III.
Die größte Heilkraft auf Erden besitzt -- die Zeit. Indem sie den Menschen in ihrem Strome fortführt und andere Bilder vor seine Seele bringt, entzieht sie ihn mehr und mehr der Einwirkung dessen, was gewesen ist. Sie mildert den Schmerz, löst die Spannung, entkräftet die Selbstanklage und giebt der Seele die Stärke und Ruhe wieder, ohne die sie ihren eigenen Anfechtungen erliegen müßte. Was uns heute unerträglich scheint, vielleicht in wenigen Tagen schon dünkt es uns eine mäßige Last. Was uns im ersten Moment als eine ausgesuchte Schmach niederdrückt, nach einigen Wochen erscheint es uns als ein gewöhnliches menschliches Ungemach, und unser übertriebenes Leidwesen darüber kann uns ein Lächeln entlocken.
Freilich kommt dabei sehr viel auf die Art des begangenen oder erduldeten Unrechts, auf das Temperament und den Charakter des Menschen an. Es giebt Dinge, die der Seele keine Ruhe lassen, die mitgehen auf dem Wege, den sie nimmt, und ihr immer gegenwärtig bleiben. Es giebt Naturen, welche Handlungen und Erlebnisse von geringerem Belang festhalten und sich selbstquälerisch damit zu tragen im Stande sind; Menschen, in denen die Vergangenheit sich immer wieder vergegenwärtigt und die eine Beschämung roth machen kann, welche ihnen vor zwanzig Jahren widerfahren ist. Andere Erlebnisse verflüchtigen sich von selbst, und andere Naturen wissen Dinge von sich abzuschütteln, die sich sonst wie Kletten anzuhängen pflegen. Auch der Bildungsstand ist hier von großem Einfluß. Je mehr der Mensch seinen Geist entwickelt und sich zu einem innerlichen Leben erzogen hat, desto leichter versetzt er sich in die Vergangenheit, desto bedeutsamer ist für ihn das Gewesene, desto mehr durchdringen sich in ihm die Zeiten. Je näher der Mensch der Natur steht, desto mehr lebt er in der Gegenwart, desto mehr vergißt er, desto weniger belästigt ihn seine Vergangenheit.
Der Bauer giebt sich nicht viel mit Erinnerungen ab, wenn sie nicht von sehr gewichtiger Art sind. Durch seine Denkweise, durch Natur und Gewohnheit, namentlich aber durch die ihm auferlegten Arbeiten ist er vorzugsweise auf die Gegenwart gewiesen. Alle feinern Differenzen kommen auf dem Dorfe gar bald wieder ins Gleiche, und nur tiefe Leidenschaften in tiefen Gemüthern können auch hier still fortglühen.
In dem Haus, in welchem unsere Erzählung hauptsächlich spielt, war äußerlich bald alles wieder im alten Gang und auch innerlich vieles wieder hergestellt und gemildert. -- Am raschesten war es der Wittwe Glauning gelungen, ihre frühere Gemüthsruhe wieder zu erlangen. Sie hatte sich wegen ihres Benehmens gegen Hans im Stillen doch auch einige Vorwürfe gemacht; aber nach wenigen Tagen schon war ihr das neue Verhältniß etwas Gewohntes und übte auf ihren Geist die Macht einer Sache, die nun einmal nicht anders ist. Wenn sie den Vetter sah, wie er mit ernstem Fleiß weiter arbeitete, dachte sie wohl: »Das ist doch wahrlich ein braver Mensch! Man sollte gar nicht glauben, daß es noch solche Leute gäbe!« Aber eben durch diese Anerkennung fand sie sich mit ihm ab. Hans war ihr von nun an der gute Vetter, der sehr freundschaftlich gegen sie handelte, auf dessen Dienste sie aber beinahe schon ein gewisses Recht zu haben glaubte.
Christine folgte der Mutter nach. Das beschämende Gefühl und die Vorwürfe, die sich beim Anblick des Vetters zuweilen noch in ihr erneuert hatten, kamen seltener und blieben endlich ganz aus. Sie lebte im Wonnemond des Brautstandes, und die ganze Welt erschien ihr in heiterem Lichte. Wenn man sie hinter ihrem Rücken scharf beurtheilte, in's Gesicht gratulirte man ihr, lobte den Herrn Lehrer und pries sie glücklich. Die Kunst, sich höflich zu verstellen, ist auf dem Lande keineswegs unbekannt und gehört zur guten Lebensart wie anderswo. Es giebt auch hier Leute, die um so lebhafter zu schmeicheln verstehen, je nachdrücklicher sie dieselbe Person gegen Andere durchgehechelt haben; Leute, von denen man als etwas Besonderes hervorhebt, daß sie sich »recht anstellen,« d. h. einen Eifer, ein Vergnügen, eine Bewunderung zeigen können, von denen ihr Herz nichts weiß. Der Glanz des Ruhms, den sich der Bräutigam durch seine persönlichen Vorzüge erworben hatte, warf seine Strahlen auch auf die Braut; um seinetwillen that man der Christine mehr Ehre an und bewies ihr mehr Achtung als vorher. So sah die Glückliche sich umhuldigt von allen Seiten und hatte in der Freude ihres Herzens natürlich kein Arg, daß von den schönen Sachen, die man ihr sagte, auch nur eine Sylbe abgehen könnte.
Forstner selbst zeigte sich jetzt gegen sie von seiner liebenswürdigsten Seite. Er war von Leuten, auf deren Urtheil es ihm ankam, wegen seiner verständigen Wahl gelobt worden; ein paar muntere Collegen, die er von dem Vermögensstand der alten Glauning unterrichtet und mit der Braut bekannt gemacht hatte, erklärten ihn für beneidenswerth; er war in der besten Laune, sog den Blüthenduft des schönen Verhältnisses mit vollen Zügen ein und that alles, was der Erwählten angenehm und schmeichelhaft sein konnte. Wie hätte da Christine noch Aug' und Ohr haben können für etwas anderes! Sie liebte und sah den Geliebten glücklich, sie sah seinen Eifer, ihr Freude zu machen, und fühlte keinen lebhafteren Trieb und wußte keine höhere Pflicht, als ihm seine Liebe zu vergelten.
