II.
Im Schulmeisterhaus am Himmelpfortgrund war wieder fröhliches Leben. Die Schatten der Trauer waren vertilgt, ein hübsches junges Weib nahm die Stelle der Mutter ein, arbeitete von früh bis abends mit heiterem Sinn und sorgte mit gleicher Liebe für alle, als ob die Verstorbene in diesem Frauenwesen wieder auferstanden wäre.
Vater Schulmeister vermochte nicht lange ohne Gesponsin zu bleiben; kaum ein Jahr nach dem Tode seiner vielgeliebten ersten Ehefrau hatte er die Gumpendorfer Fabrikantenstochter, die »wertgeschätzte Jungfrau Anna Kleienböck«, gefreit; hat's nicht zu bereuen gehabt, und haben alle Kinder, besonders aber der Franzl, eine mütterliche Helferin an ihr gefunden. Den Franzl hatte sie namentlich in ihr Herz geschlossen.
Aber der Vater, der macht Augen, als der Bub wieder heimkommt. Hat jetzt noch so einen Fresser am Brotsack hängen. War vom richtigen Bauernschlag, der Vater Schulmeister, ein dicker, harter Schädel, saß ihm der feste Sinn in dem entwickelten Kinn, war einer, der nicht gerne nachgab und den Kreuzer zehnmal umdrehte, ehe er ihn auslegte. Ein rechtschaffener Mann, der für die Jungen sorgte bis zum Flüggewerden, aber dann sollten sie selber schauen, wie sie zu ihrem Futter kämen. Sparsamkeit bis zu Knickerei und Geiz, das war Bauerntugend. Und die saß fest bei ihm. Wie wär' man denn zu eigenem Grund und Boden gekommen, zu einem selbst erwirtschafteten Häusel, wo die Wirtschaft am Schnürchen ging, bei dem dürftigen Schulkreuzer, wenn man nicht Groschen auf Groschen gelegt hätte?!
Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als Franz heimkam. Der Vater saß allein in der unteren Stube und frühstückte. Als er des heimkehrenden Sohnes ansichtig wurde, schob er rasch den schön gebräunten, innen aber dottergelben, flaumigen Gugelhupf unter den Tisch, wo ein Brett als offenes Fach eingelassen war. Dann schlürfte er seinen Kaffee leer weiter, als ob er nichts dazu zu beißen hätte.
Das Gespräch war ziemlich karg; einsilbige Fragen, einsilbige Antworten. Bis der Vater die verfängliche Frage stellte, ob Franz nun gedenke, den anderen Familienmitgliedern den mageren Bissen wegzuschnappen? Worauf der Sohn flink mit der Antwort bereit war: »Meinetwegen, Herr Vater, hätten Sie den Gugelhupf nicht verstecken müssen, ich mag ohnedies keinen.« Worauf Vater Schulmeister den Gugelhupf wieder hervorholte, aus dem Schrank eine Kaffeetasse nahm, dem Franz das Restchen aus den Kannen eingoß und ihm obendrein ein gewaltiges Stück von dem verheimlichten Gugelhupf vorsetzte.
Franz ließ sich's wohl schmecken. Er wußte, der Herr Vater hatte nun einmal solche Eigenheiten, über die das gute Herz doch immer wieder siegte; und dieses gute Herz hatte sich eben seiner bäuerischen Filzigkeit geschämt, bei der es sich ertappen ließ, und wollte den schlechten Eindruck durch um so größere Freigebigkeit verbessern.
An diesem Tag war kein mahnendes Wort mehr gefallen. Am Nachmittag dirigierte Franz das Streichquartett, das sich im musikliebenden Schulmeisterhaus sofort gebildet hatte. Die Brüder Ignaz und Ferdinand kratzten auf der Geige, der Vater schabte das Violoncello und Franz spielte die Viola. Die beiden Violinen knarrten und quietschten vor Lust und Freude, sie taten aber so laut und ungeniert, als ob sie allein auf der Welt wären. Das Violoncello wollte sich die Ungebundenheit der vorlauten Violinen nicht über den väterlichen Kopf wachsen lassen. Es strengt seine wohlig dunkle Stimme aus Leibeskräften an und plagt sich hinter den beiden Wildfangen mit redlichem Schweiß einher, was nicht immer ohne Unfall vonstatten ging; nur die Viola flötet süß und geleitet die drei stolpernden Kumpanen mit gelinder Festigkeit auf unwegsame Höhen, wo man im himmelhohen Jauchzen hätte die Welt umarmen mögen. Aber das gute dicke Violoncello mußte sich des öfteren schnaufend die Seiten halten und konnte das Springen und Jauchzen nicht so flink mitmachen; bleibt öfters im Notengestrüpp hängen, sucht sich zuweilen ebenere Wege und markiert nur so den hüpfenden und schwebenden Gang der Melodie.
Lächelt der Sohn, klopft mit dem Fiedelbogen ab und sagt schüchtern: »Herr Vater, da muß etwas gefehlt sein ...!« Also werden die schwierigen Passagen noch einmal genommen und immer noch einmal, bis es der Viola und den beiden Fiedeln gelingt, das schwerfällige Cello mit Ach und Krach, aber immerhin mit heiler Haut über Stock und Stein zu bringen.
Ist hinterdrein quietschvergnügt über die eigene vermeintliche Leistung und Fortschritte, schmunzelt vor Behagen und Selbstachtung und läßt sich zur Anerkennung herbei: »Das muß man sagen, können tut er was, der Franz, das haut ihm keiner 'runter!«
Und die Brüder sehen voll Bewunderung auf den Franz hin, die Mutter ist gerührt, daß ihr die Tränen in den Augen stehen, und streichelt ihm scheu und zärtlich über den krausen Schädel, glückselig und erstaunt, so plötzlich diese stattlichen jungen Kerle zu Söhnen zu haben und besonders einen solchen Meister darunter, der ganz beschämt dasitzt und alle Lobeserhebungen bescheidentlich ablehnt. Beinahe hätte sie mit ihren warmen, molligen Armen den Lockenkopf abgefangen und ihn nach Herzenslust abgebusselt, aber sie getraute sich nicht des Vaters wegen, der könnt's vielleicht übel auslegen.
Ist übrigens sehr selten, daß der Herr Vater soviel Lob spendet. Hat man kaum je aus seinem Munde gehört. Ist schon genug, wenn er nichts sagt, als ein Zeichen, daß er zufrieden ist. Wenn ihm was nicht gefällt, dem Herrn Vater, ist er gleich mit dem Tadel bei der Hand, dann spart er's nicht, räsoniert, greint, wettert, daß einem angst und bang wird. Man ist also nicht verwöhnt. Aber daß ihm auch einmal der Mund des Lobes voll überfließen könnte, daran kann man sich eigentlich kaum je entsinnen.
Aber das Schönste kommt erst. Der Vater nimmt die Mutter zur Seite, hat eine kleine, heimliche Unterredung mit ihr, man sieht, daß ihr Gesicht in heller Freude aufleuchtet, und draußen ist sie. Vergnügt und ganz erfrischt kehrt der Vater zu den Notenpulten zurück, er ist heute noch tatendurstig. Es ist noch eine Stunde zum Nachtmahl, die will der Vater nicht verlieren. Also wird noch einmal Musik gemacht, bis es finster ist.
Jetzt erscheint wieder die Frau Mutter, ganz erhitzt und fröhlich aufgeregt -- mein Gott, das Herdfeuer und die muntere Hast! Der Tisch ist fein säuberlich gedeckt. »Kommt's essen!« ruft der Vater und setzt sich als der Erste in den bequemen Lehnstuhl am oberen Ende.
Die Buben -- sind eigentlich schon erwachsene junge Männer, bleiben aber für den Herrn Vater immer noch die Buben -- lassen sich das natürlich nicht zweimal sagen und sitzen schon im nächsten Augenblick um den Tisch herum, der heute sogar mit einem weißen Tuch gedeckt ist.
Und Weingläser stehen auch da! Ein jeder spitzt: »Hei, da gibt's was!«
Die Mutter ist schon wieder in der Küche draußen, sie ist in ihrem Element, wenn sie so richtig wirtschaften kann, aus dem Vollen heraus. Inzwischen wird noch eine Weile über die Musik geschwatzt, Musikanten sind leicht durstig und hungrig, besonders aber durstig -- man hat das Gefühl, als ob man von einer wunderschönen Landpartie zu Fuß und zu Wagen zurückgekommen wäre, die herrlichsten Gegenden und Aussichten genossen hätte, von fernen Gipfeln, die man nur träumen könnte. In diese ätherblauen Seligkeiten hat der Genius geführt -- ja, so ein Streichquartett den lieben Sonntag nachmittag, das ist mehr als ein vierspänniger Wagenausflug.
So, und jetzt sitzt man, in die Wirklichkeit zurückgekehrt, mit erdenfrohem Behagen und Appetit da, die Gabel in der Faust, und wartet mit spähenden Augen der Dinge, die da kommen sollen.
Und da fliegt schon die Tür auf, die junge Frau Mutter rauscht herein, daß die weißgestärkten Unterröcke und die Schürzenbandeln fliegen, die halbnackten, rundlichen Arme tragen hoch eine große Schüssel, eine Duftwolke strömt mit -- hm! daß einem das Maul wässert --, jetzt senkt sich die Schüssel auf die Tischmitte herab, ein vierstimmiger Ausruf: »Ah, Backhendeln!«
Wiener Backhendeln mit Gurkensalat!
Den Jungen verschlägt's fast den Atem, keiner würde wagen, zuzugreifen, sie schauen verzückt auf die Backhendeln und dann verwundert auf den Herrn Vater -- das hat man noch nicht erlebt, außer bei der Hochzeit mit der jungen guten Stiefmutter -- eine solche Freigebigkeit -- was muß denn über ihn gekommen sein?!
Den Vater wandelt jetzt ein Schatten an, er fühlt den verwunderten Blick der Söhne, fast dünkt es ihm jetzt eine Verschwendung, er bereut es beinahe schon wieder, sich in solche Unkosten gestürzt zu haben, und blickt eine Weile sinnend und grüblerisch auf seinen leeren Teller. Die Stirn hat Falten, wie immer, wenn er nachrechnet.
Mechanisch erhebt er sich zum Tischgebet. Die jungen Kerle leiern es herunter mit langen Zähnen, im Mund lauft jedem das Wasser zusammen, man sieht's ihnen ordentlich an -- die Mutter blickt glückselig von einem auf den anderen -- der Vater betet laut und langsam aber wie im Traum, indessen er im Geiste rechnet und rechnet. Er will, bevor er zu essen anhebt, das Exempel lösen, wie er die Mehrkosten von heute im Lauf der Woche wieder hereinbringt, um das knickerische Gewissen zu beruhigen und obendrein so, daß der eine Fresser, der jetzt mehr da ist, dreingeht, ohne daß das Wirtschaftsgeld erhöht werden muß.
