IV.
Ein schönes Ziel, auf dessen Erreichen man sich gefreut hat und durch das man in heiterer Einbildungskraft schon vorher beglückt war, plötzlich versinken zu sehen, ist betrübend, auch wenn sich in der Ferne ein neues erhebt, das noch erstrebenswerther scheint. Christine hatte geglaubt, in wenigen Wochen die Frau des Geliebten zu sein und in ihrem Geburtsorte, wo es allein ihren Sinn reizte, etwas zu gelten, in guten Verhältnissen und geehrt zu leben. Nun sah sie die Hochzeit verschoben und sollte dann im eine Stadt ziehen unter fremde Leute, an deren guter Meinung ihr nichts liegen konnte, wenn sie auch das Vertrauen zu sich gehabt hätte, sie zu gewinnen. Statt der Gewißheit hatte sie nur eine neue Hoffnung, die noch dazu bedeutend mit Furcht gemischt war -- ein Ziel, das nur ihrem Verstande, nicht ihrem Herzen ehrenvoll erschien, und das nur durch Anstrengungen erreicht werden konnte, die ihr keine geringe Last dünkten. -- Doch, so war es einmal; sie mußte sich darein fügen und dem neuen Stand der Dinge die beste Seite abzugewinnen suchen.
Zu dem in den Verhältnissen liegenden Grunde, die Trauung zu verschieben, trat in kurzem und unerwartet ein neuer: die Mutter Forstners erkrankte und starb nach wenigen Tagen. Sie hatte sich außerordentlich gefreut, daß ihr Sohn den Fuß auf eine Leiter gesetzt, auf welcher er zum Gipfel der Ehre emporsteigen konnte, und sie rühmte ihn jetzt, daß er, wenn auch mit einigen Kosten, so nützliche Bekanntschaften gemacht habe; denn er hatte ihr nicht verschwiegen, daß er seine Berufung hauptsächlich den Bemühungen seines Freundes vom Oettinger Kränzchen verdankte. War es ihr nun auch nicht vergönnt, ihn auf dem neuen Weg zu begleiten, so starb sie doch mit dem erhebenden Gedanken, ihn an der Seite einer wackern und schönen Frau, die eigentlich sie gewählt hatte, dem städtischen Oberlehrer zugehen zu sehen. -- Der alte Geistliche benutzte diese Umstände zu einer erbaulichen Rede, und die Verlobten weinten der Verstorbenen von Herzen in's Grab. Nach Verlauf weniger Tage gehörten sie freilich wieder dem Leben an und gedachten der sorgsamen Mutter gelegentlich mit Lob, aber ohne Trauer.
Der Tag, auf welchen Forstner seinen Abzug angesetzt hatte, war gekommen. Die Bauern zeigten sich bei dieser Gelegenheit freundlich und diensteifrig. Der Lehrer hatte seine Pflichten nie vernachlässigt und die Liebe der Kinder sich erhalten. In der letzten Zeit hatte unter den Eltern allerdings die Meinung um sich gegriffen, daß er eigentlich ein »leichter Passagier« sei, dem die Christine recht auf die Finger sehen dürfe. Aber der Erfolg, die Anstellung in der Stadt überzeugte auch sie eines Bessern; sie sahen in seinem »Gelaufe« ein kluges Manöver und der gescheidte Mann stieg in der Achtung der praktischen Dorfleute. Die Kinder, in denen die bessere Unterweisung neue, feinere Gefühle ausgebildet hatte, ehrten den Lehrer durch sinnige Kränze von Herbstblumen und durch ein gemeinsames Präsent. Gaben spendeten auch wohlmeinende und vermögende Eltern, und die Nachbarn halfen den Wagen beladen, den ein reicher Bauer unentgeltlich nach dem neuen Aufenthaltsort zu fahren sich erboten hatte. Der Abschied von den Repräsentanten der Gemeinde war freundschaftlich und herzlich, aber heiter; Forstner sollte ja wieder kommen, um das schöne Dorfkind abzuholen. -- Von den Segenswünschen seiner Braut und ihrer Mutter begleitet, nach vielfachen zärtlichen Händedrücken, fuhr er aus dem Dorf unter tüchtigem Knallen der Geißel, womit der Oberknecht, der auf dem Sattelgaul saß, ihn und sich selber zu ehren suchte.
Die folgenden Tage beschäftigte sich Christine mit den ersten Zurüstungen für die Stadt. Es war ihr lieb, daß ihr noch eine Frist im Vaterhause vergönnt war, und sie ging mit einem ordentlichen Wohlgefühl darin hin und her. Ueber den Aufenthalt in der Stadt, der sich für sie noch vor der Trauung als nöthig herausgestellt hatte, war ein fester Beschluß gefaßt. Die Glauning hatte sich erinnert, daß an dem Ort eine Frau wohne, die mit ihr Einen Urgroßvater gehabt und deren Vater nach vom Ries dahin gezogen war. Diese, die an einen Krämer verheirathet war und ein Haus besaß, sollte Forstner aufsuchen und fragen, ob Christine nicht die kurze Zeit bei ihr wohnen könne. Die Hoffnung, eine zusagende Antwort zu bekommen und zunächst im Hause einer Verwandten leben zu können, mochte dazu beitragen, das Herz der Braut in jene Ruhe zu wiegen, mit der sie das Dorf noch recht genießen konnte.
Forstner hatte sogleich in wenigen Zeilen seine glückliche Ankunft gemeldet. Nach einer Woche kam ein neues Schreiben von ihm, ziemlich lang und sorgsam abgefaßt. Er schilderte zuerst, wie er von seinen Collegen, von den Herrn Geistlichen und Magistratsräthen, bei denen er Besuche gemacht, ausnehmend freundlich und schmeichelhaft aufgenommen worden sei. Er habe sich überzeugt, das sei der Platz, wohin er gehöre, wo er Gutes wirken könne mit seinen Gaben und Kenntnissen, und wo er glücklich sein werde. Die Gespräche, die er geführt mit gebildeten Männern und Frauen, hätten ihm außerordentlich wohlgethan, und er freue sich über alles, bei ihnen zu leben und auch seine Christine in ihre Gesellschaft bringen zu können. Er schätze jeden Stand und habe gezeigt, daß er mit Leuten von jeder Klasse umzugehen wisse, aber besser sei besser; man müsse höher hinaufstreben, wenn man könne, und immer weiter und weiter zu kommen, das sei das wahre Glück. Er fühle die Kraft in sich, zu steigen, und auch die Geliebte mit sich hinaufzuheben. Sie müsse nun aber auch ihrerseits die Hand bieten und sich alle Mühe geben, seine Arbeit ihm zu erleichtern. Das Glück, das sie dort mit einander finden würden, sei so groß, daß es wohl die Anstrengungen und Opfer verdiene, die nöthig sein würden, es zu erreichen. Anstrengungen müsse er seiner Braut nun allerdings zumuthen, und auch ein Opfer, wenn sie's dafür ansehen wolle. Die Hochzeit noch in diesem Jahre zu feiern, wie sie zuletzt noch gemeint hätten, verbiete eigentlich schon die Trauer wegen der seligen Mutter. Allein es kämen noch zwei Gründe hinzu, die es durchaus nöthig machten, daß die Trauung erst im nächsten Frühjahr stattfinde. Erstens sei ihm gesagt worden, daß er nach einer halbjährigen Amtsführung, wenn er sich als Lehrer auszeichne, eine nicht unbedeutende Zulage erhalten solle. Sei es ihm nun gerathen, in der nächsten Zeit alle Kraft und allen Fleiß auf Erfüllung seiner Lehrerpflichten zu wenden, so wäre es auch gut für sie beide, die Zulage abzuwarten; denn das Leben in der Stadt sei für ein Hauswesen doch kostspieliger, als er gedacht. Dann aber sei es eben so eine Sache, vom Dorf her nach kurzem Aufenthalt in der Stadt, wo man sich kaum darin umsehen konnte, eine Stadtfrau machen zu wollen. Er selber habe sich das leichter vorgestellt, als er es jetzt bei kaltem Blut finde. Man müsse eben doch ein anderes Benehmen lernen, man müsse sich Kenntnisse aneignen, damit man in Gesellschaft wisse, wovon die Rede sei, und selber mitsprechen könne, kurz, man müsse das Bauernmädchen abthun und sich eine gewisse Bildung erwerben. Das gehe aber nicht in einigen Wochen, dazu sei wenigstens ein halbes Jahr nöthig, und da müsse man noch recht fleißig und aufmerksam sein. Seine Meinung sei nun die: Christine solle zur Base Kahl ziehen, die sie mit Vergnügen aufnehmen werde, und im nächsten Winter unter seiner Leitung alles das lernen, was zu ihrem künftigen Stande erforderlich sei. Die Kahl sei eine gute Frau, wenn es auch freilich mit ihrer Bildung nur so so stehe. Er selber hätte seiner Braut wohl gewünscht, in ein feineres Haus zu kommen; aber das sei nun eben nicht anders zu machen. -- Der Brief schloß mit Liebesbetheurungen für die Braut, mit schmeichelhaften Worten für die Mutter. Andern hätte er einen solchen Vorschlag vielleicht nicht machen können, ohne mißverstanden und verkannt zu werden; aber sie hätten bei jeder Gelegenheit Beweise von ihrer Einsicht und ihrer Klugheit gegeben; sie würden ihn verstehen und ihm Recht geben. --