Das Glück hat die Eigenschaft, daß es sich aus sich selber vermehrt und seine Vermehrung von außen her magnetisch anzieht; darum giebt es auch eine Zeit, wo es in stetem Wachsen ist. Die Freude machte Christine nicht nur holder und feiner, als sie bisher erschien, sondern auch geistig aufgeweckter und heller. Sie war in der Freude sicher, und ihre Urtheile, ihre Bemerkungen im Gespräch erschienen dem Verlobten gar oft mit Recht sinnig und treffend. Forstner sah sich nun auch von dieser Seite beruhigt -- er glaubte aus ihr eine Frau ganz nach seinem Herzen bilden zu können. Dies verhehlte er ihr aber auch nicht; er erquickte ihr Herz mit Lob über Vorzüge, die sie bis jetzt noch nicht an sich gekannt hatte, und ein außerordentliches Behagen, ein liebevolles Dankgefühl gegen ihn war die Folge davon.
Die beiden jungen Leute und eben so die beiden Mütter waren in einem Zustande, wo man die Engelein im Himmel singen und musiciren hört. Der Liebes- und Freundschaftsverkehr ließ bei der nothwendigen Arbeit des Tages kaum so viel Muße übrig, um die Ausstattung der Braut und die künftige Einrichtung zu erwägen und die ersten Vorbereitungen zu den Unternehmungen der nächsten Monate zu treffen.
Hans ging seinem Geschäft nach und schien nur dafür Sinn und Auge zu haben. Was er mit seinen Verwandten zu reden hatte, wurde kurz und ruhig abgemacht; er war gern allein, man sah es und ließ ihn allein. Da Christine an ihrer Ausfertigung arbeiten mußte und die strengere Bauernarbeit für sie nicht wohl mehr schicklich war, so hatte man eine Taglöhnerin für sie eingethan. Diese war schweigsam, eine von den still hinlebenden, in ihrer Gedankenlosigkeit glücklichen Personen, wie man sie auf dem Lande nicht selten findet, und der Bursche hatte zu seinem Troste nichts zu leiden durch Geschwätz und durch Fragen, die ihm jetzt doppelt zuwider gewesen wären.
Ihm war das zuletzt Erlebte freilich nicht verschwunden und von der Gegenwart überdeckt, wie den andern; aber es hatte sein Peinliches verloren, die Zeit hatte es gemildert und ihren Duft darauf geworfen. Es war nicht mehr das bloße Leid, das er empfand. Diesem war die niederdrückende Gewalt genommen, die man entweder überwinden oder der man erliegen muß; es hatte selbst etwas Liebes und für die Seele Wohlthuendes erhalten.
Was wir poetisches Gefühl nennen, ist von keinem Stande, von keiner Schichte der Gesellschaft ausgeschlossen. Früher hätte man diesen Satz vertheidigen müssen; jetzt, wo man die Volksmelodien und Volkslieder kennt und ehrt, wird ihn niemand zu bestreiten wagen. Wo ist Liebeslust und Liebesleid inniger, tiefer und rührender ausgesprochen, als in eben diesen Liedern, die aus dem Volke hervorgegangen oder von ihm angenommen und erhalten worden sind, und die immer noch, in Gesellschaft oder in Einsamkeit, von ihm gesungen werden? Wenn das tiefere Gemüth auf sich selbst und sein Leid beschränkt ist, fällt ihm ein Lied ein, das seinen Zustand ausdrückt; der Mund summt es unwillkürlich, das Herz schauert und die Augen werden feucht.
Der Winter war vergangen, die erste Frühlingszeit hatte schön begonnen und die Feldarbeit nahm ihren Anfang. Wenn der letzte Schnee weicht, die Sonne wärmer scheint, der Boden locker, die Wiese grüner wird und die Lerche singend in den Himmel steigt, dann geht durch jede bedrängte Seele ein Gefühl der Genesung. Auch die weichere Natur fühlt sich körperlich und geistig stärker und fängt im Leid wieder an zu hoffen; das männliche Herz gesundet fühlbar, wird seiner selbst mächtig und der Bedrängniß überlegen. Dann ist aber gerade die Zeit gekommen, wo es das Leid lieb gewinnt und es aus freien Stücken festhält und hinabsteigt zu der Süßigkeit melancholischer Träumerei.
Unser guter Freund hatte mehr Anlage zu innerlichem Leben von der Natur erhalten und in sich ausgebildet, als es auf dem Lande gewöhnlich ist. Von der Lustbarkeit weniger angezogen, durch eine scheue Leidenschaft auf sich selber gewiesen, kannte er schon länger den Reiz gemüthlicher Vorstellungen. Die Neigung dazu und die Kraft, solche Vorstellungen zu erzeugen, trat jetzt um so stärker in ihm hervor und gewährte ihm die volle Lust herzlich gehegter Trauer. Freuten die Verlobten sich in hellen Dur-Tönen -- ihm war ein Glück, und ein reiches Glück, in Moll beschieden. Seine Arbeiten störten ihn darin nicht; er verstand sie so gut, daß sie wie von selber ihren Gang gingen und ihm Zeit genug übrig ließen, seinen Gedanken nachzuhängen. Wenn er mit seinen Kühen wohlgehaltenes Land »äckerte« und von dem Hauch der frisch aufgeworfenen Erde umdampft zuweilen »sinnirte,« wurden die Furchen darum nicht schlechter und er rief den Thieren zeitig genug sein »Härrerei'« zu, wenn er an der »G'wand« (Ackergrenze, wo umgewendet wird) angekommen war. Auf der Wiese rechte er mit der Taglöhnerin um die Wette Streu, obwohl es in seinem Innern summte, während in ihr die vollkommene Stille des Nichts Platz genommen hatte. Die ländlichen Arbeiten begünstigen zum Theil ein gewisses träumerisches Wesen; besonders einladend dazu ist aber die mittägliche und abendliche Heimkehr von einem entfernteren Ackerstück, so wie die Fütterungs- und Verdauungszeit der untergebenen Thiere. In den völlig einsamen Momenten, erfüllt von seiner Empfindung, kamen unserm Burschen allerlei Lieder in den Sinn. Er sang sie mit herzlicher, gedämpfter Stimme und fühlte ganz die Besänftigung und erneuerte schönere Aufregung anspruchloser Kunst. So sang er das Lied:
»Da droben auf jenem Berge, Da steht ein hohes Haus, Da schauen wohl alle Frühmorgen Drei schöne Jungfrauen heraus« u. s. w. --
wohl mehr wegen der lieben, rührenden Melodie, als weil die Reime seinem Zustand entsprachen. Wenn er aber das letzte »G'setz« für sich hinsummte, dann hatte er dabei doch auch seine ganz eigenen Gedanken.