Ganz einfach, denkt er, indessen seine Lippen laut und langsam beten, Fleisch gibt's die ganze Woche nicht mehr -- Mehlspeisen kosten die Hälfte -- sind viel gesünder -- Montag Banadlsuppe, kostet fast nichts, heißes Wasser mit Ei und Semmelschnitten, etwas Schmalz; dann Erdäpfelnudel mit Semmelbröseln abgeschmalzen, Zwetschgensauce dazu -- ist gut und nahrhaft, können bampfen dabei, die Schlinghälse, daß sie nicht mehr bah sagen können; Dienstag Grießschmarrn mit gekochten Kirschen; Mittwoch Holzhackernockerln aus Wasser und Mehl, läßt man ein Ei darüber spazieren, macht's nahrhafter und sieht nach mehr aus; Donnerstag Linsen, vielleicht Spiegeleier dazu, wenn's reicht; Freitag ist ohnehin Fasttag, gibt's vielleicht Hirsebrei mit geriebenem Lebzelten drauf; Samstag Kipfelkoch oder Semmelschmarrn, Bofesen wären auch nicht schlecht, vielleicht einen Kirschenstrudel -- die Leibspeise -- wenn sie nur nicht zu teuer kommt --, als Nachtmahl gibt's die ganze Woche nichts weiter als Butterbrot, zur Abwechslung etwa einmal frischen Maiprimsen darauf, und, wenn's hoch kommt, ein paar Kirschen nachher, die jetzt wohl billig genug sind; na, und Sonntag vielleicht wieder einmal einen Schweinsbraten -- sein Gesicht klärt sich auf, indessen er das Kreuz schlägt, das Rechenexempel ist gelöst, er kann sich beruhigt mit Frau und Söhnen an den Backhendeln ergötzen: Im Namen Gott des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geistes, Amen! Mit einem vierstimmigen Echo schließt das Amen.
Dann ein eiliges Sesselrücken, dicht an den Tisch heran, so bequem und fest als möglich, die Serviette unters Kinn gesteckt, in den Halskragen hineingestopft, der Vater langt mit der Gabel zuerst zu und sticht das Pfaffenschnitzel heraus mit etwas gerösteter Petersilie darauf, wegen des Wohlgeschmacks, flink hat ein jeder sein Trum auf dem Teller, der eine ein solches weißes Bruststück, der andere ein Haxerl, ein Stück Flügerl, ein paar Minuten vergehen wortlos, indessen das zarte Fleisch mit der schönen braunen, knusperigen Rinde zwischen den Zähnen mitsamt den weichen Knöchelchen krachend zerbissen wird und Stück um Stück verschwindet. Zu jedem Bissen Fleisch eine tüchtige Gabel voll Gurkensalat.
Vater Schubert stößt vertraulich den Franz an und deutet mit dem Messer auf das Büchschen Paprika, das am Tisch steht.
»Mußt etwas Paprika auf den Gurkensalat tun! Zum Gurkensalat gehört eine Messerspitze Paprika!«
Also streute Franz vorsichtig etwas Paprika auf den Gurkensalat.
Das gibt zu dem Arom eine köstliche Würze, daß man einen brennenden Rachen hat wie ein Feuerschlucker.
Die Schüssel ist leer, nur ein Häuflein Knochen ist übriggeblieben wie auf einer Schädelstätte. Jeder lehnt sich behaglich und von der emsigen Arbeit aufseufzend in den Sessel zurück; die Flammen in der Kehle müssen gelöscht werden. Da langt der Vater nach einem Krüglein, das unter dem Tisch bei seinen Füßen steht, hebt es sorgfältig prüfend ans Licht und schenkt jedem das Glas voll. Gumpoldskirchner!
Zu Backhendeln mit Gurkensalat gehört Gumpoldskirchner, das ist stilgerecht. Es könnte auch ein Grinzinger sein, ein Sieveringer, ein Alsecker, ein Bisamberger, ein Klosterneuburger, ein Weidlinger, ein Kremser, ein Mailberger, ein Haugsdorfer, ja, man würde gar nicht fertig in der Aufzählung der vielen guten Tropfen, die zu einer solchen Wiener Götterspeise gehören. Jeder hat seine eigene Blume, aber jeder paßt dazu. Vater Schubert liebt besonders den Gumpoldskirchner. Er ist goldgelb, etwas schwerer wie die anderen, kostet auch etwas mehr, aber an hohen Fest- und Feiertagen möcht' man halt auch was Besonderes haben.
Glänzen alsbald die Äuglein, wie der Gottestrank die Zunge hinabläuft, inwendig ein behagliches wärmendes Feuer anzündet, daß die Begeisterung wach wird und die Zungen sich lösen. Schwebt schon der heilige Geist auf sie herab und fängt der eine und andere an, mit Engelszungen zu reden. Franz, der wortkarge, der verschlossene, wird gesprächig.
Ist so eine schöne Sache, die Musik, hebt den Menschen ins Himmelreich, daß er in lichter blauer Seligkeit hinschwebt, als ob er Flügeln hätte und wirklich schon im Paradies wäre. Fällt alles Schwere ab, alle Sorge, und selbst was traurig stimmt, wird tröstlich und labesam. Ist neben der Musik aber auch was Schönes, Backhendeln essen mit Gurkensalat, und Gumpoldskirchner dazu zu trinken! Gewiß! Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Die Seele schwingt sich auf, wandert frank und frei im Reich der Töne, aber sie muß wieder zurück, wenn der Leib schwach und hungrig wird, und muß sich wieder stärken mit ihm, denn Leib und Seele gehören nun einmal zusammen. Wie könnte sie so schöne Lieder erfinden und gottselige Gedanken pflegen, wenn sie nicht hin und wieder durch den Leib mit so herrlichem Essen erquickt würde.
Gibt es doch kein Land, wo so erlesene Genüsse zu haben sind, solche Backhendeln, solchen feinen Salat und einen so himmlischen Tropfen wie diesen Wein! Drum kann auch nirgends die Seele so hoch in Begeisterung steigen wie hier, wo sie auch auf Erden sich bereits im Himmelreich wähnt. Womit schmeckt denn der Leib diese wunderbaren Gaben, wenn nicht mittels der Seele, die es zu schätzen versteht, was ihr hier vorgesetzt wird, und die dann noch einmal so herrlich zu singen und sagen weiß. Diese Backhühner, dieser Wein muß nicht allein mit dem Leib genossen sein, wenn es gut anschlagen soll -- nein, Speis' und Trank ist es für die liebe Seele!
Die Mutter lächelt verklärt und schaut gedankenvoll aufs Tischtuch, die Brüder schauen mit glosenden Augen bald auf den Vater, bald auf den Franz, der eine so verwunderliche Rede hält; Ignaz, der Älteste, schaut drein wie ein Gelehrter, mit den dunklen, brennenden Augen in dem blassen, schmächtigen Gesicht, der gewaltigen Stirn und dem Grübchen im zwiespältigen Kinn -- das haben alle Brüder vom Vater her --, ist selbständiger Schullehrer, hätte aber nie gewagt, vor dem Vater solche freigeistigen Reden zu führen; Bruder Ferdinand, dieweilen noch Schulgehilfe, musik- und sangesbeflissen, lacht mit gutmütigem, verschmitztem Bauerngesicht den geliebten Bruder Franz an, und sitzt ihm die Freude heimlich in den munter blitzenden Äuglein; Karl, der jüngste Bruder, der noch die Kunstschule besucht und Maler werden möchte, schaut mit seinem hellen, offenen Künstlerantlitz bewundernd hin auf Franz und denkt, so muß man's machen, frisch und keck, dann ist der Herr Vater als Wauwau nicht halb so schreckhaft -- rückt näher an Franz heran, hängt mit den Augen an seinen Lippen und berauscht sich an dessen Worten; nun und der Herr Vater, dem die Weinseligkeit aus den Augen tropft, sitzt lächelnd da wie Vater Noah, nickt gutmütig zu dem, was der begeisterte Franz faselt, hebt dann selbstvergessen, als ob die Buben da nicht seine Söhne, sondern seine Kameraden aus der Jugendzeit wären, das Glas, um mit Franz anzustoßen!
Man ist baff! Das hat der Vater nie getan!
Der Herr Vater stoßt mit dem Sohn Franz an, dann stoßt er mit der Frau Mutter an, die Gläser klingen zusammen, und jetzt fahren auch die anderen herzu und stoßen alle zusammen an.
»Prosit, Herr Vater!« der Franz sagt's, dann sagt's der Ignaz, dann der Ferdinand und dann der Karl.
Jetzt schreien es alle vier.
»Prosit, Frau Mutter!« Wieder ist es der Franz, der das sagt. Und jetzt fahren wieder die Gläser zusammen, daß es klingt wie ein Glockenspiel, und alle schreien lauter als vorher: »Prosit, Frau Mutter!«
Karl, der Jüngste, ist so aufgeregt, daß er fast seinen Wein verschüttet. Da sind die kostbaren Tropfen auf das Tischtuch gefallen, und schon fliegt sein Blick ängstlich zu dem Vater hinüber, der sich die Gelegenheit sonst nicht hätte entgehen lassen, dem Karl eine ordentliche Predigt zu halten, wie man sich zu benehmen habe. Die schöne Gottesgabe verwüsten -- Bub, wirst noch einmal froh sein, wenn du so einen Tropfen hast! Aber heute, nein -- der Herr Vater ist gnädig, er tut so, als ob er nichts bemerkt hätte.
Der Schreck ist dem Karl doch gelinde in die Glieder gefahren -- wenn der Herr Vater auch heute nichts sagt, das dicke Ende kommt nach! Dem Alten ist nicht zu trauen -- er hebt sich's auf morgen auf! Aber mit einem Schluck hat Karl die Bänglichkeit hinuntergeschwemmt, die Keckheit gewinnt jetzt Macht über ihn, an Franzens Beispiel gestärkt.
»Sind wir lustig heut -- Prosit, Herr Vater!« und hebt mit knabenhafter Dreistigkeit das Glas, um mit dem Vater aufs neue anzustoßen.
Läßt aber gleich das Glas wieder sinken vor dem strafenden Blick des Vaters.
»Benimm dich!« weist ihn der zurecht. Er kann's nicht leiden, wenn sich Kinder übernehmen. Müssen »Sie« zu den Eltern sagen, damit der Respekt vor der elterlichen Würde gewahrt bleibt, und möcht' dann so ein Junge bei der erstbesten Gelegenheit die strenggezogenen Grenzen mir nichts dir nichts verwischen. Sind doch beide nicht zugleich auf der Schulbank gesessen -- na also! Spricht's zwar nicht aus, der Herr Vater, denkt's aber so ungefähr und redet mehr durch die Augen, die mit langem, einschüchterndem Blick auf Karl ruhen, der schon vergeht wie ein allzu keckes Flämmchen unter einem großen Löschhut.
