Chapter 2 of 7 · 5374 words · ~27 min read

II.

Der Nebenbuhler des Hans war der neue Lehrer, der den bisherigen in der Dorfschule ersetzte. Der alte war im Ausgang des Sommers an eine andere Stelle befördert worden, die jährlich um zwanzig volle Gulden mehr trug. Der neue, ein geborner Rieser, im Seminar erzogen und als mehrjähriger Gehülfe praktisch gebildet, übernahm sein Amt im Oktober.

Friedrich Forstner -- so hieß der junge Mann -- war kaum vierzehn Tage im Dorf, als er schon die meisten Herzen gewonnen hatte. Ein Theil erinnerte an das »neue Besen kehren gut« und wollte erst sehen, wie er sich halte. Nur wenige alte Murrköpfe oder junge Eifersüchtige erklärten ihn für einen »Windbeutel.« -- Der Contrast zwischen ihm und dem bisherigen Lehrer war freilich sehr stark.

Der alte war seines Zeichens ursprünglich ein Weber, und, wie man annehmen muß, an seine Stelle gekommen in Ermangelung eines Bessern. Eine lange, hagere Gestalt mit kleinem Kopf und dünner Nase, von der man sogleich auf einen charakteristisch näselnden Ton der Stimme schließen konnte. Gutmüthig bis zu einem gewissen Grad, wurde er an Einfalt nur von Einem seiner damaligen Collegen übertroffen. Indem er zur Nothdurft lesen, schreiben und rechnen lehrte, genügte er dennoch. Seine Hauptthätigkeit bestand im Abhören dessen, was die Kinder, entweder von ihm aufgegeben oder freiwillig, auswendig gelernt hatten. Diese Kunst war für einen Mann, der Gedrucktes lesen konnte, nicht schwer, und da die »Schulfrau« (die Gattin des Lehrers) dies auch verstand, so vermochte sie ganz gut für ihn Schule zu halten, wenn er über Land gegangen war oder irgend ein dringendes Geschäft abzumachen hatte. In einem Zweige der Pädagogik war der würdige Repräsentant der guten alten Zeit Virtuos -- in Führung des Haselstocks. Wenn die Buben oder keckeren Mädchen schwatzten und »bätschten,« d. h. Tauschgeschäfte machten, was namentlich mit »Helgen«[2] zu geschehen pflegte; wenn sie, zum Sprechen aufgefordert, dem Befehl nicht nachkommen konnten, weil sie zu heimlichem Genuß eben Brod oder Obst in den Mund gesteckt hatten; wenn sie statt das Auswendiggelernte ohne Anstoß »herzubeten,« »gatzten« (stotterten) und nicht mehr weiter konnten, dann schwang er, besonders wenn er schon vorher in gereizter Stimmung war, den gefürchteten Stock mit einer Fertigkeit auf Achseln und Rücken des Schuldigen, daß es eine Freude war zuzusehen. Und mit jener Befriedigung, die man nach Ausübung einer Kunst empfindet, in der man sich Meister weiß, legte er, während der getroffene Schlingel heulte, das Instrument wieder bei Seite.

In den größten Zorn konnte der Mann gerathen, wenn er fand, daß ein Schüler seine »Lection« übersprungen hatte. Damit verhielt es sich so. Vielleicht um sich auch die Mühe des Aufgebens zu ersparen, oder berücksichtigend, daß nicht einer ein so gutes »G'merk« (Gedächtniß) habe wie der andere, stellte er es den Kindern anheim, aus Luthers kleinem und großem Katechismus nach Oettingscher Einrichtung von vorne beginnend auswendig zu lernen, so viel ihnen gutdünkte, indem er dann abhörte, was sie ihm als gelernt bezeichnet hatten. Wie nun der Ehrgeiz aus keinem Winkel der Erde zu verbannen ist, so lernten auch die Schüler tüchtig; denn es galt die Erlangung des Ruhms, von allen zuerst mit den sämmtlichen zweiundfünfzig »Lezgen« oder Lectionen des großen Lutherischen Katechismus fertig geworden zu sein. Hie und da besaß einer der geistreicheren Jungen viel Ehrgeiz, aber sehr wenig Lernbegierde; was war natürlicher, als daß er nun gelegentlich einige Lectionen überhüpfte? Manchmal gelang der Betrug, wenn auch die Mitschüler nichts gewahr wurden oder so gute Kameraden waren, daß sie schwiegen. Wenn aber der Lehrer selber stutzte, oder irgend ein Schelm ihn durch Lachen aufmerksam machte, oder ein Verräther geradezu rief: »Herr Schullehrer, der überhupft!« -- dann gerieth der Getäuschte in eine schwer zu beschreibende Wuth, und die Streiche des Haselstocks regneten auf den entlarvten Betrüger. Diesem blieb nichts übrig, als die Schläge trotzend oder schreiend hinzunehmen und nach Umständen außer der Schule den Verräther durchzuprügeln, was meistentheils geschah, da der unternehmende Bursche in der Regel kräftig und gewandt, der »Batscher« (Plauderer) schwach und feig zu sein pflegt.

