I.
Die jungen Bengel sangen im Kirchenchor.
Man konnte nur ihre Köpfe sehen, über der hohen Brüstung der Empore, dicke, kleine, runde Schädel, einer dicht neben dem anderen, braungelockt, schwarzgelockt, blondgelockt, rotwangig, pausbackig, aufgesperrte rote Mäuler, aus vollem Halse singend, jubelnd, schmetternd. Wie die himmlischen Heerscharen. Sängerknaben. So hat Luca della Robbia seine Singerlein geformt aus Lehm, in halb erhabener Arbeit, weißblau glasiert. -- Nein! So haben die frommen Bildschnitzer das Gotteshaus geschmückt, mit fleischfarbigen, pausbackigen, lockigen Engelsköpfen, die auf goldenen Flügeln über den Gesimsen und Pfeilern auftauchen, die roten Mündchen zum Singen aufgesperrt, oder das Fäustchen im behaglichen Hinlümmeln in das verschmierte Antlitz gestemmt, kleine, himmlische Flegel, in der Höhe ganz so anzusehen wie die plärrenden Sängerbuben auf der Empore, die aber nicht von Lehm und nicht von Holz sind, sondern richtig von Fleisch und Blut.
Die Orgel plaudert gemütlich mit, brummbärig, drohend, polternd, dann wieder begütigend, zuredend, ermahnend; der Blasebalg ächzt und stöhnt asthmatisch, der Organist arbeitet mit Händen und Füßen, zieht alle Register auf, und jetzt legt die Stimme mit Donnergewalt los aus hundert Pfeifen, daß die Grundfesten erzittern, wie wenn der Herr im Zorn spricht und Schweigen gebietet. Aber stärker noch als dieses Donnern war der helle Sopran der Knabenstimmen, der durchdringt und in die Höhe schmettert, wie Lerchenjubel, höher und höher in die Himmelsbläue des Weltdomes, bis zum hohen C hinauf, klar und rein, daß selbst die Orgel schmunzelnd aufhorcht und gutmütig leise brummt, indessen von den unendlichen Höhen ein eherner Hagel von Tönen niederprasselt, als wollte sich dort oben eine Brust zersingen.
Eine Stimme war es, nur eine, die diesen himmelblauen Lerchenstieg vermochte.
».... Den hat's der liebe Gott gelehrt!« schmunzelte vergnügt Ruczizka, der Dirigent und Lehrer im Konvikt der Sängerknaben. »Verflixter Bub, dieser Schubert Franzl!«
Der Schubert Franzl, das war der, der bis zum hohen C hinaufklettern konnte. Daran war er zunächst zu erkennen.
»Den kann ich nichts lehren, der hat's vom lieben Gott gelernt!« hatte Ruczizka schon einmal früher gesagt.
Das war damals, als der Herr Hofkapellmeister Salieri den Buben dabei erwischte, als er Noten hinkritzelte, wie sie ihm gerade in den Sinn kamen. Er war in dem kahlen Musikzimmer des Konvikts so in sein Sinnen und Kritzeln vertieft, daß er nicht merkte, wie der gewaltige Maestro hereinhuschte. Der war lautlos wie eine Katze, ein hurtiges, graues Männchen, das seine spitze Nase und seine flinken Äuglein überall hatte, wo es etwas zu erschleichen gab.
Schwupp! flog das Blatt in die Höhe und schwebte in den Händen des alten Meisters. Da war jetzt nichts zu machen.
»Sapristi! Wo hat Er das her? Selber gemacht?! Er, Er, Er -- alles aus diesem dummen, kleinen, dicken Bauernschädel? Malefizbub!«
Schamrot stand der Kleine da vor dem fuchtelnden Italiener.
»Hat Er noch andere Sachen? Wo, wo hat Er? Subito!«
»Verbrennt!« stieß der eingeschüchterte kleine Kerl halb trotzig, halb zaghaft hervor.
Darüber fing der Maestro zu strampeln an wie ein Polichinell.
»Verbrennt,« pfauchte er, »Er, Er, Er -- dummer Esel!«
Und warf wütend die Bücheln und Hefte auf dem Tisch durcheinander, unter denen beschriebene Notenblätter zum Vorschein kamen, die er hastig an sich riß.
»Ecco!« kreischte er auf. Und schon schmiß er die Blätter wütend wieder hin, krebsrot im Gesicht.
»Per bacco!« Sein Mund verzog sich, als wollte er ausspucken vor Ekel, er ballte die Fäuste und hielt sie bebend dem kleinen Franzl dicht unter die Nase, daß dem ganz himmelangst wurde.
»Was hat Er da gemacht?! Wer hat Ihm erlaubt ...?! Er -- Malefiz -- Malefiz --!«
Zur Entschuldigung wollte das Singerlein sagen, daß es der Übung wegen diese kleine Paraphrase auf eine Sonate Mozarts gemacht hat, aber kaum war der Name des Unsterblichen seinem Munde entschlüpft, da hätte er das Wort gerne wieder zurückgezogen, so fürchterlich war die Wirkung auf den giftigen Maestro.
Das Blatt schmiß er zur Erde, trampelte darauf herum, schrie und schimpfte auf Italienisch.
Der Kleine ahnte nicht, wie es in der Welt zuging. Er wußte nicht, daß Salieri alles haßte, was mit Mozart irgendwie zusammenhing; er wußte nicht, daß er als Opernkomponist und Hauptvertreter der italienischen Richtung ein geschworener Feind der deutschen Musik war und vermeinte, sie in Mozart aufs Haupt schlagen zu können; er wußte nicht, daß die Sage umging, Salieri hätte den Schöpfer des Don Juan vergiftet; er konnte darum auch nicht wissen, daß die Legende einen wahren Kern hatte, denn vergiftet hatte Salieri als rücksichtsloser Gegner alle geistigen Brunnen, alle Seelen, alle Meinungen, er und seine Partei, die dem Genius Kränkung auf Kränkung bereitete und seinen Tod beschleunigen half.