Erhebt sich drauf der Herr Vater und sagt kurz und bestimmt: »So -- und jetzt schlafen gehen!«
Also gehen alle schlafen, jedes mit dem seligen Gefühl: war ein schöner Sonntag heute!
Aber es kann nicht immer gleich schön bleiben, kommen auf gutes Wetter immer allemal auch trübe Tage mit Regen und Sturm; und so ist es im Leben ein ewiges Schwanken, und sind die himmelblauen Tage im Jahr karg gezählt.
Nicht alle Sonntag ist Kirchtag, war auch der nächste Sonntag schön, aber nicht ganz so schön. Gab es keine Backhendeln mehr, sondern kaltes Schweinernes abends, das von Mittag übriggeblieben war. Schmeckte aber auch sehr gut. Gumpoldskirchner gab es ebenfalls nicht, dafür billiges Abzugbier -- Fensterschwitz. Macht nichts, wenn es frisch ist, ist es recht gut und gesund vor allem, gesund.
Das Streichquartett bleibt jetzt eine ständige Sonntagseinrichtung, nimmt auch der Herr Regens chori von der Liechtentaler Kirche teil, Herr Michael Holzer, bei dem Franz in seiner Knabenzeit Singunterricht genommen hatte. Ist ganz beteppert, der Herr Regens chori, vor lauter Hochachtung für das musikalische Genie, kann sich gar nicht genug tun mit überschwenglichen Worten über Franzens Kompositionen, daß es dem schon zu dumm wird, weil sein alter Lehrer gar so fein und überhöflich mit ihm tut, fast genierlich für ihn, den Jungen.
Meint der Herr Regens chori, daß es ihn halt so viel freuen tät', wenn der Herr Franz die Erlaubnis geben möcht', etwas aufzuführen von ihm nächstens beim hundertjährigen Jubiläum der Liechtentaler Kirche -- hätte er doch eine wunderschöne Messe geschrieben noch als Konviktsschüler, die an und für sich schon ein Meisterwerk wäre. Da wollt' er schon lieber was Neues machen, lächelte Franz, die früheren Arbeiten wären doch zu gering, müßt' schon etwas Besonderes werden -- zur höheren Ehre Gottes!
Befriedigt blickt der Vater auf den Sohn, ist stolz auf ihn -- aber zum Kuckuck auch, ist doch nur brotlose Kunst, was er treibt, und von der Ehr' kann man allein nicht leben; muß auch tüchtig zugesehen werden, daß Franz bald seinen eigenen Brotsack umgehängt bekommt.
War auch nicht viel Zeit vergangen, hat ihn der Vater schon ins Amt hineinbugsiert. Ein paar Monate Präparandenschule, dann Lehramtsprüfung, und jetzt ist er Schulgehilfe. Ist es gleich nebenan in der Säulengasse unter seines Vaters Aufsicht, der sechs Schulgehilfen beschäftigt. Franz kriegt dieselbe Bestallung: freies Quartier und einen Gulden Wiener Währung pro Monat und Schülerkopf. Hat den Vorzug, in Vaters Haus zu wohnen und Kost zu kriegen. Die wird ihm freilich berechnet. Bleibt immerhin noch ein Taschengeld für das bißchen Kleider und sonstige kleine Bedürfnisse.
Das mit der Messe für die Liechtentaler Kirche geht dem Franz nicht aus dem Sinn, in seinem Herzen stürmt es, ist aber eingesperrt den lieben langen Tag in den Schulkäfig -- was ist das für ein Leben?! Bloß weil es das Brot ist?! Anstatt wie die Lerche in blauer Seligkeit zu schweben und den Schöpfer zu preisen, muß er sich abmühen von früh bis abends, kleine Rotznasen unterrichten, ABC-Schützen, die auch alles andere lieber täten, als still zu sitzen mit den Händen auf der Schulbank und aufzumerken.
In Franzens Hirn und Herz flutet es, die Gedanken und Gefühle kochen mit eherner Gewalt, sie wollen sich nicht abweisen lassen und flattern heran wie Zaubervögel, die Fuß fassen möchten, gehalten sein, um nicht hilflos ins unendliche Meer des Vergessens zu sinken. Er will sie halten, muß aber an der Schultafel stehen und mit der Kreide Buchstaben hinmalen, a, b, c, die von den Buben auf die Schiefertafel nachgekratzt werden. Und muß ihnen das Einmaleins vorrechnen: einmal eins ist eins, zweimal zwei und so weiter. Dann läßt er es einen nach dem anderen auswendig sagen und kritzelt unterdessen hastig die Gedanken hin, die aus dem Herzen zum Kopf drängen. Der eine Bub sagt zweimal zwei ist drei, der andere zweimal zwei ist fünf -- alles stimmt. Haben es die Schüler und der Lehrer gleich gut. Ist ja auch wirklich so: nichts geht im Leben so glatt aus, daß man sagen könnte, zweimal zwei ist vier. Immer wird's ein bißchen zu wenig oder ein bißchen zu viel, jedenfalls ein bißchen anders, so daß zweimal zwei entweder drei oder fünf ausmacht.
Oder es guckt der Herr Lehrer selbstvergessen und dem Liederborn in seiner Brust lauschend zum Fenster hinaus, wo ein blau-goldener Vormittag leuchtet, indessen man in dem kalkweißen Zimmer bei langweiligem Tun hocken muß. Gucken auch die Buben zum Fenster hinaus und empfinden ungefähr dasselbe. Ertappen sich gegenseitig Lehrer und Schüler bei diesen abschweifenden Gedanken, gucken sich gegenseitig an und lachen.
Ein Dichterwort flattert unversehens aus Franzens heimlich klingender Seele auf: »In Grün will ich mich kleiden.« Unwillkürlich entschlüpft es seinen Lippen, sitzen die Buben versteinert da, als ob ein Märchenvogel bei dem offenen Fenster hereingeflogen wäre. Fängt einer von den ältesten Rangen in der letzten Reihe tölpisch zu lachen an, wohl aus Verlegenheit, ducken ihn aber die anderen schon nieder mit heimlichen Knüffen und zugerauntem »Kusch!« Wird aber sofort wieder das Maul gehalten, und sitzen alle atemlos da, wundersam berührt. Geht ein Engel durchs Zimmer, sagen die Leute, wenn plötzlich gespanntes Schweigen eintritt. Jetzt war's so. Ein Engel ist durchs Zimmer gegangen, der Genius, hat sie alle mit dem Finger ans Herz getupft.
Und Franz, der Schulgehilfe, reißt die Violine aus dem Kasten und spielt ihnen sein neuestes Lied vor: »In Grün will ich mich kleiden.«
Nach Hunderten zählen die Schöpfungen, die ihm in diesen Monaten durch das graumaschige Netz der eintönigen Tagespflichten als Geschenke des Himmels durch die Finger gleiten. Einer ist, der hat in der Tiefe des deutschen Herzens das unsterbliche Lied erklingen verspürt -- der deutsche Genius hat durch seinen Mund gesprochen: Goethe. Über diesen Dichterquell gebeugt, hat Franz das melodische Rauschen vernommen, darin der Wald raunt, der Bergstrom braust, das Herz aufschreit in Lust und Leid, die Wanderfröhlichkeit jubelt, und die Sehnsucht mit blauem Bande lockt; in sein Inneres hineinhorchend wie in einen tiefen Märchenbrunnen, hat er das Lied singen gehört. Das deutsche Lied. Draußen am Himmelpfortgrund ist es entstanden. Und hat anders geklungen als alles, was man je früher gesungen hat. Tiefer, feuriger, ergreifender.
Die kleinen Schulbuben verstehen nichts von Musik, aber das Lied, dieses und noch manches andere, das ihnen Franz vorspielt und mit halblauter Stimme vorsingt, haben sie gleich begriffen.
Franz legt die Geige sachte wieder hin, da bricht der starre Respekt, der eine künstliche Spannweite zwischen Lehrer und Schüler herstellt, wie eine Eisrinde vor der schmelzenden Glut der Herzen zusammen, die Rotzbuben sind aus den Bänken gestürmt und haben ihn jubelnd umdrängt, die Hand wollen sie ihm küssen, hinaufgeklettert sind sie an ihm, einer über dem anderen. In der Maske des Schulgehilfen haben sie den älteren Mitbruder und Kameraden entdeckt, die Kindheit hat ihn gleich begriffen, wie alles, was menschlich rein und echt ist. Es bedarf keines Nürnberger Trichters, keines Systems, keiner Schulzwangsjacken, keines Ochsens und Büffelns, sie haben es von sich aus verstanden. Somit wäre das richtige Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, gewissermaßen auf du und du, hergestellt.
»Putz' dir die Nasen!« geht die lachende Ermahnung an einen Knirps, der sich just vor inniger Freude an Franzens Handrücken abwischt. Hat aber kein Bub ein Schneuztuch, macht's ein jeder wie der Bauer mit zwei Fingern und dann auf die Erde damit, was im Schulzimmer nicht angeht. Fährt man also, wie im Notfall immer, einmal mit dem linken Rockärmel um die Nase, dann mit dem rechten, daß die Ärmelenden hart und speckig glänzen, wie glasierte Schweinsschwarteln.
Ist ein neuerliches Hallo über den Rotzbuben, daß es laut in den Schulgang hinausschallt, worauf der Herr Vater beim Türspalt hereinguckt, mißtrauisch über die Ungebundenheit, die gerade nur in Franzens Klasse herrscht. Ein Glück, daß im selben Augenblick die Glocke schallt und der Vormittagsunterricht zu Ende ist. Vater Schulmeister schüttelt den Kopf; er ist gar nicht recht zufrieden mit seinem neuen Gehilfen. Daß ein Lehrer die Anhänglichkeit und Liebe seiner Knaben zu gewinnen weiß, wäre schon recht; aber wo bleibt der schuldige Respekt?! Wo bleiben die Schulreglements?! Der Lehrplan?!
»Lehrplan, Schulordnung, Respekt sind die Hauptsachen, verstanden?!«
In Grün will ich mich kleiden ...! Allein oder mit Bruder Karl, der den rechten Landschaftersinn dafür besitzt, spaziert Franz häufig an Sommerabenden zwischen den Feldern und Weingärten der benachbarten Ortschaften umher! Eine versunkene Welt! Heute ragen nichtssagende Zinskasernen in staubigen, lärmenden Straßen in diesen Gegenden, die einst ländliche Idyllen waren.
