppen gesehen, Tausende von Bewaffneten, die in den Dörfern und Städten kampieren, die Landstraße besetzt halten; Reisende wissen beängstigende Dinge von Schützengräben, Kanonen und Panzerautos zu erzählen. Der Vormarsch der bayrischen Kampfverbände ist nicht mehr zum Stehen zu bringen. General von Seeckt, der bis zuletzt gezögert hatte, verhandelt hatte, immer wieder neue Fäden anknüpfte mit den Abgesandten Kahrs und dessen preußischen Freunden, findet sich in einer Sackgasse. Am 4. November erläßt er folgenden Aufruf an die Reichswehr:
Reichswehrministerium (Heer) Heeresleitung
Berlin, den 4. November 1923.
Der Ruhrkampf und sein Ende haben Deutschland im tiefsten aufgewühlt. Frankreichs und Belgiens frevelhafter Eingriff in das Reichsgebiet, die wirtschaftliche Not, die das Volk an den Rand der Verzweiflung bringt, haben uns nicht zusammengeführt, sondern den Kampf der Parteien zur Siedehitze gesteigert. Der kommunistische Umsturz ist in Hamburg soeben von Polizei und Reichsmarine niedergeworfen worden: aber die Kommunisten sind entschlossen, ihn zu erneuern, sobald ihnen die Verschärfung der Not und des politischen Kampfes neue Gelegenheit gibt. Andererseits ist Macht und Anhang derjenigen gewachsen, die Deutschlands Rettung nur in der beschleunigten, gewaltsamen Beseitigung des heutigen Regierungssystems durch eine nationale Diktatur sehen. Die bayrischen Nationalsozialisten fordern den Marsch auf Berlin.
Solange ich an meiner Stelle bin, habe ich die Ansicht vertreten, daß nicht von diesem oder jenem Extrem, nicht von äußerer Hilfe oder innerer Revolution – komme sie von links oder rechts – das Heil kommt, sondern daß uns nur harte, nüchterne Arbeit die Möglichkeit zum Weiterleben gibt. Diese können wir allein auf dem Boden von Gesetz und Verfassung leisten. Wird dieser verlassen, so tritt der Bürgerkrieg ein – der Bürgerkrieg, der bei unseren heutigen Verhältnissen zwei an Zahl und Machtmitteln gleich starke Parteien gegeneinander führt, der nicht mit dem Siege der einen Seite, sondern mit ihrer gegenseitigen Zerfleischung endet, für den uns der 30jährige Krieg ein furchtbar warnendes Beispiel sein muß. Feinde ringsum, im Innern Deutsche gegen Deutsche! Beim Friedensschluß triumphiert Frankreich.
An der Reichswehr ist es, diesen Bürgerkrieg zu verhindern. Solange in der Reichswehr innere Disziplin und unerschütterliches Vertrauen zu ihren Führern lebt, solange kann kein Feind des Staates etwas ausrichten, solange kann die Reichseinheit nicht angetastet werden, solange wird die Hoffnung auf ein freies und großes Deutschland nicht erlöschen. An uns ist es, dieses Vertrauen nicht zu täuschen, den militärischen Ausnahmezustand so zu handhaben und auszugestalten, daß nicht nur Ruhe und Ordnung in Deutschland herrschen, sondern daß seine Bewohner, in ihrer Existenz sichergestellt, wieder Vertrauen zur Zukunft fassen und seine Jugend in nationaler Begeisterung wieder zur Wehrhaftigkeit drängt. Wohl aber haben sich durch die jüngsten Vorgänge in Bayern Zweifel erhoben, ob die innere Einigkeit und Festigkeit des Heeres zur Durchführung dieser hohen Aufgabe genügt. Unser Lebensinteresse ist es, daß wir diesen Zweifel widerlegen, daß wir den Parteikampf, der alle übrigen Kräfte Deutschlands zerreißt, aus dem Heere ausschließen, daß wir nur den überparteilichen staatlichen Notwendigkeiten dienen und uns weder durch den Haß noch durch die Lockungen der politischen Richtungen von dieser Bahn abbringen lassen. Diese staatlichen Notwendigkeiten zu erkennen und durchzusetzen, ist aber allein Sache der obersten Führung. Die Ehre des Soldaten liegt nicht im Besserwissen und Besserwollen, sondern im Gehorsam. Deshalb warne ich in dieser Stunde alle Angehörigen der Reichswehr vor jenen, die Zwietracht in ihre Reihen zu tragen suchen und unter dem Mantel schöner Ziele Mißtrauen gegen die Vorgesetzten säen. Eine Reichswehr, die in sich einig und im Gehorsam bleibt, ist unüberwindlich und der stärkste Faktor im Staate.