So hielt der alte Lehrer Schule. In ähnlicher Weise kam er auch den Pflichten eines Küsters, Organisten und Vorsängers nach, nämlich immer in einer gewissen Entfernung. Für die Bauern war er doch »kein unebener Mann.« Da er, mit einer Anzahl von Kindern gesegnet, »nothig« und geschenkbedürftig war, so befleißigte er sich den Wohlhabenden gegenüber stets der gebührenden Höflichkeit. Er war dienstwillig, und wenn ein Vater anfragen ließ, ob sein Bube heute nicht »aus der Schule bleiben« könnte, so nahm er es mit dem vorgeschützten Grunde niemals genau. Sogar das Verlangen, den Haselstock zu führen, so mächtig es in ihm war, konnte er »aus Rücksichten« bemeistern. Die »gestandenen« Bauern fühlten sich in keiner Weise unter ihm. Er trug sich städtisch, aber der städtische Anzug war das Produkt des Dorfschneiders und nicht geeignet, neben der Rieser Tracht den Anblick von etwas Feinerem zu gewähren. Er sprach ein wenig hochdeutsch; aber jeder Andere glaubte in der ächten Rieser Sprache etwas Gescheidteres sagen zu könnnen. So flößte er in keiner Art Respekt ein. Darum war es aber gerade commod mit ihm umzugehen, und das ist eine Eigenschaft, die auch im Dorfe Beifall und Gunst findet.

Friedrich Forstner war seiner ganzen Erscheinung nach das, was der Rieser Bauer einen »Herrn« nennt. Mittelgroß, zierlich gebaut, sah er in seiner einfachen, aber wohlgefertigten Kleidung nett, beinahe elegant aus. Als ein aufgeweckter Kopf und von Natur anstellig zu Allem, hatte er im Seminar eine nicht gewöhnliche Summe von Kenntnissen erlangt; als Gehülfe in Dorf und Stadt hatte er die Klugheit ausgebildet, die Niemand lästig wird und sich spielend nach den Umständen zu richten weiß. Er sang hübsch, verstand mehrere Instrumente und war ein vortrefflicher Gesellschafter.

Gleich bei seinem Einzug hatten die Glieder der Gemeindeverwaltung und andere Männer, die mit ihm zusammen kamen, eine eigene Empfindung. Forstner ließ es durchaus nicht an Höflichkeit fehlen, aber sie, anstatt die Artigkeiten, wie bei seinem Vorgänger, wohlgefällig hinzunehmen und nur kurz zu danken, fühlten sich unwillkürlich getrieben, sie zu überbieten. Der junge Mann erwiederte bescheiden, schlug mit Gewandtheit einen vertraulichen Ton an und wußte es zu machen, daß die Bauern ihren Respekt behielten, ohne dadurch genirt zu sein, ein Gefühl, das ihnen ganz neu war. Als der zeitige Ortsvorsteher nach Haus kam, sagte er zu seinem Weib: »Höer du! der nui (neue) Schulmoëster ist a fei's Mändle!«

Eine ähnliche Erfahrung machten die Schulkinder. Forstner hielt bei seinem Auftritt eine Anrede an sie, und es war den meisten, als ob sie das, was er sagte, verständen! Als die Eltern zu Hause fragten, wie's gegangen sei, wußten sie sogar von dem Gehörten etwas wieder zu erzählen und es einigermaßen zu expliciren! Am andern Tag fand eine Aufmerksamkeit statt, wie sie die Wände der Schulstube nie gesehen hatten. Bei einem entstandenen Lärm genügte ein Zuruf und ein Blick des Lehrers, um zwei in Streit gerathene Buben augenblicklich verstummen zu machen; und wie später einer mit seinem Nachbar schwatzen wollte, stieß ihn dieser, anstatt auf das Vergnügen des »Blieselns« einzugehen, mit dem Ellbogen in die Seite und rief mit gedämpfter Stimme ärgerlich: »Halt's Maul!« -- Nach dem vierten Tage erlebten die Eltern etwas Unerhörtes: die Kinder wollten nicht mehr aus der Schule bleiben! Ein Söldner brauchte seinen zehnjährigen Sohn bei einer Arbeit und wollte ihn zu Hause behalten; das Bürschchen widersprach, und als das nichts half, begann es zu »flannen« (flennen). So lange das Dorf stand, der erste Fall dieser Art.

Um diese Zeit begegneten sich drei Bauern auf der Gasse. »Was isch denn mit deana' Kinder (diesen Kindern) iatz?«, begann der erste; »die deant (thun) ja wie narret!« -- »'Sischt wärle wohr« (wahrlich wahr), versetzte der andere; »der nui Schulmoëster hot's ganz verhext.« -- »No, no,« sagte der dritte, »'sist ja rehcht, wann's geara' en d'Schuel gont« (gehen). -- »Des scho',« erwiederte der erste; »aber überstudiert soll er's net macha', des paßt se net für Baura'.« -- »Ueberstudiert,« entgegnete der dritte, »weara's no lahng net, wann's meaner (mehr) learna', als beim alda'. Semmer (seien wir) froa', daß mer dean loas send ond 'n bessera' hont« (haben). -- So behielt die Gunst auch hier das letzte Wort.

