Chapter 7 of 9 · 11656 words · ~58 min read

VII.

Im Gundelhof ist alle Freitag musikalische Soiree bei dem Wiener Rechtsanwalt Dr. Ignaz von Sonnleithner. Der alte Herr von Sonnleithner scheint im Leben ein ziemlich trockener Patron, eine etwas nüchterne und schwunglose Advokatennatur, nur bei der Musik hat er sein Herz entdeckt. Eine kleine Gesellschaft von Musikfreunden findet sich seit Jahren an den Freitagabenden bei ihm ein, der Andrang ist mit der Zeit so groß, daß Eintrittskarten verabreicht werden; was zuerst eine private Liebhaberei war, wird nach und nach eine mehr und mehr öffentliche Einrichtung; die Gesellschaft der Wiener Musikfreunde bildet sich als Pflegestätte edler Musik heraus. Sie wird so groß, daß sie einen Ableger entsendet, den kleinen Musikverein, der sich auf intimere Veranstaltungen verlegt und ebenfalls aus dem Privatsalon in den Konzertsaal hinüberwächst.

Schubert ist dort kein Unbekannter mehr, wenigstens dem Namen nach; als er noch der Schulgehilfe vom Himmelpfortgrunde war, ist eine Kantate von ihm im Gundelhof aufgeführt worden. Der Sohn Leopold von Sonnleithner, ebenfalls Konviktszögling, hat seither eifrig Schubertsche Blätter gesammelt, die in Abschriften von Hand zu Hand gingen, und die ihm neuerdings durch Joseph Hüttenbrenner reichlicher zufließen.

Den Mittelpunkt der Gesellschaft der Musikfreunde bilden drei liebliche Schwestern, die in ihrer Dreieinheit die Wiener Muse des Gesangs verkörpern. Sie heißen Schwestern Fröhlich. Wenn der Name genannt wird, dann leuchten die Gesichter auf, ein freundliches Lächeln erwacht. So groß ist die Wirkung, die von den Schwestern ausgeht.

Zu den Fröhlichs in der Singerstraße kommt Leopold eines Tages mit Noten von Franz. »Die Lieder sind von einem jungen Menschen -- vielleicht probiert ihr sie; sie sollen recht gut sein.« Mehr sagt er nicht. Die Schwestern sollen selber sehen, was dran ist.

Die Lieblichste von den Dreien, Kathi, setzt sich gleich ans Klavier, versucht die Begleitung und singt mit halber Stimme. Das erste Lied ist der »Erlkönig«. Im Nebenzimmer befindet sich der Vetter Sonnleithners, der junge und schon vielgenannte Dichter der »Ahnfrau«, Franz Grillparzer, Kathi ist seine Braut. Das ist der, von dem Schubert des öfteren schwärmt und den er so gern zu seinen Freunden zählen möchte. Außer Grillparzer ist Gymnich da, ein junger, blasser Mensch, brustleidend, Besitzer einer außerordentlich schönen Stimme, in seinen Nebenstunden Beamter -- die meisten sind Beamte in ihren Nebenstunden, auch so Große wie Grillparzer, die Kunst ist brotlos, und Genies wie Schubert und Schwind müssen darben.

Auf einmal horcht Gymnich auf, tritt ins Klavierzimmer zu Kathi: »Was spielen Sie denn da? Ist das Ihre Phantasie?«

»Nein! Ein junger Mensch hat es gemacht, ich kenne ihn nicht näher, doch warten Sie: wie heißt er? Schubert! Den Namen hab' ich schon nennen gehört, aber ich weiß nicht wann und wo -- einerlei. Schön, nicht wahr?«

Gymnich ist außer sich. »Das ist ja herrlich, das ist etwas ganz Außergewöhnliches! Lassen Sie doch sehen!«

Jetzt singt er, Kathi begleitet ihn. Die Männerstimme bringt es jetzt klar heraus, was in dem Lied steckt, alle Schauer, alle Abgründe -- die Zuhörer sind hingerissen.

Die anderen Blätter werden durchgespielt, man kann sich kaum mehr trennen davon, den ganzen Abend lang werden diese Lieder gesungen und wieder gesungen.

»Und der Mann lebt in Wien? Und wir kennen ihn nicht? Sonnleithner, das ist eine Schande! Sie müssen ihn zu uns bringen, und zwar gleich, in diesen Tagen noch, morgen, übermorgen. Verstanden?!«

»Ja.« Leopold Sonnleithner hat verstanden. Am dritten Tage kommt er mit Franz, den er am Rockärmel hält. Es war nicht ganz leicht, fast mit Gewalt und Joseph Hüttenbrenners Unterstützung hat man ihn hergeschleppt. Die Aussicht, Grillparzer zu treffen, den er so gern kennen lernen möchte, wirkte eher als Abschreckung, so geniert fühlte er sich. Da standen sich nun die beiden gegenüber, sie waren neugierig aufeinander und fanden nicht das rechte Wort, das die Brücke hätte sein können von Herz zu Herz.

Grillparzer war verschlossen seiner Gewohnheit gemäß, Schubert war scheu und ging gleich ans Klavier; was aber die Worte nicht zu binden vermochten, das vollbrachten die Töne, die unter den meisterlichen Fingern dem Instrument entstiegen, und außerdem wußten die drei Schwestern als freundliche Grazien mit den beiden, die sich schwer taten, so umzugehen, daß allen leicht und wohl wurde. So entstand eine wortlose, zurückhaltende Freundschaft, von der man nicht mehr wußte, als daß sie da war, und daß sanfte und liebreiche Frauenhände die Bande zu einem ganz haltbaren Knoten geschlungen haben. Zu den Schwestern Fröhlich kam nun Franz öfter und öfter.

Bald hernach sang Gymnich den »Erlkönig« im Gundelhof an einem Freitag abend. Die Leute waren bezaubert.

»Wie geht es denn eigentlich zu, daß so ein Mensch nicht schon längst berühmt ist, eine anerkannte Größe in der Welt?!« Dem alten Sonnleithner war es völlig unbegreiflich.

»Wie es zugeht? Ungerecht geht's zu in der Welt, elend -- fragen Sie den Herrn Verleger Diabelli oder Haßlinger, dann wird es Ihnen klar sein ...« so redet Joseph Hüttenbrenner, der ein getreuer Famulus Schuberts geworden war und immer eifriger begann, den Verwalter des Genius zu spielen. Er erzählte wahrheitsgetreu, wie die Lage war.

»Unsinn, ist doch ein aufgelegtes, gutes Geschäft, wenn man's so betrachten will, vom Verlegerstandpunkt,« entgegnete der alte Sonnleithner in seiner etwas barschen, trockenen Weise; »da muß halt was getan werden, warum soll denn der Verleger nicht wollen? Werd' einmal selber reden mit ihm.«

Es hat aber dem Herrn Advokaten nicht viel genützt, weder bei dem einen, noch bei dem anderen, keiner traut sich recht, einen Pfennig anzulegen, sind alle mitsamt erbärmliche Drücker, die ein Geschäft erst machen, wenn sie den Profit schon von vornherein gesichert und bar auf dem Tisch liegen haben.

Wenn doch der Herr Doktor und die vielen Freunde sich zusammentäten und die Kosten aufbrächten, dann wollte sich der Herr Verleger schon eher bereit finden lassen, die Sache in Kommission zu nehmen und den Profit einzustecken -- nun ja, warum denn nicht! Man tut ja gern was für ein junges Genie; aber auf Verlegerunkosten -- nein! Wütend geht Sonnleithner heim, er wendete hin und her, wie sich's machen ließe -- jedenfalls, jetzt gibt's kein Lockerlassen mehr!

Inzwischen findet ein öffentlicher Abend im kleinen Musikverein statt, Gymnich singt den »Erlkönig« im Konzertsaal. Das hat jetzt eine durchschlagendere Kraft als alle früheren Veranstaltungen in privaten Zirkeln und Wohltätigkeitsakademien. Das Publikum ist rasend, der Komponist wird herausgestampft, diesmal haben ihn die Freunde nicht entwischen lassen. Hüttenbrenner, Schober, Mayrhofer, sie haben zu tun, ihn vom Künstlerzimmer aus aufs Podium zu bringen. Jetzt steht er oben mit etwas verwursteltem Frack, macht ein paar linkische Kratzfüße vor der begeisterten Menge -- und weg ist er, fluchtartig herunter und verschwunden. Keine Macht der Erde bringt ihn mehr herauf, er ist froh, daß es überstanden ist. Aber soviel steht fest, der junge Meister ist entdeckt.

Sein Schaffen im Verborgenen war einem Strom vergleichbar, der viel verzweigte unterirdische Gänge wählt und nur da und dort mit einer prachtvoll strömenden Welle an die Oberfläche tritt. In der Tiefe wühlt er sein Bett und sammelt im Verborgenen seine Gewässer; kann aber nimmer lang dauern, da muß der Strom hervorbrechen ans Tageslicht in voller Kraft und Herrlichkeit, der Welt ein neues Licht zu geben. Wer hineinschaut, sieht Sonne, Mond und Sterne darin, und das eigene Herz und das Rauschen singt jedem, der es hört, in der eigenen Brust drin.

Das war so jetzt um diese Zeit.

Mit einem Male wird es an allen Ecken und Enden lebendig. Der Opernsänger Jäger hat in Wien und in Dresden gesungen, der Vogl singt die herrliche Ballade vor einer adeligen Damenakademie im Konzertsaal, die Zeitungen fangen an, sich zu interessieren, sie bringen spaltenlange Berichte, das Publikum ist wie rasend -- Franz ist ein gemachter Mann. Der Hofmusikgraf Dietrichstein, der Operndirektor Mosel, der Hofmusikdirektor Salieri, sie stellen ihm alle glänzende Empfehlungsschreiben aus -- schöne Worte, verdientes Geld wäre ihm aber lieber gewesen, dem Franz, der jetzt unter einer wahren Traufe von Anerkennungen steht und dabei arm ist wie eine Kirchenmaus.

Die Freunde feiern den Gefeierten. Sie kommen aus Vogls Konzert ins Stammbeisel, wo sie Schubert erwartet. Sie sind noch ganz aufgeregt und erhitzt von dem Erlebten.

»Vogl hat den ›Erlkönig‹ wiederholen müssen, so begeistert waren die Leute!« schreit ihm der erste gleich entgegen. Und nun geht es an ein eifriges Erzählen und Luftschlösserbauen.

Schwind, der sonst Verträumte und Wortkarge, ist jetzt der Eifrigste, den Erfolg des Freundes zu rühmen und die Wirkung auszumalen, die Schuberts Wunderhorn auf die Seelen ausgeübt hat. Er selber hat Erlkönige in der Mappe, er, der malende Schubert, die Musik ist seine stille Liebe; was Franz geleistet hat, er kann es am besten sagen.