Die Wirkung dieses Briefes war auf Christine trotzdem keine erfreuliche. Der Bräutigam sprach darin so vornehm, so von oben herab zu ihr! Die Vorstellung der Arbeiten, die sie sich zugemuthet sah, lastete auf ihrem Gemüthe mit verdoppelter Schwere; ihre Bangigkeit erneuerte sich und ihre Miene drückte Zagen und zugleich etwas Empfindlichkeit aus. »Da haben wir's!« rief sie am Ende. »Ich bin ihm so nicht gut genug und soll erst weiß Gott was lernen, bis er mich heirathen mag!« -- Die Mutter, der die Schreibweise des künftigen Schwiegersohns auch nicht ganz gefallen hatte, obwohl sie einem »Herrn« seine eigene, vornehmere Sprache zugab, hielt es doch für gerathen, davon zu schweigen und sich Forstners anzunehmen. »Mir scheint's aber, daß er gar nicht Unrecht hat, Christine! Er will, daß du recht hineintaugst in die Stadt und daß du verstehst, was du als Frau Lehrerin brauchst. Er will dich gescheidt und geschickt machen und das beweist ja grad, daß er recht viel auf dich hält und ein braver, ehrlicher Mann ist.« -- »Das mag sein,« erwiederte Christine etwas beruhigter; »aber er hätte mir das doch anders sagen können.« -- »Eigentlich,« versetzte die Mutter, »schreibt er freilich ein wenig anders, als er früher geredet hat; aber das wird schon so sein müssen, es wird eben die Mode sein unter den Herrn. Er meint's gut, und das ist die Hauptsach'.«
Christine wollte das nicht bestreiten und fand sich endlich in den Vorschlag und den Willen des Verlobten. Wenn wir es gestehen sollen, so war ihr die tröstlichste Stelle in dem Briefe die, wo Forstner die Base für nicht gebildet und fein genug erklärte. Sie fühlte zu ihr gleich ein lebhaftes Zutrauen und setzte sich mit erleichtertem Herzen an den Tisch, um die Antwort abzufassen. Im Wesentlichen sagte sie: Was er geschrieben, wäre ihr und ihrer Mutter recht; sie wolle ihm folgen und fleißig sein, und hoffe dann so weit zu kommen, daß sie ihm in der Stadt keine Unehre mache. Was sie unter den jetzigen Umständen für die Stadt brauche, werde sie bald hergerichtet haben; er könne sie darum abholen, wenn er's für gut finde. -- Die Mutter nahm es auf sich, die Abänderung in dem Plane der Verlobten gehörig unter die Leute zu bringen. Ihre Christine werde erst im Frühjahr heirathen, was für Herrn Forstner und sie ein großer Vortheil sei; aber sie werde jetzt schon in die Stadt ziehen und was Ordentliches lernen, damit sie dort eine rechte Frau machen könne.
Eines Vormittags in der ersten Woche des November kam Forstner in einer Kutsche angefahren. Er war bei der ersten Begrüßung etwas ernst; es schien als ob das Dorfmäßige der Wohnung und Kleidung schon etwas Befremdendes für ihn erhalten hätte. Bald aber thaute er auf und war wieder der Alte. Christine, die sich zu seinem Empfang geputzt hatte und ihm aufwartete, sah in ihrem wirthlichen Eifer so frisch und anmuthig aus! Sein Puls ging rascher, als er sie an seine Seite niederzog und sie betrachtete. Was konnte er sich Schöneres wünschen, als dieses Mädchen sein zu nennen? Er liebte sie, und wenn er sie noch so weit zu bringen vermochte, daß sie ihn und sich in seiner nunmehrigen Stellung nicht durch Unwissenheit und Dorfmanieren bloßstellte -- war er nicht der glücklichste Ehemann? -- Die Furcht vor dem Lächerlichen, wir können es nicht läugnen, war groß in dem jetzigen Stadtlehrer. Sein Trieb, in Gesellschaft zu glänzen, hatte sich nach Maßgabe seiner Erfolge in ihm ausgebildet, und in gleichem Verhältniß war auch die Besorgniß gewachsen, in Gesellschaft zu mißfallen oder ein Gegenstand des Bedauerns zu werden. Wie bedrückend war für ihn der Gedanke, daß das, was er gut machte, durch seine Frau vielleicht wieder verdorben wurde! Doch jetzt wich jeder Zweifel zurück im Anschauen des liebenswerthen Mädchens. Das Herz ging ihm auf, er glaubte an sie und traute ihr Alles zu. Er ward fröhlich und guter Dinge, scherzte nach alter Sitte und machte Mutter und Tochter fröhlich.
Um die Mittagszeit war Alles zur Abfahrt bereit. Als Christine von der Mutter, vom väterlichen Haus und vom Dorf Abschied nehmen sollte, da ward es ihr doch plötzlich wieder ernst zu Muthe. Sie fühlte, was sie that und wagte, und ihr Herz klopfte in bängeren Schlägen. Die Mutter hatte sie und den Verlobten würdig ermahnt und feierliche Gegenversicherungen erhalten; das war tröstlich, als sie noch beisammen saßen. Draußen im Hof, unter dem grauen Himmel, in der frostigen Luft, wo ihr noch einige Freundinnen »b'hüt dich Gott« sagten, um dann auf die Gasse hinaus oder heimzugehen, erhielt die Furcht in dem Dorfkind wieder die Oberhand. Der gute Hans, der schon beim Einpacken behülflich gewesen, hatte noch eben eine Kiste mit Stricken auf der Kutsche festgebunden. Sie trat zu ihm, gab ihm die Hand und dankte mit etwas unsicherer Stimme, aber um so herzlicher für all die Freundschaft, die er ihr und ihrer Mutter bewiesen habe. Hans erwiederte mit ernsthaftem Gesicht: was er gethan habe, das hab' er gern gethan, und er wünsche ihr jetzt alles Glück und Wohlergehen. -- In solchen Momenten leben alte Gedanken und Gefühle wieder auf; die Seele wird heller, und was völlig abgethan schien, steht in klarem Lichte vor ihr. Christine hielt die Hand des Wackern fest und drückte sie; denn nicht nur die Liebe, auch der gerührte Dank, auch die Hochschätzung muß sich in Aeußerungen der Zärtlichkeit genug thun. Ihre Augen wurden feucht, und wie sie ihn damit ansah, hätte er wohl eine Abbitte darin lesen können. Ohne Zweifel verstand er sie. Eine leise Andeutung von gutmüthig wehmüthigem Lächeln ging über seine ernsten Züge; er schüttelte ihr kräftig und treuherzig die Hand, als wollte er sagen: »laß das gehen,« und wünschte ihr nochmal wohl zu leben. -- Ein paar Minuten später, und Christine saß in ihrem Dorfgewand, aber in einen Mantel gehüllt und um den Kopf ein weißes Tuch gebunden, neben dem Verlobten im Wagen, der von trabenden Rossen gezogen aus dem Dorf rollte.