»Ach Scheiden, ach Scheiden, Wer hat doch das Scheiden erdacht! Es hat mein jung frisch Leben Das Scheiden so traurig gemacht.«
Er lebte mit der, die er liebte, in Einem Hause; aber er war viel schlimmer geschieden als ein Liebhaber, der in die Fremde muß. Für ihn gab es kein Wiederfinden, kein Wiedersehen, keine Wiedervereinigung! -- Bedachte er, wie sehr und wie lang er Christine geliebt und wie treu er an ihr gehangen, dann kam ihm wohl ein Lied auf die Lippen, das im Ries oft gesungen wird:
»Treu hab' i geliebet, Was hab' i davon? Mein Herz ist betrübet, Das hab' i zum Lohn.«
Und in tiefem Ernst sah er dann für sich hin. -- Einmal wurde dieser Ernst durch ein halb weh-, halb gutmüthiges Lächeln verdrängt. Es war ihm ein anderes Liedchen eingefallen, das seine Erfahrung erklärte:
»Wann's Mädle sauber ist, Und ist no jung, no jung, Muß der Bue luste sei', Sonst kommt er drum.«
»Ja freile,« sagte er dann zu sich, »doh hot's eba' g'fehlt, und i ka' me net beklaga'. 'Sist oena' (eine) wie die ander. Wer koe (kein) so a »Luftikus« (Variation von Windbeutel) ist, der ka' nex ausrichta' bei da' Mädla'!« Und er erleichterte nun sein Herz in folgenden Strafreimen:
»Was hilft me a schöner Apfel, Wann er innen ist faul! Was hilft me a schöas Dea'del -- Sie macht mer nor d's Maul!«
Der leichten Anklage der schönen Base folgte aber bei dem guten Burschen in der Regel die Rechtfertigung, die Einsicht in die Natur der Dinge und den Lauf der Welt, die Ergebung und die stille Trauer. Einmal, als er nach der letzten abendlichen Fütterung im Stalle saß und die Kühe wiederkäuend dalagen, summte er in der leise belebten Stille eine Melodie ohne Text, die ihn dergestalt rührte, daß ihm Thränen in die Augen traten. Er besann sich auf das Lied -- es war das bekannte:
»Wann mei' Schatz Hochzeit macht, Hab' i a traurige Nacht, Sperr mi in mei' Kämmerlein Und wein' um mein' Schatz.«
Es klopfte und zitterte in seinem Herzen und die Thränen rollten die Wangen herunter. Das war ihm aber doch zu arg. Er stand rasch auf, wischte sich die Augen und rief mit wahrem Zorn: »Hohl der Teufel die Narrheit! Ich werd' noch ganz zum alten Weib! -- Aber jetzt ist's auch gnug!« Er ging in dem Gange vor dem »Bahren« (Futtertrog) hin und her und fing ein kleines Gespräch mit einer Kuh an, die sich erhoben hatte und ihn anmuhte. Allein er konnte nicht verhindern, daß ihm seine Gedanken wie verwöhnte Kinder noch einmal zu dem verbotenen Gegenstand entliefen. Er dachte an seine alten Träume, mit der Christine das schöne Haus zu bekommen und drin mit Weib und Schwieger ein Leben zu führen herrlich und in Freuden. Mit einer Art von Heroismus sang er hierauf das launig desperate Lied:
»Und aus isch mit mir, Mei' Haus hat kei' Thür, Und mei' Thür' hat kei' Schloß, Und mein' Schatz bin i los.«
»Ja, ja,« sagte er dann halb lächelnd zu sich, »Alles ist hin miteinander! -- D's Haus freilich, das traut' ich mir wohl noch zu kriegen; aber was hilft mich d's Haus ohne d's Weib!« -- »Nun,« setzte er endlich sich ermannend hinzu, »am End' bleib' doch ~ich~ noch da!«
Zu der schönsten Zeit auf dem Lande gehört der Morgen eines Feiertags, wenn die Sonne scheint und die Luft mild und lieblich ist. Je mehr der Bauer die Woche hindurch gearbeitet hat, desto besser versteht er am Sonntag zu ruhen. Seine Bewegungen sind dann +con amore+ langsam, die Mienen drücken ruhiges Vergnügen, sein ganzes Wesen tiefe Gelassenheit aus. Mit der Arbeit der Wochentage hat er auch die Sorgen hinter sich gelassen und ist zu einer Art von Naturstand zurückgekehrt, wo ihn ein Hauch der goldenen Zeit und ihrer Glückseligkeit anweht. Er kommt an solchem Tag in eine tiefere Stimmung und gibt sich entweder stiller Träumerei hin oder freut sich an der Schönheit einzelner Gegenstände der Natur, nicht wie ein schwärmender Poet freilich, aber schlicht und naiv wie ein Kind. Und dieses Naturbehagen wird durch die kirchliche Feier des Tags nicht gestört, es wird durch sie gestärkt, erhöht und sanktionirt.