»Da haben die Leute, denen sonst die Ohren verstopft sind, doch endlich gemerkt, daß hier ein völlig neuer, noch nie dagewesener Ton erklungen ist -- der hat sie in der Seele gepackt, daß sie auf einmal gar nicht gewußt haben, wie ihnen geschieht ...«

Und nun geht es an ein schwärmerisches Nachgenießen, ein jeder will sagen, worin das Geheimnis Schuberts besteht, am besten gelingt es dem Schwind.

»Franz soll weghören, er könnt' mir am Ende zu eitel werden!« hebt er also an.

Franz denkt tiefer in sein Glas hinein; sie können reden, was sie wollen, er hat seine eigenen Gedankenwege.

»Seht also her!« erklärt Schwind, den sie den Cherubim nennen, sich und den anderen: »Wieviel Musik in der deutschen Sprache ist, das wissen wir jetzt durch unseren verflixten Franzl. Das hat keiner vor ihm verstanden, und wer weiß, ob je einer nach ihm es je wieder vermögen wird.«

Da wirft einer ein: »Nun, und Karl Maria Weber, ist der gar nichts? Und Meister Wolfgang Amadeus? Die beiden haben doch auch Melodien aus dem grauen Dasein herausgeklopft, wie weiland Moses Wasser aus dem Felsen ....« Der kleine Widerspruchsteufel ist der Holzapfl.

»Ganz richtig!« entgegnet der Cherubim und dreht den Spieß um. »Nimm also zum Vergleich Karl Maria und selbst den himmlischen Wolfgang Amadeus. Haben herrliche Melodien erfunden, darüber ist nicht zu streiten. Aber der wundervolle Klang tritt unbekümmert auf dem Text herum, Musik und Worte tun so, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten. Bilden zusammen eine schlechte Ehe, darin jedes auf eigene Faust sein Vergnügen sucht. Mit dieser Luderei hat Franzl tüchtig aufgeräumt. Wenn der ein Wort in die Hand nimmt, klingt es auf voll Leben und Musik, daß man ganz betroffen ist. Er setzt es hin, daß es seinen richtigen Tonwert hat, mit einemmal kommt Farbe, Bewegung in die Sprache, du hörst das Gefühl hinter dem Wort aufklingen, und hinter dem Gefühl das Urgefühl, wodurch es mit allen Menschenherzen aufs gleiche verbunden ist. So wie er hat es noch keiner fertig gebracht, in das Innere der Handlung zu greifen.

Vergegenwärtigt euch nur einmal, wie er in der Melodieführung die abwechselnden Gefühle des Vaters, des Kindes und des Erlkönigs dramatisch herausarbeitet, verstärkt, steigert, daß es einem eiskalt über den Rücken läuft, während die Begleitmusik das Äußere der Handlung hinzubringt, den Galopp des Pferdes, das Brausen des Sturmes, daß einem nur so gleich die Haare zu Berg stehen. Das Tragische in dem Gedicht ist nicht durch süßliche Glätte verschmiert, hier wird es im Gegenteil durch eine schroffe, und eher eckige als schmiegsame Melodie zu einem markerschütternden Aufschrei gebracht, der die ganze furchtbare Tiefe der Dichtung aufreißt, das mystische Tor, hinter dem der Tod lauert .... Das haben die versulzten Hirne endlich begriffen -- Franz, es kann dir nichts mehr geschehen, du bist oben! Prost! -- mir ist wohl und leicht, deinetwegen!«

Der kongeniale Freund war ein guter Fürsprecher, sein Herz schlug im gleichen Takt, ihm kam es zu, das Wesen Schuberts auszusprechen. Das Tiefste freilich vermochte niemand zu sagen, wenn im liebevollen Drängen der Freunde immer wieder die bewundernde Frage auftauchte, wo er sie denn hernimmt, die vielen genialen Gedanken, der Himmelsakra übereinand?!

Je nun, wo er sie hernimmt, der Himmelsakra? Das weiß nur einer, in dem die Himmelsmächte fast ebenso rumoren, wie in dem stillen Franz, von dem ein gutes Wort sagt, der liebe Gott hat's ihm gegeben. Es gibt kein besseres, wenn es nur recht verstanden wird; Cherubim weiß es, er schweigt fein still zu den Fragen und lächelt Franz zu -- es geht die anderen nichts an.

Holzapfl setzt einen Dämpfer auf.

»O du essigsaures Holzapflgesicht!«

Er läßt sich aber nicht irre machen, er muß den Tropfen Wermut in den Freudenbecher tun: »Also daß die Begeisterung des Publikums wohl auch für den ›Wanderer‹ auf gleicher Höhe geblieben, aber bei dem ›Gesang der Geister über den Wassern‹ bedenklich herabgesunken und sich eigentlich in Befremden verwandelt hätte.«

»Das ist eben ein Beweis,« braust Schwind auf, »daß die verfilzten Ohrwascheln der lieben Zeitgenossen erst noch ganz gehörig aufgestemmt werden müssen, ehe sie für die Offenbarungen des Genius empfänglich werden. Den ›Erlkönig‹ haben sie glücklich begriffen und meinen, jetzt müßte alles drehorgelhaft im Erlkönigton weitergehen -- lauter Erlkönige, damit die faule Bande in ihrer angeborenen Denkfaulheit und Bequemlichkeit nicht gestört werde. Daß sie durch den ›Gesang der Geister über den Wassern‹ durch einen neuen Geniestoß aus der süßen Gewohnheit aufgeschreckt werden, das geht ihnen schon gegen den Strich.

Jetzt kann es zehn Jahre dauern, bis sie diesen zweiten Streich verdauen. Dann stehen sie Kopf voll Entzücken, indessen der Künstler schon wieder weiß Gott wo ist. Bedenkt doch, ihr Lieben, daß der ›Erlkönig‹ schon vor fünf Jahren komponiert worden ist -- es ist verhältnismäßig ohnehin schnell gegangen mit seiner Popularität. Es wäre aber interessant, auszurechnen, wie viele Jahrzehnte die Allgemeinheit in der Regel braucht, um den Genius wirklich zu begreifen.« Und mit einem boshaften Seitenblick fügt er hinzu: »Soviel aber wird dem Publikum klar -- der Holzapfl fällt nicht weit vom Stamm!«

Der hat jetzt sein Teil.

Dafür rächt sich Holzapfl wieder auf seine Art und bringt in den nächsten Tagen ein Zeitungsblatt mit einer Kritik, die er den Freunden nicht ganz ohne heimliche Genugtuung vorsetzt. »Der Tonsetzer,« so lautet der Konzertbericht, »gleicht in solchen Kompositionen einem Großfuhrmann, der achtspännig fährt, bald rechts, bald links, also ausweicht, dann umkehrt und dieses Spiel immerfort treibt, ohne auf eine Straße zu kommen ....«

In dem geheimnisvollen Auf und Ab und Hin und Her der wallenden Geister will der Kritiker einen Großfuhrmann erkennen, der achtspännig fährt. Darüber erhebt sich im Freundeskreise ein unverlöschliches Gelächter.

Dem beispiellosen Erfolg hat es übrigens kaum geschadet, daß der »Gesang der Geister über den Wassern« vorderhand unverstanden bleibt. Hat ebensowenig geschadet, daß die beiden ersten Opern Schuberts, »Die Zwillinge« und die »Zauberharfe«, erfolglos geblieben. Geld hat er keines mehr gesehen dafür, es war verlorene Arbeit. Ein erster tastender Versuch. Schlechte Texte, ja, das war das Malheur. Aber einer, der als Lyriker in den vertonten Gedichten eine so gewaltige dramatische Kraft bekundete, der war für die Oper geboren. Von dem war Neues und Unerhörtes zu erwarten, nur Zeit! Zeit, einen guten Stoff, vor allem aber einen sorgenfreien Kopf und ungestörte Arbeitsruhe. Aber da hapert's schon. Zeit, Sorgenfreiheit und Arbeitsruhe, das bedeutet Geld, Geld und wiederum Geld. Woher nehmen und nicht stehlen?

Was ist das für ein Zustand? Ein Mann steht auf der Höhe der Meisterschaft, erntet Ruhm, Anerkennung, aber es hilft alles nichts. Er steht da, gebunden an Händen und Füßen, ohne Geld, ohne Verleger -- wie soll da ein Mensch weiter kommen? »Ihr seht, das Beste, was man hat und macht, das ist und bleibt brotlose Kunst.« Aber Schwind weiß es besser: »Brotlose Kunst hat die Eigenschaft, sich mit der Zeit in Gold umzusetzen, man muß nur warten können.«

»Nun ja, warten, warten -- meinetwegen; um Gold ist mir nicht zu tun, sondern um Schaffen; aber ein Mensch, der arbeiten will, der muß auch leben können. Anerkennungen, Lobeserhebungen, schöne Worte -- davon kannst nicht abbeißen, kannst keinen Zins bezahlen, keinen Schneider entlohnen, nichts, nichts; höchstens das Maul auf den Nagel hängen, als das einzige, das einem übrigbleibt.«

Geduld, Geduld, alles kommt. Die Freunde schießen durcheinander. Joseph Hüttenbrenner geht bei Sonnleithner aus und ein, dort bereitet sich eine ernste Sache vor.

Die beiden Sonnleithner, Vogl, Schönstein, Grillparzer, die Schwestern Fröhlich, ein ganzer Kreis von Verehrern bilden ein Komitee, sie wollen den »Erlkönig« auf eigene Kosten stechen lassen und bei Diabelli kommissionsweise verlegen.

Franz hat sich wieder in seine Arbeit eingesponnen und sitzt in seiner Klause. Ist der einzige Trost, die Übel der Welt gehen an der Tür vorüber, wenn man bei der Arbeit sitzt.

Sonnleithner ist schon ganz ärgerlich, Franz müßte sich mehr zeigen, er sollte einer Sängerin, dem Fräulein Linhardt nämlich, den »Jüngling« einstudieren, für seinen Geisterchor am Freitagabend. »Warum kommt er denn nicht? Warum kommt er denn nicht?!« setzt sich hin und schreibt dem Hüttenbrenner ein paar ärgerliche Zeilen, er müßte sich billig wundern, daß Schubert sich gar nicht bei ihm sehen ließe, da er doch wegen seinem »Erlkönig« und wegen anderer Angelegenheiten ihn dringend zu sprechen habe.

Diese »anderen Angelegenheiten« sind indessen schon im Gang, am nächsten Freitagabend kann Sonnleithner den Gästen verkünden, daß die Ballade erschienen sei -- noch am selben Abend haben hundert ihre Namen in die Subskriptionsliste gezeichnet. Macht ein schönes Geld aus, der Preis ist nicht gering, die Kosten kommen glatt herein, ein schöner Überschuß dazu -- der fließt in die Tasche Schuberts.

Der Anfang ist gemacht, die Sache zieht, Diabelli merkt, hier kann man einen Schnitt machen. Es dauert nicht lange, erscheint wieder ein Heft und wieder eines, ein Geriß ist darum wie beim Bäcker um die frischen Semmeln. Alle drei, vier Wochen ein neues Heft mit mehreren Liedern. Kein Konzert wird gegeben, wo nicht eine oder mehrere Sachen von Schubert gesungen werden. Die Zeitungen singen sein Lob in allen Tonarten. Das Meisterlein steht auf der Höhe seines Ruhms.

