VI.
Christine sah noch eine Zeitlang auf die Thüre, die Forstner hinter sich zugeschlagen hatte. Ein heroisches Gefühl glänzte auf ihrem Gesicht. Er war es nicht, der ihr den Abschied gegeben, sie war ihm zuvorgekommen, sie hatte ihn weggeschickt, sie hatte das Recht behauptet und ihre Ehre gerettet! Das Bewußtsein, dem Ungetreuen die Thüre gewiesen und ihn nach Verdienst behandelt zu haben, erfüllte sie mit süßem Stolz, und sie kostete diesen in der Aufregung des Sieges von Grund ihres Herzens.
Endlich trat sie zurück. Die Fluth ihrer Empfindung war gesunken und Gedanken tauchten auf, die andere Bilder vor ihre Seele riefen. Es war also aus mit ihm, wirklich aus und für immer! Und nun? -- Sie mußte wieder in die Heimath, in ihr Dorf zurück. -- Wie sie diese unausweichliche Nothwendigkeit zum erstenmal klar erkannte und die Folgen überschaute, fühlte sie einen kalten Schauer im Herzen und sank erschöpft auf einen Stuhl.
Wir wissen, Christine besaß einen Ehrgeiz -- eine Art desselben, die auf dem Lande häufig vorkommt: den Ehrgeiz, der sich Andern möglichst immer in Würde und Wohlergehen darstellen und dem ganzen Dorfe damit Respekt einflößen will. In volkreicher Stadt kann man leicht dahin kommen, nach der Meinung Anderer gar nichts mehr zu fragen, weil diese Andern eben zum größten Theil Fremde sind und die Befreundeten keine Zeit haben, sich mit Einem viel abzugeben. Auf dem Dorf hingegen, wo man Alle kennt und von Allen gekannt ist, bildet sich natürlich das Verlangen aus, auch von Allen geachtet zu sein. Man wahrt die Außenseite, man »prangt,« man fragt sich bei einem absonderlichen Vorhaben in der Regel, was die Leute dazu sagen werden, man fürchtet sich vor dem Schaden, aber häufig mehr noch vor dem Spott, der dem Schaden folgt. Diese Rücksicht auf Andere kann zur Schwäche werden und macht gar oft auch kleinlich und lächerlich; aber auf der andern Seite ist sie die Mitursache guter Sitte, rechtmäßigen Handelns und stattlicher, angenehmer Lebensformen. Der Kenner des Dorflebens wird sie auf ihre Stelle beschränkt, aber gewiß nicht vertilgt, ja nicht einmal gemindert wünschen.
In Christine war eine starke Dosis dieses Triebes, und wie wir gesehen haben, war da, wo ihr Herz gewonnen wurde, immer auch ihr Ehrverlangen mit im Spiele; der Reiz des Glanzes wirkte mit dem der Schönheit und Liebenswürdigkeit zusammen auf sie. Dieses Ehrverlangen bezog sich aber gerade auf ihr Dorf, gerade auf ihre Freunde und Bekannte. In ihren Augen hervorzustrahlen war ja ihr Streben, ihr beglückendster Gedanke. Und nun sollte sie, die das Vaterhaus ehrenvoll und beneidet, an der Seite des Bräutigams verlassen hatte -- sie, die Gesuchte, Gefeierte -- sie sollte zurückkehren als eine, die den Laufpaß bekommen (denn das war und blieb sie in den Augen der Leute trotz ihres Redens), sie sollte zurückkehren beschimpft und erniedrigt für ihr ganzes Leben! Sie sollte vor ihren Vetter treten als eine Verschmähte, die Mitleid und Geringschätzung einflößen mußte! Sie sollte vor ihre Mutter treten in Schmach und Schande -- vor die gute Mutter, deren Stolz und einzige Freude sie gewesen, die keine Ahnung hatte von ihrem Unglück und in kurzem ihren »Ehrentag« mitzufeiern hoffte! -- Sie sollte den Spott und die übeln Nachreden der bösen Zungen über sich ergehen lassen! Sie sollte erleben, wie man mit Fingern auf sie zeigte, sollte es in ihre Ohren hören, wie man sagte: »Da seht sie, die so hoch hinaus wollte! Nun ist sie wieder da! Ihr Stadtlehrer hat sie fortgeschickt, und nun mag sie auch kein ehrlicher Bauernbursch mehr!«
Die Erlebnisse der letzten Tage hatten das Mädchen im Tiefsten erregt, ihre Seele gerüttelt und geschüttelt, ihr Gefühl krankhaft gereizt. Wie sie nun bei der Vorstellung, so kläglich in ihre Heimath zurückkehren zu müssen, alle Marter empfand, welche die Schmach der Niederlage dem Ehrgeiz auferlegt, da folgte auf den heroischen Stolz, den die Verabschiedung des Bräutigams in ihr erweckt hatte, der Zweifel, das Zagen, die Reue. Hab' ich auch wirklich Ursache gehabt, ihm aufzukünden? Bin ich nicht zu hitzig gewesen? Hab' ich nicht am Ende unrecht gesehen und gemeint, er wolle mit mir brechen, bloß weil ich in der Zeit davon habe schwatzen hören? Kann er nicht bloß übler Laune gewesen sein, und sind meine Antworten nicht am Ende so ungeschickt gewesen, daß er nicht anders konnte als zornig werden? -- Solche Fragen traten in ihr hervor und konnten es wohl; denn ein Dorfmädchen ist an eine derbere Sprache und Handlungsweise von Jugend auf gewöhnt und mußte die vernommenen Schmähworte nicht für so beweiskräftig halten als eine gebildete, zarte Städterin. In ihrer Gemüthslage wurden ihr nun auch die andern deutlichen Zeichen wieder zweifelhaft, und als sie bedachte, daß sie das Elend, welchem sie entgegen ging, hätte vermeiden können, da wandelten sie wieder Schrecken und Verzweiflung an. Sie raffte all ihre Kraft zusammen und überlegte, wie Forstner sich die letzte Zeit her und heute gegen sie benommen. Endlich aber rief sie fest und entschlossen: »Nein, ich hab' mich nicht getäuscht! Nein, ich hab' recht gehandelt! Was ich gethan hab', das hab' ich thun müssen -- ich hab' ein gutes Gewissen -- und nun mag mir's auch gehen, wie's will!«
Sie stand auf, in der Meinung zur Base hinunterzugehen, denn es war noch nicht die gewöhnliche Schlafenszeit. Allein sie fühlte sich überaus müde, die Glieder zitterten ihr. Sie hielt es für besser, sich niederzulegen.
Ihr Schlaf war unruhig, sie fuhr mehrmals auf in schweren Träumen. Als sie Morgens erwachte, waren ihre Glieder wie gelähmt, ihr Kopf brannte, die Zunge klebte ihr am Gaumen. Sie war krank -- ein Fieber hatte sie ergriffen.
Die Base, die sie vergebens zum Frühstück erwartet hatte, ging hinauf, um nachzusehen. Sie wußte noch nicht, was geschehen war. Gestern hatte sie freilich ein paarmal die Stimmen herunter gehört und auf einen Wortwechsel geschlossen; aber das war ja schon öfter vorgekommen, und da Forstner ruhig aus dem Hause, Christine zu Bett gegangen war, so glaubte sie nicht an einen Ausgang, wie er stattgefunden hatte.