Ich ersuche alle Kommandeure, ihre Untergebenen auf die schweren Gefahren einer solchen Entwicklung hinzuweisen und jeden Reichswehrangehörigen, der sich politisch zu betätigen sucht, sofort aus der Truppe zu entfernen.
gez. v. Seeckt.
Am selben Tag erläßt auch Stinnes eine Proklamation. Es ist ein einfacher Brief. Niemand in der breiten Öffentlichkeit nimmt Kenntnis von ihm. Und doch kommt ihm große Bedeutung zu.
In diesem Brief verabschiedet Herr Stinnes seinen Generaldirektor Minoux, der viele Monate lang seine rechte Hand gewesen ist, der erst vor wenigen Tagen mit Wissen seines Herrn nach München geeilt war, um in Verhandlungen mit Hitler und Ludendorff und Kahr den Boden für das große nationale Direktorium zu bereiten, in dem ihm selbst eine führende Stellung ausersehen war. Herr Stinnes läßt seinen Generaldirektor fallen. Der Traum vom nationalen Direktorium ist ausgeträumt. Kahr weiß nun, was die Stunde schlägt.
Am 6. November versammelt er die Führer sämtlicher Kampfverbände in München, um im letzten Augenblick das Steuer herumzureißen. Polizeioberst Seißer, der gerade von seiner Reise nach Berlin zurückgekehrt ist, hat das Referat. Er soll nun den Herren Hitler und Ludendorff klar machen, daß man die Aktion verschieben müsse. Der Norden ist noch nicht so weit, ein zu frühes Losschlagen kann verhängnisvolle Folgen haben. Zeit gewinnen, denkt Herr von Kahr, ist jetzt alles. Warten wir wenigstens noch bis zum 12. November.
Die Sitzung nimmt einen stürmischen Verlauf. Oberstleutnant Kriebel, der oberste Führer der Hitlerschen Kampftruppen, ist empört. Soll man wieder „kneifen“? Warum bis zum 12. warten, wenn man schon am 9. den Schlag führen kann? In derselben Nacht fassen Hitler und seine Kommandanten den Entschluß, ohne weiteren Zeitverlust loszuschlagen, jene vollendete Tatsache zu schaffen, die – wie sie überzeugt sind – auch Herrn von Kahr veranlassen wird, „den Absprung zu wagen“.
Für den 8. November acht Uhr abends ist im Münchener Bürgerbräu eine Versammlung einberufen, in der Herr von Kahr eine Rede zur politischen Lage halten soll. Bis auf den letzten Platz ist dieser große Saal gefüllt. Unruhe, Ungewißheit, eine Ahnung von ungewöhnlichen Dingen, die sich abspielen werden, abspielen müssen, hält die Zuhörer in ihrem Bann. Draußen an den Eingängen stehen mit Pistole und Gewehr Bewaffnete, verwegene Gestalten Wache. Ihre Windjacke ist mit dem Hakenkreuz geziert, auf der Kappe das Abzeichen Hitlers. Es sind die tüchtigsten, militärisch am besten geschulten Parteigenossen, die diesen Stoßtrupp bilden und Leutnant Berchtold befehligt sie. Bund „Oberland“ unter Führung Dr. Webers und des Generals a. D. Aechter, die „Reichskriegsflagge“ unter Führung des Hauptmanns Röhm, das nationalsozialistische „Regiment München“, das drei Bataillone zählt und den Oberleutnant Brückner zum Kommandanten hat, sind seit Tagen marsch- und gefechtsbereit. Wird es noch heute losgehen?
