IX.
Diddel dum, diddel dum, diddel dum -- diddel dei, diddel dei, diddel dei -- diddel dum, diddel dei! Die Klarinette girrt und gellt vor Lachen, von der brummbärigen Baßgeige in die Höhe geschwenkt beim Tanz, ehrbarlich zappelt das Klavizimbel mit, getreulich geführt von dem behaglichen wohlgesetzten Cello -- diddel dei, diddel dei, hei, hei, hei, hei -- diddel dum, diddel bum, dum, dum, bum, bum!
Franz schabt das Cello, dunkeltönig jubeln die Saiten, als wären sie vom lieben Gott selber gestrichen, Franz spürte es inwendig, bis in die Gedärme hinein. Er spielt mit einigen Freunden zur Hochzeit auf, Johanna Lutz und Kupel, der endlich aus klassischem Land Heimgekehrte, sind nun ein Paar. Diddel dei, diddel dum!
Das Blondhaar glänzt wie Goldgeschmeide auf dem sinnenden Haupt der zarten Lutz. Sie sieht heute gar elfenhaft aus neben dem großen, gebräunten Kupel, der wie ein junger, iliadischer Krieger anzuschauen ist. Er hat den Arm leicht um die Lutz gelegt: »Vivat Kupel, du hast den Preis gewonnen!« So denkt Franz, der vom Podium herab die Tafel überschaut: Ein schönes Paar die zwei -- diddel dum, diddel dum!
Neben Johanna sitzt Schwind, der ist heute so seltsam, er dreht Brotkügelchen, spielt mit den Fingern, preßt dann fest die Hände ineinander, schaut öfters stier in die Luft -- was hat er denn? Er hat was, Franz bemerkt es von oben, wie fleißig er auch fiedelt. Netty Hönig sitzt neben ihm unten, die sind beide so einsilbig, Schwind und die Netty. Da geht was vor. Diddel dum!
Weiter an der Tafel sitzt groß und stattlich wie eine Märchenfee die rätselhaft schöne Melusine. Ein magisches Band ist gewoben von ihm zu ihr, und seine Blicke schweifen immer herunter auf sie. »Ja, ja, weil unsere Lieb' ist immer grün, weil grün der Hoffnung Fernen blühn --« diddel dum, diddel dum! Ob sie noch das grüne Lautenband besitzt? Warum sie es nicht in den Locken trägt -- wie damals? Sie hat ja 's Grün so gern?! Diddel dum! Sie hat es wohl tief versenkt in die Nähe des Herzens .... Diddel dum! »Dann weiß ich, wo die Hoffnung wohnt, dann weiß ich, wo die Liebe thront ...« Diddel dei, diddel dei, diddel dum, dum, bum!
Ist der Schober aber redselig, spielt wieder den verfluchten Kerl -- alle Weibsen um ihn herum verzückt wie vor einem Halbgott -- und dieses verliebte Geschau -- hält er sie alle zum besten oder ist es ihm ernst damit? Halb Don Juan, halb Don Quichote -- daß er nur wieder da ist! Diddel dum! Musik und Gedanken geraten dem Franz wie italienischer Salat durcheinander, während er das Cello schabt.
Diddel dum! Der Hönig, dieses ausgewässerte Gesicht, gar nicht genugtun kann er sich mit übertriebener Aufmerksamkeit für Melusine. Will sie nach einer Pomeranze greifen, schwupp hat er schon den Fruchtaufsatz in der Hand, die Serviette fällt ihr herunter, wie ein Käsperl ist er in der Versenkung verschwunden. Sie greift nach der Fingerschale, die ohnehin ganz bei ihr steht, aber nein, der zudringliche Kerl greift ihr wieder zuvor, er muß die Schale halten, indessen sie ihre rosigen Fingerspitzen eintaucht -- und dieser ekelhaft lüsterne Blick von ihm, hat er nicht etwas Affenartiges? Ja, das ist's, ein kompletter Affe! Merkt er denn noch immer nicht, daß sie, die Wald- und Quellenfee, ihm kaum einmal dankend zunickt, Luft ist er für sie, vollständig Luft, o die Holdselige!
