Chapter 7 of 7 · 56672 words · ~283 min read

VII.

Nachdem die Fluth der Ereignisse, wie wir sie im letzten Kapitel zu schildern versuchten, abgelaufen war, trat in dem Leben unserer Personen eine Ebbe ein, die für sie wohlthuend und nöthig war, uns aber als geschichtslose Epoche wenig zu sagen bietet. Das Außerordentliche hatte für jetzt ein Ende gefunden und alles ging seinen gewöhnlichen Gang. Hier und dort wurden die Arbeiten des Frühlings die Hauptsache, und hier und dort sah man seine persönlichen Angelegenheiten durch sie in den Hintergrund gedrängt.

Von dem Frieden, den eine solche Epoche mit sich bringt, genoß übrigens am wenigsten die Wittwe Glauning. Sie mußte zugeben, daß unter den obwaltenden Verhältnissen das Dienen ihrer Tochter eine Auskunft war; aber den gewaltigen Sprung von der Lehrersbraut und künftigen Oberlehrerin zur Bauernmagd konnte sie nicht verwinden, und es war ihr eine ängstliche Sache, das Mädchen, die ihre einzige Freude war, bei dem »Wilden,« d. h. beim Holzbauern zu wissen und sich vorzustellen, wie er sie anfahren und heruntermachen werde.

Zu der Plage, die sie sich mit ihren Gedanken selber anthat, gesellte sich noch eine andere. Das Schicksal der Christine war zu merkwürdig, zu seltsam, als daß in den guten Freundinnen der Mutter und der Tochter sich nicht ein unwiderstehliches Verlangen hätte regen sollen, das Nähere darüber zu erfahren. In den Stunden der Muße kam nun eine um die andere angeschlichen, und den Versicherungen der Theilnahme folgten regelmäßig Fragen, welche die gute Frau sehr inkommodirten. Sie erklärte zwar die Vorgänge durchaus zur Ehre ihrer Tochter; aber was half das? Ein Gesicht wie beim Erzählen eines glücklichen Ereignisses konnte sie doch nicht machen. Und wenn die Freundinnen Christine lobten und hinzufügten: das hätten sie an ihrer Stelle auch gethan, und sie hätte sich benommen wie ein rechtes Mädchen, so klang dies in den Ohren der Mutter lange nicht so gut, als die Ausrufungen und Gratulationen geklungen hätten beim Verkündigen der Nachricht: ihre Tochter sei Frau Lehrerin. -- Und wenn gar erst eine von der schlimmen Sorte kam und ein ungläubiges Gesicht machte und eine gewisse Schadenfreude nicht verbergen konnte und von den unschuldigen Fragen zu den spitzigen überging, da wurde die Situation der ehrgeizigen Mutter höchst fatal. Sie konnte nur mit Mühe die Ungeduld ihres Herzens bemeistern; ein paarmal, gegenüber von besonders Zudringlichen, gelang ihr dies nicht und sie mußte sich mit entschieden unhöflichen Antworten helfen. Damit gewann sie aber nichts; die Weiber entschuldigten sich heuchlerisch und lächelten dabei noch viel beglückter als vorher.

Doch die Zeit verging, das Mißgeschick der Familie wurde altmodisch, in einem Bauernhause des Orts gab es ein Aergerniß, das bedeutend von sich reden machte, obwohl es lange nicht so außerordentlicher Natur war, und die Glauning bekam endlich Ruhe. -- Christine hatte schon zweimal Grüße geschickt und der Mutter zuletzt noch herunter »verbieten« (entbieten) lassen: sie sei gesund und es gehe ihr gut; der Holzbauer wäre nicht so bös, als man ihn mache, zum wenigsten meine er's nicht so bös, und ihr selber sei alles recht bei ihm. Diese Nachrichten trugen dazu bei, das Herz der Mutter zu beschwichtigen, so daß sie hie und da sogar wieder behagliche Stunden hatte. Sie wußte freilich nicht, was aus ihr und ihrer Tochter werden sollte. Sie wußte nicht, ob Hans gesonnen war, bei ihr zu bleiben, oder was er sonst im Sinn hatte. Der sonderbare Mensch arbeitete weiter, als ob er der Sohn des Hauses wäre. Er hatte von dem Ankauf des Gutes nicht mehr gesprochen, sagte überhaupt sehr wenig und wollte offenbar nicht gefragt werden. Aber konnte er nicht jeden Augenblick zu ihr kommen und sagen: er hätte nun eine gefunden, die ihm passe, er wolle heirathen und müsse nun entweder sein Geld oder das Gut haben? Diese Unsicherheit der Zukunft hatte nichts Tröstliches, aber vor der Hand war dem Herzen doch eine wirkliche Last abgenommen, und ein's in's andere gerechnet, konnte man sich in sein Schicksal ergeben. Die Wittwe nahm sich ein Beispiel an dem Vetter, und so hauste man zusammen weiter und ließ es, auf gut deutsch und auf gut ländlich, gehen, wie's eben ging.

An einem Sonntag in der zweiten Hälfte des Mai kam unerwartet eine Einkehr, in der Person der Base Hubel. Diese gehörte zu den Weibern, die gerne Neuigkeiten einsammeln und verbreiten, und deswegen auch öfter über Land gehen, wenn sie gerade Zeit und dem Mann gegenüber einen Vorwand haben. Diesmal hatte sie im Dorf eigentlich nichts zu thun; sie wollte nur erzählen und hören, und sehen, wie's bei der Glauning stehe. Zunächst richtete sie recht schöne Grüße von Christine aus. Auf Befragen der Mutter, was diese mache und wie ihr das Dienen anschlage, legte sie ihr Gesicht in bedenkliche Falten und bemerkte: »Ja, da wär' viel zu sagen! 'S geht ihr eben recht hart bei dem Menschen, recht hart!« -- »So?« erwiederte die Mutter. »Aber sie hat mir ja sagen lassen, sie sei wohl zufrieden?« -- »Ja seht, Base, das ist eben zum Verwundern. Sie selbst thut, als ob ihr nichts zuviel und alles recht wär'. Sie schafft mehr als die andern, und besser. Aber anstatt nun ein Einsehn zu haben und sie zu schonen, verlangt der alte Bär immer mehr von ihr, und wenn sie »in der Acht« (unversehens) ein kleines Fehlerle gemacht hat, schnurrt er sie an. 'S ist grad, als wenn der Teufel in ihn gefahren wär'! Eine andere wär' schon lang davongelaufen. Aber wenn die Christine noch so meint, es müßt' sein, sie wird doch auch nicht bleiben können: sie macht's nicht aus auf die Läng'.« -- »Du lieber Gott!« rief die Mutter, »was sind das für Sachen! Aber wie steht's denn mit ihrer Gesundheit? Wie sieht sie denn aus dabei?« -- »Wie wird sie aussehen, Base! Wie man eben aussieht, wenn man alles thun muß! Mager ist sie und »schwarz« (braun) und gelb im Gesicht.« -- »Meine Christine!« rief die Alte, wie von einer Schlange gebissen. »Aber das kann so nicht fortgehen, sie kann's nicht aushalten, und ich darf's nicht leiden.« -- »Das hab' ich ihr auch gesagt, erst heut früh noch. Mädle, hab' ich gesagt, das kannst du nicht prästiren, du bist's nicht gewohnt und du schaffst dir die Schwindsucht an den Hals. Wenn du deinen Sinn nicht ändern und mit Gewalt dienen willst, so such dir wenigstens einen andern Platz; 's giebt ja bessere. Aber was hat sie mir darauf gesagt? Grad ~der~ Platz ist mir recht und grad da will ich bleiben!«

»Da seh eins den eigensinnigen Kopf! Guter Gott! 's ist ja grad, als ob sie sich expreß zu Grund richten wollte?« Und die unglückliche Mutter wendete sich zu dem Vetter, der am Ofen »Speikel« schnitzte zum Festmachen einer Hacke am Stiel, und rief: »Nun, Hans, was sagst denn du zu der Neuigkeit? Soll ich das dulden? Ist's nicht meine Schuldigkeit, sie mit Gewalt von dem Menschen wegzubringen?« -- »Base,« erwiederte Hans nach kurzem Besinnen, »Ihr wißt, daß ich nicht gern in anderer Leut' Sachen rede; aber weil Ihr mich gefragt habt, will ich Euch doch meine Meinung sagen. Daß man sich die Schwindsucht an den Hals ärgert, mag sein, zum wenigsten sagt man so; aber daß man sie sich an den Hals schafft, hab' ich noch nie gehört. Ich glaub' auch nicht, daß es mit dem Aussehen der Christine grad so arg ist, wie's die Bas Hubel macht. Die Bas red't manchmal gern ein Bischen mehr, als an der Sach' ist; und natürlich, wenn man über zwei Stunden Wegs macht, um etwas zu erzählen, so muß es doch auch der Müh' werth sein.«

Hier verzog die Hubel bedeutend die Oberlippe; Hans aber, ohne sich daran zu kehren, fuhr fort: »Runde und rothe Backen muß man grad nicht haben, sonst wär's bös für viele Leut' in der Welt. Im Uebrigen ist die Christine ein Mädchen, die ihren Verstand hat und selber am besten wissen muß, was sie vertragen kann; ich mein' also, daß Ihr sie lassen sollt, wo sie bleiben will.« -- »Geh weiter!« rief die Hubel, »du bist mir auch der rechte geworden! Wenn das die Christine hörte, daß du dich jetzt so gar nichts mehr um sie bekümmerst, dann thät' sie's kränken, recht in der Seel' kränken, das kann ich dir sagen.« -- »Ich glaub's nicht,« erwiederte Hans, der unterdessen aufgestanden war; »übrigens müßt' ich's mir gefallen lassen, ich kann mich nicht anders machen, als ich bin.« -- Dann verließ er die Stube und hämmerte draußen die Speikel ein. Die beiden Weiber sahen sich an und schüttelten den Kopf. »Wer hätte das geglaubt?« rief die Hubel. Und die Glauning jammerte: »Alle sind verhext! Ist das ein Elend!«

Manches wurde noch hin und her geredet. Endlich rüstete sich die Base zum Aufbruch und fragte, was sie der Christine sagen solle. »Sie soll sich schonen,« rief die Glauning eifrig; »und wenn ihr's der »Unmassel« zu arg macht, soll sie zu ihrer Mutter kommen. Das sag ihr!« -- »Sagen will ich ihr's,« versetzte die Base; »aber ich sorg', es wird nichts helfen.«

Und es half nichts. Christine hörte es, dankte der Base -- und blieb. Gelegentlich ließ sie der Mutter sagen: sie werde das Schaffen immer mehr gewöhnt, und man solle doch ja keine Sorge haben um sie.

Mehrere Wochen gingen vorüber. Die Glauning war wieder ruhiger geworden, da sie nichts Besonderes von ihrer Tochter erfuhr, und ihr Herz hatte sich wieder einigermaßen der Lebensfreude geöffnet. Nun brachte aber das Schicksal eine andere, stärkere Prüfung an sie. An einem Sonntag in der Heuernte kam ein Besuch von ***, der sich mit einem Gruß der Hubel einführte. Es war eine Nachbarin derselben, etwas verwandt mit ihr, weswegen sie auch die Glauning sofort mit dem Titel Frau Base anredete. Als die letztere nach den ersten Höflichkeiten und nachdem sie ein gutes »Vorbrod« auf den Tisch gesetzt hatte, die Frau genauer ansah, merkte sie an einer gewissen bedenklichen Ernsthaftigkeit derselben alsbald, daß sie etwas Neues bringen werde von Christine, aber nichts Gutes. Sie erkundigte sich etwas kleinlaut, was ihre Tochter mache, und ob sie's noch aushalte in ihrem Dienst. »Noch immer, Frau Base,« war die Antwort; »aber ich kann's Euch wohl sagen, 's wundert sich alle Welt drüber.« -- »Wie so?« fragte die Glauning; »wird sie noch alleweil so hart gehalten?« -- »Frau Bas,« erwiederte die Andere, »ich hätt' mir nicht getraut zu erzählen, was vorgefallen ist; aber die Bas Hubel hat gesagt, weil ich hier grad etwas zu thun hätt', sollt' ich zu Euch gehen und Mittheilung machen, denn Ihr müßtet's wissen.« -- »Guter Gott,« rief die Mutter, »was werd' ich wieder hören müssen!«

Und die Andere begann: »Wie Eure Christine, die's doch wahrhaftig nicht nöthig hätt', alles thun muß beim Holzbauern, wie er ihr mehr aufhängt als andern, und wie sie auch wirklich mehr schafft als andere, das wißt Ihr schon; 's ist zum Verstaunen! Da ist nun »vodertags« (vorgestern) zum »Häat« (Heuernte) schön's Wetter kommen, und der Bauer ist wieder gewesen wie der »Massich« und hat gemeint, alles müss' auf einmal drin sein. Er hat gethan und gewirthschaftet auf der Wies, daß »a Graus« gewesen ist. Am Himmel ist a Wölkle gestanden, ganz klein und unscheinbar; aber er hat doch gesehen, das könnt' ein Wetter geben, denn gescheidt ist er, das muß man ihm lassen. Wie nun ein Fuder heimgefahren und die Christine mitgegangen ist zum Abladen, hat er ihr noch nachgerufen, sie sollt' des Nachbars Wagen »verdleihen« (entlehnen) und rausschicken. Nun, wie's einem eben geht -- entweder hat sie's nicht recht verstanden oder sie hat's vergessen -- du lieber Gott, was passirt einem nicht in der Unmuß', wenn alles auf einen hineinschreit? Die Bäuerin hat auch noch schnell was haben wollen von ihr, und wenn die red't, muß auch gleich alles laufen und springen; kurz, der Bauer wartet und der Wagen bleibt aus, aber das Wetter kommt am Himmel rauf. Da hättet Ihr den Mann sehen sollen! Reingelaufen ist er wie »wüadeng« (wüthend), und wie er erst vom Nachbar gehört hat, daß der Wagen gar nicht bestellt worden ist, da ist's gar aus gewesen. Herrgott, Frau Bas, wie hat der die Christine hergestellt! Ich bin grad am Hof vorbei gegangen und stehen geblieben; mein Lebtag hab' ich keinen Menschen so lästern hören. »Du dummes Thier! Du einfältiger Mensch! Bist »do'sohrad« (taub), he'! oder denkst an dein' Schulmeister, wann ich was sag'? Ich hätt' n' guten Lust und nähm' die Karbatsch und thät' dir die Gedanken austreiben, daß sie deiner Lebtag nimmer kommen.« -- Ach, Frau Bas, ich will nicht sagen, was er alles noch geschrieen hat. 'S ist so arg gewesen, daß die andern Ehehalten ganz blaß dagestanden sind und ordentlich verstarrt, und zuletzt auch die Bäuerin gerufen hat: »Jetzt sei still einmal und schäm dich vor den Leuten. Geschehen ist geschehen!««

Die Mutter war bei den Schimpfreden, womit ihr Kind befleckt worden, von der Bank aufgesprungen mit einer Miene, als ob sie das Schrecklichste vernommen hätte, und sogar die uns bekannte pflanzenruhige Taglöhnerin, die hinter dem Ofen gestrickt hatte, war herbeigeeilt. »Das ist meiner Tochter passirt?«, rief die Alte zitternd vor Entrüstung, »~meiner~ Christine? und sie hat dem Schandmenschen nicht augenblicklich den Dienst gekündigt und ist auf und davon gegangen?« -- »Jede andere hätte das gethan,« versetzte das Weib, »keine hätte sich das gefallen lassen.« -- »Ich wahrhaftig auch nicht,« rief die Taglöhnerin, deren Backen sich gefärbt hatten, ordentlich aufgebracht. -- »Die Christine,« fuhr die Erzählerin fort, »hat sich's gefallen lassen und ist geblieben. Zuerst ist sie bestürzt gewesen und hat ihn mit großen Augen angesehen. Je mehr er aber gewüthet hat, je ruhiger ist sie geworden; und wie er endlich aufgehört hat, weil ihm ganz der Schnaufer ausgegangen ist, da hat sie gesagt: »Herr Bosch, ich seh's ein, ich hab' gefehlt. Verzeiht mir's -- es soll nimmer geschehen.«« -- Die Glauning war empört. »Das hat meine Tochter gesagt?« rief sie. »Mit der muß was vorgegangen sein. Es ist nicht anders möglich -- bei der ist's nicht mehr richtig im Kopf!«

Das Gesetz der Schwere, wie man weiß, gilt in der geistigen Sphäre so gut wie in der materiellen. Die Schwäche gravitirt nach der Stärke; wer außer sich ist, strebt zu dem Festen und Gefaßten hin und klammert sich an ihn an, und zwar zunächst ganz instinktmäßig, ohne alle Reflexion und trotz aller Anprallungserfahrungen, die man gemacht hat. -- Diesem Instinkt zufolge suchte die Glauning den Vetter auf; sie traf ihn im »Emmenstand« und erzählte ihm die Geschichte. Der Bursche horchte mit großem Ernst und die Mutter, die hierin Uebereinstimmung mit ihren Gedanken erblickte, schloß mit den Worten: »Nun wirst du mir doch Recht geben, wenn ich's nicht mehr leide, daß sie noch länger bei dem Menschen dient? Gleich morgen in der Früh' geh ich hin und nehm' sie mit nach Haus.« -- Hans, nach kurzem Schweigen, versetzte: »Wenn sie nun aber nicht mitgeht?« -- »Nicht mitgehen?« rief die Mutter. »Das will ich doch sehen, ob ich über mein Kind keine Gewalt mehr hab'. Sie ~muß~ mit!« -- »Base,« fuhr Hans fort, »übereilt Euch nicht und macht überhaupt die Sache nicht ärger als sie ist. Wenn man Heu hereinbringen will und durch den Fehler eines Dienstboten wird's verregnet, so ist das für einen Bauern eine sehr ärgerliche Sach'. Der Christine hat was gehört, und wenn der Bosch es ihr nicht geschenkt hat, so ist das begreiflich.« -- »Aber so rasend, so abscheulich thun« -- -- »Das will ich gar nicht loben,« versetzte Hans. »Aber kennt man den Holzbauern denn nicht? Wenn der zornig wird, ist's grad, wie wenn ein Wetter ausbricht. 'S geht nicht anders, es muß raus aus ihm, er kann sich nicht anders helfen, und darum kann man's ihm auch nicht so übel nehmen wie andern Leuten. Das wird sich die Christine wohl auch gedacht haben und drum ist sie geblieben.« -- »In einem Haus, wo man einen so schandbar behandelt hat,« erwiederte die Glauning mit dem Ausdruck der Entrüstung und Geringschätzung, »da bleibt man nicht mehr, wenn man ein ordentliches Mädchen ist. Und die da, die zu mir gesagt hat, daß man vor allem seinen Charakter und seine Ehr' behaupten müss' in der Welt -- die will sich so was gefallen lassen!« -- »Sie wird eben unter Charakter und Ehr' etwas anderes verstehen, als Ihr, Base.« -- »Meinetwegen!« rief die Mutter, erzürnt darüber, den Burschen gegen ihr Vermuthen auch diesmal im Widerspruch mit sich zu finden. »Ich leid's einmal nicht, daß sie noch dort bleibt. Und ich geh hin und hol' sie und mit Gewalt nehm' ich sie mit mir!« -- »Ihr kennt Eure eigene Tochter nicht,« rief Hans mit Nachdruck. »Ich sag' Euch, sie geht nicht mit Euch!« -- »Das wird sich zeigen, -- ich thu's nicht anders und setz' alles in Bewegung.« -- »Dann, Frau Base,« rief Hans mit strengem Gesicht, »dann macht Ihr einen thörichten Streich und kommt doch nicht zu Eurem Zweck. Die Christine, das könnt Ihr nun wohl sehen, hat sich was in den Kopf gesetzt und läßt sich nicht davon abbringen; und ich für meine Person, ich denk', ich kann's errathen. -- Bah,« fuhr er mit einem eigenen Lächeln fort, »an einem Schimpfwort stirbt man nicht -- namentlich wenn man nicht ohne Schuld ist, und je mehr man aushalten lernt, desto besser ist's.« -- »Aushalten!« rief die Glauning; »Schande soll niemand aushalten.« Aber nun wurde Hans aufgebracht. »Base,« rief er, »ich will Euch meine Meinung rund heraus sagen. Ihr seid eine eitle Mutter und wollt nichts als Ehr' haben und flattirt sein und prangen mit Eurer Tochter. Euer Prangen ist Euch aber schlecht bekommen bis jetzt. Wer weiß, wer weiß, ob nicht Euch so gut als Eurer Tochter die Schande gesünder ist.«

Die Alte war von diesen Worten getroffen -- und entwaffnet. Sie ging niedergebeugt ins Haus zurück und sagte zu sich selber: »Der ist nun auch ein Satan geworden. -- O ich unglückliche Mutter!« -- Als die neue Base Abschied nahm, erhielt sie keinen andern Auftrag, als der Christine zu sagen, sie solle doch ja heimkommen oder in einen andern Dienst gehen und nicht mehr bei dem Menschen bleiben; es wär' ja ein Schimpf und eine Schande für die ganze Freundschaft.

Die Mahnung hatte aber denselben Erfolg wie die erste. Christine blieb und ließ bei Gelegenheit herunter sagen, es sei Alles wieder in Ordnung und Alles vergessen.

Mit der Satanschaft, welche die Glauning dem Vetter beilegte, war es freilich nicht weit her. Ich glaube, daß es an der Zeit ist, die Leser nun ein wenig mehr in das Herz des Burschen blicken zu lassen, damit sie das Verhalten desselben vollständiger begreifen und würdigen können.

Hatte die Natur den Hans nicht zu einem Satan bestimmt, so war er doch eben so wenig zu einem sogenannten »guten Menschen« geschaffen, d. h. zu einem, der aus Schwäche gegen andere und ihre Prätensionen die Pflichten verletzt, die er gegen sich selber hat. Unser Freund sollte werden, was man auf dem Land einen rechten Mann -- einen Ehrenmann nennt. Zu einem solchen gehört die Güte und die Großmuth, die in seinem Wesen lag, als nothwendiges Element, aber eine Güte und eine Großmuth, die weiß, was sie will, und sich nicht beikommen läßt, mit ihren Vorzügen den eiteln Trieben der Welt zu dienen. Die Lehre, die ihm das Schicksal gegeben, war nicht fruchtlos geblieben; er hatte etwas profitirt von seinem Leid und sich ein Benehmen vorgezeichnet, das er streng einhalten wollte. Er hatte sich vorgenommen, sich selbst höher zu achten, nicht zu thun, was andere, sondern was er selber für gut ansah, und den größten Schatz, den er besaß, nimmermehr an ein Wesen zu verschleudern, das seiner nicht werth war.

Als die Glauning ihm den Brief mittheilte, worin Christine das Auseinanderkommen mit Forstner meldete, war er zuerst hoch überrascht; denn auch er hatte an einen solchen Ausgang nicht mehr gedacht. Das Benehmen und die Ausdrücke des Mädchens gefielen ihm; er freute sich, daß sie den Menschen, dem er freilich nie recht getraut, nach Verdienst behandelt habe; er freute sich an ihrem Stolz und daß sie sich achtungswerther zeigte, als er von ihr erwartet. Zugleich hatte er aber ein Gefühl der Genugthuung, und er unterdrückte es nicht. Sie war gestraft -- er gerechtfertigt. Sie hatte erfahren, wie viel mehr ein braves Herz werth ist, als ein glattes Gesicht, und das war ihr gut und heilsam. Sie hatte das Schicksal, das sie gewollt -- sie mußte es hinnehmen.

Die Rückkehr des Mädchens änderte seine Empfindung in etwas, aber nicht in der Hauptsache. Ihr Aussehen, die Folge der erduldeten Krankheit, regte sein Mitleid an; er fühlte, wie es ihr zu Muthe sein mußte, und bedauerte sie von Herzen. Indem er überlegte, wie er sich gegen sie benehmen sollte, hielt er es in jeder Hinsicht für das Beste, sie mit Fragen ganz zu verschonen und zu thun, als ob nichts vorgefallen wäre. In seinem Herzen mußte freilich auch er sich fragen: was soll aus ihr werden? was soll am Ende aus uns allen werden? Er fühlte das Bedenkliche und Aengstliche des gegenwärtigen Zusammenlebens und dachte darüber nach, wie es allenfalls geändert werden könnte. Aber die Auskunft, die andern eingefallen war und die in jenem Bauernhause den Streit zwischen Knecht und Tochter hervorgerufen hatte, stellte sich nicht einmal als Möglichkeit vor seine Seele. Ein Mädchen aus Mitleid zu heirathen und gar die Untreue zu belohnen mit dem Besten, was er hatte, das war nicht die Sache unseres Burschen. -- Er konnte vergeben und vergessen, er konnte Freund und Vetter sein, er konnte Hülfe leisten und Wohlthaten erzeigen; aber Christine zum Weib zu nehmen, wär' ihm jetzt nicht eingefallen, auch wenn er sie noch geliebt hätte. Er verlangte von der Seinen, daß sie ihm in Lieb' und Treue anhänglich sei und ihn zu schätzen wisse nach Verdienst. Und wenn er auch aus der Noth eine Tugend machte, wenn er eine nahm, die er selber nicht liebte, wie er Christine geliebt hatte, dann mußte es doch eine sein, die ihn gern und an ihm ihre Freude hatte und die ihn höher achtete, als jeden andern in der Welt.

Daß ihn bei dieser Gesinnung die Erzählung der Mutter von ihrem Streit mit der Tochter, d. h. die Ansicht und die Hoffnung der Alten selbst, wie verzuckert sie ihm präsentirt wurde, empören mußte, leuchtet ein. Er empfand eine solche Wuth in seinem Herzen, noch einmal für den Gutgenug gehalten zu werden, daß er ein ungewöhnliches Zucken in seiner Rechten verspürte und die größte Anstrengung nöthig hatte, gegen die »dumm unverschämte Zumuthung« nicht loszuplatzen. Dagegen was ihm von den Reden der Christine mitgetheilt wurde, gefiel ihm und er freute sich ihrer »Einsicht.«

Seinen ganzen Beifall hatte der Entschluß des Mädchens, als Magd zu dienen. Die Fragen, die ihn belästigten, fanden damit ihre Erledigung und das gegenwärtige bängliche Beisammensein ein Ende. Er mußte sich sagen, daß in Christine doch ein Geist wohne, der nach mehr aussehe, als er ihr bisher zugetraut hatte. Es war ihm recht, daß sie gerade zum Holzbauern kam, und er rechnete es ihr als Tugend an, daß sie ihn nicht scheute. »Bei dem,« sagte er zu sich selber, »ist sie am rechten Platz, um das Frauenzimmer ganz wegzucuriren und wieder etwas nutz zu werden für das Dorf.«

Die Berichte, die nach einander von den zwei Basen gemacht wurden, konnten seine Achtung vor ihr nur erhöhen und seinen innerlichen Beifall nur verstärken. Er überzeugte sich, daß Christine einen Zweck habe, so zu handeln, und er glaubte ihn zu kennen. Da es nun gerade nicht nöthig ist, Philosoph oder Theolog zu sein, um zu wissen, daß eine unter gewissen Umständen, mit Fleiß und aus guten Gründen erduldete Beschimpfung keine Schande, sondern vielmehr Ehre bringt; da es zu dieser Einsicht genügt, nur kein Geck zu sein und das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, so konnte Hans auch bei der zweiten Meldung nicht mit der Entrüstung und dem Lamento seiner Base harmoniren. Nachdem er dieser seine Meinung gesagt und in der Einsamkeit das Vernommene wieder überdacht hatte, rief er im Gegentheil zufrieden für sich hin: »Bravo!«

Man würde unsern Freund mißverstehen und ihm Unrecht thun, wenn man glauben wollte, die Achtung, die er empfand, sei der Art gewesen, daß sie in natürlicher Steigerung zum Wiederaufleben seiner Liebe führen mußte und nicht mehr weit davon entfernt war. Er fühlte Respekt vor dem Respektabeln, er freute sich an dem Erfreulichen -- nichts weiter. Alte Liebe rostet nicht, sagt das Sprüchwort; aber gerade bei den liebefähigsten Menschen kann sie unter Umständen doch etwas rostig werden. Die liebefähigsten sind nämlich in der Regel auch die liebeklarsten und fühlen und wissen, daß an der Geliebten eben ihre Liebe die höchste und schönste, d. h. die liebenswürdigste Eigenschaft ist. Wenn diese ihre Liebe nun dahinschwindet oder als bloßer Schein erkannt wird, dann schwindet für einen solchen Menschen eben das Höchste, das Licht und Leben der Schönheit hinweg, und die Flamme, die von der Anschauung dieses Höchsten genährt war, muß zu Boden sinken.

Unser Bauernbursche hatte treu geliebt in Hoffnung, wenn auch anfangs mit schüchterner Hoffnung; er hatte verziehen und wieder geliebt, als er in der Geliebten Reue und Liebe zu sehen glaubte; er hatte das Leid der unglücklichen Liebe im Grund seines Herzens durchgelebt und überwunden. Damit war's aber auch zu Ende.

In seiner jetzigen Gesinnung und in der Freude, daß eine Jugendfreundin, eine Verwandte von ihm sich so über Erwarten hielt, hätte er übrigens der Christine gern seinen Beifall kundgegeben und sie dadurch in ihrer Handlungsweise bestärkt; aber das ging unter den bestehenden Verhältnissen nicht an. Da bot ihm der Zufall unverhofft eine Gelegenheit, für sie doch gewissermaßen etwas zu thun und zugleich, einem alten Grolle genügend, sein Müthchen zu kühlen.

Eines Sonntags nach Tisch begab er sich nach Oettingen. Er hatte dort Einkäufe zu machen, ging hin und her und stärkte sich endlich durch ein Maß kühlen und kräftigen Sommerbiers. In rüstiger Stimmung und etwas unternehmungslustiger als vorher trat er aus der Wirthsstube auf die Straße. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als er von weitem eine Gestalt erblickte, die ihm bekannt war. Seine Augen täuschten ihn nicht, denn er hatte gute Augen -- es war der Mann, der ihm sein ganzes Leben verdorben -- der, welcher ihm das Liebste abwendig gemacht und es dann gekränkt und unwürdig behandelt hatte: es war der Lehrer Friedrich Forstner, der in Begleitung eines andern ihm entgegenkam. Als er ihn erkannte, so daß er nicht mehr zweifeln konnte, fuhr ein Zorn und ein Geist der Rache in ihn, der für den Menschen, der ihm sein Glück gestohlen, eine exemplarische Züchtigung verlangte. Allein er hatte Zeit zu überlegen; eine andere Stimme ließ sich in ihm hören und er sagte sich unmuthig und geringschätzig: »Ich kann's ihm nicht machen, wie er's verdient -- der Kerl blieb' mir in der Hand.« Das gute Glück hatte gleichwohl eine Art Genugthuung für ihn bereit. Forstner war mit seinem Begleiter -- seinem künftigen Schwager Dobler -- in eifrigem Gespräch; er erkannte den Hans nicht und sah nur im Allgemeinen, daß ein Bauernbursche auf ihn zukam. Von einem Gönner, den er besucht hatte, besonders freundlich behandelt, fühlte er sich noch etwas höher als gewöhnlich, und daß nun ein Bauernbursche, wenn er ihm begegnete, mit Respekt auf die Seite treten müsse, das verstand sich von selbst. Hans aber ging fest und gerade auf ihn zu; er wich, im Gefühl der Gleichheit, nur zur Hälfte aus, Forstner im Bewußtsein des Höherstehens gar nicht, und so stießen sie aneinander. Diesen Moment benutzte der Brave, um dem Zierlichen einen Ruck zu geben, daß er und sein Begleiter drei Schritte weit auf die Seite flogen und sich mit Mühe auf den Beinen hielten. Dobler raffte sich zuerst auf und rief zornig: »Was ist das für ein unverschämter« -- -- Aber Forstner hielt den Vordringenden bei der Hand zurück und rief ihm ein gedämpftes, warnendes »Ruhig« zu. -- Er hatte den Vetter erkannt, sein Gewissen hatte sich gerührt und seinen Muth beschwichtigt. -- Hans richtete seinen Kopf stolz empor und fragte: »Ist den Herren was gefällig?« Es mußte ihnen wohl nichts weiter gefällig sein, denn sie wichen der »brutalen Gewalt« und gingen ruhig weiter. Der Sieger schritt befriedigt und in männliche Gedanken verloren vorwärts. Plötzlich stieß er wiederum an und eine gewaltige Baßstimme rief: »Kreuzmillionen, was ist denn das?« Er sah auf, erkannte den stärksten Burschen seines Dorfs, lachte gutmüthig und sagte: »Nichts für ungut, Bruder, ich bin in Gedanken gewesen!« -- Der Stattliche, wieder begütigt, sagte mit Achselzucken: »Du bist aber »ebbes« in Gedanken! Will das gar kein End' nehmen?« -- Unser Freund hätte zur Erklärung gern sein kleines Abenteuer erzählt; er fühlte aber, daß es ihm nur unliebsame Bemerkungen zuziehen würde, und schwieg und sprach auf dem Heimweg mit dem Kameraden nur über Gegenstände des Feldbaus.

Die Zeit der Ernte kam heran und gab auch im Hause der Glauning vollauf zu thun. Es war sehr heiß diesen Sommer, man hatte viel auszustehen beim Schneiden und Sammeln; die Beschwerden der Mutter wurden aber dadurch noch vermehrt, daß sie sich die Leiden der Tochter vorstellte. »Gott,« rief sie einmal aus, als die Sonne gewaltig niederbrannte, »wie wird es meiner Christine gehen! Die schwindet mir ganz zusammen diesen Sommer und wird alt vor der Zeit!« -- Hans, dem sie diese Worte zu Gehör geredet, lächelte und schwieg. Die Alte fuhr fort: »Wie sie wieder heimgekommen ist von der Stadt, bin ich froh gewesen, daß ich ihre Bauernkleider und sonstige Ausstaffirung nicht verkauft gehabt hab', denn ich dacht' mir: wer weiß, was geschieht! Aber jetzt, wenn sie so zusammengeht, wie ich höre, kann sie die Sachen ja doch nicht brauchen, und es wär' gescheidter gewesen, ich hätt' sie weggegeben.« -- Hans zuckte die Achseln; dann sagte er: »Was der Sommer nimmt, das bringt die Winterszeit wieder. Wenn's kühl wird und die Arbeit nicht mehr so scharf geht, dann wird sie schon wieder runder werden, Eure Christine. Und dann wird auch gewiß bald ein Hochzeiter da sein. Wenn sie ein Jahr beim Holzbauern gedient hat, dann hat sie die Prob' gemacht, und dann werden Bursche, die ein sauberes und fleißiges Weib suchen, von allen Seiten kommen. Verliert den Muth nicht, Base! Solche Mädchen bleiben nicht übrig im Ries!« -- Ein tiefer Seufzer war die Antwort. Die Wittwe hatte ihre frühere Sicherheit ganz verloren; sie konnte nicht mehr glauben an ein Glück, und die Worte des Hans, die ihr wie Spott klangen, waren nicht geeignet ihren Geist aufzurichten.

Mühevoll -- denn auf die heißen Tage folgte noch Regenwetter -- und freudlos -- denn sie wußte nicht, für wen sie sich eigentlich so plagte -- ging die Erntezeit für die Glauning vorüber. Als die Feldfrüchte, auf die es hauptsächlich ankam, im Stadel gesichert waren, hatte sie doch wieder eine frohere Empfindung. Sie berechnete, daß sie vorwärts kam in diesem Jahr und von dem Ausfall des letzten etwas zu decken vermochte, und so etwas muß einer Person, die von Kindesbeinen an auf's »Hausen und Sparen« gerichtet wird und nur durch die Ehre zu außergewöhnlichen Ausgaben vermocht werden kann, immer wohl thun.

An einem Sonntag im September, nach dem Essen, saß die Gute mit Hans an dem abgedeckten Tisch. Sie hatten eben zusammen eine Geldzählung vorgenommen, die zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen war, und erfreuten sich daher einer Stimmung, in der sie eine gemüthliche Ansprache hielten. Die Wittwe hatte dem Vetter eben wieder bedeutendes Lob gezollt, als die Thüre aufging und mit den Worten: »Grüß euch Gott miteinander!« die Hubel in die Stube trat. Ihr Aussehen fiel dem Burschen im ersten Moment auf. Sie war nicht nur vergnügter als gewöhnlich, sondern zeigte auch eine eigenthümliche Feierlichkeit, wie eine Person, die sich bewußt ist, etwas in der Hand zu haben. Nach den ersten allgemeinen Fragen und Antworten rief die Glauning gastfreundlich: »Dasmal muß ich aber der Bas einen Kaffee machen -- ich thu's nicht anders!« -- Die Hubel versetzte: »Ich hab' nichts dagegen; denn ich hab' heut' früher gegessen als sonst, von wegen weil ich bald wieder zu Hause sein will, und mir ist's »wäger« (wahrlich) schon wieder »a bisle eitel« im Magen.« -- »Der Hans da,« bemerkte die Wittwe, »kann dir unterdessen was Neues verzählen, oder du ihm.« -- »Wie's kommt,« erwiederte die Hubel. »Gott sei Dank, jetzt sieht er doch wieder aus, daß man sich ein Wort mit ihm zu reden getraut!« -- »Ja,« sagte die Glauning, »ein wenig hat er sich gebessert,« und verließ die Stube.

Sie wollte was Rechtes machen, denn ihre verständige Ansicht war immer: entweder gar keinen Kaffee oder einen guten. Gebrannte Bohnen waren in einem Haus, wo das Kaffeetrinken zu den Ausnahmen gehörte, natürlich nicht vorräthig, und ihr war das lieb; frischgebrannte gaben ein besseres Getränk, und wenn sie ein wenig später fertig wurde, was schadete das?

Freilich dauerte es nun geraume Zeit, bis sie die blanken zinnernen »Kanden« (Kannen) füllen konnte. Als sie diese mit glücklicherweise vorhandenen Schneckennudeln in die Stube trug und auf den Tisch setzte, fiel ihr, die sich bei dem Auftreten der Base nichts Besonderes gedacht hatte, doch das Ansehen des Hans auf. Glänzend saß er da, ein freudiger und ein stolzer Blick ging aus seinen Augen, und noch dazu schien es, als ob er das Vergnügen, das er empfand, gar nicht alles heraus lassen wollte. -- Verwundert sah die Wittwe von dem einen zur andern und sagte dann: »Ihr müßt euch ja recht gut unterhalten haben. Seit langer Zeit hab' ich den Hans nicht so hellauf gesehen!« -- Dieser nahm sich zusammen und erwiederte: »Man spricht von allerhand. Und die Base da kommt unter die Leute und wird immer was Neues inne.« -- »Das ist wahr,« sagte die Hubel, »und »ebbania'« (etwanje, zuweilen) ist's recht gut, wenn man was erfährt, und manchem geschieht ein Gefallen damit, wenn man ihm zu rechter Zeit was sagt.«

Diese Reden und die beiden Gesichter dazu kamen der Glauning seltsam vor. Hatte die Hubel eine ausfindig gemacht, die den Hans wollte, eine schöne und eine reiche -- am Ende eine Bauerntochter? Darnach sah er wahrhaftig aus! Und einem Burschen mit seinem Geld und mit dem Lob, das er hatte, konnte auch gar wohl ein solches Glück anstehen. -- Ihr Herz war bei diesen Gedanken plötzlich schwer geworden; es kostete sie Mühe, die schickliche Freundlichkeit aufzubringen, mit welcher zum Trinken und Zulangen ermahnt werden mußte. -- Nach einer längeren Pause, die mit dem Genuß und Lob des Kaffees ausgefüllt wurde, begann die Wittwe: »Aber nun erzähl' mir doch noch etwas von meiner Christine. Ist sie immer noch so schmal?« -- »Stark ist sie nicht geworden,« erwiederte die Base, »aber sie ist gesund und wohlauf.« -- »Gott sei Dank!« versetzte die Mutter, »das ist doch das Best'. Und ist derweil nichts mehr vorgefallen mit dem Bauern?« -- »Nichts was der Rede werth wäre zu sagen. Du weißt ja, der ist eben, wie ihn unser Herrgott erschaffen hat, und wenn er bös ist, wird er auch wieder gut.« -- Die Mutter erwiederte: »Was hilft's, wenn man einem den Kopf herunter gerissen hat und will ihn dann wieder aufsetzen! -- Aber was sagt man denn bei euch im Dorf über sie?« -- »Nichts als Gutes, Base. Man sieht, wie sie schafft und aushält, und alle ordentlichen Leute schätzen sie und loben sie.« -- »Nun, das ist doch ein Trost,« erwiederte die Mutter. Und mit einem Selbstgefühl, das ihrem gedrückten Wesen eine Art Würde verlieh, setzte sie hinzu: »Ein braves Mädchen ist sie eben doch, die Christine. Und wer weiß, am End' gibt's auch für sie noch ein Glück in der Welt.« -- Nach kurzem Schweigen bemerkte sie: »Nun sag' ihr aber, sie soll mich endlich einmal besuchen, jetzt, wo die Hauptarbeit doch gethan ist.« -- Die Andere schüttelte den Kopf: »Darüber hat sie ihre eigenen Ansichten, Base, ich glaub' nicht, daß sie jetzt schon kommt. Besuch du lieber mich einmal, dann kannst du sie bei mir sehen.« -- »Ist das eine Welt jetzt!« rief die Wittwe. »Die Kinder folgen ihrem Kopf und die Alten sollen ihnen folgen! -- Nun, ich will sehen.«

Das Gespräch wandte sich andern Gegenständen zu, wobei auch Hans wieder mitreden konnte. Endlich erklärte die Hubel, es sei die höchste Zeit, sie müsse fort. Die Mutter gab ihr die Hand, dankte für den Besuch und trug ihr Grüße an ihre Tochter auf. »Habt auch von mir Dank,« fügte Hans hinzu, »und kommt gut heim.« Die Wittwe sah ihn mit einem Blick an, der wahre Gekränktheit verrieth. »Nun,« sagte sie, »läßt du die Christine nicht auch grüßen? Einen Gruß ist sie doch wohl noch werth, sollt' ich glauben!« -- »Meinethalb,« rief Hans, »grüßt sie auch von mir!«

Am Abend ging der Bursche in's Wirthshaus. Der mannhafte Schritt, mit dem er auftrat, das Glück, das aus seinem Gesicht leuchtete, konnten nicht unbemerkt bleiben. »Was Teufel ist denn mit dem Hans?« rief ein junger Mensch an einem Tisch zu seinen Zechgenossen; »der sieht ja aus, als ob er das große Loos gewonnen hätt'!« -- »Wird wohl endlich eine gefunden haben, die ihm ansteht,« warf ein anderer hin. »Kannst Recht haben,« versetzte jener Gewaltige, an den Hans in Oettingen in seinen Siegesgedanken angestoßen war. Und mit einer gewissen großartigen Geringschätzung setzte er hinzu: »'S ist doch merkwürdig, was der Mensch auf d'Weibsbilder gibt! So'n Kerl, und läßt sich von der einen traurig und von der andern wieder vergnügt machen! Bah! das könnt' mir einfallen!« -- Der erste bemerkte: »'S ist so ein Stiller, der Hans, die sind alle so.« -- Und der zweite sagte: »Am End' ist's ihm auch zu gönnen, wenn er eine kriegt nach seinem Sinn. Die Christine hat ihm doch Verdruß genug gemacht.«

Hans war an einem andern Tisch niedergesessen, den etliche nähere Bekannte von ihm in Besitz genommen hatten. Nach dem Naturgesetz, das auf dem Lande wie in der Stadt, in der niedersten wie in der höchsten Schichte der Gesellschaft gilt, muß jeder, der ein auffallendes Vergnügen blicken läßt, geneckt werden. Dieß geschah denn auch unserem Burschen. Fragen wurden gestellt und Vermuthungen geäußert, die sich alle um den vorhin erörterten Punkt drehten. Hans war indeß nicht in der Stimmung ärgerlich zu werden, im Gegentheil, sein Humor stieg in Folge der Angriffe; er duckte einen, der sich ungeschickt dabei benahm, gehörig in's Wasser und bekam die Lacher auf seine Seite. Als er an einem andern Tisch Bescheid that, sagte einer der Bekannten: »'S ist schon richtig, er hat eine! -- aber wen?« -- Man rieth hin und her, konnte aber nicht schlüssig werden und tröstete sich mit dem Gedanken, daß es jedenfalls wieder eine Hochzeit geben werde und einen lustigen Ansing.

Jeden Tag in der Woche erwartete die Glauning, daß der Vetter im Staat vor sie treten und sagen würde, er müsse über Land gehen; denn ihr saß der Gedanke, der in ihr aufgestiegen war, so fest im Kopfe, wie den Kameraden des Burschen. Als sie sich auch am Donnerstag getäuscht sah, meinte sie: nun wird er am Sonntag gehen. Und in der That, am Vorabend erklärte Hans, er werde morgen über Land -- fahren. »Fahren?« rief die Wittwe betroffen. -- »Warum nicht?« erwiederte Hans lächelnd. »Der Hiesinger leiht mir seinen Braunen und sein Wägele. Und darf sich unser einer nicht auch einmal ein Plaisir machen?« -- »Wegen meiner fahr' du,« entgegnete die Glauning. »Du bist dein eigener Herr und kannst thun was du willst.« -- Sie that ihm aber nicht die Ehr' an oder sie hatte nicht den Muth, zu fragen wohin.

Am andern Tag, im Schein der Morgensonne, als der Bursche von ihr Abschied nahm, geputzt wie nochmal einer, der »auf d'Gschau« geht, hatte sie doch so viel Kraft erlangt, mit einer Art von Lächeln zu sagen: »Nun, Hans, ich wünsch' dir viel Glück! Du wirst dir hoffentlich nicht einbilden, daß ich nicht weiß, worauf du ausgehst?« -- »Nein,« erwiederte Hans gemüthlich. »Vor Euch kann man sich nicht verstellen, Base -- und ich versuch's auch nicht. Was wollt Ihr? einmal muß man doch dran!« -- Er gab ihr die Hand und verließ mit kräftigen Schritten den Hof. Die Base sah ihm nach. »Wie sicher er seiner Sach' ist!« dachte sie. »Nun, wenn er ein Glück macht, ich muß es ihm gönnen -- allein um mich hat er's verdient.« Diese Gedanken konnten aber doch nicht bewirken, daß sie sich über sein Glück freute; im Gegentheil, sie hatte ein Gefühl, als ob ihr der letzte Rest des ihrigen genommen würde.

Hans ging zu dem Bauer, den er Hiesinger genannt. Das Wägelchen stand im Hof, aber der Gaul wurde noch gefüttert. »Mach' »fürsche« (vorwärts),« rief der Bauer dem Handknecht mit Laune zu, »und spann an! In solchen Geschäften will man bald an Ort und Stelle sein.« -- Einige Minuten später, und Hans fuhr im Trab durch's Dorf. »Aha,« rief einer von seinen Kameraden, der ihn sah, »nun werden wir's bald inne werden!«

Wenn die Glauning gesehen hätte, in welchen Weg der Bursche einlenkte, dann hätte vielleicht ihr Herz zu klopfen und wieder zu hoffen angefangen. -- Die Leser haben das Ziel der Fahrt schon errathen -- sie sind scharfsichtiger als die Bauern. Sie wissen, daß eine Geschichte nach ihrem Anfang und Verlauf nur Einen, d. h. eben nur den Ausgang haben kann, der im Verlauf begründet ist; und zwar nicht, weil es der Erzähler so will, sondern weil es bei den Personen, an denen es überhaupt etwas zu demonstriren liebt, das Schicksal so will, dem der Erzähler folgen muß. Könnte nach allem Bisherigen ein Erfahrener noch in Zweifel sein, wohin das Wägelchen unseres Burschen rollte? Er fuhr dem Dorf zu, in welchem Christine sich befand. Er konnte es, er durfte es -- er mußte es; und das hoff' ich jedem klar zu machen, wenn ich erzähle, was sich unterdessen begeben hatte.

Die Art, wie Christine bei dem Holzbauern ihre Pflicht erfüllte, zusammengehalten mit ihren ungewöhnlichen früheren Erlebnissen, hatte die Aufmerksamkeit des ganzen Dorfs *** auf sie gelenkt. Das Mädchen hatte die Zweifler und Spötter, die sich auch dort aufgethan, beschämt; ihr ausdauernder Fleiß in dem beschwerlichen Dienst hatte ihr nicht Geringschätzung, wie die Mutter gefürchtet, sondern Achtung, bei Einzelnen sogar Bewunderung erworben. -- Mit der Zeit wird jeder Tugend ihr Recht auch in dieser ungerechten Welt. Die Anfeindung stumpft sich ab, das Geklatsche wird langweilig und vergeht, die Anerkennung tritt an seine Stelle und besteht.

Bei Christine kam noch etwas anderes hinzu, was ihr eine besondere Bedeutung gab. Ihr Aussehen hatte sich nicht so geändert, daß man sie nicht mehr für ein ungewöhnlich hübsches Mädchen hätte müssen gelten lassen. Die frühere Fülle allerdings war nicht wiedergekehrt; aber die verhältnißmäßige Schlankheit, mit der sie aus der Stadt heimgekommen war, hatte in Folge der ländlichen Arbeiten einen gesunden Charakter erhalten. Ihre Gesichtsfarbe war keineswegs gelb, wie die Hubel auch für die erste Zeit übertreibend berichtete, sondern der ihr eigene bräunliche Ton war nur kräftiger geworden, hatte dann aber auch wieder einen Hauch frischen Roths erhalten. Sie war noch immer die »schöne Christine,« die ehemalige Lehrersbraut und jetzige Bauernmagd; aber sie war mehr als das. Ihr Gesicht hatte einen eigenen höheren Charakter erhalten -- den Charakter, der das natürliche Erzeugniß innern Lebens und einer Kraft ist, wie sie die Geprüfte besaß und bewies. Eine tiefe Leidenschaft, die man aus Stolz zu verheimlichen entschlossen ist; den Willen, eine Handlungsweise, die man als unrecht erkannt hat, zu büßen und sich in die Folgen seiner Schuld unbedingt zu ergeben; den Willen, seine Pflicht zu thun, wie schwer sie einem auch gemacht werde, und seine Ehre darein zu setzen, gerade da auszuhalten, wo andere nicht die Stärke dazu fänden -- dergleichen kann man unmöglich in Kopf und Herzen tragen, ohne daß der Abglanz davon auf dem Gesicht bemerklich würde. Ob sie nun im Haus, auf dem Felde thätig war, oder ob sie in der Kirche den Worten des Geistlichen horchte, die Magd Christine hatte etwas in ihrem Wesen, dessen sich kein anderes Mädchen im Dorf rühmen konnte. Die Töchter der wohlhabenden Bauern konnten den Kopf hoch halten und an Festtagen in ihrem besten Staat und ihrer Stellung sich bewußt mit fein geschlossenem Mäulchen anmuthig über die Gasse sich schwenken, so fein und so vornehm sah doch keine von ihnen aus, wie unsere dienende Heldin, und aus keinem Auge blickte so viel Seele, als aus den uns bekannten graublauen, die mit dem Gehalt (wenn dieses Wort hier gestattet ist) auch an Umfang zugenommen zu haben schienen.