Eine seltsame Reihe von Empfindungen zog durch das erweichte Herz des Mädchens. Trauernde und sorgende, hoffende und freudige tauchten abwechselnd auf, bis die Seele nach und nach ruhig wurde und in dem Einen Gefühl der Ergebung die übrigen versanken. Sie machte eine eigene Erfahrung an diesem Tag: das Zusammensein mit dem Geliebten kam ihr nicht so schön vor, als sie sich's früher gedacht. Mit der Ruhe kam aber die Empfänglichkeit für die aufmunternden und schmeichelnden Worte des Bräutigams wieder in ihr Gemüth, und endlich saß sie vergnügt an der Seite des Vergnügten.
Es war in der Abenddämmerung, als das Ziel ihrer Fahrt, die Stadt vor ihnen lag. Diese gewährte in der guten Jahreszeit einen freundlichen und hübschen Anblick; jetzt sah sie aus, wie eben eine Landstadt im Spätherbst, und der guten Christine kam sie recht fremd vor. -- Die Kutsche rollte durch das Thor in die Hauptstraße, lenkte bald in eine Seitengasse ein, die zu den engen und düstern gehörte, und hielt vor einem schmalen, zweistockigen Hause. Eine Frau in den Fünfzigen kam heraus, hob Christine grüßend aus dem Wagen und führte sie in die Stube zu ebener Erde. Sie war bei der Base Kahl.
Herr Kahl war ein Kleinhändler, dessen Geschäft seit dem Auftreten eines reicheren und praktischeren Concurrenten in Abnahme gekommen war und der nun, anstatt sich ebenfalls besser umzuthun, lieber ergeben den alten Schlendrian fortführte und seinen Haushalt einschränkte. Er wohnte mit seiner Frau und einer Magd, die auch im Laden aushelfen mußte, allein in dem Hause, und weder die kleine Familie noch die Stube, in der sie sich Mittags und Abends zusammenfand, konnte den Eindruck des Wohlhäbigen machen. Es waren -- die gleichfalls in gewissen Jahren befindliche Magd mit eingeschlossen -- längliche, hagere Gestalten, die in ihrem ganzen Wesen etwas Kümmerliches hatten. Dieß war ihnen freilich schon zur Gewohnheit geworden und erschien durch mehrjährige Uebung gemildert; allein ihr Anblick hatte damit noch nichts Vertraueneinflößendes gewonnen. Gutmüthig in gewissem Sinn waren die alten Leute; sie konnten sich auch freuen über kleine Wendungen zum Bessern und einzelne glückliche Zufälle, und spannen so ihr Leben am Ende doch erträglich weiter.
Christine erhielt die Stube im ersten Stock, bisher eine Art von Prunkzimmer der Familie, nebst einem Schlafkämmerchen. Ein kleiner irdener Ofen, altes Möbelwerk und einige Bilder an der Wand zierten das zweifenstrige Gemach, jedenfalls das beste im Hause. Unter andern altmodischen Bildern sahen aber die Porträts der Hausleute, in ihrer Jugend von einem Anfänger gemalt, so trübselig von der Wand, als ob die Originale schon eine Ahnung gehabt hätten, daß sie zu besonderem Glück im Leben nicht bestimmt waren. Als der Ofen nach so langem Feiern und Frieren geheizt wurde, begann er tüchtig zu rauchen; die Fenster mußten aufgerissen werden, und erst nach und nach brachte man in dem frostgewohnten Raum einige Wärme zuwege. Die ersten Eindrücke, die Christine in dem Hause erhielt, waren keineswegs angenehm.
In dem Vertrauen, das sie auf die Base gesetzt hatte, fand sie sich aber nicht getäuscht. Frau Kahl, abgesehen von ihrer verhältnißmäßigen Gutmüthigkeit, hatte auch alle Ursache, gegen das Bäschen gefällig zu sein: diese zahlte Kost und Logis, wenn auch zu mäßigem Preis, und vergrößerte so das geringe Einkommen. Dann aber war sie die Braut des Herrn Forstner, der auch hier schon ein Gegenstand des Anerkennens und Rühmens geworden war. Aus diesen Gründen war die Base freundlicher und rücksichtsvoller gegen sie, als die seit Jahren im Hause mitregierende Magd, die es hart anzukommen schien, von einer in Bauernkleidern gekommenen und sich gar nicht auskennenden jungen Person etwas zu halten und gegen sie zu thun, als ob sie etwas wäre. -- Der sechzigjährige Vetter bezeigte sich freundlich und höflich, aber ohne sonderlichen Eifer, dessen er überhaupt nicht fähig war. Mit ihm hatte Christine wenig zu thun. Den Tag über war er in seinem Laden, beim Mittagessen schwieg er und nach dem Abendessen duselte er in seinem Sorgenstuhl ein.
Als die neue Hausgenossin sich so gut, als es anging, eingerichtet hatte, war es ihre nächste Aufgabe, sich städtische Gewandung zu verschaffen. Ein Alltagskleid war bald besorgt und das Anprobiren desselben das erste wichtige Ereigniß in dem neuen Leben der Lehrersbraut. Die Base half ihr dabei und hoffte, daß sie in dem schöneren Anzug bedeutend hübscher und vornehmer aussehen würde. Allein welche Ueberraschung, als sie nun die Fertige musterte! Sie mußte sie viel weniger hübsch finden als vorher. Natürlich sagte sie das nicht und strich und zupfte um so emsiger das Gewand zurecht, in der Hoffnung, es möchte noch werden. Die Hoffnung erfüllte sich aber nicht und der Grund war klar. Abgesehen davon, daß Christine das ungewohnte Kleid nicht zu tragen verstand, war auch ihre Gestalt nicht dafür geschaffen. Ihr Wuchs, der sich im Bauerngewand stattlich ausnahm und von dem nichts hinwegzuwünschen war, hatte im städtischen Anzug -- wir sagen es mit Bedauern -- etwas Unzierliches und Schwerfälliges, eine boshafte Städterin hätte sagen können Plumpes. Als Frau Kahl sie von oben bis unten betrachtet hatte und ein Lob unmöglich über ihre Lippen bringen konnte, machte sie in der Verlegenheit des Augenblicks das Kleid verantwortlich, das nicht gut gerathen sei und geändert werden müsse. Aber Susanne, die Magd, die auch herzugekommen war und sich an dem Anblick weidete, bemerkte mit entsprechendem Ausdruck: »Am Kleid liegt der Fehler nicht.« -- Auf dem Tisch lag noch ein Hut, den Frau Kahl erst gestern gekauft hatte, ganz neu und neumodisch. Vielleicht daß er, den schönen Kopf zierend, eine günstige Veränderung im Ganzen bewirkte. Sie setzte ihn darauf -- und sah sich auf's neue enttäuscht! Das Gesicht, im Rieser Käppchen so hübsch rund und so reizend, erschien im Hut zu voll. Christine, die zu merken anfing, welchen Eindruck sie hervorbrachte, wurde befangen, das Blut stieg ihr in's Gesicht, und dieses konnte dadurch weder an Rundung ab-, noch an Feinheit zunehmen. Zu allem Unglück war die Temperatur in der Stube seit dem frühen Morgen bedeutend gesunken, und indem die Röthe der etwas frierenden Christine eine bläuliche Färbung gewann, vollendete sich die Tücke des schlimmen Tags.