An's Bett des Mädchens getreten, erkundigte sie sich theilnehmend nach ihrem Befinden. Christine erklärte sich für unwohl und erzählte ihr alles. Die gute Frau war tief betroffen. »Ich hab' mir's gedacht,« rief sie aus, »aber nun bin ich doch erschreckt! Was wird deine Mutter dazu sagen, die an so etwas gar nicht denkt? Ich muß ihr's zu wissen thun, Alles und Jedes, und das heute noch.« -- Christine verbot das. »Ich will's selber thun, wenn ich wieder auf bin -- ich allein kann's recht thun.« -- »Aber wenn du ernstlich krank würdest,« entgegnete die Base, »wenn du --« -- »Sterben würdest, meinen Sie? Das wäre vielleicht das Beste für mich; aber eben darum glaub' ich nicht daran. Wenn Gefahr kommt, dann können Sie schreiben, aber jetzt nicht -- Ihre Hand darauf!« -- Die Base beruhigte die Kranke durch ein ausdrückliches Versprechen und ging hinunter, einen Arzt holen zu lassen.
Dieser kam und erklärte den Zustand des Mädchens für den Anfang einer Krankheit, vor deren ernstlichem Ausbruch sie vielleicht noch bewahrt werden könnte. -- In Befolgung dessen, was er vorschrieb, und im strengster Diät verging eine Reihe von Tagen. Zuletzt siegte die gute Natur des Dorfkindes, das Fieber wich, ihr Blut wurde ruhiger, ihr Appetit regte sich wieder, sie erholte sich und hatte das Gefühl der Genesung, jenes leichte, süße Gefühl, um dessentwillen es wohl der Mühe werth erscheint, eine Krankheit ausgehalten zu haben. In der Genesung ist von dem Zustande des Leidens nichts mehr übrig, als eine körperliche Schwäche, in der ein innerliches Leben um so reicher sich entfalten kann, eine Schwäche, die alle Gefühle mildert und uns die ganze Welt in sanftem Licht erscheinen läßt. Und zu dieser Poesie der Krankheit gesellt sich eine stille Lust des Aufstrebens und Fortschreitens zu neuem Wohlsein und Glück, das ahnungsreich vor der Seele webt. Der Genesende kann nicht verzweifeln. Auch nach dem größten Verlust muß er wieder hoffen auf eine Entschädigung, sei es auch nur die Kraft, den Verlust ohne Schmerz ertragen zu können.
Während Christine sich leiblich erholte, genas sie auch geistig. In ihrem stillen, helleren Seelenzustande sah sie zurück auf ihre Erlebnisse und dachte jenes Moments wieder, wo sie in ihrem Unglück eine gerechte Strafe erkannt und es in diesem Sinn willkommen geheißen hatte. Und es fiel ihr ein, daß sie später doch wieder verzweifelt war, als sie sich vorstellte, wie sie verachtet und verlassen zur Mutter heimkehren -- das heißt doch eigentlich: die heilvolle Strafe zu Ende dulden sollte. -- Sie lächelte ernst über sich selbst und sagte: »Ich hab's wieder vergessen gehabt! -- Das geht nicht auf einmal, wie's scheint!« -- Nun faßte sie aber in Wiederholung jener Anschauung den Entschluß, alles zu dulden, was an Schmach und Beschimpfung über sie verhängt sein sollte. Und nun konnte sie hoffen zu triumphiren, denn zu ihrer Erhebung und Selbstüberwindung half ihr die Natur.
In ihrer Leidenszeit hatte sie die sorgsamste, wir können sagen liebevollste Pflege erfahren, und diese setzte sich während ihrer Genesung fort. Die Base und der Vetter thaten alles, was in ihren Kräften stand. Susanne war wie verwandelt, ganz Aufmerksamkeit und Güte für sie, und nichts schien sie mehr zu beglücken, als wenn ihr Christine freundlich die Hand gab und sie dabei mit erkenntlichem Blick ansah. Auch Mamsell Adelheid kam täglich, sich zu erkundigen und sie zu trösten. Die Vornehmheit der Lehrerin war verschwunden und hatte ganz einer würdigen, mütterlichen Theilnahme Platz gemacht. Auf Christine in ihrer jetzigen Weichheit machte das alles einen rührenden Eindruck. Mit Thränen im Auge sagte sie sich: »Die Menschen sind doch viel besser, als man denkt! Man sollte eigentlich niemand für schlecht ausgeben, sondern warten, bis er wieder gut wird.« Sie dachte daran, daß auch die Leute in ihrem Dorf nicht so schlimm sein würden, als sie sich zuerst vorgestellt, und der Gedanke der Heimkehr verlor auch aus diesem Grunde mehr von seinem Peinlichen und Schreckhaften.
Wenn sich übrigens Mamsell Adelheid in der That über Erwarten theilnahmvoll gegen ihre Schülerin erzeigte, so war sie damit noch nicht ein Muster von Zartheit geworden, und dem Drange, Gericht zu halten über irgend jemand, konnte sie nicht unbedingt widerstehen. -- Eines Vormittags kam sie mit hastigeren Schritten als gewöhnlich in die Stube, wo sich die Reconvalescentin befand, und man sah gleich, daß sie etwas Wichtiges auf dem Herzen hatte. Sie zögerte nicht, es los zu werden, und rief nach ihrem Gruße der anwesenden Frau Kahl zu: »Nun, liebe Frau Base, haben Sie's auch schon gehört? -- Ich habe manches erlebt in der Welt, aber das geht doch über alle Begriffe! So schnell -- und in dieser Zeit! Nein, für so schlecht hätt' ich diesen Menschen doch nicht gehalten!« -- »Was gibt's denn?« fragten Christine und die Base zu gleicher Zeit. Adelheid sah theilnehmend auf das Mädchen und sagte: »Sei froh, Christine, und wünsche dir Glück, daß du ihn nicht bekommen, daß du ihn noch zu rechter Zeit kennen gelernt hast! Besser vor der Hochzeit als nachher!« -- »Ah so,« erwiederte das Mädchen, indem eine leichte Röthe über ihr blasses Gesicht flog; »nun kann ich's errathen! Er hat sich mit ihr versprochen?« -- »Das hat er gethan, gute Christine, und zwar an demselben Tag, wo du im ärgsten Fieber lagst.« -- Frau Kahl sah die Mamsell vorwurfsvoll an und rief: »Das hättest du nicht sagen sollen! Wenn sie nun wieder schlimmer wird?« Aber Christine hatte sich von dem Canapee, worauf sie gesessen, rasch erhoben und rief: »Nein, das macht mich gerade gesund!« -- Sie sah in der That genesen aus und athmete leicht, als ob sie von einer großen Last befreit worden wäre.
Und das war sie. Die Meldung hatte sie befreit von der letzten Ungewißheit in Bezug auf den Lehrer, von dem letzten Grunde, sich selbst mit der Vorstellung einer übereilten Handlung zu quälen. Was sie gedacht hatte, war nun bewiesen. Wenn er nur von ihr weggehen und mit jener sich versprechen konnte, dann hatte er schon lange keine Liebe mehr zu ihr, sondern zu jener; dann war er mit der Absicht zu ihr gekommen, Händel zu suchen, um sie los zu werden; dann hatte sie ganz recht gehandelt und das beste Gewissen. Nun war sie frei von ihm ganz und gar; sie war frei von Achtung und Liebe zu ihm, sie war frei von Haß gegen ihn und von Eifersucht gegen sie. -- »Mag er glücklich sein! mögen sie glücklich sein alle beide!« das waren ihre Gedanken. -- Wen man nicht achtet, den kann man nicht hassen und nicht beneiden. Man fühlt ihn unter sich und machtlos und dürftig bei allem äußern Glück.
Christine erklärte sich für gesund. Der Arzt, der bald darauf im's Zimmer trat, bestätigte dieß und erlaubte ihr, an einem der nächsten Tage nach Hause zu reisen.
