I.
In einem Dorfe mitten im Ries, in einem hübschen Hause, wohnten glückliche Leute -- Mutter, Tochter und Vetter. Sie waren gesund und verhältnißmäßig, d. h. nach ihrem Stande, wohlhabend. Die Mutter von ruhigem Temperament, mehr geneigt sich am Angenehmen zu freuen, als aus verdrießlichen Dingen, wie sie im Leben vorkommen, sich viel zu machen; die Tochter, Christine, hübsch und wohlgemuth; der Vetter, Hans, wacker und thätig, ein guter »Baur« -- wie man das im Ries nennt -- und »ein rechter Schaffer.«
Ein eigentlicher Bauer im Sinne der dörflichen Rangordnung war Hans freilich nicht; das war aber auch der verstorbene Glauning, der Vater der Christine, nicht. Erst Söldner und Weber hatte sich dieser durch ächt Rieserische Arbeitsamkeit und Sparsamkeit zu einer Mittelstellung zwischen Söldner und Bauer emporgearbeitet. Das Weberhandwerk wurde aufgegeben und nur im Winter noch zum Wirken des eigenen Garnes betrieben, um so fleißiger den Geschäften des Ackerbaus und der Viehzucht nachgegangen. Es gelang dem stillen, ruhig fortarbeitenden Manne, das Unglück eines Brandes, der nebst sechs andern auch sein strohgedecktes Haus in Asche legte, zu überstehen, ein neues, bequemeres, plattengedecktes an seine Stelle zu setzen, und bei seinem Tode der Wittwe ein respektables Anwesen zu hinterlassen: das Haus mit Wohnung, Stall und Stadel in Einem Bau, vier Kühe mit Nachzucht, fünf Schweine, einen schönen Baumgarten, zwei »Dawert« (Tagwerke) Wiesen und vier Morgen »in ein Feld« -- also, wer das nicht verstehen sollte, zwölf Morgen Ackerland. Allerdings war dieses »schöne Sach« nicht schuldenfrei; der alte Glauning hatte eine runde Summe aufnehmen müssen, um die runde Zahl von Morgen Landes zu erhalten, die im Ries mehr bedeuten wollen als anderswo. Aber der Hauptgläubiger war gegenwärtig -- Vetter Hans.
Hans Burger -- denn der Mann verdient, daß wir seinen ganzen Namen nennen -- war vom nächsten Dorfe, Sohn des dortigen Schmieds. Er wurde von dem Vater in seinem Handwerk unterwiesen; aber trotzdem, daß ihm ein paar Arme verliehen waren, die im Nothfall den Ambos in Stücke schlagen konnten, hatte er für seine Person doch mehr Freude am »Bauernhandwerk.« Nach dem Tode seiner Eltern führte er die kleine Oekonomie und nahm Hammer und Zange nur als Gehülfe seines Bruders in die Hand. Dieser konnte zu eben der Zeit, wo der alte Glauning starb, »einen guten Heirich« (gute Heirath) machen. Hans überließ ihm Schmiede und Oekonomie, nahm seinen Vermögenstheil heraus und ging zur Base Glauning, um ihr die Wirthschaft zu führen. Christine war damals noch nicht ganz fünfzehn Jahre alt; demungeachtet wollte man bemerken, daß der Vetter sie verstohlenerweise schon mit ganz besondern Augen ansehe.
Drei Jahre gingen in's Land. Christine wuchs heran und wurde nach den Begriffen des Dorfs immer schöner. Mittelgroß, rund, aber von angenehmer Rundung, das gutmüthige, ruhig vergnügte Gesicht, dessen Linien nicht ohne eine gewisse Anmuth waren, frischroth mit bräunlichem Hauch, die Zähne regelmäßig und weiß -- konnte man sie einem Apfel vergleichen, der untadelich gereift eben vom Baum genommen wurde. Damals war unter den Rieser Bauernmädchen noch nicht die Mode aufgekommen, die Haare doppelt zu scheiteln und auf beiden Seiten herunterzukämmen, wodurch sie sich jetzt ein städtisches, vornehmeres Ansehen zu geben suchen. Das Haar wurde von der Stirn an zurückgestrichen und gegen die Mitte des Kopfes zu von dem landesüblichen Käppchen bedeckt. Das ließ einfacher, munterer, und stand besonders Gesichtern, wie Christine eines hatte. Am hübschesten erschien diese, wenn sie an heiterem Sommertag, in weißen Hemdärmeln und den Rechen in der Hand, auf die Wiese ging, ohne eine Ahnung von Sorge, in Fülle körperlichen Wohlseyns schwimmend und gänzlich der frohen Gegenwart hingegeben. Aus dem runden Gesicht blickte zugleich ein eigenthümliches Selbstgefühl heraus, und das hatte seinen guten Grund.