Unter denen, die das Mädchen und ihr Verhalten zu taxiren wußten, stand eine Familie obenan, und zwar eine Bauernfamilie. Der Vater war ein Landmann der besten Art -- einer von denen, die ihren Stand hoch halten, aber noch höher die Tugenden, die den ächten und rechten Bauer machen. Er führte mit Weib und Kindern einen musterhaft geregelten Haushalt, und die Folge war, daß er, der mit Schulden begonnen hatte, jetzt unter die Wohlhabendsten des Orts zählte. Der Kinder waren nur zwei, ein Sohn und eine Tochter, jener siebenundzwanzig, diese neunzehn Jahr alt, beide noch unverheirathet. Der Sohn, ein Abbild seines Vaters und nur etwas weniger lustig, als der Alte im ledigen Stand gewesen, befand sich wohl unter dem Regiment der Eltern, und darum und weil er einigermaßen scheu war und wählerisch, hatte er noch keine Frau gefunden und noch nicht den ihm gebührenden und bestimmten Hof erhalten. Die Tochter, ein angenehmes, gutes Geschöpf, trug schon ein Bild in ihrem Herzen, d. h. ein Mannsbild. Ein Bauernbursche, der alle Qualitäten besaß, die sie und ihre Eltern nur verlangen konnten, war ihr gewogen, und ihre Hochzeit stand in Aussicht, sobald der Vater des Liebhabers sich entschloß, den Hof zu übergeben.

Diese Familie war es, die unsere Christine von allen zuerst mit günstigen Augen betrachtete. Der Alte, der an ihr die guten Eigenschaften wahrnahm, die er von einem rechten »Bauernweibsbild« verlangte, rühmte sie, und Mutter, Kinder und Ehehalten stimmten mit ein. Was man von ihrem Schicksal erfuhr, konnte dem Mädchen bei wohlwollenden Beurtheilern nicht schaden. Hatte sie schon als halbe Mamsell in der Stadt gelebt, so war es um so verdienstlicher, daß sie eine so brave Magd wurde, und die Gerüchte, welche zuerst über sie umliefen, wurden durch ihren streng ehrbaren Lebenswandel vollkommen widerlegt. Sie war noch nicht sechs Wochen im Dienst, als der Alte schon zu seinem Weib sagte: »Wenn das Mädchen eine Bauerntochter wäre, eine bessere für unsern Sohn könnten wir nicht bekommen.« -- Nach und nach erfuhr man, was die Glauning der einzigen Tochter immer noch mitgeben konnte, und wenn es auch nur den vierten Theil dessen betrug, was der Alte gab, so verfehlte es doch nicht, das Haupt der Magd in seinen Augen mit einem gewissen Schein zu umgeben. Endlich kam es dahin, daß der wackere Mann sich fragte: »Muß es denn gerad' eine Bauerntochter sein? Und wenn sie weniger hat als mein Sohn, ist ihr Fleiß, ihre Geschicklichkeit und ihre Tugend nicht mehr werth als Geld und Gut?« Weib und Tochter, denen er seine Gedanken mittheilte, traten ihm lebhaft bei. Gutmüthig, wie sie waren, hatten sie das Mädchen in's Herz geschlossen, und die Tochter namentlich interessirte sich für den Heirathsplan mit dem ganzen Eifer einer liebesglücklichen Jungfrau. Sie sprach mit dem Bruder und brachte aus ihm heraus, daß er ganz im Stillen selber schon ein Auge auf Christine geworfen! -- Allgemein war die Zufriedenheit über diese Entdeckung; nach der Ernte hielt man nochmal einen Familienrath und das Projekt gedieh zum festen Beschluß.

Das Mittel der Liebeswerbung konnte unter den gegenwärtigen Umständen allerdings nicht in Anwendung kommen. Wäre unser Freier auch der Mann gewesen, ein Mädchen durch Schmeichelreden zu gewinnen, so hätte er von dieser Fähigkeit gegenüber einer Magd beim Holzbauern doch keinen Gebrauch machen können. Aus allen Gründen mußte man den bewährten alten, auch jetzt noch immer praktischen Weg der Unterhandlung durch eine dritte Person gehen, und wandte sich an Base Hubel.

Hilf Himmel, welch einen Eindruck machte die Eröffnung auf die nicht sehr bemittelte Söldnerin! Ihr Bäschen eine Bäuerin -- und was für eine! Sie selber zur Freundschaft einer der ersten Familien im Ries gehörig! Und sie hatte das in der Hand! sie sollte das machen -- sie wurde darum gebeten! Das Entzücken der guten Frau war so groß, daß sie für den ersten Augenblick sprachlos dastand, weil sie ganz eigentlich den Mund nicht mehr zusammenbringen konnte, um Worte zu bilden, so daß Mutter und Tochter, welche die Eröffnung gemacht hatten, sich Mühe geben mußten, das Lachen, das sie ankam, zu einem Lächeln zu mildern. -- Natürlich versprach die Gebetene, als sie endlich sprechen konnte, Alles. Die Sache war schon gemacht -- sie brachte das Jawort der Christine heut Abend noch. Gott, welche Ehre war es für diese und welche Freude! Welche Ehre und welche Freude für die Base Glauning und für sie alle miteinander!

Mit brennendem Kopfe lief sie zu dem glücklichen Mädchen. Es war an einem Feiertag nach der Betstunde, und Christine konnte ihrer Einladung zu einer wichtigem Unterredung in ihrem Hause ungehindert folgen. Als sie allein waren, bedachte die Erfahrene, daß das Mädchen vielleicht vor Freude in Ohnmacht fallen könnte, wenn sie ohne weiteres ihren Auftrag ausrichtete; sie begann daher mit Reden, welche sie auf das beispiellose Glück, das ihrer wartete, vorbereiten sollten. Christine, ungeduldig, fragte, was es denn wäre. Die Unterhändlerin machte ihre Eröffnung triumphirend und in der sichern Erwartung, die Glückliche würde, außer sich, ihr um den Hals fallen, mit Freudenthränen »ja, ja« rufen und des Dankes kein Ende finden. Welch ein Erstaunen, ja welch ein Schrecken, als Christine nach vorübergehendem, leichtem Rothwerden ernst und ruhig erwiederte: »Die Leute sind gut gegen mich und thun mir eine große Ehr' an. Ich dank' ihnen auch von Herzen dafür, aber ich kann's nicht annehmen, Base.« -- Die Hubel sah starr auf sie, wie auf eine plötzlich toll Gewordene. »Du willst's nicht annehmen?« rief sie endlich. -- »Ich kann nicht,« war die Antwort. -- »Bist du rasend, Mädchen?« -- »Nein, ich bin bei gutem Verstand. Geht zu den Leuten und dankt ihnen in meinem Namen recht schön, und sagt ihnen, ich kann nicht heirathen -- weil ich überhaupt nicht heirathen will!«

Zu dem Erstaunen der Base gesellte sich jetzt die Entrüstung, der Geist und die Autorität einer Mutter fuhr in sie, und sie stellte dem Mädchen vor, welch unsinnigen Streich sie mache, wenn sie eine der ersten Bäuerinnen im ganzen Ries werden könne und nicht wolle. »Hast du etwas gegen die Leute? Hast du etwas gegen den Menschen? Ist er nicht brav und geschickt und häuslich und ein sauberer Bursch obendrein?« -- Christine mußte das zugeben. -- »Und du willst nicht? Du willst so ein Glück versäumen, mit Füßen von dir stoßen? Warum? weßwegen?« -- Das Mädchen, bewegt, geängstigt, rief: »Um Gotteswillen, Base, fragt mich nicht! -- es geht nicht!«

In dem Kopf der Hubel blitzte ein Gedanke. »Wär's möglich,« begann sie, »hättest du einen andern im Kopf? Denkst du vielleicht« -- (die Wangen des Mädchens begannen sich zu färben) -- »kannst du deinen Schulmeister nicht vergessen?« Die Farbe verging wieder auf dem Gesicht der Gefragten und ihre Lippe verzog sich geringschätzig. Da ging der Base ein Licht auf wie eine Fackel; sie rief bestimmt: »Du hast den Hans im Kopf!« -- Eine glühende Röthe überströmte das Gesicht der Armen, sie zitterte -- Thränen stürzten ihr in die Augen. -- »Der ist's also! der Vetter! Himmel, was ist das!« -- »Ja,« rief das Mädchen, die jetzt wirklich außer sich gebracht war, »der ist's! der beste Mensch, der bravste Mensch, und mir der liebste auf der Welt! Ich hab' schändlich gehandelt gegen ihn, er haßt mich, er verachtet mich, und er hat Recht, und ich will's nicht anders haben. Aber nun wißt Ihr, warum ich auf Euch nicht hören kann! Ihn krieg' ich nicht und verdien' ich nicht, einen andern will ich nicht und mag ich nicht, und darum heirath' ich nicht und will als Bauernmagd leben und sterben!«

Die Frau, von der Leidenschaft des Mädchens überwältigt, verstummte. Sie kannte den Wunsch der Glauning, ihre Tochter an Hans verheirathet zu sehen; sie wußte, daß er der Mann war, ein Weib glücklich zu machen; aber wenn er sie nicht mehr wollte, war's nicht ganz widersinnig, wegen seiner ein ganzes Lebensglück aufzuopfern? Sie mußte doch noch ein Wort reden, die erfahrene Mittelsmännin, und sie sagte daher, mit größerer Ruhe zwar, aber mit Nachdruck: »Mädchen, Mädchen, bedenke, was du thust! Ein solcher Antrag wird dir nicht wieder gemacht! Und wenn du ihn ausschlägst um eines Menschen willen, der nichts mehr nach dir fragt -- aus Eigensinn, aus Tollheit -- es wird dich reuen, all dein Lebtag wird's dich reuen.« -- Aber hierauf erwiederte Christine bestimmt und entschlossen: »Base, ich hab' Euch gesagt, wie ich denke, und nun ist's genug. Streiten will ich nicht mit Euch. Redet also nichts mehr, es hilft Euch nichts, jedes Wort ist umsonst.« -- »Gut,« versetzte die Hubel, »dann hab' ich wenigstens meine Schuldigkeit gethan und kann dich deinem Schicksal überlassen. Ich hätt' nicht geglaubt, daß ich von einem Mädchen, wie du bist, mit so einer Antwort zu solchen Leuten gehen müßt'. Aber sie warten darauf, ich hab' ihnen versprochen, die Antwort heute noch zu bringen, und ich will hingehen und sagen, daß du nicht willst und warum du nicht willst.«

Christine stand erschreckt. Das Geheimniß, das sie bewahren wollte vor jedermann, war ihr entrissen, und jetzt erst merkte sie's. Scham und Angst bemächtigten sich ihrer und im dringendsten Tone rief sie: »Nein, das dürft Ihr nicht! Sagt, daß ich überhaupt nicht heirathen will, daß ich mich für solche Leute nicht gut genug achte, sagt was Ihr wollt, nur sagt nichts vom Hans! Es könnte herum kommen -- er könnt's erfahren, und (setzte sie heftig hinzu) er soll's nicht erfahren! Ich geh' nicht von Euch, Base, bis Ihr mir's versprecht! Gebt mir die Hand darauf, ich bitt' Euch, ich beschwör' Euch!« -- »Gott,« entgegnete die Frau, »ist das ein Kreuz mit dem Mädchen! Nun gut, ich versprech' dir's.« -- »Ich dank' Euch, Base,« rief das Mädchen herzlich und gerührt; »ich dank' Euch für all Eure Güte und Freundschaft! Sagt den braven Leuten alles Schöne und Gute in meinem Namen; sagt, ich wolle gar nicht heirathen, und sie würden sehen, daß ich auch keinen andern nehme. Sagt ihnen, ich würde keine Seele etwas merken lassen von ihrem Antrag, und sie sollten sich jetzt eine bessere aussuchen, als ich bin, denn mit mir wäre ihr Sohn doch niemals glücklich geworden.« Sie faßte die Frau bei der Hand und sah ihr in's Gesicht. Ihre Augen waren feucht geworden und füllten sich mit Thränen. Wehmüthig lächelnd, in liebevollem Ton sagte sie: »Ihr seid brav -- ich kann mich auf Euch verlassen!« Und ihr die braune Wange streichelnd setzte sie hinzu: »So, nun geht und macht Eure Sache gut!« -- Sie schüttelte ihr die Hand und verließ die Stube, nachdem sie ihr nochmal einen bittenden Blick zugeworfen hatte.

Die Base Hubel gehörte indeß nicht zu jenen Personen, die, wenn sie ein Versprechen gegeben haben, nun auch glauben, es unter allen Umständen halten zu müssen. Im Gegentheil, sie hatte eine heroische Ader in sich, und wenn sie gutmüthig genug war, auf eine dringende Bitte ja zu sagen, so besaß sie doch auch den Muth, sich »nach Gestalt der Sach« von der übernommenen Verpflichtung selber zu dispensiren und ihr Wort zu brechen. Als sie allein war, rief sie daher: »Du einfältiges Mädchen! Nichts sagen vom Hans? Das ist ja das Einzige, was in deine Antwort ein bischen Sinn bringt und Verstand, so daß ich nicht ganz in Schand' und Spott dastehen muß vor diesen Leuten, und du mit mir! Augenblicklich sollen sie's erfahren!« -- Um vieles langsamer dennoch, als sie es verlassen hatte, ging sie in das Haus des Bauern zurück, traf die Eltern und die Tochter und erzählte alles, indem sie nicht versäumte, über den Wahnsinn des Mädchens entrüstet ihr Verdammungsurtheil auszusprechen. Die wackern Leute bedauerten die Antwort von Herzen; aber -- offen zu reden -- ihre Betrübniß wäre doch größer gewesen, wenn der Korb von einer in jeder Hinsicht Ebenbürtigen ertheilt worden wäre. Sie hatten doch daran denken müssen, welches Aufsehen die Verheirathung ihres Sohnes mit der Magd des Holzbauern machen würde, und der Umstand, daß nun dieses Aufsehen mit all seinen Unbequemlichkeiten wegfiel, erleichterte ihnen die Tröstung ihrer Seelen bedeutend.

Der alte Bauer klärte sich endlich auf und sagte zu der Hubel: »Nun habt Ihr Euer Geschäft aber erst halb gemacht.« -- Die ihrer vornehmen Freundschaft beraubte und darum niedergeschlagene Söldnerin sah ihn fragend an. -- »Die Hauptsach' ist jetzt, daß Ihr die Christine und ihren Vetter zusammenbringt.« -- »Aber wie soll ich das anfangen?« rief das Weib. Der Bauer fuhr fort: »Hat nicht der Hans sein Bäschen für sein Leben gern gesehen?« -- »Ja wohl,« erwiederte sie; »aber jetzt will er durchaus nichts mehr von ihr wissen.« -- »Ganz natürlich! -- weil sie ihn aufgegeben hat und er glauben muß, sie halte nichts von ihm und habe keine Zuneigung zu ihm. Geht aber jetzt nur hinunter und erzählt ihm, was die Christine gesagt hat und was geschehen ist, und dann seht zu, ob er noch immer nichts von ihr wissen will. Ich bin der Meinung (setzte er lächelnd hinzu), daß ihr noch immer Euern Kuppelpelz verdienen könnt.« -- Das Gesicht des Weibes erhellte sich bei diesen Worten. »Ihr könnt wahrhaftig Recht haben! -- Aber darf ich denn auch alles sagen?« -- »Alles,« versetzte der Bauer, »mit der Bedingung, daß es unter der Familie bleibt.« -- »O, das versprech' ich mit Freuden! Kein Mensch weiter soll etwas davon erfahren!« -- Beim Abschied reichte die Bäuerin der Guten die Hand und sagte: »Habt Dank für die Mühe, die Ihr Euch unsretwegen gemacht habt. Wenn auch nichts draus geworden ist, so bleiben wir doch gute Freunde.« -- »O,« rief die Hubel, »das ist eine große Ehre für mich! -- Und wer weiß, vielleicht kann ich Euch doch noch einmal auf eine andere Art dienen!«

»Was für gute Leute das sind!« rief sie mit einem Seufzer, als sie ihrem Hause zuging; »'s ist doch Jammerschade!« -- Etwas indeß war ihr geblieben. Sie faßte nun das neue Geschäft in's Auge und ihre Seele erheiterte sich wieder. »Wenn das geräth, wenn die Zwei zusammen kommen und glücklich sind, dann bin's eben doch ich, die's gemacht hat und der sie danken müssen für ihr Glück, so lang sie leben.«

Am nächsten Sonntag trat sie die Wanderung bei Zeiten an, um den Vetter sicher zu treffen, und erzählte ihm, während die Glauning den Kaffee machte, Alles und Jedes. Hans konnte nicht zweifeln; die Base beschwor ihre Aussagen bei allem, was heilig ist, und gab ihm in jeder Hinsicht die beruhigendsten Versicherungen. -- Und nun erstand die entschlafene Liebe plötzlich, wie wenn ihr ein neues schöpferisches Werde zugerufen worden wäre. Der Deckel des Schreins, in dem sie verborgen lag, flog auf und sie glühte hervor und durchloderte und durchleuchtete ihn mit wonnevoller Glut. -- Nun war's also doch geschehen, woran er nicht mehr glauben, worauf er nicht mehr hoffen konnte. Das Mädchen, das ihm lieber war als Alles, war sein! Sie war zur Erkenntniß gekommen, sie verstand ihn -- sie liebte ihn -- ihn allein und über alles! -- O, nun war es besser als vorher -- tausendmal besser! Er mußte ihr nicht nur vergeben -- nein, Gott danken mußte er für den Weg, den sie geführt worden -- Gott danken für ihr Leid und ihre Erkenntniß, und sie lieben und ehren und ihr Leben versüßen und sie glücklich machen -- glücklicher, wenn's möglich wäre, als er selbst wurde! -- Die Empfindungen des Glücks und des Dankes strömten durch sein Herz und erschütterten ihn so gewaltig, daß ihm Thränen in die Augen traten und die gute Verwandte in gerührter Theilnahme sich freute, daß ihr dieses zweite Werk gelungen war, und nicht das erste. Eine innere Stimme rief dem Glücklichen zu, vor der Mutter die Kunde noch geheim zu halten; er gebot der Hubel auf's strengste, seiner Base nichts zu sagen und sie auch nichts merken zu lassen, und eben so der Christine alles geheim zu halten. Die Hubel versprach beides. Sie kam der Mutter gegenüber der Forderung auch sogleich nach; der Liebende selbst aber vermochte es nicht, und die Glauning hätte das Geheimniß errathen müssen, wenn ihre Gedanken nicht schon vorher auf falscher Fährte gewesen wären.

Das war es, was unsern Freund bewog, heute dem Dorfe zuzufahren, in welchem Christine lebte. -- Und nun kein Wort mehr zur Erklärung seines Handelns.

Als das nette »Gefährt« im Sonnenschein über den trockenen Weg hinrollte, näher und näher dem lieben Ziel, da hatte unser Freund eine glückselige Empfindung, und die Wirkung davon ward sichtbar in seiner ganzen Erscheinung. Man weiß, daß George Sand -- eine Schriftstellerin, der ich gern das heutzutage so sehr mißbrauchte Wort »genial« zuerkenne, ohne darum alles in ihren Werken für wahr und schön zu halten -- Personen in relativer Häßlichkeit auftreten und nach und nach schön, ja unwiderstehlich anziehend werden läßt. Sie kann sich damit auf die Wirklichkeit berufen. Es giebt Gesichter, an denen sich gar manches aussetzen läßt, sofern man sie nach einem Ideal der Formvollendung beurtheilt. Wenn aber die Seele sich entfaltet, wenn das Licht der Liebe, der Güte, des Glücks es durchleuchtet, dann ist ein solches Gesicht nicht nur charaktervoll, sondern schön; die Seele herrscht in ihm und schmelzt in allbelebender Strömung die Theile zum harmonischen Ganzen; die Schönheit der Seele triumphirt über die Form und macht diese zur Trägerin und Verkünderin ihres Glanzes; ihre Flamme bricht durch und überstrahlt die Züge und tilgt alles Widerstrebende darin hinweg. Daß ein solches Gesicht hernach das bloß äußerlich schöne in Schatten stellt, daß eine geliebte Person, die für seine höhere Schönheit empfänglich ist, sich davon entzückt, hingerissen fühlt, das ist durchaus natürlich -- der natürliche Sieg des Innern über das Aeußere, des Geistes über den Stoff.

Wenn eine theilnehmende Freundin unsern Burschen heute gesehen hätte, so würde sie vielleicht gerufen haben: er sieht aus »wie verklärt;« denn dieses Wort ist unter dem Rieser Landvolk bekannt und wird ganz richtig angewendet. Und in der That, verklärt war das Gesicht des Guten, verklärt durch die Liebe, die der Gegenliebe sicher geworden, verklärt durch das Bewußtsein des Sieges, der zu der Liebe die Ehre gebracht hat. -- Es ist eben doch schön, wenn man nicht mehr ganz allein auf sich und seine Tugend angewiesen ist, wenn man der Welt nicht bloß zu verzeihen, sondern auch etwas zu danken hat, wenn die Kraft der Seele getragen wird von der Schwellung des Glücks, wenn zu dem Gefühl, den Sieg zu verdienen, die stolze Freude des wirklich errungenen Sieges kommt. Aus dem Gesicht des Liebenden sprach jetzt nicht allein das Glück und die Freude, sondern auch die Würde des Mannes, der sich endlich auf die Stelle erhoben sieht, nach der er getrachtet hat und die ihm gebührt.

Als der Wagen in das Dorf rollte, lag auf diesem eben das feierliche Schweigen des Sonntags: die Kirche hatte eben begonnen und die Gemeinde horchte dem Worte des Geistlichen. Hans fuhr in's Wirthshaus, versorgte mit dem anwesenden Knecht das Roß und ging dann im Hof umher. Die Glocke, die beim Vaterunser geläutet zu werden pflegt, verkündigte das baldige Ende des Gottesdienstes, Hans erwartete es, sah die Leute des Hauses und der Nachbarschaft von der Kirche heimkehren, und machte sich endlich selber auf den Weg, mit Herzklopfen zwar, aber mit dem überherrschten eines Mannes, der mit tiefer Zuversicht dem Erfolg entgegengeht. Er hatte sich vorgenommen, bei der Geliebten sich nicht ohne weiteres auf die Erzählung der Verwandten zu berufen, er wollte so ruhig, als es ihm möglich war, als Besuch auftreten, zuerst von andern Dingen reden und selber hören und sehen.

Als er in den Hof trat, sah er das »Mädle«, d. h. die zweite Magd der Bauers. Er fragte nach Christine, indem er hinzufügte, er sei ein Verwandter und hätte mit ihr zu reden. Die Gefragte erwiederte, die Magd sei im Garten, und wies ihm den Eingang. Hans trat hinein und sah Christine von weitem Gemüse abschneiden, das ihr die Bäuerin zu bringen aufgetragen hatte. Sie war in der Kirche gewesen, hatte aber an dem warmen Tage den Kittel ausgezogen und bückte sich zu Boden in blanken Hemdärmeln, die indeß nur den Oberarm bedeckten. Als sie jemand gehen hörte, schaute sie auf. Sie erkannte den Vetter und sah erröthend vor sich hin.

Hans trat näher und sagte treuherzig: »Guten Tag, Christine!« -- Die Gegrüßte dankte und erwiederte mit erkenntlichem Blick: »Du kommst herauf? Das hätt' ich wahrlich nicht erwartet!« -- »Nun,« sagte Hans, »ich muß doch auch einmal sehen, wie's dir geht.« -- Die Brust des Mädchens hob sich und ein leichter Strahl der Freude ging über ihre Züge. Sie versetzte: »Gottlob, mir geht's gut, ich bin gesund und zufrieden.« Und in der That, so sah sie aus. Hatten Sonnenschein und Regen in Frühling und Sommer sie erfrischt und gestärkt, so war sie in den letzten, weniger »unmüßigen« Wochen schon wieder auch etwas runder geworden und ihre ganze Erscheinung hatte den Charakter einer größeren sinnlichen Ruhe erhalten. Hans lächelte. »Das freut mich,« erwiederte er. »Du scheinst den Holzbauern nicht so schlimm zu finden, wie deine Vorgängerinnen?« -- »Er ist auch nicht so schlimm,« versicherte Christine. »Hitzig ist er freilich, und wenn er in seinen Zorn kommt, weiß er nicht mehr, was er sagt; aber im Grund seines Herzens ist er ein ehrlicher Mann und meint's besser als so ein glatter, süßer Schwätzer. Seit dem letzten Sturm im Heuet« -- setzte sie lächelnd hinzu -- »kommen wir ganz gut mit einander aus. Ich paß' aber auch besser auf.« Nach einem Moment des Schweigens ernster geworden, sagte sie: »Was macht denn aber meine Mutter? Ist sie doch wohlauf?« -- »Ja wohl,« versetzte Hans, »und auch zufrieden -- bis auf die Gedanken, von denen sie zeitweis geplagt wird. Sie kann sich immer noch nicht drein finden, daß ihre Christine, ihre einzige Tochter bei einem andern dienen soll.« -- »O,« rief das Mädchen, »daran wird sie sich eben doch gewöhnen müssen! Mir gefällt das Dienen, und ich bin lange nicht so vergnügt gewesen, wie jetzt.« -- Der Bursche betrachtete sie mit innigem Wohlgefallen. »Ja,« sagte er, »du bist auch wieder eine ganze Magd geworden.« Und mit gutmüthigem Stolz setzte er hinzu: »Das Bauernhandwerk ist halt doch das schönste und gesündeste, und über den Bauernstand geht nichts in der Welt!« »Das ist wahr,« erwiederte Christine, durch seine Anerkennung geschmeichelt und erfreut. »Drum will ich auch fortarbeiten, weil ich seh', daß ich's doch nicht ganz vergessen hab', und dazu lernen, was ich noch nicht versteh', und das kann ich am besten auf so einem großen Hof wie hier. Sag' das meiner Mutter, sag' ihr nur, ich bin gern eine Bauernmagd und hoff's noch lange zu bleiben.«

Um den Mund des Burschen spielte ein fast unmerkliches schelmisches Lächeln. »Nun,« erwiederte er endlich, »auf einem Bauernhof kann man auch etwas anderes sein als Magd. Du bist keine Magd, wie die erste beste, du bist das einzige Kind deiner Mutter, und wenn das der Rechte erfährt und wenn er sieht wie du schaffen kannst in einem großen Werk, dann könnten wir auf einmal hören, daß die Magd eine Bäuerin geworden ist.« -- Christine, des an sie ergangenen Antrages gedenkend, wechselte die Farbe und sah den Vetter scharf an; aber dieser hielt aus und verrieth seine Kenntniß der Sache mit keinem Zug. Das Mädchen entgegnete mit Ernst: »Ich trachte nicht so hoch hinaus; ich begnüge mich mit dem, was ich bin, und bleib' im ledigen Stand.« Eine sanfte Heiterkeit verbreitete sich über ihr Gesicht mit einem Hauch von Trauer gemischt, der sich indeß im Ausdruck wahrer Theilnahme verlor. Sie sagte: »Aber von dir hört man jetzt, daß du an's Heirathen denkst. Nun, wundern wird sich niemand darüber. Du weißt ja, wie oft ich dir selbst früher zugeredet hab'.« Und plötzlich erröthend rief sie: »Am End hast du schon eine? und willst mich zur Hochzeitmagd?« -- »Eins ist wahr,« erwiederte Hans, »heirathen will ich.«

Das Mädchen erschrak bei diesen Worten, ihr Gesicht wurde blaß und im Augenblick darauf purpurroth. Aber nun war es zu Ende mit der Zurückhaltung des Burschen. Wie er die Zeichen der Liebe an dem Mädchen erblickte, die er sich erkoren hatte, als sie fast noch im Kindesalter stand, wie er das Bild, das ihn im Spiegel der Seele entzückt hatte, mit Augen schaute, da schlug die Flamme seiner Leidenschaft durch, und mit jenem Blick unendlicher Liebe, den er früher nur verstohlen auf sie zu richten gewagt hatte, sah er ihr muthig und gerade in die Augen. Und sie verstand ihn -- mit der Schnelle des Blitzes erleuchtete sie die Erkenntniß, daß er alles wisse, und erschüttert und beseligt stand sie vor ihm. Hans ergriff ihre Hand und sagte im herzlichsten Ton: »Ja, Christine, heirathen will ich: aber ich brauch' keine Hochzeitsmagd, sondern eine Hochzeiterin!« Und als sie bei diesen Worten zuckte, als ob sie sich ihm entziehen wollte, rief er: »Laß mir die Hand! -- Die Base hat mir alles gesagt. Ich bin heraufgekommen, um dich zu fragen, ob du mein Weib werden willst -- und nun red' und sag' es!«

Das Herz des Mädchens drehte sich im Busen um vor Wonne; aber noch wagte sie nicht, das ihr vom Himmel gefallene allzugroße Glück anzunehmen und sie rief: »Wie! -- mich, die so gegen dich gehandelt hat -- mich willst du zum Weib?« -- »Still!« entgegnete Hans mit einer Bewegung, als ob er ihr den Mund zuhalten wollte; »das ist vorbei und vergessen, und nun thu' dir nicht selber Unrecht. Ich kenne kein Mädchen in der ganzen Welt, die ich für besser und für rechtschaffener halte und die ich höher schätze, als dich.« -- Nach dieser Ehrenerklärung, welche die Liebeserklärung diesmal ergänzte und sanctionirte, sah das Mädchen mit dem rührendsten Blick der Liebe und des Dankes auf ihn. »Ja,« rief sie mit Thränen in den Augen, »du bist eben immer der beste der Menschen! Wie viel hab' ich erfahren, wie viel hab' ich leiden müssen, um das einzusehen.« Und während die Thränen über ihre Wangen rollten, vergaß sie alles und fiel im Drang ihres Herzens dem Guten und Treuen um den Hals und küßte ihn und weinte an seinem Gesicht.

Sie hatten Glück, die Glücklichen. Kein Wesen sah diesen Vorgang, der am hellen Tag und unter freiem Himmel auf dem Dorf höchst ungewöhnlich ist, ein einziges paar Schwalben ausgenommen, die auf dem Stadeldache saßen und die Flügel streckend neugierig herunterzulugen schienen.

Aber nicht lange mehr sollten sie ungestört bleiben. Indem der Erschütterung auf beiden Gesichtern innige Heiterkeit folgte und das Mädchen ihre Thränen mit der Sonntagsschürze trocknete, vernahmen sie von der Gartenthür her plötzlich den Ruf: »Aber was Kreuzblitz ist denn das?« -- Sie sahen hin, in höchst eigener Person und in voller Autorität des Richters kam der Holzbauer auf sie zu. »So?« rief er zu Christine, »die Bäuerin wartet auf dich und du unterhältst dich mit einem -- wer ist der Bursch da?« -- Hans trat mit festem Schritt vor den Gefürchteten hin und sagte: »Mein Nam' ist Hans Burger.« -- Der Bauer betrachtete ihn und rief sich erinnernd: »Ah so, du bist ~der~!« -- »Ja,« sagte Hans, »und die Christine hier ist mein Bäschen, und seit einigen Minuten -- meine Hochzeiterin.«

Der Holzbauer stand überrascht und sah ihn groß an. Er war zu gescheidt, um nicht einzusehen, daß seine Autorität jetzt ein Ende hatte; so schnell indeß konnte er das nicht einräumen. »Das Donnerwetter,« polterte er mit einer eigenen Mischung von wirklichem Unwillen und gespieltem Zorn, »was ist denn aber das für eine Art? Du kommst so mir nichts dir nichts her zu mir und heirathest mir meine Magd weg? Da soll ja doch gleich« -- Hans, von diesem Spaß des Holzbauern ergötzt, entgegnete: »Ja, da kann ich nicht helfen, das Heirathen geht Allem vor.« -- »Hol's der Teufel!« brummte der Bauer. »Die bösen Weibsbilder laufen einem weg, und hat man eine, die ein wenig ordentlich wäre, dann kommt so ein verfluchter Kerl und nimmt sie einem zum Weib! -- Nun,« setzte er mit einem satyrischen Blick hinzu, »und du willst's also wirklich riskiren? -- mit der Feinen?« -- »Ja, Holzbauer,« versetzte Hans mit der Laune des Glücklichen. »Nachdem sie ein halbes Jahr bei Euch gedient hat, mein' ich, kann ich's riskiren.« -- Der Bauer, der heute einen Sonntagshumor hatte und von Natur Spaß verstand, lachte. »Ja, ja,« sagte er dann, »hast auch Recht -- jetzt kannst du's. Ich hab' sie dir gezogen und du kannst dich bei mir bedanken.« -- Indem er seine Zornanfälle auf diese Art sich als Tugend anrechnete, konnten die beiden Liebenden nur mit Mühe den Ausdruck ihres Vergnügens zurückhalten. Hans nahm sich indessen zusammen und sagte: »Ich dank' Euch auch, Holzbauer, von Herzen.« -- »Und ich desgleichen,« setzte Christine hinzu, »bei Euch hab' ich grade gelernt, was mir fehlte, und ohne Euch wär' ich meiner Lebtag nicht glücklich geworden.«

Der Holzbauer, wie alle Großen, war darum, weil er Schmeichelworte als etwas ihm Zukommendes betrachtete, für ihre Süßigkeit keineswegs unempfindlich. »Freut mich,« erwiederte er, »daß ihr das einseht.« Und in dem Gefühl seiner unleugbaren Güte setzte er hinzu: »Da sagt man immer, ich sei bös und schimpfe die Leute. Dummköpfe, Ochsen, alberne Weibsbilder sind's, die so was sagen. Ich schimpfen! Einfältiges Lumpenpack verfluchtes! -- Ich verlang' was recht ist, und wenn etwas Dummes geschieht, laß' ich's nicht durchgehen; und so muß man's auch machen, sonst wird nie etwas aus den Leuten. Da hat man nun das Beispiel! -- Und's freut mich doch, daß ihr das einseht und daß man auch einmal seinen Dank bekommt in der Welt.« Im vollen Genusse des Selbstgefühls hielt er ein bischen inne, ließ seinen Blick auf dem Mädchen ruhen und sagte dann zu Hans: »Noch ein Jährle, wenn ich sie hätt' -- dann solltest du sehen!« -- »Nein, nein,« versetzte Hans lachend, »man muß nicht zu viel verlangen. Von jetzt an will ich sie schon selber ziehen.« -- Der Bauer sah ihn an, wie etwa ein Kaiser einen jungen Grafen ansieht, der sich auch fühlen zu können glaubt. Durch seinen guten Leumund, der auch zu ihm gedrungen war, schon für ihn eingenommen, fühlte er sich von seinem Wesen angesprochen und sagte daher mit der Miene huldvoller Approbation: »Nun, die Postur hast du dazu.« -- Hans bemerkte: »Vor der Hand, nämlich bis wir uns zusammengeben lassen, bleibt die Christine ohnehin noch bei euch, wenn Ihr nichts dagegen habt. Heute freilich möcht ich bitten, daß Ihr sie mit mir zu ihrer Mutter fahren lasset.« -- »Alles was Recht ist,« versetzte der Bauer mit Würde. Und mit der Freundlichkeit, deren sein Gesicht überhaupt fähig war, fügte er hinzu: »Seid vergnügt mit einander und macht bald Hochzeit und ladet mich auch darauf. Ich komm', ich versprech's euch, und wär's nur, um die dummen Weiber zu ärgern. Dann sollen sie mir nochmal sagen, keine Magd könnt's aushalten bei mir und jede käm' in Unfrieden von mir weg! -- Aber Sapperment!« rief er, sich plötzlich unterbrechend, »jetzt müssen wir in die Küche!« Und zu Christine gewandt, setzte er hinzu: »Klaub das Zeug da zusammen und schneid' noch ein wenig ab. Ich will indeß zur Bäuerin gehen und dich entschuldigen; denn die könnt' am End' nicht so Spaß verstehen wie ich!« Und in einer Laune, wie man ihn seit langer Zeit nicht gesehen, schritt er hinweg.

Als das Mädchen zur Bäuerin kam, erhielt sie für die Scheltworte, die sie sonst zu erwarten hatte, einen freundlichen Glückwunsch.

Eine halbe Stunde später trat unser Paar in die Stube der Hubel, die natürlich augenblicklich wußte, woran sie war. Christine rief: »Ihr habt nicht Wort gehalten -- Ihr habt mich verrathen!« -- »Sei still, du dummes Ding,« entgegnete die Base. »Wo wärt Ihr jetzt, wenn ich das Maul nicht aufgethan hätt'?« -- »Ihr habt Recht gehabt,« erwiederte die Glückliche und drückte ihr die Hand. Hans sah die Base heiter an und sagte dankbar: »Mir habt Ihr Wort gehalten.« -- Die Hubel versetzte würdig: »Wo ich reden muß, da red' ich, und wo das Schweigen nothwendig ist, da kann ich auch schweigen.«

Man giebt mir zu, daß ich im Verlauf dieser Erzählung den Leser nicht mit der bekannten Versicherung behelligt habe, dieses oder jenes könne nicht geschildert werden, der Autor müsse die Ohnmacht der Darstellung bekennen, müsse es der Einbildungskraft der Leser überlassen, sich die Dinge auszumalen u. s. w. Eigentlich ist ja doch alles zu schildern, was lebt und sich offenbart und angeschaut werden kann, und jene Versicherung bedeutet darum auch in der Regel nur so viel als: ich bin nicht im Stande meine Schuldigkeit zu thun. -- Zuweilen dürfte der Autor aber doch befugt sein, an die Phantasie des Lesers zu appelliren -- der Kürze halber. Ich möchte darum jetzt die Freunde unseres Paares ersuchen, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen sie, nachdem sie im Wirthshaus die von Hans bestellte Mahlzeit eingenommen hatten, auf dem Wägelchen der Heimath zufuhren. -- Es giebt Momente, wo sich eine solche Fülle von Glück zusammendrängt, daß wir ein ganzes Leben voll Schmerzen dadurch aufgewogen sehen, Momente, wo in überschwänglicher Liebe zu Gott und zu der Welt der letzte Hauch von Leid, der letzte Hauch von Schuld hinweggetilgt, in Seligkeit verschlungen ist.

Im Schwunge der Freude geberdet sich der natürliche Mensch frisch und lustig. In's Dorf einlenkend knallte unser zum Hochzeiter gediehene Freund, daß es eine Art hatte, und ließ das wohlgefütterte Roß traben, daß die Leute ihnen nur nachsehen und ein paar am Wege stehende Freunde nur die einfachsten Laute des Staunens ausrufen konnten. -- Der Gute eilte der Mutter zu, die trotz alledem und alledem nun auch wieder einmal eine Freude haben sollte.

Als er am Fenster des Hauses vorbei fuhr, erkannte die Glauning nur ihn, der Kopf der Christine war verdeckt. Der Wagen rollte in den Hof. »Da haben wir's!« rief die Wittwe, in's Herz getroffen; »nun bringt er sie mir gar in's Haus.« Allein es galt ihre Ehre, sie drückte die Betrübniß in's Innerste ihres Herzens zurück und hatte eine würdig freundliche Miene zu Stande gebracht, als sie zur Begrüßung heraustrat. »Da ist nun die Hochzeiterin,« rief Hans, »das heißt, wenn Ihr nichts dagegen habt!« Die Mutter, Christine erkennend, stieß einen Schrei aus und fing das vom Wagen steigende Kind in ihren Armen auf. »Gott sei Dank!« rief sie, und Thränen der Freude stürzten aus ihren Augen.

Bei dem besten Kaffee, den man jemals in diesem Hause trank, wurde die Mutter in das Geheimniß der letzten Vorgänge eingeweiht. Wenn ein moralisch ästhetischer Knauser vielleicht denken sollte, die Wittwe hätte das Glück, solche Kinder zu besitzen, eigentlich nicht verdient, so beschämen wir ihn mit der Thatsache, daß sie bei Erwähnung der abschlägigen Antwort, die Christine dem reichen Bauernsohn gegeben, nur ein Augenblickchen eine curiose Empfindung hatte, sich aber durchaus nichts ansehen ließ und aufrichtigst ihren Dank gegen Gott wiederholte für den glücklichen Ausgang, und den Kindern gerührt ihren Segen gab.

Im Dorfe freilich wurde über Hans zunächst gar manches Näschen und manches Mäulchen gerümpft, wovon eigentlich nicht jedes die zierliche Benennung verdiente. In Kurzem war aber auch hier von dem wahren Sachverhalt Einiges durchgesickert, wir wollen ununtersucht lassen, durch wessen Vermittlung. Ein Name zwar wurde nicht genannt, bald aber sagte eines dem andern: die Christine hätte gar einen Reichen und Großen haben können, wenn sie gewollt hätte, aber sie hat ihn ausgeschlagen, weil ihr der Hans lieber ist als Alle. Man begriff endlich das Paar, und an die Stelle der Kritik, die nicht mehr sachgemäß war, trat allgemein freundliche und achtungsvolle Theilnahme.

Hans hatte die Braut an jenem Sonntag wieder zum Holzbauern zurückgeführt. Hier, wo sie nun mit auffallender Rücksicht behandelt wurde, schrieb sie an die gute Base Kahl und meldete ihr Glück und den wunderbaren Weg dazu, und ließ an alle ihre Bekannten in der Stadt, an den Herrn Vetter, an Mamsell Adelheid und Susanne die schönsten Grüße ausrichten. Nach einer Woche lief die Antwort ein. Die Schreiberin freute sich unendlich, daß ihre Prophezeihung so schnell eingetroffen sei, und konnte die Theilnahme der Bekannten nicht warm und lebhaft genug schildern; ihr sei's gewesen, als ob eine Tochter, der Adelheid und Susanne, als ob eine Schwester das Glück gehabt hätte. Jetzt könne sie übrigens ihrem lieben Bäschen auch melden, was sie bisher sich nicht zu schreiben getraut, daß Herr Forstner schon seit drei Wochen mit der Wilhelmine verheirathet sei. Diesen könne sie aber, nach Allem was sie höre, keinen glücklichen Ehestand prophezeihen. Die Wilhelmine habe ihren jetzigen Mann schon ganz unter dem Pantoffel; außerdem sei sie eifersüchtig und hüte ihn wie ein Drache. Wenn das schon in der ersten Zeit geschehe, was würde der Mann erst später zu erdulden haben! Im Uebrigen müsse sie sagen, was wahr sei: vorgestern habe in der »Erheiterung« ein Concert stattgefunden und Herr Forstner habe auf der Violine gespielt, daß Alles Bravo gerufen und Beifall geklatscht habe.

Bei dem letzten Satz lächelte Christine; es schien, als ob sie sich nicht unglücklich fühle, daß ihr künftiger Mann dieser Qualität entbehrte. Die Vorhersagung eines unglücklichen Ehestandes anlangend, dachte sie: die Base wird wohl übertrieben haben und meint mir vielleicht einen Gefallen damit zu thun; aber da kennt sie mich schlecht. Ich habe nicht das Geringste gegen diese Leute und gönne ihnen von Herzen alles Glück, das sie sich verschaffen können.

Aus der Zeit ihres Dienstes beim Holzbauer haben wir nur noch weniges zu berichten. Eines Abends, als sie eben vom Felde heimging, begegnete ihr vor dem Dorf jener Alte, der ihr die ehrenvolle Stelle einer Söhnerin zugedacht hatte. Dem Mädchen klopfte das Herz in Dank und Achtung, und als sie ihm nahe kam, grüßte sie ihn mit einem Blick der liebevollsten Erkenntlichkeit und -- Abbitte. Der Bauer lächelte und sagte, indem er ihr freundlich wie einem Kinde zunickte: »Ich gratulire, Christine!« Das vollendet heitere Aussehen des Alten hatte, wie wir gestehen wollen, noch einen andern Grund als seine Gutmüthigkeit. Christine war ersetzt. Der Hubel, der ihre Niederlage gegenüber den guten Leuten keine Ruhe gelassen, war eine große That gelungen; sie hatte für den Sohn eine ausgemittelt, ihm an Stand und Vermögen völlig gleich und in jeder Hinsicht wundersam passend für ihn, und die Unterhandlungen waren bereits dahin gediehen, daß der Heirathstag in naher Aussicht stand. Christine erfuhr es etliche Tage später, und diese Ausgleichung trug dazu bei, ihr die letzte Zeit bei dem Holzbauern zu der angenehmsten zu machen.

Im Oktober lud Hans mit seinem Bruder, dem Schmied, und mit dem jetzigen Dorflehrer Freunde und Bekannte im Ries herum zu seiner Hochzeit ein. Er lernte den letzteren, den die Vereinigung der Seminarbildung mit einem wackern, schlichten, zufriedenen Sinn für eine Schulstelle auf dem Lande ganz besonders qualificirte, bei dieser Gelegenheit näher kennen und freute sich, an ihm künftig einen guten Freund zu haben und an der braven, muntern Frau desselben eine richtige, nützliche Bekanntschaft für Christine.

Mit der Erwähnung der feierlichen Einladung haben wir schon gesagt, daß die Hochzeit im Wirthshause gehalten wurde. So hatte es Hans gewollt. Alle Welt sollte die Christine sehen im bräutlichen »Horbet,« dem jungfräulichen Kopfputz: alle Welt sollte ihn an ihrer Seite erblicken, stolz und glücklich. -- Es war eine große Hochzeit für ein solches Brautpaar, die meisten Geladenen, die zugesagt hatten, waren auch gekommen, und richtig befand sich unter ihnen auch der Holzbauer. Derselbe trank sich nach und nach in eine ausnehmend gute Laune hinein, die sich übrigens, bei gelegentlich an ihn gerichteten Fragen, mehr in ergötzlichen als höflichen Antworten kundgab. Nachdem er einige wirksame Trümpfe ausgespielt und namentlich auch seine Güte und Verträglichkeit in so kräftigen Ausdrücken vertheidigt hatte, daß ihm niemand zu widersprechen wagte, schöpfte die glückliche Christine aus seinem vergnügten Aussehen den Muth, einem neckischen Verlangen nachzugeben und den Wunsch laut werden zu lassen, er möchte doch auch ein paar Reihen mit ihr tanzen. Der Hochzeiterin dies abzuschlagen, ging nicht wohl an, und außerdem konnte er durch Erfüllung des Wunsches am besten beweisen, wie gut man es bei ihm habe und wie vortrefflich sie mit einander ausgekommen seien. Deshalb unterdrückte er die bereits auf seiner Zunge befindliche Frage: ob sie toll geworden sei? führte sie unter allgemeiner Aufmerksamkeit auf den Tanzboden und drehte sich so stattlich herum, als es seine Leibesbeschaffenheit irgend zuließ. Nach den schicklichen drei Reihen wollte er aufhören; Christine, der es Vergnügen machte, den »Wilden« so zahm an der Hand zu haben, bat ihn noch um einen. Aber nun war seine Geduld zu Ende. »Geh zum -- es geht nicht, Mädle! -- Jungfer Braut, wollt' ich sagen!« -- Hans, der heiter zugeschaut hatte, nahm ihm die Tänzerin ab, und statt ihrer trat die Mutter zu ihm und rühmte ihn, wie »feindle« (feindlich) schön er's noch könne und was für eine »grausame Ehr'« er ihnen angethan habe, daß er auf die Hochzeit gekommen sei. Zufrieden setzte er sich zur Kanne, und während er auf den Tanzlorbeeren ruhte, sammelte er sich neue als Zecher und Redner.

Das Fest ging seinen fröhlichen Gang, der Abend kam heran. Die Ehrentänze, die bei solchen Gelegenheiten für das Brautpaar eine Pflicht der Höflichkeit werden können, waren getanzt, der Hochzeiter und die Hochzeiterin setzten sich an den »Bräuteltisch,« an welchem sich dermalen nur die Mutter befand. Die Gäste waren zum größten Theil auf dem Tanzboden, wo der junge, lustige Hochzeitknecht berufsmäßig eine nach der andern in den Reihen geführt hatte und sich eben nach geheim erhaltenem Auftrag mit der Base Hubel herumdrehte, zum Lohn für ihre Verdienste. In der Stube waren nur zwei entferntere Tische mit Zechenden besetzt, die in lebhaften Diskurs gerathen waren und nur Aug' und Ohr für sich selber hatten. Gewissermaßen allein gelassen und von der Festesfreude schon etwas ermüdet, saßen unsere drei Personen stille da und gaben sich ihren Gedanken hin. Die Musik draußen störte sie nicht, die bekannten Töne klangen freundlich in ihre Vorstellungen ein. Das Vergnügen, das Nachmittags hell auf ihren Gesichtern geleuchtet hatte, nahm nach und nach einen ernsteren Charakter an und ihre Mienen wurden feierlich, fast so wie sie in der Kirche gewesen. -- Die Mutter sah zuerst aus ihren Träumen empor; sie ließ ihren Blick liebevoll auf den Beiden ruhen, die so ganz und gar zusammengehörig ihr gegenüber saßen, und sagte dann bedeutsam: »Wie lang hat's dazu gebraucht! Es ist doch wahrlich gerade, als ob's früher nicht hätte sein sollen!« -- Hans erwiederte auf diesen unwillkürlichen Ausruf in dem milden Tone, wie er tieferen Menschen in ernster Empfindung eigen ist: »Es hat auch wirklich nicht sein sollen, Schwieger! In der Welt ist's nicht jedesmal gut, wenn man ohne weiteres bekommt, was man gern möchte: man muß zum rechten Glück erst fertig gemacht werden. Ich hab' die Christine besser bekommen, als es früher möglich gewesen ist, und sie mich. Glücklich wären wir auch früher mit einander geworden, aber wir hätten nicht gewußt, was wir aneinander haben, und jetzt wissen wir's.« Christine sah ihn bei diesen Worten mit feucht glänzenden Augen an und drückte ihm zärtlich die Hand.

Fußnoten:

[1] No, nocht, nochta = nachher, dann.

[2] Ursprünglich Heiligenbilder, dann Bilder überhaupt bis zum farbigen Papier herab.

Ende gut, Alles gut.

Der Michel und die Gret.