In einer Stimmung, die ihr selber auffiel, mit einer Ruhe, die nur selten durch lebhaftere Empfindungen unterbrochen wurde, machte sich Christine zur Heimkehr bereit. Sie schloß mit ihrem Stadtleben ab und hatte das Gefühl eines Wanderers, der sich nach langem Irrgehen wieder zurecht findet. Er hat Zeit und Mühe verloren, er wird zu spät kommen, aber er ist doch wieder auf dem rechten Weg.
Nun war die Zeit gekommen, den Brief an ihre Mutter abzufassen. Sie meldete kurz, was in den letzten Wochen geschehen war, fügte aber dann Alles hinzu, was sie für die Mutter Tröstliches zu sagen wußte. Sie hob hervor, daß sie für die Stadt nicht passe, daß sie mit Forstner nie glücklich geworden wäre und dem Himmel danken müsse, noch zu rechter Zeit seinen Charakter kennen gelernt zu haben. Sie unterstrich die Nachricht, daß sie ~ihm~ aufgesagt habe, und daß sie ihn nicht mehr gemocht hätte, wenn er auch wiedergekommen wäre. Jetzt sei er mit seiner Wilhelmine versprochen, und das sei gut, denn die beiden taugten für einander und wären einander werth. Sie selber habe ihren Entschluß gefaßt, sie wolle nach Hause gehen und mit der Mutter überlegen, was zu thun sei. Glücklich wolle sie nicht mehr werden, aber verzagen wolle sie deßwegen auch nicht. Sie wolle schaffen und arbeiten, wie sie's gelernt habe, sie wolle ihre Schuldigkeit thun und als ein rechtschaffenes Mädchen leben und sterben.
Vorsichtshalber trug sie den Brief selber auf die Post. Durch die Aufschrift hatte sie dafür gesorgt, daß er sicher einen halben Tag vor ihrer Ankunft in die Hände der Mutter gelangte.
Als sie am zweiten Morgen nach ihrer Wiederherstellung aufgestanden war, ging sie im Unterkleid zu der alten Commode, zog das oberste Fach heraus und lächelte, mit einer seltsamen Mischung von Freud und Leid. Die Bauernkleider, in denen sie hergekommen war, lagen darin. Sie nahm ein Stück nach dem andern heraus, betrachtete sie, als sie auf dem Tisch ausgebreitet waren, mit einer Art von Feierlichkeit, und kleidete sich damit an. Als sie fertig war und in den Spiegel sah, schüttelte sie erst den Kopf, dann hing sie mit zufriedenen Blicken an dem Bild. Die Kleider waren ihr zu weit geworden und kamen ihr so im ersten Moment doppelt ungewohnt vor. Aber es waren doch die Kleider, in denen sie schöne Tage gesehen hatte -- jetzt das Wahrzeichen einer verständigen Umkehr und eines neuen Lebens.
Groß war die Verwunderung, als sie in diesem Anzug, allen unerwartet, in die untere Stube trat. Und sie minderte sich nicht, als die kaum Genesene der Base erklärte, da das Wetter so gut sei, wolle sie nicht nach Hause fahren, sondern gehen. An ihrer Krankheit sei Schuld gewesen, daß sie sich zu wenig Bewegung gemacht habe; das Gehen würde ihr gesund sein und sie würde sich's jetzt um keinen Preis abkaufen lassen. Alle Einreden der Sorglichkeit waren umsonst, und man fügte sich endlich in ihren wiederholt erklärten Willen.
Nach dem Frühstück nahm sie die Base mit auf ihre Stube, wo ihre Stadtkleider in drei verschiedenen Partien auf dem Canapee lagen. Sie bat ihre Verwandte, die erste mit den werthvollsten Stücken zum Andenken von ihr anzunehmen und die beiden andern der Mamsell Adelheid und der Susanne zu übergeben. Das Sträuben der guten Frau wurde überwunden und die Einwilligung erzwungen. Die Geschenke, die sie von Forstner erhalten hatte, lagen auf einem Ecktisch. Sie nahm der Base das Versprechen ab, ihm alle zusammen heute noch in's Haus zu schicken. Wenn er dafür die ihrigen zurücksende, so bäte sie den Herrn Vetter, sie zu behalten. Sie würde kein Fäserchen von diesem Manne bei sich dulden können. -- Die Kiste, in der sie ihre Habseligkeiten vom Dorf mitgebracht hatte, stand bepackt in einer Ecke. Man sollte sie dem Fuhrmann übergeben, der am folgenden Tage die Stadt passirte. Es blieb nichts mehr übrig, als von der letzten Geldsendung der Mutter die kleine Schlußrechnung der Base zu bezahlen. Dieß geschah, und das Landmädchen war fertig mit der Stadt.
Es war nach neun Uhr, als sie der kleinen Zahl ihrer städtischen Bekannten Lebewohl sagte. Die gute Frau Kahl und Susanne weinten, der Vetter hatte feuchte Augen und Mamsell Adelheid widerstand mit Mühe dem Drang ihres Gefühls. Christine war über diese Zeichen wahrer Theilnahme zu erfreut, um gleich den andern weich werden zu können. Sie gab allen die Hand, sah mit glänzenden Blicken der Liebe und des Dankes auf sie, und jetzt endlich standen Thränen auch in ihren Augen. -- »Lebwohl, lebwohl, du gutes, liebes Kind!« rief die Base, indem sie ihre Hand zärtlich gefaßt hielt. »Du hast hier keine guten Tage gehabt, du hast viel gelitten; aber dir wird's auch noch gut gehen!« -- »Mir wird's gehen, wie ich's verdiene,« erwiederte Christine, »und anders verlang' ich's nicht!«
Wenige Minuten später, und sie ging allein, wie sie sich's erbeten hatte, durch die Hauptstraße der Stadt. Ein paar Vorübergehende kannten sie, starrten sie an und sahen ihr kopfschüttelnd nach. Christine that, als ob sie nichts gemerkt hätte, und ging ruhigen Schrittes weiter; aber doch war sie froh, als sie die Stadt endlich hinter sich hatte.
Es war in der zweiten Hälfte des März und der Tag wie zu einer Fußwanderung geschaffen, Frühlingsanfang, nicht nur dem Kalender nach, sondern in der That. Der Winter hatte schon seit einigen Tagen weichen müssen, der Lenz hatte das Feld behauptet, und schmetternde Lerchen verkündeten seinen Sieg dem Himmel und der Erde. Die Luft war milde, die Sonne von leichten Wolken umzogen, so daß ihr Schein durchdringen konnte, wenn auch nicht ihr Bild, und der Weg trocken, hie und da noch gefeuchtet und weich, dort schon bedeckt von Märzenstaub. Und Gras und Laub, welche dieser bringen soll, waren reichlich verheißen in dem frischeren Grün der Wiesen, in den Knospen der Bäume und Gesträuche.
Christine wanderte still weiter, die Straße weiter, auf welcher sie hergefahren war und die sie nun zum erstenmal wieder sah. Ihr Mund sog die lau frische Gottesluft ein, ihre Augen schweiften umher auf dem Feld und den Waldstücken, die in der Landschaft hervortraten, und ihr Gesicht ward heller und freundlicher bei diesem Anblick. Bald fühlte sie sich wieder hineingezogen in ihr Inneres, sie überließ sich den Gedanken ihrer Seele und ging dahin, wie eine, die im Traume wandelt.
Ein Rieser Bauernmädchen ist im benachbarten Frankenlande nichts Seltenes und kann schon darum nicht bemerkenswerth erscheinen, weil ihre Tracht von der dortigen ländlichen nur wenig unterschieden ist. Aber Christine hatte in ihrem Wesen etwas, das auffallen mußte und wirklich auffiel. Die Landleute, die ihr begegneten, der Steinklopfer am Wege sahen sie an und grüßten sie theilnehmend. Als einer sie nach erhaltenem Dank fragte: »Wohin denn noch heute?« und mit sanfter Stimme die Antwort erhielt: »In's Ries,« da betrachtete er sie noch einmal genau, bevor er weiter ging, schien aber doch nicht mit sich einig werden zu können, was er aus ihr machen solle.