»Die schöne Christine« hieß sie im Dorf. Nur eine Bauerntochter konnte mit ihr noch verglichen werden; aber da diese »so eine rahnenge« war, nämlich allzu schlank, so erhielt Christine von den bäuerlichen Schönheitsrichtern den Vorzug. Die jungen Bursche tanzten gern mit ihr, und wenn einer sie an der Hand im Reihen führte, sang er wohl auch den Musikanten Schelmenliedchen vor, ihr zu Ehren. Aus dem Stegreif zu dichten, ist die Sache des Rieser Burschen nicht, solche Talente sind dort Ausnahmen; dagegen weiß er bekannte Lieder passend anzubringen und damit, ähnlich dem gelehrten Schriftsteller, der eine öfters citirte klassische Stelle wieder citirt, auf bescheidene Weise elegant zu werden. Wenn ein tüchtiger Kerl, mit Christine herumgehend, sang:
Macht mer 'n Walzer auf, Der a weng luste geht, I hab' a Tänzere, 'Sist der Müh werth --
dann im Takt strampfend schmunzelte, so gewann das oft gehörte Liedchen wieder Bedeutung. Einige Zuschauer konnten lächeln und irgend ein alter Bekannter der Christine gemüthlich zurufen: »Ja, ja, so isch -- sott (solche) git's net viel!« Als unter den zuschauenden Weibern einmal die noch immer stattliche Wittwe Glauning vornean stand, machte es der zufällige Tänzer der Christine noch besser; er sang, indem er dem Liede durch Gesichtsausdruck und Blick Sinn verlieh:
A schneaweißa Däube (Täubin), A schwarzer Dauber; Und wann d'Mueter schön ist, No[1] wurd d'Tochter sauber.
Bei dieser Gelegenheit war die Heiterkeit der Mutter noch um vieles lebhafter, als die der Tochter, die an solche schöne Dinge schon gewöhnt war. -- All die Huldigungen aber, die sie erfuhr, gaben dem Wesen des Mädchens nach und nach eine vergnügte Sicherheit, Wohlgefälligkeit, und, wenn man dieses Wort in den Grenzen ländlicher Möglichkeit verstehen will, einen Ausdruck von Huld, der ihr ganz gut stand, aber auch mehr hinter ihr vermuthen ließ, als vorläufig noch hinter ihr war.
Das Gefühl der Huld wurde in Christine vorzugsweise durch Hans genährt. Beichten wir in seinem Namen ohne Umstände. Hans hatte sich allerdings schon in die noch nicht Fünfzehnjährige versehen und nach einem Besuch, kurz vor dem Tode des alten Glauning, ernsthaft zu sich gesagt: »Des wurd (wird) a Mädle für mi!« Die Hoffnung seines Herzens hatte großen Antheil an seinem Entschluß, der Base die Wirthschaft zu führen; sie belebte sein ganzes Wesen und machte ihm die Bauernarbeit noch viel lieber, als sie ihm ohnehin war. Bald freilich trat neben dieser Hoffnung auch eine gewisse Furcht hervor; sie steigerte sich, als Christine zu dem Glanz ihrer ländlichen Reize heranwuchs, und erzeugte das Gefühl und den Humor der Entsagung, dem sich der gute Bursche mit der halben Lust einer treuen, opferfähigen Seele hingeben konnte. »Ja, ja,« sagte er dann wohl mit einem Seufzer, »i sig (sehe) scho, die krieg i net; die ist z'schöa' für mi!« Aber dieses Gefühl konnte natürlich nicht dauern; nach einiger Zeit kam auch die Hoffnung wieder und er ermuthigte sich mit der Bemerkung: »Was doh (da)! A Bursch wie ih kann oh a schöns Weib kriega'; des ist scho oft vorkomma'!« Dann wich der Ernst aus seinem Gesicht, er wurde herzensvergnügt und that der Mutter und der Tochter noch eifriger alles zu Liebe. Aber er fand nicht den Muth, mit Christine von seiner Liebe zu reden.