Nach und nach war der Mai herbeigekommen. Die Bäume glänzten in frischem Laub, einzelne standen über und über in Blüthe. Es wurde nun ein Lieblingsvergnügen des guten Hans, in der schönen Sonntagsfrühe sich in den Garten zu begeben, und was in der Woche gewachsen und ausgeschlagen, was von ihm selbst darin gearbeitet und hergerichtet war, mit Ruhe zu beschauen. Er freute sich an dem grünen Laub und an den schönen Blüthen der Bäume, aber auch an dem Gesurre der »Emmen« (Immen, Bienen) darin; denn sie hatten an der Mauer des Hauses selber einen »Emmenstand,« worin sich drei Stöcke befanden, und er hoffte, daß einer davon bald schwärmen werde. Er freute sich bei den Stöcken der rothen und gelben Hosen, welche die Bienen anhatten, und wie ordentlich ein Vergnügen aus ihnen glänzte, mit so reicher Beute heimzukehren. Zu der Südgrenze des Gartens hinabgewandelt, sah er mit Lust über die weißblühende Dornhecke auf die Wiese hinaus und freute sich der schönen Blumen darin, eben so des reichlichen Grases, das eine gute Heuernte versprach. Die Lerchen schienen ihm noch lieblicher zu singen, als an Wochentagen draußen auf dem Felde, und es war ihm, als müßte bei diesem Gesang, bei der Schönheit und dem Wohlgeruch der Blüthen, bei der warmen Luft und dem hellen Sonnenschein, und bei den herrlichen Aussichten auf ein gesegnetes Jahr die ganze Welt sich glücklich fühlen.
Er selber fühlte sich glücklich, glücklicher als seit langer Zeit. Es war noch immer ein Zusatz von Trauer in seinem Glück, aber sie war aufgelöst und hatte sich innig mit seinem Wohlgefühl verbunden. Das genesende Herz war nicht nur gestärkt durch die Schönheit der Natur, durch die stille Betrachtung des Blühens und Gedeihens, sondern auch durch die religiöse Bedeutung des Tages. Hans gehörte nicht zu den »Betischten,« wie man im Ries, das Wort von »Beten« ableitend, die Pietisten nennt; er machte aus der Frömmigkeit nicht das Geschäft seines Lebens. Aber man hat wohl schon bemerkt, daß in seinem Wesen doch gar manches lag, was recht eigentlich christlich war, und bei aller Natur, die mit ihm verbunden blieb, hätten wir einem solchen Mann im Lebensverkehr doch mehr vertrauen mögen, als manchem von den Stillen im Lande, deren Mehrzahl wir übrigens gerne nicht nur für ehrliche, sondern überhaupt für respektable Leute halten. Hans hatte einen guten »Unterricht« (mit diesem Wort bezeichnet der Rieser ausschließlich den Religionsunterricht) genossen, und er war der Mann, von den Lehren des Geistlichen mehr zu behalten als der erste beste. Er hatte ein dankbares Gemüth gegen Gott und war ihm anhänglich und diente ihm in den Formen, in denen er erzogen war. In seinem Hin- und Herdenken fiel ihm nun auch wohl ein Ausspruch der Bibel oder des Gesangbuchs ein, der ihn tröstete und von seiner Empfindung frei machte.
An einem besonders schönen Sonntagsmorgen steigerte sich unter solcher Einwirkung die Stimmung seines Herzens bis zur Heiterkeit. Vor dem religiösen Gefühl, wenn es die Seele auch nur als ein unbewußter Hauch durchdringt, können gewisse trübe Empfindungen nicht Stand halten; wir legen einen andern Maßstab an das Leid, und was uns sonst über die Maßen begründet erschien, das kann sich uns als eine Einbildung, ein Erzeugniß menschlicher Schwäche darstellen, und sein Wichtigthun kann uns ein Lächeln abnöthigen. Die wahrhaft gute Natur wird dann frei von der letzten Empfindlichkeit und fähig, nicht nur zu vergeben, sondern auch zu vergessen. Als Hans an diesem Morgen in's Haus zurückkehrte, weil die Glocken zur Kirche riefen und er die festlich geputzte Christine im »Wurzgarten« am Hause sah, wie sie noch ein Sträußchen pflückte, um ihren Schmuck zu vollenden, warf er im Vorübergehen einen Blick auf sie, wie ihn ein Mann auf ein glückliches Kind wirft. Und als sie ihn gewahr wurde und vergnügt und mit einer gewissen Gutmüthigkeit rief: »Guten Tag, Hans!« da dankte er ihr von Herzen freundlich und wünschte ihr eine »gute Andacht,« obgleich er wußte, daß ihre Andacht hauptsächlich im Denken an ihren Bräutigam und in der Freude über sein schönes Singen und Orgeln bestehen werde. Er selber ging würdig langsam in die Kirche und erbaute sich in ihr mehr als sonst, weil er, durch seine Herzenserfahrungen und sein Nachdenken darüber belehrt, mehr als sonst von der Predigt verstand. Er kam aufgerichtet und froh nach Haus, das Gefühl im Herzen, das wohl als ein Ersatz für die verlorene Freude des Lebens gelten kann, das Gefühl, durch Selbstüberwindung und Entsagung klarer und besser geworden zu sein.
Wer kann die Regungen eines Herzens schildern, das eben so der Leidenschaft wie der Resignation, eben so des Schmerzes wie der Erhebung fähig ist? wer das Spiel verfolgen der Trauer und der Tröstung, des Hinabsinkens und des Emporstrebens, des Rückfalls und der langsamen, langsamen Heilung? Nur andeuten läßt sich, was durch eine Seele geht, die dem liebsten und theuersten Wunsch entsagen muß, und das haben wir zu thun versucht.
Die Zeit und die Kräfte, die dem strebenden Menschen zu Hülfe kommen, übten endlich auch auf unsern Freund ihre ganze Macht. Seine Empfindungen zergingen freilich nicht wie die der andern, aber sie traten zurück in das Innerste seines Herzens, das sich über ihnen zuschloß. Er bewahrte sie hier, wie man im verborgensten Fache eines Schreins ein ererbtes theures Kleinod bewahrt, des Besitzes gewiß, ob man es zuletzt auch nur selten hervorzieht, um sich in seinen Anblick zu versenken.