Nichts ahnte der Knabe, daß die Welt dem Auserwählten eine Märtyrerkrone bescherte. Er fühlte nur den schäumenden, perlenden Zaubertrank der Mozartschen Musik in seiner Seele und sah im Geiste den Genius als jungen Gott, vor dem sich die Menschheit in Ehrfurcht verneigt. So war es wohl gewesen auf Mozarts Reise nach Prag, aber nicht in Wien, wo er ein Verkaufter, Verratener, Verlassener, früh dahingerafft, ins Massengrab der Namenlosen sank. Das haben die Gegner getan. Und der Volksmund dichtete die Legende, Salieri habe ihn vergiftet .....
Und nun fügte es das Schicksal, daß derselbe Geist der Verneinung und der Selbstsucht ein junges Genie ans Licht zog, das sein Talent an jenem großen Licht entzündete, das er so beharrlich zu verdunkeln bemüht war.
»Ruczizka, Ruczizka!« gellte das giftige Männlein in die hallenden Gänge hinaus und schärfte dem dienstfertig Herbeigeeilten ein, indem er auf den wie ein armer Sünder dastehenden Franzl hinzeigte: »Fest in Corda nehmen! Kontrapunkt! Capisce?! Kontrapunkt?!«
Mit glühenden Äuglein, heiserer Stimme und geballten Fäusten gab er diese Weisung und verschwand.
War es Lohn oder Strafe? Das wußte der brave Franzl vorderhand selber nicht genau, man ist nicht wehleidig, als Zögling ist man es ja gewohnt, die Wohltaten wie eine Strafe zu empfangen, während die Strafen von den Erziehern mit einem Behagen verabreicht wurden, als wären sie Wohltaten.
Jetzt wußte der wackere Böhme Ruczizka, daß er ein Genie unter seinen Händen hatte. War ihm früher gar nicht aufgefallen, obzwar der Junge seit drei, vier Jahren schon unter seiner Aufsicht stand -- wieso denn auch? Ist nicht seine Sache. Als Drillmeister tut man seine Pflicht, daß bei den Messen in der Hofkapelle die Soli und Chorpartien richtig und geschmackvoll ausgeführt werden und der Herr Hofkapellmeister zufrieden ist. Teufel auch, man tut eben seine Pflicht! Man hat sich doch um sonst nichts zu kümmern! Man kann doch nicht in jeden Bengel hineinsehen! Ist doch einer so ein Schmierfink wie der andere! Man hat sich nie weiter gekümmert und ist doch so immer am besten gefahren. Als braver Böhm' und Prügelprofoß.
Also, Pflicht ist Pflicht -- man hat seine vorgeschriebenen Stunden -- wer mehr tut, ist ein Schuft. Und jetzt Kontrapunkt! Sakramentski, ceski heski Kupferstück! Da könnt' man doch gleich Junge kriegen -- eine stehende Redensart Ruczizkas. Also gut, Kontrapunkt! Na wart', Schlingel, wirst dran fressen müssen! Ceski heski -- -- -- --
Aber siehe da, alles geht überraschend leicht und schnell, und es kommt alsbald der Punkt, wo Ruczizka sich lächelnd eingesteht: Den kann ich nichts lehren, der hat's usw. ....
So ähnlich hatte ein anderer vor ihm gesagt. Das war Schuberts Bruder Ignaz, der auf Vaters Geheiß dem Franz den ersten Musikunterricht gab. Es hatte aber nicht lange gedauert, da meinte Franz, es ginge ohne Lehrer besser. So war es auch, denn Ignaz hatte gegeben, was er zu geben hatte, und mußte seinen brüderlichen Schüler als einen »übertreffenden und nicht mehr einzuholenden Meister« anerkennen. Als Knabe meisterte er schon die Violine, die Viola und die Orgel und machte sogar als Tonsetzer einige Gehversuche.
»Faules Zeug,« brummte Vater Schulmeister; »das sind so Flausen, die sich der Junge in den Kopf setzt, und die ihm beizeiten ausgetrieben werden müssen. Soll das eine oder andere Instrument spielen lernen, soweit man's als Schulgehilfe braucht, um auch Sonntags in der Kirche mitzuhelfen, nichts weiter! Soll aus dir ein Taugenichts werden, ein Hungerleider, ein Tagedieb -- ein herumstrolchender Musikant?! Da soll ich dir doch gleich eins mit dem spanischen Rohr --! Was mein Sohn ist, muß ein ehrlicher Mensch sein; der wird ein Schulmeister, wie sein Vater einer ist und wie seine Brüder werden. Also kein Wort mehr -- ich habe geredet!«
Bald darauf las der Vater in der amtlichen Wiener Zeitung des Jahres 1808, daß in der k. k. Hofkapelle einige Sängerknabenstellen neu zu besetzen wären. Die Bewerber mußten das zehnte Jahr vollendet haben und fähig sein, in die erste lateinische Klasse eintreten zu können. Sie verblieben Zöglinge des Konvikts und wären gleichzeitig Schüler des akademischen Gymnasiums, das mit dem Konvikt in Verbindung steht.
Dem Vater stieg sofort ein ganzer Seifensieder auf. Das wäre ein richtiger Lebensanfang für seinen Franzl! Singen kann er ja, Schulbildung hat er auch -- Sopranist in der Hofkapelle, warum denn nicht, wenn er dafür eine Freistelle im Konvikt hat und gratis das Gymnasium absolviert?! Für einen künftigen Schulmeister ein verheißungsvoller Beginn!
Also wanderten Vater und Sohn aus der Vorstadt Liechtental stadtwärts nach dem Konvikt am Universitätsplatz, wo die Aufnahmeprüfung stattfinden sollte. In seinen blauen Sonntagskleidern schritt Franzl neben dem Vater klein und stämmig einher. Ein frisch gebügeltes Hemd gab dem Tag festtägliche Weihe. Das hatte die Mutter bereitgelegt. O, die war gut! Schmuck sah er aus, der kleine Kerl, weiß und blau wie ein Firmling!
Aber der Herr Vater war kritisch. Gab unterwegs allerhand gute Lehren und Ermahnungen, wie man sich zu benehmen habe, was man tun und nicht tun dürfe, nicht auflümmeln, die Ellbogen nicht durchwetzen, nicht nasenbohren, nicht in den Ärmel schneuzen, die Schulbücher nicht verkritzeln und was ähnliche liebe Gewohnheiten der holdseligen Jugend sind.