Die Leserinnen dieser Erzählung haben schon errathen, wo es bei unserem Freund haperte. War Stand und Vermögen gleich und das Herz des Liebhabers doch ohne Zuversicht, so mußte es mit der Figur nicht zum besten bestellt sein. Und das können wir allerdings nicht leugnen. Hans gehörte unter den ledigen Burschen nicht zu den Schönen, und auch nicht zu den Lustigen, die sich bei festlichen Gelegenheiten »recht aufführen« können, auf diese Art den Mangel besonderer Schönheit decken und den Mädchen ebenfalls in die Augen stechen. Er war untersetzt und etwas krummbeinig. Seine Arme haben wir charakterisirt; auf seinen Schultern konnte er ohne Anstrengung ein »Schahf« (Scheffel) Korn tragen. Sein Gesicht war breiter, als man's liebt, und die Nase nicht ganz regelmäßig, die Farbe für einen noch in den Zwanzigen befindlichen Menschen zu braun. Eines war schön an ihm: seine treu blickenden, braunen Augen. Sie waren sogar sehr schön und ihr Glanz hatte einen rührenden Reiz, wenn er heimlich in gutmüthigster Liebe einen Blick auf Sie warf. Nur Schade, daß er dies immer bloß heimlich that, und wenn er ihr offen ins Gesicht sah, in den Grenzen einer freundschaftlichen Herzlichkeit blieb, die wohl einen angenehmen Eindruck macht, aber keinen Zauber ausübt, wie es der Blick der Leidenschaft vermag. Hätte er sie im rechten Moment einmal so angesehen, wie er es heimlich zu thun pflegte, dann wäre ihr Herz vielleicht geschmolzen und ihr Gesicht hätte einen Ausdruck erhalten, der ihm den Muth gegeben hätte, mit seinem Anliegen hervorzugehen und die Schöne zu erobern. Dann hätten wir freilich auch unsere Geschichte nicht schreiben können.
Noch eins war, ich will nicht sagen schön an Hans, aber proportionirt und nicht zu tadeln: der Mund und seine mannhaften Zähne. Wann er bei seinen Kameraden im Wirthshaus saß und in der Laune, die das braune Bier erweckte, gutmüthig über andere und sich selber Spaß machte, dann umspielte seine Lippen ein humoristisches Lächeln, das ihm sehr gut stand und dem ganzen Menschen etwas Angenehmes gab. Das Gesicht glänzte, und sogar die Zähne, die zur Hälfte zwischen den geöffneten Lippen hervorsahen, schimmerten Heiterkeit. Aber auch in diesem Vorzug konnte er sich nie vor der Geliebten zeigen. Einmal wollte er eine lustige Geschichte, die im Wirthshaus großen Beifall gefunden hatte, zu Hause wieder erzählen. Als aber Christine aufmerksam horchte und nicht gleich vergnügt aussah, wo nach seiner Ansicht das »G'spässige« der Geschichte schon begonnen hatte, brachte ihn die Furcht, sein Ziel zu verfehlen, in Verwirrung; er verpfuschte das Ende und wies ein Gesicht, das eher geeignet war Mitleiden als Heiterkeit einzuflößen. »'Sischt doch grad,« sagte er darauf im Kuhstall, den er nach seiner Niederlage aufgesucht hatte, »als wann's der Deufel g'macht hätt'! Im Wirthshaus ka'n es, und derhoe'mt (daheim) ka'n es net und stell me a' wie a'n Esel!« Als ihm hier eine Kuh, die nach Futter verlangte, diesen ihren Wunsch durch eine Kopfbewegung und einen Blick zu erkennen gab, die er sogleich verstand, sagte er: »Ja, ja, du sikscht (siehst) g'scheider drei' und host meaner Segel im Hihra (mehr Grütz im Kopf) als ih!« Gleichsam um das Vieh für seinen Verstand zu belohnen, gab er ihm etwas extra. Bei sich selber aber beschloß er fest, seine Geschichten künftig nur im Wirthshaus zu erzählen.