Wie sie so dastand und nicht wußte, was sie sagen oder thun sollte, ging die Thüre auf und Forstner trat herein. Er kam zufällig, das Unternehmen des Tags war ihm unbekannt. Als er die Verlobte in dem langen Kleid sah, war er betroffen und betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann rief er mit einem Lächeln, das nicht ganz hinreichte, einen gewissen verlegenen Ernst zu decken: »Wie siehst du aus, Christine! Man kennt dich gar nicht mehr! So -- so vornehm!« Christine versuchte zu lächeln und sagte mit etwas verzogenem Mund: »Nun -- gefall' ich dir nicht?« -- »O freilich,« erwiederte der Verlobte, der vor der Base und der Magd gerathen fand, seine und ihre Würde zu wahren. »Aber man ist's nicht an dir gewohnt und darum fällt's einem auf. Nun, aller Anfang ist schwer; das wissen wir Lehrer. Mit der Zeit wirst du's tragen wie eine Städterin, und uns wird's dann sein, als ob wir dich nie anders gesehen hätten.« -- »Ja freilich,« bemerkte die Base, die froh war, daß der Bräutigam ihr zu Hülfe kam; »es ist ja kein Hexenwerk!« -- Die Magd, die unbeachtet in einer Ecke stand, schüttelte den Kopf und verließ die Stube. Auf der Stiege sagte sie zu sich: »Das wird nie eine Frau für diesen Mann!«
Forstner hatte Christine nicht sogleich anstrengen wollen und sie bisher nur besucht, um sie zu grüßen und zu unterhalten. Allein die Zeit war kostbar, und endlich mußte mit der Erziehung, die er ihr zudachte, vorgeschritten werden. Nachdem auch die Base sich entfernt, setzte sich das Paar auf einem kleinen Kanape zusammen und der Verlobte entwickelte ihr den Plan, nach welchem sie die fehlende Bildung nachholen sollte. Da er unter Tags in der Schule und mit Privatstunden beschäftigt war, so wollte er wo möglich jeden Abend zu ihr kommen und sie unterrichten. Sie sollte Lesen, Schreiben und Rechnen nachüben und sich der Orthographie und der hochdeutschen Aussprache befleißigen. Geographie und Geschichte konnten ihr nicht erlassen werden; denn der Frau eines Lehrers mußte wenigstens bis zu einem gewissen Grade bekannt sein, was es mit der Erde für eine Bewandtniß habe und wie es dem Menschengeschlecht bis jetzt darauf ergangen sei. Wie leicht konnte in Gesellschaft die Rede darauf kommen und sie ihn, wenn sie aus Unwissenheit fragte oder gar mitreden wollte, in peinliche Verlegenheit bringen! -- Dann mußte sie gute Bücher lesen lernen, die Geist und Herz veredeln und Stoff bieten zu geselliger Unterhaltung. -- War sie nicht jung und hatte sie ihm nicht schon Beweise gegeben von offenbarem Verstande? Wenn er sie nur erst eingeführt in den Garten des Wissens, dann sollte sie schon Geschmack daran finden und selber darin herumwandeln und an Blüthen und Früchten sich ergötzen. -- Als er ihr das alles auseinander setzte, gerieth er in einen Eifer des Lehrers und malte ihr die künftigen Herrlichkeiten so schön vor, als ob sie schon da wären. Die gute Christine aber dachte: »Gott, wie wird das alles in meinen Kopf gehen!«
Forstner stand auf, Abschied zu nehmen. Als er die Verlobte in dem langen Kleid nochmal betrachtete (den Hut hatte sie glücklicherweise schon abgelegt), konnte er doch nicht umhin, auf's neue bedenklich zu werden. Der Anzug kleidete sie gar zu wenig! Die Gestalt war von städtischer Zierlichkeit gar zu weit entfernt! und es drängte sich ihm das Gefühl auf, daß Christine doch wohl nie eine feine Frau werden möchte. Die Zufriedenheit, ja alle Munterkeit war aus seinen Mienen gewichen; er sah ernst und befangen für sich hin. Christine errieth oder ahnte seine Gedanken und stand halb niedergedrückt, halb empfindlich vor ihm, den Blick zu Boden gesenkt. Es war einer von jenen schlimmen Augenblicken, wo man die Empfindungen, die man schweigend verbergen wollte, in ihrer ganzen fatalen Realität sich gegenseitig aus der Seele liest. Endlich nahm sich Forstner zusammen; er gab ihr die Hand, sah sie freundlich, wo nicht zärtlich an und drückte einen Kuß auf ihre Lippen, die auch in der gegenwärtigen ungünstigen Situation ihren Reiz nicht verloren hatten. Das Mädchen wurde roth und die Freude glänzte wieder aus ihr; sie blickte ihn so schön und lieb an, wie nur jemals früher in ländlicher Unbefangenheit. Ihres Anblicks froh empfahl er ihr noch zwei Bücher, die er mitgebracht hatte, als unterhaltend zum ersten Leseversuch, und verabschiedete sich.
Das Leben des Mädchens hatte bald in jeder Beziehung seine Ordnung und Methode. Einen Theil des Tages verbrachte sie bei der Base und half ihr kochen und sonstige Hausarbeit verrichten. In der Kochkunst viel zu lernen war bei Frau Kahl nicht die Gelegenheit; denn die Speisen, die sie bereitete, waren sehr einfach und eine große Abwechslung fand nicht statt. Auch wollte Christine finden, daß die städtische Kost, obwohl öfter Fleisch auf den Tisch kam, als bei ihr zu Hause, doch nicht so nahrhaft und wohlschmeckend sei und namentlich zu viel an Butter und Schmalz gespart würde. -- Eine oder zwei Stunden täglich wurden von weiblicher Arbeit in Anspruch genommen. Hier sollte sich das Dorfkind, die in ihrer Weise ganz gut nähen und stricken, sogar ein wenig schneidern konnte, die feineren Künste zu eigen machen, und zwar unter der Leitung einer Verwandten des Vetters Kahl, die sich erboten hatte, sich ihrer anzunehmen und sie so weit zu bringen, als es bei einer Person, die unter Bauersleuten aufgewachsen sei, eben ginge. Diese Verwandte führte den romantischen Namen Adelheid, hatte aber trotzdem keinen Mann bekommen, und schuf sich dafür einen geistigen Ersatz in Geltendmachung ihrer Ueberlegenheit und in stolzem Verziehen der Oberlippe, die im Verlauf der Zeit einen Ausdruck männlicher Autorität gewonnen hatte und auch mit einem entsprechenden Fläumchen geziert war. Daß diese Stunden für Christine nicht die angenehmsten waren, erräth man; allein sie mußte die Unterweisung, die Mamsell Adelheid ihr bot, doch mit Dank aufnehmen und durch Fleiß, durch Aufmerksamkeit und namentlich auch durch Bescheidenheit zu verdienen suchen. Was an Zeit noch übrig blieb, war auf Erledigung der Aufgaben zu verwenden, die Forstner ihr gegeben hatte.