In Folge des Lebens in der Stadt und der Leiden, die sie darin ausgehalten hatte, war die Gestalt des Landmädchens um vieles schlanker geworden; die Fülle des Gesichts war geschwunden, die Farbe, die ihr auf dem Dorf ein so frisches Aussehen gegeben hatte, war gewichen und die jetzige Blässe nur von einem bräunlichen Hauch und in Folge des Gehens von einer leichten, flüchtigen Röthe bedeckt. Da sie den gestreiften »Kittel« (das Gewand des Oberkörpers) offenbar nicht mehr ausfüllte, so sagte sich jeder, daß sie krank gewesen sein und viel ausgestanden haben müsse. Aber das war es nicht allein, was auffiel. Ihr bleiches Gesicht hatte einen Glanz, aus ihren feuchten Augen, wenn sie damit aufsah, ging ein Blick, und der ganze Kopf hatte ein Gepräge und einen Ausdruck, daß jeder augenblicklich sah, nicht nur daß es ein schönes Mädchen sei, sondern auch daß es mit ihr eine ganz besondere Bewandtniß haben müsse.
Es war die Erfahrung ihres Geistes, welche dem Gesicht diesen Ausdruck lieh, es waren die Empfindungen und Bilder ihrer Seele, die es verklärten. Die Erdenschwere des Leides war ihr abgenommen, aber sein Schein und sein Duft waren geblieben. Die Freude des Lebens, ja die Hoffnung auf sie waren geflohen, aber ein stiller Friede, gegründet auf das Bewußtsein, endlich recht und gut gehandelt zu haben, waren eingezogen in sie. Eine Wehmuth erfüllte sie, die etwas Süßes hatte, weil sie durchdrungen war von holdem Licht und getragen von einem erstarkten Geist. Alles das weckte und nährte das Spiel der Phantasie, eine Träumerei, welche das Mädchen weiter und weiter zog und neue, wunderbare Welten ihrem Blick öffnete. -- Die Poesie der Lieder, die sie in schönen Tagen auf dem Dorfe gelernt und gesungen hatte, lebte wieder in ihr auf. Traurige und fröhliche summten durch einander in ihr und feuchteten bald ihre Augen und regten zarte, süße Schauer in ihr an. Sie hörte die Melodien ordentlich in ihrer Seele, und Stimmen in der Luft, nahe und ferne, schienen in sie einzuklingen. -- Die gute Christine! Jetzt war sie fein, und ihr Gesicht war geistig und ihr ganzes Wesen von einem Reiz übergossen, daß es auch der eitle Pedant in der Stadt hätte anerkennen müssen. -- Zu spät! -- Aber zu ihrem großen Glück! -- Jener hätte sie nicht verdient, auch wenn es ihm möglich gewesen wäre, sein Versprechen zu halten und seine Treue zu bewahren.
Wir haben damit erklärt, was die Vorübergehenden Absonderliches an Christine wahrnahmen. Hübsche Mädchen in Rieser Tracht kann man viele sehen, wenn man durch die gesegnete Ebene wandert -- und Glück hat. Aber Bilder, wie Christine in ihrer jetzigen Seelenstimmung eines darbot, wird man unter allen Umständen nur selten bemerken können.
In der Einsamkeit eines Waldthals nahmen die Gedanken der Fußgängerin eine bestimmte Richtung. Ein Verhältniß, wie sie es mit Forstner gehabt, läßt sich nicht abthun und vergessen; die Seele wird eine Zeitlang immer wieder zurückschauen und sich den Verlauf und den Ausgang zu erklären suchen. -- Christine ließ das Handeln Forstners wieder an ihrem Geist vorüberziehen. Wie billig sie war und wie viel sie sich selber zur Last legen mochte, nahm sie alles zusammen und hatte sie ihn in den hauptsächlichsten Momenten vor Augen, so konnte sie sein Benehmen zwar begreiflich finden, aber auch nicht der leiseste Hauch von Achtung dieses Mannes war ihr möglich. Im Besitz dessen, was Natur und Geschick ihr an Einsicht verliehen hatten, kam ihr die ängstliche Sorge und die Wichtigkeit, womit er ihr den Flitterkram seiner Bildung aufdrängen wollte, über alle Maßen kleinlich vor; und daß er diesen als die Hauptsache ansah, für die wirkliche Hauptsache dagegen, welche sie jetzt auf's allerklarste anschaute, keine Augen und kein Gemüth hatte, das erfüllte ihre Seele mit einer Geringschätzung, in welcher sie ihn zu einem Nichts hinschwinden sah.
Es war unvermeidlich, hier nicht an das Benehmen des Vetters Hans zu denken. Obwohl sie eine Scheu davor empfand, so konnte sie dem Reiz doch nicht widerstehen, sich zu vergegenwärtigen, wie sich dieser von der ersten Zeit an gegen sie betragen hatte. Seine treue Liebe, die sich erst so bescheiden verbergen wollte und sich doch verrieth; seine Freude an ihr und das Vergnügen, das aus ihm leuchtete, wenn er sie bei der Arbeit loben konnte und sie dabei ansah; die stete Sorge für sie und ihre Mutter, der Eifer für ihr Wohlergehen und ihre Ehre; seine Großmuth, als er erfahren hatte, was ihn auf's tiefste schmerzen, auf's bitterste kränken mußte; der Stolz, der sich vor den Leuten nichts anmerken ließ und alles vergessen zu haben schien; die unendliche Gutmüthigkeit, womit er sie später als Verwandte und Jugendfreundin behandelte, als ob sie ihn nie beleidigt hätte -- alles das stellte sich vor ihre Seele und verband sich zu einem einzigen Bilde. Die ganze Schönheit eines von Gott und Natur mit gleicher Liebe beschenkten Gemüths glänzte vor ihr und sie war jetzt in der rechten Stimmung, sie zu erkennen und nach ihrem Werth zu schätzen. Thränen stürzten aus ihren Augen, die nur der edlen Seele galten. Sie fühlte die Liebe und Treue eines solchen Mannes als das Liebste und Holdeste, was es geben könne auf der Erde; in ihrem Herzen gährte und bebte es und eine Glut entzündete sich und loderte empor und übergoß ihr bleiches Gesicht urplötzlich mit brennender Röthe.
Es war geschehen. Sie hatte ein Gefühl, als ob nichts wahr gewesen wäre in ihrem ganzen Leben, als diese Liebe zu dem besten Menschen auf der Welt. Alles, was ihr an andern schön vorgekommen war und reizend und vornehm, erschien ihr jetzt wie gar nichts, wie Rauch, den ein Windhauch verjagte. Sie begriff nicht, wie man sich davon blenden lassen, wie man daran sein Herz hängen, wie man darauf bauen und vertrauen könne.
Und sie hatte sich zweimal davon blenden lassen! Sie war von dem, der allein aller Lieb' und Treue werth gewesen, zweimal abgefallen! -- Das Gesicht, auf welchem sich die Blässe wieder gelagert hatte, wurde auf's neue überströmt -- von der Röthe der Scham; und diese blieb länger auf ihm als die Farbe der Liebe und des Entzückens. -- »Du hast keine Augen gehabt,« rief sie sich strafend und leidvoll zu, »du hast nichts gesehen -- du Blinde, Dumme, Sinnlose!« -- Sie fühlte ihre ganze Unwürdigkeit dem braven, uneigennützigen, unendlich liebevollen Manne gegenüber. Das Licht der Erkenntniß, das ihr zuerst in schwachem, vorübergehendem Aufzucken, dann im klaren, hellen Scheine zu Theil geworden war -- jetzt flammte es vor ihr empor und leuchtete und brannte vor ihr und faßte und durchloderte sie, und drohte sie zu verzehren. -- Das war das Maß, mit dem ihr gemessen werden sollte -- das volle, gerüttelte und geschüttelte, überfließende Maß.