Wenn der Rieser nicht gerade zu der größten und stärksten Menschenart im deutschen Vaterlande gehört, so wird man ihm das Prädikat »wohlgewachsen« nicht versagen können. Begreiflicherweise gibt es in dem volkreichen Gau allerhand, kleine und große, »wie's der Hirt zum Thor naustreibt«; in der Regel begegnen wir aber doch schlanken Personen von guter Mittelgröße und darüber. Enakssöhne -- Bursche, die eine Verbindung von Größe, Schulterbreite und Gliederstärke zeigen, die wir mit Staunen betrachten -- sind selten und kommen in andern deutschen Gauen häufiger vor; zuweilen gelingt aber auch im Ries ein solches Erzeugniß, und es wächst, sofern der Geist mit dem Körper nicht geradezu in Widerspruch steht, eine Person heran, die sich in ihrer Umgebung eines besondern Respekts zu erfreuen hat. Wenn so einer freilich keinen Verstand, keine Würde und am Ende gar auch keine »Schneid« hat, dann hilft ihm sein Körperbau nichts; man belegt ihn mit den despectirlichen Namen eines »Drieschlags,« eines »unklamperen Kerls,« verspottet und hänselt ihn. Sind ihm aber jene Eigenschaften, namentlich die letzte, in merklichem Grade verliehen, dann ist er in seiner Art eine Macht; man fürchtet ihn und schmeichelt ihm.

Zu den leiblich außerordentlichen Erscheinungen im Ries gehörte auch der Held der Erzählung, womit wir dießmal die Leser zu unterhalten gedenken. Wir sagen mit Bedacht: der Held. Denn obwohl unsre Geschichte keineswegs eine Reihe von Thaten vorführen wird, bei welchen die Stärke des Armes die Hauptrolle spielt, so hoffen wir jene, für einen Bauernburschen sonst nicht wohl passende Bezeichnung doch zu rechtfertigen.

Michel Schwab wurde im ersten Zehntel unsres Jahrhunderts geboren. Der Vater, ein wohlhabender Söldner und auch schon ein ungewöhnlich großer und gliederstarker Mann, erlag einer hitzigen Krankheit in seinen besten Jahren. Die Wittwe, die gut mit ihm gehaust hatte und den zehnjährigen Sohn über alles liebte, beschloß nicht mehr zu heirathen, damit ihr Einziger das ganze »Sach« bekäme, wie es der Vater gehabt hatte. Sie war selbst eine stattliche Frau, froher Gemüthsart und regierte gern -- ein Grund mehr, um als ehrsame Wittib fortzuleben und die erste Person im Hause zu spielen, bis sie die Herrschaft an den Sohn abtreten mußte.

Michel wuchs heran -- die Augenweide und der Stolz der Mutter. In der Schule zeichnete er sich nicht besonders aus; sein Verstand war etwas langsam zum Begreifen, sein Gedächtniß zum Behalten von Sachen, deren Nutzen ihm zweifelhaft erschien, nicht sehr bereitwillig, und Ehrgeiz, der ihn hätte stacheln können, besaß er nicht. Er lernte nur, was nicht zu umgehen war, ging lieber auf's Feld als in die Schulstube, und empfand eine dunkle Sehnsucht nach der Zeit, wo er gar nicht mehr hineinmußte, außer an Sonntagen. Um so besser gedieh sein Körper. Er war offenbar der stärkste von den Buben seines Alters; die Mutter hielt ihn überdieß für den schönsten und war nach dörflichen Begriffen wohl dazu berechtigt. Auf dem Dorf ist es vorzugsweise die derbe, robuste Schönheit, die eine ungemischte Bewunderung erweckt. Der Bauer hat auch ein Auge für zarte, feine Schönheit; aber wenn ein Kind mit einer solchen von ihm Lob erhält, so wird doch aus seinem Ton zugleich ein gewisses Mitleid herauszuhören sein, zumal wenn es ein Bube ist. Kennt er die Eltern gut, so erlaubt er sich in diesem Fall hinzuzusetzen: »a bisle kräftenger könnt' 'r freile sei'! No, 's kommt vielleicht no' (noch)!« Im Stillen denkt er aber: »Schad für des Büeble, daß er gar so elend ist!« Bei dem hübschen Jungen dagegen, der zugleich rothe Backen und tüchtige Gliedmaßen aufweist, geht die Gratulation durchaus von Herzen und das Lob wird mit den Zeichen der Achtung ausgesprochen. »Kott's Blitz,« ruft hier der Freund, während seine Augen im Glanze des Wohlgefallens blinken, -- »des ist a Kerl! Des gibt a Mannsbild! Des weara't a' baar (paar) Aerm' zum Garba' naufgeba'!« Und er lächelt dabei mit Würde und nickt den Eltern seine volle Anerkennung zu.

In solcher Art wurde der junge Michel gerühmt, namentlich von Gästen aus andern Dörfern, die ihn längere Zeit nicht gesehen hatten, und am lebhaftesten von Weibern. So eine sagte wohl im Doppeleifer der Höflichkeit und der wirklichen Empfindung zu der Mutter: »Aber wie uir (euer) Michel widder g'wachsa'n ist! Doh muße me nor so aufwondera' (aufwundern)! Und a Boschdur (Positur) und a G'sicht hot er grad wie sei' Vader! Wie ra'grissa' (herabgerissen, d. h. vom Vater)! Und die roth' Backa', die er hot! Und die schöa' brau' Oga'! Doh müsset 'r aber doch a rechta' Fräd (Freud) haba' mit so'm Buaba' -- net wohr, Bas?« -- u. s. w. -- Die Mutter suchte derartiges Lob, wie es der Brauch verlangte, wieder zu dämpfen, indem sie einwarf, daß in dem Alter alle Buben rothe Backen hätten, wenn ihnen grad nichts abginge, oder in Bezug auf besseres Lernen in der Schule und Angewöhnung besserer Manieren klagend ihre Wünsche aussprach. Aber solche Einwendungen erfuhren natürlich die gehörige Widerlegung; und wer konnte es der Glücklichen nun verdenken, wenn sie, den schönen Versicherungen in ihrem Innern beistimmend, an ihrem Michel eine Art Wunderkind zu haben glaubte?

Als das ersehnte Ziel erreicht und der Bursche »in die Zahl der Erwachsenen aufgenommen war,« entwickelte er sich indeß mehr nach seinen natürlichen Anlagen, als nach den Gesamtwünschen der Mutter; und die gute Frau mußte ihrerseits erfahren, daß es nichts Vollkommenes gebe unterm Monde!

Zum Theil zwar erfüllte der junge Michel nicht nur ihre Erwartungen -- er übertraf sie. Er wurde größer als sein Vater und ragte bald ein andrer Saul über seine Altersgenossen hervor. Gestalteten sich die Züge verhältnißmäßig derb, so waren sie doch regelmäßig. Die bräunlich rothe Gesichtsfarbe paßte zu den Formen, die dunkeln Augen und das dunkle Haar waren untadelich, und mit alledem konnte ihn die Mutter immer noch für den Schönsten im Dorf halten, wenn auch minder befangne Augen einigen andern Burschen den Vorzug geben mußten.

Das Bauernhandwerk lernte er gern und gut. Die Mutter hatte zur Besorgung der Feldarbeiten ihres Vaters Bruder, einen alten Bauernknecht, ins Haus genommen. Dieser weihte den Burschen nach und nach in alle Künste der Landwirthschaft ein, und der Zögling machte sie sich ein wenig langsam, aber gründlich zu eigen. Er gewöhnte sich eine stetige Art zu schaffen an, die ohne Uebereilung auch zum Ziele kommt. Falls es aber gerade sein mußte -- z. B. in der Erntezeit, wenn man vor dem drohenden Regen noch schnell ein Fuder hereinbringen wollte -- da konnte er auch arbeiten »wie ein Roß!« Durch den trunkenen Eifer beflügelt, den im ächten Landmann die Nothwendigkeit aufzuregen pflegt, leisteten die gewaltigen Gliedmaßen Staunenswerthes; und wenn zufällig ein alter Bauer vorüberging, konnte er sich überzeugen, daß die jetzige Zeit doch auch noch Mannsbilder aufzuweisen habe und die tüchtigen Leute im Ries nicht aussterben würden!

Unter den ledigen Burschen im Dorf erwarb sich Michel eine außergewöhnliche Stellung. Schon als Bube hatte er im »Moestern« (Meistern), d. h. im Ringkampf, nicht nur seine Mitschüler, sondern auch ältere Bursche bezwungen und die Kniffe, womit die Schlaueren über ihn Herr zu werden suchten, durch überlegene Kraft wett gemacht. Er hatte verschiedene unverschämte Kerle in die Grenzen des Anstandes zurückgeprügelt, und die Partei, die ihn bei Schläghändeln auf ihre Seite bekam, durfte sich für geborgen halten. Wie er als Lediger zuletzt »auf die Gass' ging,« glaubten ihn zwei ältere Bursche, die bis dahin für die Stärksten gegolten, »für'n Narren halten« und vornehm behandeln zu können. Das »Geträtze« reifte zu einem nächtlichen Kampf, und dieser verlieh jedem die Ueberzeugung, daß die Gefürchteten ihren Meister gefunden hatten. Michel, von einem Kameraden secundirt, schickte die Gegner jämmerlich zerdroschen heim! -- Von da an ließ man ihn nicht nur in Ruhe, sondern wich ihm bescheiden aus und behandelte ihn mit Rücksicht. Er kam nicht mehr in den Fall, die Stärke seines Armes geltend zu machen, außer wenn er sich bei einer entstandenen Prügelei bewogen sah, »auszuwehren,« d. i. thatsächlich Ruhe herzustellen. Die Veranlassung dazu bot sich ihm nicht oft, aber vor etwa dreißig Jahren doch öfter, als es jetzt sein könnte, wo der kriegerische Geist der Rieser Bauernburschen durch die fortschreitende Bildung und die Gendarmerie auffallend zurückgedrängt ist. Bei solchen Gelegenheiten pflegte Michel die Bursche, die sich ihm nicht fügten und immer wieder angriffen, mehr als just nöthig war zu puffen und dadurch den Glauben an seine Ueberlegenheit so aufzufrischen, daß zuletzt das ganze Dorf davon durchdrungen war.

In der angenehmen, behaglichen Stellung, die sich unser Mann erobert, bildete sich folgerichtig ein eigenthümlicher Geist in ihm aus. Obwohl von Natur nicht anmaßend, gewöhnte er sich doch einen kurzen, befehlenden Ton an, weil ihm nach seinem Gefühl kein anderer zustand. Er saß beim Bier unter seinen Kameraden in der Regel mit schweigsamer Würde, ließ sich unterhalten, belohnte den Spaß, der einem »Narra'sager« gelungen war, mit beifälligem Lachen, und spielte nur hie und da selbst einen Trumpf aus, der dann gerade nicht der feinste zu sein brauchte, um günstig aufgenommen zu werden. Wenn aber ein Streit entstand über Dinge, die er zu verstehen glaubte, so pflegte er zu entscheiden. Auch andern Disputen machte er zum öftern ein Ende, nicht durch ein siegreiches Argument, sondern durch die einfache, kräftig betonte Erklärung, daß man »d's Maul halten« solle! -- Er war kein Liebhaber von vielen Worten, unser Michel -- selbst nicht, wenn Andere sie machten; und wenn seiner Ansprüche im Umgang immer wenige blieben, so wollte er diese doch auch befriedigt sehen. Dank sei es dem Namen, den er sich erworben -- unter seinen Kameraden setzte er seine Wünsche durch!

Das wäre Alles gut und schön gewesen, und eine Mutter hätte Ursache gehabt, mit so einem Buben zufrieden zu sein; aber das Bild hatte seine Kehrseite. -- Michel nahm keine Manier an! Er konnte sich nicht abgeben mit Vettern und Basen, wie die Schwabin es wünschte -- er lernte keine Höflichkeit! -- Schon als kleiner Junge, wenn ihn die Mutter in die Stube rief, um ihn einem besonders werthen Besuch vorzustellen, pflegte er ein »wildes« Gesicht zu machen, auf die gewöhnlichen Fragen, halb verlegen, halb trotzig, kurze, zum Theil verkehrte Antworten hervorzustoßen und sobald als möglich das Weite zu suchen. Dem Knaben wurde das verziehen, weil man doch sah, daß er's eigentlich so bös nicht meinte, und auch die etwas beschämte Wittwe konnte über irgend eine komisch-alberne Antwort achselzuckend mitlächeln. Als er aber heranwuchs und seine Sache immer noch nicht besser machte, wurde sie höchst verdrießlich.

Der Bauer hat keine Zeit, die Unterhaltung als Kunst zu betreiben, und Gesellschaften im städtischen Sinn giebt es auf dem Dorfe nicht. Allein man empfängt doch Besuche und macht welche, es giebt fröhliche Zusammenkünfte, und dem jungen Burschen fehlt es keineswegs an Gelegenheit, sein Licht leuchten zu lassen, wenn er eines hat, oder sich wenigstens in herkömmlicher Weise schicklich zu benehmen. -- Bei Michel waren dem Erlernen auch solchen Benehmens zwei Eigenschaften hinderlich, die sich in ihrem Bunde unüberwindlich zeigten: Ehrlichkeit und -- Faulheit. Seiner geraden Seele widerstrebte es, Dinge zu bewundern, die er nicht besonders, ja nicht einmal gewöhnlich gut fand; und in den Eifer, wo einem derartige Versicherungen allenfalls vom Munde gehen, sich hineinzureden, war ihm unmöglich; denn dazu hätte es einer Anstrengung bedurft, die ihm schon beim bloßen Gedanken abschreckend vorkam! So blieb es in der Regel bei einem schweigsamen Gesicht -- einem »Hm,« »Ja,« »Jo« (ja doch), »Freile« und andern lakonischen Aeußerungen, womit sich Leute seines Gleichen aus der Affaire ziehen. Bei ungelegenen Fragen kam noch das im Ries sehr gebräuchliche »Bah« hinzu, das mit stark ablehnender, unter Umständen verächtlicher Miene hingeworfen wurde. Es war in der That unmöglich, in einer unvermeidlich gewordenen Unterhaltung sich kürzer auszudrücken als unser Michel, zum großen Leidwesen seiner Mutter, die ihn gern auch im Diskurs, wo nicht musterhaft, doch löblich gesehen hätte. Manchmal blieb es aber nicht dabei -- manchmal, wenn man seine Ehrlichkeit allzustark reizte, platzte er direkt mit der Wahrheit heraus und beging damit eine Unschicklichkeit, bei der es der Mutter grün und gelb vor den Augen wurde. Sie gab sich alle erdenkliche Mühe, die grobe Rede zu vertuschen; wenn es aber nicht gelang und die beleidigte Person sichtlich böse dastand, dann übernahm sie die Rache selber, indem sie den Schuldigen für einen einfältigen Schwätzer erklärte, der nichts verstehe und ein Esel bleiben werde »all sein Lebtag!«

In der ersten Zeit folgte solchen Unterhaltungen in der Regel ein Zwiegespräch, in welchem die Mutter dem Sohn in's Gewissen redete und ihn mit dem Nachdruck der gerechten Entrüstung über seine Mängel aufzuklären suchte. Als er sich einmal durch düstre Schweigsamkeit und kurze Antworten ausgezeichnet hatte, begann die Alte: »Aber ietz sag mer nor, Michel, wie isch (ist es) mögle, daß ma' se so benemma' ka' vor da' Leuta'! Ka'st denn ietz net oh a weng reda', wie's der Brauch ist, und a froendle's (freundliches) G'sicht macha'? Fällt der denn gar nex ei', daß d'alleweil dohstost (dastehst), als ob d'r d's Maul zuag'wachsa' wär'?« -- Michel, etwas unmuthig, fragte wie er schon öfter gethan: »No, was soll i denn saga'?« -- Die Schwabin kam in Eifer. »Was er saga' soll, frogt er me! -- Was ander Leut' saget -- Badde (alberner Mensch)! Merkst denn gar net auf? Host denn gar koe Hihra' (Hirn)?« -- Michel über diesen Ausdruck verdrießlich, erwiederte: »I ka' des domm' G'säg (Gesage, Gerede) net leida'.« -- Aber nun wurde die Alte hitzig. »Wer sakt denn, daß d' a domm's G'säg haba' sollst, o'verständenger Mensch? Ebbes G'scheidt's sollst reda', daß ma'n a'n Unterhalteng hot und vergnügt ist! Gang weiter. A Kerl so stark und so groaß wie a' Bohm (Baum), und hot net amol soviel Versta'd wie a' Schuelbüable! An dir wear' e no' a rechta' Fräd (Freud) verleba', daß Gott erbarm'!« u. s. w.

Kräftiger noch war die Rüge, wenn Michel seiner Ehrlichkeit freien Lauf gelassen und die Wahrheit gesagt hatte, wo Höflichkeit an der Stelle gewesen wäre. Nach dem ersten auffallenden Verstoß dieser Art kam es zu folgender Scene.

~Mutter.~ No ha'et (heut) host widder a Dommheit g'macht! Du bist doch der Dipplengst[3] em ganza' Doraf (Dorf)! Sakt ma'n oem so ebbes en's G'sicht? Setzt ma' d'Leut so en Verlega'heit?

~Michel~ (trutzig). S'ist nor d'Wora't (Wahrheit) g'wesa', was e g'sakt hab'!

~Mutter~ (bitter lachend). D'Wora't! O du o'sennenger (unsinniger) Mensch! Sakt ma' d'Wora't, wann's o'gschickt rauskommt und d'Leut verdrießt? -- Was weara'n ietz die von der denka'? Und was weara's von d'r verzähla', wann's hoem (heim) kommet!

~Michel.~ Mei'twega' was went (was sie wollen)! I frog' nex dernoch!

~Mutter.~ Oh rehcht (auch recht)! Du frogst nex dernoch, wamma' de für'n Esel hält und dei' Mueter für a Weib, die de net zoga' hot? Du wurscht a saubers Mannsbild weara'! Du wurscht schöa' durch d' Welt komma'! -- Ietz möcht' i nor wissa, w'rom ih grad so gstroft ben und so'n Narra' zum Soh' hab!

~Michel~ (ärgerlich). »No, ietz isch gmuag! -- -- A'n andersmol du' es (thu ich es) nemmer!« --

Diese Zusage, die ihm das Verlangen nach dem Schluß erpreßt hatte, konnte der gute Michel indessen nicht immer halten. Wenn er aber auch in weitern Verstößen sich selbst übertraf -- wenn er, zum Sprechen genöthigt, in seinem Widerwillen vollständig »aus dem Weg naus« redete oder, durch sein eigenes Schweigen belästigt, in der Zerstreuung und ohne Kenntniß des eben Gesprochenen eine Frage that, daß man ihn für »meschucka'« (hebräisch: verrückt) hielt -- kurz wenn er auf dem eingeschlagenen Wege consequent fortging, so hörten die Predigten der Mutter doch nach und nach auf. Einmal wurde die wackre Frau müde, stets dasselbe zu sagen für nichts und wider nichts. Dann regte sich, je mehr er heranwuchs und Autorität unter den Dorfburschen erlangte, in Michel ein Geist der Widersetzlichkeit, der sich das »Repermandiren« nicht mehr gefallen lassen wollte. Die Schwabin beschränkte sich zunächst auf einzelne kurze Bemerkungen, wie z. B.: »No, ha'et host widder a Schluap (großes Maul) rahgh'ängt, des muß i saga'! Wann de nor em Spiegel g'seha' hätt'st -- du hätt'st der gwiß selber g'falla'!« Oder: »Ha'et host widder 'n Einfall g'hett (gehabt)! Wie d'nor drauf komma' bist! A'n Anderer brächt's net raus, er därft' se Müa' geba'!« -- Aber Michel wurde endlich auch dadurch verletzt und sagte einmal unmuthsvoll: »Ietz laß me amol ganga'! I ben wie'n e ben, und durch dei' ewengs (ewiges) G'schimpf wear' e net anderst! Weam e net g'fall, der soll derhoemt (daheim) bleiba', oder -- -- i hätt' schier ebbes g'sakt!«

Die Mutter seufzte. Sie mußte einsehen, daß sie sich in einem Punkte geirrt und ihr Sohn eben doch einen Fehler habe, und zwar einen großen, den er vielleicht nie ablegen werde. Aber noch blieb ihr eine Hoffnung. Michel war noch jung, es konnte noch werden. »Vielleicht got's 'm«, dachte die Gute, »wies scho' manchem ganga'n ist! -- vielleicht wurd 'r zoga', wann 'm a Mädle g'fällt!« -- Dieser Gedanke leuchtete ihr ein und rief eine Art von Lächeln auf ihr Gesicht. Es gab manche im Dorf, die ihr als Söhnerin nicht unlieb gewesen wäre. Wenn Michel an einer seine Freud' hätte, sich »um sie herummachte« und sie zum Tanz führte, dann müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ihm der Verstand nicht kommen und das Maul nicht aufgehen sollte! -- Die gute Frau stellte sich das so hübsch und natürlich vor, daß sie recht erheitert wurde und auf diese Medizin das vollste Vertrauen setzte. Sie beschloß, ihn gehen zu lassen und zu warten.

Michel wurde neunzehn, er wurde zwanzig Jahre alt -- und noch gefiel ihm keine. Die Mutter schüttelte den Kopf. Nicht nur, daß er keiner den Vorzug gab -- er machte sich aus den Mädchen überhaupt nichts. Er lief ihnen nicht nur nicht nach, er wich ihnen aus oder that wenigstens, als sähe er sie nicht. An Lustbarkeiten nahm er Theil, aber nur, um sich zu Mannsbildern zu setzen, die ohne Schatz waren, wie er. Mit diesen zechte, dampfte und diskutirte er in der schon beschriebenen Art und ging endlich zufrieden nach Hause. Ein paarmal ließ er sich von einer Nachbarin, die einige Jahre älter war als er und ihm gegenüber eine Art von Erziehungstrieb spürte, zum Tanzen verleiten. Als aber nach dem zweiten Versuch eine alte Base zu ihm sagte, er tanze, daß »dem Teufel dran grause«, und er müsse es besser lernen, sonst wärs g'fehlt -- da hatte dies nicht zur Folge, daß ers besser lernte, sondern ganz und gar aufsteckte. -- Die Mutter wurde recht bedenklich, und an die Stelle der Hoffnung trat das Mißvergnügen und die Sorge.

Auf dem Lande heirathet man verhältnißmäßig früh, und früh knüpfen sich auch Liebesbündnisse. Zwei junge Leute, die sich gefallen, gedeihen eben darum bald zum Liebespaar, weil sie auch bald zum Ehepaar gedeihen können; und der Dorfgeschichten-Erzähler wird nicht leicht in den Fall kommen, seine Leser für das Verhältniß eines Vierzigers mit einem zwanzigjährigen Mädchen interessiren zu müssen, was der Novellist der höhern Stände immer seltner wird umgehen können. Daß ein Sohn zu spät oder zu wenig nach den Mädchen fragt, ist ein Unglück, welches bäurischen Eltern selten begegnet. Oefter kommt es vor, daß einer in jungen Jahren zuviel darnach fragt und dann natürlicherweise Folgen sich ergeben, die den Eltern viel Verdruß machen können, in der Regel aber auch wieder eine gute Ausgleichung finden. Vernünftige Eltern wünschen niemals, daß ihr Sohn eine Liebschaft anfange, wenn er kaum ein paar Jahre aus der Schule ist. Aber wenn ein Jahr ums andere vergeht, wenn er in die Zwanzige eintritt und immer noch thut, als ob's gar keine Mädchen auf der Welt gäbe, dann findet man das auf dem Lande nicht natürlich.

Als Michel das zwanzigste Jahr hinter sich hatte, achtete es die Schwabin für ihre Pflicht, ihm in dieser Beziehung Ermahnungen zu geben -- freundliche, liebevolle Ermahnungen: sie wußte ja, daß andere bei ihm nicht anschlugen! -- Bei Gelegenheit eines Tanzes forderte sie ihn auf, ins Wirthshaus zu gehen und sich auch einmal ein Vergnügen zu machen. Er habe ja die letzte Zeit her genug geschafft, und für Leute seines Alters wären ja solche Gelegenheiten da. Michel antwortete, er wolle sich schon ein Vergnügen machen. Die Mutter schüttelte den Kopf und sagte: »I moe (meine) net, daß de widder he'setzst und rohchst aus dei'm Pfeifa'kopf -- i moen, daß d'oh a Mädle nemmst und danzst mit 'r, wie ander' jung Leut'.« -- Michel schwieg einen Moment, dann sagte er: »du woescht (weißst), Mueter, d's Danza' frät me net.« -- Hier konnte die Mutter ihre Ungeduld nicht bemeistern. »Kott's Blitz, red net so! Fang's nor a', 's wurd de scho' fräa'!« -- Und in freundlicherm Ton setzte sie hinzu: »Ha'et kommt dei' Bäsle von ** ins Wirthshaus, a saubers Weibsbild -- ka' alle Arbet und hot ebbes! Des wär' a Dänzere für di! Mach de lusteng mit 'r (ihr), nemm's mit in d' Stub' nei' und loß 'r ebbes auftraga'. Kott's Kreuz nei', a Mensch, der ins oenazwanzengst Johr got.« -- »Aber i ka' ja net danza«, entgegnete Michel. »D'Leut lachet me aus.« -- »Wie wursch (wirst du's) denn aber learna', wann's net probierst?« versetzte die Alte. »Learngeld hommer (haben wir) alle geba' müssa' -- des verstot se. Aber die Bäbe, die wurd de scho' regiera'; die brengt de rom -- doh ka'st de drauf verlossa'. -- Komm, versprich mer's!« -- »Ach Gott«, erwiederte der gute Bursche mit einer Miene, als ob er Arznei nehmen sollte -- »i due's recht o'geara'.« -- »Ietz verzürn' me net«, entgegnete die Mutter, »oemol mueß sei',« -- »I hab' koe Gloech (Gleich, Gelenk) derzue,« versetzte der noch immer Bedenkliche. -- »Dommheita'! du host dei' grade Glieder! Und du ka'st ja doch bei der Arbet sprenga' (springen, laufen) wann's sei' muß!« -- »Ja bei der Arbet!« erwiederte Michel, als ob er hinzusetzen wollte: »das ist auch was ganz Anders!« -- »Beim Danza' got's no' (noch) besser!« versicherte die Mutter; und indem sie ihn schmeichelnd auf die Schulter klopfte, setzte sie hinzu: »komm, sei brav, versuch's und due (thu) oh amol ebbes, was e (ich) geara' hab'!« -- Der gute Michel verspürte bei diesen bittenden Worten einige Rührung, und um der Sache ein Ende zu machen und loszukommen, sagte er: »No, i will seha'!« -- »Also du willst?« rief die Mutter. -- »Ja, ja«, erwiederte Michel, »i will seha'!« --

Als er am andern Morgen in die Stube trat, fragte die Schwabin: »No, wie hot's ganga'?« -- »Ganz guet«, versetzte Michel. -- »Bist z'recht komma'?« -- »Des will i moena'«, erwiederte der Sohn mit Selbstgefühl. -- »No«, sagte die Alte erheitert, »des hab' i ja g'wißt! -- Host aber oh ebbes auftraga' lossa'?« -- »Des net.« -- »Wie, 'r Dänzere, zu der ma' Froed (Freund) ist?« -- »Ja so«, versetzte Michel, »du red'st vom Danza'?« -- »No, von was soll i denn reda'?« -- »Ja, lieba' Mueter«, erwiederte der Sohn mit einer Art von Bedauern, »des muß i d'r scho' saga': danzt hab' e net.« -- »Was? Aber du sakst ja --« »Ja«, entgegnete der Enakssohn, »i hab denkt, du moest ebbes andersts. 'S hot nämlich bald 'n kloena' Handel geba', und doh hab' e ausg'wehrt. Doh ist so a kloener Grippel (Krüppel; bedeutet hier bloß die Kleinheit) g'wesa', der gar koen Fried hot geba' wölla'. I hab' wärle Earnst macha' müassa'! -- Aber ietzt«, setzte er mit Befriedigung hinzu, »ietzt, hoff' i, wurd er oh an mi denka'!« -- Die Mutter, ärgerlich, versetzte: »Aber des wurd doch net eweng daurt haba'? Später wurd's doch oh no Zeit geba' haba' zum Danza'?« -- »Ja«, sagte Michel, »doh hab i nocht (nachher) mei' Unterhalteng scho' g'hett (gehabt), und i hab denkt: für ha'et isch gmuag!« -- Die Alte wußte nicht, sollte sie weinen oder lachen über so einen Menschen. »No«, sagte sie endlich, »i sig scho', an dir ist Hopfa'n und Malz verloara'!« -- »Desdawega' (deßwegen) no net«, erwiederte Michel behaglich, und ging langsamen Schrittes an seine Arbeit.

Trotz des schlechten Erfolges dieser ersten Ermahnung richtete die Mutter ähnliche noch zu wiederholtenmalen an den Sohn. Die gute Frau meinte: »'s ist doch a Vergnüaga, was i von 'm haba' will! 's ka' ja net sei', daß 'r gar koen G'falla' dra' fendt! 'S ist doch no a'n ieder endle drauf komma'!« -- Allein ihre Bemühungen blieben fruchtlos. Einmal ließ sich Michel bewegen, noch einen Tanzversuch zu machen; aber abgesehen davon, daß er nicht das geringste Vergnügen dabei empfand, hörte er auch aus einer Ecke von zwei Mädchen ein »Kuttern« (gedämpftes Lachen), das er nur auf sich beziehen konnte, und in dem Aerger, den »Fratzen« zum Gespötte zu dienen, sagte er zu seiner Tänzerin: »So, ietz ist gmuag, ietz ka'st widder ganga'!« und kehrte in die Stube zurück, um seinen Unmuth zu vertrinken. Ein Kamerad, den er auf's Gewissen fragte, wie er eigentlich tanze, erwiederte mit bedeutungsvollem Blick: »Loba' ka'n e's net!« Michel nickte schweigend; und als er heimkam und seine Mutter wieder fragte, ob er »sich lustig gemacht« habe, antwortete er mit Unmuth: »Ja, danzt hab' e; aber desmol und mei' Lebteng net widder! Aus isch! Globst du, doß i da' Leuta' da' Narra' ahgib? doh bild' i mer doch z'viel ei'! Kott's Kreuz-Taused« -- -- »Aber« -- »Ietz hör' auf oder du machst me falsch! I will endlich 'n Fried' haba' mit dem Sakermentsdanza' doh! -- 'S wär koe Wonder, 's käm' ebbes dabei raus!« -- -- Die Mutter sah den Burschen achselzuckend an und schwieg. Sie mußte sich überzeugen, daß an so einem Menschen kein Reden was helfen kann! In Gottes Namen! Sie hatte ihre Schuldigkeit gethan; und wenn er nicht mehr auf den rechten Weg zu bringen war -- ihr konnten keine Vorwürfe gemacht werden. Hatte sie sich doch auch schon erboten, ihn selber tanzen zu »lernen« (lehren)! Aber was hatte er drauf gesagt? »Mit mei'r Mutter z'danza', kommt mer so öad für, daß mer übel wurd, nor wann e dra' denk'!« Mit so einem Menschen fang' eines was an! Nein! -- er soll thun, was er will! Und wenn er »a'n alter Esel« wird und keine kriegt, soll er's haben!

Um es kurz zu machen -- unser Bursche hatte das sechsundzwanzigste Jahr hinter sich -- und noch konnte er das Tanzen nicht und noch hatte er keinen Schatz, geschweige denn ein Weib. Er näherte sich dem, was auf dem Dorf ein »alter Jungg'sell« heißt; denn wenn der Bursche einmal in der zweiten Hälfte der Zwanzige steht, dann kann er sich nicht mehr viel auf seine Jugend einbilden und es ist Zeit, daß er seine Wahl trifft. Hat er einmal »drei Kreuz auf'm Buckel (Rücken)«, dann ist er schon sehr anrüchig, und er muß andere Qualitäten bedeutender Art haben, falls er auf eine Dorfschöne noch Eindruck machen will.

Bei seiner Weise zu leben wurde Michel natürlich ein eigenthümlicher Kauz. Von Herzen gutmüthig, konnte er doch leicht und schnell böse werden, wenn man ihn durch eine Zumuthung belästigte oder durch Widerspruch reizte. Der kurze, befehlende Ton unter Kameraden wurde ihm zur andern Natur, er gebrauchte ihn ganz gemüthlich und hatte keine Ahnung davon, daß er einen Andern damit in einer Art ansprach, die er von ihm sehr übel aufgenommen hätte. Wer ihn zu behandeln wußte, konnte gleichwohl Alles mit ihm anfangen. Auf eine gute Rede, für einen guten Freund wär' er in's Feuer gegangen. Natürlich wurde er bei alledem kein großer Menschenkenner. Er bildete mehr die Gabe des Glaubens, als das Talent der Prüfung und Unterscheidung aus, glaubte an seine eigenen Einfälle und anderer Leute Versicherungen und handelte in diesem Vertrauen oft sehr naiv. Er gab im Dorfe zu manchem Spaß Anlaß, der gute Michel, und man lachte bei solchen Gelegenheiten weidlich über ihn -- aber hinter seinem Rücken! Denn ihm ins Gesicht zu lachen, wollte doch Niemand räthlich finden! --

Die Mutter ließ ihn gehen. Am Ende, wenn er nicht heirathete, blieb sie die Herrin im Haus bis an ihr letztes Stündlein; und wir wissen, sie regierte gern. Aber ihr Muttergefühl überwog doch. Eine rechte Söhnerin ins Haus und für sie »Enkala'« zu wiegen, wär' ihr doch lieber gewesen. -- Wenn sie daran dachte, verlor sich ihre Zufriedenheit; sie schüttelte den Kopf und seufzte. Zuweilen tröstete sie sich selbst mit den Worten: »Was ka'n i macha'? 'Sist eba'n a Blohk (Block) und bleibt oer!«

Damit aber that sie ihrem Sohn unrecht. Die Fähigkeit, die sie so gern bethätigt gesehen hätte, fehlte nicht, sie schlief nur und harrte ihrer Zeit. Und die Zeit kam endlich und eine neue Periode begann für Michel -- die geschichtliche. Kurz: er sah »die Rechte« -- die bestimmt war, sein Herz zu rühren. Und bei dem ersten Anblick schon wurde ihm höchst seltsam zu Muthe, und was die Mutter ihm vorgepredigt und was er niemals verstanden hatte, das begriff er mit einem Schlag.

Diese Rechte war Margareth, zweite Tochter eines Söldners und Maurers, dessen Haus in der nämlichen Gasse lag. Als »Greatle« war sie aus dem Dorf gekommen, um zu dienen -- als »Great« kam sie wieder, da ihre ältere Schwester sich verheirathet hatte und der verwittwete Maurer sie im Haushalt brauchte. Vor vier Jahren, wo sie das elterliche Haus verließ, hatte sie noch wenig »gleichgesehen« (vorgestellt); jetzt verwunderte sich Alles über ihre »Aussicht.« Sie war stattlich und groß -- um ein Gutes kleiner freilich als Michel, aber doch das größte Mädchen im Dorf. Zugleich war sie ein sehr hübsches Mädchen. Sie gehörte zu jenen gesunden, kräftigen Blonden, welche das heiterste Bild froher Weiblichkeit gewähren. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gesichtsfarbe hell; die Backen hatten nur einen leichten rosigen Anhauch, aber desto röther waren ihre Lippen; und wenn sie lachte, war es ein Vergnügen, ihre weißen Zähne durchblinken zu sehen. In gemüthlicher Aufregung pflegten die Flügel ihrer wohlgebildeten Nase sich etwas in Bewegung zu setzen, was auf ein lebhaftes Temperament schließen läßt. Allein wer ihre ziemlich hohe, klare Stirn sah und ihre hellen blauen Augen, der erkannte in ihr ein Mädchen, die zu gescheidt war, um ihrem Temperament die Zügel schießen zu lassen. In der That war sie ein fröhliches, aber unverdorbenes Geschöpf; vielleicht eben darum unverdorben, weil sie fröhlich war und nach der Arbeit in Scherz und Spiel ihre Erholung und Befriedigung fand. Sie war das letzte Jahr zu Nördlingen im Dienst gewesen, und es hatte ihr an verliebten Nachstellungen durchaus nicht gefehlt. Allein Margareth war ein ächtes Bauernmädchen -- ein rechter »Bauernburscht« ging ihr über Alles, und da sie so einen noch zu bekommen hoffte, so konnte ein »Nearlenger Da'le (Daniel; Spottname der Nördlinger unter den Bauern)« keine Macht über sie gewinnen. Im Uebrigen war das Schaffen ihr Vergnügen. Sie gehörte zu den Personen, denen nach dem Rieser Ausdruck »etwas aus der Hand geht« -- die nicht lange fackeln und herumtappen, sondern die Sache gleich recht angreifen, und die gerne arbeiten, weil sie immer etwas Ordentliches fertig sehen.

Gewiß ein Mädchen, der es zustand, das Herz unsres Burschen in Bewegung zu setzen! Wäre Michel geschickter gewesen, so hätte man sagen können: sie war unter den Mädchen des Dorfs, was er unter den Burschen. Allein unter den gegenwärtigen Umständen ragte sie über ihn empor, und das war auch nöthig, wenn sie dem Stolzen einleuchten und den Selbstgenügsamen zu der Erkenntniß bringen sollte, daß ihm doch noch etwas fehle und daß er sich um etwas zu bemühen habe.

Als Michel ihr das erstemal begegnete und sie ihm guten Tag bot, sah er sie verwundert an und erwiederte stehen bleibend: »I muß scho' saga'« -- Das Mädchen, ihm zu Hülfe kommend, rief: »Du kennst me g'wiß nemmer, Michel? I ben d's Maurers Margret!« -- »Kott's Blitz«, erwiederte Michel, »'s ist wohr! -- Aber du bist ja a Fetza'mädle woara!« -- Der Ausdruck »Fetza'mädle«, obwohl eine tüchtige Person bezeichnend, klang doch von einem Burschen zu einem hübschen Mädchen nicht besonders zierlich und rief auf dem Gesicht der Gret ein Lächeln hervor. Sie sagte ein wenig schnippisch: »Uir Mannsbilder moenet wohl, uir könnet alloe groaß wäara'? Aber manchmal g'rothet (geräth) von o's doch oh oena'! -- No, godda' Morga'!« -- Sie ging weiter. Michel hatte mechanisch das »godda' Morga'« wiederholt und sah ihr jetzt mit einer curiosen Empfindung nach. Endlich sagte er: »Des ist ja a verfluacht saubers Weibsbild woara, die Great! Wer hätt' des g'lobt (geglaubt)!« Er drehte sich um und ging weiter; aber das Bild der Gret stand immer vor ihm und seine Gedanken konnten nicht von ihr loskommen. Es gährte und »grubelte« in seinem Herzen, und nachdem sein Mund eine halbe Stunde geschwiegen, verrieth er die Beschäftigung seiner Seele, indem er plötzlich murmelte: »A saubers Weibsbild, wärle! A Mädle, wie von Wachs!«

Der Keim war in unsern Burschen gelegt. Bei weiterem Nachdenken erkannte er immer mehr, daß die Gret diejenige sei, die er haben möchte, zum Schatz -- zum Weib! Er begriff, wie man einem Mädchen nachlaufen könne; denn eigentlich wäre er der Gret jetzt selber gern nachgelaufen! Was ihm früher zuwider gewesen, das erschien ihm jetzt lieb und angenehm. Es dünkte ihn schön, sehr schön, mit der Gret eine »Ansprach« zu halten, sie zum Tanz zu führen, sie ordentlich herumzudrehen und ihr tüchtig auftragen zu lassen! Was die Mutter früher umsonst gewünscht hatte, jetzt hätte er's ausführen können Alles miteinander! -- -- Allein er wäre nicht Michel gewesen, wenn er die Sache nun so angegriffen hätte, daß er zu seinem Zwecke gelangen mußte.

Zuerst überlegte er, und dabei kam ihm ein Skrupel, der ihn höchst bedenklich machte. »Wann's de aber no net möga' dät? Wann's de auslacha' dät und du ständest doh« -- -- Es ging ihm heiß durch die Brust bei diesem Gedanken und er sah gewaltig düster für sich hin. Michel hatte nichts von der Eitelkeit, die junge Bursche glauben läßt, jedes hübsche Mädchen müsse sich in sie verlieben; aber um so mehr besaß er jenen Stolz, für welchen der Gedanke, sich verachtet zu sehen, empörend ist. Wenn Er, der niemals nach den Mädchen was fragte, der ihnen auswich, der zu wiederholten Malen erklärte, er könne ihr »G'säg« nicht leiden -- wenn er, der Michel, vor dem Alles Respekt hatte, nun plötzlich einer nachginge und schlecht ankäme! Wenn sie ihn verspottete und es käme heraus und das ganze Dorf spottet über ihn -- -- Ein Kernfluch entrang sich bei dieser Vorstellung seinen Lippen. Nein, so durfte er sich nicht in Gefahr begeben. Das mußte klug und vorsichtig -- sehr vorsichtig angefangen werden.

Er faßte den Entschluß, keinem Menschen zu sagen, wie's ihm war. Zur Mutter zu gehen und ihr zu beichten, er hätte ein Mädchen gern, wäre ohnehin nicht in seinem Charakter gelegen; nachdem er aber so lange ihren Ermahnungen widerstanden hatte, wäre sie die letzte gewesen, der er seine Bekehrung hätte vertrauen mögen. »Vor der Hand« sagte er endlich zu sich selbst, »will i seha', wie's got! -- Und was will e? Z'erst muß e ja doch oh d's Mädle nommol (nochmal) betrachta': vielleicht g'fällt's m'r nemmer so.«

Mit dieser Hoffnung täuschte er sich freilich. Als er sie wieder sah, gefiel sie ihm nicht weniger, sondern noch viel besser als das erste Mal. Sie hatte just ihren schönsten Tag, war in ihrer heitersten Laune und glänzte vor Vergnügen! -- Das Herz des Guten klopfte, als er sie grüßte, und er hätte jetzt nicht stehen bleiben und mit ihr ein paar Worte reden können! Eine höchst ungewohnte Aufregung trieb ihn an ihr vorbei, und erst als er ein paar hundert Schritte gegangen war, beruhigte er sich wieder. -- »Des ist nex g'wesa',« sagte er endlich zu sich selbst und schüttelte höchst ernsthaft den Kopf.

Er war gefangen, der arme Michel. Er hatte seinen Theil -- und konnte sehen, wie's ihm ging. -- Zu dem schönen Aussehen der Gret kamen zuletzt noch die Urtheile, die er von Andern über sie hörte. In diesem Punkte sind wir Alle Menschen! Wir lieben die Geliebte um ihrer selbst, um der Schönheit und Tugend willen, die uns aus ihr entgegen leuchtet. Allein wenn sie nun auch von Andern gerühmt wird, so hat das nicht zur Folge, daß unser Wohlgefallen an ihr sich mindert -- im Gegentheil; das Lob, was ihr gesungen wird, ist ein Hauch, der die Flamme unsres Herzens oft noch viel stärker anblasen kann. Michel horchte herum, indem er mit gutem Erfolg den Gleichgültigen spielte; denn die Liebe schärft den Verstand aller Wesen. Und wie er nun hörte: »a g'schickt's Mädle -- a schöas Mädle -- a bravs Mädle« -- ja, von einem alten Kenner »a Staatsmädle,« da war's ihm zu Muthe als wenn er dieses Mädle kriegen müsse, koste es was es wolle. Er fühlte einen unwiderstehlichen Trieb, sie wieder zu sehen -- und ging ihr nun extra zu Gefallen.

Nachdem er sich ein paarmal umsonst bemüht hatte, kam sie ihm eines Nachmittags mit einer Kamrädin entgegen. Er wollte sie diesmal recht darauf ansehen, ob sie denn wirklich eine solche sei, wie die Leute sagten; deshalb ließ er seine Augen während des Grußwechsels tiefprüfend auf ihr ruhen, indem er, den Blick zu verlängern, auch noch den Kopf nach ihr drehte. Als er vorüber war, sagte die Kamrädin zur Gret: »Aber der hot a baar Oga' g'macht auf dih hear! Kommt mer grad für, als ob er -- no des wär' aber zom Lacha'!« -- »Was moest (meinst) denn?« fragte die Gret lächelnd. -- »Gang,« erwiederte die andere, »du verstost me wol net!« -- »Du moest, er wär'« -- »Oh (auch) in di verliebt, ja, so kommt's mer für!« -- Die Gret versetzte: »Sei g'scheidt! Dean kennt ma' ja! -- Mir isch gar net so fürkomma'!«

Natürlich log hier das hübsche Mädchen. Ihr war's erst recht so vorgekommen -- und heute nicht das erste Mal. Schon bei der zweiten Begegnung hatte sie »ebbes gnissa'« (bemerkt), und jetzt war's klar, oder Alles mußte trügen. -- Die Gewißheit, die sie erlangt hatte, machte einen sehr wohlthuenden Eindruck auf sie. Fürs erste wars eine Ehr', den verrufenen Sünder zu bekehren und den Mädchenverächter dahin zu bringen, daß er auch daran glauben mußte. Aber das war das Geringste. Michel gefiel ihr! Seine Statur und der Ruhm seiner Stärke hatten ihr schon früher Achtung eingeflößt; gegenwärtig kam ihr sein Gesicht für ein Mannsbild hübsch genug vor, die Gutmüthigkeit, die ihm aus den Augen sah, rührte ihr Herz -- und das »B'sondere« und »O'gschickte,« das er an sich hatte, erheiterte sie, ohne ihm bei ihr zu schaden. Als sie wieder allein war, lächelte sie für sich hin. »Es ist oft guet,« sagte sie endlich, »wann der Ma' net gar z'g'scheidt ist!« --

Wie man sieht, gingen ihre Gedanken ebenfalls ziemlich rasch. Das ist natürlich und -- ländlich. -- Aber ihre Sache war es nicht, ihm nachlaufen; wenn es ihm ernst war, mußte er kommen -- sie konnte zusehen. Ihr Gesicht klärte sich schelmisch auf. »Wie er se a'stella' wird derzue?« fragte sie sich. »I bin wirkle neugiereng!« Er hatte ihren Beifall, der gute Michel, sie konnte ihn zum »Burscht,« sie konnte ihn zum Manne nehmen, wenn's sein mußte, -- ja es regte sich der Wunsch in ihr, daß es so ausgehen möchte; -- aber sie bereitete sich doch vor, ihn auszulachen, und freute sich darauf! -- Sie war ein Mädchen.

Michel hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß die Leute ganz recht hatten mit dem, was sie über die Gret sagten. Aber wenn dies seine Liebe noch mehr schürte, so fachte es auch seine Sorgen an. Die Gret hatte ihn diesmal gar nicht angesehen (er hatte noch keine Kenntniß davon, daß die Mädchen nicht sehen und doch sehen können!) und es war ihm beinahe vorgekommen, als ob sie ein etwas spöttisches Gesicht gemacht hätte. Was sollte er thun? Sollte er warten und stillschweigen? Dann kam vielleicht ein Anderer und nahm sie ihm weg. Oder sollte er ihr nachgehen und reden mit ihr? Dann sagte sie vielleicht, er könne wieder gehen, woher er gekommen sei, und er wurde das Gespötte des ganzes Dorfes. -- Die Klemme war verwünscht und guter Rath theuer.

In der Unterhaltung.

Jede Versäumniß rächt sich. Man soll in jungen Jahren nicht denken: Wozu hab' ich das nöthig? Wozu könnte das gut sein? -- Man soll Kenntnisse sammeln und sich Fertigkeiten aneignen, wie die Gelegenheit sich bietet, auch wenn zunächst keine Neigung dazu vorhanden und Anstrengung erforderlich wäre; denn man weiß nie, wozu man sie später brauchen kann! --

Davon überzeugte sich jetzt auch Michel. Die Liebe trieb ihn hin und her, sie ließ ihm keine Ruhe, und er sah ein, daß er etwas unternehmen müsse, geh es, wie es wolle. Er mußte mit der Gret reden -- er mußte erfahren, was er zu hoffen habe -- sonst wurde er toll! -- Aber wie sollte er's anfangen? Wie sollte er sein Anliegen vorbringen?

Er dachte darüber nach und nichts fiel ihm ein, was er für anwendbar und gut gehalten hätte. Es dünkte ihn so närrisch, von der Liebe zu reden; es war ihm, als würde es nicht herausgehen aus ihm, als würde er stecken bleiben und dastehen, wie d's Kind beim -- -- Da hatte er's nun! Gab's nicht Kerle im Dorf, denen bei den Mädchen das Maul ging »wie geschmiert?« die nicht nur sagen konnten, was sie auf dem Herzen hatten, sondern noch viel mehr dazu lügen? Hatte er nicht gehört, daß mancher schon eine, die ihn zuerst gar nicht leiden konnte, durch bloßes Reden soweit gebracht, daß sie endlich zu Allem Ja sagte? -- Aber so geht's! Hätte er in jüngern Jahren auch mit den Mädchen diskurirt, mit ihnen getanzt und sich lustig gemacht, -- hätte er sich das bischen Mühe gegeben und gelernt, wie man mit ihnen umgehen muß -- dann könnte er's jetzt und müßte sich nicht den Kopf zerbrechen! -- Er fühlte ganz ernstlich Reue, der gute Michel! Er wurde verdrießlich, sehr verdrießlich. »I ben a'n Esel g'west, und des a großer,« sagte er zu sich selbst. »Aber,« setzte er hinzu, »wie hab i oh wissa könna, daß mer no' so ganga' wurd!«

Ein paar Tage ließ er vorbeigehen. Zuletzt, durch den Kampf der Leidenschaft mit der Furcht gequält und geärgert, rief er zornig: »Hol der Teufel alles! So ka'n e's nemmer aushalta' -- i muß woga', komm's raus wie's will!« -- Die Gret stand vor seiner Seele so schön und mit einer Miene, die nichts Abschreckendes hatte! »Dommheit«, rief er beherzt. »I sott me wohl vor'm Mädle färchta' (fürchten)? Des wär' ja zum Lacha'.« -- Er faßte den Entschluß, bei nächster Gelegenheit mit der Gret zu schwätzen und sein Anliegen vorzubringen oder wenigstens »drom rom« (darum herum) zu reden, zu sehen, was sie für ein Gesicht dazu mache, und dann ein andersmal weiter zu gehen.