Als der Frühling hingegangen war, standen Mutter, Tochter und Vetter wieder auf so freundschaftlichem Fuß, als ob ihr Verhältniß niemals getrübt worden wäre. Wenn die Glauning sah, wie Hans jetzt fast noch eifriger und gewissenhafter arbeitete, als früher, ging es ihr doch zuweilen an's Herz und sie dachte bei sich selbst: »So ein braver Mensch ist mir doch wahrhaftig noch nie vorgekommen! Der Bräutigam meiner Tochter ist schöner und feiner; aber wenn er nur auch so gut ist, wie der Hans.« -- Christine war von der Tugend des Vetters, die sich so völlig anspruchlos in Thaten kundgab, auch gerührt; aber ihr innerliches Lob schloß nicht mit einem Wunsch, der über die Güte Forstners noch irgend einen Zweifel zuließ. Ihr Bräutigam war nicht nur der schönste und feinste, sondern auch der beste aller Menschen; das bewies er ihr ja täglich durch seine Liebe, durch seinen Eifer, ihr Freude zu machen. -- Der Verlobte selbst begegnete dem Guten jetzt mit viel mehr Rücksicht als früher. Wenn Hans ihm seine gebührende Ehre gab und bei seinem Eintritt in's Haus mit ruhiger Freundlichkeit »guten Abend, Herr Lehrer« sagte, sprach aus dem Ton seiner Erwiederung und aus seinem Blick ein unwillkürlicher Respekt, und selbst zu Hause im Gespräch mit seiner Mutter gebrauchte er über ihn nie mehr despektirliche Bezeichnungen, wie sonst. Manchmal nahm er Gelegenheit, dem Braven wegen seiner Geschicklichkeit als Bauer ein Compliment zu machen und es so warm auszudrücken, daß Hans selber zu glauben anfing, dieser Mann wäre am Ende doch besser, als er ihm zuerst vorgekommen sei, und Christine könnte mit ihm glücklich werden.
In Christine regte sich, nachdem sie ihre Furcht und Verlegenheit vor Hans gänzlich abgelegt hatte, die gute Natur. Die Achtung, die sein Benehmen ihr einflößte, wurde zur Freundschaft, zur freundschaftlichen Theilnahme. Sie fühlte den Trieb, ihn wohl zu halten und ihn zu erfreuen durch Lob und durch die Aufmerksamkeiten, wozu der Familienverkehr so viele Gelegenheit bietet. War sie auch nicht mehr gedrückt durch das, was ihr früher als ein Unrecht vorkam, so fühlte sie sich doch erleichtert, wenn sie etwas für ihn gethan hatte. Einmal, als das Gespräch mit ihm eine scherzende Wendung genommen, sagte sie, indem sie plötzlich einen ersteren Ton annahm: »Hans, du mußt auch heirathen! Einem Mann in deinem Alter gehört ein braves Weib, und du verdienst die beste!« -- Hans sah ihr betroffen und argwöhnisch in's Gesicht; da er aber nur wirkliche Theilnahme darin erblickte, so antwortete er mit einer gewissen Laune: »Für unser Einen ist's Heirathen so eine Sach', man kriegt nicht immer die, die man gern möchte.« -- Christine, die ein wenig roth wurde, rief um so lebhafter: »Ein Bursch wie du kann sich jede aussuchen!« -- Hans verzog seinen Mund und erwiederte: »Ich glaub's wohl! So Einem kann's nicht fehlen! Wenn er die Hände ausstreckt, hängt an jedem Finger eine!« -- Ueber diesen kitzlichen Punkt fand Christine für gut hinwegzugehen, und die Heirath schon als geschehen betrachtend, sagte sie: »Dann werden wir Gevatterleut' und ich heb' deine Kinder aus der Täf (Taufe), und wir wollen recht vergnügt mit einander sein.« -- »Nun damit,« versetzte Hans lächelnd, »hat's noch gute Weg'. Zuerst heirathest du, und dann wollen wir sehen, was mit mir anzufangen ist.«
Freilich, auf die Hochzeit der Christine war mehr Aussicht als auf die des guten Hans. Die Verlobten hatten beschlossen, sich im Herbst »zusammengeben« zu lassen, und es wurde nun immer emsiger an der Ausfertigung gearbeitet. Die Frage, wie Christine als Frau Lehrerin sich kleiden solle, war erledigt. Heutzutage hätte man eine »Näherin« eingethan, die sich als Kleidermacherin schon einen Namen erworben, und der Lehrersbraut die gehörige Zahl bürgerlich französischer Anzüge fertigen lassen. Damals warf man aber die Rieser Tracht noch nicht so schnell über Bord, und es war demnach im Hause der Glauning beschlossen worden, nur zu der feineren Kleidung im Rieser Styl fortzugehen, wie sie die Weiber der reichen Bauern, der Müller, Wirthe und auch der Schullehrer noch trugen. Es war immerhin ein Fortschritt, und das Herz der Braut wurde außerordentlich erheitert beim Anblick zweier seidener Halstücher, die ganz neumodisch waren, eines herrlichen »geflammten« Rocks, der in zierliche Falten »gebegelt« (gebügelt) die stattlich Hinschreitende umwogen sollte, und einer großen Radhaube, nicht mit schwarzen, sondern mit weißen Spitzen und mit farbigen seidenen Bändern, womit im Dorf bis jetzt einzig und allein die Wirthin geprangt hatte. Als Christine dieses Wunder von Haube zuerst probirte und die seidenen Bänder, zierlich verschlungen, von ihrem Kinn auf die Brust herunter wallten, fühlte sogar die Taglöhnerin aus ihrer pflanzenähnlichen Ruhe sich herausgerissen; sie hing an der Beneidenswerthen mit einer Art von Andacht, stieß einen komischen Seufzer aus und rief: »Bändel zieret halt da' Menscha'!« wobei sie in ihrem Herzen dachte, daß sie in einer Haube mit so schönen Bändern sich neben der Christine wohl auch noch sehen lassen könnte. -- Dem Vorrath an Leinwand und Bettfedern, den die Mutter gesammelt hatte, wurde nebst dem Geldbeutel stark zugesprochen, und der Wunsch der ehrgeizigen Frau, ihre Christine wie eine reiche Bauerntochter auszustatten, und das Verlangen, doch auch noch etwas übrig zu behalten, kamen öfters mit einander in Streit. Hie und da gab es sogar einen kleinen Handel zwischen Mutter und Tochter, der aber bald wieder in's Gleiche gebracht wurde: Christine hatte den Vortheil, das einzige Kind zu sein. Indem nun die beiden mit der Dorfnäherin und dem Dorfschneider in die Wette arbeiteten, ging die Sache stetig vorwärts. Man war sicher, zu rechter Zeit fertig zu werden und in's Schulhaus mit einem Wagen voll Hausrath einzuziehen, wie er von einer Söldnerfamilie noch nie geliefert worden war.