Der brave Franzl hörte alles geduldig an und schwieg respektvoll. Der Vater wußte schon, daß sein Junge etwas verschlossen und einsilbig war, daß er Fremden gegenüber sich nur sehr schwer auftat und dadurch leicht unartig erscheint.
»Also nicht aufs Grüßen vergessen, immer ein freundliches Gesicht machen, zuvorkommend sein gegen deine Lehrer, verträglich und aufmerksam gegen deine Mitschüler. Was schaust denn schon wieder so finster drein?!«
»Aber Herr Vater, ich schau' ja eh net finster drein!«
Es war halt schon ein Unglück, daß die Menschen immer glauben, man schaut finster drein, wenn man inwendig freundlich und aufmerksam zuhorcht.
Der Vater riß dem Jungen den Hut vom Kopf, um ihm besser ins Gesicht zu sehen.
»Die Haar -- wie schaun denn deine Haar aus?!«
Die Haare waren ohnehin in Ordnung, die Mutter hatte sie gekämmt und gebürstet, mit Schweinefett eingeschmiert, daß sie strichweise glänzten -- aber sie waren kraus, etwas sehr kraus -- und ein bißchen lang, vielleicht schon ein bißchen zu lang; sie waren in den Nacken hinab gewachsen bis unter den blühweißen Hemdkragen. Der Hut hatte sich in den Haarschopf fest eingedrückt, und so konnten sie leicht wirr und unordentlich erscheinen; aber das waren sie wirklich nicht, wenn man mit einem nachsichtigen Blick hinsah; die Mutter hatte sie gescheitelt, so gut es ging, und die Lausallee verlief gerade wie eine Pappelschnur.
»Kraupert schaust aus,« entschied der gestrenge Herr Vater. »Wie dir die Haar da ins G'nack wachsen, so geht man zu keiner Prüfung!«
Ehe man noch ans Glacis kam und den Häusern der Rossauerlände Adieu sagte, wimpelte an einer Stange die Messingschüssel in die Luft mit Strahlenreflexen wie die liebe Frau Sonne, ein Ladenschild prangte mit einem süßlächelnden Puppenkopf und darunter stand: Heinrich Haarzopf, bürgerlicher Bartscherer und Bader.
Und weil noch eine Stunde Zeit war, so entschied der Vater, daß sich der Junge jetzt die Haare schneiden lassen müsse, um sich der hohen Prüfungskommission würdig zu präsentieren.
»Also marsch hinein!«
Bisher hatte die Mutter den üppig wuchernden Haarschopf mit eigener Hand gebändigt. Was eine Mutter nicht alles kann! Hunderterlei Gewerbe muß sie beherrschen vom Kerzengießen bis zum Haarschneiden. Es ist nicht zum sagen! Nun aber saß Franz zum ersten Male bei einem richtigen Friseur wie ein ganz Großer. Mitten unter Spiegeln wie in einem Zauberkabinett und angetan mit einem linnenen Mantel, der einmal weiß war, halb Derwisch, halb Prinz, umdienert von dem dienstfertigen Gehilfen.
»Belieben halbkurz oder ganz fiesko?« Das war eine neue Welt, eine neue Sprache, jedenfalls eine neue Erfahrung. Verlegen wendet sich der Junge an den Vater, der den Dolmetsch macht.
Ziwitt, ziwitt! macht es die Schere in der Hand des Gehilfen, der bei seinen Hantierungen immer die Luft schneidet. Sie macht es wie ein Vögelein, das hungrig den Schnabel aufsperrt und um Futter quietscht, ehe es gierig in den Haarwald hineinfährt. Alsbald liegen die schönen Locken auf dem weißen Mantel und am Boden ringsum, der Junge sieht drein wie ein abgeblättertes Birkenstämmchen, der Vater nickt befriedigt, aber der eifrige Gehilfe ist noch nicht fertig. Er bemerkt einen zarten, ganz schüchternen, weichen Flaum auf des Jungen Oberlippe und stellt mit unerschütterlichem Ernst die gewichtige Frage:
»Rasieren angenehm?«
Heiß schießt es dem Jungen ins Gesicht. Er wird blutrot vor Scham.
»Nein!« haucht er zurück und wendet das Antlitz ab, sich zu verbergen.
Der Vater merkt es, er schmunzelt hinter seinem Rücken, er will den Sohn nicht verletzen, der sich so leicht geniert. Er hat ihn ja so lieb, wenn er auch zuweilen rauh zu ihm ist. Aber nach Vater Schulmeisters Anschauung gehört die Strenge zur Liebe und vor allem der Grundsatz: man darf die Kinder nicht merken lassen, daß man sie so gern hat!
Rasieren angenehm! Das wirkt nach. Das prägt sich unverlöschlich dem Gedächtnis ein. Der Ernst des Lebens kommt jetzt heran! Man ist kein Knabe mehr, man reift der Männlichkeit entgegen, eine neue Zeit will kommen!
Das Hochgefühl sank, als er mit dem Vater am alten Universitätsplatz stand. An den hohen, schwärzlichen Palastfronten der Sonnenfelsgasse waren die beiden entlang gegangen, bis sich ein mäßig geräumiger Platz auftat wie ein schmucker Saal. Rechts die festliche Frontseite der Universität mit Säulen und Fenstern im Geist der Zeit der großen Maria Theresia; links die Prachtfassade der Kirche zur Zeit der Gegenreformation von Ferdinand II. erbaut und dicht an der Kirche anschließend, die ganze Langseite des Platzes bildend, ein kahles Gemäuer mit kleinen vergitterten Fenstern, einem Gefangenhaus gleich: das Konvikt. Nichts Grünes, wohin man sah, nur Mauern in nüchterner Feierlichkeit oder in staats- und kirchenherrlicher Pracht.
Das Herz des Elfjährigen krampfte sich zusammen, ja es beginnt eine neue Zeit, der Ernst des Lebens tritt hier gewaltig in Erscheinung.
Tapfer schritt er an der Seite des Vaters die Stiegen hinauf, wo schon ein heiteres Gewimmel von Knaben war, die, um einen der drei Stiftungsplätze zu erobern, ausgezogen waren. Da gab's sofort eine neue frische Stimmung. Das Empfindsame, Ängstliche, Weichliche verschwand, es lag nicht in Franzls Natur.