Recht schön fügte sich's, daß er das Mädchen eines Abends, als ihn ein Geschäft auf den Fußweg hinter den Dorfgärten geführt hatte, ganz allein gegen sich herkommen sah. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein, er mußte sie benutzen. Was er zuerst zu ihr sagen wollte, wußte er genau, nämlich: »Godda'n Ohbed (guten Abend) Margret!« Das Uebrige gab sich dann von selbst. Entschlossen ging er vorwärts. Wie er aber die Gret näher und näher kommen sah, machte er eine seltsame Erfahrung. Sein Herz fing an zu klopfen, vor den Augen begann es ihm zu flimmern, und die Lippen wurden so schwer, als ob Gewichte daran gehängt worden wären. Es schien ihm unmöglich, sie zu bewegen -- und da halte einer eine Ansprache! Vor der Gret angekommen, machte er eine unerhörte Anstrengung und rief mit grimmiger Freundlichkeit: »Godda'n Ohbed, Margret!« -- »Godda'n Ohbed, Michel,« antwortete die Gret mit heller Stimme und mit einem Ausdruck auf ihrem Gesicht, als ob sie recht gut wüßte, in welchem Spittel der arme Bursche krank läge. Dieser nahm indeß nichts wahr. Nach der Leistung, die er sich abgerungen, trieb es ihn mit unwiderstehlicher Macht an ihr vorüber -- weiter und weiter. Nachdem er hundert Schritte gemacht hatte, athmete er auf; aber erst als er um eine Ecke bog und nicht mehr gesehen werden konnte, wurde er leichter und ruhiger. -- Er hielt an, dachte nach -- -- und sein Benehmen stand klar vor seinen Augen. Er hatte sich nun doch gefürchtet -- und die schönste Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen! Unmuth erfüllte seine Brust und sehr ärgerlich rief er: »Ietz möcht' e mer glei (gleich) selber a'n Ohrfeig' geba' daß mer der Kohpf somsa' dät! Fürcht' me wärle, und zitter' am ganza Leib, als wann e oen ombrocht hätt! Sott ma' denn globa', daß ma' so domm sei' ka'?« --

Die Sache war indeß nicht anzufechten, sie war geschehen und der Verdruß konnte nichts daran ändern. Für Michel gab es nur Einen vernünftigen Entschluß: sie zu vergessen und sich vorzunehmen, es ein andermal besser zu machen. Dazu verstand er sich denn auch. »I ben a Narr,« sagte er, »daß e me verzürn'! Verloara'n ist no nex, und so wurd's net allmol ganga' (gehen).« -- Er stellte sich vor, wie er das nächstemal reden werde, er hatte Einfälle, wie man sie nach einer versäumten Gelegenheit zu haben pflegt -- und so von weitem schien ihm die Sache ganz leicht zu machen. »Bah,« meinte er endlich, »des ist ha'et nor so a dommer A'fall g'wesa'! 'S müeßt ja beim Deufel sei', wann ih net könnt', was jeder ander' ka'!« -- Er tröstete sich und ging beruhigt und mit neuem Muthe nach Hause.

Wieder verstrich einige Zeit. Es war in der letzten Woche des Monat Mai, und unter dem Wehen der Ostluft kam ein wunderschöner Tag herauf. Ein leichter Reif hatte auf der Landschaft gelegen, die Sonne, in den wolkenlosen Himmel sich erhebend, sog ihn weg und goß den Silberglanz des Morgens über die Erde. Die Lerchen sangen, die Landleute, die sich an ihre Arbeit begaben, zeigten vergnügte Gesichter, das Vieh, das zum Saufen getrieben wurde, brüllte vor Lust und sprang rechts und links in die Höhe. Das Alles war so fröhlich, so ermuthigend! Es war einer von den Morgen, wo im Herzen so wenig eine Sorge aufkommen kann, wie am Himmel ein Wölkchen -- wo im Innern der Frohsinn regiert und draußen der Sonnenschein.

An diesem Morgen fühlte sich unser Michel frisch und munter, wie seit langer Zeit nicht. Er dachte an die Gret -- mit stillem, ruhigem Vergnügen. Es war ihm, als könnte er heute schwätzen und Spaß machen nach Belieben, und wenn's sein müßte, gelegentlich auch ein ernstes Wort reden -- kurz, er fühlte sich aufgelegt. Indem er sich's lebhaft vorstellte, empfand er ein Verlangen, sein Vermögen in's Werk zu setzen. Er faßte sich kurz und machte sich auf den Weg durch die Gasse, in der Hoffnung, die Geliebte zu sehen. Im Nothfall, wenn er sie nämlich vor ihrem Hause nicht traf, konnte er hineingehen und den Maurer bestellen; denn an seinem Hause war ein Stück weit der Mörtel abgefallen, und wenn es auch auf dem Lande nicht grad nothwendig war, ihn wiederherzustellen, so konnte es doch auch nicht schaden.

Sein guter Muth und seine Laune minderte sich nicht, als er der Wohnung des Maurers sich näherte. Er hatte ein paar Vorübergehende gegrüßt und die gewöhnlichen Formeln waren ihm so leicht und lustig vom Munde gegangen, daß ein junges Weib sagte: »Du bist aber ha'et alert, Michel!« -- Darin lag für ihn ein neuer Beweis, daß er heute seinen guten Tag habe, und rüstig ging er vorwärts. In dem kleinen Hofe sah er die Gret nicht; aber im Wurzgärtlein, von der Gasse nur durch einen niedrigen Zaun getrennt, war sie über ein Beet hin gebückt. Wie er sie hier unvermuthet erblickte, war er doch betroffen. Es hieß nun wieder: »Vogel friß oder stirb,« und vor dem strengen Antlitz der Nothwendigkeit entfloh der leichte Humor in seinem Herzen, um den Anwandlungen von letzthin Platz zu machen. Es mahnte ihn etwas, zu thun als ob er sie nicht gesehen hätte, und sachte weiter zu gehen. Aber heute war er nicht gemeint, auf die Stimme des Kleinmuthes zu hören; er unterdrückte die Bewegungen seines Innern, blieb stehen und rief entschlossen: »Godda' Morga', Margreat!« -- Das Mädchen sah auf und erwiederte: »Ei, godda' Morga', Michel! Bist oh scho' en der Höa' (Höhe, d. h. aufgestanden)«? -- Diese Frage kam ihm ungelegen; denn eigentlich hatte er selber fragen wollen: »Oh scho' auf?« -- und wenn sie dann, wie es nicht wohl anders möglich war, mit Ja antwortete, so hätte er ihr was Schönes gesagt über ihr frühes Aufstehen, ihren Fleiß u. s. w. Das konnte er nun, wenigstens in der zuerst ausgedachten Weise, nicht mehr, und dieser Umstand machte ihn ein wenig verwirrt. Er antwortete zögernd: »Ja wohl,« und da er sich auf diesen Fall nicht vorgesehen hatte, so entstand eine kleine Pause. Allein mit Recht hatte er geglaubt, daß er heute seinen guten Tag habe. Nicht lange besann er sich, und ein neuer Einfall war da. Er drehte seinen Kopf in der Luft herum und sagte: »Ha'et hommer (haben wir) amol a schöas Wäder (Wetter)!« -- Die Gret erwiederte heiter: »Ja Gottlob! Mer (wir) könna's aber oh braucha'!« Und ohne Unterbrechung und würdig setzte er hinzu: »Descht (das ist) wohr! -- Des könna' mer!«

Bis hieher war's gut gegangen, trotz der nothwendig gewordenen Aenderung, und Michel konnte sich dessen bewußt sein. Aber nun war eine neue Rede nöthig, und nichts wollte ihm einfallen. Es entstand eine längere Pause. Ein besserer Beobachter als Michel hätte an dem Gesicht des Mädchens wahrnehmen können, daß sie gar wohl im Stande gewesen wäre zu reden und dem Burschen aus der Noth zu helfen -- daß sie aber aus irgend einem Grunde nicht wollte! Michel besann sich, und ein neuer Einfall kam. Er sagte: »Bischt allweil g'sond und wollauf?« -- Diese Frage schien der Gret so curios hinterdrein zu hinken und so sehr eine bloße Geburt der Noth, daß sie mit Mühe das Lachen halten konnte. Sie nahm sich indeß zusammen und erwiederte ruhig, aber nicht ohne eine gewisse schelmische Heiterkeit durchblicken zu lassen: »Dank der Nochfrog (Nachfrage)! Mir fehlt Gottlob nex!« -- Michel, wie uns bekannt ist, war im eigentlichen Sinn weder dumm noch blind. Die Bedeutung dieses Vergnügens auf dem Gesicht der Gret blieb ihm nicht ganz verborgen; er hatte eine Ahnung, daß sie ihn eigentlich auslache, und schwieg, indem eine Wolke der Verstimmung seine Züge beschattete. Die Gret erkannte, was in ihm vorging, sie fühlte, daß sie etwas gut zu machen habe, und einen Schritt vortretend sagte sie zugleich mit gutmüthigem und schlauem Lächeln: »Host vielleicht so'st ebbes g'wöllt (gewollt)?« -- Diese Frage fiel wie eine Bombe auf den guten Michel. Es war klar: er hatte sich verrathen; sie wußte, wie's ihm um's Herz war, und forderte ihn heraus! Er konnte -- er sollte reden -- da war kein Zweifel! Aber diese Möglichkeit, reden zu können, und diese Nöthigung, reden zu sollen, traf ihn mit solchen Schrecken der Ueberraschung, daß er dastand wie vom Donner gerührt und nicht ein Wort hätte vorbringen können um die ganze Welt! In der Verwirrung, die ihn überkam und ihn zu übermannen drohte, nahm er instinktmäßig seine Zuflucht zu dem einzigen Mittel, das ihm noch übrig blieb -- zur Grobheit! Mit trotzigem Gesicht und wie beleidigt rief er endlich: »Was sott (sollte) i denn wölla'? I wißt net was! -- Godda' Morga'!«

Und mit starken Schritten ging er seines Weges.

Die Gret sah ihm nach und lachte -- nicht laut -- dafür aber, wie man zu sagen pflegt, mit dem ganzen Gesicht. Als er hinter dem Nachbarhaus verschwunden war, sagte sie zu sich selber: »Ietz so o'g'schickt hätt' i mer'n doch net vorg'stellt! -- I sig scho' -- doh mueß i mi der Sach selber a'nemma', wann ebbes draus weara' soll!«

Michel ging nach Hause. Der Unwille, zu dem er gekommen war, er wußte selber nicht wie, verging, eine dumpfe Ruhe trat an seine Stelle. In dieser Ruhe erhielt er bald eine deutliche Anschauung von der Art seines Betragens -- eine gelinde Verzweiflung fiel ihn an und brachte sein Blut auf's neue in eine schlimme Gährung. Er entlastete sein Herz in unarticulirten Lauten; dann, die Einsamkeit seines Stadeltennen aufsuchend, bildete er bestimmte Gedanken und konnte nicht umhin, ihnen Worte zu geben. »Also widder nex,« rief er, -- »widder a Dommheit! Isch denn net grad, als wann's verhext wär'? W'rom ka'n e denn ietz net reda', wann e vor dem Ohs (Aas) dohstand? W'rom got's mit m'r em Reng rom, als wann e g'suffa' (betrunken) wär'? Der Deufel mueß g'macht haba'!« Er stöhnte vor Verdruß und strampfte den Boden, daß es schallte. Nach einer Weile fuhr er fort: »Host so'st ebbes g'wöllt -- hot's me g'frogt. Des ist doch offa'bar, daß g'wöllt hot, i soll d's Maul aufdoa'! W'rom hab' e denn ietz net g'redt? Hätt'e net saga' könna': Mädle, du g'fällst mer, i will de heiricha' (heirathen) -- willst me? -- oder so'st ebbes! No (nachher) hätt's reda' müessa', ja oder noe, ond i wihßt ietz, wie e dra' ben! Aber so stand e doh wie a'n Ochs, der mit 'm Beil oes naufkriegt hot auf's Hihra' (Hirn, Stirn), und nocht mach e a G'sicht ond due an se na', als ob's m'r ebbes do' (gethan) hätt'! Die wurd se 'n schöna' Begriff macha' von mir! Die hält me doch g'wihß für da' dommsta'n ond o'g'hobelsta' Menscha'n em ganza' Ries? Ond wann's me vorhear oh g'möcht hätt, ietz mag's me g'wihß nemmer ond ka' me nemmer möga'! So'n Esel! I bedanket' me selber, wann e a Mädle wär!«

Der gute Bursche versank nach dieser desperaten Selbstanklage in eine dumpf-düstere Stimmung. Er war unerfahren, unschuldig, aber ein Mensch, der in seiner Art Anlage zum Reflectiren hatte. Diese Anlage begann unter den obwaltenden Umständen sich zu entwickeln und seinem Wesen einen neuen charakteristischen Zug zu verleihen. Je mehr er von sich hielt, je mehr Ansehen er bisher unter seinen Kameraden genossen, um so mehr forderte er von sich einem Mädchen gegenüber auch das rechte würdige Benehmen. Je weniger er aber im Stande war, sich so zu benehmen, wie ers seiner für würdig hielt, desto mehr kapitelte er sich hinterdrein selber, stellte sich vor wie er sich hätte benehmen sollen und können, ärgerte sich, daß er sich nicht so benommen habe etc. etc. -- kurz, er wurde ein denkender Mensch. Er unterhielt sich mit sich selber, er strafte sich, er quälte sich selber. Daß das Letztere nicht zu weit ging, dafür sorgte als guter Genius die Bauernnatur, die sich auch hier in natürlichen Gränzen bewegt und sich aus dem Quell der unbewußten Lebenskraft immer selber wieder herstellt.

Für jetzt sank er gleichwohl in Abgründe der Verzagtheit. Mit der Gret wieder eine Ansprache zu versuchen, kam ihm unmöglich vor. Er hatte eine stille Wuth gegen sich, eine stille Wuth gegen sie -- wie sollte er da reden? Und wenn er sich nöthigen wollte, müßte es nicht tausendmal ungeschickter herauskommen, als dießmal, wo er vergnügt war und im Grunde ganz gut angefangen hatte? -- Nein -- es half nichts. Einem Mädchen zu gefallen, hatte er nun einmal keine Gaben -- es ging nicht -- er mußte es aufgeben! --

Als er so weit gekommen war, ging er in den Hof, um sich an einer Arbeit zu erholen. Hier begegnete ihm seine Mutter. Sie sah ihn an und sagte: »Was machst denn du ha'et für a G'sicht?« -- »Ih, a G'sicht?« versetzte Michel. -- »Wie ka'n e des wissa'? Guck i ebba' en Spiegel?« -- »Gang weiter«, entgegnete die Schwabin, »du host ebbes! Hot d'r ebber (etwer, jemand) ebbes do'?« -- »Mir?« erwiederte Michel, indem er mit einer heroischen Miene aufsah, -- »mir ebbes do'? I wott's koem rotha'!« -- Er ging weiter, indem er bei sich dachte: »du därfst lang warta', bis e dir ebbes sag'!« -- Die Mutter sah ihm kopfschüttelnd nach. »Er ist halt doch net vergnüagt«, dachte sie, »und des ist natürlich! In deam Alter muß a'n ordentlichs Mannsbild a Weib haba' -- so'st isch nex!« -- Sie ahnte nicht, wie Michel sich schon abgemüht hatte, um ihre Herzenswünsche zu erfüllen.

Einige Tage ging unser Bursche melancholisch umher und wenn ihn beim Zurückdenken an seine Niederlagen ein Zorn anwandelte, so ließ er ihn an irgend einer Arbeit aus. Er bot denen, die seiner wahrnahmen, ein neues und eigenthümliches Bild. Schweigend hatte man ihn oft gesehen; jetzt sah man ihn »sinnirend« und vernahm hie und da grimmige Ausrufungen, wozu man keinen Grund wußte. Fragte man ihn darnach, so war die Antwort, sofern eine erfolgte, keine höfliche. Man wußte nicht, was man aus ihm machen sollte. Den Zustand seines Herzens ahnte Niemand im ganzen Dorf. Die einzige Person, die außer ihm davon Kenntniß hatte, schwieg nicht nur selber -- sie hatte auch jener Kamrädin ihre Vermuthung wieder auszureden gewußt und ihr das Versprechen abgenommen, sie mit dem Michel nicht in's Geschrei zu bringen. Es giebt Mädchen, die das Genie der Verschwiegenheit haben, d. h. die ohne besondern Vorsatz und mit Lust verschwiegen sind und sich an dem Geheimniß weiden. Die Gret war heiter und hoffte mit Zuversicht, ihre Wünsche gekrönt zu sehen -- sie brauchte nicht zu schwätzen.

Michel war es nicht; er war unmuthig und verzweifelte am Erfolg -- er spürte einen Trieb zu reden und konnte endlich einer Gelegenheit, sei Herz zu entlasten, nicht widerstehen.

Unser Enakssohn hatte einen Kameraden, der ihm unter allen Burschen, die zu ihm hielten, der liebste war. Kaspar, der Sohn eines Webers, hing mit aufrichtiger Theilnahme an Michel und wußte sich auch am besten in seine Manieren zu fügen. Obschon drei Jahre jünger, hatte er in Bezug auf das weibliche Geschlecht eine hinreichende Summe von Erfahrungen -- er wußte, wie man sie behandeln mußte, und galt darum auch »seinen Batzen« bei ihnen. Mittelgroß, »rahneng,« von angenehmer Gesichtsbildung hieß er bei ihnen nur »a nett's Bürschtle« und »a lustengs Männdle,« dem man gut sein müsse. Trotz der Gunst, die er bei den Spenderinnen der Lebensfreude erfuhr, hatte er doch nicht mehr Selbstgefälligkeit als allenfalls natürlich war; er genoß das Lob eines fleißigen Menschen und wußte sich unter den Mannsbildern ebenso den Ruf eines guten Kameraden zu bewahren. -- Dieser Bursche, zum Vertrauten wie geschaffen, wußte durch eine wohlgemeinte und geschickte Frage dem Michel sein Geheimniß zu entreißen. Allein mit ihm sah er den düster vor sich Hinstarrenden theilnehmend an und sagte dann: »Michel, di drückt ebbes! Wannd' mer's net geara' sakst, will e de net weiter froga'. Wann's aber ebbes ist, wo i d'r vielleicht helfa' ka', so red! -- Du woescht, wie e's moe (ichs meine).«

Diese treuherzig gesprochenen Worte machten des Leidenden Herz weich und folglich geneigt zur Mittheilung. »Ach,« erwiederte der Verliebte nach kurzem Schweigen mit einem riesenmäßigen Seufzer, »mi drückt freile ebbes!« -- »Was isch?« fragte Kasper. »Sag's, wann e's (ich es) wissa' därf!« -- »Am End,« erwiederte Michel, »bist du grad der Recht', der mer'n Roth (Rath) geba' könnt! -- No mei'dawega' (meinetwegen), i will der's saga'!« -- Er schwieg. -- »Nossa' (nun so dann),« mahnte Kasper. -- »Z'erst mueß e der saga',« erwiederte Michel mit tiefem Ernst, »daß koe Mensch ebbes davo'n enna' weara' (inne werden) därf!« -- »Gang weiter! Ben i a Schwätzer?« -- Die Möglichkeit, daß Kasper es doch unter die Leute bringen könnte, hatte aber den Michel schon aufgeregt. »Kerl,« rief er eine Faust machend, »wann d'ebbes sakst -- 's got d'r schlecht!« Der Andere kannte seinen Mann; er zuckte die Achsel und erwiederte: »Du bist net g'scheidt!« -- »Guet,« versetzte Michel. »Ietz woesch (weißt dus) -- und ietz will i der's saga'!« -- Wieder eine Pause. »I höar,« erwiederte der Andere, indem seine Mienen sich ahnend erhellten. -- »No,« begann endlich Michel mit neuer Anstrengung, »doh (da) die Great -- d's Maurers seine moen' e« -- Kasper sah den wiederholt Innehaltenden mit gutmüthig schlauem Lächeln an und rief, ihn ganz durchschauend: »Fehlt's d'r doh?« -- »Ja, Bruder,« ging's endlich aus Michel heraus, »doh fehlt's m'r! Des Mädle g'fällt m'r, die mueß e haba -- -- und Kreuzdonner ond's Wetter: i woeß net, wie e's a'fanga' soll!«

Kasper unterdrückte das Lachen, das ihn bei diesem Bekenntniß anwandelte, und forderte ihn auf, ihm zu sagen, wie's eigentlich stehe. Michel, einmal im Zuge, erzählte Alles, und zwar mit einer Naivität, bei welcher der Erfahrene, wenn er nicht lachte, doch wenigstens zu »schmöhzeln« (schmunzeln) nicht umhin konnte.

Bekanntlich hat der Mensch nicht leicht eine angenehmere Empfindung, als wenn er an einem Andern, der ihm bisher Respekt abgenöthigt hat, plötzlich eine Schwachheit entdeckt. Es gibt deren, die eine solche Wahrnehmung geradezu beseligen kann und die das so erlangte Wohlgefühl zu den höchsten Genüssen zählen, womit der Himmel die armen Sterblichen begnadet hat. Sogar Freunde, will man wissen, sollen in diesem Fall erheitert werden und aussehen, als ob ihnen ein Glück widerfahren wäre! Und ihr Benehmen gegen den Träger dieser Schwachheit soll nach der Entdeckung ein vielfach anderes sein, als vorher! -- Wir lassen diese Behauptung in ihrer Allgemeinheit auf sich beruhen, müssen aber der Wahrheit gemäß bekennen, daß unser wackrer Kasper bei der Erzählung seines Kameraden eine ziemlich lebhafte Genugthuung empfand und in seinem Gesicht einen Ausdruck heiterer Ueberlegenheit zeigte, den er vorher nie gegen ihn hatte blicken lassen.

»Des isch, was me drückt,« schloß Michel seinen Bericht. »Schlechter, des wurscht selber saga', hätt's net ganga' könna', und Alles ist verspielt. I ben eba' zom O'glück geboara', und mit mei'r Fräd isch aus auf der Welt!« -- »So,« versetzte Kasper, indem er ihn mitleidig ansah; -- »willst de net lieber glei gar versäufa'?« -- Michel schaute ihn an. »Du bist a Narr,« fuhr Kasper fort, »des sag d'r ih! Nex ist verspielt, gar nex!« -- »So,« erwiederte Michel, »wamma' se so o'gscheidt benemmt ond« -- »Dei' Benemma' schad't d'r gar nex,« fiel Kasper ein. »Des ist eba' d'Liab! D'Liab macht verwirrt, ond wamma' verwirrt ist, macht ma' Dommheita'. Aber d'Liab ist ja eba', was d'Mädla' haba' wöllet! ond wann oer vor lauter Liab duet als ob 'r narred wär, globst, des nemmt d'r oena'nübel? Ja bis Wuch (auf die Woche d. h. niemals)! Fräa' duet se's ond geara' hont's so oen!« -- Dem Michel schien dieß einzuleuchten. »Du ka'st Rehcht haba',« sagte er getrösteter. »'S ist wohr, i därf me no' net ahschrecka' lossa'!« -- »Wie moest,« setzte er mit neuerwachtem Muthe hinzu, »soll e glei rausrucka' mit der Farb? Soll e saga', daß e's heiricha' will?« -- »Des got net,« entgegnete Kasper mit der Miene der Autorität. »Ma' mueß net mit der Thür en's Haus falla'! Allweil oes noch'm Andra'! -- Z'erst muescht doch oh seha', ob's de haba' will!« -- »Ja so,« versetzte Michel wieder etwas herabgestimmt. »Was soll e denn aber so'st doa' (thun)?« -- »G'späß macha',« erwiederte Kasper munter. »Siksch (siehst du), des ist d'Hauptsach. Da' Mädla' g'fällt nex besser, als Narrheita! Z'erst G'spaß und nocht Ernst -- des ist der recht Weg! Foppa' mueß ma's ond ploga', wamma' zo ebbes komma will! Je meaner (mehr) as (als) ma's plogt, je lieber as oen hont (haben)!« -- Dem geradsinnigen Michel schien diese Behauptung sehr gewagt; er sah den Rathgeber fragend an. »Du globsch wohl net?« sagte dieser; und als der Bursche den Kopf schüttelte, fuhr er fort: »Weil d'eba' koe Erfahreng host en deana' (diesen) Sacha'! Siksch, des ist so! Wann e a Mädle fopp ond plog, no sikt's, daß e ebbes mit 'r haba' will, no sikt's, daß e's liab -- ond 'n Spaß hot's obadrei'! Ond so went (wollen) se's grad haba'!« -- Michel begriff; er sagte mit Anerkennung: »Kapper (traulich: Kasper), du bist a verfluechter Schlengel!« -- »No,« erwiederte Kasper behaglich, »wann e des net wihßt!«

Es erfolgte eine kleine Pause, in der Michel auf's neue bedenklich wurde. »Ja,« begann er zögernd, »wann e aber nocht G'späß macha' will ond 's g'rothet mer net? Wann e me widder o'gschickt a'stell -- wie doh?« -- »Des wär freile fehlerhaft,« erwiederte Kasper mit Ernst. »Eweng därfa't (dürfen) Dommheita' net daura', so'st verliera't d'Mädla' da' Respekt!« -- »Doh hosch (hast du's)!« versetzte Michel mit einem Ausdruck, als ob nun er wieder Recht hätte. »Ond mir isch grad so, als ob's mer net g'rotha' könnt! Was ietz?« -- »No,« erwiederte Kasper mit einer Art von Unmuth, »doh ka'n e d'r koen andera' Roth geba', als daß d'r eba'n a bisle meaner ei'bildst! Kott's Heidablitz! A Kerl wie du! Ist des koe Ehr' für so a Mädle, wann du 'n G'falla'n an 'r host? Mueß (sie) doh net stolz drauf sei'?« -- »Ih sott's (sollt' es) beinah globa',« bemerkte der Enakssohn mit entsprechendem Selbstgefühl. Und Kasper erwiederte: »No, ond wann d'net vergischt, wer du bist, nocht wurscht oh reda' und G'späß treiba' könna' mit so'm Deng doh!« Ruhiger setzte er hinzu: »Ma' mueß se net gar z'viel macha'n aus da' Mädla' -- des ist a Fehler! Drom wamma'n amol a bisle z'hitzeng g'wesa'n ist, no mueß ma'n extra widder a weng huf (zurück) ganga' und doa' als ob ma' gar wohl ohne se leba' könnt! Nocht kriega' sie widder 'n Luhst! -- Also, bei d'r nächsta' G'legenheit duast, was e d'r g'sakt hab', ond i garantir d'r, sie kommt d'r!« -- »I will seha',« erwiederte Michel. Dann, nach kurzem Schweigen, setzte er hinzu: »Also nommol (nochmal)! D's Maul g'halta'n oder« -- Er machte mit der Faust eine verständliche Bewegung. Kasper lachte. »Du wärst am End em Stand und brächst mer da' Hahls, zom Dank für mein' gueta' Roth?« -- Michel, wieder auf seinem Boden stehend und sich fühlend, erwiederte: »Wann de dernoch aufführa' dätst -- 's käm m'r net drauf a'! -- No, ietz b'hütet de Gott!« -- -- --

Michel war durch die Aufklärung des gewandten Kameraden in der That getröstet und faßte wieder frischen Muth. Das Gefühl seiner Kraft und das Vertrauen auf sich selbst kehrte zurück. Es war ihm zuweilen, als ob er nur hingehen dürfte zu der Gret, um Spaß zu machen nach Noten! Aber extra zu ihr gehen, das wollte er nicht: da würde sie ja glauben, daß er's gar zu nothwendig hätte -- und das sollte sie nicht! -- Er wollte die Gelegenheit abwarten, dann aber auch benutzen.

Eines Nachmittags schlenderte er gemüthlich auf dem Anger hinter seinem Garten. Es war ein Sonntag; er hatte gut gegessen, ein wenig »gedurmt« (geschlummert), sich dann schön angezogen, die Pfeife in den Mund gesteckt und war hieher gegangen, um zu sehen, was ihm weiter belieben werde. An einem solchen Nachmittag fühlt sich der Bauer immer behaglich, sogar wenn er verliebt ist. Michel ging langsam, blieb zuweilen ein bischen stehen -- er dachte an die Gret. Er war heute so unternehmungslustig und dabei so sicher! »Jetzt wann's mer käm',« dachte er -- »Sapperment nei'!« -- Er ging wieder einige Schritte und sah umher -- und wie's denn manchmal geht, dort, den Weg von der linken Gasse zum Anger herunter, kam die Gret! Michel eilte mit großen Schritten zum Ausgang des Wegs, um sie noch eben zwischen den Gärten zu treffen. Sie sollte ihm nicht entwischen -- sie sollte ihm Rede stehn und nicht mit einem bloßen Gruß davon kommen!

Es gibt auf dem Lande nichts Reizenderes als jene Gänge zwischen lebendigen Hecken, die eben breit genug sind, daß man sich ausweichen kann. In der schönen Jahreszeit, wo die Hecken grünen und blühen, wo der trockene Weg von Gras und Blumen eingefaßt ist, gewährt es ein wahrhaft poetisches Vergnügen, hindurchzuspatzieren, zumal wenn beim Schein der Sonne der Schatten dicht belaubter Gartenbäume drüber fällt. Es ist so traulich und so heimlich darin, daß man nur bedauert, so bald wieder ins Freie zu kommen! --

Ein solcher Gang war es, in dem unser Michel die Geliebte festhalten wollte. Seine großen Schritte hatten bewirkt, daß er noch rechtzeitig kam: die Gret ging erst in der Mitte des Weges. -- Wie schön war sie! Sie hatte an dem warmen Tage keinen Kittel an: in blendendweißen Hemdärmeln, in gestreiftem, farbigem Mieder und rothem Halstuch kam sie ihm entgegen. Die Kleider standen ihr so gut, ihr Gang war so geschickt: das Dienen in der Stadt hat eben doch seine großen Vortheile! -- Dem guten Michel lachte das Herz im Leibe, als er sie ins Auge faßte. Wann aber das Herz lacht, dann schwebt es und kann consequenterweise nicht -- -- -- fallen. Unser Freund behielt seinen Unternehmungsgeist, obwohl die Gret mit schelmisch heiterm Antlitz näher und näher kam; und als sie endlich vor einander standen, sagte er heroisch: »No Margreat, wo kommst denn du hear?« -- »Von der Fischere«, war die Antwort. -- »So! -- Ond wo willst denn he'?« -- »Hoem! -- I ben mit 'm G'strick ausganga' -- ond hab d's Gara' (Garn) vergessa'!«

Unser Bursche machte ein curioses Gesicht. Es schien ihm hier eine vortreffliche Gelegenheit gekommen, die Gret zu foppen und zu plagen, und er beschloß sie zu benutzen. Sich breit auf den Weg hinstellend sagte er mit schlauer Miene: »Doh hommer's (da haben wirs)! An was host ietz doh denkt?« -- Die Gret, seine Gedanken errathend, erwiederte: »Ja, wann e's saga' dät!« -- »No«, versetzte Michel, »des ka'n e mer fürstella': an a Mannsbild!« -- »So?« entgegnete die Gret schnippisch. »Woescht du des so gwihß?« -- »Wamma (wenn man) des net wihßt!« versetzte Michel mit selbstgefälliger Sicherheit. »Des ist ja doch uir (euer) oezengs Dichta'n ond Drachta'!« -- »Doh bildet 'r ui (ihr euch) doch a bisle z'viel ei'«, erwiederte die Gret. -- »Bah«, rief Michel im Hochgefühl des Rechthabens, »wär koe Wonder, des wär net bekannt!« -- Das Mädchen versetzte mit einem Schein von Ernst und Schärfe: »Ma' sakt manchmol, es sei ebbes so, derweil hätt' ma nor geara', daß so wär! Omkeart (umgekehrt) wurd a Schua' (Schuh) draus!« -- »Ho ho!« rief Michel. -- »Uir (ihr) Mannsbilder«, fuhr die Gret fort, »lebet en der Ei'bildeng -- und des ist natürlich. Uir wisset net, was o's (uns, wir) denket; aber o's wisset, was uir denket!« -- »Des wär' der Deufel!« versetzte Michel, verwundert über die kecke Behauptung. »Wie sottet'r (solltet ihr) des wissa?« -- »Wie?« erwiederte die Gret, indem sie ihm heiter ins Gesicht sah; »weil d'r (ihr) uire Gedanka' verrothet, weil d'r o's nochloffet (nachlauft)!« --

Michel war betroffen. »D's Ohs hot Rehcht,« dachte er in einem Moment des Schweigens. Es blieb ihm indeß noch der Ausweg, die Thatsache zu läugnen -- und das that er tapfer. »Bah«, rief er geringschätzig, »wear duet des? A rechter Kerl net!« -- »Ih«, setzte er mit Stolz hinzu, »ben mei' Lebteng no' koer nochgloffa'!« -- »Ist des wohr?« fragte die Gret lächelnd. -- »So wohr i dohstand«, sagte der Ehrliche. Die Gret, die recht wohl gesehen, wie der Enakssohn zu dem Durchgang geeilt war, hätte bei dieser naiven Behauptung beinahe gelacht; allein sie unterdrückte die Anwandlung und sagte scheinheilig: »Doh ist d'r also oh gar net drom z'doa', daß d' mit oer redst?« -- Michel ahnte, wo sie hinaus wollte; aber er hatte A gesagt und mußte B sagen, und ohnehin wollte er sie ja uhzen (foppen)! Heroisch erwiederte er: »Gar net! -- I wihßt oh net, worum!« -- »So«, sagte die Gret, »doh mueß e m'r ja nocht a Gwissa' draus macha', doß e de mit mei'm Gschwätz aufhalt. -- Bhüet de Gott!« Sie wollte vorbei. Michel war aber nicht gemeint, eine Unterhaltung, die bis jetzt so schön gegangen war, so schnell abbrechen zu lassen; er rief mit Eifer: »So wart nor no' a weng! -- Du wurscht doch Gspaß verstanda'?« -- »Des scho',« versetzte die Gret; »aber i muß ietz zu meina' Kamrädenna'!« -- »Gang weiter«, entgegnete Michel, »lauter Weibsbilder! Was wurd des für a'n Onderhalteng sei'!« -- »O«, rief die Gret, »o's onderhalta' se recht guet!« -- »Was net no'!« erwiederte Michel seinerseits ironisch. Und selbstgefällig setzte er hinzu: »Von was hont'r (habt ihr) ietz gredt?« -- Die Gret sah ihn an und ihre Lippe zuckte unmerklich. »Von was redt ma'«, sagte sie dann, vor sich hinschauend, »wamma' se guet onderhalta' will: von da' ledenga' Burscht'!« -- Michels Gesicht klärte sich auf. »No, was hab' e gsakt?« rief er. »Ietz gibst m'r doch selber Rehcht!« -- »I hab me verschnappt«, erwiederte die Gret. -- »Ja, ja«, fuhr Michel fort, »d'Mannsbilder stecket ui (euch) em Kopf -- des woeß e ja!« -- »No«, setzte er in behaglichem Stolz hinzu, »en was für 'r Art hont 'r von es (uns) gredt?« -- »Mer hont g'rotha«, erwiederte das Mädchen nach kurzem Zögern, »weller (welcher) ietz wol d'r G'scheidtst ist em Doraf!« -- »So«, versetzte Michel. »Send 'r oeneng (einig) woara'?« -- »Noe«, erwiederte die Gret. »Jeda' hot 'n andera' a'geba'!« -- »Natürlich«, bemerkte unser Bursche, indem ihn das Vergnügen über die entlarvte Schwäche der Mädchen verhinderte zu sehen, welche Gefahr er selber lief. »Wean host denn aber du a'geba'?«

Es giebt eine Mischung von Unschuld, Ungeschicklichkeit und Selbstgefälligkeit, die auch wohlwollende Naturen reizt, den Träger derselben, was man sagt, anlaufen zu lassen. Die Absicht, necken zu wollen, fordert heraus, und das Unvermögen, das in keiner Art zur Sache kommt, erweckt ein Verlangen, zu strafen. Unsre Gret fühlte einen Antrieb dazu und konnte ihm diesmal nicht widerstehen; sie erwiderte: »I hab no' gar koen a'geba' -- i hab koen gwißt. Aber ietz -- ietz woeß e oen -- ond ietz muß e eila', daß e widder z'ruck komm. Mei'r (meiner) wurd gwihß alla'n ei'leuchta'!« -- Nach einem Blick, dessen Bedeutung nicht zu verkennen war, schlüpfte sie an ihm vorbei und ging rasch weiter.

Michel sah ihr nach -- -- er fühlte mit einemmal, was die Gret ihm angethan, und die Röthe der Scham überströmte sein Gesicht. Bald erhob sich der Zorn in ihm und verstärkte das Roth zu düsterem Braun. »Wann de nor der Deufel holla' dät,« rief er -- »du Hex du! -- Hot ihren Spoht (Spott) auf m'r und stellt me he' wie'n Esel! -- O wann e's nor doh hätt' --« Er hielt inne. Es fiel ihm ein, daß er hier gehört werden konnte, und die Furcht, dem ganzen Dorf zum Gespött zu werden, hieß ihn abbrechen. -- Langsam ging er zurück. Er dachte nach, wie er zu diesem Verdruß gekommen sei -- und lachte bitter. »I hab's foppa wölla'! Die do, d's ärgst Ohs em ganza' Dorf! Doh ben ih d'r recht Ma' derzue!« -- Nach einer Pause setzte er unmuthsvoll hinzu: »Der Kapper ist a'n Esel gwesa' mit sei'm Roth, und i a Narr, daß e'm gfolgt hab! -- Des hot grad no' gfehlt! Des hot d'Butt bonda (die Bütte gebunden, die Sache fertig gemacht)!« -- Am Ende des Ganges blieb er stehen und ließ eine Zeitlang gedankenvoll sein Haupt hängen. Endlich murmelte er: »'S soll amol net sei'! I gib m'r alle Müa ond dua', was e ka' und hab nex als Verdruhß ond Onear (Unehre) dervo'. Noe, noe -- i loß d's Heiricha sei'! Aus isch ond gar isch! --«

Als er bei diesem desperaten Satz angekommen war, hörte er Tritte in der Nähe und schaute auf. Es war die Gret, die mit dem Garn zurückkam. Daß sie's dem guten Michel so arg hinausgegeben, hatte sie doch ein wenig gereut, und ihr Gesicht drückte jetzt Wohlwollen und Freundlichkeit aus. Wie sie ihn aber dastehen sah mit der trotzig verlegenen Miene, da änderte sich ihre Stimmung etwas. Sie konnte sich nicht enthalten, mit neckischer Verwunderung zu fragen: »No Michel, stost (stehst du) no' allweil doh?« -- Der Bursche, auf's neue gereizt, erwiederte: »Dirdawega (deinetwegen) net!« -- »O,« versetzte Gret, »des bild e m'r oh net ei'! Kott's Blitz! doh mueß e nor macha', daß e d'r bald aus da'n Oga' komm!« -- »I halt de net auf!« rief Michel. -- »Hu hu!«, erwiederte die Gret, und rasch verschwand sie in dem Gange.

Michel, in dem Gefühl, daß es nun wirklich aus sei, verließ mit langsamen Schritten den Anger. Er suchte den Kasper auf und traf ihn allein in seinem Garten. »No,« sagte er unmuthig zu ihm, »du host m'r 'n schöana' Roth geba', des mueß e saga'! Du bist a gscheidter Kerl!« -- Der Kamerad sah ihn verwundert an und fragte: »Wie so?« -- »No doh mit dei'm Foppa'n und Ploga', wo d'me a'glearnt host! -- Des ist a Dommheit gwesa'!« -- Kasper ahnte was vorgefallen war; er forderte ihn auf zu erzählen, was passirt sei, und Michel gab ihm, so gut er konnte, ein Bild von dem Verlauf der Ansprache.

Wie lächerlich die Geschichte dem Erfahrenen und Gewandten auch vorkam, so hielt er es im Moment doch weder für rathsam zu lachen, noch das Benehmen des Burschen zu tadeln. Er richtete seine Kritik gegen das Mädchen und sagte: »'S ist a'n Ohs!« -- »So,« erwiederte Michel, für welchen diese Zustimmung etwas Angenehmes hatte, »siksch ietz oh ei'? -- Freile isch a'n Ohs, d's ärgst em ganza' Doref! Für da' Narra' hot's me ghett; -- ond für da' Narra' dät's me halta, so ofts könnt' -- wann i net gscheidter wär! Aber doh wurd a Riegel fürgschoba'! Koe Wöartle mea' (mehr) red e mit'r. Nemmer a'seha' du e's (thu ich sie)!« -- »No, no,« warf der Kasper ein, »gar z'hitzeng muest oh net sei'. Durch des, was d'mer verzählt host, ist no' net bewiesa', daß's de net mag!« -- »Was,« rief Michel, »doh isch no' net bewiesa?« -- »Noe,« bemerkte Kasper. »Du host sie foppa' wölla'n aus Lieb, ond sie hot di gefoppt -- vielleicht oh aus Lieb!« -- Der Bursche konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, ein wenig zu lächeln und rasch loderte in Michel der Zorn empor. »Willst du me oh no' für da' Narra haba'?« rief er, indem er ihn grimmig anschaute. »Des net,« erwiederte Kasper. »Aber d' Mädla' deant (thun) oft grad d's Conträre von deam, was denket! Der Spoht« -- »Mach me net wild,« fiel Michel ein. »Wean e verspott, auf dean halt' e nex! Du bist a'n Esel, wann's anderst sakst!« -- Kasper zuckte die Achseln. »Du bist halt a grober Kerl,« versetzte er. -- »Weil e Rehcht hab,« entgegnete Michel. »Doh ben e doch a weng z'guet dafür, doß e so'm Fratza' da' Narra'n ahgib! -- Nex doh! Aus isch ond gar isch!« --

Beim braunen Bier.

Ein Mädchen wie die Gret gefiel natürlich mehreren ledigen Burschen. Zwei oder drei Handwerker hätten gern mit ihr anbinden mögen, aber sie erfuhren, daß sie schon angebunden war -- sehr kurz nämlich ihnen gegenüber, die etwas dreist vorgehen wollten. Auch ein paar Bauernsöhne schauten sie mit großem Wohlgefallen an und einer schien gute Lust zu haben, sie zu dem Rang seiner Geliebten zu erheben. Es lag indeß nicht in der Art des Mädchens, nach einer solchen Verbindung zu streben. Sie war zu fröhlich, um ehrgeizig zu sein, und verspürte keine Neigung, zwischen Sohn und Eltern Streit zu veranlassen und sich durch Händel und wüsten Lärm zu einer höhern Stellung durchzukämpfen. Die Liebe, die ihr den heroischen Muth dazu vielleicht gegeben hätte, meldete sich nicht, und so erfuhr der junge Bursche bei dem zweiten Annäherungsversuch eine lachende, aber deutliche Abweisung.

Wenn sie die sämmtlichen Dorfbursche durchging, war und blieb es eben unser Michel allein, bei welchem ihr Herz sich regte. Zu ihm verspürte sie nachgerade einen Zug, über den sie sich selber wunderte. Sie hatte gesehen, daß es der ärgste »Lackel« sei im ganzen Dorf -- unerfahren wie ein Kind, und so ungeschickt, daß er einen ordentlich dauerte. Aber der ungeschickte Kerl war ihr der interessanteste! Sie mußte immer wieder an ihn denken; sie fühlte einen Trieb zu überlegen, ob ihm nicht zu helfen sei, ob er nicht doch am Ende gescheidter sei als er aussehe, und ob ihm der Verstand nicht noch kommen könnte, wenn auch spät, u. s. w. -- Wer in Herzensangelegenheiten erfahren ist, der weiß, was dieses Spiel der Gedanken für Folgen hat. Eben im Scheine solcher Vorstellungen entwickelt sich der Keim einer Neigung; die heitere Beschäftigung mit dem Bilde kommt dem Original zu Gute, und dieses ist zuletzt in der Lage, erndten zu können, wo es persönlich gar nicht gesät hat. Die Gret gewöhnte sich an die Vorstellung des Michel und an den Gedanken, daß er für sie bestimmt sei. Bald war sie mehr verstrickt, als sie selber ahnte; und während der gute Bursche glaubte, seine Sache sei verloren, stand sie just so gut als möglich.

Je mehr Ernst in die Neigung kommt, desto weniger läßt man dem Gegenstand etwas thun, desto weniger will man Scherz mit ihm treiben. Als die Gret bedachte, wie sie den Michel bei dem letzten Diskurs doch abgeführt hatte, fühlte sie Gewissensbisse und auch eine plötzliche Sorge, er könnte so bös geworden sein, daß er gar nichts mehr von ihr wissen wollte. Dies Letztere schien ihr bei näherer Betrachtung nicht gerade wahrscheinlich; aber doch nahm sie sich vor, bei nächster Gelegenheit sich nicht wieder vom Uebermuth hinreißen zu lassen, sondern mit seinem guten Willen vorlieb zu nehmen und ihm wohlmeinend unter die Arme zu greifen.

Eine Reihe von Tagen war vergangen und sie hatte den Burschen nicht wieder gesehen, außer von weitem. Daß er jetzt keinen neuen Versuch machte, mit ihr zu reden, begriff sie, und es war ihr lieb, daß sie sich in der ersten Zeit nach jenem Auftritt im Heckengang nicht zufällig begegneten. Der Aerger in Michel sollte erst verdampfen und der Liebe wieder Platz machen; dann wollte sie ihn so freundlich grüßen, daß er gewiß wieder Muth bekam und mit ihr ein erwünschtes Gespräch anfing. Sie hatte eine sehr angenehme Empfindung bei der Vorstellung, das er dann das rechte Wort finden könnte, sie ihm sagen müßte, wie's ihr um's Herz sei -- und Alles zu gutem Ende käme.

Endlich führte sie der Zufall einander entgegen. Sie kam von der Wiese, er ging hinaus. Als das Mädchen seiner ansichtig wurde, erröthete sie etwas und sah lieblich heiter aus; sie wollte ihn grüßen so schön wie sie's nur konnte! Allein in ihm hatte der Anblick derjenigen, die ihn für'n Narren gehabt, schon den Unmuth wieder angeregt; und wie er nun gar ihr Vergnügen wahrnahm, das nach seiner Meinung nur Spott sein konnte, loderte ein ganz ehrlicher Zorn in ihm auf. Er machte ein Gesicht so »wild« als möglich; die Gret, bei dem Anblick etwas verhofft, sagte guten Tag lange nicht so schön wie sie sich's gedacht hatte -- und der Gegrüßte ging vorüber, ohne zu danken. Ihrerseits verletzt, sah das Mädchen ihm nach und schüttelte den Kopf. »Also doch,« sagte sie einigermaßen verlegen und ging langsam weiter. Bald aber tröstete sie sich. »Er moent eba', d's erstmol muß er doch no' trutza'! 'S ist a Mensch ohne Manier! Aber er moet's doch net böas -- ond d's nächstmol wurd er scho' danka'!« --

Bei der nächsten Begegnung schaute das Mädchen den Burschen erst erwartend an; ihre Wünsche hatten die Hoffnung schon so sehr wieder belebt, daß sie meinte, er könnte zuerst grüßen. Als er sich aber mit düsterm Gesicht näherte, ohne eine Miene zu verziehen, rief sie: »Godden Tag, Michel« in dem Ton einer Gekränkten, als ob sie hinzusetzen wollte: »Worom grüescht me denn net? Hab' e d'r denn ebbes do'?« Dieser Ton traf unsern Burschen; aber da er beschlossen hatte, trutzend an ihr vorüberzugehen, so war nicht von ihm zu verlangen, daß er in dem einzigen noch übrigen Moment diese Bestimmung änderte. Er führte demnach seinen ersten Gedanken aus, weil er einmal im Schuß war, und beleidigte nun freilich die wohlmeinende Gret in einer Weise, die ihrerseits einen Entschluß hervorrufen mußte. Sie schaute sich diesmal nicht um, sondern ging mit rötherem Gesicht weiter und murmelte für sich: »'S ist a Dommkopf ond bleibt oer! Mit deam ist nex a'zfanga'! No meit'weg! Vo' mir soll'r net weiter encommodiert weara'!« --

In Folge dieser niederdrückenden Erfahrung gerieth das gute Mädchen in einen Gemüthszustand, der ihr neu war, den sie aber eben darum sorgfältig geheim zu halten suchte. In die Heiterkeit ihres Innern war ein Schatten gefallen. Sie wurde leichter ärgerlich als früher, sie fühlte sich in andern Augenblicken weicher als sonst und eine Art von Trauer wandelte sie an, so daß sie ein Verlangen empfand, ihr Herz einer Kamerädin aufzuschließen. Allein das zu thun, schämte sie sich doch allzusehr; sie fühlte, daß es ihr nicht anstand, und schwieg. Auf sich selber beschränkt, gab sie sich stillen Erwägungen hin. Es begegnete ihr, daß sie überlegte, welcher von den übrigen Burschen wohl derjenige sei, der sich am besten für sie passen würde. Sie konnte sich für keinen entscheiden; aber indem sie sich vorstellte, wie einer »mit ihr ging«, erquickte sie sich an dem Gedanken, daß der Michel sich recht darüber ärgerte. Denn das wußte sie: ärgerlich war es ihm doch, wenn sie einen Andern hatte, so ein dummer und einfältiger »Stoffel« er auch war. --

In dieser Zeit kam ein junger Mensch in's Dorf zurück, der auswärts gearbeitet hatte. Es war der Sohn eines der zwei Schneider, die der Ort nährte -- selbst Künstler mit der Nadel und das, was man auch auf dem Land, wenigstens im Ries, »a gallants Bürschle« nennt. Weder groß noch stark, sondern eher klein und schmächtig, war er doch gut gewachsen; und wenn sein helles, glattes Gesicht etwas zu mädchenartig ließ, so war das für gewisse Jungfrauen kein Grund, weniger davon zu halten. Bei viel natürlicher Gutmüthigkeit besaß er eine bedeutende Portion Selbstgefühl, das sich auf die Ansicht gründete, daß ihm an Feinheit, Geschicklichkeit und höherem Anstand keiner der gegenwärtigen Burschen des Dorfes gleich käme. Er hatte in der kleinen Stadt, in der er sich aufgehalten, allerlei Redensarten gemerkt, die er bei Gelegenheit zum Besten gab, sprach ein wenig »hochdeutsch,« wenn's drauf ankam, und hatte für sich eine Mischung von bäurischer und städtischer Kleidung erfunden, die seiner Erscheinung etwas besonders Nettes gab. Einmal war ihm der Gedanke gekommen, ob er nicht vielleicht zu etwas Höherem bestimmt sei und in der weiten Welt sein Glück suchen sollte. Aber sein Vater wurde alt, er hinterließ ihm ein Haus und Feldgüter, und in diesem Betracht schien es doch gerathen, auf sein ehrgeiziges Projekt zu verzichten und als Geselle des Alten die Zeit zu erwarten, wo er sich als Meister im Dorf setzen konnte.