In der Qual dieser Flamme gab es nur Eine Rettung für Christine, und sie griff darnach. »Er soll's nie, nie erfahren, wie es mir zu Muth ist! Kein Sterbenswörtchen soll er von mir hören, aus keiner Miene, keinem Zuck soll er's errathen können! Im Herzen will ich ihn tragen Tag und Nacht -- todtschlagen will ich mich lassen für ihn, wenn's sein muß -- aber sterben will ich, ohne daß er weiß, wie ich gesinnt gewesen bin!« -- Nun brachen wieder Thränen aus ihren Augen und rollten die Wangen hinab; aber es waren lindernde Thränen. Sie und das Gelübde, das sie gethan, halfen zusammen, der Tieferregten nach und nach die Ruhe wieder in's Herz zu flößen, in der sie still ergeben, aber zugleich mit einem gewissen Stolz der Entsagung fortwanderte.
Endlich fühlte sie sich müde und erschöpft, und im nächsten Dorfe ging sie in das Wirthshaus, das an der Straße lag. Sie nahm ein einfaches Mahl zu sich, ruhte aus und erholte sich. Als sie nach der Zeche fragte, sah die schon ziemlich bejahrte, stattliche Wirthin sie prüfend an. »Du bist wohl im Dienst gewesen und krank geworden?« fragte sie theilnehmend. -- Christine richtete merklich verletzt den Kopf auf und erwiederte: »Krank gewesen bin ich, aber im Dienst nicht.« -- Der theilnehmende Blick der Wirthin verwandelte sich in einen spöttischen. »Ah,« sagte sie, »da bitt' ich um Verzeihung, daß ich der Jungfer Unrecht gethan hab'!« Sie überlegte ein wenig, nannte die Summe, erhielt das Geld, bedankte sich und ging hinaus. Die Zeche war ziemlich groß, und Christine fühlte, was sie gethan hatte. »Du bist wieder dumm und am unrechten Ort empfindlich gewesen,« dachte sie. »Die Frau ist gut und wollte dir eine kleine Zeche machen, und du bist ihr lächerlich vorgekommen mit deinem Stolz, und sie hat Recht gehabt, dir eine Lehre zu geben. Im Dienst! 'S wär besser, du wärst im Dienst gewesen und könntest jetzt nach Hause gehen --« -- Ihr Geist verlor sich in Gedanken, dann erhellten sich plötzlich ihre Züge; mit einem Aussehen, als ob sie einen Vorsatz gefaßt hätte, erhob sie sich und verließ die Stube. Im »Haustennen« stand die Wirthin. »Geht's schon weiter, Jungfer?« war die noch immer spöttische Frage. »Ja,« erwiederte Christine. »Lebt wohl, Frau Wirthin, und haltet mich nicht für einfältiger als ich bin!« Das behaglich breite Gesicht lächelte und der Spott darin erhielt einen Zusatz von Wohlwollen. »O bewahre!« rief sie, »ich seh' schon, wen ich vor mir hab'. Glück auf den Weg!«
Es war nothwendig, daß Christine sich gestärkt und erholt hatte -- sie kam dem Ries näher und näher. -- Eine Stunde darauf und sie war eingetreten in seinen Kreis und ihr Herz klopfte, ihr Kopf schwindelte. Sie sah, was ihr bekannt war von Jugend auf, aber das Bekannte erschien ihr wie ein Mährchen. Dort rechts der Felsen von Wallerstein im Kranze von Häusern und Bäumen, geradeaus der graue Thurm von Nördlingen, und jetzt in dem Schein der Sonne, die vorübergehend aus den Wolken trat -- ihr Geburtsort. -- War es nicht ein Traumgesicht? Waren die Bilder, die vor ihren Augen flimmerten, nicht aus Luft gewoben und hergezaubert, um auf einmal wieder zu verschwinden? -- Nein, sie standen fest und blieben stehen und traten immer größer und deutlicher hervor. Sie hatten gezittert und gegaukelt vor ihr, weil ihren eigenen Kopf eine Art von Trunkenheit ergriffen hatte, und in der Schwärmerei des Staunens hatte das Altgewohnteste den Charakter des Wunders angenommen.
Sich endlich besinnend und fassend, ging sie weiter und weiter, ihrem Dorfe zu. Sie freute sich an der Heimath, an den Leuten, die ihr begegneten, an den Arbeitern auf dem Felde, die sie von weitem sah, und an der schönen und traulichen Rieser Tracht; aber sie fürchtete sich, daß irgend Jemand sie erkennen und bei ihrem Namen rufen möchte. Unangefochten langte sie indeß an der Feldung ihres Geburtsortes an. Sie schlug einen Fußweg ein. Je näher sie dem Ziele kam, desto mehr entsank ihr der Muth. Sie konnte nicht anders -- sie mußte sich wieder vorstellen, was die Leute von ihr denken, was sie sagen und ihr nachsagen würden. Alle Schmach, als eine Verstoßene, der Verläumdung Preisgegebene heimzukehren, stieg wieder vor ihrer Seele auf. Da fiel ihr aber auch wieder ein, daß sie Leid und Beschwer ja gewünscht und gut gefunden hatte. Sie lächelte mitleidig über sich selber und ging mit neuer Entschlossenheit vorwärts.
Die Sonne war hinter dichtere Wolken getreten; es war trübe und kühler geworden und die laublosen Gärten des Dorfes sahen nicht gerade erfreulich aus. Als sie eine Hecke entlang ging, um auf die Südseite zu kommen, wo ihr Haus stand, bemerkte sie in einem Garten eine Jugendfreundin, die ein Beet umhackte. Die Tritte der Vorübergehenden vernehmend, schaute diese auf und Christine erwartete einen Zuruf; aber er blieb aus. »Sie kennt mich nicht mehr,« dachte das Mädchen. »Nun, das ist ja natürlich!«
An der kleinen Thüre, die von ihrem Garten auf den Fußweg hinaus führte, stand die Mutter. Sie hatte sich, von ihren eigenen Gefühlen einen Schluß ziehend, eben hier aufgestellt, um die Tochter zu erwarten. Christine ging rascher und gab ihr mit leis gesprochenem Gruße die Hand. Die Wittwe sah kummervoll und blaß aus, aber ihr Gesicht war nicht ohne eine Art von Würde. »O Christine!« rief sie mit gedämpfter Stimme -- weiter nichts. Man konnte sie sehen und hören vom Haus oder Garten des Nachbars, und niemand sollte wahrnehmen, wie's ihr um's Herz war. -- Sie führte die Tochter an der Hand durch den Garten in den kleinen Hofraum. Hier stand Hans. Er sah Christine an mit einem Gesicht, in welchem das Mitleid hinter tiefem Ernst verborgen war, und sagte ruhig: »Guten Abend, Christine!« Sie dankte, ohne ihn anzusehen, und ging mit der Mutter in's Haus.