»In Gottes Namen!« sagte der Vater Schulmeister, als sich die Türen des Prüfungssaales hinter dem Jungen schlossen. Mehr kann man nicht tun als seine Pflicht, und die war getan; die Entscheidung liegt bei anderen Mächten. In Gottes Namen! Damit vertraute er sich und den Sohn der inneren Führung an, die die Oberleitung hatte. So konnte man ruhig und ergeben den Gang der Dinge abwarten.
Der innere Kompaß hatte gut geführt. Für den gesunden Liechtentaler Buben war die Prüfung ein Kinderspiel, als Erster ging er aus dem Wettbewerb hervor und war Sopranist am k. k. Konvikt und zugleich Schüler der ersten Lateinklasse.
Jahr um Jahr berichteten die Schulzeugnisse von dem guten Fortgang der Studien, und nie fehlte die Anmerkung: »ein besonderes musikalisches Talent«. Ein Schriftstück an den Hofmusikgrafen besagt sogar, daß auf die musikalische Bildung des Franz Schubert, da er ein so vorzügliches Talent zur Tonkunst besitze, eine besondere Sorgfalt verwendet werden solle. So kam der Hofkapellmeister Salieri hinter das kleine Genie, und so kam der Klavierdrillmeister Ruczizka in den Schriftstücken an den Hofmusikgrafen zu den lobenden Anerkennungen wegen der erteilten Nebenstunden, zu denen er, Ruczizka, von Amts wegen nicht verpflichtet gewesen wäre.
Und so kam es endlich, daß der Vater die systematische musikalische Ausbildung des Sohnes gewähren ließ, weil er sie ja auch nicht hindern konnte. In Gottes Namen! Andere Mächte bestimmten das Schicksal, er konnte nur Ja und Amen sagen. Und sich damit trösten, daß für die eigentliche Lebensaufgabe die Lateinschule sorge, die ihm vor allem anderen als die Hauptsache erschien.
Aber büffeln und ochsen, Latein und Mathematik, das war dem Jungen durchaus nicht die Hauptsache. Viel eher ein lästiges Anhängsel, eine unbequeme Draufgabe, die man eben in Kauf nehmen mußte. Ja, wenn man oben saß am Chor ganz nahe bei den geflügelten Engelein, umschauert von dem Weltgesang der Orgel und von dem Jubel der singenden Geigen, da war das Leben herrlich, die eigene Stimme ließ sich von diesen tönenden Fittichen tragen und stieg wohl noch ein wenig höher im Chor der Seligen.
Aber dann in der öden Grammatikalklasse, das war wie ein Sturz aus Himmelsregionen auf die harte Erde. Diese trägen, unergiebigen Stunden mit Cornelius Nepos, mit Plutarch und Ovid. Der klassische Dichtergeist zu langweiligen Schulpräparaten zerstückt und eingetrocknet wie die glanzlosen Schmetterlinge in den Kästen und die gepreßten Pflanzen in den Herbarien. Kein Hauch des Lebens mehr darin. Half also wirklich nichts als stucken, ochsen, büffeln! Aber das Herz, das Herz war nicht dabei. Ein Wunder, daß es dennoch ging, mit Ach und Krach. Nur -- wenn es dem Gelehrtenhaupt am Katheder zu holperig vorkam, und die Exerzitien so gar nicht vom Fleck gehen wollten, dann wetterten die saftigsten Schimpfreden auf die Schülerherde nieder.
»Sauknochen, verfluchter! Hast wieder einmal nicht präparieret?! Müßt' man dir doch gleich das Buch ums Maul schlagen, bis dir der Kopf aufgeht, Lümmel, verstockter!«
Tat aber weiter nicht weh, war wenigstens ein derbes Stück Leben. Ein unsanftes Prügelsystem, aber man lernte dabei und kam doch ein Stück vorwärts. So waren die Erzieher, gelehrt und zugleich bauernhaft grob. Was fest eingebläut war, saß fest. Auch in einem widerspenstigen Schädel. Wer gar nicht parieren wollte, wurde hinausgeschmissen. Ein Kamerad war schon geflogen, der mit Franz die Aufnahmeprüfung glänzend bestanden hatte; ein Dritter, der mit ihm kam, stand am Sprung. Gibt nicht viel Federlesen, keine Empfindelei; half auch kein Heulen, kein Bitten und Betteln. Unnützer Ballast, fort damit! War gut für die anderen. Schlechtes System? I wo! Was haben gute Lehrer mit einem schlechten System nicht alles zuwege gebracht! Und konnt' Franzl bei allem inneren Widerstreben nicht alle Jahr ein treffliches Zeugnis ins väterliche Schulmeisterhaus nach Liechtental schicken? Ja freilich, angenehm war der Drill nicht. Fragte auch kein Mensch danach, ob's angenehm war oder nicht, und damit Punktum.
Blieb aber die Musik, die das graue Dasein vergoldete, und blieben die eigenen Träume, das selbständige Empfinden und Komponieren, süß wie eine verbotene und heimliche Liebe, von der der Herr Vater nichts wissen durfte. Das Herz -- da drin war es. Und blieben außerdem die Kameraden, die Schulfreundschaften, die so fest geschlossen wurden, daß sie über die Mauern hinaus fürs Leben halten sollten und meinetwegen übers Grab hinaus.
Bim, bim, bim! Des Schuldieners Glocke gellte durchs Haus. Zehn-Uhr-Pause. Da gab es für die Bande kein Halten mehr, die in dem lästigen Zwang nach Freiheit dürstete. Vor allem aber nach Freßlust. Die Zehn-Uhr-Glocke war das Zeichen zum Gabelfrühstück. Mit einem Hallo stürmten die Bengel die Treppen herab nach einem der unteren Gänge. Dort steigt eben wippend die junge Fanny herauf, des Greislers Tochter aus der Bäckerstraße, mit einem großen Korb Fressalien auf dem Kopf, die sie in einer Fensternische des ersten Stockflurs während der großen Pause feilhält.