Jetzt schaut sie wieder herüber, Franz senkt sich tiefer auf das Cello, es schluchzt und jubelt. Diddel dum, diddel dum, diddel dum!
In dem Geschrei, Gelächter und Gefiedel schwingt sich eine Stimme empor, die Ruhe gebietet. Das ist einer von den Freunden Hönigs. Franz denkt nicht gut von diesen Freunden. »Was soll mir diese Reihe von ganz gewöhnlichen Studenten und Beamten? Was gehen die mich an? Ist es nicht der Mohn? Oder ist es der Bruchmann? -- Nein, der Mohn ist es!« Er bittet um Ruhe.
Alles schweigt, Musik, Gelächter und Geträtsche, mäuschenstill ist alles. »Was sagt der Mohn? Hör' ich recht? Lauter, lauter, oder ich schmeiß' dir meinen Fiedelbogen in das verlogene Maul ...«
Die Stimme Mohns ist klar und vernehmlich: »... das alles möchte ich euch zu wissen geben, ihr lieben Freunde, daß neben dem geliebten und verehrten Hochzeitspaar soeben eine Verlobung stattgefunden hat: Fräulein Therese Puffer und der liebe Freund Hönig, sie leben hoch! Dreimal hoch! Musik! Einen Tusch! Ha, faules Musikantenvolk!« Der Dirigent am Cello rührt sich nicht.
»Dreimal hoch!« Der ganze Chor brüllt es, die Gläser fahren zusammen, die Klarinette, die Baßgeige, das Klavizimbel, sie fallen mit ein, unordentlich, kopflos, es klingt ein klein wenig wie Katzenmusik. Das Cello rührt sich nicht. Schier die Darmsaiten sind ihm abgerissen, heftig und schmerzlich, als ob sie Franz im Leib hätte.
Knarr, knarr! Die Wetterfahne hat sich umgedreht. Knarr, knarr! Als ob der rostige Stab mitten durch die Brust ginge, das Herz ward dabei schier entzweigedrückt. »So hätt' er nimmer suchen wollen, im Haus ein treues Frauenbild! Der Wind spielt drinnen mit dem Herzen wie auf dem Dach, nur nicht so laut, was fragen sie nach meinen Schmerzen? -- Sie ist ja eine reiche Braut!«
Das längst gesungene Lied wacht auf mit allen Schmerzen, jetzt ist es Begebenheit geworden.
Er nimmt sein Cello zwischen die Knie und streicht ganz zärtlich und sacht über die Saiten. Es weint und schluchzt jetzt für ihn, indessen er den anderen zum Tanz aufspielt, die unten mit heißem Atem Brust an Brust herumschwenken. Was im Innern vorgeht, man merkt es ihm nicht an, was kümmert's auch die andern! Er hat sein phlegmatisches Gesicht aufgesetzt. Nur daß der Kopf einige Zoll tiefer und schwerer über dem schluchzenden Cello hängt. Diddel dum!
Melusine, die Nixenkühle, tanzt in des andern Arm. Nicht des Besten Braut ist sie geworden, sondern des Reichsten! Der hat sie ihm vor der Nase weggeschnappt. So geht's im Leben. Diddel dum!
Einer hat sich zu ihm geflüchtet, der Frack ist ihm hinten zerrissen, wie ein Häufchen Elend hockt er am Podium dicht bei Franz.
»Was ist mit dir, Schwind? Geh', schau', du bist ja ganz zerrissen!«
Der hebt ein zuckendes Gesicht zu ihm empor.
»Zerrissen? Ja, das bin ich. Zerrissen -- inwendig -- ganz in Fetzen zerrissen!«
»So, so!« Franz sagt nicht mehr. Er weiß schon, was los ist. Die Aufregung Schwinds vorhin, der hat einen schwerwiegenden Entschluß gefaßt -- mein Gott, wo alles liebt .... »und jetzt bist du ....«
Der Zerknirschte nickt traurig und ergänzt den Gedanken: »-- abgeblitzt!«
Fiedelbum!
»Hab' ich's nicht immer gesagt -- diese Hönigs!« raunt es vom Cello herab.
Der unten am Podium hockt, möchte vergehen vor Weh und Ach. Traurige Hochzeitsgäste, diese zwei, der Musikant und sein Leidensbruder.