Herr von Kahr hat die Rednertribüne bestiegen und beginnt sein Referat. Eine halbe Stunde ist vergangen. Da – Stimmengewirr, Kommandorufe, rückwärts am Saaleingang brandet Geschrei, große Wellen der Erregung fluten nach vorne – was ist geschehen? Ein Schuß fällt. Hitler steht mitten im Saal. Die noch rauchende Pistole in der Hand. Seine Stimme schmettert, übertäubt allen Lärm, es wird mäuschenstill im Saal:
„Die nationale Revolution ist ausgebrochen. Der Saal ist von sechshundert Schwerbewaffneten besetzt. Niemand darf den Saal verlassen. Wenn nicht sofort Ruhe ist, werde ich ein Maschinengewehr auf die Galerie stellen lassen. Die bayrische Regierung und die Reichsregierung sind abgesetzt. Eine provisorische Reichsregierung wird gebildet. Die Kasernen der Reichswehr und Landespolizei sind besetzt. Reichswehr und Landespolizei rücken bereits unter der Hakenkreuzfahne heran.“
Frenetischer Beifall braust auf. Kahr tritt vom Podium ab, folgt mit General Lossow Hitler in einen Nebensaal. Inzwischen ist Leutnant Pernet mit dem Auto losgesaust, um General Ludendorff herbeizuholen. Dr. von Scheubner-Richter, der Geschäftsführer der nationalsozialistischen Partei, begleitet ihn.
Wenige Minuten später ist Ludendorff zur Stelle. Und während draußen in der Stadt die völkischen Truppen aufmarschieren, entwirft Hitler den Schlachtplan. Eine bayrische Regierung soll gebildet werden, die aus einem Landesverweser und einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Ministerpräsidenten bestehen wird. Herr von Kahr wird Landesverweser, Oberlandesgerichtsrat Pöhner Ministerpräsident. Hitlers Stimme schmettert:
„Bis zum Ende der Abrechnung mit den Verbrechern, die heute Deutschland tief zu Grunde richten, übernehme die Leitung der Politik, der provisorischen nationalen Regierung – ich. Exz. Ludendorff übernimmt die Leitung der deutschen nationalen Armee, General von Lossow wird deutscher Reichswehrminister, Oberst von Seißer deutscher Reichspolizeiminister. Die Aufgabe der provisorischen deutschnationalen Regierung ist, mit der ganzen Kraft dieses Landes und der herbeigezogenen Kraft aller deutschen Gaue den Vormarsch anzutreten in das Sündenbabel Berlin, das deutsche Volk zu retten.“
Dann steht General Ludendorff auf dem Podium:
„Ergriffen von der Größe des Augenblicks und überrascht stelle ich mich kraft eigenen Rechtes der deutschen Nationalregierung zur Verfügung. Es wird mein Streben sein, der alten schwarz-weiß-roten Kokarde die Ehre wiederzugeben, die ihr die Revolution genommen hat. _Es geht heute um das Ganze._ Es gibt für einen deutschen Mann, der diese Stunde erlebt, kein Zaudern zur vollen Hingabe, nicht nur mit dem Verstand, nein, zur Hingabe mit vollem, deutschem Herzen an diese Sache. _Diese Stunde bedeutet den Wendepunkt in unserer Geschichte._ Gehen wir in sie hinein mit tiefem, sittlichem Ernst, überzeugt von der ungeheuren Schwere unserer Aufgabe, überzeugt und durchdrungen von unserer schweren Verantwortung. Gehen wir mit dem übrigen Volk an unsere Arbeit. Wenn wir reinen Herzens diese Arbeit tun – deutsche Männer, ich zweifle nicht daran –, wird Gottes Segen mit uns sein, den wir herabflehen auf diese Stunde. Ohne Gottes Segen geschieht nichts. Ich bin überzeugt und zweifle nicht daran: Der Herrgott im Himmel, wenn er sieht, daß endlich wieder deutsche Männer da sind, wird mit uns sein.“
Pöhner beschließt die Reihe der Ansprachen:
„Ich werde mich _selbstverständlich_ dem Rufe nicht entziehen, den vaterländische Pflicht mir gebeut. Ich werde Herrn v. Kahr treu zur Seite stehen bei der schweren Aufgabe, die er haben wird. Wir haben bisher immer zusammengestanden. Seine Exzellenz wird sich auf mich verlassen können.“
Doch man hört nicht mehr, was hier im Saale gesprochen wird. Trommelwirbel dröhnt von der Straße herein. Die Infanterieschule ist unter den Hakenkreuzfahnen heranmarschiert und hat vor dem Bürgerbräu Aufstellung genommen. Ludendorff schreitet die Front ab. Und gleichzeitig werden die Minister des bayrischen Kabinetts, die der Versammlung beigewohnt haben, unter strenger Eskorte in Autos verladen, um in ihre Ehrenhaft abgeführt zu werden. Dr. Weber hat die Villa seines Schwiegervaters Lehmann für die Unterbringung der Geiseln bereitgestellt.