In Grün gebettet zwischen schwellenden Hügeln mit Wein und Wald, liegen Währing, Weinhaus, Gersthof, Pötzleinsdorf, Döbling, ein lieber Kranz von Landschaften rund um die alte Wiener Stadt.
Begeisterte Naturgedichte entstanden in der damaligen Zeit, die frohen Müllerlieder waren hier für Franz Erlebnis geworden, der sie zum erstenmal sang. Er hat sich seine Dichter gefunden, nach Goethe die besten, und hat ihren Worten einen klingenden Mund verliehen, denn alles, was er hier ansah, war schon heimliche Musik. Er spürte sie zutiefst inwendig, und wenn die Dichterworte durch seinen Genius ihr klingendes Gefieder erhalten hatten, dann blieben sie auch nicht lange daheim in der Schublade, sondern flatterten aus, zu den Freunden in die Stadt, zu Spaun, der regelmäßig neue Noten von Franz bekam und sie wieder bewundernden Freunden weitergab.
Ein Legendenkranz hatte sich drinnen in der Stadt um den einen gebildet, »dessen Ruhm alle anderen überstrahlen sollte«. Er war schon berühmt und hatte zahlreiche Anhänger und wußte es nicht, indessen er abends als armer und sehnsüchtiger Schulgehilfe zwischen den Feldern ging. Und war dennoch auf eine heimliche und sehnsüchtige Weise glücklich, wie man es als naturfreudiger Mensch im Schoß solcher entzückender Landschaften nur sein konnte. Lieder, wie sie damals aus dem Herzen der Menschheit sproßten, blühen dem heutigen Geschlecht nicht mehr, die Menschenseele ist unfruchtbar geworden; sie hat den blühenden Garten ringsum in eine Wüste verwandelt und fristet in den Steinhaufen ein innerlich verarmtes Dasein. Das hätte man damals nicht für möglich gehalten.
Eines Spätnachmittags betraten Franz und Karl den Döblinger Friedhof, wo die selige Mutter begraben liegt. Steinerne Engel knien zwischen dunkelgrünen Zypressen in dem Alt-Wiener Friedhof, Urnen und gestürzte Säulen leuchten weiß in ernstem Grün, rote Blumen bluten da und dort auf den Gräbern. Der Vater hat einen einfachen Stein über den Grabhügel setzen lassen, ein frischer Wiesenstrauß liegt dort zu oben auf. Den hat die Stiefmutter niedergelegt, die Jugendfreundin von der Verblichenen. Gute Seele! Die Vögel schmettern in den Gebüschen wie in einem Lustgarten, die Einsamkeit verbirgt ihr Haupt in dem Schoß der Ruhe und des Friedens! Die Trauer war aus dem Herzen geschwunden, die Selige stand im Verklärungslicht.
Franz war ernst und hoch gestimmt. »Wir gehen alle in Gott!« sagt er plötzlich zu Karl, der zustimmend nickte, den Bruder aber nicht ganz begreift. In tiefem Gespräch gehen sie dann in der Dämmerung hin.
Der gläubige Franz! Er ist kein Grübler, kein Eiferer, kein Kirchenfanatiker, aber er besitzt ein frommes Gemüt wie jedes echte Naturkind. Die Seele weiß sich eins mit dem Geist der Dinge, der Natur, der fernen und nahen Lieben. Sie findet ihren inneren Ausgleich in dieser Allgegenwart alles Gutem, geheimnisvoll Wirkendem, geistig Lebendem und am Weltbau Schaffendem. Für ihn gibt es kein anderes hehres Wort dafür als: Gott! Darum gibt es für ihn auch in der Trübnis kein Sinken, kein Sich-verloren-wähnen, immer und überall geht er in Gott. Seine Seele ist wach und hat alle Fenster auf für die magischen Kräfte des Unendlichen, die auf ihn einströmen und das Band waren, das ihn mit allem lebendig verknüpfte, was er liebte und ehrte. Hier ist der Keimpunkt seines Dichtens und Werdens.
Als sie bei sinkender Nacht heimkehren, ist der Plan seiner Messe, die ihm im Kopf herumgeht, fertig. Seine kindliche Dankbarkeit, die Anbetung des Unendlichen, das Gedenken an die Verblichenen, das göttliche Allgefühl, alles will ausströmen als Gesang, als Jubel der Seele. Das hat ihn der liebe Gott gelehrt, dem will er's wieder zuwenden. Dem großen, geheimnisvollen, schöpferischen Etwas, das in und um ihn ist. Ein ganz Großer hat es ihm zuvorgetan, dem er in Ehrfurcht nachblickt; der herrliche, unsterbliche Mozart, dem der kleine, ränkesüchtige Salieri so bitter zugesetzt hatte.
Mozart, das war ein Wegweiser zu dem ganz Großen in ihm, auf das er horchen mußte. Mozart und dann ein anderer ganz Großer: Herr Ludwig van Beethoven, dessen ehrwürdig finsterer Erscheinung er zuweilen auf einsamen Wegen ansichtig wird. Alles weicht dem scheu aus -- so gehört es sich, wenn ein Gewaltiger kommt.
Trotz aller Schulnöten ist die Messe in zwei Monaten fertig -- gleich in Partitur geschrieben mit sämtlichen Chor- und Orchesterstimmen, die Prim- und Sekundviolinen je dreifach, die Baßstimmen doppelt in F-Dur komponiert -- so schön wie es nur einer kann, dem's der liebe Gott eingibt. Gar herrlich soll das Werk am hundertsten Jahrestag der Liechtentaler Kirche vom Chor herab erklingen.
Franz leitet die Aufführung, Herr Michael Holzer, der Regens chori, sitzt an der Orgel, den Sopransolo singt eine Schöne vom Grund -- Therese Grob. In der Kirche unter der Menge, die Kopf an Kopf steht, lauschen die Freunde Schuberts, die eine große Zahl Sinnesgenossen mitgebracht haben. Spaun ist mit einigen Leuten erschienen, die vor Begierde auf den jungen Meister brennen, den sie schon aus seinen Liederkompositionen schätzen und lieben gelernt haben. Sie lieben alle die Musik, der junge Maler Schwind, der Maler Kupelwieser, der weltmännische Herr von Schober, der dem Priesterrock entsprungene, verschlossene, von innerer Leidenschaft glühende Zensurbeamte und Dichter Mayrhofer, von den Konviktsfreunden gar nicht zu reden.
Nun stehen sie in der Kirche und lauschen auf das Trommeln, Pauken und Schmettern, das oben angeht, als ob sich der Himmel geöffnet hätte und die Heerscharen zu musizieren anfingen.
Zuerst ein stammelndes Geplauder in Tönen, wie wenn ein Kind zum Vater redet, zaghaft, dann unbekümmert, vertrauensselig, voll unschuldiger Hingabe. Jetzt erhebt sich ein Sopransolo mit klangvoller Macht; herrlich steigt die Stimme der Therese Grob aus wirbelnden Tonfluten hervor, schlägt schmerzliche Laute, ein demütiges Bitten, die Geigen flehen mit, der Chor tritt dazu, die Gefühlswoge steigt höher und höher, immer wilder entfaltet sich die blühende Stimme, ringt sich über alle Wirren himmelwärts, eine leidenschaftlich Liebende, die zum Herzen schreit, zum unendlichen Gnadenherzen, um Erhörung zu erzwingen.
Niemand weiß, daß sie längst Erhörung gefunden hat bei dem Meisterlein oben, der das Weltherz in sich fühlt und ganz gerührt und hingerissen ist, nicht so sehr von dem eigenen Werk, als von der einschmeichelnden Stimme der Therese Grob. Jetzt weiß er selbst zu seinem seligen Schmerz, was eine menschliche Stimme bedeuten kann. Er hat wahrscheinlich nicht geahnt, was das einfache braune Greislerkind in der Stadt, die Fanny, um ihn heimlich gelitten hat; nun leidet er um Therese, und ist glücklich, weil er so leidet. Er hat es nicht wissen wollen während der Proben, daß es sein Inneres so mächtig ergreift, aber schließlich gab es kein Vorbeidenken mehr, er ertappte seine Gedanken und Gefühle immer wieder dabei, wie sie mitten im Arbeiten, im Schulhalten, im Träumen, im Wachen und Schlafen auskniffen, und erwischte sie immer wieder bei dem Bild seines Herzens, der Therese Grob und ihrer schönen Stimme.
Nichts nützte es, daß er zählte von eins bis hundert, bis zweihundert, bis fünfhundert, abends im Bett, um ohne müßige Träumerei einschlafen zu können, half eben alles nichts gegen die beschämende Selbsterkenntnis: er war verliebt. Kerl, dummer, närrischer, blöder, verliebter! Möchte sich ohrfeigen, vor sich selber verkriechen, beschimpft sich, verachtet sich, alles umsonst -- die eigenen Koboldgedanken lachen ihn aus. Er kann dem Mädel gar nicht mehr ins Gesicht sehen, ist unhöflich mit ihr, verschlossen, fast grob -- und möchte zugleich in hilfloser Zärtlichkeit vor ihr vergehen.
Jetzt, wo er als Dirigent oben steht und die Stimme wieder niedersinkt, demütig um Erbarmen bettelnd, fühlt er ganz klar, wie es um ihn steht; er zittert, daß ihm beinahe der Taktstock entfällt. Die Geigen klagen und irren ängstlich umher, ein Fortissimo setzt ein, der Chor tritt mit verstärkter Macht auf, und die Stimme wirft sich verzweifelt empor -- und jetzt ist es, als ob sich der Gnadenschoß auftun würde, Engelschöre schmettern aus allen Himmelstiefen die Verkündigung herab, die Stimme der Seligen ertönt süß und heilig, die unendlich erlösende Liebe nimmt die Flehende in ihr unendliches Reich auf.
Die Freunde drängen nach Schluß dem Choraufgang zu, aber Franz ist bereits entschlüpft, einer, der aus dem Gnadenhimmel gestürzt ist und keine Erhörung suchen und finden kann. Heimgerannt ist er, um sich zu verstecken, in sein Zimmer hinauf, heiß und schmerzvoll, da fährt er zurück, ein ungeschlachtes Ding steht da, bleckt ihn mit weißen Zähnen an, ein ausgewachsenes, fünfoktaviges Klavier, ein Geschenk des Herrn Vater zu dem Tag, wo der begnadete Sohn eine Berühmtheit vom Himmelpfortgrund geworden ist. Ja, das ist er imstande, der knickerische, tyrannische, rechnerische Hausvater, der jedem den Bissen vorrechnet und dann wieder das Herz hat, im rechten Augenblick groß zu sein.