Dieser begann seinen Unterricht mit der praktischen Klugheit, die uns an ihm nicht unbekannt ist. Die ersten Stunden wurden mehr mit Unterhaltung ausgefüllt; das Verfahren war darauf berechnet, das Mädchen zu erheitern und ihre Neu- und Wißbegierde zu reizen. Nach und nach mußten die Zügel freilich straffer angezogen werden. Die Wißbegierde wollte sich eben in Christine keineswegs in der Stärke einfinden, die der Verlobte wünschen mußte. Das gute Mädchen hatte mehr einen Hang, sich mit dem, was sie wußte, zu begnügen, als einen Drang, den Schatz ihrer Kenntnisse zu vermehren. Sie konnte nicht einsehen, was es z. B. nütze zu wissen, daß die Hauptstadt von Preußen Berlin heiße, und zu was es gut sei, mehr alte Römer kennen zu lernen, als den Landpfleger Pontius Pilatus. Sie war daher manchmal zerstreut, dachte an andere, ihr näher liegende Gegenstände, und hatte, was der Lehrer ihr mit lebhaftem Eifer gesagt, öfters gar nicht gehört, viel weniger verstanden. Sie offenbarte ein eigenthümliches Talent, das was sie schon gelernt, mindestens nachgesprochen hatte, wieder zu vergessen, und bei Dingen, die er als bekannt voraussetzen zu können glaubte, dreinzusehen, als ob sie nie eine Sylbe davon gehört hätte. Daß nun auch der Lehrer ärgerlich wurde, und daß es ihn zuweilen sehr hart ankam, in den Grenzen der Höflichkeit zu bleiben, begreift sich. Eine Zeitlang nahm er sich zusammen, und wenn er hitzig wurde und die Verlobte einigermaßen verletzt schien, legte er als Balsam gleich wieder sanfte Worte auf. Rief er einmal strafend: »Wie ungeschickt!« oder: »Das hast du ja schon gewußt! -- wo sind denn deine Gedanken?« -- und erröthete sie dann und sah gedemüthigt zu Boden, dann tröstete er sie: es komme nur darauf an, die ersten Schwierigkeiten zu besiegen und mehr Freude an der Sache zu finden; sie solle nur den Muth nicht verlieren, und dergleichen. Wie nun aber diese Freude sich nicht einstellte und die alten Fehler wiederkehrten, fand er's doch für gerathen, bei den strafenden Worten zu bleiben und ihr aus einem Schamgefühl nicht herauszuhelfen, das so wohl verdient schien. Es entfuhren ihm nun zuweilen Ausrufungen wie: »Gott, was ist das für ein Kopf!« oder: »das ist ja zum Verzweifeln!« -- und er versetzte damit dem Selbstgefühl des Mädchens einen Schlag, der um so weher that, als er früher ja ganz anders gesprochen hatte. -- Nach solchen Aeußerungen mußte er freilich wieder einlenken; aber er that es nicht mehr in sanften Worten, sondern erklärte, es thue ihm leid, so zu reden, aber es sei seine Pflicht, die Sache mit mehr Ernst und Strenge anzugreifen, da sie mit ihrer Langsamkeit und Zerstreuung sonst zu nichts kommen würde. Was er thue, geschehe zu ihrem Besten und nur aus Liebe.
Das mochte alles ganz wahr sein, aber auf Christine konnte es keinen erfreulichen Eindruck machen. Wenn Forstner als Liebhaber im ihre Stube trat, sah sie diesen gar bald durch den Lehrer beeinträchtigt; nach und nach wurde er ganz zum Hofmeister, und sie konnte von Glück sagen, wenn der Liebhaber wenigstens beim Abschied wieder zum Vorschein kam.
Die Gute mußte endlich einsehen, daß sie wieder ganz zum Schulkinde geworden war und die Leiden eines solchen zu erdulden hatte, ohne den frohen und leichten Jugendmuth zu besitzen, der alles Unangenehme schnell wieder abwirft. Sie war gehofmeistert von Mamsell Adelheid, gehofmeistert von ihrem Bräutigam, und oft schien es ihr, als wäre dieser schlimmer wie jene. Das Fatale dabei war: sie konnte die Bande, wie schwer sie auf ihr lasteten, nicht abwerfen, nicht einmal an ihnen rütteln; sie mußte das Joch tragen und damit weiter gehen. -- Erholung und Unterhaltung war ihr wenig geboten; denn außer den uns bekannten Persönlichkeiten hatte sie keinen Umgang, da sie ja durch diese zu weiterem erst befähigt werden sollte. Wenn sie sich nun an einem grauen, kalten Tag in ihrer Stube mit ihren Aufgaben beschäftigen wollte, aber durchaus keine Lust dazu verspürte und Buch und Papier weglegte, um für sich hinzustarren, dann begann es ihr endlich »and zu thun« nach der Heimath, und dieses Gefühl wurde stärker und stärker. Sie kam sich recht einsam, recht verlassen vor und hatte zuletzt eine Anwandlung von der Empfindung, die man im Ries mit dem Worte »verzwazeln« (verzweifeln, vergehen) bezeichnet. Aber sie durfte von diesem eigenen Leide niemand etwas sagen. Auch der Mutter mußte sie schreiben, daß es ihr wohl gehe, und daß sie gern hier sei.
Endlich kam ein Tag, der wohl zu der Hoffnung berechtigen konnte, daß er ihr Freude bringen und wieder Muth und Zuversicht einflößen werde. Der städtische Sonntagsanzug, den man bald nach ihrer Ankunft für sie bestellt hatte, war fertig geworden. Man hatte nichts gespart, ihn so hübsch und glänzend herzustellen, als es bei ihr nur immer anging. Alles hatte seinen Rath dazu gegeben und das Kleid war von den geschicktesten Händen gefertigt, die man in der Stadt finden konnte. Frau Kahl, der es eine Ehrensache geworden war, das Dorfbäschen in eine Städterin umzuwandeln, hatte sich am eifrigsten dabei umgethan; sie hoffte besonders auch eine gute Wirkung auf das Gemüth der Verwandten, an der sie ein scheueres und gedrückteres Wesen zu ihrem großen Bedauern wahrgenommen hatte. Kleider machen Leute, das ist ein gutes altes Sprichwort, und mit einem feineren Anzug pflegt in gar viele Menschen auch ein höherer Geist zu fahren. Sollte sich das nicht auch an Christine bewähren? -- Als diese an dem festlichen Morgen unter Beihülfe der Base und der Mamsell Adelheid fertig geworden war und dastand im dunkeln Merinokleid, seidenem Halstuch, sammtnem Hut und glänzend gewichsten Schuhen, wurde sie von den Richterinnen ernst und aufmerksam geprüft. Beide gingen hin und her und betrachteten sie von allen Seiten. Seltsames Mißgeschick! Die Erscheinungen beim ersten Probiren des Alltagskleides wiederholten sich. Die Stoffe thaten ihre Wirkung, die Gestalt war aber durch sie um nichts feiner und zierlicher geworden, sie schien allen Verwandlungsversuchen widerstehen zu wollen. »'S ist eben eine maskirte Bäurin,« dachte Mamsell Adelheid, und die Base wußte gar nicht, was sie denken sollte.
Am ungefügigsten erwiesen sich zuletzt noch die Hände des Landmädchens. Daß die Bauernarbeit, wie jede andere, die gleiche Anstrengung mit sich führt, die Glieder mächtiger und stärker entwickelt, weiß jeder. Ein Dorfkind bringt in der Regel die Anlage zu tüchtigen Fingern schon von den Eltern mit, und die Ausbildung wird durch Rechen, Sichel und Dreschflegel entsprechend gefördert. Die Haut wird auf der einen Seite hart, auf der andern erhält sie eine röthlich bräunliche Färbung, und die Dorfhand ist fertig. In ihrer Heimath wird sie so gerade geschätzt; sie deutet auf Arbeit und Arbeitsfähigkeit -- die Ehre der Landleute -- und paßt zum ländlichen Anzug. Ein schönes Mädchen weiß damit zu schmeicheln, so gut wie eine Städterin mit ihren zierlichen Fingern, und der Druck der Liebe soll unter dieser Voraussetzung um nichts weniger süß und angenehm sein. Aber alles hat in der Welt seinen natürlichen Platz, und wenn es diesen verläßt, wird das Passende unpassend. Die Hände unserer Christine gehörten auf dem Dorf noch nicht zu den stärksten; in der Stadt und für den städtischen Anzug erschienen sie nun doch viel zu entwickelt, und dieß stellte sich auf's klarste heraus, als die neugekauften Handschuhe darüber gezogen werden sollten. Sie erwiesen sich zu klein und drohten zu platzen; man mußte in den Laden schicken und Männerhandschuhe der größten Art bringen lassen. Diese reichten endlich zu; aber den Händen, die mit ihnen bedeckt waren, Beifall zu spenden, das war auch der wohlmeinenden Richterin eine Sache der Unmöglichkeit.