Wie eine Göttin der Erde, mit nahrhaften Gaben beladen, schwankt sie holdselig herauf, ein braunes, derbes Ding, blatternarbig, barsch und kurz angebunden, und trotzdem nicht unhübsch mit ihren weißblitzenden Zähnen. Dem für handfeste Schönheit empfänglichen Sinn des Klavier- und Knabenbändigers Ruczizka mußte sie tatsächlich als Fee, Nymphe oder Göttin vorgekommen sein, daß er sie in einem schäferhaft oder mythologisch gestimmten Augenblick wie ein verliebter Faun in die nackten, prallen Arme zwickte und der Wehrlosen ein Küßchen zu rauben versuchte, während sie mit dem Korb auf dem Kopf hinaufbalancierte.
Wie es geschah, war ein Geheimnis des menschenleeren Korridors geblieben. Ein Knall, ein Fall, ein Wehgeschrei, so endete das Schäferspiel.
»Sakramentski .....!« Man hat nur den Ausruf gehört, der Liebhaber war verschwunden. Denn eben scholl des Schuldieners Glocke mahnend durchs Haus, wie weiland die Stimme des Herrn im Paradies nach dem Sündenfall, aus den Klassenzimmern wälzte sich die Schuljungenhorde, und die braune Fanny stand keuchend und zornbebend vor dem herabgestürzten Korb, der seinen duftenden Inhalt über die Steinfliesen ergoß, die blonden und braunen, knusperigen Schusterlaberln, die mürben Baunzerln, Kipferln, Girafferln, Kaiserweckerln, Stritzerln, Kaiserlaberln, die Mohnstritzerln und Salzstangerln, den schweren Laib Hausbrot, die dreifach gewundenen Kränze von Knackwürsten, den großen Stritzen Butter, den Paprikaspeck und den frischen Maiprimsen.
Fünfzig, hundert Hände langten jauchzend danach, im Nu war der Korb wieder gefüllt, ein heiteres Intermezzo für die Jugend, eine schmerzliche Viertelstunde für die Fanny, die in wortloser Wut kaum die Tränen meistern konnte.
Niemand wußte recht, was geschehen war, aber die Sage ging von einer wuchtigen Ohrfeige, die locker in Fannys Hand gewesen war, und von einer heißen Wange, die auf einige Stunden das Flammenzeichen der Liebe trug und in nassen Umschlägen Kühlung suchte. An jenem Vormittag ward Ruczizka nicht mehr gesehen.
Während der Eßpause fanden sich die engeren Freunde mit Franz beim Futterkorb zusammen. Holzapfl, der Vordermann der Klasse, der stille, sanfte Spaun, um einige Jahre älter als Franz und zugleich sein wärmster Vertrauter, Senn, der junge Tiroler, der schon damals Verse zu flechten versuchte, und einige andere.
»Einer ist unter uns, der uns einmal alle an Genie überstrahlen wird!« hatte Spaun mit Beziehung auf Schubert gesagt, und ein fester Kreis von Freunden begann sich um den unscheinbaren Franz zu schließen. Wenn man seine helle, jubelnde Stimme auf der Empore hörte, so hätte man nicht dieses unansehnliche Bürschchen erwartet, der auch darin der Lerche glich, daß soviel Himmelsgabe in so schlicht bescheidenem Äußeren steckte.
Wenn man die Sängerknaben nun sah, dann konnte kein Zweifel sein, daß sie nicht aus gebranntem Ton und nicht aus Holz waren, sondern Fleisch und Bein mit vorzüglichen Freßwerkzeugen und unermeßlichem Appetit. Das Dasein unter den himmlischen Heerscharen auf Gottes Chor war beseligend, aber auf der Erde war es auch schön, besonders wenn es etwas zu essen gab.
Da sah man nun die pausbackigen, rotwangigen, schwarz-, braun- und blondgelockten strammen Engelsinger gemütlich eine Knackwurst verzehren, die lieblich roch und den anderen den Mund wässerte, so ihre Barschaft nur zu einem Schusterlaberl hinreichte. Zu einem Schusterlaberl, dick mit Butter bestrichen und so groß und mächtig gediehen, als es für einen Kreuzer Konventionsmünze nur denkbar ist.
Mit gierigen Augen hatte jeder das größte Schusterlaberl im Korb ergattert. Was ein gesunder Bengel ist, erkennt auf den ersten Blick unter Hunderten von Broten jenes, welches das größte Schusterlaberl ist. Daß die wohlgeratensten Exemplare die Größe eines Kinderkopfes erreichen, ist selbstverständlich. Es ist nicht aus feinstem Mehl gebacken, im Gegenteil, es ist so ziemlich das ordinärste Gebäck, aber auf dem ganzen Wiener Boden gibt es keinen Jungen, der nicht nach dem Schusterlaberl greift, wenn er die Wahl hat. Ein Schusterlaberl, mit Butter bestrichen, das ist nach Wiener Volksbegriffen die größte Delikatesse. Daran war nicht zu zweifeln, wenn man die Kerle einhauen sah, daß es nur so patschte. Mit einem Schusterlaberl in der Hand konnte man sich sogar gegen eine Knackwurst oder gegen Wienerwürsteln mit Kren behaupten, und das will gewiß etwas sagen.
»Heiße Forellen!« rief die übermütige Fanny, um ihre Ware noch verlockender zu machen. Richtig, da schwammen sie, die Wienerwürsteln, im brodelnden Kessel hurtig hin und her wie die Forellen, und ein Paar nach dem anderen wurde herausgefischt. Knackwürst! Wienerwürstl mit Kren! Schusterlaberln mit Butter! Hört es! Der Traum vom Paradies ist damit gespickt. Wenn ihr sie nicht genossen habt, dann wißt ihr nicht, was gut ist!
»Nun, und heut gar nichts?« wendete sich Fanny an Franzl. Der hat einen Stein im Brett bei ihr. Ein extra großes Schusterlaberl, extra dick bestrichen, das waren die Zeichen ihrer Gunst. Das braune, herbe, blatternarbige Greislermädel verbarg hinter ihrer rauhen Wesensart ein weiches Gemüt. Eine schöne Stimme hören, und sie war soviel wie verloren. Sie wußte schon, daß Franzl die schönste Stimme unter den Jungen hatte. Sie sah ihn nur mehr durch diese Stimme, und jetzt dünkte ihr der unscheinbare Junge schön wie ein Märchenprinz. In ihren Augen war er, die unansehnliche Lerche, schöner als der herrlichste Paradiesvogel. Sie hatte ihn schon in der Kirche gehört, und als er kürzlich in der Pause dem Freund Spaun ein selbst komponiertes Liedchen leise vorsang, vergaßen ihre flinken Hände, daß sie in wenigen Minuten fünfzig und mehr Schusterlaberln mit Butter zu streichen hatten.