Als sie allein waren, öffnete die Mutter ihr Herz und ließ den Klagen, die sie bis jetzt zurückgepreßt hatte, freien Lauf. »Wer hätte das gedacht!« rief sie mit tiefer Betrübniß. »Wer hätte das diesem Menschen zugetraut! -- Ich hab' gemeint, ich müss' umsinken vor Schrecken, wie ich deinen Brief gelesen hab'. Nicht glauben hab' ich wollen, was du geschrieben hast! Aber jetzt, wenn ich dich ansehe, muß ich freilich alles glauben! -- Du armes Mädchen,« setzte sie hinzu, indem sie die Tochter in zärtlichem Mitleid bei den Händen faßte, »so elend, so verfallen! -- Das ist nun das Glück, das du gemacht hast! Das ist die Freude, die ich an meinem einzigen Kind erlebt hab'!« -- Ihre Thränen flossen, das Schluchzen ließ sie nicht weiter reden. Christine tröstete sie und sagte: »Sei ruhig, Mutter! Laß dir's nicht so zu Herzen gehen! -- Ich bin gesund und werde bald wieder aussehen wie sonst.« -- »Ja,« entgegnete die Wittwe, »dein elendes Aussehen wird vergehen auf dem Land, aber die Schande wird dir bleiben. Was wird man von dir jetzt alles sagen im Dorf! Was werden wir uns gefallen lassen müssen! Das Unglück, das einem widerfährt, ist ja den Leuten nie groß genug, sie müssen's noch größer machen. Und wir, denen ohnehin so manches Feind ist im Dorf -- was werden erst wir hören müssen! Ich trau' mir gar nimmer unter die Leute -- ich schäme mich zu Tod!«
Als die Tochter die von ihr überwundene Furcht an der Mutter sah, kam sie ihr in keiner Art würdig vor, und sie erwiederte mit Ernst: »Was die Leute sagen, liebe Mutter, ist mir einerlei, und dir kann's auch so sein. Eine Zeitlang wird man schmähen, dann kommt wieder etwas anderes auf, und wir sind vergessen. Und wenn man auch spottet über uns und uns ausrichtet -- haben wir's nicht verdient? Ist uns mit unserm Hochhinauswollen nicht Recht geschehen? -- Von ~der~ Seite muß man die Sache auch betrachten. So oder so ist das Gerede der Leute gleichgültig. Wenn sie lügen über mich, so geht's mich nichts an, und wenn sie die Wahrheit sagen, muß ich's aushalten. Und am Ende -- wenn's mir hier wirklich zu arg würde, giebt's nicht noch einen Dienst anderwärts? Man kann sich immer helfen, wenn man noch zu was gut ist in der Welt, und alles ist noch lang nicht verloren.«
Diese gefaßte Sprache des Kindes that der Mutter wohl und flößte auch ihr wieder Trost und neuen Muth ein. Sie sah schweigend auf das blasse, aber feinere und vornehmere Gesicht und fühlte, daß ihre Tochter in der Stadt nicht nur verloren, sondern auch etwas gewonnen hatte. Ihre Mienen klärten sich auf und es war, als ob sie etwas auf der Zunge hätte. Sie schwieg aber. Sie hatte, wie es schien, nicht den Muth zu sagen, was sie dachte.
Als am andern Tag die große Neuigkeit in dem Dorf bekannt wurde, gab es freilich ein Geschrei, das dem, welches die Verlobung des Mädchens mit dem Lehrer hervorgerufen hatte, in keiner Weise nachstand. Im Gegentheil, die Ausrufungen waren jetzt noch leidenschaftlicher, das Gewunder größer und nachhaltiger, weil die Nachricht wirklich ganz unerwartet gekommen und wie ein Blitz aus wolkenlosem Himmel hernieder gefahren war. Welch ein Ohrenschmaus für die ehemaligen Mitbewerberinnen! Welch ein Triumph für diejenigen, die in ihrer sittlichen Entrüstung einen schlimmen Ausgang vorhergesagt hatten! -- Die Partie der Weiber und Mädchen hatte gesiegt; das Schicksal hatte ihnen Recht gegeben. Und nun ließen sie's die jungen Bursche, die ihnen früher widersprochen hatten, gehörig empfinden und kosteten den Ruhm bewährter Prophetengabe von Grund aus. »Hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht vorher gewußt? Du hast mit mir gestritten, aber nun siehst du, wer Recht gehabt hat. Mit Schand und Spott ist sie heimgekommen, die eitle Närrin! Und nun wird's aus sein mit ihrer Vornehmheit -- aus für alle Zeit!«
Die große Frage war nun: wie werden die Leute mit einander forthausen? Ist's denn möglich, daß sie beisammen bleiben? Und wenn sie's thun, was soll am Ende draus werden? -- In einer zahlreichen Bauernfamilie, wo dieser Punkt beim Abendessen erörtert wurde, meinte der Oberknecht: »Am End' nimmt sie der Hans doch noch zum Weib.« -- Da fuhr aber die älteste Tochter, die nicht zu den Schönsten gehörte und ihre Sechsundzwanzig hinter sich hatte, empört auf und rief: »Red nicht so dumm, alter »Gischpel«! Ein Mensch wie der Hans, der etwas hat und andere kriegen kann, wenn er will, der wird wohl eine nehmen, die ein halbes Jahr mit einem Schulmeister herumgefahren ist! Schäm dich! 'S ist sündlich, einem braven Burschen so was zuzutrauen!« -- »No, no,« versetzte der in der That schon etwas bejahrte Knecht phlegmatisch lächelnd, »man kann nicht alles so genau nehmen, und 's hat sich schon gar manches noch g'macht in der Welt.« -- »Und ich wett', was du willst,« erwiederte die erzürnte Person, »er nimmt sie nicht mehr!« -- »'S kann auch sein,« versetzte der Knecht. »Ich kenn' den Hans nicht so genau, daß ich weiß, was er in einem Jahr thun wird. Ich weiß nur, was ich thät' -- und ich thät' sie nehmen, wenn sie mich möcht'.« -- »Du!« entgegnete die Tochter des Hauses mit verächtlichem Blick, während die andern Ehehalten lachten und die Magd schließlich meinte: »Du wärst »net blöad« (blöde), Heiner! So eine könnt' dich aufrichten!«
Einige Tage später, und die Frage, die so viele Zungen in Bewegung gesetzt hatte, war entschieden. Man erfuhr, die Christine sei in *** (einem zwei Stunden entfernten, westlich gelegenen Dorfe) beim Holzbauern in Dienst gegangen. Damit erhielt das Gerede einen Kehraus, der den bisherigen Lärm würdig abschloß. »Die Lehrersbraut eine Bauernmagd! Und bei dem, wo's noch keine auf die Läng' hat aushalten können! -- bei dem gröbsten aller Menschen im ganzen Ries! Die hat's zu was gebracht, das muß man sagen! Die kann sich freuen!« -- Zur Ehre des Dorfs muß ich übrigens bemerken, daß auch gar mancher die Sache von einer andern Seite ansah. Als ein ehrenhafter alter Bauer davon hörte, sagte er zu seiner Ehehälfte: »Wenn das in ihrem Kopf gewachsen ist, dann fang' ich wieder an etwas zu halten von dem Mädchen.«
Allerdings war es in dem Kopf der Christine gewachsen, und zwar ging es so zu.
Am andern Tage nach der Heimkehr ihrer Tochter hatte die Glauning schon einen großen Theil ihrer Ruhe und Besonnenheit wieder erlangt. Gedrückt war sie noch immer und traurig ging sie im Hause umher; aber ihr Geist richtete sich allmählig auf und überlegte, wie sie das Unglück, das sie betroffen hatte, wieder gut machen könne. Leute wie sie überreden sich leicht, daß sich alles auf eben die Art wieder ausgleichen lasse, die ihnen erfreulich dünkt. Als sie nun ihre Tochter in der Stube und Küche wieder arbeiten sah wie ehedem, als sie den Vetter mit ihr umgehen sah, wie wenn nichts vorgefallen und sie höchstens von einem längeren Besuch zurückgekehrt wäre, da beurtheilte sie die beiden nach sich und glaubte, alles könnte noch recht werden. Als erfahrene Frau mußte sie am besten wissen, was man alles zu thun habe, um in dieser Welt etwas zu erreichen; als Mutter hatte sie die Pflicht, für ihre Tochter zu denken und zu sorgen. Die Scheu, die sie gestern noch gefühlt hatte, wich daher einer Entschließung.