Dem Talent des neuen Lehrers gelang es sogar, die Sonntagsschüler zu gewinnen, mit Ausnahme nur weniger Burschen, die schon im achtzehnten Jahre standen und durch nichts mit dem Gedanken versöhnt werden konnten, sich von einem Menschen, der nur etliche Jahre älter war als sie, noch etwas sagen lassen zu müssen. Am zweiten Feiertag fing eine und die andere Jungfrau schon an, sich etwas besser zu putzen und dabei anmuthig zu lächeln und ein wenig zu erröthen. Es trat ein Eifer des Schulbesuchs ein, den bisher niemand wahrgenommen hatte und der zu vielen guten und schlechten Späßen Anlaß gab.

Zuletzt eroberte Forstner auch die Bauern in der Wirthsstube. Er setzte sich kameradschaftlich zu ihnen, ließ sich von ihnen über ökonomische Verhältnisse und Einrichtungen des Dorfes belehren, beantwortete die Fragen der Neu- und Wißbegierde, gab jedem seine Ehre und lieferte das feinste und beste Salz zu den lustigen und satyrischen Gesprächen. -- So hallte in kurzem das ganze Dorf von seinem Lobe wieder. Mit wenigen Ausnahmen sangen es Männer und Weiber, Mädchen und Bursche, Kinder und Greise. Es kam so weit, daß hie und da ein wohlgesinnter, aber maßhaltender Mann ärgerlich ausrief: »Ietz hab' i aber gnuag von uirem (eurem) Schulmoëster, und bitt mer'n andern Diskursch aus.«

Das meiste Glück machte der hübsche, junge Pädagog freilich bei den Mädchen des Dorfes, obwohl gerade diejenigen, denen er am meisten gefiel, es am wenigsten Wort haben wollten. Alle, sogar die Tochter des Wirths und die Töchter der reichsten Bauern, suchten dem »netten Mann« zu gefallen. Forstner war Verehrer und Kenner des schönen Geschlechts und mit Vergnügen galant; er konnte gar so freundlich »guten Tag« sagen, und manche, die sich für schön hielt, schwenkte sich nun bloß zu dem Ende an ihm vorbei, um von ihm bemerkt und gegrüßt zu werden.

Drei aus der Klasse derjenigen, die es für ein Glück halten konnten, »Schulfrau« zu werden, hatten ernsthafte Absichten auf ihn. Man würde sich irren, wenn man glauben wollte, Forstner, der so sehr gefiel, hätte nun auch unter allen Dorfmädchen die Wahl gehabt, in der Meinung etwa, daß ein im Seminar erzogener, mit den Gebildeten der Umgegend verkehrender, im Dorf als »Herr« geehrter junger Man für die Phantasie auch des wohlhabenden Bauers etwas Unwiderstehliches besitzen müßte. Dem wohlhabenden Bauer flößen derartige Vorzüge den hier allein entscheidenden Respekt nicht ein; er gibt dem »Herrn Lehrer« die Ehre, behält aber seine Tochter. Der Bauer verlangt vor Allem, daß sein künftiger Schwiegersohn ein eigenes Haus besitze; eine Existenz ohne dieses scheint ihm sehr luftig, und wenn man ihm einen hauslosen Schullehrer anträgt, dann kann er befremdet, ja entrüstet fragen: »Soll i mei' Tochter auf d'Gaß naus heiricha' (heirathen) lossa'?« -- Und nicht nur die Eltern, auch die Tochter würde sich in der Regel nicht mit dem Gedanken befreunden, die Frau eines Mannes zu werden, der jährlich nur zwei bis dreihundert Gulden Einnahme hat, »alles kohfa'« (kaufen) und von den Bauern Geschenke annehmen muß. Der Bauer ist stolz darauf, in seiner Art Herr zu sein, d. h. auf tüchtigem Gute thätig und behaglich zu leben und seine Töchter wieder an Bauern oder an Wirthe, Müller und ausnahmsweise an wohlgesessene Handwerker der umliegenden Städte zu verheirathen, die selbst einige Oekonomie haben. So räth es ihm die Sitte und die Lebenserfahrung, und diesen folgt er. Etwas anderes ist es mit dem besser gestellten Söldner, dem dörflichen Handwerker, und allenfalls auch dem verschuldeten Bauer. Diese können es für eine Ehre halten, wenn der Lehrer des Dorfs ihr Schwiegersohn zu werden wünscht. Sein Einkommen entspricht hier dem Heirathsgut der Tochter, und auch in den Augen des verschuldeten Bauers würde die Schattenseite des Lehrerstandes durch die Lichtseite wieder aufgewogen.