Nach erneuerter Prüfung gewann es Frau Kahl zuletzt über sich, das Bäschen mit Anerkennung aufzumuntern und zu bemerken, das Kleid stehe ihr diesmal schon viel besser und sie könne sich sehr wohl damit sehen lassen. Mamsell Adelheid schwieg; sie konnte eine gewisse Schadenfreude in ihrem gelblichen und scharfen Antlitz nicht unterdrücken und sagte zuletzt, für den Anfang sei es gut genug; man dürfe von einem Mädchen, die im Dorf groß geworden sei, gar nicht verlangen, daß sie ein solches Gewand gleich zu tragen verstehe, wie sich's gehöre. -- Christine, durch alles das betroffen und irre gemacht, besah sich im Spiegel, prüfte sich hin und her, und gefiel sich selbst nicht. Sie gehörte nicht zu den Einfältigen, das gute Dorfkind, und ließ sich nicht von den prächtigen Stoffen blenden; sie hatte ein Augenmaß und überzeugte sich, daß ihr der ganze Kram nicht zu Gesichte stehe. Ihre Freude -- denn sie hatte sich doch auf die schönen Sachen gefreut -- war zu Wasser geworden.
Eben hatte die Base wieder eine ermuthigende Bemerkung angefangen, als der Verlobte in die Stube trat -- diesmal nicht zufällig. Es war verabredet, daß er die Braut besuchen und sie mit Frau Kahl in die Kirche führen solle. An der Thüre stehend und nur den schönen neuen Anzug im Auge, stieß er ein fröhliches »Ah, wie schön!« aus. Als er näher trat und die Geputzte genauer betrachtete, wurde er ernst und ernster, und es war ihm unmöglich, in dem begonnenen Tone fortzufahren. Die Hände waren ihm nie so groß vorgekommen als in den feinen Handschuhen; aus dem Gesicht im Sammthut schien aller Geist, alle Anmuth geflohen zu sein. Die Eitelkeit des jungen Mannes, der sich eine Frau wünschte, mit der er prunken konnte, war erschreckt und sah den unerfreulichen Thatbestand noch dazu mit übertreibenden Augen. Christine sagte sich augenblicklich: »Ich gefall' ihm wieder nicht, gar nicht -- und das ist kein Wunder!« Als der Verlobte sich endlich mit Anstrengung zusammennahm und seine Verlegenheit hinter Worte des Lobes und der Bewunderung verbergen wollte, die ihm aber durchaus nicht von Herzen gingen und auf dem Gesicht der Mamsell Adelheid nur ein boshaftes Lächeln hervorriefen, da hatte das gute Kind eine wahrhaft peinliche Empfindung. Sie versetzte mit dem Ernst der Ehrlichkeit: er möge sie doch mit solchen Reden verschonen, sie wisse recht gut, daß ihr dieses Kleid nicht anstehe und immer noch das Bauernmädchen aus ihm herausschaue. Aber das sei nun einmal so, und sie könnte sich nicht anders machen, als sie wäre.
Sehr verstimmt trat man den Weg zur Kirche an. Als in der Hauptstraße ein Herr und zwei Frauenzimmer daher kamen, die den Lehrer grüßten und auf Christine blickend, heitere Mienen zeigten, war es ihm, als ob er auf Nadeln ginge. Er wurde schamroth wie ein Mädchen, dankte hastig, ging rascher und verabschiedete sich vor dem Kirchenthore von Christine mit dem Gefühl wahrer Erleichterung. Für sie hatte die niederdrückende Erfahrung, die der eilige Abschied des Bräutigams noch vervollständigte, das Gute, das sie im Gotteshause Trost suchte und der Predigt, die ihrer Lage entsprach und an sie gerichtet schien, von Anfang bis zu Ende folgte. Es war dies das erste Mal in ihrem Leben; aber Noth lehrt beten und öffnet das Verständniß für Aussprüche, die früher nur als leere Klänge am Ohr vorüberzogen. Ihre Anstrengung belohnte sich auch, sie kam getrösteter und ruhiger nach Hause.
Indem ich das Verhalten und die Schicksale Christinens der Wahrheit gemäß schildere, bin ich weit entfernt, eine Theorie aufstellen und etwa lehren zu wollen, ein Dorfmädchen passe in die Stadt und für einen Städter überhaupt nicht, die geborne Bäuerin könne nur mit einem Bauer glücklich sein und die Verpflanzung in eine höhere Schichte der Gesellschaft niemals gelingen. Das wäre falsch und würde namentlich auch im Ries durch gelungene Versuche widerlegt. Es kommt hier, wie sich von selber versteht, auf den Geist und das Naturell des Mädchens an. Ist diese begabt, strebsam und sehnt sie sich höher hinauf, so wird sie als Braut und als Frau eines gebildeten Mannes gar bald die Kultur annehmen, die von ihr gefordert werden kann; denn eine Pariserin braucht sie ja in einer deutschen Kleinstadt nicht zu werden. Sie wird das verhältnißmäßige Hochdeutsch lernen, womit man im der städtischen Unterhaltung durchkommt; Begrüßungen und höfliche Redensarten werden ihr bald geläufig vom Munde gehen; sie wird Kenntnisse sammeln und in Gesellschaft mehr oder weniger ein Wort mitreden können. Was die französische Kleidung betrifft, so wird eben dieser Punkt am leichtesten erledigt sein. In dem strebenden Mädchen regt sich der feinere Putztrieb von selbst, das neue Gewand, das Symbol höheren Standes, wird mit freudiger Begierde angelegt, mit Selbstgefühl getragen, und Lust und Liebe und angeborenes Geschick führen bald zu der Herrschaft darüber, die sich in leichter und angenehmer Bewegung ausspricht. Die Hände, wenn sie nicht schon von Natur feiner waren und der Einwirkung der Arbeit widerstanden haben, werden zarter und feiner mit der Zeit, und das Wagniß ist gelungen. Kommt es ja doch in der Ehe und in einem Haushalt viel mehr auf Angebornes als auf äußerlich Gelerntes an! Der natürliche helle Verstand findet sich darin viel eher und besser zurecht als der trägere Geist, dem allerlei Wissen beigebracht wurde, und wenn zuletzt auch einzelne Züge immer noch das geborene Landmädchen verriethen, so könnten sie bei dem Vorhandensein der erforderlichen reellen Eigenschaften doch zu nichts weiter als zu scherzhaften kleinen Neckereien führen.
Ich möchte behaupten, daß eine solche Entwicklung bei Dorfkindern, die von der Natur nicht stiefmütterlich behandelt sind und von Städtern geehlicht werden, Regel ist. Die meisten werden, von dem Reiz geleitet, den das Neue und Höhere auf ihr Gemüth übt, sich in die Verhältnisse schicken, ihrem Stande Ehre zu machen sich bemühen und in ihrem Eifer das vorgesteckte Ziel erreichen.
Unsere Christine gehörte aber nicht zu den Strebenden. Sie war für das Dorf geboren und nur hier konnte sie wahrhaft glücklich werden. Auf ihre Phantasie wirkte mehr der Reiz des Hergebrachten als des Neuen, mehr die Poesie des Eigenen als des Andern. In dem Kreise des Dorfes selber fortzuschreiten, aus einer Söldnerstochter eine angesehene Bäuerin zu werden, das war ihr Ehrgeiz, ihr erster und schönster Traum gewesen. Bei Forstner war es mehr die hübsche und einschmeichelnde Persönlichkeit, die sie bestrickte, als der Lehrer und »Herr«; und wenn der Gedanke ihr angenehm war, Frau Lehrerin zu werden, so war es eben nur unter der Voraussetzung, daß sie es auf dem Dorf, ja in ihrem Geburtsort würde und damit in ihrer Art zu der Höhe der ersten Frauen darin hinaufrückte. Der Titel einer städtischen Frau Oberlehrerin blendete sie nur mit flüchtigem Reiz, mit einem Schein, der bei näherer Betrachtung nicht Stand halten konnte. Ihr angeborener Trieb führte die Seele wieder und wieder zum Dorfe, zur Stätte des Jugendglücks, zur Heimlichkeit der Heimath zurück.