Franz steht da wie ein armer Sünder. Ein fürstliches Geschenk! Daß der Vater die Spendierhosen angehabt hat, schier wie ein Verschwender, das rührt ihn fast zu Tränen. Er dankt mit ein paar trockenen Worten, die widerwillig genug klingen. Ja, kann man denn alles sagen, was man inwendig hat?! Lieber soll's einem zersprengen, als so kindische Gerührtheiten! Er muß sich gleich wegwenden, damit man's nicht merkt, was eigentlich in ihm vorgeht.
Aber da kommen schon die anderen angestiefelt, der Herr Regens chori, der Herr Fabrikant Grob, mit ihm die Tochter Therese -- o Gott, da verschlägt's ihm völlig die Red'.
Sie kommen alle gratulieren, der Herr Regens chori ist gar stolz, weil er Schubert seinen einstigen Schüler nennen darf und ein Abglanz des Ruhmes auf ihn, den alten Lehrer, fällt; der Herr Fabrikant Grob aus der Liechtensteinstraße bittet den Herrn Vater Schulmeister und namentlich den berühmten Sohn Franz um die Ehr' ihres Besuches, sie hätten selber ein kleines Hausquartett -- es könnte sich natürlich nicht messen mit einem solchen vollendeten Meister der Tonkunst, wie der Herr Franz -- er möge halt gnädig ein Auge oder alle zwei zudrücken, aber die Freude soll er ihnen nicht versagen, zu kommen, und wenn die Bitte nicht gar zu verwegen ist, sie durch das Vorspielen einiger Sachen zu erfreuen. In der Kirche sei alles hingerissen gewesen, die Leute hätten geweint, und er selber ist dagesessen wie mitten drin in der Seligkeit. So, und jetzt muß er ein wenig verschnaufen.
Therese, schon ein wenig ungeduldig über des Vaters lange Rederei, sie hat selber so viel zu sagen, verpaßt natürlich nicht den Einsatz und legt nun los wie ein Sturzbach, daß dem armen Schubert gar wirr zu Kopf wird. Von ihrem schrecklichen Lampenfieber erzählt sie, daß es ihr die Kehle zugeschnürt hat und wie sie mehrmals auf ein Haar daneben gesungen hätt' -- ob er denn gar nichts bemerkt hätt', der Herr von Schubert?
»Hab' nichts bemerkt,« versetzte er hölzern, »ist ohnehin gegangen wie aus einem Wasserröhrl!«
Wasserröhrl?! -- das kühlt auf einen Moment ab wie eine kalte Dusche. Therese wird einen Augenblick blaß, Franz wird über und über rot, weil er denkt, jetzt hat er was Dummes gesagt. Ja mein, Süßholzraspeln ist halt nicht seine Sache. Das muß sie schon verstehen, daß er's gut meint. »Ist ohnehin ganz gut gegangen,« fügt er hinzu und glaubt schon, weiß Gott was für eine Riesenschmeichelei das jetzt wär'. Ist sehr unsicher und beschließt insgeheim, lieber wenig oder gar nichts zu sagen, bevor er wieder einen Schnitzer macht.
Das Mädel ist erpicht auf Komplimente, ein Bonbon, eine Schmeichelei, sind ja so verwöhnt, die jungen Dinger, schaut ihn fast rührend und bittend an, tut gar so schön zu ihm und laßt ihn nimmer aus, damit nicht Vater Grob den Herrn Franz in Beschlag legt. Süß kann sie es wie eine Turteltaube, redet mit holder Schwatzhaftigkeit vom Hundertsten ins Tausendste, redet nicht nur mit dem Plappermäulchen, redet auch mit den hurtig herumspringenden Äuglein, redet vor allem mit den Händen, die jedes Wort ausführlich begleiten, weiß sich gar nicht zu halten vor lauter Temperament -- Wiener Mädel vom Grund!
Er steht da, steif und unbeweglich wie ein Sack, strengt sich an, möcht' was Gescheites sagen, fühlt sich ganz blöd, fällt ihm absolut nichts ein. Ganz tramhapert ist ihm zumut, und zugleich ist er ganz seltsam bewegt von dem lebhaften Mädchen, die aufgeschossen und schlank vor ihm steht und sich wiegt wie eine blühende, weißgrüne Staude, duftig und schneeweiß gekleidet mit vielen bauschigen Falben, hellgrün besetzt, weißen Strümpfen und weit ausgeschnittenen Halbschuhen, die mit kreuzweise um das Bein geflochtenen Bändern festgehalten sind. Die Ärmeln sind weit und hoch geschoppt, das gibt ihr etwas Rundung, was sie nötig hat, der Hals trägt im tiefen Brustausschnitt ein farbiges Medaillon an einem schwarzen Samtband, sie scheint um einen Kopf größer, vielleicht wegen der hoch aufgetürmten Frisur, die den Scheitel mit einem Lockenbau krönt. Das Gesicht wäre hübsch zu nennen, wenn die Nase nicht ein wenig zu lang geraten wäre.
Aber ihre Lebhaftigkeit verschönert sie, sie ist immer in Bewegung, das verschleiert die Fehler. Er könnte sie nicht beschreiben, die zum Teil recht unproportionierten Einzelheiten fallen ihm gar nicht auf, er hat nur den Eindruck von etwas sehr Lieblichem als Gesamterscheinung, und die Erinnerung ihrer Stimme im Ohr -- so erscheint sie ihm zauberschön. Mit einem Wort: er ist weg, ganz weg! Während ihr das Mundwerk geht wie ein Mühlenrad, denkt sie beiseite: daß er gar so ein Stockfisch ist und nichts sagt als bloß Hm! Ja freilich! Natürlich! So so -- ja ja!
»Also Herr von Schubert,« versichert der Schäker beim Abschied, »eine ganze Stunde haben wir verplaudert und lustig war's! Also nicht wahr, Sie kommen ganz bestimmt zu uns -- es tät' den Vater halt soviel freuen!«
Franz besann sich.
»Das muß ich mir erst überlegen -- wir werden schon sehen .... wissen Sie, ich hab' halt so wenig Zeit!«
Das Herz schrie zwar: ja, ja, ich komme gleich, lieber heute als morgen, aber die Angst, zudringlich zu erscheinen, legte ihm Worte in den Mund, daß es fast wie eine Absage klang. Der Vater Schulmeister mußte sich ins Mittel legen und an seiner Statt die Zusage geben.
Hinterher stieg's dem guten Franz zu Kopf, daß er sich so geziert hatte. Sie wird doch wohl nicht gekränkt sein? Der Gedanke brachte ihn beinahe zur Verzweiflung. Rannte hinaus in die Einsamkeit, zwischen den Feldern die halbe Nacht umher. »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide ....« Lust und Schmerz wird Gesang. Ein Glück, daß er schreiben kann. Musik, o Musik! Sprache der Seele, Sprache der Götter! Sprache der Liebe!
Aber Worte müssen dabei sein, Worte! Ein Wort wenigstens. Ein süßes, inniges. Lautet: Therese! Muß es wenigstens vor sich hinsagen können, muß es hören. O Gott und die Qual, mit niemanden darüber reden zu können. Mit den Rötzlingen in der Klasse? Ausgeschlossen! Mit den Brüdern? Das ginge schon gar nicht! Man hat sich ja recht gern, aber man schämt sich seiner Gefühle voreinander, unter Verwandten ist das einmal so. Man läßt nicht gern in sein Inneres hineinschauen.
Bei dem Freund ist das was anderes, den hat man nötig -- als Seelengefährten. Ein Glück, daß jetzt einer daherkommt, der Erlösung bringt, sonst müßte man sein Geheimnis ja in ein Erdloch hineinschreien, damit es nicht die Brust zersprenge. Holzapfl ist es, der liebe Kamerad von der Schulbank her. Ein nettes Bürschlein, das Gesicht kugelrund, etwas gschaftelhuberisch von Gebaren, wichtig und eilig.
Schwärmt natürlich gleich von der Messe, haben alle so ungemein bedauert, daß sie den Franz nicht haben sehen können. Hätten gern eine kleine Nachfeier veranstaltet, scheint aber schon ordentlich stolz geworden zu sein, der Franz, jetzt, wo ihn die Sonne des Ruhmes bescheint ..... die Freunde lassen ihn natürlich alle schön grüßen, schöne Grüße unbekannterweise auch von Schwind, von Herrn von Schober, von Mayrhofer, von dem er übrigens ein Gedicht bringt. Der Spaun hat's ihm gegeben, Franz möcht's durchsehen, ob's ihm gefällt, Herrn Mayrhofer tät's riesig freuen, wenn es von einem solchen Künstler vertont würde. »Am Erlafsee« heißt es ....
Franz nimmt das Gedicht, legt es wortlos hin, packt Holzapfl unterm Arm: »Komm, ich muß hinaus an die Luft!« und draußen sind sie alle zwei, in irgendeiner Erdfurche zwischen den Feldern und Hügeln, in einem Weinbergshohlweg verschwunden.
Wovon reden sie? Von dem großen Ereignis natürlich, von der Messe. Franz erklärt und erklärt und beweist ihm haarscharf, daß das Beste des Gelingens ihr zu verdanken sei, ihr allein!
»Wem, ihr?«
»Nun ihr -- der Therese. Die Stimm', Freund, daß einem 's Herz in der Brust zergeht! Wie soll ich dir's denn sagen .... mein, ich kann dir's ja nicht sagen! Ich schäm' mich ja -- aber es muß doch 'raus! Du -- lach' mich aber nicht aus! -- Du -- hörst mich?!« Er rüttelt den Holzapfl bei den Schultern.
»Ich lach' dich bestimmt nicht aus!« schaut ihm der Holzapfl gerade ins Gesicht und tut sehr ernsthaft.
Drückt ihn der Franz auf eine Grasböschung nieder.
»Setz' dich nieder, daß du nicht umfallst. Aber du, wenn'st mich auslachst, dann, dann ...«
Der Holzapfl ist platzgespannt im Gesicht vor Erwartung und Neugier. Die klugen Äuglein bohren sich fest und fragend in Franz, als wollten sie bis auf den Grund des Herzens sehen; aufpassen tut er wie ein Haftelmacher, daß ihm kein Wort entginge.
Franz packt ihn jetzt und hält ihn fest. »Du -- dir sag' ich's jetzt und niemand auf der Welt! Schwör', daß es unter uns bleibt, schwör'! Also -- verschwiegen wie das Grab! So, jetzt will ich dir's sagen -- weißt du, wenn ich jetzt könnt' -- sie und kein andere!«
Holzapfl springt auf, reißt sich los, schamrot im Gesicht, dem Weinen nahe.
»Franz, du -- abtrünnig! Ein Frauenzimmer -- das hätt' ich nie geglaubt von dir!«
Sie gehen eine Weile stumm und erregt nebeneinander, Franz begossen wie ein Pudel. Geschieht mir schon recht, denkt er, wozu hab' ich's nötig gehabt .....