»Du tust, als ob dir nichts geschehen wäre ...« gibt der unten zurück.
»Sei still, sonst ....« klingt's hinter dem Cello hervor.
Fiedelbum!
Nachts am Heimweg gehen die zwei stumm nebeneinander her.
»Mich leidet es nimmer daheim,« fängt endlich der Cherubim an. »Ich muß fort, hier kommt man auf keinen grünen Zweig ... Ich gehe mit meiner Kunst ...«
»Und das Herz? Kannst du das auch mitnehmen? Das ist verwachsen mit dieser Luft, aber auch die Kunst ist verwachsen mit diesem Herzen, mit dieser Luft, mit diesem Boden, mit dieser Stadt, dieser verruchten, miserablen, in Grund und Boden verwünschten, treulosen, undankbaren, launenhaften und leider viel zu sehr geliebten ... Eine Buhlin ist sie, die sich wegwirft an den, der das meiste Geld hat .... man hat zu viel Herz, daran geht unsereiner zugrunde ...«
»Herz?!« Der Cherubim tut, als ob das Herz für ihn keinen Sinn hätte. »Herz? Man hat es in den Staub getreten, zertrampelt, ich fühle nichts mehr da drin als wie eine namenlose Abscheu ....«
Der andere seufzt: »Sie ist eine reiche Braut ...«
»Reden wir nicht mehr darüber, Servus!«
»Servus!«
E -- fis -- g -- h -- ais -- --
Der Verzweiflungsakkord kommt nicht mehr zur Ruhe.
Das Leben geht fort, es macht sich von selbst. Franz wundert sich jeden Morgen, daß immer wieder ein neuer Tag anbricht, trotzdem er oft meint, es müßte aus sein. Mit seiner Bewerbung um die Kapellmeisterstellen ist er durchgesaust. Ihm ist es einerlei. Ganz Wurst! Er erzählt es mit einer Art Galgenhumor den Freunden.
»Ist doch allen hier so gegangen, die etwas Großes und Ernstes gewollt haben, warum soll's denn mir anders gehen?! Sie haben den Mozart nicht wollen, wie man sieht, wollen sie auch den Grillparzer nicht und setzen ihm einen Dämpfer nach dem anderen auf, daß er sich ganz menschenscheu verkriecht, und Beethoven -- für den soll im Ausland gesammelt werden, wie man hört; im Vergleich mit diesen Großen bin ich ja herrlich daran -- ich dürfte mich ja eigentlich gar nicht beklagen, wenn ich auf die anderen hinsehe ....«
»Freunde, auswandern! Ich gehe nach München, dort lebt die Kunst!«
Bauernfeld haut fürchterlich auf. Er schimpft über diese Zustände wie ein Rohrspatz. Aber auswandern? »Nein, Freunde --« Er ist durchaus dagegen.
»Wohin soll denn der Österreicher auswandern? Gibt es doch keinen Fleck auf der Erde mehr, der so schön ist als gerade seine Heimat. Hier wurzelt seine Gefühls- und Denkweise, er muß so singen, reden, schreiben, malen können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Die Stimme des Genius loci will erklingen -- sie redet nirgends so laut als hier. Die Welt hat ihr Herz entdeckt -- und dieses Herz der Welt ist Wien und Österreich. Was dieses Herz ist, haben wir der Menschheit zu verkünden, Schubert, Schwind, Grillparzer und wir alle zusammen. Wo können wir es besser als hier, wo unsere inneren Quellen springen, wo unsere Kraft wurzelt? Und von hier sollen wir fortgehen? Das wäre eine Viecherei; unser Bestes schöpfen wir hier, vergiß das nicht, lieber Bruder Schwind! Hier sind wir glücklich, obschon wir leiden; und wir leiden, obschon wir glücklich sind ...«
Franz horcht aufmerksam zu, er nickt stumm mit dem Kopf, es ist etwas Wahres daran an dem, was der beredsame Bauernfeld sagt.
Schober ist auch seiner Meinung, obschon aus einem Grund, der weniger tief liegt. »Man findet es nirgends besser auf der Welt, meistens weit schlechter,« läßt er sich vernehmen; »diesen Tabak, diesen Kaffee, diesen Wein und diese Weiber -- so herrlich wachsen sie nicht einmal in Sachsen!«
»Schäker!«
Aber der Schwind wird ernstlich bös über den liebenswürdig eitlen, tändelnden Schober.