Jakob -- so hieß unser Schneider -- war mit dem Maurer befreundet und kehrte bald nach seiner Ankunft bei ihm ein. Die stattliche Schönheit der Gret überraschte ihn und machte auf sein leicht erregbares Herz sogleich einen mächtigen Eindruck. Er nahm sich zusammen, setzte die Reden und sagte dem Bäschen Schmeicheleien, die ihr nach seiner Meinung unendlich wohlthun mußten. Die Gret lächelte, halb schelmisch, halb wirklich vergnügt, und nun kam sie ihm so reizend vor, daß eine Stimme in ihm rief: »Dieses Mädchen mußt du kriegen!« -- Die Gret konnte ebenfalls hochdeutsch reden, wenn sie wollte, und es hatte bei ihr überhaupt Alles einen andern Furm (Form) als bei den Mädchen, die nie aus dem Dorf hinaus »geschmeckt« hatten: waren sie beide nicht recht eigentlich für einander geschaffen? -- Freilich war sie fast einen halben Kopf größer wie er, und dieses Verhältniß hätte er umgekehrt lieber gehabt; allein im Grunde, schadete das was? Es gab Exempel, wo eine große Frau und ein etwas kleinerer Mann recht gut mit einander gehaust hatten. »Wenn sonst nichts fehlt,« dachte der gute Bursche, »das kann man sich gefallen lassen!« Und darin hatte er ganz Recht: wenn sonst nichts fehlte, dann stand es vortrefflich.

Vor der Hand fehlte indeß noch die Hauptsache: die Gret hatte von ihm keineswegs eine ähnliche Ansicht erlangt, wie er von ihr, und ihr war es gar nicht so vorgekommen, als ob sie für einander geschaffen wären! -- Als ein kluges und natürliches Mädchen durchschaute sie den Burschen sogleich. Er war gutmüthig und eitel -- so recht einer von denen, die eine Gescheidte am Narrenseil führen kann, ohne daß sie's merken. Ein »Männdle«, mit dem eine Lustige zu ihrer Unterhaltung spielt, von dem sie sich flattiren und Gefälligkeiten erweisen läßt und den sie dann ohne große Gewissensbisse nach Hause schickt, wenn sich ein Besserer meldet. Wie hätte die Gret vor so einem Respekt haben können? Wenn sie aber keinen Respekt haben konnte, dann konnte sie auch nicht lieben. -- Das lag in ihrem Wesen und das merkte sie auch nachgerade selbst.

Unser Schneider hätte sich eher alles Andre einfallen lassen, als daß die Gret über ihn solche Gedanken hegte. Er hatte den besten Muth; denn Alles zusammengenommen, konnte so ein Mädchen nicht von Glück sagen, wenn sie ihn bekam? Er war eifrig, dieß lag in seiner Natur; aber er war eifrig mit Zuversicht. Zunächst kehrte er beim Vetter Maurer ein, so oft es anging, und wenn er der Gret einen Gefallen thun konnte, so ergriff er die Gelegenheit mit Begierde. Als sie in diesen Tagen einen neuen kattunenen Kittel zu haben wünschte, fertigte er denselben (denn er war Männer- und Frauenschneider) in kürzester Zeit und brachte darin eine sinnreiche Neuerung an, indem er behauptete, ein Mädchen, die in der Stadt gewesen sei, müsse sich feiner tragen als eine gewöhnliche Bauerntrutschel! Er brachte ihr von Hause Sträußchen mit und spitzte dabei seine Complimente so fein zu, daß er selber daran seine Freude hatte. Kurz er huldigte der Schönen auf eine Weise, der man ansehen mußte, daß er sie anderswo gelernt habe, als zu Hause bei seinem Vater.

Nach und nach fand die Gret doch Gefallen daran. Der Schneider hatte aber auch eine günstige Zeit getroffen. Die Spannung zwischen ihr und Michel dauerte fort. Bei einer dritten Begegnung hatte sie, wie natürlich, ihn nicht gegrüßt, und er war mit einem nur um so »wildern« Gesicht an ihr vorübergeschritten. Die Grobheit eines Menschen, dem sie vor Allen den Vorzug gegeben hätte, verdroß das Mädchen im Innersten ihres Herzens, und in diesem Zustande hatte die Höflichkeit des Schneiders etwas Wohlthuendes für sie. Sie brauchte einen Ersatz, der junge Vetter gewährte ihr ihn, und sie konnte sich nicht enthalten, ihn freundlich dafür anzusehen. Einmal, in weicherer Stimmung, dankte sie mit besonderer Wärme, und dem Blick, mit welchem sie die Worte begleitete, gab die Dankbarkeit der gerührten Seele einen Glanz und einen Schmelz, wie ihn der Schneider noch nicht gesehen. Jetzt konnte er sich nicht mehr täuschen; das schöne Bäschen gehörte ihm, sie hatte sich verrathen! Jetzt durfte er nur reden und die Sache war fertig! -- Er redete zunächst doch nicht; vielleicht weil er des Sieges gewiß war, oder weil ihn der schelmische Genius, der sein Loos zu weben hatte, davon abhielt. Das konnte er sich aber nicht versagen, beim Abschied die Zuversicht seines Herzens mit wohlgefälliger Miene fein anzudeuten.

Die Gret sah ihm trübe lächelnd nach. »Du guts Bürschtle« rief sie für sich und zuckte die Achseln. -- Ihre Gedanken nahmen den Lauf wieder zu dem Enakssohn. Nach einer Weile sagte sie: »Könnt' ietz der Michel net oh höflich sei' und dischgeriera' und flattiera' wie der Schneider? Mueß denn grad der, den e möcht', der gröbst und der dommst sei' em ganza' Doraf? 'Sist doch nex en der Welt, wies sei' soll!« --

Wenn sie in andern Momenten wieder dachte, Michel könnte sich am Ende doch bessern, so erfüllte dieser ihre Erwartung fürs erste nicht. Er trutzte weiter -- er wollte in der That nichts mehr von ihr wissen; d. h. er wollte im Grunde immer noch gar viel von ihr wissen, aber er gab es nicht zu erkennen. Die Besuche des Schneiders und die Reden, die darüber im Dorf umzugehen anfingen, brachten in seinen Gedanken keine Aenderung hervor. Daß ein Mädchen wie die Gret so einen »Krampen« wie den Schneider möge, konnte er fürs erste nicht glauben. Wenn sie ihn aber mochte, wenn sie so einen »miserabeln Kerl« lieber haben könnte, als ihn, dann sollte sie ihn nur nehmen und zum Gespötte werden mit ihm! Unser Bursche hatte über die »Weibsbilder« schon soviel nachgedacht und vernommen, daß er wußte: sie seien eigentlich »d's Deufels« und auskennen werde sich so leicht keiner in ihnen. Als er sich aber vorstellte, daß die Gret sich wirklich dergestalt verirren und den Schneider nehmen könnte, wo doch Er, der Michel, zu haben war, da stieg ein Gefühl der Geringschätzung gegen ihren Verstand, ihren Charakter, ihre ganze Person in ihm auf, welche die Liebe für den Moment gänzlich überdeckte. »Wanns so komma dät, wanns dean lieber hätt' wie mih, nocht dät e me doch schäma', doß e nor a Menutt ebbes von 'r ghalta' hab!« -- Es war ihm aber auch bei diesem Ausruf noch, als obs eigentlich doch nicht so sein könnte.

Unterdessen hatte die Ernte begonnen, und in dieser Zeit können es Leute, die in einem Dorfe, zumal in einer Gasse wohnen, nicht vermeiden, sich öfter zu sehen. Michel traf die Gret eines Tages mit dem Maurer, dieser grüßte, und unser Bursche konnte nicht so sehr die Lebensart außer Acht setzen, daß er nicht dankte. Wie er nun mit ehrbarem Ton »Godda'n Ohbed« sagte, benutzte das Mädchen die Gelegenheit, um mit etwas gedämpfter Stimme gleichfalls ein »Godda'n Ohbed« anzufügen. Was sie sich dabei gedacht, konnte zweifelhaft sein; gleichwohl empfand Michel diesmal bei dem Ton ihrer Stimme ein wohlthuendes Zucken in seinem Herzen, und es schien ihm unmöglich, daß dieses nachträgliche »Godda'n Ohbed« nicht etwas zu bedeuten habe, und zwar etwas Gutes. -- Das nächstemal kam sie ihm allein entgegen. Sie grüßte nicht, weil sie jetzt eben von ihm gegrüßt zu werden hoffte. Als er aber wieder stumm blieb, sah sie ihn von der Seite mit einem Blick an, der auch einen Härtern, wie er war, in die Seele hätte treffen müssen. Dieser Blick sagte: »O du dommer Kerl, willst du a Mädle net grüeßa', die so viel auf de hält?« -- Michel konnte sich der Wirkung dieses Blickes nicht entziehen. Als er einige Schritte weiter gegangen war, sagte er ernsthaft zu sich: »Ietz isch m'r doch so fürkomma'n, als ob -- -- am End hot doch der Kapper Rehcht!«

Denselben Abend noch suchte er den Kameraden auf und machte ihn mit seiner Erfahrung und seiner Vermuthung bekannt. Wie Kasper ihn auf solchem Wege sah, rief er: »No, was hab' e denn g'sakt? Die Great hot dih em Kopf, des hab' e scho' lahng gwißt; aber du loscht (lässest) ja net mit d'r reda'!« -- »No no,« erwiederte Michel begütigend; und nach einem Moment des Nachdenkens setzte er hinzu: »Du moest also, i hätt' Hoffneng -- 's ist dei' Earnst?« -- »Freile isch mei' Earnst,« entgegnete Kasper. »Wer ka' doh no zweifla'! -- Aber ietz mach amol 'n Fried mit dei'm oefältenga' Trutza' doh und dua', was se für a rechts Mannsbild g'höart!« -- Michel stand mit tiefsinnigem Gesicht da. »Wann's d'Glegenheit git (gibt),« erwiederte er endlich, »will e seha'!«

Dieser abendliche Diskurs fand gegen Ende der Woche statt. Nachdem am Samstag noch ein tüchtiges Gewitter sich entladen und die Luft abgekühlt hatte, kam ein schöner und nicht allzuheißer Sonntag. Das Wintergetreide war größtentheils zu Hause, die Gerste der Sichel entgegengereift, und da sich die Ernte so gut angelassen, glaubte man, sie werde auch gut zu Ende gehen. In solchem Vertrauen entwickelt sich in der Seele des Bauers ein gründliches Behagen und er fühlt das Bedürfniß, sich ein Plaisir zu machen.

Heute stellte sich bei Michel nach dem Essen der Kamerad ein und machte den Vorschlag, »zum braunen Bier zu gehen.« Zu den Eigenheiten unsres Burschen gehörte es, auch dann, wenn er etwas zu thun geneigt war, sich nöthigen zu lassen. Er sah dermalen den Andern mit einer Miene an, die weit entfernt war, Beistimmung auszudrücken. Die eben anwesende Mutter rief indeß: »Gang mit! Kommst doch oh widder amol aus'm Doraf naus ond unter d'Leut!« -- »Ha'et wurd's vohl (voll),« bemerkte Kasper. »D's Bier soll gar fei'dle guet sei' ond d's Wäder ist schöa'!« -- »Wer woeß,« sagte er lächelnd zu Michel, »ob d'net ha'et oena sikscht, die d'r gfällt!« -- Die Mutter zuckte die Achseln und entgegnete für Michel: »Gang weiter! Deam gfällt oena'! Dia' Hoffneng hab e lang aufgeba'!« -- Sie verließ die Stube. -- Kasper machte ein pfiffiges Gesicht und sagte zu Michel: »Die merkt no' nex!« -- Auch unser Bursche verrieth auf seinem Gesicht einige Schlauheit; dann aber erwiederte er: »Sie soll oh nex merka', bis d'Sach klor ist!« Und mit einem bedeutungsvollen Wink setzte er hinzu: »Woescht no', was e d'r g'sakt hab?« -- »Ja wohl,« entgegnete Kasper mit Lachen. »Aber ietz mach!«

»Zum braunen Bier gehen«, hieß auf den Dörfern in der Nähe von Wallerstein so viel als: auf den Keller der fürstlichen Brauerei gehen. Diese Bezeichnung datirt ohne Zweifel aus einer Zeit, wo in jenen Dörfern ausschließlich weißes Bier gesotten und das braune (das in Norddeutschland s. g. bayrische) zunächst nur von der »Herrschaftsbräu« geliefert wurde. In den Jahren, in denen unsre Geschichte spielt, verdiente aber das hier producirte Getränk die Auszeichnung einer solchen Benennung immer noch durch seine Güte, wie es denn auch jetzt noch unter den Bieren des Rieses einen ehrenvollen Rang behauptet.

Die Kameraden legten die mäßige Strecke von ihrem Dorf nach Wallerstein in gemüthlichem Diskurse zurück. Die Zahl der »Schöber,« die sie schon eingeführt hatten und die sie noch zu bekommen hofften, der Stand des Sommerkorns und die Hoffnungen des Brachfeldes bildeten den Hauptinhalt ihrer Ansprache. Im Markt angekommen, schlugen sie den nächsten Weg zu der Anhöhe ein, auf welcher die fürstliche Brauerei liegt und nebst den ausgedehnten Oekonomiegebäuden den grauen Felsen, der das alte Schloß getragen, kranzartig umschließt. Sie fanden noch Platz auf einer der Bänke vor der Brauerei, ließen sich jeder eine Maaß geben, würdigten den schäumenden Trank, der aus dem gepichten Bauche der hölzernen »Bitsch« in ihre Kehlen floß, mit tiefem Zuge und theilten bald, schmauchend und nach entsprechenden Intervallen die Zungen befeuchtend, das Vergnügen der zechenden Versammlung.

Kasper hatte Recht gehabt. Das in dem Felsenkeller gelagerte Bier war heute ganz besonders wohlschmeckend und der Trinkplatz, der die Aussicht in den nordöstlichen Theil des Rieses darbot, vollständig besetzt. Wallersteiner Herren -- fürstliche Beamte und Bürger -- etwelche Nördlinger, »kadollische« und »luttrische« Bauern saßen größtentheils standesmäßig vereinigt, hie und da aber auch zufällig gemischt um die hölzernen Tische, die heute für die »Herrn« durch einige hübschere aus der Zechstube vermehrt waren. Das schöne Geschlecht war nicht zahlreich vertreten; doch sah man außer der französischen auch noch katholische und protestantische Rieser Tracht nicht ganz unwürdigen Inhalt umschließend. Alles war vergnügt. Die Hauptsache war unerschöpflich vorhanden, und wer Appetit nach etwas Eßbarem hatte, für den war nicht nur durch die Wirthschaft, sondern auch durch Wallersteiner Buben gesorgt, die Rettiche und »Würst' siedhoeße« ausriefen und die letztern auch dann noch mit dem lockenden Prädikat schmückten, wenn sie schon zwei Stunden hin und hergetragen waren.

Unsre Kameraden tranken sich nach und nach in jenen angenehmen Dusel hinein, in welchem die jetzigen Sterblichen eine Ahnung von dem Gefühl erhalten, durch das die Menschen des goldenen Zeitalters beglückt worden sein mögen. Michel hatte einen Blick auf das Dorf Birkhausen und auf das Fasanenwäldchen geworfen, das ihm so hübsch gegenüber lag; er hatte die Gäste gemustert und nach flüchtiger Betrachtung der anwesenden Bauernmädchen die Ueberzeugung gewonnen, daß Kasper in dieser Beziehung nicht gut prophezeiht habe! Jetzt ließ er die Augen ruhen und verharrte im Gegensatz zu dem Kameraden, der sich von Zeit zu Zeit umsah, in unveränderter Stellung, sichtlich in Nachdenken versinkend. Ohne aufzusehen, murmelte er endlich: »Wann e's nor gwihß wihßt'!« -- Kasper sah ihn an und sagte lächelnd: »Bist scho' widder doh mit deina' Gedanka'?« -- »Hol's der Deufel,« rief Michel, »i ka' net dervo' loaskomma'! Wann's ietz doch nex wär'? Wann's doch da' Schneider lieber hätt'? Gestert ist der Kerl a'mer verbeiganga', als ob's scho' sei' wär'! I hätt 'm glei oena' stecka' könna', so hoaffärteng hot 'r ausgseha', der Grippel!« -- »Da' Schneider, glob' e, host net z'färchta',« erwiederte Kasper. -- »I sott's oh net moena,« sagte Michel; und mit großartiger Verachtung setzte er hinzu: »So a Krack -- so a Stump von 'm Menscha'! -- net gröaßer als a Säustallthürle! I schmieß 'n über a Haus nüber, wann's sei' müeßt'! -- 'S ka' net sei'!« -- »Sie müeßt se ja schäma', wann's mit 'm geang (ginge),« setzte Kasper hinzu. »D'Leut dätet lacha 'n über so a Baar!« -- »'S ist wohr,« sagte Michel. »Aber auf der andera' Seit; reda' ka'n er, schwätza' ka'n er, ond d'Mädla' send Mädla'. Wer'n (ihnen) flattirt, der hot scho' halb gwonna'.« -- »Des ist freile oh widder wohr,« bemerkte Kasper. »Ond a'n Ohs ist der Schneider! Allweil woeß er ebbes Nuis. Ond manch's Mädle hot scho' so'n Kerl gnomma', weil's geara' d'Hosa'n a'ghett hätt! Vielleicht daß d'Great« -- -- Aber eine solche Zustimmung war es nicht, was unser Bursche jetzt wünschte. Seine Züge hatten sich verdüstert und unmuthig fiel er ein: »Schwätz net so domm! I glob's mei' Lebteng net! A Mädle wie d'Great will'n rechta' Ma'! Ond i woeß net, was grad do' (gethan) hot, daß d' so elend von 'r denkst!« -- Kasper schwieg. Er wußte wohl, daß er nichts profitirte, wenn er nachwies, daß er nur Michels eigne Meinung wiederholt hatte! -- Der Gewaltige ertränkte den unliebsamen Gedanken durch einen tüchtigen Zug aus der Bitsch und beide sahen stumm vor sich hin. Auf einmal erhellte sich das Gesicht Kaspers -- man hätte sagen mögen schadenfroh -- und Michel rief: »Aber kommt denn doh net -- hol me der Deufel, sie send's!«

Sie waren's in der That, nämlich die Gret und ihr Vater. Sie kamen von der Westseite, denn sie waren auf Besuch bei der Schwester gewesen, die in dem nächsten württembergischen Dorfe verheirathet war, und fanden sich darum auch erst zu einer Zeit ein, wo der Nachmittag in den Abend überging. Als sie den Kameraden sich näherten, rief Kasper: »Godda'n Ohbed, Maurer!« und hielt ihm die Bitsch entgegen. Man wechselte Grüße und der Maurer that Bescheid. »Doh ist no' Plahtz,« sagte Kasper auf die Bank deutend. Der Maurer besorgte sich auch eine Bitsch, und man setzte sich zusammen.

Michel war überrascht gewesen und hatte die mit langsamen Schritten herbeikommende Gret sonderbar angestarrt. Sie war eben wieder sehr schön in ihrem Sonntagsstaat und namentlich in einem neuen seidnen, prächtig glänzenden Halstuch feinster Qualität! Der Gang in der Sonne hatte ihr Gesicht höher gefärbt, und ein guter Beobachter hätte bemerken können, daß ihre Augen, sobald Michel sich ihnen darbot, durch ein reizendes Funkeln belebt wurden. -- Zu anderer Zeit hätte sich der erste Eindruck in dem Burschen vielleicht länger erhalten und eine verhängnißvolle Confusion der Gedanken zur Folge gehabt; allein zwei Maaß Lagerbier trinkt man nicht ohne Wirkung! Michel saß bald mit ruhiger Würde neben dem Maurer und nahm gemüthlich an dem Gespräche Theil, das sich entspann.

Kasper hatte gefragt, wo sie herkämen -- nicht um es erst zu erfahren, sondern um vor ihnen und Michel zu verbergen, daß er es schon wußte. Nach der Antwort des Alten fragte Michel, wie's den Eheleuten ginge und wie der jungen Frau die Haushaltung anschlüge! Hierauf gab die Gret erfreulichen Bescheid: sie kämen gut fort und hausten recht gut zusammen. Anknüpfend an dieses gute Zusammenhausen nahm der Diskurs eine heitere Wendung. Kasper ging voran, und Michel bewies, daß er auch einen Spaß machen konnte, wenn's drauf ankam. In dem Behagen, das er empfand, war es ihm geradezu unbegreiflich, wie ihm vor der Gret jemals das Reden hatte schwer werden können! Beim Teufel! Heut konnte er schwätzen mit ihr wie mit seiner Mutter! Fragen -- Antwort geben -- Alles dünkte ihn ein Spaß! -- was war das doch für ein Unsinn früher? -- Der Umstand, daß er sich endlich in der Stimmung fühlte, nach der er getrachtet hatte und die er allein seiner würdig hielt, erfüllte ihn jetzt mit einem gewissen Stolz und einer eigenthümlichen Sicherheit. Die Gret war auch so vergnügt, daß ein Blinder hätte sehen müssen, wie sie sich freute, bei ihm zu sitzen! Die Furcht, als könnte sie den Schneider gern haben, war eine Dummheit, die größte, die ihm jemals vorgekommen! Den Schneider! So ein Mädchen! -- Nein! Er -- er selbst war der Glückliche! -- Das war klar, daran konnte nur ein Narr zweifeln! -- -- Aber heute wollte er auch sein Wort anbringen! heut auf dem Heimweg wollte er sich an sie machen, Alles frisch weg heraussagen -- das stand fest -- und -- auf den Herbst sollte die Hochzeit sein! --

Unterdessen hatte man das Bier nicht warm werden lassen. Auch die Gret, die sich durstig gelaufen, that aus der Bitsch, wo man's nicht sah, etwas bessere Züge, als sie's aus einem Glase gewagt hätte. Sie war in der That von ganzer Seele vergnügt. Michel in seiner Unbefangenheit, seiner guten Laune, gefiel ihr ausnehmend. Er war schöner als er ihr sonst vorgekommen, und offenbar auch viel gescheidter! Die Neigung, die sie immer für ihn gehegt hatte, steigerte sich diesen Abend zu dem ernstlichsten Wohlgefallen, und sie empfand das lebhafteste Verlangen, ihn endlich zur Erklärung zu bringen. Daß sie ihm gleichfalls heute nicht weniger gefiel, als früher, davon erlangte sie gewisse Ueberzeugung, und in der Hoffnung, einen solchen Prachtburschen zum Mann zu bekommen, wuchs ihr Vergnügen zu einer Art von Uebermuth. Sie neckte den Glücklichen von wegen weil er auf die Mädchen nichts gebe, was ein Unglück und eine schlechte Ehre sei für alle. Michel erwiederte: auf ihn käme nichts an, da gebe es andere, z. B. den jungen Schneider, der in der Fremd' gewesen sei und draußen Dinge gelernt habe, wo sie im Dorf nichts davon wüßten. Das wäre ein Kerl, der könne den Mädchen sagen, was sie gern hörten! Worauf die Gret versetzte: Der Schneider sei allerdings »a gallants Bürschtle,« an dem könnte sich mancher ein Exempel nehmen; aber es gebe eben so vornehme Bursche, die der Meinung seien, für sie wäre keine gut genug etc. etc. -- Diesem kleinen Gefecht hörte Kasper mit Vergnügen zu, weil er seinen Plan dem Gelingen zureifen sah; der Maurer ergötzte sich daran, ohne den Ernst hinter dem Spaß gewahr zu werden. Zuletzt, nachdem sie einen Moment vor sich hingesehen, sagte das Mädchen: »Wie wär's, wammer (wenn wir) auf da' Felsa' naufgeanget, so lang d'Sonn no' schei't? Mir isch, als ob's ha'et bsonders schöa' sei' müeßt do droba'!« -- Der Maurer wand ein, es möchte doch zu spät sein; sie müßten heim. Allein die Gret bat, die Kameraden traten dem Vorschlag bei und der Alte fügte sich.

Der nächste Weg vom Keller zum Felsen geht hinter dem Brauhause vorbei. Man gelangt, wenn man eine Treppe emporsteigt, auf einen grasigen Platz, der meist eben um den Felsen herumläuft -- ehemals der innerste Hof des Schlosses.[4] Als unsre kleine Gesellschaft auf ihm der südwestlichen Seite zuging, neigte sich die Sonne schon den fernen Anhöhen zu. Vom Keller an hatte sich Michel zu dem Maurer gesellt. Wir wissen, daß er den Entschluß gefaßt, seine Wünsche auf dem Heimweg anzubringen; er folgte daher um so eher einem instinktmäßigen Trieb, nach der geschehenen Annäherung sich wieder ein Bischen zurückzuziehen, die Gret dem Kasper zu überlassen und zur Hauptaction neue Kräfte zu sammeln. Das war aber nicht die Rechnung des Mädchens, die das Besteigen des Felsen eben vorgeschlagen hatte, um dem Michel zu weiterer Annäherung Gelegenheit zu bieten, in der Hoffnung, einen Moment herbeiführen zu können, wo ihm, der einmal im Zuge war, das Schloß vom Munde fallen sollte. Wie sie nun, am Felsen angekommen, ihn ernsthaft mit dem Vater diskuriren und zurückbleiben sah, warf sie einen Blick des Bedauerns auf den Liebhaber, der die gute Gelegenheit versäumte, mit ihr aufzusteigen und ihr allenfalls dabei zu helfen. Damals war der Weg (er befindet sich auf der Südwestseite) noch nicht so bequem wie jetzt, wo neue Treppen in den Felsen gehauen sind. Kasper, der mit der Gret hinan stieg, kam einmal im den Fall, ihr die Hand reichen zu müssen, um sie einige Schritte zu führen; und es ist zu vermuthen, daß sich diese Nothwendigkeit für Michel öfter ergeben hätte. »'S ist doch a'n o'gschickter Mensch«, sagte sie sich. Aber ein Gedanke beruhigte sie wieder: »Vielleicht will er se bei mei'm Vader wohl dra' macha', des ghöart oh zor Sach, obwohl der nex dagega' haba' wurd -- o conträr!« --

Alle waren endlich auf dem Gipfel angekommen. Man ging hin und her und schaute. »Ei wie schön!« rief die Gret und hing mit freudigem Blick an der Landschaft. »Du host Rehcht,« setzte der Maurer hinzu. »'S ist wärle der Müh wearth gwesa', daß mer (wir) raufganga' sind.«

Der Bauer ist kein schwärmerischer Bewunderer der schönen Natur. Zunächst weil er überhaupt nicht so leicht schwärmt; dann aber weil er gewissermaßen selber zur Natur, zur Landschaft gehört und mit ihr auf zu vertrautem Fuße lebt, um über ihre Erscheinungen außer sich zu kommen. Ein recht schöner Anblick verfehlt aber auch auf ihn seine Wirkung nicht; er freut sich darüber herzlich und kindlich -- und das Ries im Schein der Abendsonne ist ein Bild, dessen Reiz auch die substantiellere Natur eines eingebornen Dorfbewohners zu ergreifen vermag.

Die Luft war klar, auf der nordwestlichen Seite kein Wölkchen am Himmel. Die gelben oder noch grünlichen Getreidefelder -- die schon »geschnittenen« Aecker, zum Theil noch mit »Sammelten« bedeckt -- die lichtgrünen Wiesen, die Brachfelder mit verschiedenen Abstufungen von hellerem und dunklerem Grün -- die zahlreichen Orte in der Nähe und in der Ferne -- Alles das stand vor den Augen in deutlichen Umrissen und durch den zarten sommerlichen Duft gleichwohl zu einem schönen landschaftlichen Ganzen verbunden. Unter ihnen lag der Markt Wallerstein mit den beiden fürstlichen Schlössern und den Parkanlagen; am nordwestlichen Horizont ragte das hochgelegene Schloß Baldern über Hügel ins Ries herein; nach Westen zu erhob sich das ehemalige Lanenkloster Kirchheim auf mäßiger Höhe, und weiterhin stieg der Langenberg und der Nipf bei Bopfingen empor. Eine halbe Meile entfernt, gegen die südlichen Hügel hin, war die Stadt Nördlingen gelagert mit ihren vielen ansehnlichen Gebäuden, Zwingern, Gärten und Alleen -- und rechts und links wohlhäbige Dörfer über die Ebene hingesät. Die Ruine Hochhaus schimmerte aus Wäldern hervor; auf den südöstlichen Höhen prangten das Schloß Reimlingen und die ehemalige Benedictiner-Abtei Deggingen, weiter nach Osten die Schlösser Harburg und Lierheim und die Reste von Allerheim. Kehrte man sich nach der nördlichen und nordöstlichen Seite, so erblickte man die stattliche Kirche von Zipplingen, das Kloster Maihingen und den langen Hesselberg -- die Schlösser Hochaltingen und Spielberg, den uralten Thurm von Hohentrüdingen, die Städte Oettingen und Wemdingen. Die nordwestlichen Anhöhen standen in grünlichem Duft, unter der Sonne golden überhaucht; die südwestlichen erquickten das Auge mit wenig gedämpftem Waldesgrün; die entfernteren südlichen und östlichen glänzten in wundervollem Blau, hie und da von helleren Partien der Getreidefelder durchzogen. Eben die Anhöhen, welche die Ebene rings umgeben, erwecken in dem Eingebornen das Gefühl, daß er in einem Paradiese lebt -- in dem landschaftlich eingeschlossenen und abgeschlossenen, fruchtreichen, schönen Ries!

Unsere Leute genossen das Malerische des Anblicks auf ihre Weise, in großen Linien, und verwendeten deshalb weniger Zeit darauf als wir auf die Beschreibung. Sie gingen zu einer sachlichen Unterhaltung -- zur Hervorhebung einzelner Gegenstände über. Sie zeigten sich Orte, die das Merkwürdige hatten, daß darin Freunde von ihnen hausten; sie machten Anhöhen namhaft, die sich dadurch auszeichneten, daß sie von ihnen schon bestiegen worden waren. Die Gret deutete das Haus ihrer Schwester an, welches leider von einem großen Bauernhaus verdeckt sei; und zuletzt concentrirte sich die Aufmerksamkeit auf dem interessantesten Dorf -- auf dem eigenen. Man zeigte sich seine Häuser, Wiesen und Aecker, und Anblick und Besprechung dieser traulichen Objekte versetzten die Landleute wieder in eine muntere und fröhliche Stimmung.

Michel hatte sich hie und da an die Seite der Gret gestellt, allein nach seinem Plane sich nicht mehr mit ihr abgegeben, als mit den Andern, obwohl der Kamerad den Maurer ein paarmal abseits geführt hatte, ihm Gelegenheit zu verschaffen. Die Gret, dadurch gereizt und in der erhöhten Laune des Tages, beschloß ihm einen Schreck einzujagen und -- ihm entgegen zu kommen. Als die Andern in die östlich gelegene Spalte hinabgestiegen waren und Michel schweigend neben ihr stand, that sie einen Schritt gegen den Rand des Gipfels, von dem es hier schroff abwärts ging, zuckte und »grillte« (kreischte), daß es eine Art hatte. Michel erschrak in der That und versäumte, rasch zuzugreifen; als er sah, daß sie selber feststand, hielt er es nicht mehr für nöthig und schaute sie beruhigt an. Die Gret verzog den Mund. »Du bist a schöaner Nochber,« sagte sie; »du ließest me nonterfalla' ond sächtest (sähest) ganz ruheng zua'!« -- Der Ehrliche war etwas beschämt, weil er selbst fühlte, daß er zu langsam gewesen; aber eben darum wollte er den Vorwurf zurückweisen. »No, no,« erwiederte er, »du host de ja selber ghalta'. -- I hab' eba' denkt, du wurscht Versta'd gmuag haba' ond net z'weit nausganga!« -- Für einen Liebhaber keine galante Rede! Die Actien des Burschen, insbesondere seiner Gescheidtheit, sanken wieder, und das Mädchen, etwas empfindlich geworden, suchte die Andern auf.

Die Sonne zerschmolz eben am Horizont -- der Alte mahnte zum Aufbruch. Die Gret, um den Michel für sein Ungeschick zu strafen, ging zuerst hinunter und that, als ob er gar nicht mehr da wäre. Natürlicherweise fühlte nun er, dem es doch schwante, daß er sie »geärgert« habe, einen Trieb, ihr nachzugehen und sie wieder gut zu machen. Nachdem sie alle auf dem schon thauigen Rasen angekommen waren, führte Kasper, der des Kameraden Absicht merkte, den Alten im Gespräch links um den Felsen. Unser Paar sah sich allein. Der Bursche sagte ihr etwas Schönes wegen der Geschwindigkeit, womit sie den Felsen herabgestiegen war. Sie, noch ein wenig schmollend, aber seines guten Willens halber schon wieder auf dem Weg zur Güte, entgegnete: »Ja, a bisle gschwender ben e freile als du! Bei dir hoeßt's eba': komm' e ha'et net, komm' e morga'. I sorg', du wurscht überal z'spät komma'!« -- »Oho,« erwiederte Michel und lächelte, denn das Gesicht, womit ihm dieser Vorwurf gemacht worden, hatte nichts Beleidigendes. Das Mädchen sah ihn an -- und nochmal fühlte sie eine Regung, für ihn etwas zu thun. Sie sagte: »Globsch (glaubst du), du ka'st me net fanga', wann e spreng (springe, laufe)?« -- »Ih dih?« versetzte Michel und konnte nicht umhin, über so eine Behauptung die Achseln zu zucken. -- »Ja, du mih,« erwiederte die Gret mit Nachdruck. Das hieß den Michel bei der Ehre angreifen; und im Gefühl seiner langen Beine rief er mit stolzer Sicherheit: »Loß de net auslacha'!« -- »Ja,« sagte das Mädchen, »pranga' ka'n a'n ieder; aber i glob's net!« -- »Du bist net gscheidt!« entgegnete Michel. »No, so zoeg's,« fuhr die Gret fort, »ond fang me, wann d' ka'st!« -- Sie faßte ihren Rock auf beiden Seiten, hob ihn ein wenig in die Höhe, um den Beinen mehr Freiheit zu gewähren, und lief -- aber nicht links, den Andern nach, sondern rechts um den Felsen, einer Grube zu, die sich auf der nördlichen Seite des Felsens befindet. Michel, so herausgefordert, hatte sich bereit gemacht; er ließ ihr einen Vorsprung, dann fing er an auszugreifen, daß er sie schon im Eingang der Grube erreichte. Aber der Triumph, sie nun zu fassen und zu halten, war ihm ein viel zu geringer -- er lief einige Schritte über sie hinaus, bis sie schnaufend zurückblieb, drehte sich um und rief siegesfreudig: »No, was hab e gsakt? Ka'n e's oder ka'n e's net?« -- Die Gret sah ihn mit einem fast wehmüthigen Blick an, und mit dem Doppelsinn, den ihr die Situation aufdrängte, versetzte sie: »Ja, ja, i hab' me g'irrt en dir -- ond mueß me schäma'!« -- Michel, weit entfernt zu begreifen, trat näher und sagte mit dem Tone wohlwollender Ueberlegenheit: »No, no, z'schäma brauchst de grad net, wann ih über de nausloff!«

Der absolute Mangel an Verständniß machte die Gret lächeln und die grundehrliche Meinung des Burschen versöhnte sie wieder. In der Grube war es schon dämmerig; der Spaziergang, auf den sie so viele Hoffnung gesetzt, nahte sich seinem Ende, und daß die beiden Burschen mit ihr heimgehen würden, konnte sie nicht als gewiß annehmen. Wer wird es ihr nun verdenken, wenn sie bei der Redlichkeit ihrer Absichten die Gelegenheit ergriff, mit dem Burschen noch einen Versuch zu machen? Am Ende -- sie that damit ihre Schuldigkeit, und wenn gleichwohl an ihm nichts half, so brauchte sie sich wenigstens keinen Vorwurf zu machen.

Sie hatte gemerkt, daß sie beim Laufen die Glufe, womit das Halstuch des Rieser Bauernmädchens auf dem Rücken angeheftet wird, um daselbst ein regelrechtes Dreieck zu bilden -- verloren und ihr schönes seidenes Halstuch sich verschoben hatte. Indem sie eine Glufe von der Brust auszog, wo sie minder nöthig war, sagte sie zu Michel: »Ietz muß e de no' om a Gfälligkeit bitta'! I spür, daß mei' Gluf rausgfalla'n ist aus mei'm Halstuch, ond's wär mer lieb, wann d' mers widder nei'stecka' möchtst, vor mer zrückgont (zurückgehen).« Während sie dieses sagte, hatte die Phantasie ihr vorgezaubert, was ihr Herz wünschte. Michel fand während dieser Beschäftigung den Muth der Liebe, folgte ihm freudig und hielt jene Anrede an sie, die wenn auch noch so kurz, doch vom Munde des Mannes gehen muß, um von dem Mädchen bejaht den Bund der Herzen thatsächlich zu knüpfen.

In diese Seelenmusik ertönte plötzlich die Antwort des wirklichen Michel: »I will's versuacha'! Muß d'r aber scho' saga', daß e mit deana (diesen) Sacha' net recht omganga' ka'!« -- wodurch die Gret belehrt wurde, daß es noch nicht an dem sei. Der Bursche nahm die Gluf und stellte sich hinter sie; er wollte ihr nun auch wirklich gefällig sein und genau thun, was sie haben wollte. Als er anfing, das Halstuch zurechtzurücken, wurde ihm doch sehr curios. Sein Herz fing an zu schlagen, vor seinen Augen begann es zu schwimmen; er fühlte ein außerordentliches Verlangen, just das zu thun, was sie wünschte und ihr Phantasiebild wortwörtlich zu erfüllen. Allein zu rechter Zeit noch mahnte ihn die Pflicht und sein Vorsatz. Ihr die Gluf anzustecken, das hatte sie verlangt, darum war es ihr zu thun, und darin mußte er ihr zu Willen sein. In der Verwirrung seiner Lebensgeister zog er das Tuch rechts und links, ohne ihm die gehörige Lage geben zu können. Die Gret rief: »Daß 's fei' recht en d' Mitt nei' kommt!« Denn grad in der Mitte des Rückens muß die Spitze befestigt werden, wenn das schöne Dreieck herauskommen soll. Dieser Zuruf des offenbar etwas ungeduldigen Mädchens traf den Burschen. Das Tuch hing eben zu weit rechts. In seiner Confusion that er instinktmäßig einen Riß gegen die Mitte, wobei er die Kraft seiner Finger nicht erwog, und -- ein Fetzen des Halstuchs blieb in seiner Hand.

Nun riß aber auch die Geduld der guten Margret! Nachdem sie so weit gegangen -- nachdem sie ihm auf eine Art entgegen gekommen war, daß der Einfältigste hätte begreifen müssen -- ihr, anstatt ihren Wunsch zu erfüllen und ihr um den Hals zu fallen, das schöne neue Halstuch zu zerreißen -- das war denn doch in Wahrheit »dümmer, als verlobbt ist.« So einen Menschen zum Mann zu kriegen, ist am End auch kein großes Glück, und -- -- sie hatte sich umgedreht, sah den Fetzen in seiner Hand, sah das Gesicht halb verlegen, halb lächelnd gegen sie gewendet, und rief erzürnt: »Du bist aber doch o'gschickter als der Deufel! So a Mannsbild! Gang nor glei (gleich) morga' zom Schulmoester ond loß d'r dei' Schuelgeld widder rausgeba'; denn des ist net verdeat (verdient) woara!« -- Das war auch nicht höflich, und so etwas hatte Michel noch nie gehört. Er wurde seinerseits ärgerlich und entgegnete: »I hab d'r ja gsakt, daß e mit deam Zuig (Zeug) net omganga ka' -- w'rom trägst mer's auf?« Und mit stolzem Selbstgefühl setzte er hinzu: »I hab ebbes anderst's z'doa' en der Welt, als da' Mädla' d'Halstüacher na'zmacha!« -- Die Gret sah ihn achselzuckend an und sagte: »Ja, des glob' e!« -- Der Bursche fühlte einen Drang, sich von jedem Vorwurf rein zu waschen; deswegen, den Fetzen emporhaltend, bemerkte er: »Des Tuech doh, nemm mers net übel, ist aber oh nex nutz gwesa'! 'S ist eba' widder so a nuimodischer Lompazuig (Lumpenzeug), so dent (dünn) wie Spennawett (Spinnweb)! Mei'r Mueter ihr Halstuch wär' m'r net in der Ha'd blieba'.« --

Das Mädchen wußte nicht, sollte sie lachen oder weinen. Sie hielt an sich und erwiederte: »Du host natürlich Rehcht! Ma' woeß ja, doß d'r Gscheidtst bist en der ganza' Gmoed (Gemeinde). -- So, ietz ka'n e mit 'm verrissenga' Halstuech hoemganga'!« -- Michel, der einmal in den Schuß der Dummheit gekommen war, verstand die letzte Rede wieder falsch. Er trat mit ritterlicher Intention einen Schritt näher und sagte tröstend: »Doh brauchst de net z'kränka'! -- ih ka' d'r scho' a nuis kohfa!« -- Das gab ihm bei dem Mädchen den Rest. Wahrhaft beleidigt, riß sie ihm den Fetzen aus der Hand und rief; »So viel Geld hab' e no' übreng, um m'r a nuis Halstuch z'kohfa! I brauch nex von dir, du oefältenger Mensch!« -- Sie wandte sich rasch ab und ging fort.

Michel stand verdutzt. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß er doch nicht ganz richtig gehandelt haben könnte. Ein Aerger erhob sich in seiner Brust -- über sein Unglück, über die Hitze der Gret, über das Mißgeschick, das ihn überall verfolgte. Indem er nachdenken wollte, fühlte er, daß ihm heute auch das Denken nicht mehr geriethe. Er spürte eine ziemliche Mattigkeit in seinen Gliedern, setzte sich auf ein Felsstück und überließ sich der formlosen Bewegung seiner unmuthvollen Seele. Endlich erhob er sich rasch und trat den Rückweg an; er wollte doch sehen, wie's stehe und was zu thun sei!

Als er an seinen Tisch trat, waren der Maurer und die Gret schon fort; Kaspar erwartete ihn, unwissend, was er denken sollte, und höchst neugierig was denn passirt sei. Die Gret sei zurückgekommen, sehr ernsthaft und ärgerlich, und habe erzählt: sie hätte ihren Fürwitz gebüßt, sie wäre in einer Grub am Felsen hingegangen und ein spitziger Stein hätte ihr das Halstuch zerrissen. Er, Kasper, habe nicht begreifen können, wie das zugegangen sei, und nach ihm, dem Michel, gefragt; worauf sie zur Antwort gegeben, sie wisse nicht wo er hingelaufen sei. Dann habe sie an ihrem Vater getrieben, sie müßten nach Hause, sie habe noch etwas herzurichten auf morgen früh -- und der Maurer sei mit ihr fortgegangen. »Was hot's denn geba'?« rief der gute Bursche zuletzt mit dem Antheil eines Freundes, der das Seine gethan. »Send'r (seid ihr) oeneng woara'n oder« -- »Jo«, rief Michel mit dem Humor der Verzweiflung, »oeneng! -- Aus isch!« -- Kaspar fuhr empor. »Was! -- aus?« -- »Aus«, erwiederte Michel, »wie'n e der sag!« -- »Aber wie hot's denn ganga'? So verzähl m'r doch!«

Unser Bursche war gedrückt von dem Unstern, den er gehabt, von dem Unwillen, der in seiner Seele emporschwoll -- er mußte sein Herz erleichtern, und er wollte dem treuen Kameraden Alles vertrauen. Wie er erzählte, daß er in der Grube über die Gret hinausgelaufen sei, machte Kaspar Bewegungen, als ob er das Gliederreißen hätte. »Nausgloffa?« wiederholte er mit unwilligem Staunen; und den Zorn des Gewaltigen riskirend, setzte er entrüstet hinzu: »O du dommer Kerl! Host denn net gseha', wos die gwöllt hot?« -- »No, was denn?« fragte Michel. Und Kaspar fuhr fort: »Fanga' hättsch (hättest du sie) solla' -- ond d's Maul hättst aufdoa' solla, wann's ghett hättst! Desdawega' hot's de rausgfoadert!« -- Michel war betroffen; die Sache leuchtete ihm ein, und nur kleinlaut sagte er: »Moest?« -- »Ach, i bitt' de!« rief der Kamerad höchst verdrießlich. -- »No, verzähl weiter!«

Michel erzählte das Uebrige. Kaspar sah ihn an, wie einen, bei dem's nicht recht richtig ist, und brach in ein lautes Gelächter aus. »Lieber Michel«, sagte er endlich, »nemm mer's net übel, aber dir muß ma' da' Dippel boara' (der Düppel bohren)! Was! doh host no' nex gmerkt?« -- Unser Bursche, einmal auf dem Wege der Selbsterkenntniß, begriff -- und ein dumpfes Schamgefühl begann in ihm aufzuquellen. Allein seine Handlungsweise hatte doch auch ihre Gründe, und zu seiner Rechtfertigung mußte er sie geltend machen. »Aber i sag d'r«, entgegnete er etwas verlegen -- »ihr Halstuech ist wärle verschoba' gwesa'! Ond i hab gmoet« -- -- »Ietz höar auf«, rief Kaspar »ond ärger' me net! Die hot se ebbes om ihr Halstuech kümmert! Des ist 'r aufglega'! -- no' derzue bei der Nahcht, wo's koe Mensch sicht!«

Bei dieser Hinweisung auf die Nacht ward es Tag in unserm Burschen. Er schämte sich in den Tiefen seiner Seele, und ein großer Verdruß über sich selbst erhob sich in ihm. Indessen wenn man angegriffen ist, muß man sich doch vertheidigen, und darum sagte er: »'Smag sei'! Aber 'sist vielleicht besser, daß's so komma'n ist! Mit dem Mädle hab e amol nex acks (als) O'glück -- und wear woeß« -- Kasper fiel ihm in die Rede: »O'glück haba' nennt 'r des! Ietz wurd's mer zviel! Glück host tausedmol meaner (mehr) as der Brauch ist -- -- aber (auf die Stirn deutend) ~doh~ fehlt's!« -- Nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: »Ietz bitt' e de nor om oes! Verzähl m'r koem Menscha' nex dervo'! Ih as dei' Kamrad mueß me schäma' für di! Du host de benomma, daß a wahra' Schand ist! Wie a Dommkopf, wie a Sempel, wie a -- --«

Der gute Kaspar wollte die Gelegenheit der Vernichtung Michels benutzen und sich für die Grobheiten, die er von ihm schon anzuhören gehabt hatte, entschädigen. Aber nun wurde es dem Enakssohn zu bunt. Er richtete sich empor in seiner ganzen Macht und rief mit dunkelbraunem Gesicht: »Ietz sei mer still, oder i schmeiß de onter da' Dihsch (Tisch) nonter, doß d's Aufstanda' vergischt! Kott's Höllablitz! -- Willst me du oh no' verzürna'? -- I hab mei' Lebteng mit deana Lueders-Weibsbilder nex z'doa ghett -- wie sollt' ih ihr' Ränk ond Schwänk kenna'?« -- Kasper, zur Mäßigung gemahnt, versetzte mit Humor: »So got's eba'! Wer nex lernt, der ka' nex!« -- »Was doh«, rief Michel unmuthig. »Falsche Ohser sends alle mit anander! I ben froa', daß so ganga'n ist, ond meiner Lebteng loss' e me ietz mit koer mea' ei'! Aus isch!« -- Er ergriff die Bitsch, leerte sie auf einen Zug, stand auf und rief mit dem alten Herrscherton: »Ietz komm!« -- Er ging. Kasper folgte.

Auf dem Heimweg schüttelte der Erfahrene noch zu wiederholtenmalen den Kopf. Es war freilich beinahe nicht zu glauben, wie der Kamerad sich benommen hatte. Aber abgesehen von den Gründen, die er selber angab, war er ein Deutscher und hieß Michel. Er war ein Schwabe und erst sechsundzwanzig Jahre alt.

Beim Tanze.

Als die Gret am andern Morgen in ihrem Bett erwachte, überlegte sie bei dem heitern Schein der eben aufgegangenen Sonne die Vorfälle des gestrigen Abends in ihrem Zusammenhang und ihrer Steigerung -- und brach in ein helles Gelächter aus. Nichts in der Welt kam ihr so närrisch vor wie der gute Michel in seiner Einfalt. Was sie gestern erzürnt hatte, das erschien ihr heute unendlich lustig, und um keinen Preis hätte sie sich ihr zerrissenes Halstuch abkaufen lassen. »O ist des a gueter Kerl!« rief sie, Lachthränen in den Augen. »Ist des a dommer Mensch!«

Mit dem Unmuth war aber auch die Geringschätzung, die sie gegen ihn empfunden hatte, völlig aus ihr gewichen. Die Heiterkeit stimmte sie zur Milde, zur Gerechtigkeit. Sie fühlte, wie gut ers eigentlich meinte, wie durch und durch ehrlich er war, und wie ihm nur die rechte Art fehlte. Ihre Seele hing an seinem Bilde, wie das Aug einer Mutter an ihrem Kind, mit liebend mitleidigem Antheil. »G'scheidt ist er freile net,« sagte sie endlich, »ond wie ma' mit da' Mädla'n omgot, des woeß er gar net. Aber was schadt's? 'S ist am End besser, er lernt's von mir, als wann ers scho' von 'r andra' glernt hätt!«

Da sie die Schwäche des Burschen von der schönern Seite betrachtete, so leuchtet ein, zu welchem Schlusse sie kam. Sie wollte ihn durchaus nicht aufgeben, ihm vielmehr Alles verzeihen und bei der nächsten guten Gelegenheit sich alle Mühe geben mit einem neuen Versuch. »'S ist freile net en der Oarneng (Ordnung),« sagte sie mit etwas bedenklichem Gesicht, »daß d's Mädle widder a'fangt. Aber was ka'n e macha'? 'S got amol net anderst, ond a jeds mueß doa', was eba' ka'! -- So o'stearisch (unsternisch, unglücklich), wie desmol,« setzte sie erheitert hinzu, »wurds ja doch net allmol ganga'!«

Es hatte einen ganz absonderlichen Reiz für die muntere Gret, den dummen prächtigen Michel zu gewinnen. Sie lächelte holdselig für sich bei diesem Gedanken, ihre Augen glänzten und schelmisch verlangend rundeten sich die schönen rothen Lippen.