Sein Gefühl, das so sträubig war, sich in der Gestalt von Worten zu offenbaren, bewies der gute Hans um so mehr durch Thaten. Die Wirthschaft besser zu führen, als wenn's seine eigene gewesen wäre, die Aecker herzurichten wie Gartenland, Korn und Vieh auf dem Markt zum höchsten Preis zu verkaufen, und im Hause der Geliebten Freude zu machen durch Erfüllung ihrer Wünsche, die sie entweder aussprach oder die er ihr an den Augen ansah, das war seine Sache. Im Uebrigen wollte er -- warten. »'S macht se villeicht amohl von o'gfohr« (von ungefähr), dachte er und tröstete mit dieser Möglichkeit sein ungewisses Herz. Sein Zögern hatte auch noch einen Grund, den die Leser ganz vernünftig finden werden. Eins in's andere gerechnet, war sein Verhältniß zu Christine für ihn auch jetzt schon eine Quelle von Vergnügen. Mit ihr die ländlichen Arbeiten zu verrichten, wie die Jahreszeit sie brachte, das Heu »zusammenzuschlohen« oder das Korn zu sammeln, auf dem Wagen die Garben von der Gabel zu nehmen, die ihre rüstigen Arme ihm entgegen streckten, und ihn so schön und gleichmäßig zu laden, daß sie ihn bewundern mußte; im Winter mit ihr zu dreschen und seinen Flegelschlag nach dem ihrigen kräftiger »auf dem Tennen« erschallen zu lassen; Abends mit ihr und der Base zu schwatzen, Rath zu halten über die Arbeiten des folgenden Tages, über Kauf und Verkauf; namentlich aber, vom Markt heimgekehrt, ihnen aus dem ledernen Gurt das Geld vorzuzählen und Lob dafür zu empfangen, daß er wieder so viel gelöst habe -- dieß und anderes, wie es der Verkehr in einem Haus und Geschäft mit sich bringt, war für ihn eine Kette von Freuden, Labsal und Trost für alle Unbilden, die er erfuhr oder im zweifelnden Herzen sich selber anthat. Sollte er nun das alles auf's Spiel setzen, indem er Christine zum Weib verlangte und eine abschlägige oder auch nur eine ausweichende Antwort erhielt? In diesem Fall mußte er das Haus verlassen, oder wenn er blieb, war ihm die Freude verdorben und jede fernere Werbung untersagt. Hans -- das haben wir nun hoffentlich schon klar gemacht -- war kein gewöhnlicher Mensch; er hatte seinen Kopf und sein Ehrgefühl.
Und sie, die schöne Christine? Unstreitig werde ich nicht nöthig haben den Leserinnen erst noch ernsthaft zu versichern, daß ~sie~ gar wohl wußte, wie es mit dem Herzen des guten Burschen stand. Wo gäbe es ein hübsches Mädchen, die hier nicht sogleich Bescheid wüßte? Ich kann sogar verrathen, daß Christine schon als Fünfzehnjährige, nachdem sie ihn einmal auf einem gewissen Seitenblick ertappt, von dem Stand der Dinge gleich eine sehr entschiedene Ahnung hatte. Aber ein unausgesprochenes Gefühl hat auch für die einfache Schöne das Gute, daß es zugleich vorhanden und nicht vorhanden ist. Sie kann ihm gegenüber ihre Gedanken ebenfalls unausgesprochen lassen und thun, als ob es nicht existirte, während es schon diplomatische Geistesbildung erfordert, auch das ausgesprochene Gefühl zu ignoriren. Christine sah, wie sie den Vetter am Schnürchen hatte, und freute sich darüber. Es gefiel ihr besonders, daß er so bescheiden war, daß er sie nicht nöthigte, Ja oder Nein zu sagen, sondern ihr die Freiheit ließ, in der sie sich immer noch so wohl fühlte. Sie hatte eine Empfindung, wie sie bekanntlich auch schöne junge Damen haben, die es ebenfalls höchst reizend finden, eine Zeitlang als erstrebenswerthes Gut zu glänzen, bevor sie ihre Macht und Freiheit an einen Einzelnen hingeben. »Den kannst du haben und am Ende glücklich mit ihm leben,« dachte die gute Christine, und ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, wenn sie sich vorstellte, wie glücklich sie den Vetter machen könnte, wenn sie ihm entgegenkäme. »Aber es hat noch Zeit,« rief es dann in ihr; -- »wer weiß!« --
Aehnlich dachte die Mutter. Daß sie für ihre Tochter einen Mann haben konnte, brav, in der Arbeit geschickt und in seiner Art vermöglich, war gut. Aber wer konnte sagen, ob ihrer Christine nicht noch was Besseres, vielleicht was viel Besseres anstand? »Es hat noch Zeit,« war darum auch ihr Refrain, wenn sich beide mit einander über diese Angelegenheit besprachen. Einmal setzte sie hinzu: »Du därfst aber oh nex thoa', daß 'r verschächt wurd (verscheucht wird)!« Und Christine antwortete: »Des fällt mer net ei'! Er hätt's oh net om mi verdea't!« Und sie folgte ihrer Natur und traf in ihrem Sinne das Rechte: sie bewies gegen Hans eine Freundlichkeit, die seinem Wunsche die Aussicht auf das Ziel freiließ, ohne sie selber zu verpflichten.