Aus dieser Schichte der dörflichen Gesellschaft waren denn auch die drei Mädchen, die es lüstete, die Hand des hübschen Mannes davonzureißen. Sie gaben sich gewaltig Mühe, und eine davon hoffte schon zu triumphiren. Sie hatte die betagte Mutter Forstners, die ihm Haus hielt, wiederholt im Sonntagsstaat besucht und ihr -- was man sagt -- »mit dem Holzschlägel gewinkt;« und da sie überdieß von den dreien die reichste war, so glaubte sie nicht, daß es ihr fehlen könne. Indeß, ein paar Tage später, und sie mußte hören, der Herr Forstner habe ein Auge auf die schöne Christine geworfen. Eine Woche später, und auch sie mußte sich von der Wahrheit dieses Gerüchts überzeugen, das nun in die Reihe offenkundiger Thatsachen eintrat.

Die Mutter Forstners war mit der Wittwe Glauning verwandt; allerdings sehr entfernt, doch das verhinderte die Glauning nicht, die Mutter des Herrn Lehrers als Frau Base zu begrüßen und denselben Titel von ihr zu empfangen. So war zwischen den Familien gleich in der ersten Zeit ein Verhältniß hergestellt. Der junge Mann fand Christine hübsch, aber in der geschäftigen Zeit der ersten Einrichtung, der Amtspflichten, des Besuchmachens u. s. w. konnte er die Bekanntschaft nicht weiter pflegen. Als er in seinem Neste warm saß, die Arbeiten ihren Gang gingen und ihm freie Zeit übrig ließen, empfand er ein Verlangen, sie wieder zu sehen; er folgte dem unbestimmten Drang und kehrte an einem festtäglichen Abend in ihrem Hause ein. Als er sie sah im Sonntagsputz, vom Schein der Ampel beleuchtet, mit ruhiger, aber herzlicher Heiterkeit zu seinen Artigkeiten lächelnd, fühlte er sich getroffen. Die unverdorbene, schöne Sinnlichkeit machte einen reizenden Eindruck auf ihn, und er mußte sich sagen, daß in ihrem Wesen noch etwas liege, das sie höher stellte, als ihre Gespielen. Er kam sehr eingenommen, in merklicher Aufregung nach Hause und rühmte sie der Mutter in starken Ausdrücken. Diese erwiederte sofort: »Weißt du, was ich mir schon gedacht hab'? Das wär' eine Frau für dich.« -- »Frau?« erwiederte er in einem Ton, der den Skrupel des »Gebildeten« ausdrückte. »Ja, Frau!« versetzte die Mutter. »Die Glauningin wird ihre viertausend Gulden Vermögen haben; Christine ist hübsch, wacker, versteht alle Arbeit und paßt sich besser für dich, als so eine Städterin, die nichts als Kleider mitbrächte.« -- »Aber man sagt ja, der Bursch da, der Hans, wolle sie heirathen.« -- »Ausgemacht ist noch nichts,« bemerkte die Mutter, »das weiß ich. Und so Einen,« setzte sie mit einem etwas eiteln Blick auf den Sohn hinzu, »so Einen wirst du wohl nicht fürchten?« -- »Wir wollen sehen,« erwiederte Forstner nachdenklich.

Der Keim, den die Mutter ihm in die Seele gesenkt hatte, gedieh und entwickelte sich. Am nächsten freien Abend fühlte er eine lebhafte Begierde, den Besuch bei der Glauning zu wiederholen. Er legte den Weg vom Schulhaus zu ihr mit raschen Tritten zurück, und das freundliche Gesicht des Mädchens glänzte ihm entgegen wie der Vollmond. Wir haben es schon angedeutet: Forstner war das, was man einen »Liebhaber des schönen Geschlechts« nennt. Seine Freude an hübschen Gestalten dürfen wir vielleicht ~poetisch~ nennen, in so fern dieses Wort ein fein sinnliches und phantastisches Wohlgefallen ausdrückt. Die Empfindung war so schön und so reizend! -- und er gab sich ihr nun, wo es die Klugheit nicht widerrieth, ohne weitere Skrupel hin. Bei Christine riethen ihm Neigung und Klugheit, für's erste nur den Galanten, den heitern Liebhaber zu spielen. Er wollte das hübsche Mädchen umschwärmen wie ein Schmetterling und hier vor allem die sinnlich romantische Lust finden, die er suchte; er wollte sie bezaubern, den bäurischen »Tölpel,« für den ein solches Mädchen wahrlich nicht geschaffen war, verdrängen und sich zum Gebieter ihres Herzens machen, dann -- überlegen, ob und wann er sie zu seiner Frau machen könne.