Versteinert stand sie da, Mund und Augen weit auf, ein wenig vorgeneigt, um keinen Laut zu verlieren, weltentrückt, verzaubert, bis zwanzig aufgesperrte hungrige Mäuler, die nach Atzung schrien, sie aus ihrem Traum weckten. Ob er ihr das Lied nicht aufschreiben wollte, war gegen Schluß der Pause die verstohlene Frage. Er sagte nicht ja und nicht nein, er lachte bloß, wohl nur, um seine Verlegenheit zu verbergen.
Es war, als ob eine leise, schier unbewußte Berührung der Seelen stattgefunden hätte, so blieb etwas bestehen, das man nicht leicht irgendwie nennen kann, weil jedes Wort zu schwer dafür ist. Etwas schier Unbewußtes, Heimliches, und doch Gefühltes. Ein Strahl von mütterlicher Sorgfalt ging von ihr auf ihn über, es materialisierte sich in den größten Schusterlaberln mit der dicksten Butter. Aber darüber hinaus war noch etwas wie ein Licht da, das wärmte.
»Nun und heut gar nichts?!« fragte sie noch einmal und streifte ihn leise an, weil er nichts bestellt hatte.
Er schüttelte nur verneinend den Kopf, aber sie wußte schon! Abbrandler! Das heißt, daß er keinen Groschen mehr in der Tasche hatte.
Aber sie schob ihm schon wortlos ein dickbestrichenes Laibchen hin.
Er schob es wieder zurück und sagte halblaut und schier unbefangen, obzwar es ziemlich gepreßt klang: »Heut -- nichts!«
Da nahm sie das Brot, drückte es ihm in die Hand, indem sie sich ganz nahe an sein Ohr neigte und leise sagte: »Kost' doch nichts!«
Als ob er glühendes Eisen angefaßt hätte, schleuderte er das herrliche, hochgebähte, goldblonde, knusperige Schusterlaberl, das mit den dicken Butterseiten zusammengeklebt war, neben dem Eßkorb auf das Fensterbrett hin, flammendrot im Gesicht, daß es dort in seine zwei Hälften zersprang und mit den Butterseiten auf dem staubigen Steinboden lag.
Sie sah ihn einen Augenblick betroffen und schmerzlich an, hob dann die Brote auf und legte sie zu den anderen. Mit einem Ruck faßte sie den ziemlich geleerten Korb auf, stellte den kaltgewordenen und ausgefischten Würstelofen hinein und rauschte ab wie eine beleidigte Königin, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Er war so verdonnert, daß er nicht wußte, wie ihm geschah, eilte hinauf in sein Zimmer, warf sich auf sein Bett, wühlte den Kopf in die Kissen hinein und schluchzte mit halberstickten Ausrufen: »Fanny, Fanny!«
Etwas Seltsames, Beunruhigendes, Niegekanntes, Schmerzvolles, und doch zugleich Beseligendes, Wunderbares war über ihn gekommen. Was war es? Ach ja, das Leben, das Leben! Die schüchternen Regungen wie ein ganz verstohlener Sonnenstrahl und gleich darauf Schauer, Tränenschauer.
Man war kein kleiner Knabe mehr, und auf der Oberlippe sproßte jetzt wirklich ein kleines, winziges, schütteres Bärtchen. Es kommt nun doch eine andere Zeit!
Am Nachmittag schrieb er seinem Bruder Ferdinand, der war Schulgehilfe in der Wiener Vorstadt Lerchenfeld, und schilderte seine Lage. Die paar Groschen, die er monatlich vom Herrn Vater bekomme, seien in den ersten Tagen beim Teufel, was soll man in der übrigen Zeit tun? Bei dem mageren Mittagsmahl, dem erst nach 8-1/2 Stunden ein armseliges Nachtmahl folgt, müsse man sich eben in den Pausen mit etwas Stärkendem aushelfen. Es würde den Bruder Ferdinand nicht arm machen, wenn er ihm monatlich ein paar Kreuzer zukommen ließe. Spricht doch der Apostel Matthäus: Wer zwei Röcke hat, der gebe einen den Armen usw., und dann in Kap. 3, V. 4: Die auf dich hoffen, werden nicht zuschanden werden ..... So schließt die Epistel mit dem Aufruf, Ferdinand möge sich doch des »liebenden, armen, hoffenden und nochmals armen Bruders Franz« erinnern.
Der Brief ist fort und damit ein Stein vom Herzen. Was jetzt? Ja, richtig: das Lied aufschreiben -- die Fanny muß das Lied haben! Ein extra schönes Papier für sie, mit kunstvoll verschlungener Schrift und die Noten säuberlich hingesetzt, als ob sie gestochen wären! Darauf ein Suchen und Suchen in allen Laden und Heften, aber kein armseliger Fetzen Notenpapier ist mehr zu finden. Alles verschmiert. Neues kaufen -- aber zum Kuckuck, wenn man keinen Groschen in der Tasche hat! Der Mensch ohne Geld ist ein gottverlassenes Geschöpf. Da fehlt es gleich an allen Ecken und Enden. Daß man sich ein Schusterlaberl mit Butter versagen muß, ist hart genug, aber das ist noch das wenigste; den Mangel fühlt man erst, wenn man jemandem was Liebes tun möchte und nicht kann, weil man keinen Knopf Geld hat. Schnöder Mammon!
Da kommt Spaun bei der Tür herein, der liebe, innige! Aufgeschossen ist er wie eine Hopfenstange, den Kopf mit dem sittsam zurückgekämmten Blondhaar und den weiten, wasserblauen Augen hat er vorgeneigt, erwartungsvoll.
»Hast was Neues geschrieben?«
Er ist so furchtbar erpicht auf das Neue, das Franz in Noten dichtet.
»Hab' kein Papier!« knurrte Franz etwas borstig.