»Du hast dir noch nicht ein Stückel Brot selber verdient, also weißt du einen Schmarrn vom Leben! Ein Kerl, der den ganzen Tag nichts tut als vor dem Spiegel stehen und Weiberkitteln nachrennen, der hat hier nicht mitzureden. Um schaffen zu können, muß der Mensch leben, er muß essen, das Nötige verdienen -- hier kann der Mensch, wenn er sonst nichts hat als sein Talent, verhungern. Und darum bleibt nichts anderes übrig als zu gehen.«
Mayrhofer, der Lodernde, am inneren Feuer Verglühende, hat Anfälle von Reue; in solchen lichten Augenblicken kommt er aus seiner freiwilligen Verbannung und Einsamkeit hervor, sitzt in dem geselligen Kreis der Jungen, um dann wieder um so menschenscheuer und grollender in seine mönchische Weltflucht zurückzukehren.
Was da geredet wurde, ist Wasser auf seine Mühle. Er hat das Zeug zum Freiheitsapostel und Demokraten und hält jetzt eine wilde Rede gegen Bevormundung, Unterdrückung und Polizeigewalt. »Denkfreiheit, Redefreiheit, Aktionsfreiheit,« das sind seine Schlagworte.
Das wäre alles sehr schön, meint Bauernfeld, wenn es nicht bloß die Faust in der Tasche wäre. Wie es denn käme, daß Mayrhofer trotzdem als Zensurbeamter weiter helfe, den Geist der Freiheit zu knebeln anstatt zu befreien -- eine Einwendung, die den zwiespältigen Mayrhofer wieder gehörig verschnupft.
»Daß die lieben Zeitgenossen doch immer nur dazu da sind, sich dem Bedeutenden hemmend in den Weg zu stellen!« eifert Bauernfeld. »Drum, Freund, müssen wir dableiben und gegen diese erbärmliche Welt so lange protestieren, bis sie sich zu schämen anfängt, daß sie es so ausgezeichneten Kerlen, wie wir sind, so sauer hat werden lassen.«
Die Stimmung wird immer lauter und gemütlicher; die Seelenverfassung der Freunde ist dem Gedeihen des Galgenhumors recht günstig. Äußerlich geht es oft bei unbändiger Lustigkeit her; aber das ist äußerlich. Wie es bei Franz innerlich aussieht, das weiß keiner so recht; allerdings, die Lieder sind Verräter. Seine »Winterreise« erscheint, die Freunde schütteln den Kopf, zunächst mehr befremdet als ergriffen.
»Hie und da ist an den Bäumen manches bunte Blatt zu sehn, und ich bleibe vor den Bäumen oftmals in Gedanken stehn; schaue nach dem einen Blatte, hänge meine Hoffnung dran; spielt der Wind mit meinem Blatte, zittr' ich, was ich zittern kann. Ach, und fällt das Blatt zu Boden, fällt mit ihm die Hoffnung ab. Fall' ich selber mit zu Boden, wein' -- wein' auf meiner Hoffnung Grab, wein' -- wein' auf meiner Hoffnung Grab ...«
Mit heimlichem Grauen starrten die Freunde in dieses Tal der Tränen. Düstere Nachtgemälde rollten sich in den Liedern auf, der Schmerz wühlte darin, und das Licht der Hoffnung schien erloschen.
»Gar so melancholisch ...«, meinte der eine wie der andere. »Mehr Heiterkeit, mehr Lebensfreude -- Kopf in die Höhe, Franz!«
Sie haben leicht reden, diese anderen; aber die Melancholie kommt eben daher, daß die Seele den grausamen Nüchternheiten des Lebens allzusehr unbewehrt und verwundbar gegenübersteht; sie leidet, aber dieses Leiden ist zugleich der Zoll, den sie bezahlen muß dafür, daß ihr gegeben ist, soviel auszusagen. So wendet sich alles Leid wieder zum Segen, es wird ein neuer Schatz für die Menschheit -- das Herz, das die Welt hier entdeckt hat in der Wiener Heimat, in diesen Liedern zuckt und blutet es.