Mitternacht ist vorüber. Im obersten Kommando Hitlers herrscht Unsicherheit und Beklemmung. Es ist zu leicht gegangen und zu schnell. Nirgends zeigt sich Widerstand. Die Herren Kahr und Lossow sind plötzlich verschwunden, und da man sie jetzt telephonisch erreichen will, versagt das Telephon. Kuriere jagen durch die nächtlichen Straßen. Herr Lossow ist nicht zu finden. Herr Kahr ist nicht zu sprechen. Im Wehrkreiskommando, wo der Stab der Rebellenarmee versammelt ist, weiß man diese beunruhigenden Zufälle nicht zu deuten. Ein Kurier nach dem andern geht ab und kehrt nicht wieder. Ludendorff bittet, fordert, befiehlt – Lossow kommt nicht zur Besprechung.
Der Morgen dämmert. Da beschließt das Kommando, alle verfügbaren Truppen zu sammeln und einen großen Demonstrationszug durch die Stadt zu veranstalten, um endlich aus dieser Unklarheit herauszukommen.
Der Zug setzt sich in Marsch. Böse Nachrichten laufen ein. Die Kaserne ist in den Händen der Reichswehr, der Versuch, sie im Sturm zu nehmen, ist kläglich mißlungen. Im Polizeipräsidium ist Herr Frick, der von Hitler zum Leiter der Münchener Polizei ernannte Oberamtmann, ganz plötzlich verhaftet worden. Reichswehr sperrt die Isarbrücken, Gewehr bei Fuß. Oberleutnant Brückners Parlamentäre kehren unverrichteter Dinge zurück. Ist man umzingelt? Verraten? Verloren? Wo ist Kahr? Was will Lossow?
Als der Zug unter Führung Hitlers und Ludendorffs und der anderen Kommandanten zur Residenz einbiegt, bekommt er Flankenfeuer. Scheubner-Richter stürzt tot zu Boden. Wieder kracht eine Gewehrsalve. Die Hitlertruppen wollen das Feuer erwidern, aber die Übermacht ist zu groß. Der Zug ist zersprengt. Tote und Verwundete wälzen sich am Boden, die Truppen der Rebellen flüchten nach allen Seiten, der Putsch ist gescheitert.
DER PROZESS
VORBEREITUNGEN
Sofort nach dem Putsch eröffnete die Bayrische Volkspartei eine groß angelegte Offensive, um nach zwei Fronten – gegen den Nationalsozialismus der Hitler-Ludendorff einerseits, gegen den ihr unbequem gewordenen Herrn von Kahr andererseits – den entscheidenden Schlag zu führen. Drei Monate tobte dieser erbitterte Kampf mit wechselndem Glück. Unter Führung des Kardinals Faulhaber, dem sich der päpstliche Nuntius Pacelli zugesellt hatte, vom Vorsitzenden der katholischen Landtagsfraktion Dr. Held ebenso geschickt wie energisch geleitet, gelang es der Bayrischen Volkspartei tatsächlich – die Zerklüftung und Verwirrung im völkischen Lager gut ausnutzend – ihre an die Nationalsozialisten verlorengegangenen Stellungen auf dem flachen Lande zurückzuerobern.