Jetzt klimpern auch die Taler um ihn herum. Es ist ja verhältnismäßig bescheiden, was er einnimmt, aber trotzdem, einen solchen Wohlstand hatte er noch nie gehabt wie jetzt.

G -- d -- g -- fis -- g -- a -- ! --

Der tröstliche Satz klingt immer wieder durch sein Gemüt. Er löst sich auf, verschwebt und kommt unversehens wieder hervor, immer wieder ein verheißender Anfang.

Jetzt hat die ängstliche Sparerei ein Ende, ein Flascherl Tokaier mehr für die lieben Freunde, was liegt da daran, man läßt die paar Kröten springen, in ein paar Wochen sind sie wieder hereingebracht, es erscheint ein neues Heft, der Born ist unerschöpflich, und wenn ihm wirklich einmal der Draht ausgeht, so ist schon dafür gesorgt, daß andere Quellen springen. Das haben die lieben Freunde getan. »Die Anerkennungsschreiben von den Herren Gönnern, was sind sie denn wert, wenn man sie nicht zu Geld machen kann?«

Der schlaue Hüttenbrenner weiß guten Rat. Er besorgt den Verkehr mit dem Verleger, führt Rechnung, nimmt Franz alle Geschäfte ab, schreibt Briefe für ihn, tut alle Sekretärdienste, und tut es mit einer Hingebung, als ob es um das eigene Wohl und Wehe ginge. Der sorgt auch dafür, daß die Hefte mit Dedikationen erscheinen.

Meistens lassen es die also geehrten Gönner bei schönen Dankesworten bewendet sein, zuweilen aber bringt es einen Ehrensold ein, so von dem Grafen de Fries und von dem Erzbischof Ladislaus von Pyrker, der als Dichter einen nicht unbedeutenden Ruhm genießt und von dem ihm gewidmeten »Wanderer« entzückt und ergriffen ist.

Eine Hand voll Geld fällt bei diesen Gelegenheiten für Franz ab, der kann's gut brauchen, es wächst ihm kein Moos und kein Schimmel darauf.

Unheimlich, wie unter den freundlichen Sonnenblicken des Schicksals die Arbeitsleistung wächst. Der Schädel brummt zwar gewaltig, als ob er zerspringen wollte, nach der Fieberhitze des Schaffens hämmert es drinnen lange nach und will gar nicht zur Ruhe kommen -- da hilft nichts als die Zuflucht ins Grüne oder am besten noch in die feuchtfröhliche Tafelrunde der Freunde, um mit einem Glas Wein das Arbeitsfieber zu schlagen. Fieber gegen Fieber -- aber am nächsten Morgen ist er wieder geladen mit allen Schöpferkräften der Unendlichkeit, sie zersprengen schier das Gefäß -- die Losung ist arbeiten, er meint, es müßte ihn sonst zerreißen.

Sein Ruhm hat mit einemmal schnelle Beine und rennt mit Siebenmeilenstiefeln durch die Welt. Wien, Dresden, Berlin -- überall bekommt der Name Schubert einen Klang. Die Hefte gehen reißend ab. Wieviel der Diabelli verkauft, weiß man nicht genau. Der Joseph Hüttenbrenner hat seine liebe Not. »Bandit!« flucht er und wirft eifrig die Angel aus, ob denn nicht ein anständiger reichsdeutscher Musikverleger zu gewinnen wäre.

»Besitzt doch Wien dermalen wieder ein Talent, das bereits die allgemeine Aufmerksamkeit erregt und schon zum Liebling des hiesigen Publikums geworden ist -- kurz und ohne Übertreibung gesagt, es ist ein zweiter Beethoven; dieser unsterbliche Mann sagt von ihm gar, dieser wird mich noch übertreffen ....« So schreibt Joseph Hüttenbrenner nach Leipzig an K. F. Peters.

Aber auch dieser Verlagsgewaltige ist harthörig; man müsse doch erst abwarten -- welche Menge früherer Werke Mozarts sei überhaupt nicht gedruckt worden, da müsse sich ein junger Künstler schon bescheiden, die Erfahrung allein muß lehren, ob er den ganz Großen gleichzustellen sei, kurz, ein Hin- und Herreden, halb ja, halb nein, man weiß nicht recht, will er, will er nicht, aber soviel steht fest, das ganze Manöver hat doch den einzigen Zweck, den Preis zu drücken. Ist doch der eine einen Groschen, der andere einen Pfifferling wert! Er will bitter werden, aber er besinnt sich. Geduld also -- man kann ja warten, bis der Rechte kommt. Es eilt nicht. Einstweilen ist man ja bei Diabelli in sicheren Räuberhänden.

Überall, wo konzertiert wird, erklingt auch Schubert. Graz kann nicht zurückbleiben, wo so treue Eideshelfer wirken wie Jenger und Anselm. Von den Grazer Aufführungen melden alsbald die Zeitungen, ebenso von den Linzer, wo Spaun und Freunde hinter der Sache her sind.

Aber der Anselm ist ein wunderlicher Kauz, den läßt der Ruhm des »Erlkönig« nicht schlafen. Der Ehrgeiz stachelt ihn, er möchte den jungen Meister übermeistern. Fiedelbum! Flugs hat er aus dem »Erlkönig« einen Erlkönigwalzer komponiert. Fiedelbum! Ei verflucht!

Schwind ist ehrlich entrüstet: »Das ist mir aber ein lieblicher Kauz! Der versteht's! Was Schubert fürs Herz entdeckt hat, macht er für die Beine zurecht! Daran mögt ihr erkennen, wie der unseren Franz verstanden hat!«

Für den Spott brauchte der treue Anselm jetzt nicht zu sorgen. Fiedelbum!

»Na, na!« winkt Franz ab. Er rechnet dem Freunde in Graz die Entgleisung nicht allzu schwer an. Fiedelbum! Der hat's selber zu tragen und wird sich ein zweites Mal hüten. Fiedelbum!

Mehr denn je stehen dem Liechtentaler Schulmeisterssohn die Türen der Salons offen -- mehr denn je sucht er den Händen zu entwischen, die nach ihm greifen. Die Arbeit und die Freundschaft sind die Gottheiten, deren Dienst er fast ausschließlich geweiht ist. Und selbst die Freundschaft muß sich zuweilen bescheiden, denn eine dritte Gottheit ist, die ihn mit magischer Gewalt zu sich heranzieht -- die Einsamkeit. Das können viele nicht begreifen.

Der alte Doktor Sonnleithner wird fast ernstlich bös über die notorische Unverläßlichkeit des Schützlings. »Für den man soviel getan hat!«

»Also warum kommt er nicht? Warum kommt er denn nicht?!«

»Mit Verlaub, der Herr Schubert ist in Atzenbrugg!« entschuldigt Joseph Hüttenbrenner.

»Also immer auf Duliäh -- muß denn das Gerstel auf einmal durchgebracht sein!« knurrt der Alte.

»Entschuldigen's, Herr Doktor, aber so ist es auch wieder nicht!« sagt Joseph zur Verteidigung des Freundes.

»Nein, gewiß nicht! Gearbeitet hat er wie ein Pferd, mein Gott, wenn ich das alles denken müßte, mir ging der Kopf auseinander. Ein paar Tage aufs Land, das wird er sich doch vergönnen dürfen, nach all den Strapazen .....«

Dagegen läßt sich allerdings nichts einwenden.

»Auf nach Atzenbrugg!« Das ist ein Ruf, dem Franz nicht widerstehen kann.

Schober ist der Rädelsführer; bei Atzenbrugg hat sein Oheim ein Schloß, dahin werden Wanderfahrten unternommen, an denen fast der ganze Freundeskreis teilnimmt.

Franz fühlt sich müde und ausgepumpt, er weiß nicht recht, soll er oder soll er nicht. An der Wand hängt die Gitarre, eine Saite ist gerissen, das grüne Band fängt an zu bleichen. Sie hat schon lange nicht im fröhlichen Verein gezirpt auf einer lustigen Fahrt ins Grüne und Blaue. »Schade um das schöne, grüne Band, daß es verbleicht hier an der Wand. Ich hab' das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern!« Das ist die innere Stimme, die immer guten Rat weiß, es ist gut, ihr zu gehorchen.

»Also auf nach Atzenbrugg!«

Lieblich ist's, zwischen den Pappelreihen hinzufahren, die die weiße Landstraße grün besäumen und mit ihren aus- und eingeschwungenen Zeilen hoch in der Landschaft stehen. Weit, weit kann man die grüne Wand verfolgen, die sich über Tal und Hügel schwingt. Man fährt in einer offenen Chaise, die viele Querbänke hat und ganz besetzt ist mit lustigem Volk. Zeiserlwagen, so nennt ihn ein launiges Wort. Aber die Wiener Laune ist meistens etwas gepfeffert und hält sich an drastische Ausdrücke. Sie zieht es vor, dieses Gefährt vergleichsweise einen Kalbelwagen zu nennen. Der edle Reisewirt, der den Kalbelwagen für den Freundeskreis gestiftet hat, ist Schober, der sich auf der Fahrt nach Atzenbrugg als Mäzen fühlt.

»Ich fahre mit,« erklärt Schubert, »aber eine Bedingung ist dabei -- daß Melusine kommt, und daß mir der Platz an ihrer Seite bleibt!«

»Mir blutet das Herz,« versichert Schober treuherzig scheinheilig, »aber den Platz an der Sonne tret' ich dir ab, weil du es bist.«

Franz wohnt im Rossauer Schulhaus bei seinem Bruder Ferdinand, der vom Schulgehilfen längst zum Schulleiter vorgerückt ist und knapp vor der Beförderung zum Schulinspektor steht. Mit Bruder Ferdinand hat Franz seit jeher ein wärmeres Verhältnis gehabt. Aus der Blutsverwandtschaft wird die höher geartete seelisch bestimmte Lebensfreundschaft. Ferdinand ist stolz, den berühmten Bruder zu beherbergen, von dem jetzt alle Welt redet. Er weiß, daß der Herr Vater ganz von Hochachtung erfüllt ist für den genialen Franz, dessen junger Ruhm einen Lichtstrahl auf das bescheidene Elternhaus und dessen Insassen wirft. Der Bruder Ferdinand, der in der Rossauer Schule wohnt, hat sich's nun nicht nehmen lassen, Franz zu beherbergen, solange dieser bei ihm wohnen mag.