»Ein Frauenzimmer -- zehn Schritte vom Leib!« beginnt Holzapfl zu fiebern. »Da bist du schon verloren -- hat Samtpfoten, stecken aber Teufelskrallen drin, lassen dich nimmer aus -- bist ihnen verfallen mit Leib und Seele. Kommt mir keine an den Leib, eher -- ich weiß nicht, was ich eher tät'! Fürchtest du dich denn gar nicht, Franz? Tu's nicht, ich bitte dich, tu's nicht! Wir sind deine Freunderln -- sind wir nicht genug?! Du uns im Stich lassen, hast nicht genug an uns?! Ich wär' zu stolz an deiner Stell'. Was ein rechter Kerl ist wie du, der soll nicht einmal hinschauen auf sie. Verachten tu' ich's, das ganze Weibergelump!«
So redet der mannesstolze Jüngling in seiner Ekstase der Keuschheit. Franz ist jetzt wirklich beschämt, er empfindet ähnlich, er hat auch seinen herben Jünglingsstolz, aber verachten, verachten kann er sie just nicht, die Holdinnen, und nun gar Therese! Er verteidigt sich und seine Liebe, so gut er kann. Aber es klingt etwas hohl wie eine geschwollene Phrase. »Glücklich, der einen wahren Freund findet!« sagt er. »Glücklicher, der in seinem Weib eine wahre Freundin findet!«
Der andere ist immer mehr aufgebracht.
»Freundin, sagst du? Gibt es nicht! Puppenköpfe! Steht ihnen nur der Sinn nach Bändern und Kram. Tändeln, spielen Fangball mit dir. Ist mit ihnen das Unglück in die Welt gekommen. Hätte glücklich gelebt, der Adam im Paradies, wär' nicht die Schlange dagewesen mit dem Apfel. Wer ist die Schlange? Das Sinnbild des Weibes ist es, ihrer Arglist und Falschheit. Ich beschwöre dich, Franz, bei unserer Freundschaft, bei deiner Kunst, bei allem, was dir heilig ist, laß ab, laß ab -- oder du bist hin!«
So kämpft der Knabenstolz gegen etwas, das er nicht kennt, das er fürchtet wie eine dunkle Nacht -- er würde sich nicht so wehren dagegen, wenn er ihr nicht schon halb und halb verfallen wäre -- im Unbewußten wenigstens.
Sie ringen miteinander mit harten Worten. Franz ist erbost. Er will keine Hofmeisterei, er hat nichts getan, weswegen ihn der andere jetzt maßregeln dürfte. Die Freiheit muß er haben, er selbst muß er sein können -- ob so oder so. Nun bäumt er sich zum erstenmal bewußt auf gegen den Freund.
»Laß mich in Ruh'!« braust er auf. »Du, geh -- dein Weg ist dort; ich gehe hier, meinen Weg! Servus!«
Und läßt den Verdutzten stehen. Jeder wandert allein fort in Dunkelheit.
Sein Holzpuppengesicht ist knallrot, als er mit den Freunden in der Stadt zusammentrifft. »Ein Abtrünniger ist er!« schreit Holzapfl den Genossen entgegen. »Seine Freunde hat er vergessen, verraten hat er sie, verlassen -- einer Circe ist er ins Netz gegangen, der Ehrvergessene!« und erzählt mit fliegendem Atem alles, was er von Franz gehört, und noch viel mehr dazu, was ihm die erhitzte Phantasie eingibt, die in der Ausmalung verbotener Genüsse schwelgt.
Der romantisch angehauchte Schwind ist dabei, der trägt selbst an heimlichem Liebesleid und träumt von einem adligen Fräulein, dem er in stummer, ritterlicher Minne huldigt. Der kann bös und gefährlich werden, wenn ihm einer an dem Idealen rührt. Fährt auch sofort dem sauertöpfigen Holzapfl übers Maul und hält eine Verteidigungsrede auf Franz, obschon er ihn noch nicht kennt.
»Jetzt gefällt er mir erst recht, weil ich weiß, daß er die Frauen ehrt! Grüßt ihn von mir und sagt ihm, daß ich ihn im Geiste schon heute Bruder nenne! Geh', saures Holzapflgesicht!«
»Wie schaut sie denn aus, die Erkorene?« will der stutzerhafte Herr von Schober wissen, der im Gegensatz zu Schwind eine etwas lockere Weltansicht über die Amourschaften hat.
Holzapfl ist gereizt wegen Schwind und tut auf eigene Faust wissend. »Eine Vogelscheuchen ist sie, schielt, hat zwei linke Füß', stoßt mit der Zunge an, und ist dumm wie ein Stock -- aber sonst fehlt ihr nichts!«
»Hast du sie gesehen?«
»Nein -- gesehen nicht -- aber gehört! War doch die, die am Chor gesungen hat!«
Jetzt aber hat der essigsaure Holzapfl auch bei den anderen ausgespielt.
»Der Stimme nach muß sie schön sein wie eine Helena!« versicherte der kennerhafte Herr von Schober, der sich in Schönheitsurteilen auf den jungen Paris hinausspielt.
Ganz zuletzt läßt sich der ernsthafte Spaun vernehmen: wie dem auch sei, es scheint doch etwas Bedenkliches daran zu sein, man müsse sich doch umsehen, um den lieben Franz aus einer womöglich gefährlichen Umschlingung zu befreien; es sei nicht gut für ihn, draußen in der Vorstadt unter kleinen Leuten zu hausen, der Künstler müsse seine innere Freiheit bewahren, man sollte ihm häufiger bei einem Glas Punsch im engen Freundeskreis das Gemüt erheitern. Es wird beschlossen, daß Spaun den Wildling aufsuchen und bewegen soll, öfters in der heiteren Tafelrunde zu erscheinen.
Im flaschengrünen Schulmeisterfrack mit großen Knöpfen, hoher Halsbinde, daß kaum das Kinn herausguckt, frisch gebügelter Nankinghose, derben Halbschuhen mit Schnallen, Notenrollen unterm Arm, so betritt der Schulgehilfe und Meisterkompositeur Franz Schubert den Salon im Hause Grob. Eine Menge Leute sind da, junges Gfliederwerk mit Kichern und Lachen, junge, geckige Herren, Fabrikantenssöhnerln, Therese mitten unter ihnen, dann auch behäbige, gesetzte Leute vom Schlag des Ehepaares Grob -- musikalischer Abend.
Des Vater Schulmeisters Hausquartett hat ebenfalls allmählich einen größeren Kreis angezogen, es mußte außer Haus verlegt werden und fand bald bei dem einen oder anderen Musikfreund oder Gönner des jungen Schubert statt, eine Zeitlang in der Dorotheergasse, dann im Gundlhof, zuletzt am Bauernmarkt bei Anton Pettenkofen, dem Vater des berühmten Malers. Es waren schon förmliche Konzerte, die immer mehr Zuhörer anzogen, besonders solche, die Schuberts eigene Kompositionen hören wollten -- sie hätten sich, wenn es damals üblich gewesen wäre, Schubertverein nennen können.
Der Abend bei Grob war eine neue Sache, der Anfang jener ungezählten Schubertiaden in Wiener Bürgerhäusern, die so viel von sich reden machten.
Franz, in dem neuen Kreis Menschen ziemlich befangen, machte linkische Verbeugungen nach allen Seiten -- elegant sah er ja nicht aus, das war nicht seine Sache -- aber die Herzen wendeten sich ihm sofort zu, besonders die weiblichen; von der ersten Minute an war er Hahn im Korb. Therese tat gar liebreich mit ihm, die Noten hatte er für sie gebracht, Neuschöpfungen für ihre Stimme geschrieben, eine Huldigung seitens des Genius, die mehr sagte als alle Worte, aber kaum, daß er das musikalische Angebinde darzubieten sich getraute.
Er drückte ihr die Notenrollen in die Hand und bat, sie soll's einstweilen beiseite legen, und später einmal vielleicht einen Blick hineinwerfen, es ist keine so eilige Sache. Sie legte denn auch das Geschriebene in unbegreiflicher Achtlosigkeit beiseite, wie er es gewünscht, was ihm jetzt aber auch wieder nicht recht war.
Er machte sich gleich am Klavier zu schaffen, und es dauerte nicht lange, so hatten sich die Musikfreunde herum gruppiert; das Brodeln und Fiedeln konnte angehen.
Therese saß im Halbkreis gegen den dunklen Hintergrund des Zimmers inmitten von jungen Männern, wohlig zurückgelehnt, träumerisch, daß es scheinen mochte, als wäre sie von der Musik ganz berauscht. Franz, der das Klavier bearbeitete, sah durch seine Brille ab und zu einmal hin, wenn eine kleine Pause für ihn kam. Aber was war das! Täuschten seine Gläser ein Trugbild vor? Sah er Phantome?
Er mußte noch einmal schärfer hinsehen. Beinahe hätte er den Einsatz verpaßt und das ganze Orchester umgeschmissen. Richtig, das war kein Blendwerk! Sie saß dort im Kreise der jungen Männer und einer dieser Pomadenhengste hatte verstohlen den Arm um ihre Mitte geschlungen, und sie, sie ließ es ruhig geschehen .... ja noch mehr, sie lehnte sich an seine Schulter, während sie sich unbeobachtet wähnte, und verdrehte wollüstig die Augen, daß er selbst beschämt und betroffen seinen Blick senken mußte.
Das war also keine Täuschung; eine heimliche Liebesszene spielte sich dort im Halbdämmer des Zimmers ab. Sie, die Heilige seines Herzens, in den Armen eines anderen! Er schlug sein Fortissimo ins Klavier hinein, daß die Saiten hätten springen mögen, stärker schrien sie nicht auf als die zersprungenen Saiten seines Herzens. Ja -- was war er denn jetzt noch, den die Weibsleute liebten und hätschelten?! Ein bloßer Wurstel -- es war zum Weinen -- Holzapfl, du hast recht gehabt!
Es war ihm wohl dabei wie einem, der Zahnweh hat und schmerzstillende Mittel versucht. Augenblicklich wirkte es ja als angenehme Betäubung, er fühlte zwar das Toben inwendig, freute sich aber seiner augenblicklichen Empfindungslosigkeit, war sogar guter Dinge den ganzen Abend lang -- aber nachher, nachher kam's um so schlimmer.
»Die Liebe hat gelogen --« Er wühlt sein eigenes Wehgefühl in Platens Gedicht und spinnt die Melodie heraus, die seinem verwundeten Herzen recht war. Drum ist soviel Leben daran, weil alles, was er schafft, mit seinem Leben zu tun hat und aus diesen Wurzeln sprießt.