Aus diesen Gründen nannten wir im Eingang unserer Erzählung die drei Leute glücklich. Hans war es durch seine Liebe, durch seine Herzensgüte und seine Hoffnung. Mutter und Tochter waren es durch ihre behagliche Existenz, durch die Ehre, die ihnen widerfuhr, durch die Sicherheit, die ihnen Hans gewährte, und durch die Macht, die ihnen gegeben schien. Das Glück des Hans war nun freilich um vieles löblicher, als das seiner beiden Verwandten; allein ich wünschte doch nicht, daß Christine zu streng beurtheilt würde. Sie schätzte den Vetter nur, sie liebte ihn nicht; sollte sie ihm nun entgegenkommen und sich binden ohne Noth? Und daß die Mutter aus bewußter, die Tochter aus instinktmäßiger Vorsicht den wackern Burschen für dem Nothfall bewahrt zu sehen wünschten, das wollen wir zwar nicht bewundernswürdig finden, aber -- aus Galanterie -- auch für keine Todsünde halten.
Ein solcher Zustand kann nicht dauern, und soll es auch nicht. Die unentschiedene Seele sieht sich auf einmal in eine Lage versetzt, wo sie ein bestimmtes Ziel vor sich hat, welches alle ihre Wünsche an sich reißt. Und nicht nur das Erreichen, auch das Erstreben dieses Ziels kann das bisherige Glück trüben und alteriren.
Als Christine das achtzehnte Jahr hinter sich hatte, kam, was Hans in den Stunden der Sorge befürchtete. Es trat ein Nebenbuhler auf.
Im selbigen Winter gab es zwei Hochzeiten, die im Wirthshaus gefeiert wurden, also zwei Tanzgelegenheiten. Bei der ersten ging Christine mit Hans und einer Kamerädin auf den »Ansing.« Wie man ohne Zweifel schon aus seinem ganzen Charakter vermuthet, war das Tanzen die Stärke des Hans nicht. Er hatte keine Freude daran, er leistete auch nichts Rechtes darin und bequemte sich darum auch nur höchst selten dazu. An diesem Ansing tanzte er nur ein paar Reihen, weil ihn Christine in Folge der Koketterie, mit der hübsche Mädchen bescheidene Liebhaber zuweilen auch unversehens beglücken wollen, selber dringend dazu aufgefordert hatte. Nachdem er das Nöthige gethan zu haben glaubte, bedankte er sich und sagte zu ihr mit gutmüthigem Lächeln, sie möge sich den Abend nur recht lustig machen, vor ihm habe sie nun Ruhe. Sie versetzte: »Was schwätscht ietz doh widder! 'S wär' koë Wonder, i tanzet net geara' mit d'r!« Dann aber gab sie doch vergnügt einem flinkeren Burschen die Hand, der schon auf sie gelauert hatte. Hans belohnte sich für seine Anstrengung durch einen tüchtigen Trunk und stellte sich in eine Ecke, um der Lustbarkeit zuzusehen. Das war ihm lieber als selber mitzumachen, d. h. wenn Christine tanzte. Er freute sich auch jetzt wieder, wie schön sie's konnte und wie sie ordentlich »das G'rihß hatte« (wie man sich um sie riß).