Vergnügt kam sie in die Stube. Als sie nach der Begrüßung des Alten wieder an Michel und sein Benehmen dachte, konnte sie sich nicht enthalten, für sich hinzulachen. Ihr Vater sah sie verwundert an und sagte: »Was host denn? Du bist ja gwihß net gscheidt?« -- Die Gret erwiederte: »'S ist m'r grad ebbes ei'gfalla'!« -- »Gang weiter,« sagte der Maurer, der nicht zu den scharfsichtigsten Menschen gehörte, »du bist a verruckts Mädle! Mach lieber, daß mer a Supp krieget ond zom Schneida' kommet!«

Anders war die Nachwirkung des gestrigen Abends bei dem Burschen. Auch er sah klar an dem hellen Morgen, aber bei ihm erzeugte die Klarheit nicht Heiterkeit und Milde, sondern grimmigen Verdruß und Wuth über sich selbst. Schon ~Göthe~ hat hervorgehoben, wie der arme Mensch, des Morgens im Bette erwachend, in der Passivität des Daliegens den Pfeilen der Selbstanklage und der Reue wehrlos preisgegeben ist. Michel, in dem Nachtheil seiner Lage, erkannte aufs deutlichste, wie dumm er sich gestern benommen; Scham färbte sein Gesicht, er strampfte mit dem Bein, daß die Bettstatt krachte. »O du Ochs«, rief er aus und gab sich einen Schlag vor die Stirn, der einer minder harten gefährlich werden konnte. »So domm sei'! -- net seha', was d's Ohs will, ond globa', sie will des, was sie sakt! Als ob's net grad allmol ebbes andersts wölla' dätet, die -- --! -- Ietz kenn e's (ich sie) auf oemol -- ietz, wo's nex mea' hilft!«

Michel, wie der Leser schon gesehen, war hinterdrein immer um ein Gutes klüger als vorher; er machte sich seine Erfahrungen in Wahrheit zu nutze, er ging vorwärts, und es war darum keineswegs an der Durchbildung seines Verstandes zu verzweifeln, wenn man ihm nur Zeit gab, die hiezu nöthige Zahl von Erfahrungen zu machen. Das ist aber eben das Schlimme bei dieser gründlichen Art der Entwicklung, daß man oft gewisse Einsichten erst zehn Jahre später erlangt, als wo man sie brauchte, und unter solchen Verhältnissen gar vieles unwiederbringlich verloren bleibt.

»So a Glegenheit«, murmelte der Bursche für sich hin. »Moets so guet mit m'r, richt't mers na' -- a'n oezengs Wöartle, ond mei' wär's! -- Ond ih ben so hihra'dippleng und verreiß 'r d's Halstuech! Noe (und er brach selber in ein Lachen aus) so 'n oefältenga' Menscha' gibts en der Welt nemmer! Des ist gar net möglich! -- Natürlich isch wüadeng woara', des begreift se -- über so'n Esel! Die möcht' i oh seha', die doh d'Geduld net verliera' dät!« --

Er versank in tiefes Nachdenken. »'Sist verloara'«, begann er aufs neue, »ganz ond gar verloara'! So'n domma' Menscha muß ma verachta', 's got net anderst; ond wo amol koe Respekt mea' ist, doh hot's mit d'r Liab a'n End! -- O, i wott glei« -- --

Er sprang auf, zog sich an, und murrte dabei fortwährend über sich selbst. -- Als er in die Stube trat und der Mutter guten Morgen bot, sah ihn diese an und sagte: »Wie sikscht denn du ha'et aus? -- Du host g'wiß gestert z'tief en d'Bitsch nei'guckt!« -- Michel war froh, die Alte auf dieser Fährte zu sehen, und dichtete sich einen Katzenjammer an, obwohl mindestens das doppelte Quantum des gestern Getrunkenen erforderlich gewesen wäre, ihm eine Andeutung davon zu geben. »Ja«, erwiederte er, »i ben a bisle z'weit ganga'! Aber (setzte er mit saurem Gesicht hinzu) i hab a Lear (Lehre) kriegt, ond wear me a'nandersmol hüeta'!«

Als er nach dem Frühstück auf's Feld hinausging, dachte er: »Ietz nor Alles ha'et, als dem Mädle net begegna'!« Er empfand eine grausame Scheu, das Gesicht zu sehen, das er sich nicht anders als höhnisch denken konnte und dessen bloße Vorstellung ihm schon einen Stich ins Herz gab. Unbehelligt kam er an seinen Acker, und froh über dieses Glück schnitt er rüstig in Gesellschaft seiner Mutter und einer Taglöhnerin die zeitgemäße Gerste. Aber seine Furcht war doch eine Ahnung dessen, was kommen sollte! Da sie den Acker noch fertig schneiden wollten, so gingen sie erst spät zum Mittagessen heim. Michel blieb in Gedanken zurück, und wie er in die Gasse einlenkte, kam ihm die Gret entgegen. Er erschrak, und sein Gesicht zeigte eine so komische Mischung von Verlegenheit, Verdruß und Empfindlichkeit, daß das Mädchen, als er ohne zu grüßen an ihr vorüberschritt, sich nicht anders helfen konnte -- sie mußte grad hinaus lachen.

Es that ihr unendlich leid, sobald es geschehen war. Sie fühlte, daß es jetzt zu Ende sei mit ihm, und daß ein Wunder geschehen müßte, wenn er ihr dieses Lachen verzeihen sollte! -- Sie schalt sich selbst, wurde sehr ernsthaft und beruhigte sich endlich nur in dem Vorsatz: für jetzt sich zurückzuhalten und Alles in Geduld zu erwarten.

Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Michel war im Tiefsten beleidigt. »I habs ja gwißt«, sagte er schamerglühend zu sich selbst, -- auslacha' wurd's me! -- No, ietz isch aber verbei, -- ietz sig e's nemmer a' meiner Lebtag! I ben a'n Esel gwesa', daß e denkt hab', sie hält doch ebbes auf mi! Wean ma' so auslacht, auf dean hält ma'n ebbes, ja wohl! -- Nia hot ma'n ebbes auf 'n ghalta'!«

In seiner gerechten Entrüstung ging er zu dem Kameraden und erzählte ihm, was ihm passirt sei und was er nun denken müsse. Kasper wollte die Schlußfolge Michels nicht gelten lassen; aber dieser machte ein Gesicht, daß er seine Einwendung gern fallen ließ und meinte: es könnte doch so sein! -- Gewisse Leute finden immer Beistimmung.

Michel faßte den Entschluß, die Gret nicht nur ihres Weges gehen zu lassen, sondern gar nicht mehr an sie zu denken. Zunächst wurde er aber doch noch an sie erinnert. Seine Mutter erfuhr nämlich im Lauf der Woche von einem Nachbar, Michel sei am Sonntag beim Maurer und seiner Tochter gesessen, er sei recht »lebendeng« gewesen, und es habe just so ausgesehen, als ob ihm die Gret gefiele. -- »Des gäb' a rechts Baar«, hatte der Wohlwollende hinzugesetzt, -- »doh müsset 'r a Bisle helfa'!« -- Die Alte war sehr erfreut über diese Nachricht und nahm sich gleich vor, bei guter Gelegenheit auf den Busch zu klopfen und zum Zwecke zu reden.

Als sie einen Tag darauf nach dem Essen allein in der Stube waren, begann sie mit jenem Lächeln, das nur Müttern eigen ist, wenn sie auf eine ihnen genehme Liebschaft des Sohnes anspielen: »Des mueß ma' doch saga', d's Maurers Margret ist doch ietz d's erst' Mädle em ganza' Doraf! Wie die so gschickt ist ond wie der Alles aus der Ha'd got! 'Sist wärle zum Verwondra'!« -- Michel blieb stumm. -- »No, isch net wohr?« fuhr die Alte fort und sah ihn an. -- »'S ka' sei'«, entgegnete Michel. -- »Die Gschwendne (Geschwindigkeit)«, begann die Mutter wieder, »hab' e no' net leicht gseha' bei 'm Mädle! Sie schafft für zwua (zwo, zwei).« -- »Mei'daweg für drei!« versetzte der Bursche. Die Alte wollte aus dieser Antwort entnehmen, Michel schäme sich zu bekennen, und fuhr fort: »Wer die zom Weib kriegt, deam isch net gfehlt -- der hots troffa' -- noch mei'r Moeneng!« -- »I wensch 'm Glück derzue«, bemerkte der Sohn ohne aufzusehen und mit einem Ton, der der Alten doch befremdlich klang. »No, was host denn ietz?« rief sie; und lächelnd setzte sie hinzu: »bist net amol aufrichteng mit dei'r Mueter? I will der's nor saga': die Great wär a Mädle für dih, ond wann de a Bisle om se rommacha' dätst« -- --

Michel sah auf mit unmuthigem Gesicht. »Die Great«, erwiederte er kurz, »wär die Letscht (Letzte), die i näam (nähme)!« -- »Aber worom denn?« rief die erstaunte Alte. -- »Weil's a'n Ohs ist«, war die Antwort, »ond weil e's net leida' ka'!«

Die Mutter wollte ihren Ohren nicht trauen. »Aber du sollst de ja beim brauna' Bier recht guet mit 'r onderhalta' haba'!« -- »Descht (das ist) a domma' Schwätzerei -- weiter nex!« entgegnete Michel. Und indem alle Schmach, die er erfahren, in seiner Seele brannte, rief er mit Nachdruck: »Von deam Mädle red m'r nex mea' -- i will nex von 'r höara'!« -- Die Alte war bestürzt und schwieg einen Moment still. Dann sagte sie mit einem Klageton, der aus der Seele kam: »Aber sag m'r nor, willst denn ietz barduh (partout) net heiricha'? Magst denn gar koena'? Soll e meiner Lebteng koe Söhnere mea' ens Haus kriega'?« -- Dieser Ton traf den Burschen; -- und da es die Mutter doch so gut meinte und vielleicht die einzige Person in der Welt war, die es gut meinte mit ihm, so ging er auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte von Herzen: »Mueß denn aber grad gheiricht sei'? I hab ja a brava' Mueter, die m'r nex ahganga' (abgehen) loßt and bei ders m'r wöller ist, als bei so 'r jonga Butzdock (Putzdocke)!« -- »Ach«, erwiederte die Alte, die sich doch etwas geschmeichelt fühlte, »wann e aber stirb, was nocht?« -- »Du lebst länger als ih«, rief Michel, nickte versichernd -- und suchte das Weite.

Wie vorsichtig die gute Frau war, und wie sehr sie eine Scheu empfand, über ihren Michel ein Gerede zu veranlassen, das ihn erzürnen würde -- den Widerspruch zwischen der Erzählung des Nachbars und dem Benehmen des Burschen konnte sie doch nicht verwinden. Sie erkundigte sich gelegentlich bei dem Kameraden. Dieser spürte kein Verlangen, die Wahrheit zu sagen und unter Umständen die Kraft der Michelschen Fäuste zu empfinden; er erwiederte, sie hätten allerdings eine Ansprache mit dem Maurer und seiner Tochter gehabt, aber diese hätte dem Michel ein paar spöttische Reden hinausgegeben, das habe ihn geärgert und nun sei sie ihm zuwider. -- Die Mutter seufzte und resignirte noch einmal. Zum Nachbar sagte sie: »Desmol hont 'r falsch gseha'!« Der Alte meinte: »Nocht wurd's halt d's brau' Bier gwesst sei', was 'n so monter gmacht hot!« -- »Des glob' e ehr«, entgegnete die Mutter -- und die Frage war abgemacht für sie.

Die Erndte ging ihren Gang. Das letzte Fuder Hafer war ins Dorf gefahren, und das Verhältniß zwischen Michel und der Gret noch das alte. Mit dem Maurer wechselte der Bursche die gewöhnlichen Grußformeln. Begegnete er dem Mädchen, so spielte er mit Erfolg einen Menschen, der ganz in seine Gedanken verloren hinwandelt, und sie ging mit dem Ernst der Ergebung an ihm vorüber, mit wiederholtem innigem Bedauern über ihr unglückseliges Lachen und mit erneuertem Vorsatz, bei der nächsten Gelegenheit, wenn ihr ja das Glück noch einmal wollen sollte, sich so gut, so klug und so lieb als möglich gegen ihn zu benehmen.

Der Schneider hatte unterdessen seine Besuche und Huldigungen nicht ausgesetzt, obwohl die Erntezeit, die ihn in einen Schnitter verwandelte, sie nicht in solcher Häufigkeit zuließ wie früher. Er sah zu seiner Verwunderung, daß sein Bäschen mehr und mehr ihre Munterkeit verlor, sich hie und da in einem sonderbaren traurigen Nachdenken, zuweilen auch in einer sehr ärgerlichen Stimmung betreffen ließ. Dieß erschien ihm nicht wohl begreiflich, da sie doch nach seiner Ansicht Alles hatte, was sie wünschen konnte, namentlich einen Liebhaber, der deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er sich, wenn es sein mußte, in einen Ehemann verwandeln könnte. Er setzte ihr Betragen indeß auf Rechnung der bekannten weiblichen Launen und tröstete sich, daß sie gehen würden, wie sie gekommen.

Auf den ersten Dienstag nach der Ernte fiel eine Hochzeit, die, zum Vergnügen der jungen Leute des Dorfes, im Wirthshaus gefeiert wurde. Unsre Leser haben schon aus den frühern Erzählungen gesehen, welche Rolle in der Sphäre ländlicher Ergötzungen die Hochzeiten spielen. Die Dorfjugend mitten im Ries hat im ganzen Jahre nur zwei regelmäßig wiederkehrende Tanzgelegenheiten: die Ortskirchweih und die Nördlinger Messe. Zur Ergänzung der eignen Kirchweih machten ehedem Solche, die Belieben darnach trugen oder von Verwandten eingeladen waren, die eines und des anderen Nachbardorfes mit, was vorläufig durch die büreaukratisch angeordnete Verlegung sämmtlicher Kirchweihtänze auf Einen Tag, ins Reich der Unmöglichkeit verwiesen ist. Da ein paar Tanztage im ganzen Jahr einer lebenslustigen Jugend nicht genügen können, so werden natürlich die wirthshäuslichen Hochzeitsfeste mit Freuden begrüßt und als ein Gnadengeschenk der Verhältnisse um so dankbarer hingenommen, als auch sie schon seltener zu werden anfangen.

Bei dieser Gelegenheit müssen wir bemerken, daß eben diese Festlichkeiten für das gesellige Leben des Rieser Landvolks eine Bedeutung haben, die wir gehörigen Ortes anerkannt zu sehen wünschten. Es sind Mittelpunkte, wo sich Gäste aus den verschiedenen Dörfern treffen, in fröhlichem Verkehr einander ihr Herz aufschließen und neue Verhältnisse sich entspinnen, die auseinander wohnende Familien wieder mit einem Bande der Verwandtschaft umschlingen können. Die Thatsache, daß das Rieser Landvolk derselben Confession gewissermaßen eine große Familie bildet, wird hier anschaulich gemacht und zu ihrer Erhaltung immer wieder beigetragen. Wer dieß zu schätzen und die guten Folgen solcher Mischung sich vorzustellen weiß, der wird um einiger Rohheiten willen, die dabei vorfallen können, die aber meist nur dem verzärtelten Geschmack als solche erscheinen, nicht die Axt an eine Sitte gelegt zu sehen wünschen, die so viel Gutes mit sich bringt -- von der Rekreation, welche der Bauer in Folge seiner ununterbrochenen Thätigkeit doch ebensosehr bedarf als verdient, ganz abgesehen. Es ist immer nur Schwäche, die, um den Mißbrauch zu verhüten, den Gebrauch aufheben will; Schwäche und Unfähigkeit, die sich bewußt ist, auf positive Weise nicht helfen zu können, wo zu helfen wäre. Durch die Vernichtung der überlieferten Sitte würde das Landvolk zur Charakterlosigkeit, zur socialen Nullität gebracht werden -- und mehr werth als diese, sollte man glauben, wäre ein selbstständig ausgeprägtes Leben doch bei weitem, auch mit etwelcher Rohheit, die ohnehin der fortschreitenden Cultur schon vielfach gewichen ist und immer mehr wird weichen müssen. Wolle man doch ja sociale Zahmheit und Dürre nicht gewaltsam herbeiführen! Es ist möglich, daß sie von selber kommt, früher und vollständiger kommt, als es sogar ihren jetzigen Liebhabern lieb sein wird! --

Die Hochzeit war die eines wohlhabenden jungen Söldners mit der Tochter eines kleinen Bauern. Die Familie Schwab gehörte zur »Freundschaft« des letztern -- es war daher unumgänglich nöthig, daß ein Glied derselben als Gast an der Feier theilnahm, um so mehr, als der Bauer vor Zeiten auch den Ehrentag der Wittib mitgefeiert hatte und die Schicklichkeit eines Ersatzes in die Wagschale fiel. Wenn der Brauch will, daß ein Geladener dem Freund oder guten Bekannten »auf die Hochzeit gehe« und »auf die Hochzeit schenke«, d. h. einen verhältnißmäßigen Geldbeitrag zum Beginn der Wirthschaft liefere, so will er nicht minder, daß dem Gaste bei Gelegenheit seiner eigenen Verbindung oder der eines Blutsverwandten die Ehre und das Geschenk wieder zurückgegeben werden. Der Brauch übt einen sanften Zwang zur Wiedervergeltung und fördert so den Austausch reeller Höflichkeiten, indem er jedem abwechselnd das Wohlgefühl des Empfangens und Gebens verschafft. Denn es bleibt natürlich dem Rieser unbenommen, das, was die Sitte gebietet, aus freien Stücken zu thun und in der Wiedervergeltung nicht eine bloße Pflichterfüllung, sondern einen natürlichen Erweis der Großmuth zu sehen, deren Freude es ist zu schenken und glücklich zu machen! --

Schon acht Tage vor diesem Fest hatte zwischen Michel und seiner Mutter ein kleiner Kampf über die Frage begonnen, wer es mitmachen solle. Michel wollte die Last der Mutter aufbürden, die Mutter wollte die Lust dem Sohne gönnen. Die gute Frau kam eben, wenn auch nur im Stillen, immer wieder auf den Wunsch und die Hoffnung zurück: es möchte ihm Eine gefallen! Da nun im Dorfe selbst offenbar Keine so glücklich war, so wünschte sie um so lebhafter, der Sohn möchte auf dieser Hochzeit Jungfrauen aus andern Orten sehen, die nicht fehlen konnten. -- Das Bewußtsein, als Mutter für sein Bestes sorgen zu müssen, gab ihr diesmal in der That die Kraft zu widerstehen und seine Einwendungen zu entkräften. Wie oft er auch wiederholen mochte: es mache ihm keine Freude, er habe gar »keinen Luhst« dazu, es sei ihm grausam zuwider! -- am Ende mußte er sich den Ermahnungen, womit die Alte ihm zuzusetzen nicht müde wurde, dennoch fügen und in den sauern Apfel beißen. Zur Verzweiflung gebracht rief er endlich: »No mei'daweg, i will ganga'! Aber du wurscht seha', 's gibt widder ebbes. Denn der Deufel ist loas ond loßt m'r koe Rua'!« -- Die Mutter war zu vergnügt über seinen Entschluß, als daß sie dieser Rede weiter nachgedacht hätte.

Ob Michel sich deswegen so lange sträubte, weil er erfahren hatte, daß auch die Gret auf die Hochzeit kommen würde -- oder ob er deswegen endlich nachgab -- wer konnte es wissen? -- Der Kamerad, den er von dem Streit mit der Mutter in Kenntniß gesetzt, machte ihm gelegentlich und vorsichtig jene Mittheilung, indem er hinzufügte, nun würde er gerade auch darauf gehen und dem Mädchen zum »Tort« sich um eine andere herummachen, was sie gewiß recht ärgern würde. Michel hatte indessen geantwortet, er kümmere sich um das Mädchen überhaupt gar nichts mehr, und später diesen Gegenstand nicht wieder berührt. -- Sei dem, wie ihm wolle -- er folgte der Alten, und mußte sich am Hochzeitsmorgen mit dem Gedanken der Nöthigung doch schon einigermaßen versöhnt haben, denn er wusch und putzte sich nach Kräften und zog sich so stattlich an, als es der Kleiderkasten zuließ. Wie er endlich vor seine Mutter trat in schwarzen Hosen von Hirschleder, die kein Fältchen warfen und fast bis eine Spanne über das Knie von den Stiefeln bedeckt waren, -- in manschesternem Leibchen mit versilberten Knöpfen, im neuen, schwarzen, baumwollbehaarten Barchentkittel mit flachen, thalergroßen Knöpfen -- über das wohlgebundene dunkle Halstuch den feinsten Hemdkragen gezogen und den Kopf mit dem landesüblichen Schaufelhut bedeckt -- da ging der guten Frau das Herz auf und undenkbar schien es ihr, daß so ein Mannsbild sollte durchs Leben gehen können, ohne ein braves Weib glücklich zu machen und ohne eine würdige Nachkommenschaft zu hinterlassen. -- Sie hatte eben in das Papierkäpselchen des Gesangbuchs, das ihm auf dem Weg zur Kirche übergeben werden mußte, einen großen Kupferzweier gesteckt, den er als »Opfer« in den Klingelbeutel werfen sollte; nun wünschte sie ihm von Herzen gute Unterhaltung und gab ihm geschwind noch ein paar Schicklichkeitsregeln mit, ihn besonders ermahnend, daß er zu den Brautleuten sagen sollte: »Ich gratuliere«, nicht: »Ich condoliere,« wie es einmal einem zu seiner großen Schande passirt sei. Michel zuckte die Achseln und ging, da es eben zehn Uhr schlug, in langsamen Schritten dem Wirthshaus zu.

Eine Rieser Hochzeitsfeier hatte in jenen Tagen einen andern Verlauf als jetzt, wo dem Geiste der Zeit verschiedene Glieder der alten Ordnung zum Opfer gefallen sind. Wir müssen unsre Leser schon ersuchen, zunächst eine Schilderung und Charakteristik derselben freundlich aufzunehmen, da wir ohne eine solche in der Erzählung nicht so verständlich sein könnten, als wir gerne wären. Abgesehen davon möchte es den künftigen Riesern von Interesse sein, das, was die Alten fromm und fröhlich getrieben, wenigstens aus einem Buch kennen zu lernen. -- --

Wenn das »Ander gelitten«, d. h. wenn mit Einer Glocke das zweite Mal vor dem Beginn der kirchlichen Handlung geläutet wurde, begaben sich Bräutigam und Braut, Hochzeitknecht und Hochzeitmagd und die nächsten Verwandten ins Wirthshaus. Der Hochzeitknecht trug einen Säbel mit breitem farbigem Seidenband; er ist der Beschützer der Braut -- eine Sitte, die aus Zeiten datirt, wo thatsächlicher Schutz noch erfordert werden konnte. In der obern Stube angekommen nahmen sie Platz am Bräuteltisch zunächst der Thüre und erwarteten die nach und nach anlangenden Gäste, deren jeder zum Brautpaar trat und in würdigem Ernste »zum Ehrentag und zum fröhlichen Kirchgang« gratulirte. Hatten sich die Gäste eingefunden, so beschenkte die Hochzeitmagd sie mit Rosmarin, und das Frühmahl wurde aufgetragen: Suppe, Rindfleisch und ein Viertellaib des schmackhaften »Hochzeitbrodes.« Weißbier und Branntwein (und zwar jenes den ganzen Tag durch) gehörten zum »Mohl« (Mahl); Wein und braunes Bier wurden gegen Bezahlung gereicht. Den behaglichen Genuß des Frühstücks erhöhten die Musikanten -- deren es bei kleinen Hochzeiten viere, bei größeren sechse gab -- durch Aufspielen ihrer schönsten Arien. Endlich wurde »zusammengeschlagen,« d. h. mit zwei Glocken zum Kirchgang geläutet, Pfarrer und Schullehrer kamen im Ornat zum Wirthshause und empfingen je eine Citrone und einen Rosmarinstrauch, die männlichen und weiblichen Gäste, mit Rosmarin schon geputzt, sonderten sich, und unter dem Vortritt der Musikanten, die einen Marsch bliesen, begann der Zug vom Hofe des Wirthshauses in die Kirche; die Männer mit Pfarrer und Schullehrer voran, die Braut an der Spitze der Weiber vom Hochzeitknecht mit blankem Säbel geleitet. Am Thore des Kirchhofs machten die Musikanten Halt, die weltliche Musik verstummte, und der Zug ging über den breiten Weg des Kirchhofs, wo die Gäste durch die Ihrigen mit Gesangbüchern versehen und von Verwandten und Bekannten mit leckereigefüllten »Guckern« beschenkt wurden, in das Gotteshaus. Bei der Trauung hatte der Hochzeitknecht seinen Stand zur Seite des Paares, um die Braut nach Beendigung der kirchlichen Feier sogleich wieder in Empfang zu nehmen. In derselben Ordnung, wie er angekommen, ging der Zug zurück und vor dem Kirchthor stellten sich die Musikanten, stattlich blasend, wieder an die Spitze. Im Hofe des Wirthshauses bildete man einen Kreis, der Pfarrer nahm Glück wünschend Abschied, und nun trat der Schullehrer in die Mitte, um seinerseits in feierlichem Ton eine gereimte Anrede zu halten, worin er nach der kirchlichen Ermahnung als Repräsentant des praktisch-moralischen Sinnes die Bedeutung des Tages beleuchtete und mäßigen Genuß und ehrbare Fröhlichkeit empfahl.

In jeder Beziehung geistig versehen, begaben sich die Gäste in's Haus, der Hochzeiter nahm die Hochzeiterin bei der Hand, führte sie auf den Tanzboden und tanzte mit ihr drei Reihen allein, worauf der Hochzeitknecht mit der Hochzeitmagd, und die übrigen schon bereitstehenden Paare sich anschlossen. Wenn der Aufwärter zum Mittagessen rief, setzte man sich in bunter Reihe an die Tafeln. Jeder Gast fand bei seinem Gedeck einen »Hochzeitlaib« vor, und nach einander wurde aufgetragen: Suppe mit weißen Semmel- und braunen schmalzgebackenen »Knöpfen«, Rindfleisch mit Reis, Blut- und Leberwurst, Leberkuchen und Bratwurst, endlich Braten. Nach dem Mahl begann der Tanz wieder und dauerte bis zum Abendessen. Die ältern Leute unterhielten sich trinkend und diskurirend oder zuschauend; die Braut -- oder wenn sie tanzte, eines der ihrigen -- nahm Hochzeitsgeschenke in Empfang, die ihr von Dorfbewohnern gebracht wurden, und wartete ihnen mit Schnaps oder Wein auf. Die Dorfbewohner nämlich -- so verlangte es die schöne Sitte -- waren ~alle~ geladen, auch den ärmsten nicht ausgenommen, und wenn so einer nicht als Gast erscheinen konnte, so schenkte er wenigstens nach Verhältniß seines Vermögens.

Das Abendessen vereinigte Alle wieder in der Stube. Es gab zum drittenmal Suppe -- Rindfleisch mit süßer Rosinenbrühe, Braten und für jede Person ein Viertel Torte. Das »Mohl« war damit vollendet; und jetzt nahm der Schullehrer die Aufmerksamkeit der Versammlung noch einmal in Anspruch. Er hielt eine Rede, worin er (der gleich dem Geistlichen seinen Antheil vom Bräutigam in's Haus gesendet erhalten hatte) Gott pries, der sie so reichlich gespeist habe, die Summe namhaft machte, die je ein Gast zu entrichten hatte, und den Brautleuten mit einer feinen Anspielung auf das Läuten der Taufglocke alles Glück und allen Segen wünschte. Während dieser Rede hatten sich die ältern Schulbuben um ihren Meister gesammelt, die Musikanten in der Nähe sich aufgestellt, und es ertönte zum Beschluß mit Instrumentalbegleitung der Choral: »Nun danket Alle Gott!«

In der feierlichen Stimmung, welche dieses Lied erweckte, sammelte der Schullehrer mit einem Blutsverwandten des Brautpaars die »Hochzeitschenk« ein, die von jedem erhaltene Summe genau notirend; und der einmal geöffnete Geldbeutel durfte sobald nicht wieder geschlossen werden. Zunächst folgte der Wirth, um die Bezahlung für das Mahl (damals anderthalb Gulden und etwas darüber, jetzt über zwei!) in Empfang zu nehmen. Dann erschienen nach einander der Aufwärter, die Köchin, die Magd und das Mädchen, um die Gäste zu brandschatzen, die aber ihrerseits auch zu immer kleinerer Münze griffen, bis zuletzt in das Pfännchen des Mädchens Kreuzer und nur ausnahmsweise Groschen geworfen wurden. Während diese Schaar sich entfernte, um schnell die Beute zu überzählen und sich nach Verhältniß entweder zu freuen oder zu ärgern, hielten die Musikanten ihren Umgang bei den Tischen, spielten, was ihnen vorgesungen wurde, und zogen das Honorar ein, das in jener Zeit um ein Ziemliches bedeutender ausfiel, als heutzutage. Die Hochzeitgäste, vor allen die aus andern Dörfern, nahmen Abschied. Die Brautleute begaben sich mit befreundeten Paaren in den Haustennen, wo unter Absingung bezüglicher Liedchen nochmal getanzt und Wein gezecht wurde. Der Bauer liebt die Gründlichkeit auch in der Ergötzung -- wenn er sich einmal darauf einläßt -- und das Austrinken des Vergnügens bis zum letzten Tropfen. Darum ließ sich nun der Bräutigam von den Musikanten auch noch »heimmachen«, und in seiner Stube erst wurde der Kehraus getanzt. Dehnte sich dieser zu lang, dann konnte Murren unter den jungen Leuten des Dorfes entstehen, die sich zum »Ansing« versammelt hatten. In der Regel aber hatte man diesen schon früher ein paar Musici überlassen, und während in der Wohnung des Bräutigams die Hochzeit endigte, war auf dem Tanzboden die freie Lustbarkeit der Ledigen schon in vollem Gange, die früher erlaubtermaßen bis zum Morgen dauerte.

In der Ordnung des eigentlichen Festes, wie man sieht, waren Geistliches und Weltliches verbunden wie zwei Elemente, die sich zur Bildung eines Ehren- und Freudentages wechselseitig ergänzen sollen. Jeder Moment war ausgefüllt mit dem, was den Bauer ergreift und über die Prosa des Daseins erhebt. Nach der Weihe der kirchlichen Handlung leitete ihn Musik zu dem Orte, wo er fröhlich den Tag verbrachte, der Schullehrer, als Mittelsmann zwischen Geistlichem und Weltlichem, sorgte für den Uebergang und lenkte nach der letzten Mahlzeit die Herzen noch einmal zu einer ernsten Betrachtung des Tages zurück. Die Naivität und, um es nur zu sagen, die geistige und gemüthliche Gesundheit früherer Zeiten nahm an dieser Verflechtung der beiden Elemente kein Aergerniß, und Schreiber dieses erinnert sich noch wohl der ernsten, ja feierlichen Gesichter der Hochzeitgäste beim Absingen des Kirchenliedes. Man muß die Natur des Bauers, die Derbheit seiner Empfindungsorgane, die Hingebung an die Gegenwart -- und auf der andern Seite die Einfachheit seines geistigen Lebens im Auge behalten, wenn man über eine solche Ordnung gerecht urtheilen will. Der Bauer quält sich nicht mit dem Gedanken, ob er nicht vielleicht Gott beleidige, wenn er sich nach der kirchlichen Handlung dem Vergnügen überläßt; er tanzt ohne Arg, dem Gebrauch und seinem Drange folgend. Und wenn er nach der Lustbarkeit den Choral singen hört, so stört ihn nicht die Frage, ob dies wohl auch in's Wirthshaus gehöre; er läßt, die Lustbarkeit vergessend, den Gesang auf sich wirken, nimmt sich's dann aber auch in keiner Weise übel, wenn die ernste Stimmung, in die er versetzt war, nach dem Schlusse des Liedes selbst wieder ein Ende nimmt und erneuter Fröhlichkeit Platz macht. Für ihn ist die sittegeregelte Fröhlichkeit eben selbst eine Erhebung! Was ihm ein solcher Tag bietet, ist ihm Kunst und Poesie; und so wenig man diese der gebildeten Menschheit rauben darf, so wenig darf man dem Bauer nehmen, was sie ihm ersetzt.

In den letzten Jahrzehnten hat das Ganze dieser ländlichen Hochzeitsfeier die Begleitung des Zuges durch die Musikanten -- die förmlichen Reden des Schullehrers und das Absingen des Chorals nach der Abendmahlzeit -- endlich das Tanzen im Haustennen und den Heimgang der Brautleute mit Musik -- verloren. Das erste hat die Geistlichkeit anstößig gefunden, das zweite scheint den jungen Lehrern, die das Seminar gebildet hatte, nicht mehr gepaßt zu haben, das letzte untersagte die Polizei. Das besondere Tanzen nach dem Abendessen hat sich der Bauer indeß nicht nehmen lassen. Die Brautleute tanzen jetzt in der untern Wirthsstube und lassen sich beim Abschied wenigstens zum Hause hinaus blasen!

Die Sitte des Volks ist ein natürliches Gewächs; wenn ihre Zeit vorüber ist, läßt sie sich durch Befehle nicht mehr erhalten, und kein Vernünftiger wird darüber klagen, daß das, was kein inneres Leben mehr hat, dem Untergang verfällt. Was aber an überlieferten Gebräuchen vom Volke selbst erhalten, mit Lust und Liebe erhalten wird, das sollte weder von der geistlichen noch von der weltlichen Macht angetastet werden, sofern es nicht einer männlichen, über Nervenschwachheit und Pedanterei erhabenen Sittlichkeit widerspricht. Wollte man dem Bauer die öffentliche Hochzeitsfeier mit Musik und Tanz verbieten, in der Meinung etwa, daß ein solcher Tag in ernster Stille begangen werden müsse, so würde das, außer dem schon erwähnten Uebelstand, für das Rieser Landvolk insbesondere noch die Folge haben, daß die bäurische Natur an Essen und Trinken Ersatz nähme und sich den Magen überladend in dumpfer Gedankenlosigkeit hinbrütete, was nach der Angabe eines glaubenswerthen Mannes in Tyrol geschehen soll, wo die geistlichen Väter das Landvolk auch dem höhern Leben zu gewinnen glauben, wenn sie ihm das Tanzen ausreden. -- Man veredle und bereichere den Geist der Landleute, man befähige sie durch Bildung zu höheren und feineren Genüssen, namentlich zu jenen würdigen und tiefsinnigen Gesprächen, wie sie die Gebildeten bei ihren Diners zu führen pflegen -- dann werden sie auf ihre Gebräuche und ihre noch immer beliebten Vergnügungen von selber verzichten. Bis dahin aber lasse man ihnen ihre Sitten, ihre Freuden und, was auch eine gar schöne Sache ist -- ihren Humor!

Als Michel in die obere Wirthsstube kam, waren außer dem Brautpaar und seinen Angehörigen nur erst wenige Gäste dort. Er trat stattlich zu den beiden Glücklichen und sagte die Gratulation ohne Anstoß, worauf der Dank mit einem gewissen ernsten Lächeln ausgesprochen wurde, welches namentlich auf dem Gesicht der Braut zu bedeuten schien: Nimm dir ein Exempel dran! An einem benachbarten Tisch hatten schon ein paar ältere Männer aus dem Dorfe und eine Matrone von auswärts Posto gefaßt; er setzte sich zu ihnen, um, da er nicht tanzte, wenigstens eine vernünftige Ansprache zu haben.

Die Gäste mehrten sich. Auf einmal trat auch die Gret ein, die in der schwarzen Spitzenhaube und in dem dunkeln Anzug, wie ihn das protestantische Landvolk bei ernsten Gelegenheiten zu tragen pflegt, ein eignes feierliches Aussehen hatte. Allein nachdem das Auge rasch die Tische überflogen, stimmte das helle Antlitz nicht mehr zu dem ernsten Gewand; es glänzte froh dem Brautpaar entgegen und wünschte schon Glück, ehe die Lippen sich öffneten.

Michel hatte bei ihrem Eintritt in seinem Herzen einen kleinen Ruck empfunden und konnte sich nicht enthalten, sie in der Stellung des Gratulirens anzusehen -- und sie wieder schöner zu finden als alle andern Mädchen und Weiber! -- Plötzlich verdunkelten sich seine Züge; der Schneider war angekommen in funkelnagelneuem Tuchrock und sehr vergnügten Gesichts. Er sprach einen Glückwunsch, der nur den Sinn der alten Bauernformel enthielt, und setzte sich an die Tafel, an welcher die Gret Platz genommen hatte, um sofort mit ihr einen Diskurs zu beginnen.

Das Fest begann und verlief nach der Regel, und die Gäste fühlten sich bald wohl und wohler -- mit Ausnahme eines Einzigen.

Michel hatte den Entschluß, die Gret nicht mehr anzusehen, während ihrer vergnügten Unterhaltung mit dem Schneider erneuert. Beim Aufstellen des Zugs ging er an ihr vorbei, ohne irgend von ihr Notiz zu nehmen. In der Kirche sah er sich aber unwillkürlich zur Uebertretung des von ihm aufgestellten Gesetzes verlockt. Der Pfarrer hob in seiner Predigt die Bedeutung des Ehestandes so schön hervor; er sprach über den Segen, der an diesen Bund geknüpft sei, mit solcher Weihe, daß Michel instinktmäßig den Kopf nach der Gegend hinkehrte, wo die Gret saß. Diese hatte den ihrigen just in entgegengesetzter Art gewendet -- die Blicke trafen aufeinander. Obwohl er nun sein Haupt rasch wieder in die alte Stellung zurückdrehte und eine Miene annahm, als ob nichts geschehen wäre, so fühlte er sich doch ertappt, die Gret konnte von ihm denken, Gott weiß was, ihn auslachen und ihn verspotten. -- Er war sehr ärgerlich.

Von da an war unser Bursche kein aufmerksamer Hörer der Predigt mehr, und auch die Rede des Schullehrers ging ungewürdigt an ihm vorüber. Es begann ihn zu reuen, daß er der Mutter nachgegeben; und nur mechanisch ging er mit andern Zuschauern auf den Tanzboden. Was er da sah, war gleichfalls nicht geeignet, ihn aufzuheitern.

Als das Brautpaar die drei Reihen getanzt hatte, wirbelten bald zwölf Paare herum -- und unter diesen der Schneider mit der Gret. -- -- Alles was recht ist: der Schneider tanzte vortrefflich. Er kam dabei sogar ein bischen größer heraus, sintemal er städtisch hüpfte; er hatte die Gret fest am Kittel gefaßt und drehte sie kräftiger herum, als man's ihm zugetraut hätte. Dabei schimmerte sein glattes Gesicht in dem Vergnügen seines Herzens und in anmuthiger Selbstgefälligkeit, so daß er allgemein gefiel. Nur unserm Burschen mißfiel er. Namentlich war diesem das selbstgefällige Lächeln des kleinen Kerls in einer Art zuwider, daß er's ihm gerne durch eine Ohrfeige vertrieben hätte, wobei ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Allein das ging nicht an, er mußte seinen Verdruß hinunterschlucken. Er wäre in die Stube zurückgegangen, wenn er nicht der Gret hätte zeigen wollen, daß ihn diese Tanzerei durchaus nicht schenire! Das schien ihm aber seiner Würde gemäß. Indem er ein gleichgültiges Gesicht zu machen suchte, gelang es ihm wenigstens ein freudloses hervorzubringen, das an ihm Niemand auffiel.

Eine Tänzerin wie die Gret ließ man dem Schneider nicht allein. Ein andrer Lediger nahm sie ihm ab und drehte sich, wenn auch mehr auf dem Boden, ebenso lustig mit ihr im Reihen. Michel hatte wenigstens die Genugthuung zu sehen, daß das Mädchen mit diesem just so vergnügt, ja fast noch vergnügter aussah, wie mit dem Nebenbuhler. Es kam ihm der Gedanke, sie könnte den Schneider auch nur für'n Narren halten; und das war ihm ergötzlich und erheiterte seine Züge. Ein Schmunzeln der Schadenfreude umspielte seine Lippen, als er das Bürschchen aus einer Ecke, und zwar mit einem gewissen Ernst im Gesicht, auf das Paar schauen sah. Er verzieh ihm und konnte nicht umhin, die Tänzerin wohlwollender und unbefangener zu betrachten.

Die Gret, obwohl sie ihm nicht ins Gesicht sah, mußte doch etwas gemerkt haben. Als sie wieder im Reihen an ihm vorüberging, glänzte ein Lächeln auf ihrem Gesicht, das ihm galt -- ein Lächeln, wie es gefallen muß, kein falsches, sondern ein gutes Lächeln. Das Herz unsers Burschen begann aufzuthauen. Aber es sollte noch besser kommen. Das Wirthsmädchen hatte wiederholt zum Essen gerufen, die Musik verstummte, mit einer Art von Gedränge gings der Thüre zu. Die Gret kam in die Nähe des Burschen, sie schaute ihm ins Gesicht und sagte mit einem Tone, aus welchem die Seele klang, zugleich heiter, weich und süß: »Godden Dag, Michel! Bist oh auf d'r Hoaxet?« Michel konnte in der Ueberraschung allerdings kein ebenso freundliches Gesicht machen -- gewissermaßen brummte er nur sein Ja. Allein die Gret schien das nicht schlimm zu deuten; vielmehr sagte sie: »No, mach de nor recht lusteng«, nickte ihm aufmunternd zu und setzte sich an ihren Tisch.

Das war denn doch freundlich! Da gebe sich einer nicht erneuerter Hoffnung und glücklichen Empfindungen hin! -- Michel setzte sich an seinen Tisch, und da er dem Frühmahl wenig Theilnahme geschenkt hatte, so aß er jetzt im Verhältniß zu seiner Statur -- so ziemlich mit dem Appetit eines Herkules. Ländlich, sittlich. Ein romantisch Gebildeter hätte vielleicht nach einem so holdseligen Gruße der Geliebten lange nichts gegessen und nur von dem geistigen Leben seines Herzens gezehrt; -- unsern Burschen trieb eben die Seelenfreude auch zur Erfreuung des Leibes. Das Mahl war vortrefflich -- die Schöpfung einer Wirthin, die mehr nach Lob als nach Gewinn trachtete -- und er ließ es sich schmecken, so lange der Appetit seine Kraft behauptete. Dies war lange, da das braune Bier, das er sich geben ließ, sie wiederholt erneuerte. Er fügte auch noch dem Braten eine ziemlich bedeutende Wunde zu und konnte nur wenig »einwickeln« lassen, um es der Mutter heimzubringen.

Die Genüsse des Mahles und das Glück der Liebe und der Hoffnung harmonirten in ihm durchaus. Die Blicke, die er zu dem Tisch hinüber warf, an dem die Gret saß, wurden immer herzhafter, und er fühlte sich so wohl wie seit langer Zeit nicht. In seinem Behagen erfüllte er sogar die Unterhaltungspflicht an seinem Tisch und sprach über die Preise, die das Korn, der Roggen und die Gerste im Herbst haben und im Winter behaupten würden, Gedanken aus, die, wenn sie nicht unfehlbar waren, doch mit einer Miene gegeben wurden, als ob sie es wären, und bei den ältern Männern lächelnde Zustimmung fanden.

Der Tanz begann wieder. Michel hatte sich erhoben, und als die Gret von einem dritten Burschen an ihm vorbeigeführt wurde, hatte er schon den Muth, ihr mit einem gewissen väterlichen Wohlwollen zuzurufen: »Scho' widder auf da' Da'zboda'! O uir (ihr) Weibsbilder!« -- »Was will e doa'?« erwiederte die Gret. »Wer a'fangt, mueß furtmacha'!« Und nach einem freundlichen Blick auf ihn ließ sie sich hinausführen.

Michel ging nach Hause. Die Mutter sah ihn an und sagte: »No, es schei't doch, 'sgfällt d'r!« -- »No ja,« erwiederte der Sohn, »'s ist am End doch a Vergnüaga! -- Aber,« setzte er, das Eingewickelte auf den Tisch legend, hinzu, »i hab' en Gedanka' verfluecht zuag'langt ond breng d'r weng mit!« -- »Wann's d'r nor gschmeckt hot!« rief die gute Alte; und heiter sagte sie: »Du host de am End gar oh scho' recht lusteng gmacht (d. h. getanzt)?« Michel erwiederte: »Bis ietz no' net. Aber wer woeß? Der Letscht hot no' net gschossa'!« -- Die Mutter bemerkte: »Wie d'r (ihr) en d'Kirch ganga' send, hab e a baar Mädala' gseha', die wära' wohl wearth, daß ma's romdreha' dät!« -- »I wills net verreda',« erwiederte Michel. »Aber z'erst muß e no' a weng zecha'.«

Als er wieder dem Wirthshause zuging, begegnete ihm Kasper vor einem ochsenbespannten Pflug, durch dessen Lenkung er sich heute das Vergnügen des Ansings verdienen wollte. Die Ochsen wurden zum Stehen gebracht, der Kamerad fragte, wie sich die Hochzeit anlasse. Michel, in der frohen Aufregung seines Herzens, erzählte, wie die Gret sich gegen ihn benommen. Kaspers Gesicht erhellte sich. »Willst ietz no' allweil zweifla',« rief er aus, »daß des Mädle a'n Og (Aug) auf di hot? O wann e an dei'r Stell wär!« -- »Was soll e doa'?« fragte Michel. -- »Danza' muest mit'r, wanns oh nor a baar Roea' wära't! Schwätza' muest -- en d'Stub muasch (mußt du sie) füara', a Bodell (Bouteille) Wei' muest komma' lossa -- Kott's Heidablitz! Wann's doh net got, nocht got's sei' Lebtag nemmer!«

Unser Bursche war bedenklich geworden. »I ka' d's Danza' net rehcht«, entgegnete er, »ond du woescht, i hab' O'glück!« -- »O'glück!« versetzte der Kamerad etwas ärgerlich. »Ietz kommt 'r widder mit dear Ei'bildeng!« -- »Ja, ja,« sagte der gute Bursche, »'s ist doch so. Mir got nex naus!« -- »Gang weiter! A Kerl, dem d'Mädla' nochloffet!« -- Michel, obwohl von dieser Vorstellung erheitert, erwiederte: »Du wurscht seha', 's wurd nex!« -- »Ja freile«, rief Kasper, »wann's widder so machst, wie d's Wallerstoe!« -- »Ietz doh hab koe Sorg«, versetzte der Bursche mit einem gewissen Selbstgefühl. »Des passiert m'r nemmer!« -- Kasper knallte den Ochsen und rief im Abgehen: »Ha'et Ohbed, hoff' e, ka'st m'r ebbes Nuis verzähla'!« -- »'S ka' sei'«, erwiederte Michel und folgte den Tönen der Clarinette, die vom Tanzboden herunter in die Gasse drangen.

Michel fühlte, daß er nach dem offenbaren Entgegenkommen der Gret einen Versuch machen und als tüchtiger Bursch handeln müsse. Bei der Vorstellung indeß, wie er nun zu ihr gehen und sie zum Tanz auffordern sollte, spürte er doch wieder eine eigenthümliche Bewegung in seinem Herzen. Es fiel ihm ein, daß er beschlossen hatte, fürs erste zu trinken und zu rauchen; er trat in die Stube, setzte sich, zündete seine Pfeife an, und führte seinen Vorsatz männlich aus. Nachdem er schweigend und diskurirend zwei fernere Maaß Braunes in sich aufgenommen hatte, fühlte er sich gekräftigt -- muthig, lustig und in einer Stimmung, wo er glaubte, daß ihm nichts fehlen könne. -- Der Wirth und Bräuer war ein solider Mann und die Gerste seit einem Jahr billig.

Er ging auf den Tanzboden. Da er die Gret, die sich nicht in der Stube befand, auch hier nicht erblickte, so war sie offenbar nach Hause gegangen. Die Vertagung seines Unternehmens, welche dieser Umstand nothwendig machte, war ihm nicht unlieb. Er sah den Paaren zu, die es am besten konnten, und überzeugte sich, daß dieses Tanzen am Ende auch kein Hexenwerk sei. Nachdem er genug gesehen, wollte er in die Stube zurück; im Vorbeigehen warf er einen Blick auf die Stiege -- und siehe, an der Seite einer auswärtigen Freundin stieg die Gret herauf.

Bei diesem Anblick fühlte er sich etwas überrascht. Auch sie erröthete lieblich; aber in ihrem Herzen regierte der Muth der Liebe und der Wille, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen. Sie ging auf ihn zu und sagte gutmüthig fröhlich: »No, Michel, host no' net danzt?« Der Bursche, der zu seiner Verwunderung fühlte, daß ihm wieder etwas von seinem Unternehmungsgeist abhanden gekommen war, versetzte: »Allweil no' net!« -- Er spürte einen gewissen Trieb, wieder in die Stube zu kommen, und hatte schon seinen Fuß auf die Schwelle gesetzt; aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Die Gret fuhr fort: »Willst denn aber gar net a'fanga'? Willst da' ganza' Dag dohsitza', ond romstanda' auf 'r Hoaxet?« -- »Wie soll i danza'«, entgegnete Michel; »d's ganz Doraf woeß ond du wursch (wirst es) oh wissa, daß e's net ka'!« -- »I hab de aber doch früher scho' amol danza' seha'!« bemerkte die Gret. -- »Ja wohl,« versetzte der Bursche mit einer gewissen Laune, -- »aber wia?« -- »Auf oemol got nex en der Welt«, erwiederte das Mädchen tröstend und ermuthigend. »Wamma'n ebbes lerna' will, mueß ma's öfter probiera'!« -- Michel, dem in Abwehrungsfällen die Gründe nicht so leicht ausgingen, versetzte: »Manch Sacha' ka' ma'n oh ganz bleiba lossa, wamma' z'alt derzue ist!« -- »Kott's Blitz«, rief die Gret, »wann e nor so ebbes höar! Z'alt zom Danza! A jonger Burscht wie du! Schäm de doch!« -- Und indem sie ein wenig näher trat, sagte sie mit aller Güte und Liebe -- mit einer Stimme, welcher der Durchbruch ihrer Empfindung eine honigsüße Weichheit verlieh: »Komm Michel! -- probiers mit mir!« Dem Burschen war es seltsam durch's Herz gegangen, er wußte nichts zu entgegnen. »Komm!« rief das Mädchen heiter und zärtlich, indem sie ihn bei der Hand faßte. Michel begriff, daß es im höchsten Grade feig und in jeder Beziehung unschicklich gewesen wäre, jetzt nicht zu folgen. Er wollte handeln wie ein Mann, er wollte sein Bestes leisten -- und entschlossen führte er sie in den Reihen.

Unser Bursche gehörte vermöge seiner Größe, seiner Stärke und seines besonderen Wesens noch immer zu den ausgezeichnetsten Persönlichkeiten des Dorfs. Dergleichen in eigenthümlichen Situationen zu sehen, ist interessant, besonders wenn man hoffen kann, daß die Schadenfreude ihre Rechnung dabei findet. Wie nun einer in die Stube kam und sagte, der »Schwoba-Michel« tanze mit des Maurers Gret, da verfügten sich schnell noch etliche zu den auf dem Tanzboden schon befindlichen Zuschauern -- begierig der Dinge, die da kommen sollten.