Mit einem Male war's ihm zu eng daheim. Die Schule, das Vaterhaus, alles dünkte ihn freudlos und unersprießlich. Seine Sehnsucht irrte wieder ins Uferlose, er kleidete sie in Lieder und sang wie ein Vogel in der Gefangenschaft. Das Glück, wo blieb das Glück?! Das lag draußen irgendwo, fern, im Unbestimmten. Ein Schluck Freiheit, das wäre auch zugleich ein Schluck Glück!
In Laibach ist die Stelle eines Musiklehrers in einer öffentlichen Musikschule zu besetzen; Bewerber werden gesucht, so meldete die amtliche Wiener Zeitung. Dem guten Franz scheint es wie die Grußhand der Ferne, die ihm winkt. Ist das die Freiheit? Einerlei, es ist einmal etwas anderes, eine Abwechslung in dem ertötenden Gleichmaß. Was ist denn Freiheit? Das Recht, sich von einer Abhängigkeit in die andere begeben zu dürfen. Gut also, von diesem Recht, das mindeste, was der gefesselte Mensch hat, will er Gebrauch machen. Er will sein Glück in der weiten Welt versuchen und bewirbt sich. Braucht der Herr Vater derweil nicht wissen.
Der gute Vater Schulmeister hatte aber schon seinen eigenen Plan gehabt. Der ist klug und vorsorgend und sieht ein, daß der Franz höher muß. Auf eigene Faust wirbt er für den Sohn um die erledigte Lehrerstelle an der Schottenschule. Der Schottenprälat ist sein Gönner, etwas Protektion braucht man immer, und wer es verdient, warum sollte der nicht Protektion haben? Doch er am meisten!
Aber so geht's in der Welt, wer's verdient, bekommt's erst recht nicht, denn gewöhnlich haben die, die's nicht verdienen, die bessere Protektion, und das entscheidet. Kurz, das Gesuch des Vaters Schulmeister für seinen Sohn wird abschlägig beschieden. Franzl, du hast frühes Pech!
Der Franzl ist fast froh darüber, denn er möchte weit, weit weg. Freut sich heimlich auf den Weizen, der ihm in Laibach blühen soll. Um den Schnitt zu machen, bedarf es wohl einer ausgiebigen Empfehlung, und der Mächtigste, der dort die Entscheidung zu bestimmen vermag, wäre der Herr Hofkapellmeister Antonio Salieri.
Die Umstände sind glücklich gefügt; die F-Dur-Messe wird in der Augustinerkirche wiederholt. Wie früher Herr Michael Holzer, ist jetzt Antonio Salieri stolz auf diesen Schüler und nimmt den Löwenanteil seines Erfolges auf sich. Er umarmt Schubert nach der Aufführung: »Franz, du bist mein Schüler, der mir noch viele Ehre machen wird!«
Eine Empfehlung Salieris würde in Laibach die erwünschte Wirkung tun; jetzt kann er sie verlangen. Gesagt, getan! Salieri schreibt: »+Io qui Sottoscritto affermo+ ....« Klingt zwar ziemlich kühl, das Empfehlungsschreiben, aber Salieri braucht nur mit dem kleinen Finger zu winken, man versteht schon .... genügt also!
Diesmal nach der Aufführung in der Augustinerkirche ist Franz den Freunden nicht entschlüpft, es hat ja auch keine Therese am Chor gesungen.
Franz hat ein Notenblatt in der Tasche, das ist für Mayrhofer bestimmt, die musikalische Begleitung für das Gedicht »Am Erlafsee«. Von Spaun an der Hand geführt, betritt er mit dem Freund ein niedriges, langgestrecktes Zimmer in der Wipplingerstraße, das sich halbdunkel wie ein Schlauch hinzieht und in einer kreisrunden Erweiterung endet, die durch viele Fenster einströmendes Licht empfängt.
Stimmungsvoll ist es in dem Raum, dessen weiße Decke vom Tabaksqualm gebräunt ist wie eine gut angerauchte Meerschaumpfeife. Blumen stehen am Fenster, ein Kanarienvogel singt, Tabakspfeifen stehen am Ständer in Reih' und Glied, Bücherschränke an den Wänden, in der Mitte des erweiterten Raumes ein kreisrunder Tisch, gepolsterte Lehnstühle herum, denen allerdings hie und da die Roßhaarfüllung aus dem abgenützten Leder hervorguckt, im ganzen aber hat die Behausung den freundlichen behäbigen Anstrich wie die Wohn- und Studierstube eines alten Pfarrhauses.
Mayrhofer, der im Schlafrock, die Pfeife im Mund, bei einem aufgeschlagenen Buch sitzt, begrüßt die Ankömmlinge in seiner etwas bäurisch priesterlichen Art, die ihm noch vom geistlichen Stift her geblieben ist, handfest und herzlich ungeniert, aber mit einem Rest von überlegener Würde; sieht auch so seelsorgerisch aus, zugeknöpft bis oben, als ob er im Talar dastände.
Ein altes Spinett in der Ecke wird aufgeschlagen, die liebliche Musik, die Franz zu dem Gedicht geschrieben hat, erklingt. Mayrhofer verliert fast seine sonst zur Schau getragene gemessene Beherrschung, so entzückt ist er, und macht in gutmütig scheltender Weise dem stillen Spaun den Vorwurf, daß er ihm Schuberts Schöpfungen nicht hoch genug gerühmt habe. Franz selber sagt nicht viel, er schaut sich nur den Mayrhofer an, der wiederum schaut ihn an, und beide sind von diesem Augenblick an in dicker Freundschaft verbunden gewesen. Hat nicht vieler Worte bedurft.
Fast so geht's mit Schwind und mit Schober, als der ganze Kreis abends mit Schubert beim Wein sitzt. Sie haben ihn alle geliebt, die Freunde, vom ersten Augenblick an. Das ist ein Trost, der für manches Leid entschädigt. Ja, das ist mehr, das ist ein Glück, es ist eine Kraft! Franz hat das beruhigende Gefühl: in diesem Zirkel bist du beschützt, hier kann dich kein Übel anwehen, die feindliche Macht wird an diesem Bollwerk zuschanden werden!
Da war's dem Franz auf einmal hell und weit in der Brust. Und er erkannte: hier ist deine Heimat, wo deine Getreuen sind. Sie saßen mit freudigen Gesichtern um ihn herum und feierten seinen jungen Genius. Durch den goldgelben Wein, mit dem sie ihm zutranken, blickten sie ihn an; stand keiner so hoch wie er und waren ihm doch alle gleich, wenigstens durch das Genie der Freundschaft.
Und wie verstanden sie es, dieses Genie der Freundschaft zu betätigen! Sammelten sorgfältig alles Geschriebene von ihm, dessen sie habhaft werden konnten, und trugen die Freude darüber in alle Welt, als Verkünder des jetzigen Meisterleins. Aber der treueste Johannes war der sanfte Spaun. Hat einen blühenden Strauß von Melodien, die Franz um Goethes Lieder gewoben, an Seine Exzellenz nach Weimar geschickt mit einem längeren, devoten Schreiben dazu. Der Künstler wünsche diese Sammlung Seiner Exzellenz in Untertänigkeit weihen zu dürfen .... Ich, einer seiner Freunde, wage es, Euer Exzellenz in seinem Namen darum zu bitten; für eine dieser Gnade würdige Ausgabe würde gesorgt werden usw. usw.
Die Anerkennung Goethes, die Annahme der Widmung soll den Schöpfungen den Weg in die Öffentlichkeit erleichtern und ihnen den buchhändlerischen Erfolg sichern -- aber Goethe gibt keine Antwort. So schwer hat es der werdende Genius bei den Zeitgenossen, den großen und den kleinen! Zeitgenosse, das Wort wird bald einen bösen Klang haben!
»Macht nichts,« tröstet Spaun, »muß auch so gehen. Und wenn du sie eingräbst, deine Werke, so werden sie von selber herauswachsen, so stark ist die Kraft darin. Lauheit, Teilnahmslosigkeit, ja, selbst Widersacherei werden am Schluß Spott und Schande haben!«
»Liegt nichts dran,« nickt Franz, »muß auch so gehen.«
Hebt Schwind sein Glas, trinkt Franz zu, bedeutsam: »Auf unsere Lieben!«
Die anderen verstehen gleich, wo er hinaus will. Aha, denkt der Schober, daher geht der Wind und ist alsbald in seinem Fahrwasser; er hat ja eine so großartige Suada, daß Franz nur so aufhorcht. Und so sind sie gleich mitten drin in der Debatte um Frauenzimmer, um Liebe und Ehe. Gehen's gleich gründlich an, die Neunmalgescheiten!
Da auf einmal läßt sich Franz vernehmen, wettert gar schrecklich gegen das schöne Geschlecht, tut sich wirklich als grimmiger Weiberverächter auf und hat's besonders scharf gegen die Ehe, die er als etwas Schreckliches für den freien Mann schildert, der Herr Naseweis. Alle horchen verwundert auf und schauen jetzt auf den Holzapfl, der dasitzt wie ein Lügner. Kann doch kein wahres Wort dran sein an allem, was er über den ahnungslosen Franz geschwatzt hat! Holzapfl, Holzapfl!
Der schaut ganz dumm drein! Entweder lügt Franz jetzt, oder er hat früher gelogen -- Holzapfl kennt sich nicht aus.
»Da sieht man wieder,« ergreift Spaun das Wort, »wie unser Schubert gesund ist, gesund im innersten Kern -- und wie dagegen der Holzapfl krank ist, krank und wurmstichig!«
Der springt auf und protestiert lebhaft, daß er krank sein soll. Er sei sein Leben nicht einen Tag krank gewesen, er fühle sich so gesund wie nur je einer.
»Ja, aber,« läßt sich Schwind vernehmen, »du leidest eben an ausschweifender Phantasie, du wurmstichiger Holzapfl, du!«
Darüber ist großes Gelächter, daß der trockene Holzapfl an einer ausschweifenden Phantasie leiden soll, und so bleibt es unter der freundlichen Stimmung des Abends verborgen, daß Holzapfl so wenig reinen Mund halten konnte, ja, daß er Schubert eigentlich ein wenig angeschwärzt hatte. Und wird zur Wiedervergeltung von den anderen als räudiges Schaf behandelt.
Das Verhältnis zu Salieri nimmt eine Wendung, als der Italiener einige der nächsten geistlichen Kompositionen Schuberts zu Gehör bekommt. Hat der Schüler alle Ermahnungen, sich italienische Meister zum Vorbild zu nehmen, in den Wind geschlagen? Die B-Messe zeigt es sehr deutlich. Die war unverkennbar einem Boden entsprossen, den so Mächtige wie Beethoven und vor ihm Mozart und früher Haydn gepflügt und ertragreich gemacht haben. Der Italiener hatte eine feine Witterung: Was Schubert machte, war nicht fremdes Gewächs, künstlich in heimische Erde verpflanzt, das war Ureigenes, an deutschen Meistern Erstarktes, vor allem aber Selbstempfundenes: deutsches Gemüt war darin und außerdem das Köstlichste: Heimatsgefühl.