Und jetzt das Aufsehen, als Schober zur festgesetzten Stunde mit dem Kalbelwagen vorfährt, zweispännig, Peitsche und Pferdemähnen bändergeschmückt, wie zu einer Maifahrt, und richtig: auf der ersten Bankreihe sitzt groß und stattlich Melusine, märchenhaft anzusehen, wie eine Wald- und Quellennymphe, die geradewegs aus der Legende auf einem Kalbelwagen mitten in die staunende Stadt fährt. Dem Franz pumpert das Herz, als er mit dem Ränzel um die Schultern und der Gitarre in der Hand, an der das grüne Lautenband weht, hinaufsteigt in den Zeiserlwagen und neben der holden Therese Platz nimmt. In allen Fenstern liegen neugierige Köpfe und munkeln über das wundersame Gefährt: »Macht er denn Hochzeit, der Bruder des Herrn Schulleiter?! Ist wohl eine reiche Braut -- mein Gott! Und schön zum Verrücktwerden! Schaut sie's an, die wunderbaren Haar, leuchten wie eine Krone, und die Augen sind blau und tief wie zwei Edelsteine, und das liebe Gesichtel, und der Mund wie ein Röserl, und die Gestalt, viel größer als er, gewachsen wie ein Bäumerl und rundum was dran, nun ja, freilich, alles was sich gehört -- nur so zum Anbeißen, rein zum Vergaffen!«

Ein Peitschenknall, die Pferde greifen aus, weg sind sie; die Leute der grünen Torgasse haben Gesprächsstoff noch gut für zwei Tage, ein Märchenschimmer war in ihre Gasse gefallen.

Dem Franz ist selig zumut wie einem richtigen Märchenprinzen. Da kommt die Liebe auf dem Zeiserlwagen in seine Gasse gefahren, er sitzt mit der bändergeschmückten Gitarre neben ihr, wie er es geträumt hat, er schaut in ihre rätselhaft tiefen Augen, ein seltsamer, quellfrischer Hauch geht von ihr aus, er ist ganz verzaubert. Aber es wird ihm gleich auch bänglich zumut, denn er findet nicht die rechten Worte, die Schöne zu unterhalten. Wenn er allein ist, dann wüßte er viel zu sagen, aber vor ihr ist er befangen, und er kommt sich stockdumm vor. Ein Glück, daß sie nach kurzer Fahrt wieder vor einem Haus halten.

Da springt ein junges, nicht unhübsches, lebhaftes Mädchen hervor, Netty Hönig, eine Freundin Theresens, und ihr Bruder Hönig, beide geschniegelt und gebügelt, sind ja wohlhabender Leute Kind und geldstolz; reiben sich gern an Künstlern, mit denen sie freilich scharmant umzugehen wissen. Hätte ihnen der Geldstolz auch wenig gefrommt in einem Kreis, wo der einzige gültige Adelsbrief auf die Schubertsche Formel lauten mußte: »Kann er was?«, eine Geniemarke, die im Sprachgebrauch der Freunde auf die Scherzform abgeglättet wurde: »Kanevas?« Hönig war kein Kanevas, und all sein Geld half ihm höchstens zu einem geduldeten niederen Laientum, mit dem besonders der ungeschminkte Schubert nicht viel Geschichten machte: »Also hockt's auf, Gesindel!«

Aber mit dem Aufhocken geht's nicht so schnell. Sie müssen auf eine Dritte warten, die jetzt aus dem Hausflur herauskommt, die liebliche Johanna Lutz, mit ihren blonden Stirnfränschen über den hellen, gescheit blickenden Augen in dem herzigen Gesicht. Das ist die Braut des Leopold Kupelwieser, sie muß sich hinter der Netty Hönig verschanzen, damit kein dummes Gerede entsteht, während hinwiederum die Netty als Gardedame ihren Bruder mit dem Fledermausgesicht hat. Auch für Therese ist Netty das Paravent der Sitte und Ehrbarkeit, kurz eines muß dem anderen Mauer stehen, um solcherart der albernen Konvention ein Schnippchen zu schlagen, darin ja die Jugend nicht verlegen ist.

Da kommt er schon daher, der Leopold »Kupel«, wie ihn die Freunde mit einer beliebten Abkürzung nennen, ein hoher, gerade gewachsener Bursch mit schwärmerisch in die Ferne blickenden Augen, als Maler das klassische Gegenstück zu dem romantischen Schwind. Er schaut nach Rom und nach der Antike aus, genau so schwärmerisch, wie Schwind nach den mittelalterlichen Burgen, nach Rittern, Waldgeistern und Elfen ausschaut.

»Grüß Gott, edler Kupel!« Die Anrede klingt schon wärmer, als sie dem Hönig geklungen hat. Aber der lange Kupel, der sich mit einem Satz hinaufschwingt, dicht neben die zarte Lutz hin und Hand in Hand mit ihr zusammensitzt, der gehört mit in die priesterliche Kaste der Kanevas.

»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« greift Schubert in die Saiten der Gitarre. Worte hat er nicht viel zu geben, er sagt's lieber in Tönen, was ihn erfüllt. Eine stille Heiterkeit ist über ihn gekommen, er fühlt sich wunschlos glücklich neben der schönen Melusine.

»Die Musik klingt aber traurig!« ist Hönig vermessen genug, zu sagen.

»Dummer Kerl,« brummt Schubert und gibt's ihm zurück, »haben Sie schon eine lustige Musik gehört? Ich nicht!« Der Hönig ist blamiert, man sieht, er ist kein Kanevas, sonst wäre ihm eine so alberne Äußerung nicht passiert. »Wie kann denn Musik lustig sein, wenn sie von dem Herzen singt? Wenn sie von Lust singt, klingt es wie Weh, und wenn sie von Weh singt, ist es die Lust!«

Das könnt' er dem Pfründner jetzt sagen, der sich mit all seinem Geld nicht einen Fuß breit von dem Seelenland kaufen kann, so gern er möchte, wo er, Franz, unumschränkter König und Gebieter ist mitsamt den paar Getreuen, die an seiner Seite sind. Er könnte ihm jetzt das auseinandersetzen, was er denkt, aber wozu denn? Es steht gar nicht dafür!

»Klim bim, klim bim, schrum, schrum!« Mit Gitarregezirp, Gelächter und Fröhlichkeit geht's von Haus zu Haus, wo Freunde wohnen, die mitkommen.

»An mein Herz, geliebter Cherubim!« so lautet der Gruß in Schwindien.

Schwind will sich neben Therese setzen, der heimliche Ritter neben die Quellenfrau Melusine. Aber neben Melusine hat sich bereits das listige Fledermäuslein eingenistet, Hönig, und läßt nicht locker.

»O du abscheulicher Flederwisch mit den ewig feuchten Lippen, von denen die klebrige Schmeichelrede trenzt -- was soll denn das viele Schwatzen?!« Die Schöne wendet sich lachend von ihm ab, aber der Häßliche hat die Gabe der unterhaltenden Worte, sie muß halt immer wieder hinhören, und wenn ein schiecher Kerl hübsch zu plaudern weiß, so dauert's nicht lange, und er gleicht einem Apoll.

»Wirst dir aber wenig herausfetzen, wenn auch deine Rede Honig ist, du garstiges Schwatzmaul!« dachte Franz und zupfte seine Gitarre.

Schwind hat sich neben Netty Hönig gesetzt, es scheint, daß er dem munteren Mädchen sein Herz verpfänden will.

Mit Klimbim und Trara ging's also die Alleen entlang und zwischen Hügeln und Kornfeldern hin.

Klim bim! zirpte die Gitarre, und eine Stimme summte dazu: »Ich hab' das Grün so gern, ich hab' das Grün so gern! Weil unsere Lieb' ist immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn, drum haben wir es gern, drum haben wir es gern! Nun schlinge in die Locken dein das grüne Band gefällig ein, du hast ja 's Grün so gern, du hast ja 's Grün so gern! Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann weiß ich, wo die Liebe thront, dann hab' ich 's Grün erst gern, dann hab' ich 's Grün erst gern!«

Summte und sang es der Fee Melusine ins Ohr.

Sie hatte auch das Grün so gern und ging auf den Spaß ein und ließ das grüne Lautenband um ihre festgesteckten Locken flattern. Dafür band sich Franz die Gitarre mit einem Stricklein über die Schultern fest. »Mit all deinen honigbestrichenen Leimruten, lieber Hönig, wirst du nichts fangen!« Die Musik war die stärkere Lockung, und das Herz hing in dem Lautenband wie das Vöglein in einer Schlinge.

In nächster Nähe von Atzenbrugg thronte auf einem Hügel das Schloß Ochsenburg, dem Bischof Hofrat von Dankesreither gehörig; in diesen Tagen aber machte der elegante Neffe Schober die Honneurs, bewirtete die Wiener Freunde drei Tage lang. Der Wagen fuhr in den Hauptplatz mit der schönen, wolkengetürmten Dreifaltigkeitssäule, die ein kleiner Zwillingsbruder der Säule am Graben in Wien zu sein schien, die Herren sprangen ab, die Dämchen durften sitzen bleiben, indessen der zweispännige Wagen langsam den Hügel hinaufkroch und durch den breiten, kühlen Flur zwischen den gewaltigen, halbrunden Ecktürmen in den weinbewachsenen Hofraum einfuhr. Gott, war es da schön in dem grasbestandenen Hof mit dem alten Ziehbrunnen, so recht ein Schmaus für das romantische Gemüt Schwinds.

Einfach war das Mobiliar in dem langen Speisesaal, den weiten Wohnräumen und den Schlafzimmern, altes, gebrechliches Gerümpel in dicken, gewölbten, weiß getünchten Mauern, in Wänden, sanft gekrümmt unter der Last des Alters, voll Runzeln wie ein Greisenantlitz und zugleich wetterhart und eisenfresserisch in der trotzigen Wucht mit dem gewaltigen Dachhelm und der knarrenden, rostigen Wetterfahne oben.

Jetzt war junges Leben in den alten hallenden Gängen und luftigen Arkaden oder den Hofgewölben und Vorratskammern, drei Tage lang in der Zeit, da der Herr Bischof und Oheim in der Gasteiner Ache sein Zipperlein kurierte. Die Knechte und Mägde rissen Maul und Augen auf über das lustige Leben, in der Küche drehte sich der Spieß, als ob ein ganzer Ochse in der Ochsenburg gebraten werden müßte. Alle Hände der dienstbaren Geister hatten vollauf zu tun, wenn der Herr Neffe als Flottwell mit seinen Freunden kam.

Ein dreitägiges Fest mit Landpartien, Schmaus, Tanz und Musik -- es vergeht wie ein Traum. Die Kunst war die Hauptsache bei dem Gastmahl, und Franz ward infolgedessen, ohne es recht zu wollen, oder vielleicht auch ohne es recht zu ahnen, der geistige Mittelpunkt des Festes. Wie immer wurde etwas daraus, das den Namen Schubertiade erhielt. Um Musik, Gesang und Dichtung war die Lebensfreude gruppiert, und siehe da, der Bescheidenste, Borstigste, Scheueste, Einsamste ward zum König des Tages.