Da macht der andere schon Kehrt-euch und ist wieder draußen bei der Tür.
Franzl sinniert und sinniert, es vergeht eine halbe Stunde, da kommt Spaun wieder angerückt, atemlos, einen großen Pack unter dem Arm, den er auf den Tisch legt und sorgfältig auswickelt.
Notenpapier! Große, schöne, dicke Bogen, ein ganzer Stoß, genug, um die Unsterblichkeit damit zu bestreiten.
»Da hast jetzt und schreib'!« und ist schon wieder draußen.
»Kerl, lieber, guter!«
So lächelt Franz, setzt sich hin und schreibt.
Am anderen Tag geht er in der Zehnuhrpause in sein Zimmer hinauf. Er traut sich nicht herunter, es geniert ihn. Geld hat er ja auch keines auf ein Schusterlaberl.
Aber ein Brief ist da.
Bruder Ferdinand schreibt, Franz wird mit dem Nötigen versorgt werden, er möchte aber vorerst auf ein paar Tage heimkommen. Der Schulurlaub sei unterdessen für ihn schon erwirkt.
So war es auch, auf drei Tage hat er frei.
Und wandert hinaus aus der engen Stadt in die Maiensonne, ins Grüne, wo ihn die Wiesen mit tausend Blumenaugen ansehen. Beim Schottentor ist er draußen, dann übers Glacis, wo der Wind, der richtige Wiener Lausbub, seinen unumschränkten Spiel- und Tummelplatz hat, um diese Zeit kosend als Mailüfterl mit Wolken von Fliederduft sanft beladen; im Sommer als verrückter Derwisch mit wehendem Mantel aus Staub und ebensolchen aufgeplusterten Pumphosen; im Herbst als unwirscher Straßenkehrer, der dürre Blätter und Mist dahinfegt oder mit nasser Regenhand den Leuten ins Gesicht patscht, die Weiberkittel aufwirbelt und die Parapluies umdreht; im Winter ein rauhbeiniger Knecht Ruprecht, der mit flockigem Schneebart daherflattert, daß euch die Augen übergehen. Der kann grantig und boshaft sein wie ein alter Zucht- und Armenhäusler, aber jetzt ist er ein holder Junge, der in den Bäumen säuselt und auf sonnenweißen Wolken in gottseliger Bläue segelt.
Und so ist heut auch dem schulvakanten Knaben zumute, dem das Herz klopft, als er hinter den mächtigen Häuptern der Kastanien die Häuser seiner lieben Liechtentaler Vorstadt auftauchen sieht. Dort hinter den Bäumen mit den vielen weißleuchtenden Kerzeln ist das Vaterhaus »zum schwarzen Rössel« in der Säulengasse.
Geschwind, geschwind um die Ecke und hineingestürmt mit einem Jubelruf. Aber da stockt er schon.
Was ist denn geschehen?
Er spürt ein Zerren im Gesicht, ein Würgen drinnen im Hals; denken kann man's nicht. Eine Draperie hängt am Tor; ein Kerl steht heraußen mit Glotzaugen und Schnapsnase, einen Dreispitz am Kopf, kurze Hose und Strümpfe an den verkrümmten Beinen, ausgelatschte Schnallenschuhe; eine Menge Schnüre und Quasten an dem frackähnlichen Rock, der schief sitzt wie auf einer Vogelscheuche; schwarz alles, ganz schwarz, schwarz die Draperie am Tor, schwarz der aufgedonnerte Frack, der Dreimaster, die Hose, die Strümpfe.
Unterm Tor kommt ihm schon der Bruder Ferdinand entgegen, er ist ebenfalls schwarz, nur das Gesicht ist rot und die Augen sind verschwollen.
»Die Mutter ist tot!« würgt er hastig und tonlos hervor.
»Au, au!« schreit der Heimkehrende auf wie ein getroffenes Tier; und schon steht er im Winkel abgewendet und flennt in sich hinein.
Und geht dann, so schnell er kann, die paar Stufen hinauf, und ist ihm, als ob er Quadersteine trüge, daß er, von der Last erdrückt, kaum über die Schwelle kann.
Drinnen der Vater, sieht um Jahre älter aus, sagt kein Wort; tätschelt nur den Buben an Schultern und Kopf, scheu und fast widerwillig; schiebt ihn aber gleich von sich zu den Geschwistern hinein.
Die sitzen drin, alle schwarz angezogen, nicht zum Erkennen, stieren vor sich hin, nur eins oder das andere heult laut auf, wie's den Franzl sieht. Reden aber sonst kein Wort -- einfache Menschen sind karg mit Gefühl und Worten, verstecken sich lieber voreinander.
Auch Franzl bringt keinen Ton heraus, geht wie im Traum ins Nebenzimmer, das dunkel gähnt mit brennenden Kerzen. Brennen nicht hell und froh wie die Blütenkerzlein draußen auf den Bäumen; brennen dunkel und weh in der schwarzen Luft und in dem toten Geruch der welkenden Blumen. Ist etwas Weißes zwischen dem roten Kerzengefunsel und starrem Blätterzeug, hoch geschichtet; jetzt sieht man's vor den betäubten Augen; braunlackiertes Holz, der Sarg, weiße Seide, ein gefälteltes Brautkleid, wachsgelbe Hände und ein Gesicht, so bekannt und so fremd zugleich, so starr und fern.
Mutter! Der Franz spürt sie, er spürte sie schon von weitem, ehe er ans Haus kam, im Flur unten umwärmte ihn schon ihre Nähe, im Zimmer draußen wußte er sie neben sich, die Luft, die Dinge alle, die Gewohnheit, das war sie. Sie lebte, und für das Totsein gab es keinen Begriff.
Er wollte die Tücher wegreißen, die Fenster aufstoßen, Luft und Licht herein, die Starre aufrütteln, daß sie das Fremde abschüttle und wieder sie sei, die lebte in seinem Fühlen; die ganze fürchterliche Schwere der Wirklichkeit wegwischen, die Lüge war, weil sie so unverständlich blieb; das Herz schrie auf und tobte nein, nein, nein -- und dennoch blieb er steif wie gelähmt, unfähig, etwas zu tun, zu sagen, oder zu denken.