Als er, von der Wittwe mit besonderem Eifer und schon mit einem eigenen Blick empfangen, Platz genommen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter wieder zum Spinnen. Forstner entwickelte sogleich seine Unterhaltungskunst, und sein angebornes Talent und die Begierde, zu gefallen, ließen ihn Scherzreden führen und Geschichten erzählen, wie sie dem Bildungsstand der Zuhörerinnen entsprachen und nothwendig belustigen mußten. Er wußte einer Geschichte ungezwungen eine für Christine schmeichelhafte Wendung zu geben, und nicht nur herzliches Lachen, sondern auch ein beglücktes Erröthen und ein im Abwehren dankbarer Blick war sein Lohn. Forstner besaß eine Gewandtheit mit hübschen Mädchen umzugehen, von der sich ein ehrlicher Bauernbursche nichts träumen läßt. Der Bauer unterhält und schmeichelt im Lapidarstyl, die niedliche Currentschrift mit zierlichen Schnörkeln ist nicht seine Sache. Unser junger Mann war aber gerade hierin stark, und er gab diesen Abend gleich eine Probe davon. Er bewunderte die Kunst des Spinnens, worin Christine in der That sich auszeichnete, und behauptete dann, er hätte es auch einmal zu lernen versucht und möchte wohl sehen, ob's noch ginge. Natürlich lud ihn das fröhliche Mädchen ein, es zu versuchen. Er setzte sich zum Rocken und es ging hinlänglich schlecht; Christine lachte, zeigte es ihm, er versuchte es wieder, und das alles bewirkte unter großem Vergnügen rasche Vertraulichkeit. Nachdem dieses Mittel erschöpft war, erklärte Forstner, er wolle neben einer solchen Meisterin nicht länger den Pfuscher spielen und lieber ein anderes Geschäft treiben, das sich besser für ihn schicke. Er setzte sich neben sie und machte sich's zur Aufgabe, ihr die »Aga'« (Flachsabfälle beim Spinnen) von der Schürze zu schütteln. Und während er die mündliche Unterhaltung fortsetzte, that er dieß gelegentlich so nett und lustig, daß man's ihm nicht übelnehmen und nur lachend Abwehrungsversuche machen konnte. Es stand ihm eben alles an, und er konnte mehr wagen als ein Bauernbursche, weil er es zierlich machte und in den Grenzen des Scherzes blieb. Als er endlich Abschied nahm, erklärten Mutter und Tochter, so vergnügt wären sie lange nicht gewesen, und er solle doch ja bald wieder die Ehr' geben.

Und Forstner kam wieder und wieder. Ihm ward so wohl in der warmen Stube bei dem hübschen Mädchen und der gefälligen, heiter blickenden Mutter. Draußen wirbelte der Schnee und sauste der Wind, drinnen schnurrten die Räder und tickte die Wanduhr, und unter dieser Begleitung ging das Spiel der Unterhaltung fort und gipfelte hie und da in einem Terzett hellen Gelächters. Alle drei hatten im eigentlichen Verstande eine poetische Empfindung. Mutter und Tochter sagten sich dieß nicht, denn sie kannten das Wort nicht; aber Forstner sagte sich's und schwelgte in seinen Gefühlen. Welchen Reiz übte Christine auf ihn! die in ihrer Art vollkommene Gestalt, durch Fröhlichkeit erhellt und verklärt, die sinnliche Fülle in ihrer schönsten Blüthe und im reichsten Glanze des Glücks! -- Und dieses Mädchen war ihm gewogen und wurde es immer mehr. Zu ihm neigte sie sich -- ein Wort von ihm, und sie lag in seinen Armen. Welch süßes und stolzes Gefühl -- das Gefühl der Macht über ein so liebenswürdiges Geschöpf! Nun hielt er beim Abschiednehmen die Hand in der seinen und drückte sie, und dies wurde mit Erröthen geduldet und erwiedert. Lieb war ihm da der Wind und der herabwirbelnde Schnee, die seine glühende Wange auf dem Heimweg kühlten.

Wir dürfen Christine nicht schwächer erscheinen lassen, als sie in der That war. Sie ließ sich nicht ohne Weiteres gewinnen und dem Vetter abwendig machen. Zuerst ahnte sie nichts und hatte gegen Forstner nur das Gefühl der Dankbarkeit, weil er so freundlich und so »unterhaltlich« war. Sie verliebte sich nicht in seine nette Gestalt, wie jene drei andern, eben darum war sie auch nicht auf ihrer Hut und ließ sich gehen -- und so verstrickte sie sich. Es gab in der ersten Zeit einen Moment, wo die Wage für Hans und Forstner noch gleich stand. Hätte jener seinen Antrag gemacht, vielleicht hätte der ehrliche Freiersmann den bloßen Liebhaber (als mehr erschien Forstner bis dahin noch nicht) aus dem Felde geschlagen. Aber während dieser dafür sorgte, sein Gewicht zu vermehren, handelte der Ehrliche so, daß seine Schale immer leichter werden mußte.