Christine liebte die Rieser Tracht, fand sie schön und zierend, und sie hatte alle Ursache dazu, denn ihr stand sie vortrefflich. Sie hatte etwas von der Gesinnung in sich, die ehedem verbreiteter war als jetzt, aber sich gewiß noch nicht ganz verloren hat; ich meine die Gesinnung, in welcher der Bauer seinen Stand eigentlich für den ehrenvollsten, seine Kleidung für die schönste hält, und die Herren und Herrenfrauen, die in der Stadt leben und französische Kleider tragen müssen, nicht nur für weniger begünstigt ansehen, sondern geradezu bedauern kann. Schreiber dieses erinnert sich, in seiner Jugend von wohlhäbigen Landmädchen mehrfach spöttische Bemerkungen über Städterinnen gehört zu haben, die nur dem Stande und Gewande galten und mit behaglicher Sicherheit, ohne alle Bosheit abgegeben wurden. »So eine Langrockete,« hieß es von dem Stiefkinde der Verhältnisse, das mit dem Flecken reizloser und unsolider Tracht behaftet war. Eine geborene Wallersteinerin, Tochter eines angesehenen Bürgers und von mütterlicher Seite mit einer jungen Bäuerin verwandt, besuchte diese einmal zur Kirchweih und gewann in fröhlichem Gespräch bald ihr Herz. Die Bäuerin freute sich ihrer und sagte endlich: »Du bist a brav's und a lieb's Mädle -- wann d'nor oh (auch) andere Kloeder a'hättst!« -- »Warum das?« fragte die Wallersteinerin. Und sie erhielt zur Antwort: »'s ist halt nex mit dem Häs (Kleidung) doh, und wo ma' he'kommt, ist ma' halt veracht!« -- Diese Aeußerung kam dem heitern Mädchen sehr ergötzlich vor, und noch als ältere Frau pflegte sie die Anekdote zur Charakteristik des Rieser Landvolks und zur Belustigung städtischer Hörer zu erzählen. Allein die Gesinnung, aus der solche Aeußerungen hervorgehen, ist doch eine höchst respektable Quelle von Glück in der Welt. Es ist der frohe Glaube an den Werth dessen, was man hat und ist, das Erfülltsein von Liebe zu der hergebrachten Art und Sitte -- der Grund der Zufriedenheit und Beständigkeit im Leben.
In Christine lebte etwas von diesem Glauben und dieser Liebe und trat in den gegenwärtigen Verhältnissen, die freilich nicht darnach angethan waren, mit ihren Erinnerungen in die Schranken zu treten, zuweilen mit größter Stärke hervor. Doch sie durfte sich dem Zug nach dieser Seite nicht hingeben, sie mußte ihn bekämpfen, mußte streben und lernen, mußte sich bemühen, eine andere zu werden und städtische Sitten liebzugewinnen.
Die Erziehung eines Mädchens wie Christine und ihre Angewöhnung in der Stadt, sollte man glauben, hätte unter den geschilderten Umständen dennoch, wenn auch langsam, fortschreiten müssen, da es ja doch immer der Bräutigam war, der die Braut erzog, und die Liebe, die beide zusammengeführt hatte, zuweilen allerdings getrübt, keineswegs ausgelöscht war. Allerdings; aber die Liebe des Bräutigams und der Entschluß, die gelobte Treue zu bewahren, hatten nun eben den Vorsatz gefaßt, gegen den Zögling sich in consequentester Strenge zu beweisen. Die Zeit verstrich und Christine mußte bis zum Frühjahr wenigstens so weit gebracht werden, daß sie als Frau seiner nicht ganz unwürdig war. Er mußte sie zwingen, sich Mühe zu geben und ihren Geist auszubilden. War dieser entwickelt, dann sollte das übrige schon nachfolgen und der nöthige Anstand ergab sich von selber. -- Durch diese strenge und unter Umständen züchtigende Liebe des Bräutigams wurde die Liebe der Braut auf die schwerste Probe gestellt. Es blieb eben auch nicht bei dem Ernst, hinter dem eine Liebe regiert, die gut und consequent ist. Dieser wäre es endlich wohl gelungen, das Ziel zu erreichen und ihre Bemühungen gekrönt zu sehen; aber Forstner war in einer Gemüthslage, wo ihm nichts rasch genug ging; er wollte, aufgeregt und ungeduldig, die Frucht haben, bevor sie reifen konnte, und wiederkehrende Fehler der Schülerin entrissen ihm nun bei schon angesammeltem Verdruß Aeußerungen, die er zwar immer noch für wohlverdient hielt, Christine aber nur als wahre Beleidigungen aufnehmen konnte. Es gab Auftritte zwischen dem Liebespaar, und Stunden, ja Tage des Trutzens. Versöhnte man sich wieder und that man das Gelübde, sich nie, nie wieder zu kränken, so war dem Frieden die Dauer so wenig verbürgt, wie andern, die auch auf ewige Zeiten abgeschlossen werden. -- Gegen die ernsten Mahnungen Forstners konnte und wollte Christine nichts einwenden. Sie faßte den Entschluß, sich Mühe zu geben, und sie gab sich Mühe; aber Lust und Liebe zur Sache konnte sie sich nicht geben, und unter den geschilderten Umständen konnten diese auch nicht in ihr keimen und wachsen. Alles, was gegen die Natur verlangt wird, alles, was vor der Zeit fertig sein soll, gewinnt aber in der Seele den Charakter einer unerträglichen Last. Es wächst ein Widerwille dagegen, der zum Abscheu werden kann; und wenn man die verhaßte Pflicht nun doch nicht zurückzuweisen sich getraut, vielmehr die Nöthigung erkennt sie zu erfüllen, koste es was es wolle, dann können sich im Herzen Elemente der Verzweiflung ansammeln, die nothwendig zum Ausbruch kommen müssen.