Der Gang im Reihen war vollendet, das Tanzen begann. Die Gret wußte sehr gut, welcher Aufgabe sie sich unterzogen hatte, und war nun darauf bedacht, alle Kraft und Geschicklichkeit anzuwenden, um das Wagniß gut hinauszuführen. Den Tänzer festhaltend leitete und drehte sie ihn, so viel sie konnte. Daß ihre Arbeit nicht gering war, merkte sie freilich bald. Micheln wohnte nur eine sehr schwache Ahnung vom Takte bei und zu gleicher Zeit wirkte in ihm eine gewisse Centrifugalkraft, die ihn immer der Wand zutrieb, so daß ihn die Gute nur mit Mühe im Reihen halten konnte. Trotz alledem -- es ging. Die Kunst und die Liebe des Mädchens triumphirten, und sie war sich dessen nach Beendigung des Reihens mit Freude bewußt.

Michel war sehr vergnügt. Jeder Spur von Furcht entledigt blickte er frisch umher -- er begriff gar nicht, wie er diese Lumperei für so schwer hatte halten können! »Siksch, es got!« rief die Gret, indem sie ihn freundlich ansah; und er erwiederte allerdings: »Ja freile, wamma' so a Dänzere hot!« -- aber er war doch überzeugt, daß er's konnte, und sein Gesicht schrieb einen guten Theil des Erfolgs auf seine Rechnung.

In dieser Stimmung wollte er's das zweite Mal noch besser machen. Er wollte sich Mühe geben und alle die Kraft und Stärke anwenden, die er in seinen Gliedern fühlte; denn das erstemal hatte er eigentlich nur gespielt! -- Er arbeitete nun wie an einer Schanze und machte Bewegungen, als ob er Centnersteine vom Boden lupfen wollte. -- Der Gret wurde es saurer als das erstemal, ihn im Geleise zu erhalten, und die Schadenfreude, die aus den Ecken lugte, fand eine reichere Ausbeute. Man lächelte sich an und zuckte die Achseln. »Descht a Mannsbild!« rief eine Bäuerin mit gedämpfter Stimme einem Nachbar zu, -- »der macht widder a'n Arbet (Arbeit)!« Und der Andere versetzte: »Er schafft, als ob er mit 'm Danza' sei' Brod verdiena' müßt! Gommer (gehen wir) a bisle z'ruck, daß 'r es (uns) net doat (todt) tritt!« --

Der Bursche merkte davon nichts. In dem Bewußtsein der Mühe, die er sich gegeben, meinte er seine Sache vorzüglich gemacht zu haben. Er lächelte mit Stolz und erkannte in dem satyrischen Zuschmunzeln einiger Kameraden nichts als den verdienten Beifall. Da die Gret diesmal schwieg, um auszuschnaufen, so sagte er selbst zu ihr: »'S got doch besser, als e gmoet hab!« -- Die Gret dachte in ihrem Herzen: »daß Gott erbarm'!« -- behielt aber diese Meinung wohlweislich für sich und erwiederte: »W'rom sott's net ganga'? Was ander' Leut könnet, wäara' mer doch oh könna?«

Gern hätte sie ihn gebeten, sich dessen ungeachtet etwas weniger anzustrengen, die Sache sich leichter zu machen; aber sie wußte, daß er nicht in der Stimmung war, diesen Rath gut aufzunehmen -- und für den Moment wär's ohnehin zu spät gewesen. In dem Vergnügen, das ihn belebte, in der Kühnheit, die sein Herz rasch emporwachsend erfüllte, hatte er ein Lied begonnen. Ein Andrer war ihm zuvorgekommen; aber dieser, ein kleiner Kerl, schwieg auf der Stelle, als er die Stimme des Gewaltigen vernahm, und Michel sang das seine zu Ende, mehr kräftig als schön, aber für seinen Zweck immer passirbar. Dann nahm er die Gret bei der Hand, strampfte, daß der Tanzboden zitterte, »juxte«, daß seine Nachbarn an die Ohren langten, faßte die Tänzerin und drehte sich mit ihr »was host, was geift« (was hast du, was gibst du, so schnell etc. als möglich). -- Und besser gings als das letzte Mal -- nach seiner Meinung. Die Bethätigung des Kraftüberschusses, der in ihm wogte -- die Freude, die Herzallerliebste herumzudrehen und es zu ~können~ -- durchgoß ihn mit einem Wohlgefühl, wie er es nie empfunden. Herrlich wars und prächtig gings -- bei weitem besser, als er sich's zugetraut hätte! -- Jedenfalls hatte die Gret dafür gesorgt, daß er einmal die Wand, an die er streifte, nicht einstieß und dann ein Paar, das vor ihm den gewöhnlichen Bauernschritt einhielt, nicht über den Haufen tanzte.

Die Heiterkeit der Zuschauer war bei dieser neuen Leistung nicht geringer geworden. Ein sonnverbrannter Alter nickte ihm seine Anerkennung mit gemüthlichem Faungesicht zu und rief: »Kreuzschwernoth, Michel! du bist ja der erst' Dänzer em ganza' Land!« -- Michel, in der Freude seines Herzens, entgegnete: »Net wohr, des hättet 'r m'r doch net zuatraut!« -- »Wärle net«, versetzte der Alte. »So ebbes mueß ma' seha, wamma's globa' soll!« -- Die gute Gret begann es zu reuen, daß sie den Geliebten auf eine Bahn gelenkt hatte, wo er so schlechte Ehre gewann. Aber vielleicht schlug er nun selber eine andere ein, wo er Aussicht hatte, besser zu bestehen. Schon hatte die ungewohnte Anstrengung seine Lungenflügel in Bewegung gesetzt und der Schweiß rann von seiner Stirn. Vielleicht hörte er auf, nahm sie in die Stube -- setzte sich zu ihr -- und es ereignete sich, was ihr alle Mühen und Leiden tausendfach vergütete.

Fürs erste ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Michel tanzte aufs neue; und der Umstand, daß es wieder ohne Unglück ablief, steigerte seine Lust und Sicherheit. Sein Hintermann, ein begüterter junger Bauer, klopfte ihn auf die Schulter und rief: »Aber Michel, sag m'r doch, wo host denn d's Danza' so glearnt?« -- »Was woeß ih«, erwiederte der Bursche mit stolzem Behagen -- »auf oemal got's halt! -- Aber Sapperment«, setzte er, die Augen sich wischend, hinzu, »doh stobbt's (staubt's) ja, daß ma' kamm (kaum) sei' Dänzere sicht! -- ond des ist doppelt schad', wamma' so a schöana' hot, wie'nih! -- He, Mädle!« -- Er schaute sich nach dem Wirthsmädchen um, die den Staub mit Wasser zu löschen pflegt; und da er sie nicht gleich erblickte, schrie er aus Leibeskräften und jede Silbe breit ausdehnend: »Mädleh! Auf da' Da'zbodah'! Spretzah'!« -- Unter allgemeiner Heiterkeit erschien die Herbeigerufene, ein schnippisches Ding von sechzehn Jahren, mit einem Kübel Wasser, und die Tanzenden traten auf die Seite. »So«, rief Michel ihr zu, »spretz (spritz, sprenge) nor rehcht! D'r Deufel mag doh danza'!« -- Das Mädchen sah ihn von der Seite an, murmelte was von einem »Drieschlag«, langte mit der Rechten in den Kübel und schleuderte herumgehend das Wasser auf den Boden. »Meaner, meaner (mehr)«, schrie unser Bursche, der als ächter Bauer alles gründlich haben wollte. Das Mädchen, durch den herrischen Ton gereizt, spritzte wahre Lachen. »So, ietz isch gmua!« rief Michel, stellte sich fest hin, sang ein Lied und tanzte auf dem erfrischten Boden mit erhöhter Lust, in einer wahren Trunkenheit des Eifers und der Liebe zur Sache. Es ging besser und immer besser. In dem Jubel seines Herzens, unwillkürlich sich selber bewundernd, rief er mit strahlendem Gesicht: »Hopp hopp! hopp hopp! Juhu!« -- -- Plautsch lag er da. Auf der nassesten Stelle war er ausgeglitscht, in dem Schwunge des Tanzens war es auch der Gret unmöglich gewesen, ihn zu halten; sie mußte ihn fahren lassen, um nicht mitzufallen -- und der riesige Bursche »schlug hin« (wie der Rieser in solchem Falle treffend sagt), daß der Boden krachte und ein Zuschauer nur durch einen raschen Seitensprung sich vor Zerquetschung rettete. Nach dem triumphirenden Hopphopp dieser Sturz, der Länge nach, auf die Hinterseite des Leibes -- es war unmöglich, das Lachen zurückzuhalten. Von allen Seiten des Tanzbodens, aus allen Winkeln, sogar von der Treppe herauf (wo sich ebenfalls Zuschauer befanden) erschallte es laut und selig; und nicht wurde es beschwichtigt, als Michel nach einem grimmigen Fluch mit der Physiognomie der Wuth und der Scham aufstand, wozu die Gret ihm behülflich war. Diese hatte mit etwas erschreckter Miene einen Augenblick auf den Liegenden geschaut; jetzt, als sie ihn wieder strack dastehen sah, wandelte sie das Lachen hinterdrein an, und nur den eigentlichen Ausbruch zurückhaltend rief sie: »Komm, des macht nex«, und wollte zum Weitertanzen seine Hand fassen. Aber Michel zog sie heftig zurück.

Der Bursche hatte die Empfindlichkeit des Sonderlings und Anfängers. Ein flotter Tänzer wäre aufgesprungen, hätte mitgelacht und weiter getanzt. Aber den Schüler dünkte der Sturz unauslöschliche Schande -- das Selbstbewußtsein des Gewaltigen hatte einen Schlag erlitten, der ihm schrecklich vorkam. Hinzufallen -- ausgelacht zu werden von »einfältigen Weibsbildern, alten Eseln und elenden Buben«, und nicht dreinschlagen zu dürfen -- das nehme ein Michel von der lustigen Seite! -- Er trat in eine Ecke, seiner Ansicht nach für sein ganzes Leben beschimpft. Und als die Gret ihm nachging und ihn aufs neue ermahnte, doch fortzutanzen, entgegnete er hochverdrießlich: »Gang weiter! I hab' d'r ja gsakt, daß e net danza' ka'! Du hätt'st me en Rua' (Ruhe) lossa solla'!« -- Die Gret erwiederte begütigend: »'S ist ja ganz guet ganga'! Für d's Falla' ka' ma' nex, des ka' n'm G'schicktsta' passiera'! Komm! Wer net omwirft, der lernt net fahra'!«

Bei ihrem heitern Wesen hatte das Mädchen nicht umhin gekonnt, ihm diese Ermahnung mit einem Lächeln zu ertheilen, in welchem die Schelmerei über die Gutherzigkeit den Sieg davon trug. Michel, dies gewahrend, fühlte den schlimmsten Argwohn, den er haben konnte; und im Unmuth desselben rief er: »Höar amol? -- suach d'r 'n andera' Narra' -- ih mach d'r 'n net zom zwoetamol! -- Moest, i ben doh, daß e me auslacha' ond da' Spoht auf m'r haba' loß?« -- Das Mädchen, durch diese unerwartete Sprache betroffen und ihrerseits verletzt, erwiederte mit vorwurfsvollem Ausdruck: »Wer hot denn da' Spoht auf d'r?« -- »Du!« rief Michel, für den sein Argwohn schon eine bewiesene Sache war, mit erzürntem Ton. »Falsch send 'r all mita'nander -- ond du bist die fälscht (falscheste)!« -- Das war zuviel! Das Mädchen trat zurück und sagte mit Verdruß: »Du bist halt a grober Kerl! Gang he' wo d' willst -- ih mueß de wärle net haba' -- ih krieg scho' n andera' Dänzer!« -- »Mei'thalb danz mit 'm Deufel«, rief Michel und ging mit starken Schritte in die Stube.

Die Gret war ernstlich böse. »So a'n o'gschickter Mensch -- ond so grob ond so hochmütheng! Noe mit deam ist nex a'zfanga' -- i mueß 'n aufgeba'!« -- Während sie diese Gedanken hatte, machte sie mit weiblicher Geistesgegenwart gleich wieder gute Miene. In die Heiterkeit, welche die letzten Worte Michels und sein wüthender Abgang erregten, hatte sie halb mit eingestimmt. Nun zeigte sie ein Gesicht, daß es schien, als ob sie ihn mit ihrem Tanzen wirklich nur zum Besten gehabt hätte; und als eben der Schneider von Hause zurückkam, reichte sie ihm, der sie schnell aufzog, ihre Hand und tanzte so gut und so schön, als ob sie heute noch an nichts Anderes gedacht hätte. Als der Zierliche von der Affaire des Michel hörte, rief er in seinem Mischmasch von Dialekt und Hochdeutsch: »'S ist nicht z'globa', daß es so ongschickt Menschen geba' ka'« -- lächelte selbstzufriedener als je, begann noch flotter den neuen Reihen, rief ebenfalls Hopphopp und Juhu, fiel aber nicht, sondern machte es so gut, daß ihm alle mit Vergnügen zusahen.

Das Gelächter, das unserm Burschen vom Tanzboden nachgeschickt worden war, hatte nicht besänftigend auf ihn gewirkt. Tief ergrimmt setzte er sich an seinen Tisch und patschte gewaltig mit seinem Bierkrug wegen erneuter Füllung. Der Aufwärter eilte, ihn zu befriedigen. Einer der beiden Alten, die in gemüthlichem Diskurs dagesessen hatten, schaute zu ihm auf und rief: »No, Michel, w'rom machst denn du so a Gsicht auf oemol?« -- Der Bursche, statt aller Antwort, that einen tiefen Zug aus dem Maaßkrug. Ein dritter Alter, der mit dem Faungesicht, war von dem Tanzboden hereingekommen und begann lächelnd: »Du host a kloes O'glück ghett, Michel? -- No, no, desdawega' brauchst de net z'kränka'! 'S ist scho' oft oer g'falla' beim Danza'!« -- »So so?« versetzte der erste mit schlauem Gesicht, »des ist 'm passiert?« Und mit der Bosheit, die sich ein alter Bursch gegen einen jungen wohl erlauben kann, setzte er hinzu: »W'rom host denn aber dei' Dänzere net mit rei'brocht? Die hot gwihß 'n rechta' Schrecka' ghett und hätt oh 'n Tro'k (Trunk) zor Stärkeng braucha' könna', so guet wie Du!« -- »Oh«, antwortete der dritte für Michel, der in stiller Wuth vor sich hinsah, -- »die g'fohrts net (achtets nicht)! Sie danzt scho' widder!« -- »Welle isch denn?« -- »Welle wurds sei'!«, erwiederte der dritte, »d's Maurers Great!« -- »So!« bemerkte der erste mit einer Miene, als ob ihm ein Licht aufgegangen wäre. Und kopfschüttelnd setzte er hinzu: »Ietz gfällt m'r die Gschicht nor halb! -- Die hätt' de zor Noath halta' könna', Michel, -- wann's gwöllt hätt'!«

Durch diese Bemerkung sah der Bursche seinen Argwohn bestätigt, er fühlte sich verkauft und verrathen und ließ eine »Schluap« herunterhängen, daß es die Alten Mühe kostete, ihm nicht geradezu ins Gesicht zu lachen. Nach einem Moment sagte der dritte mit ironischer Tröstung: »Was doh! Gspäß müssa' trieba' sei'! Sott jong Mädla' sticht manchmol der Uebermuth ond doh macha's eba' Norrheita'! A rechts Mannsbild verzürnt se desdawega net -- er kriegt's oh widder amol derfür!« -- »Ih« rief Michel in stolzem Unwillen, »ben d's erstmol ond d's letztmol von 'r a'gführt -- dohfür stand e guet!« -- Der erste bemerkte: »Ma' mueß nex verreda'!« Und vergnügt setzte er hinzu: »Wann ih no' mein Zwanzger hätt' (noch in den Zwanzigen wäre), nocht wißt' e, was e dät!« -- Michel versetzte: »I woeß oh, was e dua'!« -- Und mit einem scharfen Blick und entsprechender Kopfbewegung setzte er hinzu: »Globet 'r mers?« -- Der Alte lachte und sagte zu seinem Kameraden: »Was send des für jong Leut ietz! Glei da Kohpf verliera'! Doh hont se o's (haben wir uns) anderst gholfa' zu o'srer Zeit -- net wohr?« -- Er stieß mit ihm an; der Andre brachte eine Geschichte in Erinnerung, die dies bestätigen sollte -- Michel, dem das Vergnügen der »alten Narren« höchlich zuwider war, trat zu einem jungen Burschen, der ihn respektirte, und fühlte sich nach einem Gespräch mit ihm wieder etwas beruhigt.

Der Abend kam heran -- man setzte sich an die Tafeln, um das letzte Mahl einzunehmen, das Interesse der Gäste wurde auf andre, wichtigere Dinge gelenkt, und nach dem feierlichen Schluß des eigentlichen Festes dachte mit Ausnahme der Nächstbetheiligten Niemand mehr an das Zwischenspiel auf dem Tanzboden.

Michel hatte wenig gegessen und demgemäß viel eingewickelt. Er blieb in dumpfer Stimmung sitzen und handhabte nur von Zeit zu Zeit den Bierkrug. Auf einmal erblickte er den Kasper an der Thür; er erhob sich, nahm sein Eingewickeltes und ging auf ihn zu. »No?« fragte Kasper, den die Neugier so früh zum Ansing geführt hatte, »wie stot's?« -- »Nor still!« versetzte Michel, »i will d'rs glei verzähla'!« -- Er führte ihn in ein gästeleeres Seitenstübchen, theilte ihm seine Erlebnisse mit und fragte mit der Miene der Unfehlbarkeit: »No, was sakst ietz? Hab' e Rehcht ghett -- hab' e O'glück mit deam Mädle?« -- Kasper hatte große Mühe gehabt, bei der Erzählung ruhig zu bleiben; aber auf diese Frage konnte er seine Meinung nicht zurück halten. »Brueder«, rief er, »bedenk doch --« -- »Still!« fiel Michel, der seine Absicht errieth, erzürnt ein, -- »red m'r nex zom Guata', oder du machst me böas! -- Mei' Lebteng sig' es nemmer a' -- ond mei' Lebteng gang e auf koe Hoaxet mea'!« -- »No, no«, erwiederte Kasper, der wohl sah, daß ihm heute mit Ernst und Vernunft nicht beizukommen war, lächelnd, »du wurscht doch auf dei' oegana' (eigene) ganga'?« -- »Halt's Maul« rief Michel in Verachtung solcher Späße und stand auf, um heimzugehen. Kasper fühlte die Pflicht, ihn zu begleiten.

Unterdessen hatte das Tanzen wieder begonnen. Der Schneider ging im Reihen, die Gret an der Hand, und sang ein lustiges Stückchen. Wie er den Michel mit seinem Päckchen an der Stiege sah, war er nicht sowohl schadenfroh als schadenselig, -- vom Siegesjubel hingerissen juxte er und tanzte er fortjuxend, bis ihm der Athem ausging. »Doh siksch!« bemerkte unser Bursche zu Kasper, während sie die Stiege hinuntergingen -- »so a miserabler Schneider, dear gar net he'falla' ka', weil 'r fliegt wie a Bettfeder -- des ist der recht Ma' für dia! -- No so mei'tweg -- dean soll's oh haba'.«

Ende gut, Alles gut.

Es ist eine eigenthümliche Sache um das Schicksal! -- -- Der Mensch will an einem schönen, glückverheißenden Ziel anlangen, aber der Weg, den er einschlägt, führt ihn nur weiter ab davon. Er nimmt die Lehre der Erfahrung an, er geht, die täuschende Bahn vorsichtig meidend, eine andere. Da gewahrt er, daß man durch Schaden immer nur sehr verhältnißmäßig klug wird: der erprobten Falle entgehend, stürzt er in eine andere. Er sieht den Zweck verloren. Wie sollte er ihn noch erreichen? So und so hat er ihn verfehlt. -- Auf einmal bringt ihn sein guter Genius in eine Situation, wo die Anwendung der ~ihm~ vorzugsweise verliehenen Gaben zum Siege führt! Und nun kann er sein Schicksal schmieden -- wenn er entschlossen ist, den Hammer zu schwingen und die von ihm geforderten Schläge zu führen.

Unser Bursche hatte ein Mädchen, die er liebte, foppen wollen -- und war von ihr gefoppt worden. Er hatte sie durch Ausführung ihrer Befehle erfreuen wollen -- und hatte sie durch Nichterfüllung ihrer Wünsche böse gemacht. Er hatte sich vor ihr und mit ihr auszeichnen wollen und hatte sich vor ihr und vor dem ganzen Dorfe mit Schande bedeckt. -- Was konnte für ihn das Schicksal noch bereit haben?

Zunächst stand seine Sache bei dem Mädchen so schlecht als möglich. Die Gret hatte in der That beschlossen, ihn aufzugeben, und der Unwille, der diesen Entschluß geboren, hatte ihn auch den Rest des Hochzeitabends aufrecht erhalten. Als sie am andern Morgen früh erwachte, war es ihr Erstes, das Geschehene zu überdenken. Und diesmal kam sie kein Lachen an -- ein tiefer Ernst nahm ihr Herz ein und blieb darin. »Es soll net sei'« -- das war das Ergebniß ihres Nachdenkens. »Er hot ebbes auf me ghalta', des will e net läugna'; aber er ist stolz wie a Reichsgrof, empfindlich wie a kloes Ke'd (Kind), grob wie Säuboanastroa' -- ond a Narr, wo ma'n a'sicht! -- Noe, noe!« rief sie. »Wann e sei' Weib wearat, hätt e me nex as z'schäma', ond wann e'm d'Worat saga' dät, wuhr'r (würde er) wüadeng ond --« -- Die Gret sah unwillkürlich die Arme Michels in einer gewissen Bewegung -- sie zuckte in ihrem Bette und sah mit weiblichem Stolz vor sich hin. »Des wurd m'r net passiera'«, rief sie zuletzt, -- »doh ben i guet derfür!«

Sie faßte mit Ernst und Ruhe den Entschluß, zu thun, als ob Michel nicht mehr auf der Welt wäre -- ihn nicht mehr anzusehen -- -- und zu überlegen, was sich für sie Anderes und Besseres schicken möchte.

Der Vorfall zwischen ihr und dem Burschen war gestern Abend noch in der untern Wirthsstube erzählt worden, und Niemand zweifelte daran, daß die Gret sich mit dem Ungeschickten einen Spaß gemacht habe. Als sie nun zu ihrem Vater hinunterging, stellte sie der Wackre ernstlich zur Rede und sagte zum Schluß: »Des loß nor onterwegs kenfteng, so'st dischgerier ih a Wöartle mit d'r! Der Michel ist a braver ond a fleißenger Mensch; ond wann 'r net danza' ka', so braucht m'n desdawega' net für da' Narra' zhalta'! -- I hoff«, setzte er mit aller Strenge hinzu, deren er fähig war, -- »i hoff, daß so ebbes nemmer fürkommt!« -- Das Mädchen, die ihrem Vater kein Bekenntniß ablegen wollte, begnügte sich zu erwiedern: »Doh hab koe Sorg! D' Schand ist für mi so groaß gwesa' wie für ihn -- i hab bodagmuag (bodengenug, genug bis auf den Boden) an dem oezengamol!«

Bald darauf kam der Schneider -- »em Vorbeiganga'«, wie er sagte. Er war vergnügt und sprach gemüthlich, indem er gewandt einige seiner städtischen Redensarten anbrachte. Das Mädchen sah ihn freundlich an und der Ernst wich im Geplauder mit ihm wenigstens aus ihrem Gesicht. -- Der Maurer schaute mit zufriedenen Blicken auf das Paar. Vetter Jakob hatte eine bessere Sölde als er, und mit der Nadel war's eine gute Mannsnahrung. Die jungen Leute gefielen sich und hatten ihre Freude an einander -- die Sache machte sich von selber. -- Als der Schneider wieder fort war, zeigte der Alte das Gesicht eines Vaters, der Aussicht hat, seine letzte Tochter nach Wunsch zu versorgen, und sagte: »Der Vetter ist a gueter ond a'n aufklärter Mensch! 'S hot doch ebbes Guet's, wamma'n a bisle en der Fremd gwesa'n ist! Dean hält gwihß koe Mädle für da' Narra'!« -- Die Gret sah für sich hin und ein leises Lächeln ging über ihr Gesicht. -- --

Wie das Mädchen, so war auch ihr bisheriger Liebhaber weiter als jemals von dem Punkte entfernt, den er so lang erstrebt hatte.

Michel war nach kurzem Abschied von Kaspar, der zum Ansing zurückverlangte, geräuschlos in sein Haus getreten und hatte der Mutter das Eingewickelte mit dem Bemerken übergeben: er sei müde und wolle gleich ins Bett gehen. Die Mutter wußte nicht, was sie aus dem ruhigen, aber durchaus unvergnügten Gesicht machen sollte, und fragte: ob er nicht getanzt habe! »Ond wia!« versetzte der Bursche mit einer Art von Humor, »daß se alle Leut' drüber gwondert hont! -- Aber ha'et ka'n e nemmer viel verzehla' -- morga' früa' ist oh no' Zeit! Guetnahcht!« -- Er ging in seine Kammer.

Vor Tagesanbruch erwachend hatte er das dumpfe Gefühl einer höchst widerwärtigen Geschichte. Als er sich das Vorgefallene deutlicher machte, verlor sich seine fatale Eigenschaft nicht -- es grinste ihn widerlich und peinlich und immer peinlicher an. Er seufzte tief auf -- und wollte davon wegsehen; aber das ging nicht. Seine Seele kam immer wieder darauf zurück, seine Gedanken liefen sonderbar hin und her. Einmal klagte er sich selbst an und wollte die Hauptschuld haben. Dann erinnerte er sich ihres »boshaften Lachens« und ihres Tanzens mit dem Schneider, und es schien ihm unzweifelhaft, daß die Gret falsch und er der Angeführte, der mit Fleiß Verhöhnte sei. Zuletzt rief er: »Was plog e me viel! -- 'S ist aus -- hab' Schuld dra' wer will!« --

Er stand auf und zog sich an. Der Mutter sein Versprechen wegen der Erzählung zu halten, fühlte er sich durchaus nicht in der Stimmung; deßwegen ging er sachte in die Stube, schnitt von dem Brotlaib in der Schublade des Tisches ein tüchtiges Stück ab, nahm eine Schaufel und ging auf's Feld, um an einem Graben weiter zu schaffen, den er herzustellen unternommen hatte. Er arbeitete »wie wild«. In körperlicher Anstrengung suchte er seinen Unstern mit Gewalt zu vergessen.

Als er um zehn Uhr heimwanderte, begegnete ihm in der Gasse -- die Gret. Hätte er beschlossen gehabt, sie zu grüßen, so würde er's nach einem Blick auf sie doch unterlassen haben. Seine scharfen Augen gewahrten in ihrem gespannten Gesicht einen Ernst und einen Trutz, der ihm auf's Deutlichste sagte, sie wolle ihn nicht ansehen, nichts mehr von ihm wissen. Er machte ein Gesicht, dem ihrigen ähnlich, und stumm gingen sie aneinander vorüber. -- Sollte er jetzt noch zweifeln, daß er der Genarrte war und der Schneider der Vorgezogene?

Als er -- man sagt sich, in welcher Laune -- nach Hause kam, war die Mutter von dem Ereigniß auf dem Tanzboden schon unterrichtet. Durch das Betragen des Burschen stutzig gemacht, war sie bald nach dem einsamen Frühstück zu einer Nachbarin gegangen, die auf der Hochzeit gewesen, und hatte Alles erfahren. Sehr unangenehm berührt von der Niederlage des Sohnes, urtheilte sie doch über die Gret anders als die Leute, und am fatalsten war ihr daher zuletzt Michels Grobheit gegen das Mädchen. Sie nahm sich vor, ihm tüchtig ihre Meinung zu sagen.

Nach einem leichten mütterlichen Tadel, daß er heute ohne etwas Warmes fortgegangen sei, erinnerte sie ihn, ihre Wissenschaft verbergend, an sein Versprechen. »Ach Gott«, erwiderte Michel ungeduldig, »'s ist gar net d'r Müa' wearth dervo' z'reda'!« -- »Ja, ja«, versetzte die Mutter, indem sie ihm sehr ernsthaft in's Gesicht sah, »i glob's scho', daß d' net geara' dervo' redst! Ist des a Benemma' für'n Menscha', der ballvoll (bald voll) semna zwanzg Johr alt ist! Ander Leut wearat gscheidter wann's älter wearat, ond du wurscht allweil o'gscheidter ond allweil dommer!« -- Von diesem Vorwurf der Mutter wenig berührt, entgegnete Michel: »Du woescht (weißst) also scho' Alles?« -- »Ja freile woeß e Alles!« erwiederte die Mutter. »Redt ma' ja überal dervo' em ganza' Doraf ond lacht de aus!« Und mit einer Miene zugleich der Bekümmerniß und der Anklage setzte sie hinzu: »'S ist also ganz zom Verzweifla' mit dir! So o'gschickt sei'! So grob sei' gega'n a Mädle, die's so guet mit oem moet« -- -- »So«, fiel Michel ein, »die moets guet mit mir? -- Wie hätt se's (sie es) denn zoegt (gezeigt)?« -- »Des sicht ma'n aus allem«, erwiederte die gute Frau. »Ond wannd' a gscheidter Kerl gwesa' wärst, nocht hättst a Weib kriega' könna', wie's koena' mea' git dohrom!«

Diese Versicherung mußte dem Burschen nach der von ihm gewonnenen Ueberzeugung durchaus haltlos vorkommen. In der vollen Gewißheit des Rechthabens entgegnete er: »I will d'r ebbes saga'! Wart no' a baar Wucha' ond dua' dei' Oga'n auf, nocht wurscht seha', mit weams ~dia'~ guet moet!« -- Durch den sichern Ton des Burschen etwas getroffen, aber sich nichts ansehen lassend, erwiederte sie: »Du bist a Mensch voller Ei'bildenga'! Ond ih sag: ha'et könntst no' alles guet macha', wann d' a Kerl wärst! Auf da' Sonnteng über vierzea' (vierzehn) Dag ist d' Kirwe (Kirchweih). Gang en d'Zech, führ de auf, wie's 'm rechta' Burscht ghöart, tanz nommol mit'r --« --

Das war dem guten Michel zu viel. Das Zureden der Mutter war mit Schuld an seinem Unfall auf der Hochzeit -- -- und nun sollte er wieder tanzen -- mit derselben, die ihn -- Er war in tiefster Seele verdrießlich und erwiederte mit gerechter Entrüstung: »Du host haba' wölla', i soll danza' -- i hab' danzt en d's Deufels Nama, ben he'schlaga' ond hab' me auslacha' lossa'. Ond ietz bist no' net z'frieda' ond willst, i soll me nommol für da' Narra' haba'n ond auslacha' lossa? A' -- doh möcht oen ja glei d's Donner onds Wetter -- -- -- Ietz lohs (höre), i will d'r ebbes saga'! I dua mei' Arbet ond leb wie's 'm ordentlicha' Menscha' ghöart -- ond em Uebrenga' bitt e m'r 'n Ruh' aus! Danza' mueß ma' net -- ond heiricha' mueß ma'n oh net! Was Sakerment! -- soll e denn grad allweil die Sacha' doa', die e net mag?« -- Die Mutter konnte hierauf nichts erwiedern als die Achseln zucken, wie über einen Verlorenen. Michel, der sich schon gewendet hatte, ging mit starken Schritten aus der Stube.

Im Verlauf der nächsten Woche kam der Schneider zum Maurer, eröffnete der Gret, daß er in die »Zech« gehen wolle, und fragte mit eben so großer Artigkeit als Zuversicht: ob er sie nicht auf die Kirchweih führen dürfe! -- Das Mädchen sah ihn schweigend an und sagte endlich: »I glob net, daß des got!«

Sich von einem Burschen auf die Kirchweih führen lassen und consequenterweise mit ihm auf dem Platz tanzen, hieß so viel als: ein bestehendes oder werdendes Verhältniß mit ihm offen bekennen. Zuweilen geschah es allerdings auch aus Freundschaft, daß man zusammen die Kirchweihfreuden genoß; allein das waren eben nur Ausnahmen und immer hatte das Eingehen auf einen Vorschlag, wie er dem Mädchen gemacht wurde, etwas Verpflichtendes und -- Verfängliches.

Das Bedenken der Gret werden unsre Leser nun besser begreifen, als der Schneider und ihr Vater. Der Bursche rief höchlich überrascht: »Worom denn net?« Und der Maurer setzte hinzu: »Ja, des möcht' e oh wissa'!« -- Die Gret wollte begreiflicherweise nicht sagen, was sie eigentlich für eine Empfindung hatte; sie erwiederte zögernd: »I muß d'r aufrichteng saga', Jakob, i hab m'r auf d'r letschta' Hoaxet gemuag danzt! -- i hab koen Luhst mea' derzue! -- Der Schneider fragte erstaunt: »Willst also gar net ens Wirthshaus ganga'?« -- »Beinah hab' e so ebbes em Send (im Sinn)«, erwiederte die Gret. -- Der Alte rief: »Gang weiter -- des ist widder so a'n Ei'fall! Morga' denkst anderst!« -- Die Gret, für jetzt zufrieden, nur Zeit zu gewinnen, versetzte: »'S ka' sei'! -- Reda'mer (reden wir) a'nandersmol dervo' -- 's hot ja no' Zeit!« -- Dem Schneider war es höchst fatal, einen Antrag halb ausgeschlagen zu sehen, der, wie er gemeint hatte, mit der größten Freude sollte aufgenommen werden. Allein er mußte sich in ihre Laune fügen und ließ die Sache fallen, in der Hoffnung, sie das nächstemal bereitwilliger zu finden.

Ein paar Tage später, an einem schönen, milden Septembermorgen, ging die Gret ins »Ohmed«. Nicht weit vom Dorfe sah sie den Michel gegen sich herankommen, mit einer Miene, die ihr auffallen mußte. -- Der gute Bursche hatte sich in der That Ruhe verschafft in seinem Hause -- weder die Mutter noch Kaspar sprachen mit ihm fernerhin über die Gret und über's Tanzen. Aber in dieser Ruhe war er traurig geworden; der Unmuth seiner Seele hatte sich in Schwermuth verwandelt. -- Ihm war's auch einmal eingefallen, glücklich sein zu wollen, wie andere Leute -- doch für ihn gab es kein Glück! Durch seine oder ihre Schuld -- sei's, wie's sei -- war er drum gekommen und nun hatte er ein Leben vor sich ohne Lust und ohne Liebe und ohne Freude. Dieser Gedanke drängte sich ihm auf, er kämpfte nicht dagegen an, er unterwarf sich -- und seine passiv ergebene Seele ward ein Raub der Melancholie.

Die Gret, wie sie ihn einem Träumenden ähnlich, die Miene traurig, aber ruhig und auch in der Trauer noch mannhaft, an sich vorübergehen sah, bekam eine Ahnung von seinem Zustande. Sie schaute ihm lange nach -- und ging tief in Gedanken weiter.

Als sie nach Hause kam, war der Vetter wieder erschienen und erneuerte seinen Vorschlag. Das Mädchen sah ihn mit glänzenden Augen, mit einer Art von wehmüthigem Lächeln an und sagte: »No mei'tweg! -- -- 'S wurd ja nex O'rechts sei, was e dua'!« -- Das Gesicht des Schneiders hatte der Schimmer des Triumphes überflogen und mit stolzem Behagen rief er aus: »Ebbes O'rechts? I möcht wissa', worom!« Dann sah er sie schlau an und bemerkte: »Du wurscht m'r doch net zutraua', daß ih ebbes O'rechts im Senn hab?« -- Die Gret konnte nicht umhin, ein wenig zu lachen und erwiederte heiter: »Des net.« Etwas ernster setzte sie hinzu: »No, du bist mei' Vetter, ond von 'm Vetter därf ma' scho'n a Gfälligkeit a'nemma! 'S got eba'n en d' Froedschaft!« -- Der Maurer sah vergnügt auf sie und murmelte: »Guet!« -- --

Der Inbegriff aller Fröhlichkeit und aller Genüsse des Dorfes -- das Hauptfest im ganzen Jahr -- die ~Kirchweih~ kam heran. -- In damaliger Zeit wurde dieses Fest ebenfalls anders gefeiert, als gegenwärtig; bevor wir daher in unsrer Erzählung weiter gehen, ist es nothwendig, auch hierüber einige Bemerkungen vorauszuschicken.

Zur Zeit des alten deutschen Reiches erhielt die Rieser Kirchweih außer der kirchlichen noch eine gerichtliche Sanction. Der Amtknecht der betreffenden Behörde verkündete feierlich das »Friedbot« und tanzte beim »Platzaufführen« die ersten drei Reihen allein -- damit erklärend, daß die Lustbarkeit einen Charakter haben müsse, der vor der Macht, die er vertrat, auch bestehen könne. In der Zeit, in welcher unsre Geschichte spielt, war dieß weggefallen, aber die Lustbarkeit verlief doch noch in einer Reihe bestimmter Formen. In gewissem Sinne war an die Stelle des Amtknechts ein Dorfbursche getreten, der »den Platz kaufte«, d. h. gegen Erlegung einer gewissen Summe an den Gerichtsdiener den Namen des »Platzmeisters« und eine Anzahl von Rechten erwarb. Er durfte am Kirchweihmontag und an dem darauf folgenden Sonntag, durch einen geputzten dreispitzigen Hut ausgezeichnet, im Verein mit andern Paaren einen Tanz im Freien, auf geebnetem Platz, wo möglich um einen Baum, aufführen und ihn durch dreimaliges Alleintanzen einleiten. Zur Vergütung seiner Auslagen und Bemühungen durfte er am ersten Sonntag eine Ente, am letzten einen Hut oder ein ähnliches Möbel herauspaschen lassen, wobei der Einsatz den Werth des Gegenstandes natürlich bei weitem überstieg; deßgleichen einen Kegelplatz anlegen, der gleichfalls gute Procente abwarf. Verstand der Platzmeister, der in der Regel noch einen zweiten als Gehülfen zur Seite hatte, die Leute recht zum Paschen und Setzen heranzukriegen, und wurde bei guter Witterung fleißig gekegelt, so fiel nicht nur der mäßige Kaufpreis des Platzes ab, sondern auch noch die Summe für die Zeche an den Kirchweihtagen. Daraus ergiebt sich, daß nur unbemittelte Bursche -- Söldnerssöhne oder Knechte -- Platzmeister wurden, indem Bauernsöhne derartige Erwerbungen unter ihrer Würde halten und sich vielmehr berufen sehen mußten, ungewöhnlich viel Geld springen zu lassen. Für das Dorf waren aber doch die Platzmeister die Hauptpersonen.

Genauer zu reden hätten wir nämlich sagen müssen: das Kirchweihfest ~konnte~ zu jener Zeit noch in bestimmten Formen verlaufen -- eben wenn die Stelle des Platzmeisters erworben wurde. Fand sich dazu Niemand bewogen, dann war die Kirchweih ein einfaches Tanzfest, zum wenigsten in unserm Dorfe. Nicht nur das Kegelspiel und das Tanzen auf dem Platz fiel weg, sondern auch das uralte Abholen der Mädchen mit Musikanten und das Tanzen in den Häusern derselben. Eine solche Kirchweih hatte aber »keinen rechten Ton«, jeder ächten Bauernnatur mußte dabei etwas fehlen -- und das Auftreten eines Platzmeisters, der auch nur ausnahmsweise mangelte, wurde daher immer mit Freude begrüßt.

Die letzten Jahrzehnte sind auch für die Kirchweihgebräuche kritisch gewesen -- das Platzaufführen mit allem, was damit zusammenhing, ist aus der Reihe der Festesfreuden gestrichen. Während die Alten diesen Brauch als moralisches Mittel benutzten -- denn Burschen und Mädchen, die nach dem Rieser Ausdruck »schon so vorgekommen«, d. h. nachweislich vom Wege der Ehrbarkeit abgewichen waren, durften nicht mit klingendem Spiel in's Wirthshaus ziehen und »auf den Platz gehen!« -- erschien in neuerer Zeit das Jauchzen, Spielen und Tanzen im Freien als ein nicht zu duldender Skandal, der zunächst wenigstens in einen geschlossenen Raum verwiesen werden müsse. In der jüngsten Zeit ist durch den Befehl, daß alle Kirchweihtänze des Kreises Schwaben und Neuburg an einem und demselben Tag abzuhalten seien, dem Rieser Kirchweihfest die letzte Zierde und Würde des Brauches genommen worden. Von andern prosaischen Uebelständen abgesehen ist dadurch nämlich die ~Gastfreundschaft~ unmöglich geworden, die in den Tagen des Festes von Befreundeten verschiedener Dörfer wechselseitig geübt wurde. Die Bauern können nun höchstens noch die Beamten aus der Stadt »auf die Kirchweih laden«, sich selbst aber nicht mehr -- die Feier ist auf die Bewohner eines Dorfes oder Dörfleins beschränkt und nichts weiter als ein gewöhnliches Essen und Tanzen ohne bräuchliche und poetische Weihe.

Einem Autor, der sich die Darstellung des Volkslebens zum Ziel gesetzt hat, muß es gestattet sein, gelegentlich eine die Volkssitten und ihre administrative Behandlung angehende Bemerkung zu machen. -- Es fällt uns nicht ein, die Vortrefflichkeit der Absicht jenes Befehls, der ja auch in andern Staaten schon ergangen ist, irgend anzufechten. Man will, daß jeder Streit, der auf dem Kirchweihfest eines Dorfs zwischen eingebornen und fremden Burschen entstehen könnte, zuvor abgeschnitten sei, und -- daß der Bauer auf seine Vergnügungen möglichst wenig Geld verwende. Friedlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit sollen dadurch gefördert werden bis zu einem noch nie dagewesenen Grade. -- Allein im Ries darf man die früher üblichen Händel zwischen eingebornen und fremden Burschen recht eigentlich als aus der Mode gekommen ansprechen; und was Fleiß und Sparsamkeit betrifft, so übt die große Mehrzahl des dortigen Landvolks diese Tugend von alter Zeit her in einer Weise, die man geradezu musterhaft nennen kann. Ein Staat, der sich einer Beamtenschaft rühmen könnte, die in dieser Beziehung dem Rieser Landvolk ähnlich wäre, dürfte sich nach unserer Ueberzeugung glücklich preisen. Ist es nun gerathen, um einiger liederlicher Menschen willen, die überall vorkommen und bekanntermaßen nicht der Kirchweihen bedürfen, um sich zu ruiniren -- ist es gerathen, fragen wir, jener großen Mehrzahl ihre hergebrachte Lustbarkeit zu verkümmern und für die Söhne und Töchter wohlhabender, ja reicher Landleute die Tanzgelegenheiten auf ein Minimum herabzusetzen, während in Städten nicht nur die höhern Klassen, sondern auch die Massen der Handwerker und Proletarier vor Bällen und Tanzmusiken nicht wissen, wo aus und wo ein? Hält man etwa das Landvolk im Vergleich mit dem Städter für unmündig und für leichter zu verführen? Schreiber dieses kennt beide aus vieljähriger Erfahrung; er muß aber sagen, daß ihm keine Menschenklasse vorgekommen ist, die sich in ihren Vergnügungen und Geldausgaben mündiger und ordnungsmäßiger zu benehmen wüßte, als eben der Rieser Bauer! -- daß mithin Befehle, die sich auf die Annahme einer solchen Unmündigkeit gründen, in keiner Art nothwendig erscheinen.

Ein Schriftsteller, der sich in dieser Beziehung Autorität erworben hat, ~Riehl~, erklärt sich in seiner »bürgerlichen Gesellschaft« mit Entschiedenheit gegen die Vernichtung hergebrachter Bauernfeste durch Zusammenlegung der Kirchweihen auf Einen Tag. Er citirt zu seinen Gunsten den Ausspruch des anerkanntesten Volkskenners -- ~Justus Mösers~. -- Mögen diejenigen, die durch Einschränkung der gebräuchlichen und natürlichen Lustbarkeit das Beste des Landvolks zu fördern glauben, bescheidentlich mit uns erkennen, daß das in dieser Beziehung ~Beste~ in der That noch eine ~Frage~ ist, die nur in Erwägung gar mancher Verhältnisse definitiv entschieden werden kann! Steckt man auch dem Landvolk ein höheres Ziel im Leben und Streben, so wird es diesem Ziel nimmermehr durch Verbote, sondern nur durch die ihm entsprechende Bildung näher geführt werden. Das positive Mittel einer solchen Bildung wende man an -- dann wird Alles, was sich mit ihr nicht mehr verträgt, im Verhältniß ihrer Ausdehnung von selber zu Boden fallen. Mit Untersagung herkömmlicher Gebräuche sei man dagegen um so behutsamer, als die sich erhaltenden vielleicht eben das Material bieten sollen, welches die fortschreitende Bildung zu läutern und zu einer neuen Poesie des Lebens zu verklären haben wird. -- --

Unser Dorf hatte diesmal das Glück, eine »rechte Kirchweih« zu bekommen. Zwei Bursche hatten den Platz gekauft, die in jeder Hinsicht fähig waren, das Amt zu versehen: lustige Kerle, vortreffliche Tänzer und Liedersänger. Der Kegelplatz war schon errichtet; er prangte vor dem Wirthshause, allerdings auf einer etwas geneigten Ebene, was indeß nur zur Folge hatte, daß das Treffen darauf um so ehrenvoller war. Eine ziemliche Anzahl von Ledigen war »in die Zech gegangen,« d. h. sie ließen im Wirthshaus aufschreiben, was sie an Essen, Weißbier und Branntwein verzehrten, um nach den Festtagen zu gleichen Theilen zu bezahlen. Das ganze Dorf war angeduftet von der Poesie einer Feier, die, erinnerung- und hoffnungerweckend, ein lautes, fröhliches Leben vorführen sollte, und von den Torten, Ringen (Kränzen) und Bretzgen, die nach Maßgabe des Vermögens von allen Familien gebacken wurden. »Nach altem Brauch« waren nicht nur im Wirthshaus verschiedene Schweine geschlachtet worden, sondern je eines auch in bedeutenden Bauernhäusern, und eine erklekliche Anzahl befiederter Geschöpfe war aus den Reihen der Lebendigen gestrichen. Das Dorf brauchte nichts mehr als gutes Wetter -- und das kam. Schon am Freitag hatte ein die Gemüther sehr beunruhigender Regen aufgehört, der Kirchweihsamstag war trocken, und am Sonntag stieg die Sonne in einen Himmel mit nur einzelnen dünnen Wölkchen empor. Wer die Empfindungen kennt, die beim Anblick solchen Himmels an dem Hauptfeste des Jahres die genußfähigen Dorfbewohner erfüllt, der weiß, was Freude des Lebens ist!

Der Vormittag des Sonntags und ein Theil des Nachmittags ward in unserm Dorfe der geistlichen Feier gewidmet. Wer es irgend konnte, ging in die Kirche und horchte der Predigt, welche die höhere Bedeutung des Festes darlegte, mit Andacht. Sobald die nachmittägige Betstunde vorüber war, begann im Wirthshause das weltliche Fest. Die Mädchen der in der Zech befindlichen Bursche kamen sachte angeschlichen, thaten zuerst, als ob sie nur da wären, um ein wenig zuzuschauen, ließen sich dann aber von ihren Verehrern bereitwillig in die obere Stube oder gleich auf den Tanzboden führen.

Unter den »Kirchweihburschen« war auch der Schneider, unter den Mädchen, die sich zum Tanz einfanden, die Gret. Mit der Zuversicht, die man gegen die Seinige an den Tag zu legen pflegt, ging der Bursche dem Mädchen entgegen, tanzte mit ihr und führte sie nach einem Dutzend Reihen in die Stube. Als ein Anderer kam, und mit ihr zugleich ihn fragte: »Isch verlobbt (ist's erlaubt)?« erwiederte er würdevoll: »Du ka'st danza'!« -- und der Begünstigte führte die Gret hinaus. Ein Bekannter trat zu ihm und sagte vergnügt: »No, Schneider, hosch (hast du's) wirklich durchgsetzt bei deam Mädle -- send d'r oeneng?« -- Der Bursche erwiederte: »Vor der Hand gots wenigstens mit m'r auf d' Kirweih!« -- Dem Bekannten war das genug; er sagte: »Die Schöast em ganza' Dorf! Wie host ietz des a'gfangt, Schlengel?« -- Der Schneider zog statt der Antwort die Augenbraunen in die Höhe und sah mit tiefbedeutsamem Lächeln für sich hin. »Du bist a Hauptspitzbue«, rief der Kamrad und der Schneider machte ein Gesicht, als ob er sagen wollte: »Ich widerspreche nicht!«

Wie Michel -- bei dem sich's von selber verstand -- war auch Kasper nicht unter den Kirchweihburschen. An einem der letzten Tage war der treue Freund zu dem Traurigen und Düstern gegangen, um ihm eine Mittheilung zu machen und eine Aufforderung daran zu knüpfen. Er begann mit der gemüthlichen Frage: »Was isch, gommer oh en d'Zech desmol?« -- »Frog net so domm!« erwiederte Michel und drehte sich weg. Kasper lachte: »'S ist oh nor Gspaß! Was sottet o's (sollten wir) dren doa'? Du host koena', ond ih hab grad oh koena'! Doh mag d'r Deufel mitmacha'. -- Aber«, setzte er ernsthafter hinzu, »ens Wirthshaus wurscht doch ganga'?« -- »Sell verred'e net«, erwiederte Michel. -- Kasper, nachdem er eine Weile für sich hingesehen, begann wieder: »Ietz, wo dein' Pla' mit der Great aufgeba' host, wurd's d'r nex mea' macha', wann da' Schneider mit'r danza' sichst!« -- »Sell got me nex mea' a'«, versetzte Michel ernsthaft. -- »Wie e ghöart hab«, fuhr der Andre fort, »got's mit d'm Schneider auf da' Plahtz!« -- Michel zuckte. »Auf da' Plahtz?« rief er, während dunkle Röthe sein Gesicht übergoß. Kasper sah dem Betroffenen ins Gesicht und fragte: »Aergert de des?« -- »Noe«, versetzte der Bursche mit Anstrengung. Der Kamerad sagte: »So hab e's geara'! -- Am End, wer ka's dem Mädle verdenka', wann's da' Schneider nemmt ond ietz mit 'm auf d' Kirwe got? Zwea' oder dreia' (zweien oder dreien) hot sie selber da' Marsch gmacht; du bist ahgstanda' von 'r -- solls da' Schneider oh no' furtschicka?« -- »Sie hot Recht«, erwiederte Michel mit dumpfer Ruhe; aber auf einmal ballte sich seine Faust wie von selber, und er rief: »O i wott (wollte) --!« »Was wottst?« fragte der Kamerad, indem er ihn lächelnd ansah. -- »Nex«, erwiederte Michel mit Nachdruck, indem er die Finger zusammenpreßte, um sie dann auseinander gehen zu lassen.