Hans hatte nie zu denen gehört, die den neuen Lehrer ohne Klausel bewunderten. Gleich nach dem ersten Zusammentreffen mit ihm hielt er ihn für einen Menschen, der ihm zu schlau dreinsehe und dem nicht zu trauen sei. Bei dem ersten Besuch Forstners im Haus der Base hatte indeß auch er noch kein Arg. Er stimmte von der Ofenbank, auf der er saß, ein paarmal herzlich in das Gelächter der Weiber mit ein. Als aber der Gewandte seine Künste begann, hatte der wackere Hans ein unbehagliches Gefühl. Er erklärte ihn zuerst nur bei sich für einen »öaden« (faden) Menschen, der ihm recht »auf d'Weibsbilder aus« zu sein scheine und mit dem sich ein ordentliches Mädchen eigentlich nicht viel abgeben sollte. Als er aber sah, wie Christine sich mehr und mehr auf seine Späße einließ, wurde er ärgerlich und -- empfindlich. Er konnte und wollte die Unterhaltung nicht weiter mit anhören, und wenn das »Schulmoesterle« kam, ging Hans in den Stall oder aus dem Hause. -- Es wogte sonderbar in der treuen Seele hin und her. Einmal war er erzürnt, und wenn Christine ihn über irgend etwas fragte, brummte er sie an. Dann glaubte er wieder, seine Befürchtung sei Unsinn und sein Trutzen einfältig. Er gab sich Mühe freundlich auszusehen; er wollte ihr nun auch etwas Schönes sagen und etwas Lustiges erzählen, und nun gerieth's ihm wieder nicht. Zu dem Einzigen, was ihm den Sieg noch hätte gewinnen können, zu einer herzhaften Erklärung konnte er sich jetzt am allerwenigsten entschließen. Er wollte jetzt gerade sehen, wie die Sache ginge. Wenn Christine »so 'n Kohbatza'« (winziger Fisch) lieber zum Mann wolle als ihn, dann solle sie ihn haben und Schulmeisterin werden. Sie kenne seine Meinung wohl und sie wisse recht gut, daß sie auf ihn zählen könne. Wenn sie im Stande sei, ihn wieder so ohne Weiteres aufzugeben, dann sei es ihm auch recht -- und am Ende besser, daß er so eine gar nicht kriege. Aus diesen Gründen zog er sich mehr und mehr zurück, und Christine neigte sich ganz zu Forstner.

Als der Treue sich davon überzeugen mußte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fühlte er eine Pein, wie nie zuvor. Aber bald war auch sein Entschluß gefaßt. Was in der ersten stillen Nacht auf dem einsamen Lager in ihm vorging, wollen wir nicht schildern und nur das sagen, daß Zorn und Schmerz über Sie, über sich und sein Unglück so in ihm brannten und sich wechselseitig steigernd ihn so bedrängten, daß sich das gepreßte Herz in Thränen Luft machen mußte. Für eine tiefe und leidenschaftliche Liebe -- und das war seine Liebe geworden -- ist es eine unsägliche Qual, sich verschmäht zu sehen um eines Mannes willen, den man nicht schätzen kann. Zur Vernichtung aller Hoffnungen auf das einzige Glück des Lebens kommt noch die Pein der Verachtung, die man erfahren, die Pein des Schmerzes über den Triumph des Nebenbuhlers, die Wuth über sich selbst, daß man den Schatz seiner Liebe an die Geringschätzung des Unbestandes verrathen konnte. Hans, in dem alle diese Empfindungen nach einander aufloderten, empfand die Marter der Verzweiflung in seinem Herzen. Welch ein Elend, sich Christine als das Weib dieses »Leckers« denken zu müssen! welche Schande, noch einmal auf die Seite gesetzt zu sein, nachdem schon von ihrer Hochzeit die Rede gewesen war! »Du mußt fort!« rief es in ihm, »aus dem Haus, aus dem Dorf!« -- Aber da rührte sich die gründlich gute Natur in ihm. »Nein,« rief er dagegen, indem er sich ermannte, »nein das thu ich nicht, das wär' mir zu miserabel! Ich bleib' und halt' aus -- jetzt grad! -- Hinter meinem Rücken mögen die Leut' sagen, was sie wollen -- in's Gesicht« (und er blickte mit funkelnden Augen in die Morgendämmerung) »in's Gesicht verspottet mich keiner, das weiß ich!« -- Nachdem so das Bleiben vor seiner Ehre gerechtfertigt war, konnte auch die Großmuth ihre Gründe dafür aussprechen. »Sie brauchen dich, und jetzt mehr als sonst. Wer weiß, wie's geht? Der sieht mir grad so aus, als ob er mit nochmal so viel fertig werden könnt' als er hat. Ich will die Sach' vor der Hand noch zusammenhalten. -- Kein' Dank verlang ich nicht!« Nach der Entschließung beruhigte sich die Leidenschaft endlich, die ihn so mächtig hin und her geschüttelt hatte. Der Wille, auszuharren und denen, die ihn gekränkt, Gutes zu thun -- das war der Balsam auf die Wunde seines Herzens. Er kleidete sich an und ging in die Stube.