Als später der stattliche Sohn eines reichen Bauern auf den geringern Burschen, der sie eben im Reihen führte, zuging und zu ihm sagte: »Komm, loß me oh a weng mit der Christine danza! Du host ietz gmuag (genug)!« -- sie dann ohne viel Umstände nahm und nach einigen Worten, die er an sie richtete, strampfte und den Kopf schüttelte, daß das grünseidene Quästchen auf der Fischotterkappe baumelte, da war Hans im Namen der Geliebten stolz auf die Ehre, die ihr widerfuhr; denn jener Bursche war dermalen der »fürnemste« im ganzen Dorf, und der Gute fühlte sich selbst geschmeichelt, daß so einer sie aufzog und, wie es schien, das Tanzen mit ihr gar nicht hatte »verwarten« können. Bald sah er auch, daß der schöne »Hansirg« (Hansjürg) sie wirklich recht gern im Arm oder an der Hand haben mußte. Er tanzte lange mit ihr, so lange, bis ihr die Schweißtropfen an der Schläfe standen und über die rothen Backen herunterperlten. Dann führte er sie zu einem Trunk in die Stube.
Alles das war in der Ordnung und wurde von Hans auch durchaus so gefunden. Als aber beide nicht lange nachher wieder mit einander herauskamen, um sich herumzudrehen, da freute er sich plötzlich nicht mehr. Er sah, wie der Bursche schon mit einer gewissen Vertrautheit sprach, dabei ganz eigenthümliche Augen machte und die Stimme dämpfte, so daß er seine Worte nicht verstehen konnte, und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Er mußte sich alle Mühe geben, sich nichts »anmerken« zu lassen; und um dieß besser zu können, ging er in die Stube, setzte sich an seinen Tisch und fing ein Gespräch an. Früher, als er glaubte, kam Christine zurück und sagte zu ihm und zu der Kamerädin: »So, nun will ich ausschnaufen, nachher gehn wir heim; für heut ist's gnug!« Ein Stein fiel dem guten Burschen vom Herzen. Er wußte nicht, daß der »Fürneme« in seiner plötzlichen Zärtlichkeit etwas zu weit gegangen, Christine böse geworden war und sich ihm entzogen hatte, d. h. daß die Sache für ihn, den Hans, immer noch sehr gefährlich stand.
Die zweite Hochzeit folgte wenige Wochen darauf. Christine war entfernt mit der Braut, der reiche Bauernsohn mit dem Bräutigam verwandt, und beide gingen als Gäste auf die Hochzeit. Durch die Miene des Trutzens, die Christine gegen ihn annahm und in der sie ihm noch viel schöner vorkam als letzthin, wurde der Bursche auf's neue gereizt. Er bat sich mit höflicher Miene ein paar Reihen aus, und sie konnte es ihm nicht abschlagen. Während des Tanzes fand er Gelegenheit, sie zu besänftigen und Vergebung zu erhalten. Er war voll Freude, setzte sich in der Stube neben sie, ließ eine Flasche Wein kommen, trank und »juxte« (jauchzte), tanzte wieder, und so gings mit wenigen Unterbrechungen fort bis zum »Obedmohl.« Bedenken wir, daß dieser Bursche, abgesehen von dem Reiz, den er als der Sohn des vielleicht wohlhabendsten Bauern im Dorfe hatte, hübsch, hochgewachsen, geschickt und ein vortrefflicher Tänzer war, daß seine Zärtlichkeit ihm von Herzen ging und die Schmeicheleien aus seinem Munde für Christine etwas außerordentlich Wohlklingendes hatten, so werden wir es natürlich finden, daß das Herz des Mädchens nach und nach erweicht wurde und eine Hoffnung in ihr aufflammte, die sie berauschte. In dieser Hoffnung, in der süßen Aufregung ihres Innern wurde sie so schön, daß das Herz auch des Burschen völlig schmolz und er sich förmlich in sie verliebte.
Nach dem Mahl begab sich Christine nach Haus. Sie fühlte, daß es für heute genug sei, ging nicht mehr auf den Ansing und vertraute ihre Tageserlebnisse mit Auswahl der Mutter. Der junge Bauer blieb, theilte im Rausch der Liebe und des Weins sein Glück einem Kameraden, dem Bruder der Hochzeiterin, mit, schwur, daß er keine andere möge als Christine, und daß er sie heirathen werde. Als der Kamerad ihn an den Stolz seines Vaters erinnerte, entgegnete der Verliebte, sein Vater habe ihm nichts zu sagen, was ~er~ wolle, müsse geschehen. Christine bekomme so viel wie manche Bauerntochter und ihre Schönheit sei nochmal so viel werth. Wenn er auch reichere haben könnte, auf's Geld sehe er nicht, das kriege er selber genug. Sein Vater solle ihm nur kommen -- Himmel-Kreuz-Tausend -- er werde es ihm schon sagen u. s. w.