Daß zwischen dem Haus der Glauning und dem Schulhaus immer der engste Verkehr statt gefunden hatte, versteht sich von selbst. Forstner war fast in allen Stunden, die er sich abmüßigen konnte, bei der schönen Braut gewesen, und seine Mutter hatte über alle wichtigen Fragen mit ihr und der Base Rath gepflogen. Bei einem so lebhaften Temperament, wie es der junge Lehrer besaß, konnte sich die Glut des Liebenden freilich nicht immer auf der ersten Höhe behaupten; gerade wenn sie dauern sollte, mußte sie sich mäßigen und so zu sagen in regelmäßigem Flußbette hinströmen. So war denn mit der Zeit der Verlobte ruhiger geworden, und ohne daß sein Wohlgefallen an der Braut sich minderte, öffnete sich sein Herz auch wieder andern Dingen. Den ganzen Frühling hindurch hatte er Einladungen seiner Freunde zu fröhlichen Gelegenheiten ausgeschlagen. Er führte Christine mit seiner und ihrer Mutter an schönen Feiertagen nach Nördlingen, Oettingen oder Wallerstein, unterhielt sie, zeigte ihnen belehrend die Schlösser und Hofgärten der fürstlichen Residenzen und ging in gemüthlichem Gespräch mit ihnen nach Haus. Wie nun aber der Eifer der Ausfertigung, je weiter diese vorschritt, nur um so lebhafter wurde und die Weiberherzen ganz zu erfüllen schien, glaubte Forstner den Collegen und Kameraden sich nicht länger entziehen zu dürfen. Man hatte in Oettingen ein musikalisches Kränzchen gestiftet, und er mit seinem hübschen Tenor und seinem Geschick auf der Violine war ehrenvoll dringend zur Theilnahme aufgefordert worden. Er verpflichtete sich dazu, und da die Gesänge und die Musikstücke, die man aufführte, bald gut zusammengingen, so legte der rasche Fußgänger mit Vergnügen die ziemlich lange Strecke zurück, die zwischen dem Dorf und dem Ort der Zusammenkunft lag, und freute sich der künstlerischen Unterhaltung und der lustigen und geistreichen Gespräche, die auf die kleinen Concerte zu folgen pflegten.
Forstners Temperament -- das hat man schon gesehen -- war überwiegend sanguinisch. Von Leuten dieser Art ist bekannt, daß sie gewisse Dinge schneller und lebhafter erfassen, aber schneller auch wieder lassen als andere. Ich sage, gewisse Dinge. Es wäre schlimm, wenn der Sanguiniker in seinem Geist und Herzen nicht die Kraft besitzen könnte, einem Gedanken, einer Pflicht und einer ernstlichen Neigung treu sein Leben zu widmen. Aber von gewissen Dingen, namentlich solchen, die auf dem Felde der Unterhaltung und des Lebensgenusses liegen, wird der Mann von leichtem Blut schneller hingerissen als andere und weiter geführt, als er anfangs dachte, auch wenn er, wie unser Lehrer, eine Dosis Phlegma besitzt, welche der Klugheit zur Unterlage dient. -- Das musikalische Kränzchen in der genannten fürstlichen Residenz gewann in raschem Aufschwung einen Stand der Blüthe, wie er unter günstigen Verhältnissen bei solchen Verbindungen einzutreten und eine Zeitlang zu dauern pflegt. In solcher Zeit gelingt alles; die Theilnahme scheint ununterbrochen zu wachsen, die Freude kommt ungesucht und der Ruhm des Instituts verbreitet sich in der ganzen Umgegend. An den Tagen, wo man sich in Oettingen versammelte, fanden sich nun bald auch Gäste von benachbarten fränkischen Orten ein, die nach ihrem bekannten Naturell dem Vergnügen keinen Eintrag thaten. Musiker trinken gern, und ein leichter Rausch ist der Zustand, der allein würdig scheint, auf künstlerischen Enthusiasmus zu folgen, weil er diesen nicht verglühen läßt, sondern liebevoll erhöht und weiter trägt. Da nun das Bier, welches der Ganswirth lieferte, vortrefflich war, so fühlten sie sich, wenn es auch meistens Dorf- und Stadtlehrer mit zwei- bis fünfhundert Gulden Einkommen waren, doch alle wie Könige. Die musikalischen Aufführungen gewährten edeln und feinen Genuß, das darauf folgende Gelag machte sie fröhlich wie die fidelsten Musensöhne, und die Gesänge, in welche die innere Lust hier unwillkürlich ausströmte, klangen noch schöner und ergreifender, als die kunstmäßig vorgetragenen, weil die Formen der Kunst von der lodernden Glut der Seelen überschwänglich erfüllt wurden. -- Forstner, eine Zierde sowohl der Aufführungen als der Gelage, sah sich in diesem Zirkel geehrt und geliebt; seine Freundschaft wurde gesucht, ein Lehrer aus der benachbarten fränkischen Stadt erklärte ihn für ein Genie und schloß sich eng an ihn an; da war es ohne Zweifel natürlich, daß die Theilnahme an dem Kränzchen in ihm endlich zur Passion wurde und daß er an den Versammlungstagen regelmäßig als einer der ersten kam und einer der letzten ging. Eben so natürlich war es aber auch, daß dabei Zeit und Geld verthan wurden »nach Noten« -- und letzteres mehr als es Forstners Einkommen vertrug.
An Zeit hat der Dorflehrer im Sommer keinen Mangel. Dessen ungeachtet verminderten sich die Besuche des Bräutigams im Hause der Braut auf eine Weise, daß es auch der Vielbeschäftigten und Arbeitstrunkenen auffallen mußte. Sie machte ihm darüber Vorwürfe und setzte mit etwas empfindlichem Ausdruck hinzu: es sehe beinahe aus, als ob's mit seiner Lieb' zu ihr gar nicht mehr so arg sei, wie sonst. Allein da schloß er sie mit einer Zärtlichkeit in seine Arme und sprach von seiner ewigen Liebe und Treue in so schönen Ausdrücken, daß der halbe Zweifel in der Seele des Mädchens rasch wieder getilgt war. Er zeigte eine ernste Miene und belehrte sie, wie er sich im Singen und Musiciren üben und Bekanntschaften machen müsse, weil ihm dies zu seinem Fortkommen durchaus nöthig sei. Er erzählte ihr, welchen Beifall er in dem Kränzchen erhalte und wie geehrt er sei -- und Christine, selbst geschmeichelt, meinte, das sei dann freilich etwas anderes und auch sie könne ihm jetzt nicht rathen wegzubleiben.