Der Kleine am Klavier hatte alle am Bändel -- er hätte sich kraft seines Genius als Herrscher fühlen mögen, aber er saß in Demut da und schien zu darben bei dem Fest, dem er so recht eigentlich die seelische Weihe gab. Therese sang seine Lieder, die er begleitete, ihr junger, blühender Körper erbebte unter dem Sturmlied der Leidenschaft und Sehnsucht, die ziellos verströmte. Seine Finger gingen mechanisch über die Tasten, er hatte ein unendlich trauriges und wehmütiges Gefühl.

»Wie kommt es denn nur,« mochte seine innere Stimme fragen, »daß ich nicht weiterkomme mit all meiner Liebe? Da steht sie, die Herrliche, geschüttelt wie ein junges Bäumchen unter dem Frühlingsbrausen, das mit Verzweiflung und Tränengewalt kommt, und ich stehe dabei dreifach geschlagen und gebunden, ein armer, hilfloser Narr, und weiß mir nicht zu helfen, indessen dieser Hönig, der dreiste Bengel, so tun darf, als hätte er gewonnenes Spiel! Warum soll ich nicht auch so tun? Hab' ich nicht zehnmal mehr Recht darauf? Aber --«

Dieses Aber, das er vor sich nicht gelten lassen wollte! Er schlug in die Tasten hinein, der inneren Stimme Schweigen zu gebieten. Bum, bum, bum! Aber der Macht der inneren Stimme kann keine Tongewalt der Erde Herr werden.

»Weil du nichts bist und nichts hast und es deshalb nicht wagen darfst, das schöne Kind aus dem reichen Hause für dich zu begehren. Und wenn du es wolltest, wer sagt dir, daß sie dich liebt und daß sie dich nicht mit einem mitleidigen Lächeln vertröstet und heimschickt mit dem Zuckerbrot einer unverbindlichen Liebkosung wie damals? Wenn es dem Hönig einfiele, ihre Hand zu begehren, der brauchte nicht viel um Liebe zu fragen, der fordert sie einfach, und was er fordert, wird ihm gegeben werden. Warum, warum? Mit welchem Recht? Mit dem Recht der Seele? O nein! Du altmodischer, idealistischer Tor! Mit dem Recht des Geldes, dem schmutzigsten und ungerechtesten Recht --«

So haderte seine Seele mit dem Schicksal und behauptete mit blindem Eigensinn: »Es ist so!« obgleich im verlöschenden Bewußtsein die Erkenntnisspur verblieb: »Es ist auch wieder nicht so!« Aber daran war kein Zweifel, daß seine Lieder und alles, was er schuf, aus dem Aufruhr seiner Gefühle hervorquoll und von dem Schmerz seiner Seele geboren war. Wenn es ihnen auch unbegreiflich schien, so mußten es jene ahnen, die um ihn waren, als er ihnen seinen »Wanderer« vorsang. Am meisten ahnte es vielleicht Therese. Es ist wahr, die Sänger im Konzertsaal sangen das Lied kunstvoll, aber keiner so ergreifend bei aller Schlichtheit als Franz selber. Melusine, die Feine, hatte es sogleich erraten.

»Ich wandle still, bin wenig froh, und immer fragt der Seufzer, wo?«

Noch ehe der Gesang beginnt, dämmert die Wehmut dieser Verse in den einleitenden Akkorden auf. Das heiter-wehmütige Gefühl der Sehnsucht mit all den heftig aus dem Gefühl hervordrängenden Fragen versinkt in die Trostlosigkeit jener dumpfen Akkorde, die alles dunkel Geahnte zur hoffnungslosen, tragischen Gewißheit bringen: »Wo du nicht bist, dort ist das Glück!«

Die Musik gleicht seiner eigenen Seelenlandschaft, hohe, leuchtende Gipfel sind darin, wo alles Selige und Heitere lebt, danach sich das Gemüt sehnt, aber die edlen Schatten der Melancholie lagern auf dem Weg in der Tiefe, den Franz wandert. Doch der Weg der Seele führt über Berg und Tal in stark bewegten Kurven und ist bald im Tale der Tränen und bald wieder auf den lichten Höhen der Seligkeit. Sie stehen dicht beieinander, diese Höhen und Tiefen -- das tragische Bild seines inneren Lebens.

»Es ist so,« schreit die Seele auf in ihrer Qual -- »es ist wieder nicht so!« lächelt der nächste Augenblick.

Und was er vorhin von Hönig dachte und von Therese, das hat sich jetzt ganz und gar widerlegt, als Melusine beim Gute-Nacht-Sagen das grüne Band hervorzog und ein gutes herziges Wort daran knüpfte.

»Nie hab' ich so frei und leicht gesungen als heute, ich bin abergläubisch -- vielleicht hat's dieses da gemacht --«

Dabei schob sie das verblichene Lautenband in ihren Busen: »Hier will ich es tragen -- gute Nacht!« und war verschwunden wie eine flüchtige, klingende Welle.

Franz lag im Bett und konnte nicht schlafen.

»Warum hab' ich ihr nicht gesagt, wie es mir ist da drin? Warum?« Aber er hat es so schwer mit sich selbst, er kann sich nicht erschließen. Die Worte sind zu hart, zu dürftig, zu klobig, es müßte über ihn kommen wie ein Gewittersturm, wie ein Erdbeben, das die Klüfte aufreißt -- er kann seine Seele nicht zeigen, es sei denn in Einsamkeit, und dann wird es Musik.

Sie versteht ihn, aber sie versteht ihn doch wieder nicht!

Das alte Spiel: es ist so -- es ist doch wieder nicht so!

Morgen wird er ihr es sagen, all sein Fürchten, all sein Hoffen. Morgen, wenn der große Augenblick wiederkehrt. Aber er weiß schon wiederum auch: er kehrt nicht wieder ....

Knarr, knarr! singt die Wetterfahne auf dem Dach.

»Sie pfeift dich aus!« denkt der Schlaflose in seiner Kammer. »Es ist des Hauses aufgestecktes Schild -- ein Narr, der hier sucht ein treues Frauenbild.«

Der Wind spielt mit seinem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut!

Knarr, knarr!

Das Schicksal pfeift ihn aus, und seine innere Stimme lacht auf wie zum Hohn: »Ha, ha! Laß ab -- sie ist eine reiche Braut!«

Er ist nicht der einzige Schlaflose in diesem Gemäuer. In der Kammer nebenan liegt Schwind, auch er hört die Wetterfahne und denkt und denkt. Er hat sein Herz vollends verloren an Netty Hönig.

Knarr, knarr! krächzt die Fahne auf dem Dach mit rostiger Stimme. Das Herz knarrt dazu, als ob der eiserne Stab sich darin um und um drehte. »Ach Netty, Netty -- wärst du nicht eine so reiche Braut!«

Ja, sie haben's nicht leicht, diese beiden!

Die Festtage vergehen, der ersehnte Augenblick hat sich nicht wiederholt, das Herz ist voll und schwer von Liebesworten, die nicht gesprochen wurden. Nichts kann mehr brennen als solche feurige Worte, die man hinunterschlucken muß und deren Qual nur gemildert wird von verschluckten Tränen, die nach ihnen geweint werden.

Franz fragt sich vergebens: »Warum ist dies alles?«

Aber nicht einmal dem intimsten Freunde vertraut er sich an, dem Schwind, der die gleichen Schmerzen trägt.

Äußerlich ist es nur eine stille Traurigkeit, die man ihm anmerkt, aber das ist man bei Franz gewohnt, wenn er gerade nicht lichterloh in Flammen steht.

»Es ist einmal so!« sagt eine Stimme inwendig.

Die Abreise kommt, das erlösende Wort ist nicht gesprochen. Es schnürt ihm die Kehle zu, wenn er daran denkt; keinen Laut brächte er hervor. Melusine ist gleichmäßig freundlich und liebreich, aber ihr Wesen ist allzu geglättet, jeder Versuch, ihr näher zu kommen, gleitet ab; wenn sie nicht will, ist es vergebens. Das erfährt auch der Hönig, diese dreiste Hufeisennase.

»Auf der Heimfahrt, auf der Heimfahrt!« denkt Franz und reimt sich schon manches liebe Wort zusammen.

Aber mit der gemeinsamen Heimfahrt wird es nichts. Schober hat es im Rat der Götter anders beschlossen. Man weiß ja: er trägt sich mit einem Opernstoff, den Schubert komponieren soll. Ach ja, das ist der Weg zum neuen Ruhm, zu dem heißersehnten Ziel, wo er stehen möchte neben dem großen Wolfgang Amadeus oder zumindest neben dem volksmäßigeren Karl Maria.

»Du wirst höher greifen als Weber im ›Freischütz‹! Ja, das wirst du!« Die Freunde wissen es.

Einer, der hinter jedem Vers den heroischen Schritt des Dramas aufklingen läßt, der ist berufen, der Oper neues Leben zu geben.

»Es verpflichtet dich, vorsichtig zu sein in der Wahl des Stoffes!« warnt der treue Schwind. »Du brauchst einen Text, darin die Worte sparsam gewählt und mit Kraft gesättigt sind -- dann wirst du einen neuen Opernstil schaffen. Verzettle deine Kraft nicht an dem geschwätzigen Schund, der sich fast in allen Werken dieser Art breit macht. Laß dir deine Erfahrungen mit den ›Zwillingsbrüdern‹ und der ›Zauberharfe‹ zur Warnung sein!«

Schober gibt seine halb vollendete Dichtung »Alfonso und Estrella« zum besten, Franz ist entzückt, Schwind schüttelt denklich den Kopf. Der Cherubim ist in einer unangenehmen Zwickmühle. Er möchte Franz vor einer unnötigen Zeitvergeudung der kostbaren Kraft bewahren und andererseits dem geliebten Schober nicht wehe tun. Was tun also? Den Freund dem Freunde opfern? Ein Schuft, wer mit der Wahrheit allzu ängstlich umgeht!

»Tu's nicht, Franz,« ratet Schwind, »es ist nichts daran an der ganzen Großmutsgeschichte. Eine unklare Handlung, ein breites Geschwätz, Liebe, Politik und Langweile durcheinander gemischt. Das spanisch-maurische Kostüm kann es nicht retten. Geh' vorsichtig um mit deiner Kraft, verwende sie aufs beste, sonst kommst du leicht auf den Holzweg. Es wäre schade um dich und um deine gute Sache.«

Aber Franz ist blind und taub gegen diese Einwendungen. So begeistert ist er von Schobers Dichtung.

»Am besten, wir lassen das lose Pack allein heimfahren und richten uns hier häuslich ein!« schlägt Schober vor.

»Im Herbste kommen wir nach Wien zurück und haben die fertige Oper in der Tasche. Dann, Freund, mit fester Hand den Lorbeerbaum geschüttelt, daß es nur so die Dukaten herunterregnet!«

Der Plan ist verführerisch. Warum sollte er nicht gelingen? Schober hat Beziehungen zur Bühne, Vogl wird das Seine tun, die Anna Milder in Berlin hat sich selber angetragen, alle Hebel in Bewegung zu setzen, wenn eine Rolle für sie darin ist, also bitte, warum denn nicht?