Am Sonntag -- um dieselbe Zeit, als die Gret mit dem Burschen tanzte, der sich vom Schneider die Erlaubniß ausgebeten, verfügte sich Kasper zu Michel, um ihn in's Wirthshaus abzuholen. Er fand ihn in tief melancholischer Stimmung. Als er seinen Vorschlag machte, gab Michel zur Antwort: »Ha'et no' net -- morga'! -- Ha'et ben e net aufglegt!« -- Alle Mahnungen waren umsonst. Kasper sagte mit Ernst: »I will de net nöada' (nöthigen) -- mei'daweg duest, was d' willst. Aber ih moe, a Kerl wie du sott grad ens Wirthshaus ganga', en die ober' Stub', ond so'm Mädle zoega', daß 'r se nex draus macht, gots auf da' Plahtz mit weam's will! Die möcht'e net globa' lossa', doß e ihrdawega' von d'r Kirwe derhoemt blieb!« -- »Des gschicht oh net«, versetzte unser Bursche, -- »morga' gang' e drauf!« -- »Morga' host widder a'n andera'n Ausred!« -- Michel wurde ungeduldig. »Doh host mei' Ha'd«, rief er und streckte ihm fünf Finger entgegen, die ihres Gleichen suchten, -- »morga' gang e ens Wirthshaus -- Sakerment!« -- Kasper schied beruhigt und folgte den lockenden Tönen eines Drehers, der ihm vom Wirthshaus entgegenschallte.

Bei seiner Ankunft auf dem Tanzboden ging die Gret mit ihrem Tänzer eben im Reihen. Als sie Kaspers ansichtig wurde, zeigte sie eine gewisse Erregtheit -- und schaute sich weiter um. -- Der Kamerad hatte sie beobachtet, und nickte für sich.

Er beschloß, den Michel am folgenden Tage ins Wirthshaus zu bringen, koste es, was es wolle.

Kasper hatte ein Gefühl, was er im Sinn trug, könnte nützlich werden. Er sah nicht voraus, was kommen würde; aber er empfand eine lebhafte Genugthuung, als er sich sagte: »Desmol soll' r net derhoemt bleiba'!« -- Er handelte mit dem Instinkt der Freundschaft.

Der Kirchweihmontag brach so schön an wie der Sonntag. Die jungen Leute, die sich vorsichtigerweise früh zur Ruhe begeben hatten, erwachten fröhlich, und auch die andern, die erst der Morgen nach Hause wandern sah, hatten bald muntere Augen, um einem Tag entgegenzusehen, an welchem das Vergnügen allein regieren und zur farbigsten Blüthe sich entfalten sollte. -- Noch Vormittags, nach früh genossenem Mahle, begaben sich die Zechbursche in's Wirthshaus, und aus den Fenstern desselben erklang sofort stattliche Musik. Das Mädchenholen begann -- die Gassen ertönten von Spiel und Jauchzen, und die zinnernen Bierkannen, von rüstigen Armen in die Höhe gehalten, funkelten im Glanz der Sonne.

Vor allen und am feierlichsten -- mit sämmtlichen Musikanten -- wurden die Geliebten der beiden Platzmeister abgeholt. Sie stolzirten in absonderlichem Putz und trugen zur Auszeichnung vor den übrigen, die nur in der Kappe beim Tanz erschienen, die radförmige Spitzenhaube. Als diese beiden wichtigen Personen sich an der Tafel der Wirthsstube niedergesetzt hatten, theilten sich die Musikanten, und verschiedene Bursche zogen mit je zweien in die Häuser der Erwählten. Das ganze Dorf war bald in freudiger Aufregung: Singen und Springen, Zuschauen und Loben, Austauschen von guten Sachen und Höflichkeiten war die allgemeine Beschäftigung. Die Buben wuchsen in Gedanken beim Anblick der Vergnügungen, die ihnen auch einmal zu Theil werden sollten, und die Alten wurden jung und gedachten der Zeiten, wo sie's -- noch besser gemacht hatten.

Nur Ein Haus war ausgenommen von der allgemeinen Fröhlichkeit -- das der Familie Schwab. Unser Bursche, nachdem er gestern auch noch einer Ermahnung der Mutter widerstanden, war früh zu Bett gegangen und hatte einen tiefen Schlaf gethan. Wie gewöhnlich aufgestanden, machte er sich in Haus und Hof zu thun und sah nicht aus wie einer, der sich an dem Fest betheiligen wollte. Die Mutter betrachtete den düster Hin- und Hergehenden mit betrübter Miene. Sie gedachte an die Zeiten seines Knabenalters. Wie stolz war sie auf ihn gewesen! Wie viel hatte sie sich von ihm versprochen -- und wie wenig hatte er gehalten! Was half es, daß er fleißig war und ordentlich und das Vermögen in den letzten Jahren sich vermehrt hatte? -- Er hatte keine Freude, sie hatte keine, und zu hoffen war auch keine! -- Als draußen das lustige Spiel und das »Juxen« der Bursche anhub, erschienen ihr die Mängel des Sohnes in immer grellerem Licht. Ein Mensch, der nicht tanzen und sich nicht »aufführen« konnte, ein Mensch, der keinen Schatz und kein Weib zu kriegen verstand, ein solcher Mensch war gar nichts -- und sie die unglücklichste Mutter im ganzen Dorf.

Schon war auch der Schneider mit einem Geiger und Clarinettenbläser am Hause vorübergezogen und hatte einen Tenor gejuxt, wie ihn kein gewöhnlicher Bauernbursche herausgebracht hätte. Die Mutter war eben in der Kammer und hatte den Zug nicht gesehen. Nach einer Weile, als sie wieder in die Stube kam, trat Michel zu ihr, und als von der untern Gasse her ein Freudenlärm erscholl, nahm er sie bei der Hand und führte sie ans Fenster. Jauchzend, obwohl schon mit etwas angegriffener Stimme -- mit dem Deckel der leeren Kanne nach Kräften patschend kam der Schneider an der Spitze der Musikanten heran und hinter diesen die Gret mit sittigem Schritt und einem Angesicht, das durch höhere Röthe und einen eigenen feierlichen Ausdruck holder und bedeutender erschien als jemals. »Siksch ietz, mit weam die's guet moet?« fragte Michel in Rücksicht auf seine Rede von letzthin. Die Mutter erwiederte: »Des ist m'r oh nex Nuis mea'! Aber wear ist dra' Schuld?« Michel schwieg einen Moment; dann, indem er mit einer Art von Humor den Kopf in die Höhe warf, erwiederte er: »Bah, a Mädle, die mit 'm Schneider auf d'Kirwe got, doggt (taugt) net für 'n Kerl, wie'n ih ben. Ih trau m'r no' a'n andera' z'kriega', wann's amol gheiricht sei' mueß!« -- Mit halb schmerzlichem, halb spöttischem Lächeln versetzte die Mutter: »Du bist der Recht', ja!« Aber Michel fuhr fort: »Loß me nor macha'! Ho'et Nommedag (Nachmittag) gang e ens Wirthshaus -- doh passirt ebbes, des sag' d'r e! Ond wanns auf o'srer nex wurd -- gits net no' ander' Kirwena? I will doch seha', ob ih nex ausricht', wann e amol drauf ausgang!« --

Es war nicht nur der Geist des Widerspruchs, der Micheln, der anklagenden und ungläubigen Mutter gegenüber, diese herzhaften Worte in den Mund gab. Der Anblick der Gret, die dem Schneider folgte, hatte ihn zugleich gereizt und von der letzten Bürde der Ungewißheit befreit. Nun wars offenbar und nicht mehr zu läugnen! -- und nun mußte er entweder die Weibsbilder gehen lassen sein ganzes Leben lang -- oder sein Glück mit einer andern versuchen. Aus allen Gründen mußte er ins Wirthshaus gehen -- er mußte sehen und sich sehen lassen -- er mußte zeigen, daß er nicht der Mann war, darum, weil er ein Mädchen nicht gekriegt hatte, sein Leben zu vertrauern.

Das Fest hatte seinen Verlauf. Der Platz vor dem Wirthshause und die angrenzenden Gassentheile belebten sich mehr und mehr. Unter die Bauern und Bäuerinnen mischten sich »Herrn« und »Frauenzimmer«, die an dem schönen Tage hauptsächlich aus Nördlingen und Wallerstein herbeigekommen waren. Einige flotte Musensöhne im altdeutschen Rock und weiten blauen Hosen, das Mützchen keck auf die eine Seite des Kopfes geklebt, schauten mit vergnügtem Antlitz umher oder »schnitten« den schönsten und jüngsten der anwesenden »Florbesen« die Cour. Bauern und Handwerker mittleren Alters hatten schon das Kegelspiel begonnen und suchten auf verschiedene Weise die Ungunst des Lokales zu überwinden, einer davon auch noch durch nachträglich pantomimische Lenkung der schon hinausgerollten Kugel, wodurch er, wenn nicht mehr Kegel, doch die Erheiterung der Umstehenden erzielte. Schulkinder liefen hin und her, begafften Alles und erlabten sich bei den Weibern, die an der Schattenseite des Wirthshauses Obst feil boten. Die jungen Leute drehten sich auf dem Tanzboden und hielten gleichsam eine Vorübung zu der Production, die sie vor einer so großen Anzahl von Schaulustigen ausführen sollten.

Der feierliche, zuletzt sehnlich erwartete Moment erschien. Die Tanzmusik im Wirthshause war verstummt, und in die Ohren der bunten Menge, die sich davor angehäuft hatte, ertönte vom Hof her auf einmal ein kräftiger Marsch. »Sie kommen! Sie kommen!« rief man sich freudig zu und die Vorsichtigen eilten auf die Standpunkte, wo man die Aufführung am besten übersah. Unter einer wahren Kanonade von Juhschreien sämmtlicher Bursche, die zuweilen auch die Blechmusik übertönte, kam der Zug aus dem Hofe: zuerst die sechs Musikanten, dann der »Flur« (Flurschütz, Gemeindediener) mit einem Stuhl, der Aufwärter mit einer riesigen kupfernen Bierkanne und das Wirthsmädchen mit Krügen; endlich die Paare, geführt von dem ersten Platzmeister, der an der Seite seiner Schönen stattlich daherschreitend einen großen, bändergezierten, in blanker Scheide ruhenden Säbel trug! An der uralten Linde angekommen machte man Halt, die Musikanten stellten sich herum, der Aufwärter setzte die Bierkanne auf den Stuhl, und die Paare traten an die Seite. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit zog der erste Platzmeister den Säbel aus der Scheide, hielt ihn in die Höhe, stellte sich vor die Musikanten und sang das herkömmliche Liedchen:

Ietz soll e halt danza' drei Roea'n alloe! I ka's ja kamm (kaum) danza' vor Staub ond vor Stoe.

Die Musikanten spielten und der Bursche tanzte allein um die Linde, indem er auf dem mäßig ebenen Boden seinem Titel Ehre machte. Zum zweitenmal sang er:

Der erst der ist danzt ond der ander' fangt a': Ietz will e halt seha', ob es nommol so ka'.

Die Zuschauer, die bei solchen Gelegenheiten, wenigstens eine Zeitlang, empfänglich und anspruchlos zu sein pflegen, nahmen diese allerdings mehr sachgemäßen als poetischen Reime mit heiterem Interesse auf, und da der Platzmeister wieder ohne zu stolpern und in schönem Kreisbogen um den Baum kam, so rief ein lustiger Studiosus ihm ein Bravo zu.

Zum Dritten sang er:

Ond oemol ond zwoemol ond nommol ist frei! Ond des mueß das Best' sei', denn ietz isch vorbei!

Nach glücklicher Vollendung auch dieses Reihens steckte der Bursche den Säbel in die Scheide, übergab ihn dem »Fluer«, sah auf die Paare und sang:

Danzt hab' e so gut als ma's ka'n ohne Schatz. Nemm jeder die Sei'n ietz ond rei' auf da' Platz!

Er holte sich die Geliebte, die mit Würde den Leistungen ihres Burschen zugesehen hatte, und begann mit ihr zu walzen. Alle Paare folgten nach.

Der Tanz -- die Trinkpausen mit eingeschlossen -- dauerte ungefähr eine Stunde. Da die Bursche und Mädchen von verschiedener Gestalt und Schönheit waren, und beim Tanzen verschiedene Manieren an sich hatten, die auf dem schwierigen Terrain um so charakteristischer hervortraten; -- da den Musikanten eine Reihe Lieder vorgesungen wurden, wovon etliche nicht ohne pikanten Reiz, andere aber in so fern »ächt lyrisch« waren, als nicht eine Spur von Gedanken darin vorkam -- so gab es für das Publikum, namentlich für das gebildete, gar vielerlei zu schauen und zu kritisiren. Einige der Herrn unterhielten ihre Damen mit mehr oder minder gelungener Verspottung und ironischer Belobung der ländlichen Künste. Andre lachten und nickten Beifall. Wieder andere stellten Vergleichungen an und suchten zu entscheiden, welche Mädchen den Preis der Schönheit verdienten, u. s. w.

Die größte Aufmerksamkeit hatte bald von allen Paaren ein uns wohlbekanntes auf sich gezogen -- der Schneider und die Gret. Die stattliche Größe des Mädchens und die zierliche Kleinheit des Burschen war zuerst aufgefallen. Bei näherer Betrachtung fand die Schönheit der Blonden lebhafte Anerkennung, besonders von Seiten dreier Studiosen, die ihre Augen so oft nach ihr wandten, daß eine daneben stehende junge Nördlingerin beinahe eifersüchtig geworden wäre. Nicht geringeres Interesse erweckte indeß bei eben diesen Studiosen der Schneider selbst. Glücklicher und selbstbewußter auszusehen als dieser, war nicht wohl möglich. Das schönste Mädchen von allen, die um die Linde tanzten, war die seine! Sie hatte sich erst ein bischen »geziert«, als er sie einlud, mit ihm auf den Platz zu gehen; aber wie bald hatte sie Ja gesagt! -- Mit welchem Vergnügen hatte sie's gesagt, und wie gern war sie mit ihm gegangen! Dumme Teufel mußten die gewesen sein, denen sie den Laufzettel gegeben! Er war gekommen, hatte gesprochen, und immer weicher war sie geworden und immer nachgiebiger, und jetzt konnte er mit ihr machen, was er wollte! Es lebe die Fremde! Wer nicht hinaus kommt, der kommt nicht heim, und bleibt ein Dummkopf, der überall das Nachsehen hat! -- Heute noch, beim Nachhauseführen, wollte er mit ihr reden wegen der Heirath, auf den Winter machte er Hochzeit, und damit basta!

Das Wohlgefallen, mit welchem die drei Studiosen zu ihm hersahen, schmeichelte unserm Dorfschneider ungemein. Er mußte freilich annehmen, daß ein Theil des Beifalls seiner Tänzerin galt -- aber war das nicht wieder eine Ehre für ihn? Sein Gesicht wurde vor Selbstgefälligkeit ordentlich runder, jedenfalls glänzte es »wie Wallerstein des Abends« (wenn die Sonne aus den Fenstern der terrassenartig aufsteigenden Häuser wiederstrahlt!) -- und seine Augen blickten beim Tanzen rechts und links, um nichts von den Eindrücken zu verlieren, die er hervorbrachte.

In solcher Stimmung ist man nicht geneigt, Andern Erfolge zu gönnen; und wenn einer dergleichen erzielt, fühlt man einen Trieb, ihn herunterzustechen. Die Heiterkeit, die ein paar von einem rüstigen Kerl gesungene lustige Liedchen hervorriefen, weckte des Schneiders Eifersucht. Er wollte auch ein Lied singen, das den »Herren« Spaß machte, und hatte schon den Mund dazu geöffnet -- als ihm derselbe Mensch zuvorkam. Verdrießlich hörte er zu, und wie in dem Text statt des Reims eine bloße Assonanz zum Vorschein kam, rief er, das Gesicht satyrisch-kritisch den Studenten zugewendet: »Reim de oder i friß de!« -- Der Sänger schaute den Burschen an und nach geendetem Reihen sagte er: »Desmol will e a bessers senga' -- paß auf!« Und er sang:

Doh droba'n auf dem Bergle bei dera' Kapell, Doh sitzen drei Schneider beir' Wasserbodell!

Allgemeine Heiterkeit war der Erfolg dieser Schnurre; auch die Gret, die im Verlauf des Tanzens etwas zerstreut geworden war, konnte sich nicht enthalten zu lächeln. Der Schneider ging auf Nadeln. Wie gern hätte er den Kerl zehnmal stärker getroffen! Aber es war ein Maurer, und er wußte kein Spottlied auf dieses Handwerk! Da half ihm die Entrüstung über die dumme Verhöhnung seines Metiers aus der Noth: sie gab ihm einen Reim ein, wodurch er den Hieb mit Zinsen wieder zurückzugeben hoffte. Er stellte sich resolut hin und sang:

Die Kleider der Leut' hat der Schneider gemacht, Und der ist a Narr, der die Schneider veracht'.

Schallendes Gelächter erfolgte auf diesen gewaltigen Rückschlag, in welches der vermeintlich Getroffene herzlich mit einstimmte, während die Gret etwas erröthete und einen mitleidigen Blick auf ihren Tänzer warf. Der Schneider sah dies nicht. Würde ihm nicht schon das Lachen ein Beweis gewesen sein, daß er einen treffenden Reim gedichtet, so hätten ihn die lobenden Zurufe der Studenten davon überzeugen müssen. Triumphirend sah er umher und tanzte, von dem Hochgefühl des Sieges getragen, mit erneuter Kraft und Leichtigkeit. Während er das Vorsingen Andern überließ, dachte er bei sich: »Wann die Herra' an deana' Bauraliedla' scho' so a Freud hont, nocht will i ihna' doch beweisa', daß e andre oh no' ka'!« -- Als die Zeit, die auf dem Platz zugebracht zu werden pflegte, sich ihrem Ende zuneigte, ersah er seinen Moment, nahm eine Stellung, die etwas erwarten ließ, und sang, indem er den Studenten pfiffig zublinzelte, folgende anmuthige Variation eines Burschenliedes:

Der Herr Professer Liegt in Corretschiom, Drom wär' es besser, Man trinkt eins rom. Ebete, bebete, esse coralle! Was soll das Hepula? Bombau, holla!

Die Studenten horchten mit hochvergnügten Gesichtern, riefen Bravo und lachten königlich zusammen. -- Der Schneider war überzeugt, daß er die Palme davongetragen.

Als der Zug unter denselben Jubeltönen, mit denen er gekommen, obwohl etwas langsamer, ins Wirthshaus zurückging, stellten sich die Studenten an den Weg, und einer von ihnen, der in den Dorfverhältnissen genau unterrichtet zu sein schien, sagte fidel zu dem Siegesglücklichen: »Brav, Schneider! -- Du bist a Hauptkerl!« -- Der Angeredete erwiederte mit Würde: »I hab den Herren nur zeiga' wolla', daß man auf d'm Land auch manchmol ebbes ka', was man oem nicht zutraut hätt'!« -- Die Gret warf auf den Studenten einen Blick, der zu sagen schien: »Halt mich ja nicht für so dumm wie meinen Schneider!«

In der obern Wirthsstube gönnten sich Musikanten und Tänzer einige Zeit Ruhe, dann begann die Lustbarkeit auf dem Tanzboden von neuem. Der Schneider war unermüdlich und von einer Hüpflustigkeit, die nicht zu ersättigen schien; er forderte die Gret wieder zum Tanz auf. Das Mädchen, die mehr und mehr das Aussehen gewonnen hatte, als ob ihr etwas abginge, erwiederte, sie sei müde und möchte noch ausruhen. Der Schneider, im Gefühl seiner Würde als Mann und seinem Stolz als Kirchweihbursche, entgegnete: »Des hilft nex! I will amol danza', ond i wear' doch hoffentlich koen Korb kriega' von 'm Mädle, die e auf d' Kirwe gführt hab? -- Komm!« -- Er nahm sie bei der Hand und sie folgte, indem sie den Verdruß ihres Herzens in ernster Miene zu verbergen suchte. Nachdem sie sechs Reihen erduldet hatte, erklärte sie positiv: es liege ihr in den Gliedern wie Blei -- es ginge nicht mehr! -- Der Bursche mußte sie in die Stube führen. Während sie an der Tafel der Zechburschen Platz nahm, forderte der Schneider eine Andere auf und führte sie auf den Tanzboden.

Die Gret überließ sich ihren Gedanken. Sie hatte etwas unternommen -- es war die Frage, ob sie Recht gehabt hatte, es zu thun. Aber jedenfalls hatte sie es umsonst gethan: was sie gehofft hatte, war nicht eingetroffen. -- Ein Ernst erfüllte ihr helles Gesicht, der mehr und mehr den Charakter der Trauer annahm. Still und gedankenvoll sah sie für sich hin. -- Auf einmal erröthete sie: -- durch die Thüre, die kaum groß genug war, ihn einzulassen, trat Michel in die Stube, begleitet von dem treuen Kasper.

Unser Freund erschien in seinem besten Staat und mit einem Ausdruck der Würde in seinem Gesicht, den früher Niemand an ihm wahrgenommen hatte. Seit dem Versprechen, das er seiner Mutter gegeben, war eine neue Veränderung mit ihm vorgegangen. Der momentanen Erhebung, die der Anblick des an seinem Hause vorbeiziehenden Schneiders in ihm hervorgerufen, war eine Herabstimmung gefolgt, die sich in dem stillen, von nähern und fernern Jubeltönen umklungenen Hause zu erneuter, tiefer Schwermuth ausbildete. Der Trieb, glücklich zu sein, regt sich in dem Menschen immer wieder und nirgends stärker, als an einem Tag allgemeiner Freude. Hier ist das Herz von seinem Recht auf auch einen Antheil daran durchdrungen -- das Bild dessen, was man wünscht, tritt in höchstem Reiz vor die Seele, die Sehnsucht, es zu erlangen, wird feuriger und inniger -- und die Nothwendigkeit, es dennoch verloren geben zu müssen, wirft das Gemüth in Abgründe der Trauer. Was half dem guten Michel sein Entschluß, sich nach einer Andern umzusehen! So eine wie die Gret gab's doch nicht mehr -- so gern konnte er keine mehr haben -- so glücklich mit keiner mehr leben! Wie schön war sie heute wieder, als sie an seinem Hause vorüberging. Nein! Wenn dieses Mädchen ein Andrer bekam, dann wollte er überhaupt keine mehr, er wollte unglücklich sein mit Fleiß -- und sein Leben als Junggeselle beschließen.

In dieser Stimmung, in dem Nachdenken, das sie begünstigte, traten die Fehler, die er gemacht hatte, wieder vor seine Seele; aber sie regten keinen Zorn in ihm an. Er fühlte sich damit behaftet wie durch ein Verhängniß; ihm waren eben die Gaben, womit Andere etwas erreichten, nicht verliehen, er sollte kein Glück haben, er mußte entsagen. -- Nach und nach stieg der Muth, der die Frucht der Entsagung ist, in ihm auf. Der männliche Stolz rührte sich in ihm, und er faßte den Entschluß, jetzt wenigstens keinen armen Sünder mehr zu spielen, wie früher, sondern ruhig seines Weges zu gehen -- jetzt, wo doch nichts mehr zu verlieren war! -- -- In dieser Gemüthslage traf ihn Kasper. Michel fügte sich der Aufforderung, mit ihm ins Wirthshaus zu gehen, ohne Widerrede. Er zog seine neue Juppe von dunkelblauem Tuch an, steckte den reich mit Silber beschlagenen Ulmer Pfeifenkopf in den Mund, setzte die breite Fischotterkappe auf und folgte dem Kameraden. Die Mutter hatte mit der Ironie des Unglaubens »viel Vergnügen« gewünscht.

In der Stube setzten sich die Kameraden an einen Seitentisch, wo schon ein Lediger Platz genommen hatte. Kaspar ließ sich hier nicht halten; er hatte bald eine hübsche Braune an der Hand und tanzte mit dem Schneider um die Wette. -- Michel unterhielt sich mit dem Ledigen, der wie er ohne Schatz und vom Tanzen kein Liebhaber war. Die Gret hatte er, als er an der Tafel vorbeiging, auf eine ungezwungene Weise nicht gesehen; jetzt, im Gespräch mit dem Burschen, sah er einmal zu ihr hinüber -- er sah, daß sie nicht vergnügt war -- und eine sonderbare Empfindung regte sich in ihm.

Nach einer Weile kam der Schneider in die Stube. Er hatte einen jungen Mann an der Hand in spießbürgerlicher Kleidung und von einer Statur, die der seinen ähnlich war, -- trat mit ihm vor die Gret und sagte: »Des ist mei' Colleg, Herr Bügel, der zu Nörrleng (Nördlingen) arbeitet. Er möcht' gern mit d'r danza'n ond i hab gsakt, 's wär a'n Ehr'. Komm!« -- In ihrer jetzigen Stimmung dem Tanzen ohnehin gänzlich abgeneigt, wäre der »Colleg« der letzte gewesen, der ihr Lust dazu gemacht hätte. Und sich mit ihm zum Tanzen commandiren zu lassen! -- Vor Michel -- und in solchem Ton! -- Ein Widerwille stieg in ihr auf und wuchs zur entschiedensten Widerstandskraft. Sie erwiederte dem Stadtschneider: »I muß danka' für die Ehr'!« und zu dem ihrigen bemerkte sie: »I hab d'r scho' gsakt, i ben müed ond hab koen Luhst mea'. 'S ist seitdem net anderst woara' -- ond i wear' ha'et gar nemmer danza'!« -- Der Schneider runzelte die Stirn. »Des send Ei'bildenga'«, rief er, ehe der andre zu Worte kommen konnte; »du bist ja gruat (ausgeruht)! -- Mach'! Komm!« -- Das Mädchen rührte sich nicht und mit dem Nachdruck des Abweisens erwiederte sie: »I dank' schöa'!« -- Eine Wolke verfinsterte die Züge des Burschen. »Doh ist nex z'danka'«, entgegnete er schnell und heftig, -- »i hab' gsakt, du danzst mit 'm -- ond ietz danz!« -- »Ond i sag, i ka' net«, versetzte die Gret. Der Schneider warf einen Blick auf sie, als wollte er seinen Ohren nicht trauen. »Des send Dommheita'!« rief er entrüstet; -- und großartig setzte er hinzu: »Was ih sag, mueß gscheha'!« -- Die Gret sah ihn von der Seite an und sagte: »Aber Alles doch wohl net -- hoff e! A bisle ebbes wurd wohl no' ahganga' (abgehen)!« -- Der spöttische Ton dieser Entgegnung indignirte den Schneider auf's Höchste. Bebend vor Zorn rief er: »Zom letschtamol sag e d'r: danz! Auf der Stell! -- Oder 's got d'r schlecht!«

Reden und Gegenreden dieses Dialogs waren so rasch aufeinander gefolgt, daß der Schneidergeselle aus Nördlingen keine Zeit gefunden hatte, zu sagen, was ihm, von der Ehre geboten, auf der Lippe schwebte. Jetzt setzte er's endlich durch. Indem er sich vor der Gret ironisch verneigte, rief er mit höhnendem Ton: »Ich bitt' recht sehr -- ~ich~ dank' jetzt schön für's Tanzen -- und wünsch' der Jungfer gute Besserung!« -- Mit dem Bewußtsein, das »einfältige Weibsbild« nach Verdienst getroffen zu haben, verließ er die Stube.

Der Schneider stand da mit gefährlicher Miene. Seine Brust arbeitete, seine Lippen zitterten, seine Rechte gerieth in eine zuckende Bewegung. Das Schlimmste, Peinlichste war ihm widerfahren! Er war blamiert -- blamiert vor einem Collegen aus der Stadt! -- War ihm »vor den Leuten« Zurückhaltung geboten und konnte er nicht wie er wollte, so mußte er der impertinenten Person doch wenigstens die Wahrheit ~sagen~. Nachdem er sie eine Zeit lang angesehen, begann er: »Doh hab e Respekt! Des send Maniera'! Ih führ' de auf d'Kirwe, ond du duast von dem, was e sag, d's Gegendeil ond benemmst de gegen 'n Mann aus der Stadt wie a grobs Bauramädle, daß e an der Schand dohstanda' mueß? -- Pfui!« -- Die Wichtigkeit, womit der Bursche die Sache aufnahm, und die drohenden Blicke, die er ihr dabei zuwarf, waren dem Mädchen zum Lachen; aber sie hielt an sich und erwiederte ruhig: »I ben wärle müed gwesa', i hab net g'loga'! Soll e danza', wann e koen Luhst derzue hab?« -- »Ja«, entgegnete der Schneider wild, »wann ~ih's~ sag!« -- Das war dem Mädchen zu viel; unwillig und mit der geringschätzigen Miene des Unwillens erwiederte sie: »Ach was! -- i ka' doch net mit alla' Schneider danza'n em ganza Boerland?«

Diese Worte, nach welchen die Mienen der Gret überdieß sich etwas erheiterten, rissen die Schranken, die den Zornausbruch des Schneiders noch zurückgehalten hatten, nieder. Mit grimmiger Wuth, am ganzen Leibe zitternd, rief er: »Du bist a'n o'verschämta' Perso'! A frechs Lompamensch! Was? Ih führ' de auf d' Kirwe aus Erbarma', ond du willst me no' verspotta'? I hätt' 'n gueta' Luhst« --

Auf einmal ließen sich hinter ihm die streng betonten Worte hören: »Wie ka'st du de onderstanda', mit 'm Mädle, wie die Great ist, so z'reda'?« -- Der Schneider sah sich um -- und fuhr zusammen. Michel stand vor ihm in dem schreckeneinflößenden Ernst des Richters. -- Der Große und der Kleine sahen sich einen Moment an. Plötzlich, wie sich auf etwas besinnend, faßte sich der letztere und entgegnete keck: »Got des dih ebbes a'?« -- »Ja«, versetzte Michel mit Nachdruck. »A'n ordentlicher Kerl leidt's net, wann 'm Weibsbild ebbes gschicht -- und (setzte er geringschätzig hinzu) voara' (voran, noch dazu) von 'm Schneider!« -- Der Kleine zuckte; dann streckte er sich, sah zu dem Gegner mit vielsagendem Gesicht empor und erwiederte, indem er drohend den Zeigefinger erhob: »I will d'r ebbes rotha', Michel! -- mach de ha'et net z'mauseng!« -- Der Enakssohn lachte herzlich. -- »Ja«, fuhr der Schneider fort, »lach nor! -- für dih fend' ma'n oh no' 'n Moester!« -- »Bist am End du's?« fragte Michel heiter; und mit gemüthlichem Selbstgefühl setzte er hinzu: »Gang weiter, Schneiderle! Wann e de a'blos (anblase), no' fliegst zor Stub naus!«

Ein Kichern, das diesen Worten am untern Ende der Tafel folgte, und das unwillkürliche Lächeln der Gret, die aufgestanden und ein wenig zurückgetreten war, machte den Beleidigten rasend und raubte ihm den letzten Rest der Besinnung; -- die Zähne fletschend ging er auf Michel los, packte ihn am Arm und suchte ihn niederzureißen. Der Gewaltige schüttelte ihn ab und rief: »Schneider, Schneider! -- i roth dr's en Guetem -- höar auf!« -- Der Schneider, der diese Ruhe mißverstand, attakirte von neuem. Michel faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück und rief mit funkelnden Augen: »Ietz sei ruheng -- oder i stand für nex mea' guet!« -- Aber der Schneider, der einen Blick auf die Thüre geworfen hatte, machte sich mit wüthender Anstrengung los, packte den Gegner an der Juppe, riß -- und riß ein Stück davon herunter. Das war über allen Spaß. Michel nahm ihn und warf ihn zu Boden, daß es krachte.

Es war die erste wohlthätige Empfindung für den guten Burschen seit langer Zeit! -- Aber wie dehnte sich nun seine Brust! Welch eine Begier entstand in ihm, fortzufahren und sich durch eine großartige Uebung der Kräfte, die so lange geruht hatten, das gepreßte Herz zu erleichtern! -- Es war ihm wie einem Esser, der mit einem Riesenappetit auf dem Tisch nur ein Cotelettchen vorgefunden hat und nach dessen Verschlingung mit schmerzlichem Verlangen eine seiner würdige Mahlzeit herbeisehnt. »Mehr, mehr, mehr!« rief es in ihm, als der aufgestandene Schneider von neuem auf ihn losging. -- Sein Wunsch sollte erfüllt werden. Der Schneider, in Gefahr wieder auf den Boden zu fliegen, rief mit desperater, durchdringender Stimme: »Brüder, helft!!« -- und in kürzester Zeit fühlte sich Michel von einem halben Dutzend Burschen zugleich angefallen.

Es waren Gegner von ihm, Kameraden des Schneiders und zu Schutz und Trutz mit ihm verbunden, die von andern Tischen und vom Tanzboden herbeigeeilt waren und nun mit vereinten Kräften zu siegen hofften. Sobald der Enakssohn die Kerle an sich schlagen und zerren fühlte, athmete er tief auf und -- begann seine Arbeit.

Er verrichtete Thaten, die würdig wären, von einem Homer Zug für Zug geschildert zu werden. Seine ungeheure Körperkraft im gerechtesten Kampf -- der Trieb und die Lust, für ~sie~ etwas zu thun, vor ihr in seiner Glorie sich zu zeigen -- befähigten ihn zu wahren Wundern. Er schüttelte ab und schleuderte von sich, er drosch und schlug nieder, er ergriff ein paar Kerle, die just zu haben waren, und stieß ihnen die Köpfe zusammen -- kurz, er that Alles, was der Verlauf des Kampfes nothwendig machte, -- mit unwiderstehlicher Gewalt. Kein Hieb und kein Stoß ging daneben.

Die Unterstützung des Schneiders war zu schnell nöthig geworden, als daß seine Kameraden sich mit den bei solchen Händeln üblichen Waffen, als da sind: Stuhlfüße, Holzscheiter u. s. w. -- hätten versehen können. Der Kampf gegen den Unbewaffneten wurde darum ehrlich mit Fäusten geführt. Nur ein Bursch ergriff einen steinernen Maßkrug, um den Simson des Dorfes von hinten auf den Kopf zu schlagen, der nicht mehr von der Fischotterkappe bedeckt war. Er wurde von Kaspar weggerissen und auf die Seite gestoßen.

Der Kamerad Michels war auf den Hauptlärm auch vom Tanzboden hergeeilt und eben recht gekommen, diesen Hieb zu verhindern, der dem Schädel Michels, vielleicht aber auch nur dem Krug verderblich werden konnte. Der Treue war muthig und nervenkräftig und hätte dem Freund gerne ferner geholfen -- wenn es nur nöthig gewesen wäre. Allein er sah, wie dieser schaffte, -- er sah, was er schon geleistet hatte, und überließ ihm den Rest.

Das Getöse des Kampfes hatte bald auch Zuschauer herbeigezogen, und die drei Studenten waren nicht die letzten. Als sie einen Burschen erblickten, der seine Gegner, die sich wie Katzen an ihn anklammerten, immer wieder von sich schleuderte und inmitten eines ihn umdrängenden wüthenden Haufens fest auf den Beinen blieb, ließen sie Ausrufungen der Bewunderung hören und folgten der Scene mit größtem Interesse. Auch ein paar muthige Damen hatten sich an die Thüre der großen Stube gewagt und lugten mit Antheil auf den Kampf, hauptsächlich aber auf den Kämpfer, der, einen Kopf über die Andern hinausragend, so preiswürdige Dinge that.

Die theilnehmendste und zugleich antheilswertheste Zuschauerin von allen war aber die Gret. Ihr Herz wurde nach einander von Empfindungen ergriffen, die sie in durchaus unbekannte, wunderbar neue Regionen emporrissen. -- Die ersten Worte Michels, der so unerwartet und mit solchem Ansehen ihr zu Hülfe kam, hatten sie mit Wohlgefühl überrieselt. Sie starrte ihn an, erröthend, verlegen -- mit durchbrechender Freude. Als der Schneider den Gewaltigen anpackte, rief sie: »Bist du rasend?« -- und wollte ihn, von dem drohenden Streit erschreckt, in seinem Interesse zurückziehen. Wie sie nun aber den Vertheidiger umringt sah, da fühlte sie eine andere Regung; muthig stürzte sie auf einen der Bursche zu, ergriff ihn und wollte ihn wegreißen. Allein Michel stieß eben diesen Gegner auf die Seite, daß er über eine Bank taumelte -- -- und als sie die Riesenkraft sah, mit der er allein sich Aller erwehrte, und der Glaube, daß ihm keiner was anhaben könne, unwiderstehlich in ihrem Gemüth auflebte, da trat sie auf die Seite.

Mit klopfendem Herzen und wogender Brust sah sie auf den Kampf, der wie ein Sturm vor ihren Augen brauste. Sie sah die Uebermacht des Mannes, der ihr immer von allen der liebste gewesen war, mit Staunen, mit Entzücken. Was konnte es für sie Herrlicheres geben? Was konnte sie Schöneres und Rührenderes erblicken? Das that er für sie! Das that er, nachdem sie mit ihm getrutzt hatte wegen nichts und wieder nichts! Er, der größte und stärkste, aber auch der wackerste, der rechtschaffenste Bursche. Verschwunden war Alles, was ihr an ihm jemals lächerlich oder ärgerlich vorgekommen war -- verschlungen von der Flamme der Kraft und des Muthes, die vor ihr aufloderte. Sie sah nichts als den Helden, der um ihretwillen kämpfte und Alle niederstreckte! Sie sah ihn mit überströmendem Gefühl, mit wonnigem Stolz. Ihre Lippen zuckten; Thränen traten ihr in die Augen und rollten die glühenden Wangen hinab. -- --

Michel war fertig -- der Kampf geendet. Drei der Gegner lagen am Boden und versuchten aufzustehen, wozu ihre Mädchen, die sich vergebens bemüht hatten, auszuwehren, ihnen die Hände reichten. Ein paar andre konnten nicht mehr aus den Augen sehen und traten wankend zurück. Der Schneider und sein Nördlinger College, der ihm tapfer zu Hülfe geeilt war, hatten geschwollene, blutende Nasen, blaue Augenringe und zerrissene, rothbefleckte Kleider. Michel stand siegreich da! Starkathmend, das Gesicht erhitzt und schweißtriefend, die Haare in Unordnung, die Juppe ohne den linken Flügel -- aber aufrecht und in der ganzen Freude des Triumphs. Ins Gesicht hatte ihn keiner getroffen, dafür hatten seine Arme gesorgt -- und die blauen Flecke auf dem Leib sah man nicht.

Seine Blicke suchten die Gret. Er sah sie, die Wangen thränenfeucht, aber die Augen selig glänzend -- und schnell wie der Blitz erhellte seine Seele die Erkenntniß ihres Gemüthes. Mit stolzem Lächeln ging er auf sie zu und rief: »No, Margret, bist z'frieda' mit m'r desmol?« -- »O Michel«, erwiederte das Mädchen mit einem Ton aus tiefster Seele, -- -- »o Michel, was bist du für a Burscht!« -- Michel sah sie liebevoll an und nahm sie bei der Hand. »Ja« sagte er, »schwätza' ka'n e freile net wie a'n Anderer, ond danza'n ond sprenga' ka'n e net, wie se's ghöart -- aber ebbes ka'n e doch doa' für a Mädle, auf die e ebbes halt!« -- Die Gret schwieg und drückte ihm zärtlich die Hand.

In der Gewißheit seines Glücks und im Schwunge des Siegergefühls wandelte den Burschen eine heitere Laune an. Die Hand des Mädchens loslassend und einen Schritt zurücktretend sagte er: »Aber wärle -- i dua' grad als ob du mei' Schatz wärst, ond vergiß ganz, daß dei' Burscht doh ist, der de auf d'Kirwe gführt hot. Wamma' se von oem ens Wirthshaus führa' loßt ond gar mit 'm auf da' Plahtz got« -- -- Die Gret war bei den ersten Worten erröthet; nun fiel sie ihm in die Rede mit einem Blick zugleich der Liebe, der Scham und des Vorwurfs: »Ist m'r denn ebbes anderst's überblieba', om di z'ärgera' ond eifersüchteng zmacha?« --

Ein Seufzer ließ sich in der Nähe vernehmen. Er kam von dem unglücklichen Schneider, der an einem Seitentisch in eine wassergefüllte Schüssel sich wusch und nun hören mußte, daß er von der Gret nur als Mittel benutzt worden war. »Des oh no' (das auch noch)«, rief der arme Kerl, indem er mit tragikomischer Miene nickend in die Schüssel sah. Michel aber ging strahlenden Angesichts auf das Mädchen zu, ergriff ihre Hand und rief: »So isch gmoet gwesa'? -- No, nocht ghöarst mei' -- ond der Deufel en der Höll soll de mir net widder nemma'!« --

Die ganze Scene des Streites und der Verständigung unsres Paars war natürlich schneller vorübergerauscht, als wir sie zu schildern vermochten. Jetzt, nachdem sich Alles begreiflich gelöst und der Kampf durch die Reden der Liebenden Licht und Sinn erhalten hatte, drängte man sich theilnehmend zu diesen heran. Der treue Kasper gab erst dem Freunde die Hand, dann, mit heiterm Zunicken, dem Mädchen, und wurde von dieser durch einen herzlich dankbaren Blick belohnt. Die Studenten konnten nicht widerstehen -- sie mußten den Triumphator preisen und ihm gratuliren, was der Bursche mit wohlgefälliger Würde entgegennahm. -- Allgemeine Heiterkeit füllte die Stube. Sämmtliche Zuschauer hielten es mit dem Sieger und Glücklichen und warfen spöttische Blicke auf die Geschlagenen, die den Schaden hatten. -- In dieser Beziehung machen sie's im Ries gerade so, wie anderwärts! --

Michel, in der Höhe seiner Stimmung, wandte sich zu seinem sonstigen Nebenbuhler und sagte halb mit Laune, halb gutmüthig: »Schneider -- nex für o'guet! I sig ietz scho' daß eigentlich du an mei'm Glück Schuld bist -- ond i bedank' me schöa'!« -- Der Schneider, in welchem die Wuth verdampft war und einem gewissen desperaten Humor Platz gemacht hatte, erwiederte sich die Nase reibend: »I bedank' me oh schöa'!« -- Das Gelächter, das auf diese Art von Witz folgte, war die erste kleine Genugthuung, die dem armen Burschen nach seiner Niederlage zu Theil wurde. Michel fühlte einen Trieb, ihn wieder aufzurichten, und fuhr fort: »Onder o's gsakt, Schneider, du bist a Deufelskerl! Wann alle so gschwend ond so wüadeng gwesa' wäret wie du -- i hätt' wärle koe Fetzle Häs mea' auf'm Leib. Aber i will d'r ietz zoega', daß e oh ebbes für de doa' ka'. Weil d'mer mei' Jupp so schöa' verrissa host, ietz sollst m'r grad a nuia' macha' därfa'. Von ha'et a' loß e bei dir arbeta', ond i hoff, i ka' d'r bald meaner z'doa geba'!« -- »Ist m'r a'n Ehr'«, erwiederte der Schneider mit ironischer Höflichkeit.

Die Gret hatte dem Michel mit froher Verwunderung zugehört. Wie kam er plötzlich dazu, mit Andern Spaß zu machen und so nette Dinge zu sagen? -- Eine neue Tugend, die sie ihm nicht zugetraut hätte, und deren Hervortreten sie nun in große Freude versetzte.

Die Scene war friedlich, ja ergötzlich geworden. Sie hatte große Aehnlichkeit mit der Auflösung eines Lustspiels, wo Alles in Heiterkeit verschlungen und der heftigste der vorangegangenen Conflicte eben am pikantesten erscheint. Zum Glück hatte der Streit keine tragischen Folgen gehabt. Niemand war gefährlich verletzt. Die Geschlagenen und Betäubten erholten sich wieder, nahmen Trost an und hofften in wenigen Tagen geheilt zu sein. Alles fügte sich in seine Lage, und das Vergnügen wollte eben wieder seinen Lauf nehmen, als auf einmal von außen der entrüstet herrische Ruf erscholl: »Wo ist's? Wer hat die Frechheit gehabt« --

Ein Gendarm trat herein, nicht einer von den gutmüthigen und volksfreundlichen, wie es deren giebt, sondern ein grimmiger, der als Repräsentant des Gesetzes das Gefühl hatte, daß sich eigentlich Alles vor ihm verkriechen müsse. Er hatte, im Freien spatzierend, erst jetzt von der Schlägerei Kenntniß erhalten und eilte herbei, die Schuldigen herauszufinden und Anzeige zu machen. »Wer hat hier geschlagen? Wie ist der Streit angegangen? -- Antwort!« Auf diese mit funkelnden Augen und vernichtender Miene herausgestoßene Rede, trat Michel großartig vor und sagte: »Ih ben's, der Streit ghett hot! -- i hab a halbs Dutzet Kerl zammgschlaga' die auf me loasganga' send -- ih alloe! Mei' Nam' ist Johann Michael Schwab, ond i ben vom Dorf. So, ietz woeß er, was er wissa' mueß. Ietz zoeg 'r me a', ond was m'r noch'm Rehcht ghöart, des will e haba'.« -- Der Gendarm, von dem riesigen Burschen etwas imponirt, aber von dem Stolz dieser Rede noch mehr indignirt, versetzte streng und mürrisch: »Was ist das für a Rüpelei -- Raufen!« -- Schon war Michel bereit, dem Gendarmen hinauszugeben, was ihm nach seiner Meinung gebührte, als auf einmal ein junger Bursche aus der Menge heraus mit schelmisch heller Stimme rief: »Der Schneider hot a'gfangt!«

Allgemeines schallendes Gelächter folgte dieser Erinnerung an eine komische Wahrheit und ließ sich nicht mehr beruhigen. Der Gendarm fand für gut, sein strenges Wesen, auf das niemand mehr achtete, bei Seite zu setzen und mit pflichtmäßiger Ruhe die zu seiner Anzeige nöthigen Erkundigungen einzuziehen. Während dem faßte die Gret den Michel bei der Hand und sagte im Ton herzlichen Bedauerns: »Ietz kommst no' en O'gelegenheit, Michel -- wega' mir! -- 'S duet m'r wärle recht von Herza' Loed (Leid)!« -- »Bah«, erwiederte der Bursche, -- »da' Kohpf kost des no' lang net! -- Ond wanns anderst ganga' wär' -- ond wanns 'n kosta' dät, -- 's dät me net ruia (reuen)!« -- Das war ein Compliment für die Gret! -- Das Mädchen fand, daß Michel auch besser reden könne, als alle Bursche, die sie bis jetzt gehört hatte -- und ihre Freude kannte keine Grenzen.

Nach einer Weile finden wir das Paar auf dem Weg zu dem Hause Michels. Die Fischotterkappe und der abgerissene Juppenflügel hatten sich wieder gefunden und dieser war von der Gret angegluft worden, so daß unser Held mit Ehren durch die Gasse gehen konnte. Eine Ueberraschung war der Mutter freilich nicht mehr zu bereiten, denn Kasper, der Getreue, hatte sich schon zu ihr verfügt und ihr Alles erzählt. Die gute Alte fühlte eine unendliche Liebe zu der Gret. Wäre sie eine gebildete Frau gewesen, sie wäre der Schönen, Lieben und Klugen mit den zärtlichsten Ausdrücken um den Hals gefallen. Als ein Weib aus dem Dorfe, wo Umarmungen weniger vorkommen, ergriff sie die Hände der künftigen Söhnerin und preßte sie, während die herrliche Erfüllung des so lange versagt gebliebenen und schon aufgegebenen Herzenswunsches ihr Freudenthränen in die Augen trieb. »No«, rief der Sohn ihr vergnügt zu, »hab e net gsakt, daß i ebbes durchsetz', wann i amol drauf ausgang'?« -- »Ja, des glob e«, erwiederte die Mutter, »wamma' des Glück hot, wo du ha'et ghett host; doh ka'n a'n ieder zu ebbes komma'!« -- »Ja, lieba' Mueter«, versetzte Michel, »Glück mueß ma'n allweil haba', wamma'n ebbes durchsetza' will en dear schlechta' Welt! Ohne des got nex!« --

Wir brauchen nicht zu sagen, daß der wackre Vater der Gret, zu dem man sich gleich nachher verfügte, unserm Paar kein Hinderniß in den Weg legte. Er mußte sich am Ende auch sagen, daß der Michel als Mann der Gret eine bessere Figur mache als der gute Jakob. Nachdem er seine Einwilligung ertheilt hatte, sah er übrigens die Tochter lächelnd an und sagte; »O uir Weibsbildr, en ui kennt se doch koe Mensch aus!« -- Michel, seinen Arm um die Geliebte schlingend, erwiederte heiter: »I moenet ietz doch, i dät me auskenna' en dear doh!« --

* * * * *

Unsere Geschichte ist zu Ende. Damals glaubte man nicht, daß die bürgerliche Gesellschaft in Gefahr sei, wenn bei einem Bauernfest eine kleine Schlägerei vorfiel. Man faßte bei Gericht die Sache von der heitern Seite auf und die Betheiligten kamen mit verhältnißmäßig leichten Strafen davon.

Auf den Schneider hatte die Erfahrung, die er machte, eine günstige Wirkung. Nachdem er als derjenige, welcher nachweislich zuerst geschlagen, auch noch am bedeutendsten gestraft worden war, fühlte er sich von dem »Spruhz«, der ihn bis dahin besessen hatte, so ziemlich geheilt. Er lernte sein Verhältniß zur Welt in richtigerem Lichte sehen und verzieh nach Art der gutmüthig eiteln Menschen nicht nur dem Michel, sondern auch der Gret, welche bei schicklicher Gelegenheit ihn herzlich um Verzeihung bat und hinzufügte: daß sie sich eine solche Freiheit nicht genommen hätte, wenn er nicht ihr Vetter und ihr außerdem als herzensguter Mensch bekannt gewesen wäre! -- Bald nachher sagte der Gute zu seinen Kameraden: »Am End isch mei' Glück', daß e die net kriegt hab!« Und die Kameraden stimmten ihm lachend bei. In der Folge heirathete er eine Kleine, Feine und Gutmüthige, die ihn respectirte, und lebte als Dorfschneider zufrieden und glücklich.

Unser Paar feierte den Ehrentag noch in demselben Jahre. In der Zwischenzeit hatte die Gret den Michel so weit gebracht, daß er nach dem Heimgang von der Kirche zu allgemeinem Beifall mit ihr tanzte. Unter dem Gemurmel desselben sang Kasper, der Hochzeitknecht, mit fröhlicher Miene das Liedchen, womit wir Erzählung und Buch beschließen wollen:

Die ersten drei Reihen Sind aus und vorbei, Und nun steht das Tanzen Jedem Anderen frei! --

[Illustration]

Berlin, Druck von ~W. Büxenstein~.

Fußnoten:

[3] Von Düppel, einer Kopfkrankheit der Schafe, wobei sie sich wie blödsinnig benehmen.

[4] Er ist jetzt in eine hübsche Anlage verwandelt.