Nachmittags fing sie gegen Christine auf's neue an zu klagen und ihre Bekümmerniß auszusprechen; es geschah dieß aber in einem Ton, daß die Tochter gleich fühlte, der eigentliche Schmerz sei schon vorüber und eine ernstliche Tröstung nicht mehr vonnöthen. Sie entgegnete mit Ruhe, daß diese Reden jetzt zu nichts mehr führen könnten. Man müsse das Geschehene geschehen sein lassen und nicht mehr daran denken, dann werde vielleicht alles wieder besser in's Gleiche kommen, als man glaube. »Da kannst du auch Recht haben,« erwiederte die Mutter begütigt. Und nach kurzem Schweigen fuhr sie fort: »Man glaubt oft, man müsse ein recht großes Glück machen und deßwegen ein kleineres, das einem entgegenkommt, verschmähen. Aber das große ist einem nicht bestimmt und bleibt aus; und wenn man das sieht und gescheidt ist, nimmt man das kleinere an und lebt auch zufrieden dabei.« -- Christine sah ihre Mutter befremdet an: diese glaubte, sie müsse sich deutlicher erklären, und sagte: »Du hast Recht, Christine, alles kann wieder in's Gleiche gebracht werden, und du hast's in deiner Hand. Mir kannst du wohl glauben, denn ich versteh' mich darauf -- der Hans hat dich noch immer gern! Er ist einer von den guten Menschen, die alles verzeihen und denen es nicht möglich ist, etwas nachzutragen. Wenn du dich wieder freundlich gegen ihn benehmen und ihm ein wenig schönthun wolltest, so bin ich überzeugt.« --
Das Gesicht des Mädchens hatte sich während dieser Rede, nach dem ersten deutlichen Wort, mit tiefer Röthe bedeckt; jetzt funkelten ihre Augen und mit erzürnter Heftigkeit rief sie: »Red' nicht weiter, Mutter! -- ich bitte dich! -- Wenn der Hans mich jetzt noch nähme, so wär' er ein Tropf -- der jämmerlichste Mensch, der auf Gottes Erdboden herumwandelt! Und wenn er's wäre und wenn er mich wollte, so möcht' ich ~ihn~ nicht, weil ich ihn verachten würde! Pfui! wie kannst du an so etwas denken und einem ehrlichen Mädchen solche Vorschläge machen!« -- Die Mutter war betroffen; sie faßte sich indeß wieder und sagte: »Nun, ich rathe dir nichts, als was gar manches Mädchen schon gethan hat, die jetzt als Frau hoch in Ehren steht. Du kennst die Welt nicht. Ich bin deine Mutter, ich muß für dich sorgen, ich muß dich wieder auf den rechten Weg weisen --« -- »Red nicht weiter,« rief Christine am ganzen Leibe zitternd, »oder es geschieht ein Unglück! -- Noch ein Wort davon -- und ich geh' fort und spring' in's Wasser!« -- Die Alte starrte sie an. »Um Gotteswillen,« rief sie, »thu nur nicht gleich so wild! Ich hab' nur gemeint --« -- »Du sollst nichts meinen, was eine Schande wäre für mich und für ihn. Glücklich sein muß man nicht in der Welt, aber seinen Charakter muß man behaupten und seine Ehre! Und das sag' ich dir jetzt: wenn du nochmal von dieser Sache anfängst, wenn du nur noch eine Sylbe davon sprichst, dann geh' ich aus deinem Haus und deiner Lebtag wirst du mich nicht wieder sehen!«
Die Alte schwieg, seufzte tief und verließ die Stube. In ihrer Herzensangst ging sie in den Stall und traf dort den Vetter, der eben vom Felde heimgekommen war. Sie sah ihn traurig an und schüttelte den Kopf. Hans fragte, was ihr wäre, und sie erwiederte: »Ich bin betrübt über meine Tochter. Nicht nur daß sie unglücklich heimgekommen ist -- sie ist auch bös heimgekommen. Wenn ich etwas sag' und ihr einen guten Rath geben will, fährt sie mich an wie rasend. Als ob ich eine Schlechtigkeit von ihr verlangte! Guter Gott, wer hätte das gedacht! Wer hätte geglaubt, daß ich noch so was erleben müßte!« Hans fragte, um was es sich denn eigentlich handle, und die Mutter, die ihr Herz erleichtern mußte, erzählte ihm den ganzen Auftritt mit Christine, indem sie nur in Bezug auf ihn die zu seiner Ehre nöthigen, schmeichelhaft klingenden Veränderungen anbrachte. Allein das fruchtete sehr wenig. Hans war bei ihrer Erzählung braunroth geworden und ein Blitz zuckte aus seinen Augen. Es kostete ihn Gewalt, den Zorn hinunterzudrücken, den er empfand; aber es gelang ihm und er entgegnete mit einer gewissen Ruhe: »Die Christine hat Recht gehabt. Mit uns beiden ist's aus. Je freundlicher sie gegen mich wäre, um so weniger möcht' ich sie, und Ihr würdet mich dann nicht lang mehr bei Euch sehen.« -- Die Mutter sah ihn tief betroffen an und rief: »Kann's denn wahr sein! ist wirklich alle Lieb' vergangen in dir?« -- »Alle,« erwiederte Hans mit Nachdruck. »Und ich muß Euch nur sagen, Base, auch mir wär's lieb, wenn Ihr davon nicht mehr reden wolltet.« -- »Ach,« rief die eben so von der Liebe des Hans wie von der Schönheit ihrer Tochter überzeugte Frau in ihrer Noth, »ich kann's nicht glauben, daß es dir ernst ist! Geh weiter! Mit der Zeit --« -- Aber nun sah Hans, dem die Stirnader schwoll, mit einem Gesicht auf sie, daß sie schleunig rief: »Sei ruhig, sei ruhig! ich will nichts mehr sagen!« -- Hans drehte ihr den Rücken zu und ging an eine Arbeit.
Nun war die Reihe zu verzweifeln auch an die Alte gekommen. Wenn die Sachen so standen, dann war alles verloren; die letzte Hoffnung war ihr geraubt und die Schande, die auf sie herabgefallen war, blieb auf ihr sitzen. Ein ehrbarer, vermöglicher Mann, das fühlte sie, meldete sich jetzt schwerlich mehr um ihre Tochter. Einen armen Teufel, einen Liederlichen konnte sie nicht brauchen, um so weniger, als ihr Vermögen im letzten Jahr ohnehin eine ziemlich bedeutende Einbuße erlitten hatte. Und wenn auch einer von der Mittelgattung kam, war zu glauben, daß die »bockbeinige« Christine ihn nehmen würde? -- Ihr ganzes Leben war verdorben, durch die Schlechtigkeit eines Menschen, dem sie getraut hatte. Sie konnte nichts dagegen thun, sie mußte ruhig dasitzen und alles über sich ergehen lassen, Schadenfreude, Spott und Verachtung. -- Als sie sich das recht deutlich machte, stand ihre Seele, die vor allem auf eitler Ehre Glanz gerichtet war, Folterqualen aus. Sie weinte und wehklagte und rief zu wiederholtenmalen: »Warum muß denn ~mir's~ grad so gehen? Warum muß denn ich grad so unglücklich sein?«
Auf diese Fragen gab es eine Antwort, und auch das in moralischen Dingen nichts weniger als fein empfindende Weib kam endlich auf ihre Spur. Nach einer Weile des Zurückdenkens in die Vergangenheit sagte sie sich: »Ja, ja! -- hätten wir nicht immer weiter getrachtet, wären wir beim Hans geblieben -- hätt' ich selber das Maul aufgethan damals, wie ich's hätte thun können und müssen, dann wär' alles anders jetzt. Wir wären geachtet, wohlhabend und glücklich alle mit einander.« Und nun, in Noth und in Schaden und in der Erkenntniß ihrer Mitwirkung dazu klopfte auch bei ihr das Gewissen an. Es ging ein Licht auf in ihrem Kopf und ein Feuer durch ihr Herz und sie rief: »Ich bin selber Schuld an meinem Jammer, ja ja, ich selber! -- ich hab's nicht anders haben wollen!« -- Sie stöhnte unter dem doppelten Druck des Unglücks und der eigenen Anklage, und nur in Thränen fand sie einige Erleichterung.