Nun stand Franz als Minneheld zwischen zwei Frauen, der irdischen und der himmlischen Liebe. Und sollte sich für die eine oder andere entscheiden. Es war wirklich schwer, Mensch zu sein.

Soll er nun schmachtend auf dem Kalbelwagen neben der Fee Melusine sitzen und herumdrücken an dem, was er sich doch nicht recht zu sagen getraut, oder soll er dem Wink seiner Muse folgen und den Weg des Einsamen gehen?

Es müßte nicht Franz Schubert sein, wenn er sich nicht sofort des Rechten bedacht hätte. Also tapfer den aufquellenden Schmerz hinuntergewürgt und Adieu gesagt der berückenden Fee Melusine. Den rätselhaft tiefen Blick aus ihren graublauen Augen wird er nicht vergessen, der drückt ihm das Herz nun gar wehvoll zu Boden. Aber eine Hoffnung blüht: mit der neuen Oper in der Hand ist er ein gemachter Mann. Hat sie Erfolg, was gar nicht zu zweifeln ist, dann bedeutet's Ehre und Gewinn. Und dann macht ihm kein Hönig, und wär' er der protzigste Geldsack, sein Recht auf dem Wagen der Liebe streitig. Also vorläufig, und immer vorläufig tapfer entsagen, um den hohen ewigen Preis zu gewinnen.

Er muß sich rasch umwenden, als die Fräuleins mit ihren Rittern tücherschwenkend davonfahren, Hönig neben Melusine.

»Dummer Junge, möchtst heulen wie ein Schloßhund, pfui Teufel, schäm' dich!« meldet sich die Stimme inwendig.

Es reißt ihn auf dem Absatz herum und im Sturm hinauf ans Klavier. Den Schmerz muß er in der Tonflut ersäufen.

»Was vermeid' ich denn die Wege, wo die andern Wanderer gehn, suche mir versteckte Stege, durch verschneite Felsenhöhn? Habe ja doch nichts begangen, daß ich Menschen sollte scheun, welch ein törichtes Verlangen treibt mich in die Wüsteneien? Weiser stehen auf den Wegen, weisen auf die Städte zu, und ich wandere sondermaßen ohne Ruh' und suche Ruh'. Einen Weiser seh' ich stehen unverrückt vor meinem Blick, eine Straße muß ich gehen, die noch keiner ging zurück ....«

Wenn er sein Leben überdachte, dann sah er einen Weg, den keiner ging; unsichtbaren Wegweisern war er gefolgt, sie weisen weiter und weiter, und er wußte schon, daß er folgen werde, wenn er auch allein gehen mußte.

Einstweilen hatte er ja einen lieben Gefährten bei sich.

Schober schmiedete Verse aus Leibeskräften, und Franz ließ herrliche Melodien daraus entstehen, leicht und blühend waren die Gedanken, die aus seinem musikalischen Herzen hervorwuchsen.

»In sehr glücklicher Jugendschwärmerei, aber auch in sehr großer Unschuld des Geistes und Herzens,« berichtet Schober nach Wien, »wird das Werk gezeugt -- es gedeiht!«

O Unschuld! Die beiden Kumpane lebten recht vergnüglich hin, was das äußere Leben betrifft. Der Oheim kehrte aus Gastein zurück, den Dichtergenossen wurde es in Ochsenburg zu eintönig, sie verlegten ihr Quartier in das nahe St. Pölten, wo sie sich in einem Zimmer mit zwei Ehebetten, einem Sofa, einem Fortepiano häuslich und heimisch eingerichtet haben. Als sie im Spätherbst nach Wien kamen, konnten sie sich fühlen wie Hans im Glück, der einen Goldschatz im Ränzel trug.

Aber mit diesem Schatz geht das Leiden an. Die Oper wandert von Kanzlei zu Kanzlei, sie hat nach Art der Brieftauben die verhängnisvolle Neigung, immer wieder zum Ausgangspunkte zurückzukehren. Spaun in Linz, der sich immer auf dem Laufenden erhält, brennt vor Neugier.

»Möcht' es doch endlich sein!« wünscht er aus tiefem Herzen. Trübselig genug schreibt Franz dem Freunde: »Mit der Oper ist es in Wien nichts, ich habe sie zurückbegehrt und erhalten. Auch ist Vogl wirklich vom Theater weg. Ich werde sie in kurzem entweder nach Dresden, von wo ich von Weber einen vielversprechenden Brief erhalten, oder nach Berlin schicken. Mir ginge es sonst ziemlich gut, wenn mich die schändliche Geschichte mit der Oper nicht so kränkte ....«

Die Hoffnung auf Berlin hing mit der angebeteten Milder zusammen. Sie schreibt ihm, wie sehr sie seine Lieder entzückten und welchen Beifall sie in der Gesellschaft finden. Sie möchte haben, daß er ein Gedicht eigens für sie komponiert, aber es ist ein Pferdefuß dabei, denn sie fügt hinzu, es müßte für ein großes Publikum berechnet sein. Was heißt das? Sie hat außerdem vernommen, daß er Opern geschrieben hat, und fragt ihn, ob sie sich nicht für ihn bei der Berliner Intendanz verwenden soll.

»Aber natürlich!« Die Protektion ist gut zu brauchen, also flugs mit der Oper nach Berlin.

Aber auch diese Hoffnung ist trügerisch. Die Milder schreibt, daß »Alfonso und Estrella« durchaus kein Glück in Berlin machen würden. Und damit ist die Sache erledigt.

Franz hat ihr den »Gesang der Zuleika« und einige andere Konzertsachen gewidmet, aber es ist nicht das, was die Milder für das große Publikum meint. Sie schreibt ihm darüber: »Zuleikas zweiter Gesang ist himmlisch und bringt mich jedesmal zu Tränen. Es ist unbeschreiblich, allen möglichen Zauber und Sehnsucht haben Sie da hineingebracht, so wie im ersten Gesang der Zuleika und im >Geheimnis<. Zu bedauern ist nur, daß man alle diese unendlichen Schönheiten nicht dem Publikum vorsingen kann, weil die Menge leider nur Ohrenschmaus haben will ....«

Ach du lieber Himmel!

Aber schon der nächste Brief berichtet, daß die Zuleika dennoch unendlich gefallen habe; die Milder war zu ängstlich wie alle Theaterleute, wenn es ums liebe Publikum geht; daran scheitert soviel Kunst.

Aber auch mit Karl Maria von Weber, der sich in Dresden für ihn verwenden soll, ist es eine so eigene Sache.

Karl Maria kommt nach Wien zu den Proben seiner Oper »Euryanthe« und wird als musikalische Berühmtheit, die von »draußen« kommt, in den Salons serviert. Bei Sonnleithner lernt ihn Schubert kennen. Der Meister des »Freischütz« weiß genau, daß der junge Wiener Genius die Welt mit Licht zu überstrahlen berufen sei ... Als Konkurrent hilft man nicht gern einem, der groß zu werden verspricht und das eigene Licht verdunkeln könnte. Kurzum, Karl Maria ist bei aller Liebenswürdigkeit auf der Hut.

Franz weiß nichts von Kollegenneid und ist naiv genug, zu glauben, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Er ist begeistert vom »Freischütz« und zollt dem berühmten Genossen unverhohlene Bewunderung. Und gibt zugleich mit seinem Vertrauen das Herz hin.

»Frau von Chezi, die Textdichterin Ihrer ›Euryanthe‹, hat auch mir ein Buch geliefert -- ich bin schon mit Feuereifer an der Arbeit. Sie sehen also, daß wir schon vom Parnaß her verwandt sind ...«

Das ist ein echter Franz. Die Mißerfolge können ihn nicht klein kriegen. Neue Opernwerke wachsen aus Herz und Hirn hervor. »Rosamunde« entsteht, trotzdem Schwind wettert: »Dieser verhängnisvolle Blaustrumpf, den hat der Teufel nach Wien gebracht! Daß gerade du zum Opfer fallen mußt!«

Karl Maria scheint nicht sehr erbaut über die Eröffnung.

Franz hat ihm Stücke daraus vorgespielt. Die Ouvertüre war zuerst für »Alfonso und Estrella« geschrieben, Franz hatte sie als zu aufhauerisch verworfen, in »Rosamunde« war sie gut zu verwenden. Das reizende, schlanke, feingliederige Musikstück entzückte die Freunde.

Nur Weber blieb kühl.

»Hm ja, wirklich nicht übel, ganz hübsche Einfälle -- aber soviel kann ich Ihnen voraussagen: der dramatische Versuch als Ganzes wird nicht gelingen.«

Neidhammel!

Schwind war entrüstet über die absprechende Meinung.

Er selbst hatte schwere Bedenken wegen des Textes, aber »Versuch« -- das war eine glatte Gemeinheit. Und »hübsch« -- ei verflucht! »Hübsch, das sagt man von einem Kravattel!« erboste sich Schwind. »Und Versuch -- das müßte er doch wissen, daß die ›Rosamunde‹ kein Versuch ist, der Herr Kollege, der anscheinend an der musikalischen Gelbsucht leidet!«

Weber dirigierte die Erstaufführung seiner »Euryanthe« selbst. Natürlich ging Franz hinein, fünf Gulden der Platz -- er zahlte auch für Schwind das Billett, macht zehn Gulden -- davon konnte man damals einen Monat lang leben; aber Franz war kein Sparer und kein Knicker, am allerwenigsten, wenn es um die Kunst ging oder um die Freundschaft. Wer gerade Geld hatte, zahlte -- Franz tat es gern, denn Schwind war fast noch schlechter daran, sein Genius konnte in Wien gar keine Anerkennung finden, und Geld hatte er fast nie in der Tasche.

Mit Weber, der sich in den Tagen seines Wiener Aufenthaltes dem Freundeskreis angeschlossen hatte, saßen sie fast täglich im Bognerschen Café und abends im »grünen Anker« zusammen.

»Nun, wie hat Ihnen meine Oper gefallen?!« fragte Karl Maria am Tage nach »Euryanthes« Premiere.

Franz war immer ein Michel Gradaus, er verübelte es auch anderen nicht, wenn sie ihre Meinung rund heraus sagten, nur ehrlich mußte sie sein.

Er nahm sich auch jetzt kein Blatt vor den Mund: »Einiges hat mir recht gut gefallen, aber für meinen Geschmack ist zu wenig Melodie daran -- wissen Sie was: Der ›Freischütz‹ ist mir lieber!«

»Bravo!« applaudierte Schwind. Der hätte jetzt hinzufügen können: Der Text ist miserabel, aber daran ist die verflixte Chezi schuld ... Doch Schwind verkniff sich diese Äußerung und legte einen vergifteten Pfeil auf seinen Köcher.