Welche zersetzende Wirkung das Fiasko des Putsches in den völkischen Verbänden anrichtete, geht aus nachfolgenden Briefen hervor, die bei einem zur Brigade Ehrhardt desertierten Reichswehrsoldaten in Thüringen gefunden worden sind. Zu ihrem Verständnis: der „Stahlhelm“ und der mit ihm in engster Verbindung stehende „Jungdeutsche Orden“ gehörten der Ludendorff-Richtung der Völkischen an und waren bis zum Putsch mit den Ehrhardt-Verbänden in innigem Kontakt. So war der „Bund Wicking“, eine Unterorganisation der Brigade Ehrhardt, noch bis zum Januar 1924 mit dem „Jungdeutschen Orden“ auch organisatorisch verbunden. Infolge der Auswirkungen des Novemberputsches verschärften sich die Gegensätze zwischen den großdeutsch eingestellten Verbänden der Nationalsozialisten und den mit Kahr sympathisierenden katholischen Formationen, so daß es zu einer regelrechten Spaltung kam.
1. 1. 24
Herrn Korvettenkapitän Ehrhardt in München.
Sehr geehrter Herr Kapitän!
Mit dem Beginn des neuen Jahres möchte ich das Verhältnis mit der Brigade Ehrhardt und dem Jungdeutschen Orden in Bayern in klarer, eindeutiger Weise geregelt wissen.
Sie, verehrter Herr Kapitän, wissen, mit welcher Freude ich seinerzeit im Einverständnis mit dem 2. Komtur-Bruder Dietrich und dem Großmeister der Ballei Franken die wehrhaften Leute unter Ihre militärische Leitung gestellt habe in der Überzeugung, daß _Ihre Politik, die auf Ausnutzung der Bayrischen Regierung zur Führung des entscheidenden Schlages_ hinausging, die einzig gegebene sei. Sie wissen, daß wir uns, besonders in den letzten Wochen, da ich mit Ihnen die schönen Tage in Tirol zusammen sein durfte, mit Wort und Schrift, mit unserer ganzen Person hinter Ihre Persönlichkeit und wiederholt auch schützend vor Sie gestellt haben. Ich war stolz darauf, daß das Jungdeutsche Regiment in entscheidungsvollen Tagen in Reih und Glied mit den kampferprobten Brigadetruppen eintreten würde für unser gemeinsames Ziel, der Befreiung Deutschlands. _Infolge der Nachwirkung des 8. und 9. November 23 ist es mir aus inneren und äußeren Gründen nicht mehr möglich, dem Verbande der Brigade anzugehören._
Aus innerlichen Gründen deshalb, weil ich Ihre gegensätzliche Einstellung zu dem hochverdienten General _Ludendorff_ nicht einnehmen kann, der heute in ganz Deutschland der einigende Punkt in der völkischen Bewegung geworden ist. Aus äußerlichen Gründen deshalb, weil trotz wiederholter Versicherung, dennoch immer wieder, und zwar jetzt in verschärfter und hinterhältiger Weise, der Versuch gemacht wird, einzelne Ordensbrüder unter Mißachtung des von ihnen abgelegten Ordensgelübdes auf die Brigade Ehrhardt zu verpflichten. Aufs äußerste empört bin ich vor allem über das Verhalten der im sogen. 2. Batl. Heiligersdorf tätigen Wickingoffiziere, die mit den gemeinsten Verleumdungen gegen die Ordensleitung von Ort zu Ort gingen und sie durch niederträchtigste Denunziationen bei den Bezirksämtern der Gefahr des Verbotes absichtlich preisgeben.