Jetzt begann ein Nörgeln und Tadeln, dies und jenes war nicht recht, der gepriesene Schüler hatte zu gehorchen und nach Salieris Pfeife zu tanzen, sonst waren die Gnaden verscherzt. Es wäre ja klug gewesen, den Mantel nach dem Wind zu hängen, und jeder Streber hätte zum Schein wenigstens so getan, um die Gunst des Fürsprechers zu erhalten; aber die Heuchelei war dem guten Franz nicht gegeben. Er stand schon zu fest auf eigenen Füßen im Gefühl seiner Meisterschaft und durfte lächelnd den unduldsamen Zuchtmeister über die Achsel ansehen.
Er ließ sich eine Weile gutmütig die Kritik gefallen, verlor dann die Geduld und erklärte, jeder müsse als fertiger Künstler auf seine innere Stimme horchen, nicht auf das Gerede von außen -- mit dieser Absage an Salieri war auch der Bruch vollzogen.
Er bekam's bald zu fühlen, der Franz; aus Laibach kam endlich der Bescheid, daß die Stelle schon vergeben sei, ein vorgeschobener Günstling Salieris hatte sie unter der Hand bekommen. Der Traum von Ferne, Welt und Freiheit war vorderhand zerronnen -- armer Franz; er hatte wirklich Pech in solchen Dingen von allem Anfang an. Oder war es Glück? War ihm ein anderer Weg vorgezeichnet, der ihn seiner Bestimmung näher führte?
Wer vermag's zu sagen?!
Wohin nun, da alle Auswege verrammelt schienen? Die Freunde in der Stadt, die waren ein Stück Freiheit, die Zuflucht. Aber von diesen war er getrennt durch lästige und drückend empfundene Alltagspflichten im Schulhaus. Die Freiheit, das war die unbekannte Menschheit, die schon auf ihn aufmerksam zu werden begann. Aber kein Weg und kein Steg führte in dieses gesuchte Land. Recht klein und elend kam er sich vor als armer Schulgehilfe vom Himmelpfortgrund. Still war er, wenig froh, die Sonne erschien ihm kalt, die Blüten welkt, das Leben alt, leerer Schall, was sie daheim redeten, ein Fremdling, er, im gewohnten Kreis.
Und das gesuchte Land, das geahnte, nie gekannte, das hoffnungsgrüne, wo seine Freunde gingen, wo und immer wo? Im Reich der Dichtung fand er verwandte Stimmungen und Schicksale; er ergriff sie als Selbsterlebtes und Selbsterlittenes und gab zu den tief empfundenen Versen, die er sich erwählt hatte, gleich sein eigenes singendes Herz dazu.
Was ihm die größte Last war, seine kleinen ungeschneuzten Schulbuben, denen hinten das weiße Tüchel heraushing, das war nicht selten genug auch sein Trost. Die ließen sich gern erzählen, wenn ihm das Herz voll war, und saßen still und aufmerksam und sahen so verzückt drein, daß sie den verschmierten Engelsköpfen glichen, die auf goldenen Flügeln in der Kirchenempore schwebten, wo er selbst einst singend oben gesessen hatte. Er erzählte gern den Buben von den großen Meistern, die er verehrte. Und die Buben liebten ihn, weil er so zu ihnen redete, als ob sie erwachsen und seinesgleichen wären, die ihn verstehen mußten. Sie verstanden ihn vielleicht auch, auf ihre Weise.
»Einer lebte hier, dessen Genius Licht über den ganzen Erdball verbreitet hat,« so predigte er in einer gesegneten Stunde der Kinderschar. »War auch ein Österreicher, wie ich und wie du und du und wir alle hier zusammen. Hatte den schönen Namen Mozart, den ihr mir nimmer vergessen dürft, denkt an ihn, wenn ihr am Sonntag in der Kirche die große Messe hört. Vergeßt nicht, daß er himmlische Klänge ins Leben gebracht hat, die in der Welt nicht mehr vergehen können. Das war aber kein armer Schulgehilfe, wie ich, sondern ein gefeierter Meister. Konnte nicht abends vorlieb nehmen mit einem Stückel Brot und ein paar Äpfeln dazu, und mit den Hennen schlafen gehen, sondern gab ein festliches Gastmahl, mit Kerzen in silbernen Leuchtern, seltenen Blumen und Früchten, schäumenden Bechern, lud die Menschheit zu sich ein und kredenzte ihr den perlenden Trank seines Herzens. Verschenkte sich so allen und der ganzen Welt, berauschte sich an der emporziehenden Sternenpracht vor den geöffneten Türen des Balkons, rief die unendlichen Mächte, zog sie in seinen Bann, bis die Steine unten am Marktplatz zu leben anfingen und der tote Gast schwerfällig vom Monument heraufstieg und, o Schreck, plötzlich im Saal stand, die blaue Nacht mit ihren Sternen als Hintergrund des steinernen Mannes. Zuerst ein Adagio D-Moll, nur einige Takte, dann regnen schon eisige Posaunenklänge durch das nächtliche Blau, die Sterne tropfen, die Töne gellen auf wie ein silberner Hagel im kristallenen Becken, alle Schauer des Himmels und der Hölle umwehen ihn. Furchtbar schmettert der Geist den Choral: ›Dein Lachen endet vor der Morgenröte!‹ Die Furcht befällt ihn -- doch ist es bloß die Angst, er könnte nicht vollenden, was er so herrlich begonnen. Wenn ihn diese Nacht der Tod anfiele, und er das Werk bis zu diesem Punkte lassen müßte, er könnte die ewige Ruhe nicht finden. ›Wohlan, toter Gast, stoß' an!‹ und gießt seine Feuerseele in ein letztes Glas. Hat die Menschheit alle Schauer der Unendlichkeit getrunken an seinem Gastmahl, hat in den Finsternissen des Lebens den Himmelsschein der Ewigkeit verspürt, o Mozart, unsterblicher Mozart!«
Da war es in diesem Augenblick, als ob wirklich der steinerne Gast in der Tür stand, so fuhr der Schreck dem begeisterten Schulgehilfen in die Glieder. Der gestrenge Herr Vater war's, der schon die längste Zeit hinter der Tür gehorcht hatte, was denn der Franz nur anstelle, daß es so mäuschenstill in der Klasse wäre. Und hat den Franz mit feurigen Zungen reden gehört. Stand jetzt stumm und drohend in der Tür, und es war wirklich so, als ob alle Schauer der Verdammnis den guten Franz umwehen sollten. War auch schon die Welt entzaubert, die Engelsköpfe, die in Reihen Bank für Bank verzückt gelauscht hatten, sie waren jetzt wieder Schmutzfinken geworden. Die selige Stunde war verströmt, die Welt lag wieder Grau in Grau.
Nachher ging der Tanz los. Was er denn für ein unsinniges Zeug den Jungen vorschwatze, wo keiner noch rechtschaffen lesen, schreiben und rechnen kann?! Heißt man das nicht Zeit vergeuden? Und den Buben die Köpfe verdrehen? Daß sie erst recht untauglich werden zu dem Bißchen, was sie fürs Leben brauchen! Hol' doch der Kuckuck diese Extravaganzen, hat ein ordentlicher Schullehrer auf den Lehrplan zu schauen oder soll sich zum Teufel scheren!
Das läßt sich Franz nicht zweimal sagen.
»Herr Vater, ich bin nichts für einen Schullehrer. Lasen Sie mich gehen!«
Jetzt ist die Reihe an dem Vater, der Verdutzte zu sein. Er zieht sofort andere Saiten auf in der Meinung, er hätte den Jungen zu hart angelassen. Also:
»Was sind das jetzt für Sachen?! Von was willst denn leben, ha? Ein Geschäft muß der Mensch haben; sei froh, daß du in der Schul' sein darfst!«
Franz schüttelt abwehrend den Kopf.
»Nein, nein, Herr Vater, damit geht's nimmer. Mich müßt' eigentlich der Staat erhalten. Ich bin eben für nichts anderes als fürs Komponieren!«
Dem Vater reißt die Geduld.
»Der Staat soll dich erhalten, meinst?« höhnt er. »Du bist mir ein sauberer Patron! Möchtst wohl den ganzen Tag spazieren gehen und dich zahlen lassen dafür, pfui Teufel! Hast etwa keine Zeit zum Komponieren nach der Schul'? Hast du's bisher gekonnt, wirst es weiter auch können, verstanden?«
Aber der Stein ist bereits im Rollen, da gibt es kein Aufhalten mehr.
»Sind's mir nicht bös, Herr Vater, aber keinen Schritt mach' ich mehr ins Schulzimmer. Ich kann nicht mehr -- ich kann's einfach nicht!«
Er will's in Freiheit versuchen, auf eigene Faust. Und pocht auf die hundert Gulden, sein erstes verdientes Geld, das er kürzlich von einem Gönner für eine Kantate erhalten hat. Er wird sich schon durchbeißen. Haben's andere gekonnt, warum sollte nicht auch er?! Und wenn's nicht anders ist, lieber den Bettelstab, aber die Freiheit, das hohe, ersehnte Gut, die Lebensluft, die sein Genius braucht, die Freiheit also, die kann er nicht länger opfern.
Da wird der Alte fuchsteufelswild, die angeborene bäurische Abneigung gegen die Freizügigen bricht in harten Worten hervor. Sein Junge, ein verlorener Sohn, ein herumziehender Musikant ohne festen Halt im Leben, ohne Besitz, ohne Amt -- er hat noch vom Dorf her die Verachtung für solche wurzellockere Existenzen -- das alles will nicht in seinen kreuzbraven, eigensinnigen, grauen Schädel. Daß der Franz sein Amt vom lieben Gott hat, weiß er wohl, aber um leben zu können, muß man sein Amt von den Menschen bekommen.
»Es leid't mich nimmer zu Haus, Vater, ich muß einmal fort, sonst geh' ich zugrund'!«
Da wird der Vater rauh: »Sollst nicht zugrund' gehen zu Haus, wenn'st lieber in der Fremde zugrund' gehen willst! Dann geh' halt -- geh' aber gleich, geh'!«
Der Vater wendet sich ab; der teuerste Sohn hat ihn ins Herz getroffen, man soll nicht sehen, wie weh ihm ist; aber jetzt ist er fertig mit ihm. Der Bruch ist geschehen.
Franz geht. Das Vaterhaus ist zu eng geworden. Er braucht Luft, Freiheit, er will wachsen, in die Welt hinein wachsen. Leben, o Leben!