»Hm, ja, nicht übel! Wirklich ganz hübsch! Aber der dramatische Versuch ist doch nicht gelungen!«

Der Streich war heimgezahlt. Karl Maria erhob sich und verabschiedete sich kalt und gemessen. Das Ende der Bekanntschaft war bedeutend weniger freundlich als der Anfang, und von »Alfonso und Estrella« war in Dresden keine Rede mehr.

Dafür gelangte in Wien die »Rosamunde« zur Annahme.

Bei allem, was Schwind gegen die Textdichterin einzuwenden hatte, die Aufführung war ihr zu danken. Die Chezi hatte nämlich die Gewohnheit, so lange lästig zu fallen, bis man Ja und Amen sagte, um nur Ruh' zu haben vor ihr. So war es in der Oper.

Was Schwind befürchtet hatte, traf ein. Es war ein nicht zu verhüllender Mißerfolg, den der unerträglich geschmacklose Text verschuldet hatte.

Schwind, Joseph Hüttenbrenner, Mayrhofer, alle Freunde und Schubert gingen mit Herzklopfen hinein.

»Diese heillose Frau von Chezi!« so beginnt Schwinds Bericht an Schober, der wieder unterwegs ist und sich selber sucht. »Franz hat wieder einen ganzen Reichtum von Perlen hingestreut, die auch gebührend beachtet wurden, besonders die Ouvertüre. Wie ich immer sage: ein Ziselieren im Kleinen, eine lyrische Ausbeutung des einzelnen Wortes, was in dem geschwätzigen, inhaltslosen Text leider zu lauter verpufften Wirkungen führt. Ein herrliches Feuer, an dem sich das Herz der Menschheit erwärmen müßte, wird hier mißbraucht, um dichterische Wassersuppen gar zu kochen. Sie mundete niemand. Der arme Schubert! Er hätte einen Stoff gebraucht, der machtvoll ist durch die Größe und Einfachheit des Wortes. Hat wieder einen Fehlgriff getan, der sich bitter rächen muß. Daß es ein sanfter Durchfall war, läßt sich leider nicht leugnen. Die Aufführung hat ihm mehr geschadet als genützt, er hat buchstäblich umsonst gearbeitet ....«

Ungefähr so lautete das Urteil des Freundes, der den Schlag härter empfand, als wenn er ihm geschehen wäre.

Auch damit hatte er recht, Franz hatte buchstäblich umsonst gearbeitet. Nach dem Mißerfolg der »Rosamunde« trauten sich die Bühnen erst recht nicht an seine Opern heran. In rascher Folge waren neue Bühnenwerke entstanden, »Fierrabras«, »Die Verschworenen oder der häusliche Krieg«, ein vielversprechendes Fragment »Sakontala«, sie lagen alle neben »Estrella« und »Rosamunde« friedlich in der Tischlade oder kehrten nach vergeblichen Rundreisen über die Theaterkanzleien dahin zurück. Wieviel Lebenskraft und Schöpferwille ward hier fruchtlos vertan!

Auf die Epoche des glänzenden Aufstieges schien eine Zeit der Mißgeschicke gekommen zu sein. Sind es die biblischen sieben Jahre, in denen sich der Schicksalsstern entweder in aufsteigender oder wie jetzt in absteigender Linie bewegt? Man weiß es nicht, man nimmt's gleichmütig hin, man kann nichts Besseres tun als seine Pflicht und warten, bis günstigere Zeiten kommen.

»Wenn nur der Verleger nicht so gewissenlos wäre!«

Damit ist der Diabelli gemeint, der ihm das Verlagsrecht für seine erfolgreichsten Liederhefte für ein Butterbrot abzuluchsen verstand und ihn bei den kommissionsweisen Sachen noch obendrein übers Ohr haute nach Noten. Um der Unverschämtheit die Krone aufzusetzen, schließt er jetzt eine Rechnung ab, bei der Franz, anstatt Geld zu bekommen, noch fünfzig Gulden zu zahlen hätte.

»Ein sauberer Patron!« Franz wirft ihm die ganze Wahrheit an den Kopf. Sie ist knüppeldick genug, um dem Faß den Boden auszuschlagen. Es ist nicht nur die ewige Betrügerei -- die Skrupellosigkeit dieses Geschäftsmannes vergreift sich auch an dem geistigen Gut, die Lieder und Tänze kommen vielfach verstümmelt und mit entstellenden Zusätzen heraus, die nach des Verlegers Meinung die Schöpfungen »publikumsreifer« machen sollten. Der geduldige Franz ist darüber aus dem Häuschen; in einer Aufwallung des gerechten Zorns richtet er eine geharnischte Absage an seinen Ausbeuter, und damit war ein für allemal reiner Tisch gemacht.

Das Suchen von Verleger zu Verleger geht nun erst recht an. Wie es manche verstehen, die üble Lage des Künstlers auszunützen! Da sind einige, die würden mit ein oder zwei Stücken den Anfang machen (werden sich freuen!), nur zahlen wollen sie nichts -- als Entgelt einige Freiexemplare! Später, ja, wenn sie den Profit gemacht hätten, würden sie ihm für weitere Sachen eine bare Entschädigung geben; er wird mit Phrasen abgespeist, als ob er noch ein blutjunger Anfänger wäre.

Wien schwelgt in Schubertscher Musik, sein Ruhm ist begründet auch in anderen Städten -- dabei ist er arm wie eine Kirchenmaus. Ein schwieriges Problem, ohne Amt und ohne festes Einkommen der Kunst zu leben. Er will es fertigbringen!

Ein Es-Dur-Trio, unter Brüdern hundert Gulden wert, bietet er der Firma Probst an.

Sie möchte gern, o ja! -- Nur ein Haken ist dabei.

»Gern sind wir erbötig, zur Verbreitung Ihres Künstlerrufes beizutragen .... leider wird der eigene, sowohl oft geniale als wohl auch mitunter etwas seltsame Gang Ihrer Geistesschöpfungen in unserem Publikum noch nicht genug verstanden ....«

Immer die nämlichen, geschraubten Wendungen, die den Vertrieb der Werke schwierig hinstellen, um den Preis zu drücken.

»Ja, wenn einmal das Eis gebrochen ist ...« Sie versprechen ihm goldene Berge, aber für später, später .... Zukunftsmusik!

Kurz und gut, statt der verlangten hundert Gulden schickt ihm die Firma zwanzig Gulden.

»Wenn es Ihnen zu wenig ist, dann schicken Sie das Geld gefälligst wieder zurück ....«

Wenn die Not am höchsten, ist der Hungerlohn am nächsten! Die zwanzig Gulden haben schon hundert Herren, also ist vom Zurückschicken kaum die Rede! Grausame Heimtücke!

Da ist noch Artaria, aber der ist wirklich anständig, schier ein Mäzen, der zahlt dreihundert Gulden für eine Sinfonie, freilich muß er noch ein kleines Klavierstück darauf kriegen -- das Heft kostet sechs Gulden Ladenpreis, hundert Hände greifen danach im Augenblick des Erscheinens -- die Zahlen werfen ein Streiflicht auf die Verlegerbriefe.

Nun, Gott sei Dank, wenn es auch nicht Geld regnete, so tröpfelt's doch hin und wieder, und wenn vollständige Dürre eintritt, dann helfen die Dedikationen über das Gröbste hinweg. Der Gesellschaft der Musikfreunde hat er eine Sinfonie gewidmet, sie weist ihm einen Ehrensold von hundert Gulden an. Die Hand Sonnleithners ist dahinter zu spüren. Klingende Münze kann man gut brauchen in so sündteuren Zeiten, aber es glückt nicht immer. Schöne Worte fallen häufiger ab als Dukaten.

Der Herr Bischof von Dankesreither in St. Pölten bedankt sich schönstens und ist freigebig mit schmeichelhaften Redensarten, aber es fällt ihm gar nicht ein, etwas springen zu lassen. Die Linzer Musikfreunde ernennen ihn zum Ehrenmitglied, die Grazer tun dasselbe auf Betreiben Jengers. Anselm Hüttenbrenner tut sehr wichtig mit der Überweisung der Urkunde -- es ist eine Ehre für Franz, er kann sich das Blatt vor den Spiegel stecken, er kann aber auch den Mund an den Nagel daneben hängen, er kann es ganz leicht, weil's nicht immer was zu beißen und zu nagen gab.

Aber trotzdem -- Franz läßt sich nicht lumpen, er will dem Musikverein ein Geschenk machen, das mit seinem Menschheitswert das Blatt vorm Spiegel himmelhoch übertrumpft.

»Um auch in Tönen meinen lebhaften Dank auszudrücken, werde ich mir die Freiheit nehmen, dem löblichen Verein ehestens eine meiner Sinfonien in Partitur zu überreichen ....«

Er spürt in seiner Brust ein neues Wogen und Singen: einen vertraulichen Klang aus früher Zeit.

G -- d -- g -- fis -- g -- a .....

Die Geigen in seiner Brust schreien es in die Höhe; und immer wieder kehrt die Melodie, immer wieder reißt sie ab und sucht mit rührender Sorgfalt das Gesangsthema in neuen Variationen zu ergreifen .... Das sinfonische Tongemälde wird ein Abbild seiner Seele, ein erschütterndes Bekenntnis.

Er ist kein armer Mann, er ist ein Krösus, der aus vollen Händen gibt.

Draußen in den Weindörfern, in Währing, Weinhaus, Heiligenstadt, Grinzing, verbirgt einer sein Haupt in grüner Einsamkeit, ein ganz Großer, zu dem Franz jetzt aufsieht wie zu dem einzigen Stern über sich. Der geht auch einem unsichtbaren Wegweiser nach, unbegangene Pfade, weitab von allem Gewöhnlichen und hoch durch unwegsame Gebirge der Seele. Einer, der die Märtyrerkrone um seiner Kunst willen trägt, und zu dem das Meisterlein mit Ehrfurcht emporstarrt. Das ist Ludwig van Beethoven.

Er möchte sich ihm nähern, aber eine unüberwindliche Scheu vor diesem Gewaltigen zwingt ihn, im weiten Bogen auszuweichen. Er getraut sich nicht; heimlich geht er auf den Spuren des Gewaltigen, draußen zwischen den Weinbergen und kleinen Winzerhäusern.

G -- d -- g -- fis -- g -- a ....

Dieses Lebenslied mit all den hoffnungsvollen Anfängen darin läßt ihn nicht mehr los.

Franz schafft mit Zyklopenhänden. Jahr um Jahr, ohne Unterlaß -- das Arbeitsfieber ist sein normaler Zustand, er denkt nicht daran, daß es anders sein könnte. Erlösung, Vergessen, alle Rauschseligkeiten des Glücks gibt ihm diese heiße, verzehrende Arbeit. Sein Genius leuchtet auf wie eine mächtige Flamme, aber Franz merkt nicht, daß er der Kerze gleicht, die an beiden Enden brennt.