Und ging noch die folgenden Tage umher wie betäubt, indessen ein widerwärtiges geschäftiges Etwas vor sich ging, die ganze quälende, niederdrückende, entsetzliche Bestattungszeremonie, die mit dem Herzen nichts zu tun hatte, diese Schaustellung des Schmerzes vor den gaffenden Gassen und Fenstern bis zu dem Moment, wo man in der Kirche saß bei der Einsegnung und die Orgel lind und leise auf die zertretenen Gemüter einsprach. Das war wieder die Stimme der Mutter, bald gutmütig greinend, scheltend, verweisend, dann wieder gut zuredend und liebkosend; die Härte des Krampfes wollte sich lösen; aber dann noch das Schrecklichste, das Niederfahren des Sarges in die Grube, die vereinzelten Aufschreie, das dumpfe Dröhnen der auffallenden Schollen, das man nicht mehr aus den Ohren bringt -- als ob jede Handvoll Erde eine Wunde in den eigenen Leib schlüge!
Fluchtartig ging's aus dem Friedhof fort ins Vaterhaus zurück; die Trauerzeichen waren inzwischen weggeschafft worden, die alte Ordnung hergestellt, aber die Ödigkeit hatte sich eingenistet. Das Tor war wie früher und ebenso die Zimmer, aber im Geist sah man immer die Trauertücher draußen hängen und wehen. Im Zimmer tauchte immer der Sarg auf an der Stelle, wo er gestanden, die Funsellichter -- schreckhafte Eindrücke, und Visionen, die nicht wegzuwischen waren.
Die paar Tage gehen vorüber in Dumpfheit und Zerschlagenheit; Franzl ist froh, als die Zeit da ist, ins Konvikt zurückzukehren. Auf dem Glacis wirft er sich ins Gras, um, von niemandem gesehen, sich nach Herzenslust ausweinen zu können. Dann wandert er stadtwärts und ein tröstliches Gefühl gewinnt Oberhand.
»Fanny, Fanny,« denkt er, nein, er denkt es nicht; das Unbewußte in ihm denkt es, fühlt es. Das verschnürte Herz, das sich nach Wärme, nach Mütterlichkeit, nach Liebe sehnt und sich so schwer und widerwillig erschließt, sucht Zuflucht bei dem unwillkürlichen Gedanken an Fanny, die jetzt so halb und halb mit dem Bild der Mutter zusammenfließt und ihn doch zugleich so ganz eigen bewegt, daß ihn fast ein Zittern überfällt.
Nun soll sie das Lied mit den Noten haben, denkt er und ist fast aufgeregt in der Vorfreude.
Am anderen Morgen ist er der Erste bei dem Eßkorb, allen anderen Jungen voraus. Niemand soll's merken!
»Das Lied, Fräulein Fanny, das Lied -- hier hab' ich's!« stammelte er heiß und verwirrt und steckte ihr das zusammengefaltete Blatt in die Hand.
Sie sieht ihn eine winzige Weile von oben bis unten an, verzieht hochmütig den Mund, schiebt ihm das Blatt zurück und wendet sich ab mit der kurzen Bemerkung:
»Brauch's nimmer!«
Das Blatt fällt zur Erde; einer der anstürmenden Kameraden hat es erwischt, es verschwindet in den Händen der Freunde, wie so vieles, was damals entstanden.
Jetzt hat er Groschen im Sack, aber kaufen tut er nichts; die Knackwurst, die Würsteln, die Schusterlaberln -- nein; der Appetit ist ihm vergangen.
Aber weinen, nein, das tut er auch nicht. Warum denn? Das Herz setzt eine Rinde an; daß ein Krampf darinnen bebt, er will's selber nicht wissen.
Gleichmütig plaudert er mit seinen Freunden weiter, bis einer plötzlich sagt:
»Du, hör' einmal, was hast denn du für eine Stimm'?«
Fanny blitzt ihn wiederholt spöttisch an, sie hat es gleich gemerkt. Die Stimme war geborsten, rauh, unmelodisch, ein Wechsel, wie er bei Jünglingen um die Zeit der beginnenden Männlichkeit auftritt. Fanny lächelt spöttisch. Lächelte sie über sich, über den Jungen, oder über ihre Narretei? Der Zauber war gebrochen.
Der Paradiesvogel stand vor dem ernüchterten Blick wieder unansehnlich gleich einer graubraunen Lerche da, ja, er war noch weniger geworden, ein grüner Spatz, der ziemlich unharmonisch piepste. Aber das Gold, das nicht in der Kehle lag, sondern tiefer in der Brust -- was verstand das dumme Greislermädel davon?!
Freilich, ein Sonnenstrahl war erloschen, der zwischen den Mauern schüchtern in des Knaben Gemüt gefallen war.
Im Klassenbuch stand jetzt in der Kolonne des Franz Schubert die Bemerkung: Mutiert. Mit der Sopranistenherrlichkeit im Sängerchor bei den dicken Engelsköpfen war's jetzt vorbei. Das war der natürliche Verlauf der Dinge.
Damit erlosch ein weiteres Licht, und die Schatten der Schulmauern drückten schwerer als je.
Einige Monate später verließ Spaun die Anstalt, er hatte absolviert.
»Glücklicher, daß du aus diesem Gefängnis gehen darfst!« rief ihm Franz zum Abschied nach. Es war ihm jetzt, als müßten die Schulmauern auf ihn stürzen, um ihn ganz zu erdrücken. Die Mathematik, da wollte nicht alles stimmen. Eine schlechte Note -- die Scharte war auszuwetzen, wenn der Stiftungsplan mit dem Stipendium erhalten bleiben sollte. Aber wozu ein zweckloses Mühen? Was man eigentlich braucht, hat man vom lieben Gott gelernt, die anderen hatten ihr Bestes längst gegeben und sahen sich als Meister übermeistert. Es gab Wichtigeres zu erfüllen als büffeln und ochsen. So riet die innere Stimme des Genius.
Noch ein Jahr wurde mühselig hingebracht, und dann schlossen sich die Türen des Konvikts hinter einem, der aufatmend draußen stand, einen letzten Blick auf das düstere, kahle Gemäuer warf und innerlich bebte und jubelte: Jetzt kommt eine andere Zeit! Das Leben, das Leben!