Christine saß mit ihrer Mutter am Tisch. Hans wünschte mit ruhiger Stimme guten Morgen, aber mit einem Gesicht, daß Christine sich augenblicklich sagte: er weiß es! Sie las in diesen Mienen ihr Gericht und schrak zusammen. Das Gewissen, das sich plötzlich in ihr aufrichtete, erhellte ihren Geist und schärfte ihr Urtheil; und während sie sich vorher, ihrer Neigung folgend, gesagt hatte: »er ist selber dran Schuld, warum red't er nicht?« so erkannte sie jetzt ihr Unrecht und fühlte es tief. Das Schuldbewußtsein drückte sie darnieder und ließ sie so verzagt erscheinen, daß Hans wieder Erbarmen mit ihr empfand. Gemüther wie das seine können in der Strenge des Richters nicht lange verharren; der Trieb, Gnade für Recht ergehen zu lassen, ist zu mächtig in ihnen und geht unwiderstehlich in Wirksamkeit über.

Hans blieb von diesem Moment an genau in der Zurückhaltung, die er sich zum Gesetz gemacht hatte; aber er wurde freier darin, und Blick und Ton seiner Stimme erhielten wieder mehr von dem Wohlwollen, das unvertilglich in seinem Gemüth lebte. In der Güte, in der Großmuth eines wackern Mannes liegt ein Quell von Kraft, von der die seichte, egoistische Natur keine Ahnung hat. Im Besitz dieser Natur kann man vergeben, und man vergiebt. Und man wird nicht schwächer, indem man es thut, sondern stärker; man fühlt sich nach Ertheilung der Gnade nicht ärmer, als nach Forderung und Erlangung seines Rechts, sondern reicher, und man schwingt sich in dem Bewußtsein der Tugend über das Leid hinweg, das die Seele überfluthen zu wollen schien. Dies vermag der Bauer wie der König, wenn ihm Gott den Geist dazu gegeben hat, und jeder thut's nach seiner Art. Unser Bauernbursche gewann nach seiner innerlichen Ueberwindung einen Gesichtsausdruck, den man nur als edel bezeichnen konnte. Dem Dorfmädchen war auch dieses Wort in seiner moralischen Bedeutung unbekannt, aber von der Sache hatte sie eine Ahnung. Sie fühlte kein Bedauern, sondern eine unwiderstehliche Achtung vor dem Vetter; mit dem weiblichen Stolz, der so bereit ist, Mitleid zu empfinden und namentlich zu offenbaren, war es aus. -- Aber ihre Natur machte sich den Stand der Dinge nun auf andere Weise zu Nutze. »Er ist getröstet,« sagte sie sich, »und wenn er sonst auch viel aus mir gemacht hat, thut er es jetzt nicht mehr.« -- Einige Tage später, und ihr Gewissen hatte sich wieder beruhigt und schwieg; die Neigung, die Leidenschaft gewannen die Herrschaft wieder völlig. Das Weib fühlte sich frei und gab sich ganz dem Drang ihres Herzens zum Glück hin.

Die Leser haben errathen können, daß Forstner und Christine Liebesgeständnisse ausgetauscht und Hans gewisse Kunde davon erhalten hatte. Zu einem Verlöbniß war es noch nicht gekommen; aber zu diesem Ziele drängte es beide nun unausweichlich hin. Der junge Mann hatte seiner Neigung und wenn man will seinem Gelüste folgen wollen, in der Meinung, immer noch die Wahl frei behalten zu können; er hatte seiner Mutter verboten, mit der Glauning von ernsthaften Absichten seinerseits zu reden. Aber es ging, wie häufig in solchen Fällen: die Leidenschaft wuchs und führte ihn weiter als er gedacht. Sein ganzes Wesen war von Christine bezaubert; er war gebunden durch seine Liebe, gebunden durch die Rücksichten, die er auf Mutter und Tochter, auf den Geistlichen, auf das Dorf und seine Stellung darin nehmen mußte. Das Dorf hatte schon ausgemacht, daß er Christine heirathen werde, und er konnte, er durfte es nicht Lügen strafen. So gedieh das Verhältniß endlich zum Abschluß. Die Wittwe Glauning hatte die Verheirathung ihrer Tochter mit dem gefeierten Lehrer von dem Gesichtspunkt der Ehre ansehen gelernt, und die Aussicht, den Flecken ihrer Verrechnung wegen jenes reichen Bauernsohnes gänzlich zu tilgen und als »Schwieger« Forstners auf eigene Art hervorstechen zu können, erfüllte sie mit Lust und mit jener Begierde, der es unmöglich ist, länger müßig zuzusehen. Als Mutter war sie jetzt ohnehin verpflichtet zu reden; und so ging sie denn eines Tages zur Base Forstner und sprach ihre Meinung in dürren Worten aus. Entweder -- oder! -- das war der Sinn ihrer Rede. Die Mutter des Lehrers hatte für diesen Fall schon Vollmacht erhalten; sie sagte, daß ihr Fritz nie eine andere Absicht gehabt habe, als das schöne und liebe Bäschen zu heirathen. -- Auf einmal hieß es im Dorf: der Herr Lehrer hat sich mit der Christine versprochen.