»Was ist mit mir?« sagt er eines Tages zu Schober. »Das Essen schmeckt mir nicht, ich kann nachts nicht schlafen, die Töne hämmern mir im Hirn, die Noten fliegen nur so zu, aber wenn ich nachts aufstehe, um sie festzuhalten, sind sie entflohen, ausgelöscht, nicht zu fassen .... Am Morgen ist mir dann der Schädel dumpf und schwer, ich ziehe an der Arbeitslast, als wäre sie ein Wagen voll Pflastersteine, und muß ziehen, ziehen, weil ich muß und nicht anders kann ....«

»Du mußt dich schonen, Freund, du bist überarbeitet, lasse es sein auf kurze Zeit, sammle deine Kräfte, und alles wird wieder flott gehen ...«

Aber der hatte schön reden. Man brauchte Geld und mußte verdienen. Wenn man statt hundert Gulden nur zwanzig bekommt und die hundert braucht, muß man fünfmal mehr machen oder fünfmal so schnell arbeiten.

Aber das ist es nicht allein.

»Weißt du denn nicht, daß Arbeiten das Paradies und Nichtarbeiten die Hölle für mich ist!« und jeden Tag kämpft er sich durch, aus der Hölle in das Paradies empor, um wieder hoffnungslos in die Hölle seiner Ohnmacht zurückzusinken. Aber die Sinfonie muß werden, mag auch ein Stück Gesundheit darauf gehen, das bringt man alles wieder ein, nur das Werk soll nicht erkalten, rein und volltönig muß es erklingen wie eine Glocke, es gibt vorher keine Schonung, und nun alles daran, was an Kraft aufzubieten ist! Ein Lebenslied, diese H-Moll-Sinfonie, sein Höchstes und Tiefstes soll es umfassen ..

Und wieder jubeln die Geigen in die Höhe: g -- d -- g -- fis -- g -- a ..... um nach kräftigen, harten Akkorden wieder abzureißen. Er schleppt sich hin, ist krank und weiß nicht, wie und wo. Die Schmerzen sitzen bald da, bald dort, der Kopf ist müde, es ist, als ob die Kraft plötzlich irgendwie einen Knick bekommen hätte.

E -- fis -- g -- h -- ais ...

Geigen, Violen und Fagotte brachen in ein herzzerreißendes Klagen aus, die Bässe sinken hoffnungslos herab auf das tiefe C; wie einzelne Lichtblicke brechen Teile des Gesangsthemas durch, um sogleich wieder in dem düsteren Nachtgemälde zu ersterben, die Celli und Kontrabässe wälzen dunkle Tonfluten herauf, c -- c -- c -- gleich gewitterhaften Wolkenmassen, schmetternde Blechakkorde fallen ein wie strahlende Blitze, dazu ein helles Geigenmotiv, das empor will wie zu Anfang, um gleich wieder nach hartem, erbittertem Kampf zusammenzubrechen .... Die Erschöpfung ist eingetreten, noch ehe das sinfonische Gemälde, ein Bild seines Lebens, vollendet ist.

Franz ist zusammengebrochen. Die Nervenkraft ist erschöpft. Seltene Träume suchen ihn heim. Er fühlt sich als Bruder vieler Brüder und Schwestern, die Vergangenheit wogt daher in phantastischen Bildern, er sieht die Leiche seiner Mutter, der Vater erscheint ihm, er hat Streit mit ihm und entflieht; er wandert in ferne, unbekannte Gegenden, es ist ihm, als ob Jahre in dem Traum vorübergingen, seine Lieder umtönen ihn, die Liebe, die er gesungen, fühlt er als Schmerz, und der Schmerz, den er singt, wandelt sich in Liebe. Ein Traumbild jagt das andere. Sie haften in seinem Gedächtnis, er schreibt sie nachträglich auf wie eine allegorische Erzählung und schließt mit den Worten ».... und ich fühle die ewige Seligkeit wie in einen Augenblick zusammengedrängt. Auch meinen Vater sah ich versöhnt und liebend. Er schloß mich in seine Arme und weinte. Noch mehr aber ich.«

Franz liegt im Spital, er hat alle Haare verloren. Als er nach Wochen das Krankenhaus verläßt, präsentiert er sich seinen Freunden in einer gemütlichen Perücke. Er kommt überdies nicht mit leeren Händen. Die Krankheit war im gewissen Sinne eine Wohltäterin. Es war die Zeit der Ruhe und des Kräftesammelns. Aber die Katz' kann das Mausen nicht lassen, im Spitalbett hat er wieder zu komponieren angefangen. Kleine, leichte Sachen zwar, ein paar Dutzend Deutsche, einer schöner als der andere, galante, liebliche, bacchantische und fugierte -- zum Entzücken Schwinds, der alles getreulich an Schober berichtet, der noch immer in der Welt herumirrt und es wieder mit der Schauspielerei hat. Er ist in Breslau und möchte genau wissen, wie es Franz geht.

»Er hat wieder seine Perücke abgelegt und zeigt einen lieblichen Schneckerlanflug,« berichtet Schwind nach Breslau.

Und später heißt es, Franz habe sich einer neuen Behandlung unterzogen, und dann erst habe sich die Krankheit gebrochen. Aber er müsse mit sich vorsichtig umgehen wie mit einem rohen Ei ... »-- er lebt noch immer einen Tag von Banaderln, den anderen von einem Schnitzel und trinkt schwelgerisch Tee, dazu geht er öfters baden und ist unmenschlich fleißig ....«

Unmenschlich fleißig, das ist er wohl. Er fühlt sich verjüngt und will wieder losstürmen. Aber halt, so wie früher geht's doch nicht mehr. Rasch tritt die Erschöpfung ein, der alte Zustand ist wieder da. Schlaflose Nächte und ein Hirn, das fort und fort rattert wie eine leere Maschine. Ein tüchtiges Glas Wein abends, ja, das hilft noch -- den Tee hat er über, etwas Bettschwere abends hilft ihm eher, heitere Geselligkeit, die Freunde; wie in allen seinen Lebenskrisen sind sie Trost und Rettung. An die Liebe wagt er jetzt kaum zu denken. Er hofft auf später. Alles läßt sich noch einholen, alles Versäumte und Verfehlte. Nur Zeit!

Das Lebensbild in H-Moll liegt noch da, unvollendet.

Rasch entschlossen tut er die unfertige Sinfonie in ein Kuvert und schickt sie nach Graz als Geschenk an den Steiermärkischen Musikverein. Er löst sein Wort ein und gibt ein Werk von erschütternder Gewalt hin für einen nichtigen Wisch Papier.

Anselm Hüttenbrenner als Musikdirektor empfängt es und verschließt es in eine Schublade. Was für ein Dämon hat Freund Anselm behext? Das ist ja gerade so, als wollte er den ergreifenden Aufschrei einer Seele mit einem Bahrtuch ersticken?! Wenn Franz das wüßte ... Aber der ahnt nichts und vertraut dem Freunde.

Langsam will er hinaufklimmen zur Höhe seiner alten Kraft. Langsam, langsam. Manchmal hat es ja den Anschein, als wäre er wieder ganz oben, manchmal. Er schreibt schon lange an einem Oktett, es sprüht von Lebenskraft, gerät fast außer Rand und Band, wuchert über an Schönheit und Wohllaut, etwas eigenwillig und barock in der Form, so recht süddeutsch, so recht österreichisch, ein ganzer und echter Schubert. Mit dem größten Eifer schreibt er daran; langsam, langsam geht es vorwärts. Schwind kommt zu ihm, Franz schreibt und schreibt. Er sagt nur, ohne aufzublicken: »Grüß dich Gott! Wie geht's?«

»Gut!« -- Jetzt kann aber Schwind lange warten, bis der andere wieder einen Ton von sich gibt. Der schreibt und schreibt und läßt sich nicht beirren. Der liebe Besuch, so lieb er ihm auch ist, er kann getrost wieder gehen. Wenn Franz bei der Arbeit ist, gibt's keine Audienz.

Aber dann kommen Tage, wo er sich wieder von der stolzen Höhe seiner Kraft herabgeschleudert fühlt und wie zerschmettert am Boden liegt.

Vielleicht wenn er aufs Land ginge, die Natur hat verborgene Heilkräfte. Er fühlt etwas Sehnsucht nach Bergen, nach Waldluft. Er möchte sich verkriechen wie ein verwundetes Tier in Einsamkeit. »In Grün will ich mich kleiden ...«

Ein Glück, daß ihn Vogl mitnimmt nach Steyr.

Er fühlt das Leiden wie eine dunkle Nacht über sich, und er findet sich bald ein Gleichnis dazu, dem er aus tiefster Herzensnot eine Stimme geben kann. Ist es nicht, als ob ihm eine Krähe folgt, der sein Leib bereits verfallen ist? Wenn er flieht, dann zieht sie ihm nach.

»Eine Krähe war mit mir aus der Stadt gezogen, ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen. Krähe, wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen, meinst wohl, bald als Beute hier meinen Leib zu fassen? Nun, es wird nicht weit mehr gehn an dem Wanderstabe. Krähe, laß mich endlich sehn Treue bis zum Grabe!«

Er lebt in Steyr bei Vogl in tiefster Einsamkeit, fast verborgen, und kehrt nach einigen Wochen nach Wien zurück. Die Krähe, die ihm von der Stadt aufs Land gefolgt war, begleitete ihn vom Land in die Stadt.

Franz redet nicht gern über seinen Zustand; er schweigt und brütet vor sich hin, wenn er gefragt wird. Anders ist es, wenn er mit einem abwesenden Freunde brieflich eine Zwiesprache hält. Beim Schreiben drängen die zurückgestauten Gefühle mit Macht hervor, und so kommt der herzergreifende Brief zustande, den er an den Freund Kupel schreibt, der nach Rom gegangen ist, um die Sehnsucht seines Herzens an der Antike zu stillen. Als ob die Entfernung geeignet wäre, die Seelen einander näherzubringen, so schüttet Franz in dem Brief an Kupel sein Herz aus:

».... mit einem Wort, ich fühle mich als den unglücklichsten, elendesten Menschen auf der Welt. Denk' dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will und der aus Verzweiflung darüber die Sache immer schlechter statt besser macht, denk' dir einen Menschen, sage ich, dessen glänzendste Hoffnungen zu nichts geworden sind, dem das Glück der Liebe und Freundschaft nichts bieten als höchstens Schmerz, dem Begeisterung für das Schöne zu schwinden droht, und frage dich, ob das nicht ein elender, unglücklicher Mensch ist? -- Meine Ruhe ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmermehr -- so kann ich wohl jetzt alle Tage singen, denn jede Nacht, wenn ich schlafen gehe, hoffe ich nicht mehr zu erwachen, und jeder Morgen kündet mir nur den gestrigen Gram. So freude- und freundelos verbringe ich meine Tage, wenn nicht manchmal Schwind mich besuchte und mir einen Strahl jener vergangenen süßen Tage zuwendete ....«

Sein Gemüt ist düster umwölkt -- er trinkt den Leidenskelch auf seinem Ölberg.

Was wird aus diesem Leben -- geht es wieder aufwärts, oder kommt es ganz auf den Hund?