Christine ließ sie weinen. Sie verrichtete die Arbeiten des Tags und schien für nichts anderes mehr Sinn zu haben. Hie und da sah sie zu der Betrübten auf; aber ihr Gesicht verrieth eher Befriedigung als Bedauern. Es war, als ob sie sagen wollte: »Fühl' es nur! Das kann dir nur gut sein, wie es mir gut gewesen ist!«
Der Sonntag kam und brachte einen Besuch. Es war wieder eine Base (deren jede gestandene Person im Ries eine ungezählte Menge hat), zugleich mit der Glauning und mit Hans verwandt, eine Söldnersfrau aus dem Dorf des Holzbauern, die einem Hiesigen Zins bezahlt hatte. Nach geschehener Einweihung in das erlebte Unglück und der Empfangnahme von Worten des Bedauerns und Trostes kam die Rede auf die Angelegenheiten der Freundin, auf ihr Dorf und auf den genannten Bauern, der unter allen durch Reichthum, Verstand, Heftigkeit und Grobheit hervorragte. Frau Hubel (so hieß die Base) erzählte, daß dieser sonst so gescheidte Mann eben je älter, je ärger würde, daß er wieder eine Magd wegen einer kleinen Vergeßlichkeit ausgeschimpft habe »für's Vaterland,« daß die Magd ihm auch »ein rechtes Maul angehängt« habe und davon gelaufen sei. »Und nun,« setzte sie hinzu, »kann er sehen, wo er eine kriegt. Seit einem Jahr ist das die vierte, die er weggejagt hat, und schon ist eine Woche vorbei und noch immer hat er keine. Er kriegt auch keine, sag' ich, wenigstens keine ordentliche.« Christine, die der Erzählung aufmerksam zugehört hatte, erwiederte: »Doch, Base, er kriegt eine, und ich hoff' auch eine ordentliche.« -- »Wen denn aber?« fragte die Base verwundert. -- »Mich selber,« versetzte das Mädchen. »Ich will zu ihm gehen und mich anbieten, und ich hoff', er wird mich nicht wieder fortschicken. Gleich heute will ich mit Euch nach *** -- Ihr werdet so gut sein, mich über Nacht zu behalten.«
Man kann sich denken, welches Staunen diese Erklärung bei der Hubel, welchen Sturm sie bei der Mutter hervorrief. Aber alle Einwendungen und alle Vorstellungen, die man ihr machte, wurden beantwortet und blieben fruchtlos. Das Mädchen sagte zuletzt: »Auf so eine Gelegenheit hab' ich gepaßt, und wenn ich sie jetzt nicht benutzen wollte, wär's eine Sünde.«
In ihrer Aufregung suchte die Alte wieder den Hans auf, theilte ihm ihr Leid mit und rief: »Nun, was sagst du dazu? Was hältst du von diesem neuen Einfall?« -- Hans bemerkte ruhig: »Ich find' ihn ganz vernünftig. Wir haben hier nicht auf sie gerechnet und brauchen sie nicht. Da sie aber doch schwerlich mehr in die Stadt heirathet, so wird's gut sein für sie, wenn sie die Bauernarbeit wieder recht lernt; und beim Holzbauern ist sie in der besten Schule.« -- »Aber denk nur,« rief die Glauning, »dieser jähzornige Mensch, der nach niemand was fragt! Wenn er in seiner Wuth ist, wird er sie herstellen vor allen Leuten wie ein Bettelmädchen!« -- »Bah,« versetzte Hans, »so arg ist's nicht! Und am Ende,« setzte er lächelnd hinzu, »kann's ihr nicht schaden, wenn sie ein bischen unter die Fuchtel genommen wird.«
Frau Glauning schüttelte bedeutend den Kopf, kehrte seufzend zurück und hatte keine Widerrede mehr. Christine packte Wäsche und Kleider zusammen und verließ gegen Abend mit der Base das Haus.
Am andern Morgen ging sie in den großen, stattlichen Hof des Holzbauern. Sie traf diesen vor dem Haus und eröffnete ihm ihr Begehr. Der Bauer, hochgewachsen, breitschultrig, von rothbraunem Gesicht und mit dem Gebiß eines Wolfs, schien von ihrem Aussehen nicht sehr erbaut zu sein und fragte, wer sie wäre. Christine nannte ihren Namen und ihr Dorf. »So,« erwiederte er mit verdrießlicher Geringschätzung, »du bist die? Hab' vorgestern von der Geschichte gehört. -- Nun, und du glaubst, du könnt'st wieder eine Bauernmagd abgeben?« -- »Ich hoff's, Herr Bosch,« antwortete Christine dem Manne, der schon zweimal an der Spitze seiner Gemeinde gestanden hatte. -- »Verstehst du denn die Arbeiten noch?« -- »Was man von Jugend auf getrieben hat, verlernt man nicht in einem Winter.« -- »Kommt darauf an,« erwiederte der Bauer. Und ihre Hand fassend und betrachtend sagte er: »Das Händle da scheint mir die Arbeit schon recht verg'wöhnt zu haben.« Er drehte sie hin und her und schüttelte mürrisch den Kopf. Das Mädchen konnte nicht umhin zu lächeln. Ihre Hand, die man in der Stadt zu groß gefunden hatte, sollte nun wohl zu klein und zu fein sein. In der des Holzbauers war sie freilich klein; aber das war auch eine darnach, nicht sowohl eine Hand, als eine »Doap« erster Größe. -- Doch sie mußte antworten und sagte so ernsthaft als möglich: »Die Hand da wird so viel schaffen als eine andere, und bei Euch, glaub' ich, wird sie bald wieder gröber werden. Uebrigens will ich mich Euch nicht aufnöthigen. Wenn Ihr mich wollt, so versucht's mit mir; steh ich Euch nicht an, so sagt's, und ich geh meiner Wege.« -- Die entschlossene Sprache gefiel dem Holzbauern, der ohnehin nicht gemeint war, ein Mädchen, das er so nothwendig brauchte, wieder gehen zu lassen. »Der Teufel!« sagte er, »dein Maul geht ja wie ein Mühlrad. -- Nun, probiren will ich's mit dir. -- Viel trau ich dir nicht zu, das muß ich dir aufrichtig sagen; aber am End' -- No, so komm 'rein zur Bäuerin', da wollen wir den Handel richtig machen.«
Christine ging mit ihm in's Haus, bestand die Prüfung auch der würdigen Ehehälfte des Gewaltigen und war gedungen. Als sie, dem ersten Befehl gehorchend, die Stube verlassen hatte, sagte die Bäuerin: »Eigentlich ist das doch »a rechts Häa'le« (Hühnchen)! Ich glaub' nicht, daß wir die lang haben werden.« -- »Wenn's ihr nicht gefällt bei uns,« brummte der Bauer, »dann kann sie meinethalben wieder zum Teufel gehen!«