Die vollendete Thatsache machte doch ihr Recht geltend, obwohl man sie allgemein hatte kommen sehen. Der Geist der Kritik fand sich herausgefordert; jede Meinung, die der Sachlage nach möglich war, fand einen Vertreter, und der Lärm war groß. Die einen, vorzüglich Weiber und Mädchen, verdammten Christine. So einen braven Menschen wie den Hans zweimal nach einander anzuführen, ihm »das Maul zu machen« und ihn, wenn ein Vornehmerer komme, wieder fahren zu lassen, das wäre keine Art nicht; das hätten sie niemals gethan -- und wenn ein Graf gekommen wäre! Aber diese Christine sei eben ein hoffährtiges Ding, man wisse das ja, und trachte immer über ihren Stand hinaus. Der Hans hätte für sie gepaßt, der Herr Forstner sei zu fein für sie, und man werde sehen, daß das nicht gut ausgehe. Die andern, hauptsächlich ledige Bursche, machten den Hans für den Ausgang verantwortlich. Er sei allein Schuld und ihm geschehe ganz Recht. Der Mutter jahrelang das Hauswesen führen und sich dann die Tochter wegkapern zu lassen, da müßte einer ungeschickter sein als der Teufel! Wenn sie den »Rang« gehabt hätten, wenn sie bei der Christine im Haus gewesen wären, da hätte so ein Schulmeister kommen sollen! Der hätte gleich gesehen, daß er wieder gehen könnte. Auf so Einen zu warten, ja, das wär' ihnen das Wahre gewesen! Aber der Hans sei eben ein »Lamech,« ein »Drockser,« ein Kerl, der nicht von der Stell' komme; und wenn Christine den flinkeren Schulmeister lieber habe, so könne ihr das kein Mensch übel nehmen.

Das Dorf, wie man sieht, beschäftigte sich eben so viel mit Hans als mit Christine und Forstner. Der brave Bursche, der geschickte Bauer hatte sich eben Respekt erworben und dadurch eine eigene persönliche Bedeutung erlangt. Was wird er nun thun? fragte man sich. Wird er gehen, sein Geld aufkünden und die beiden Weiber sitzen lassen? »Freilich wird er gehen!« rief eine Gegnerin der Christine auf so eine Frage ordentlich hitzig. »Er wird wohl bleiben und all den Spektakel mit ansehen -- Hochzeit und am End' Kindtauf' auch noch. Er wird sich die Tochter wegfischen lassen und der Alten noch länger den Knecht und den Narren machen! Das wär' nicht mehr gut, sondern dumm -- und dumm ist der Hans doch nicht.«

Die Frage war bald entschieden. Hans blieb, und ein großer Theil seiner Vertheidigerinnen fiel nun auch von ihm ab und sagte, Christine habe doch Recht gehabt, es ihm so zu machen. So ein einfältiger Mensch sei ihnen ihr Lebtag noch nicht vorgekommen.

Durch Alles, was bisher in ihm vorgegangen, hatte Hans die Fähigkeit erlangt, der Christine zu ihrer Verlobung ehrlich und ruhig Glück zu wünschen. Er that es und ging so weit, ihr dabei die Hand zu geben. Aber er vergab sich nichts damit; der Ausdruck seines Gesichts sorgte dafür. Christine wurde roth über und über, sie sah ihn beschämt, ja bittend an und ihre Hand zitterte in der seinen. Es war eine Genugthuung für den treuen Burschen und er kostete ihre traurige Süßigkeit. Aber dann fing er selbst ein anderes Gespräch an und half dem Mädchen, aus Schonung, von der Tiefe der Empfindung wieder zur Oberfläche empor. Beiden wurde leichter um's Herz, und Christine überließ sich bald wieder der Freude und der Ehre ihres Brautstandes.

Am ersten Sonntag Abend nach dem »Verspruch« ging Hans in's Wirthshaus. Einige junge Leute hatten vorgehabt, ihn aufzuziehen; aber er hatte so was Eigenes in seinem Gesicht und in seinem Auge; sie trauten dem Landfrieden nicht und dankten ganz ehrbar auf seinen Gruß. Man discurirte über allerlei andere Dinge; unser Freund sprach resolut, verständig und machte zuletzt sogar hie und da eine humoristische Bemerkung in seiner alten Manier. Wie nun bei natürlichen, eben so wie bei gebildeten Menschen keine wirkliche Kraft ohne Anerkennung bleibt, so bekam der Wackere, als er die Wirthsstube verlassen hatte, von seinen Kameraden ernstlich empfundenes Lob. »Der ist gescheidter,« hieß es, »als die Leute glauben. Er macht sich aus der ganzen Geschichte nichts, und er hat Recht. Die Christine ist eine falsche Person, die einen so braven Kerl gar nicht verdient. Er darf sich Glück wünschen, daß er sie nicht bekommt -- und wie's ihr geht, das wollen wir sehen.«