Am Abend eines Tages, an dem Forstner nach wieder eingetretener Spannung nicht erschienen war, saß Christine mit ihren Verwandten und Mamsell Adelheid bei der frugalen Abendmahlzeit. Sie wurde mit dem abwesenden Liebhaber geneckt, wie es ihr mißfallen mußte; nicht aus heiterem und gutem Herzen (ein solches hätte unter den gegebenen Verhältnissen überhaupt geschwiegen) sondern von Seiten der Base ohne Laune, aus Langeweile, von Mamsell Adelheid ohne Wohlwollen, aus Schadenfreude. Sie antwortete zuerst etwas empfindlich, und endlich verbat sie sich diese Reden ganz. Wie meistens, wenn sie im Ernst und von Herzen sprach, hatte sie diese Erklärung im Rieser Dialekt abgegeben, und Adelheid, die sich auf dem einen Felde nicht mehr genügen durfte, benutzte nun die Aussprache des Dorfmädchens, um ihr etwas anzuhaben. »Pfui, Christine,« rief sie mit dem geheuchelt wohlmeinenden Ausdruck, der bekanntlich viel widerlicher ist, als ehrliche Unhöflichkeit, »pfui, wie bäurisch ist das wieder! Du mußt dir dieses Rieserischreden abgewöhnen, gutes Mädchen; das geht hier nicht mehr, du machst dich lächerlich damit, und für die Frau eines Lehrers paßt es schon gar nicht!« Die Wahrnehmung, daß ihre Worte auf Christine ihre Wirkung gethan hatten, ermunterten sie fortzufahren, und sie bemerkte: »Du brauchst nicht ärgerlich zu werden. Wir meinen's gut mit dir, drum sagen wir dir's, andere lassen dich reden und lachen dich aus.«
Das hieß bei dem Rieser Kinde eine der empfindlichsten Stellen berühren. Sie hatte jene Rüge und Ermahnung von ihrem Bräutigam und von der Mamsell schon öfters hören müssen. Bei ihm hatte sie's in der Ordnung gefunden und sich bestrebt, hochdeutsch zu reden. Zunächst war freilich nur ein Mischmasch herausgekommen, der ihn zuweilen auch wieder lächeln machte, und wenn sie sich bemühte, rein hochdeutsch zu reden, dann sprach sie die Worte mit einer Betonung, die ihr nicht natürlich war und pedantisch klang, so daß Forstner sie zuweilen wieder bat, sie solle lieber reden, wie sie's gelernt habe. Es war auch eine fatale Empfindung, sich sagen zu müssen, daß sie ihm nichts zu Dank machen könne, und die ganze Sache hatte darum etwas Unangenehmes für sie. Bei der Adelheid war ihr aber der Tadel ihrer Sprache um so verdrießlicher, als sie ihr eigentlich kein Recht dazu einräumen konnte, auch darum nicht, weil die Mamsell nicht sowohl hochdeutsch als fränkisch-deutsch redete. Die Rieserin konnte durchaus nicht begreifen, wie das fränkische »Na'« (Nein) schöner klingen sollte als das Rieserische »Noë«, oder worin »Ah« (Auch) hochdeutscher wäre als »Oh« u. s. w. Sie hatte bemerkt, daß man im Ries gewisse Worte gerade nach der Schrift aussprach, während man sie im Fränkischen veränderte, also verschlechterte, daß man z. B. im Ries ganz richtig »mager« sagte, wo es hier »moger« hieß; und sie sah nun in keiner Art ein, wie sie die Sprache ihrer Heimath gegen so eine Sprache sollte schlecht machen lassen. Bei dieser Gelegenheit sagte sie denn mit der Resolution des Unwillens alles, was sie auf dem Herzen hatte, und schloß ihre Erwiederung mit den Worten: »Jedes hat seine Sprach' gern und glaubt, sie sei besser als die andere, und das ist natürlich. Ihr sagt, die Rieser sei so breit und hinausgezogen, mir kommt die eure dagegen öd vor und recht »moger«, und ich mein', ich könnt' in ihr nie von Herzen reden. Aber darüber will ich nicht streiten. Wenn ich mein Rieserisch einmal ablegen soll, so will ich doch lieber gleich ein rechtes Hochdeutsch lernen, sonst will ich beim Rieserischen bleiben. Denn wenn's auch eine langsamere Sprach' ist wie die eure, so reden's doch Leute, die ich lieb hab' und die ich hochschätz', und das kann ich nicht von allen sagen, die ich kenne. Für heut' wünsch' ich Gutnacht!« -- Sie war aufgestanden und verließ die Stube mit einem Blick der Geringschätzung auf Mamsell Adelheid. -- »Hoffärtiges Ding!« rief diese, die sich durch den Vorwurf der Schülerin wegen des Fränkischen getroffen und durch ihren Abschiedsblick beleidigt fühlte. Aber Vetter Kahl meinte, sie habe es ihr heute auch arg gemacht, und man könne es der Christine jetzt nicht übel nehmen, wenn sie nicht bei guter Laune sei. -- »Ja freilich,« setzte die Frau hinzu und nickte bedenklich.
Christine ging in ihre Stube hinauf, zündete ein Talglicht an, setzte sich an den Tisch und versuchte in einem Buche zu lesen, das ihr Forstner als unterhaltend empfohlen hatte. Bald legte sie's weg. Wie sollte sie sich für die geschriebenen Sachen interessiren, während ihr Herz so voll und so aufgeregt war von Unmuth und Sorge! Schweigend, die Arme auf die Lehne des alten Stuhls gelegt, sah sie auf den Boden und verharrte in formlosem Gedankenspiel eine Zeitlang in dieser Stellung. Es fröstelte sie; aber sie wollt' es nicht anders haben und rührte sich nicht. Wie traurig und öde war es in dieser Stadt! -- wie unheimlich war es in der Stube, die eigentlich nie recht warm gemacht werden konnte! Ihre Phantasie ging in die Heimath zurück, sie stellte sich das Dorf und die Stube ihrer Mutter vor, und alles Liebe und Heimliche baute sich nach und nach vor ihr auf. -- Wie schön war es dort -- auch im Winter! die Stube so warm den ganzen Tag, weil man im Rohr des eisernen Ofens kochte und das Holz nicht sparte. Welch ein angenehmer Geruch, wenn am Sonntag ein paar Tauben gebraten wurden oder ein frisches Stück Fleisch vom selbstgeschlachteten Schwein. Wie heimlich war es des Abends, wenn sie mit ihrer Mutter spann und mit ihr und dem braven Hans einen Rath hielt oder »ihren Gedanken Audienz gab« und die runde Hauskatze hinter dem Ofen dazu »durnte!« Wie traulich war es, wenn ein paar Freundinnen mit dem Rocken kamen, wenn man mit einander schwatzte und lachte, und nicht eines besser zu reden glaubte als das andere, und nicht eines das andere mit seiner Sprach' aufzog. Dort waren die Leute gut, und auch die schlimmen hatten etwas an sich, was man gern haben mußte. Es war eben dort alles lustiger, und auch die schlimmen meinten's nicht so bös; und so hochmüthige gelbe Gesichter, wie die Adelheid eines hatte, gab es dort gar nicht.
Indem die Träumende von diesen Vorstellungen aufsah und sich in ihrem düster erhellten, todtenstillen Zimmer erblickte, hatte sie das Gefühl eines verlorenen Paradieses. Dort war alles so gut und so schön, dort konnte sie glücklich werden. Hier hatte sie keine einzige Gespielin, keine einzige vertraute Seele! Hier war sie verachtet und verspottet, sie, die in ihrem Dorfe geehrt und gepriesen war. Hier wurde sie mißhandelt! Und er, der ihr Trost und ihre Stütze sein sollte, er, der ihr ewige Liebe geschworen hatte, wurde mit jedem Tage härter und liebloser gegen sie! Er hatte keine Geduld mit ihr, er »kappte sie herab,« er beschimpfte sie, er schämte sich ihrer! Das mußte ~sie~ erleben! -- und das mußte sie von ~ihm~ erleben! Und wenn er nun schon als Bräutigam so gegen sie handelte, was hatte sie zu erwarten, wenn er ihr Mann war und ihr Herr? Welchen Ehestand sollte das geben?
Der Gedanke, daß sie das Unrechte gewählt habe, daß ein unglückliches, verfehltes Leben ihrer warte, und daß sie selber daran Schuld sei, begann den Geist des Mädchens zu überwältigen. In ihrem Herzen fing ein Zittern und Beben an, das sich über den ganzen Körper verbreitete, das nicht mehr zurückgedrängt werden konnte und nicht mehr enden zu können schien. Der Sturm der Verzweiflung war über ihre Seele gekommen. Wenn dieser einmal im Innern zu sausen und zu brausen beginnt, dann helfen keine Einreden des Verstandes mehr. Alle Gründe, die dagegen sprechen sollen, fallen kraftlos zu Boden, das Toben der Angst geht weiter mit der Gewalt eines übermächtig gewordenen Feuerbrandes, man hat nur noch Ein Gefühl und Ein Wort: Verloren! verloren!
Christine konnte nicht mehr glauben und nicht mehr hoffen. Es war ihr, als ob sie auf und davon müßte; aber wohin sollte sie? Sie konnte nicht fort, sie mußte bleiben und alles erdulden, was ihr auferlegt war. Sie hatte ein Gefühl, als wenn sie in einen Brunnen gefallen wäre und nicht mehr heraus, ja nicht einmal um Hülfe rufen könnte. Welch eine Noth! -- welche Bangigkeit! Und hätte sie nur weinen und Erleichterung finden können in Thränen! Aber in solchem Zustande des Herzens kann auch das Weib nicht weinen; nur leiden kann es, leiden und beben, wie das Lamm in den Klauen des Raubthiers.
Endlich erhob sich die Unglückliche mit entschlossener Anstrengung. Sie legte sich nieder, ob ihr vielleicht der Schlaf ein Erlöser würde; aber die empörten Wogen der Seele ließen sie nicht schlafen. Sie verbrachte die schwerste, peinvollste Nacht ihres Lebens und sank endlich nur aus Mattigkeit in einen unruhevollen Schlummer.