Mit seiner Mutter hatte Forstner eine andere Erörterung. Die alte Frau besaß noch etwas Vermögen. Es war nicht mehr so viel als vor einigen Jahren; denn der begabte und überall beliebte Sohn hatte als Schulgehülfe mit seinen Einnahmen unmöglich reichen können, und jedes Jahr mußten etwelche Schulden getilgt werden. In seiner jetzigen Stellung war er ausgekommen, so lange er eingezogen lebte; jetzt hatte sich wieder ein Deficit gezeigt, und er mußte die Mutter neuerdings angehen. Diese sträubte sich und las ihm gehörig den Text. Allein es gelang ihm auch ihr gegenüber zu beweisen, daß ihm die jetzigen Ausgaben in Folge der gemachten Bekanntschaften zehnfach wieder hereinkommen würden, und die beschwichtigte Mutter zahlte.
Der Sommer näherte sich seinem Ende. Die Ausstattung der Christine war beinahe fertig -- ein Gegenstand der offenen Bewunderung und des geheimen Neides besuchender Freundinnen. An den Kästen und »Bettscha'den« (Bettstatten), an Tischen und Stühlen hatte der Schreiner des Dorfs sein Meisterstück gemacht. Sie waren nicht von Mahagoniholz und nicht polirt, aber mit brauner Oelfarbe überzogen, so schön wie man's noch nie gesehen. Hemden, weiße Schürzen, Schnupftücher, »Handswellen« (Handtücher), Tischtücher und Strümpfe gewöhnlicher und feingemodelter Gattung lagen gewaschen und gebügelt im »Weißwaarenkasten.« Die Betten waren schon überzogen mit blau- und rothgestreiftem, selbstgewirktem Zeug. Spitzenhauben, Sonntagskappen (wo das »Bödele« aus Gold- oder Silbergeflecht bestand) und verschiedene Alltagskappen prangten im obern Fach des reichbehängten Kleiderkastens. Ein neuer Spinnrocken mit Rad, von einem Nördlinger »Dreher« kunstreich gefertigt, stand bereit, um an dem Tag des Einzugs, mit dem feinsten und weißesten Flachs überzogen und mit rothseidenem Band umwickelt, mitten auf dem Wagen zu prangen. Es fehlten hauptsächlich nur noch ein paar Sessel, welche die alte Glauning, des feinen Schwiegersohns wegen, sich auch noch zu bestellen entschlossen hatte, und ein kleines Stück Hausrath, welches erst später nöthig zu werden pflegt, das aber vorsorgliche und humoristische Eltern in der Regel auch gleich mitfertigen lassen.
Was Christine an Geld mitbekommen und wie es gezahlt werden sollte, war ausgemacht. Die Heirath des einzigen Kindes mit einem Lehrer versetzte die Wittwe in eine Nothwendigkeit, die auf dem Lande stets mit Leidwesen empfunden wird, das Gut, das ihr Mann von seinen Vorfahren überkommen, vergrößert und so schön hergerichtet hatte, in andere Hände übergehen zu lassen. Der angestellte Schwiegersohn konnte es nicht übernehmen, und sie konnte es nach der Ausstattung ihrer Tochter nicht mehr halten. Als sie das einmal vor Hans aussprach, bemerkte dieser: er habe daran auch schon gedacht und bei sich überlegt, was Haus und Feldung in heutiger Zeit wohl gelten möchten. Er sei über eine Summe mit sich einig geworden, und um diese wolle er selber das Gut an sich bringen. Die Wittwe, angenehm überrascht, ließ ihn die Summe nennen; und da auch sie schon einen Ueberschlag gemacht hatte, dessen Ergebniß von dem Gebot des Vetters nicht viel abwich, so wurden sie bald »Handels eins.« Sie machten aus und gaben sich die Hand darauf, daß nach der Heirath der Christine -- denn vorher wollten sie keine Aenderung treffen -- die Sölde um die vereinbarte Summe von ihr an ihn übergehen solle. Der alten Glauning fiel ein Stein vom Herzen. Sie konnte mit dem Handel zufrieden sein, dann aber war es ihr lieb, daß ihr »Sach« an einen »Freund« überging, und nicht minder, daß der um sie verdiente Hans wenigstens ihr Haus und ihre Güter erhielt, wenn auch nicht ihre Tochter. In dem Vergnügen, das sie empfand, sah sie ihn mit gutmüthiger Schlauheit an und sagte: »Du hast g'wiß schon eine mit zwei- oder dreitausend Gulden!« -- »Das nicht,« erwiederte Hans, »ist aber auch nicht nöthig. Vor der Hand getrau' ich mir die Geschichte allein zu behaupten.« -- »Wenn's Einer kann, so kannst du's. Aber besser ist besser.« -- »Das schon; ich will auch gar nicht sagen, daß ich ledig bleib'. Wenn ich in dem Haus da einmal festsitz', dann wird sich wohl eine finden, die's riskirt mit mir.« -- »Hundert für Eine!« rief die Base mit Wärme; »so viel du willst!« -- Hans zuckte die Achsel und sagte: »Also dabei bleibt's! Wenn die Christine heirathet, bin ich der Käufer.«
Die Uebernahme dieser Verpflichtung war kein Akt der Großmuth von unserem Freund. Er hatte das Gut lieb gewonnen, die von ihm Jahre lang bebauten und verbesserten Felder waren ihm an's Herz gewachsen, und da sich eine so gute Gelegenheit bot, sie zu erhalten, wollte er sie nicht auslassen. Trotz des Gemüthes, das wir an ihm kennen, war er keineswegs so romantisch gesinnt, daß er sich etwa vorgenommen, selber unbeweibt zu bleiben und nur der Erinnerung an seine Liebe zu leben. Im Gegentheil, es war ihm ganz ernst mit dem, was er der Base gesagt hatte; wenn Christine verheirathet war, so wollte er selbst eine brave Frau nehmen, die von ordentlichen Leuten herkam und etwas hatte und mit deren Eingebrachtem er nach und nach ganz schuldenfrei werden konnte. Mit ihr, wenn sie auch der Christine an Schönheit lange nicht gleich käme, wollte er leben, wie sich's gehört, und einen rechten Mann machen.