Auch der andere Morgen, das Getöppel der Seinigen, die sein gestriges Benehmen für ein Plaisir ansahen, das er sich gemacht, auch das ruhige Bedenken der Verhältnisse kühlte seine Glut nicht. Er hatte sich den Gedanken in den Kopf gesetzt, und ein Mann wie er mußte seine Sache durchführen. Am folgenden Sonntag nach dem Essen kehrte er unerwartet mit dem Kameraden bei Christines Mutter ein. Hans hatte schon munkeln hören und war in trüber Stimmung. Als die beiden stattlichen Bursche in die Stube traten, sah er sie mit einem Gesicht an, auf dem kein Willkommen zu lesen war. Und wie er nun die Freude sah, mit der die Base und Christine die Gäste empfingen, die Geschäftigkeit, womit sogleich in's Wirthshaus nach braunem Bier geschickt wurde und die Base sogar Kaffee machen wollte -- in einem Hause, wo immer nur Milchsuppe gefrühstückt und der Kaffee nur bei den seltensten Feierlichkeiten aufgetischt wurde -- da gab es ihm einen Stich in's Herz. Er fühlte, wie wenig er zu der Gesellschaft paßte, und schützte einen nothwendigen Gang vor, um aus dem Hause zu kommen. -- Als er Nachts zurückkehrte, war der Besuch natürlich fort, aber der Schein des Glücks, das er gebracht hatte, glänzte noch auf den Gesichtern der beiden Weiber. Christine sah wohl, daß ihre Freude dem guten Hans wehe that; sie bedauerte es, aber sie konnte sich nicht helfen und den Strom ihres Triumphgefühls nicht zurückhalten. Sie erblickte sich schon als eine der ersten Bäuerinnen im Ries und ihr sonst so gesunder Schlaf wurde mehrmals durch den süßen Tumult ihres Herzens unterbrochen.
Damit war's aber auch zu Ende. Der Vater des Burschen erhielt von dem Besuch und dem wesentlichen Inhalt des gepflogenen Raths Kunde, und es folgte nun zwischen beiden ein Auftritt, in welchem der prahlerische Liebhaber gar bald den kürzeren zog. Der Alte entwickelte einen Zorn und eine Machtvollkommenheit, wovor der Bursche sich verkriechen mußte. Was der Wüthende forderte, wurde mit »ja, ja, i will's ja!« zugesagt -- und in kurzem hieß es: »des Moürs (Maierbauers) Hansirg hat mit der einzigen Tochter des reichen Bachbauers von ** Heirathstag gehalten.«
Christine war tief beschämt. Es ging die ersten Tage nicht ohne Vergießung vieler Thränen ab. Allein ihr Temperament und ihr ganzes Wesen war nicht von der Art, daß sich darum ein Gram in ihr befestigen und an ihr zehren konnte. Da der Ungetreue noch dazu aus dem Dorf weg heirathete, so hatte sie, auf gut ländlich, den Traum der Liebe und des Ehrgeizes in wenigen Wochen vergessen.
Hans hatte seit jenem Sonntag ein Betragen angenommen, das er eine Zeitlang unverändert festhielt. Er ging äußerlich ruhig seinem Geschäft nach, beschränkte seinen Verkehr mit Christine und der Base auf das Nothwendigste, machte ein gleichmäßig ernsthaftes Gesicht und suchte zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. Nachdem die Verlobung des Nebenbuhlers bekannt geworden, zeigte er (wer ihn begriffen, sagt sich das von selber) keine Schadenfreude. Er hatte diese nicht etwa zurückzudrängen, sondern die eigentlich so zu nennende empfand er gar nicht. Er bedauerte die Beschämte vielmehr, ging ihr aus dem Weg, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, und überließ sie ihrer Traurigkeit. Als sie nach einigen Tagen schon um vieles getrösteter aussah, gab er seiner Stimme im Gespräch mit ihr unwillkürlich einen freundschaftlicheren Klang, um sie gewiß zu machen, daß er nicht böse sei, und ihre Beruhigung, so weit es von ihm abhing, zu fördern. Aber weiter ging er nicht. Es hatte ihn doch recht »verdschmohcht« (verdrossen), daß sich die schöne Christine dem Bauernsohn mir nichts dir nichts an den Hals geworfen und sich angestellt, als ob er, der Hans, gar nicht mehr auf der Welt wäre. Er wollte sein Herz von nun an nicht mehr an ein Mädchen hängen, die von ihm nichts wollte -- Christine sollte durch nichts mehr daran erinnert werden, daß er sie jemals gern gehabt habe.