Ich bitte darum, Herr Kapitän, mir das Ihnen gegebene Wort wieder zurückzugeben und _das militärische Verhältnis des Ordens zur Brigade als gelöst zu betrachten_. Ich vertraue Ihnen, daß Sie sofort Anweisung zur Abberufung der noch im Ordensgebiet tätigen Wickingoffiziere ergehen lassen, um mir und dem Orden weitere Maßnahmen zu ersparen und bitte Sie, meinen Wunsch bis zum 15. 1. 24 zu erfüllen. Abgesehen davon, daß wir uns das Recht nehmen, unseren Gefolgschaften Aufklärung und Verhaltungsmaßregeln zu geben, verzichten wir im Interesse der völkischen Bewegung, in der Öffentlichkeit Stellung zu nehmen, unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß sich der Bund Wicking jedes Vorgehens gegen den Orden enthält.
Mit treudeutschem Heilgruß für den Jungdeutschen Orden in Bayern
Johnson, Landeskomtur.
Darauf antwortete Ehrhardt:
Bund Wicking e. V., München.
5. 1. 24.
An den Landeskomtur des Jungdeutschen Ordens in Bayern.
Der Empfang Ihres Briefes vom 1. Januar wird hiermit bestätigt. Ich begrüße die klare Stellungnahme, die Sie einnehmen, weil diese auch mir die volle Handlungsfreiheit zurückgibt und ein Verhältnis löst, das von Ihrer Seite nur noch ein Scheinverhältnis war.
Ihr Balleibefehl vom 1. 12. 23 (an alle Großmeister und Gefolgschaftsmeister, streng vertraulich) ist der schlagendste Beweis, daß von Ihrer Seite das Treuverhältnis und die Arbeitsgemeinschaft mit der Brigade E. innerlich bereits gelöst war. Ich bedaure, daß Sie erst jetzt, einen vollen Monat nach Erlaß dieses Befehls, es für nötig halten, auch äußerlich die Konsequenz aus Ihrer inneren Wandlung zu ziehen und das Wort, das Sie mir gegeben haben, erst jetzt formell zurückzuverlangen, ein Verfahren, das mit völkischem Verhalten in schroffem Widerspruch steht.
Wenn Sie jetzt als inneren Grund, der zur Trennung von der Brigade zwingt, anführen, daß Sie meine gegensätzliche Stellung zu dem hochverdienten General Ludendorff nicht einnehmen können, so setzt mich die Behauptung doch einigermaßen in Erstaunen. _Aus meiner Stellung zu General Ludendorff habe ich Ihnen von Anfang an keinen Hehl gemacht_ und Sie haben diese Stellungnahme die ganze Zeit gebilligt. Seit dem 8. und 9. November hat sich mein Verhältnis zu Ludendorff nur insofern geändert, als ich die maßlosen und ungerechtfertigten Angriffe in der Öffentlichkeit erfuhr und in reiner Notwehr dagegen Stellung nahm. Zu dem zweiten von Ihnen angeführten Punkte lehne ich eine Erörterung ab. Wenn es Sie interessiert, stelle ich es Ihnen anheim, sich das ausführliche Beweismaterial der Gegenarbeit des Ordens gegen die Brigade, die schon Wochen vor der Aufkündigung Ihres Treueverhältnisses zu mir zurückgeht, einzusehen. Wenn von meiner Seite nicht wieder gegen dieses Treiben eingeschritten wurde, so lag der Grund darin, daß ich immer noch auf die Möglichkeit gemeinsamer Arbeit gehofft habe und meinerseits alles verhindern wollte, was die Zersetzung im völkischen Lager vergrößert. Gemäß Ihres Wunsches sind Sie mit dem heutigen Tage Ihres Wortes entbunden. Das militärische Verhältnis des Ordens zur Brigade ist mit demselben Tage gelöst. _Ich ersuche, die dem Orden als Treuhänder übergebenen Waffen der Brigade an meine Befehlsstelle Koburg zu übergeben._
Der von Ihnen gewünschten Anerkennung eines geschlossenen Ordensgebietes bedaure ich nicht zustimmen zu können. Die weitere Stellung des Wickingbundes hängt von dessen Verhalten ab.
gez. Ehrhardt.