Von derjenigen Seite, wo neue Einrichtungen getroffen werden mußten, war demnach alles in Ordnung. Es blieb nichts mehr übrig, als die Erfüllung der gewöhnlichen Formalitäten, und das Brautpaar konnte verkündigt, die Hochzeit konnte gefeiert werden. Als die Glauning dies dem Verlobten mittheilte und den Tag der Verkündigung bestimmt wissen wollte, bemerkte dieser: es gehe jetzt noch nicht -- man müsse noch warten. Mutter und Tochter sahen ihn bei diesen Worten befremdet an. Er war in der letzten Zeit einmal auf drei Tage verreist und hatte vorher auf Befragen nur erklärt, daß er nothwendige Geschäfte besorgen müsse. Nach der Rückkehr war er unruhig und aufgeregt; Christine wußte nicht, was sie aus ihm machen sollte; sie sagte es ihm und mußte mit einer Antwort vorlieb nehmen, die sie nur für eine Ausrede halten konnte. Und jetzt, nachdem alles fertig und alles im Reinen war, sollten sie noch warten? Sie fragte nach der Ursache; er erwiederte, die könne er noch nicht sagen. »Auch mir nicht?« entgegnete sie verletzt und erröthend. -- »Auch dir nicht, gute Christine,« antwortete Forstner. »Es ist um unseres gemeinschaftlichen Besten willen, und ich hoffe, in kurzem kann ich reden.« -- Wie bedenklich das alles der Braut und der Mutter erscheinen mochte, sie mußten sich in seinen Willen ergeben und zusehen.
Eines Abends -- nachdem vier Tage verflossen waren -- kam Forstner mit raschen Schritten auf das Haus zu und trat mit ernster, feierlich aufgeregter Miene in die Stube. »Ich bring' eine große Neuigkeit!« rief er Christine entgegen, die mit ihrer Mutter am Tische saß. Das Mädchen fuhr unwillkürlich zusammen und erhob sich rasch. »Was für eine Neuigkeit? Du erschreckst mich!« -- »Es ist nicht zum Erschrecken, sondern zum Freuen,« erwiederte er. -- »So sag's!« rief Christine, noch keineswegs ermuthigt. -- »Nun, ohne Umschweife: ich bin als Lehrer nach ** berufen« (er nannte eine fränkische Stadt, aus der sein Freund und College vom Oettinger Kränzchen war) »und werde die Stelle mit nächstem antreten.«
Das Mädchen war mehr bestürzt als erfreut über diese Nachricht. »Du kommst in eine Stadt?« fragte sie zagend. »Was soll dann aber aus uns werden?« -- »Du wartest hier bei deiner Mutter, bis ich mich eingerichtet habe. Dann hol' ich dich ab und wir machen Hochzeit.« -- »Ich in eine Stadt!« rief sie, indem sie, wenn auch dunkel, alles Bedenkliche dieser Ortsveränderung empfand. »Da paß' ich nicht hin!« Und die Mutter setzte bekümmert hinzu: »Dann hab' ich die halbe Ausfertigung und alle die theuern Bauernkleider umsonst machen lassen!« -- Forstner lächelte. »Wir werden manches brauchen können, was Ihr angeschafft habt, Frau Schwiegermutter. Und für die Kleider, die nicht in die Stadt passen, schaffen wir andere an. Ich bekomme für's erste hundert Gulden mehr als hier, kann mir durch Privatstunden noch andere hundert verdienen und habe die Hoffnung bald vorzurücken.«
Trotz all den schön eröffneten Aussichten wollte sich bei Christine noch kein Vergnügen einstellen. »Ich weiß nicht,« sagte sie, indem sie vor sich hinsah, »mir ist so angst!« -- »Wenn du an einen Ort sollst,« erwiederte der Verlobte mit einem Blick des Vorwurfs, »wo ich bin? Schäme dich, Christine! Freuen solltest du dich, daß ich vorwärts komme, und etwas einbilden solltest du dir, die Frau eines Mannes zu werden, der in zehn Jahren vielleicht Oberlehrer ist.« -- »Ich freu' mich auch,« erwiederte Christine, deren Mienen sich nun doch aufklärten, »aber ich fürchte nur« -- -- »Du bist ein Kind,« versetzte er, indem er sie bei der Hand faßte. Und mit einem zärtlichen Blick setzte er hinzu: »Bei mir wirst du doch angewöhnen? Da wird's dir doch nicht »and thun« nach deinem Dorf?« -- »Nun,« erwiederte das Mädchen, der bei diesen Worten das liebende Herz aufging, »das mein' ich selbst. Und in die Stadtleut' werd' ich mich am End' auch schicken!« -- »Freilich wirst du das! Ein schönes, liebes und gescheidtes Mädchen wie du.«
Bei der Mutter hatte die Aussicht, eine Frau Oberlehrerin zu bekommen, die fatale Empfindung, so feine Bauernkleider umsonst angeschafft zu haben, bereits zurückgedrängt und sie sagte jetzt: »Es ist wahr! Und das Weib muß Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhängen, wie's in der Bibel heißt. Herr Lehrer, nehmen Sie die Stelle nur an, meine Tochter wird sich drein finden.« -- »Es freut mich,« erwiederte Forstner, »daß Ihr so verständig seid, obwohl ich bei Euch darauf gerechnet habe.« Und in einem Ton, der halb dem Liebhaber, halb aber auch dem Lehrer angehörte, sagte er zu der Verlobten: »Folg' mir nur, liebe Christine, und gieb dir Mühe zu lernen, was dir fehlt. Ich will dir alles sagen und zeigen, und in sechs Wochen wird dich kein Mensch mehr von einem Stadtmädchen unterscheiden können. Du hast die Gaben, du wirst sie unter meiner Leitung ausbilden und eine Frau werden, die mir Ehre macht.«