Diese guten Vorsätze wurden im Ausgang des Winters gefaßt. Im Sommer stand das Verhältniß unseres wackern Freundes wieder so ziemlich auf dem alten Fleck, ja es war im Begriff weiter zu gedeihen. -- Christine hatte zwischen Hans und dem Ungetreuen Vergleichungen angestellt, und es war ihr zum erstenmal klar geworden, daß Treue und Zuverlässigkeit etwas seien, wovor man Respekt haben müsse. Das frühere Benehmen des Vetters erschien ihr jetzt nicht mehr als ein Gegenstand herablassenden Spiels, im Gegentheil, sie hatte dabei ganz ernsthafte Gedanken. Und wenn sich nun ~er~ zurückhielt und gar nicht mehr dergleichen thun wollte, so -- kam sie ihm selber entgegen; allerdings nur mit einer gewissen Vorsicht. Sie offenbarte in ihrem ganzen Wesen nur mehr Achtung und Freundschaft und der Ton ihrer Stimme erhielt nur eine herzlichere Färbung. Zuweilen aber, wenn er im Geschäft etwas recht gut gemacht hatte, warf sie mit ihren graublauen Augen ihm einen Blick zu, dessen Dankbarkeit auch ein Unparteiischer durch eine bedeutende Zugabe von Zärtlichkeit verstärkt gesehen hätte. Dem widerstehe ein liebendes Herz, und obendrein ein großmüthiges! Hans ließ sich Schritt für Schritt wieder zurückführen in die angenehme Gefangenschaft. Er kostete nun seinerseits einen gewissen Triumph, wiegte sich in frohen Momenten stolz im Gefühl der Macht und gab sich einer Sicherheit hin, die nur zuweilen durch die Einwürfe der Bescheidenheit unterbrochen wurde. Dann prüfte er wieder, hielt wieder an sich -- und Christine kam ihm einen Schritt weiter entgegen. Die treue Seele war über die Maßen vergnügt; aber dieses Vergnügen that ihm gar zu wohl, und ihm war, als müßte er es vorläufig dabei lassen.
Der Verkehr der drei Leute nahm einen Charakter an, dessen reine Fröhlichkeit jeden theilnehmenden Beobachter erquickt hätte. Man scherzte und neckte sich; dem Vetter gelang es jetzt, der Schönen lustige Geschichten, namentlich wenn sie kurz waren, ohne Anstoß zu erzählen und sein Gesicht dabei durch jenes humoristische Lächeln zu erhellen, das ihm so gut ließ. Das Dorf war über ihr Verhältniß im Reinen, und wenn es geheißen hätte: Christine wird ihren Vetter heirathen, so hätte sich kein Mensch darüber gewundert. Hans wurde nun von seinen Kameraden mit ihr aufgezogen und gelegentlich ermahnt, einmal ein Ende zu machen, damit man bald wieder eine lustige Hochzeit bekäme. Und jetzt, in den Tagen des Herbstes, faßte er ernstlich den Entschluß, ihr seine Herzensmeinung zu sagen. Er verschob indessen die Ausführung von einem Tag zum andern. War es das Gefühl, daß Eile nicht nöthig sei und Christine ihm doch nicht entgehen könne? oder war der Geist des Zweifels wieder über ihn gekommen, oder vermochte er nur nicht über die Anrede mit sich einig zu werden und wartete auf eine Gelegenheit, wo sie sich von selber machte? Sei dem wie ihm wolle -- er zauderte.
Da trat auf einmal ein Nebenbuhler auf, der noch gefährlicher war, als der erste, und in kurzer Zeit die Hoffnungen des Guten zertrümmerte.