»Wißt ihr denn auch, wie die Ausgabe der Liederserie ›Winterreise‹ zustande gekommen ist? Fragt den Freund Lachner!«
Lachner ist aus München nach Wien gekommen, ein junger Musiker, der als Feldherrnstab den Dirigentenstock im Tornister trägt. Einstweilen muß der Feldherr des Orchesters buchstäblich das Kalbfell schlagen, er ist aushilfsweise Paukenschläger in der Oper, und das ist auch keine Kleinigkeit. Aber seine Sehnsucht ist zurück auf die Münchener Heimat gerichtet, er wartet nur auf den günstigen Wind, um mit vollen Segeln zurückzusteuern geradewegs zum Dirigentenpult als Ziel. Daß er Schwind mitnimmt, das scheint schon ziemlich abgemacht. Auch Schubert hat er sich dick angefreundet, sie stecken immer beisammen.
Franz ist wie gewöhnlich in Geldnot und will rasch etwas verklopfen. Eine Liederserie liegt bereit, Lachner soll sie zum Verleger Haßlinger tragen und trachten, soviel als möglich herauszuschinden. Von Geschäftssachen versteht er auch soviel wie der Esel vom Zitherspiel, allerdings hat er den guten Willen. Er soll keineswegs ohne Geld kommen, verkitscht muß werden um jeden Preis -- also gut.
Mit den Noten unterm Arm macht sich Lachner auf den Weg. Was er da trägt, ist ein Vermögen -- in Geld umgesetzt, es kann ein hübsches Sümmchen geben. Siegesbewußt ist er ausgegangen -- gedeftet kommt er heim; der Erlös, den er Schubert auf den Tisch legt, beträgt bare -- sechs Gulden.
»Ist das alles?« fragt Schubert. »Für alle Lieder?!«
Kleinlaut erwiderte Lachner: »Schmählich, nicht wahr? Das hab' ich schlecht gemacht -- ich hätte die Noten nicht dort lassen sollen -- weißt du was, ich trag's Geld wieder zurück!«
Kaltblütig steckt Franz das Geld ein. »Zurückgeben?! Was fang' ich denn an? Der Verleger ist zwar schäbig -- aber was dich betrifft, du hast es ausgezeichnet gemacht!«
Sechs Gulden -- das ist in Anbetracht des hingegebenen Wertes ein Bettelpfennig. Damit macht man keine weiten Sprünge. Und was dann? Morgen, übermorgen, nächste Woche? Man läßt den lieben Gott sorgen dafür. Der schafft Rat. Summt dem Franz schon wieder ein Lied im Kopf -- wirklich, der liebe Gott schafft Rat, alle Tag' und alle Stund'.
»Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann, und mit starren Fingern dreht er, was er kann. Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her, und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer. Und er läßt es gehen, alles wie es will, dreht, und seine Leier steht ihm nimmer still. Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehen? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehen?«
Die »Winterreise« setzt sich fort, dafür ist gesorgt. Er und der Leiermann -- die sind schier eins.
»Ist's euch zu melancholisch, Freunde?!« Wollen sie es nicht begreifen, daß seine Schöpfungen nicht nur aus seinem musikalischen Gefühl entspringen, sondern daß sie auch aus seinen Schmerzen entstanden sind und darin am tiefsten greifen? Sie möchten ihn lustig sehen.
»Nun denn, bin ich nicht auch lustig unter euch?«
Ja, das ist er, fröhlich unter den Fröhlichen. Bauernfeld sagt's ja immer: »Franz, der hat die rechte Mischung von Idealem und Realem -- die Erde ist ihm schön ....«
Das Rechte aber weiß eigentlich keiner.
Für die Aufheiterung ist in der Tat auch reichlich gesorgt. Es scheint, daß ein stillschweigender Pakt unter den Freunden besteht. Im Gasthaus zum »grünen Anker« sind sie fast täglich abends zu fröhlicher Runde vereinigt. Spaun ist nach Wien übersiedelt und führt ein großes Haus. Glänzende Schubertiaden finden hier statt, aber nachher geht's immer noch zum »grünen Anker«; die Stimme des Herzens klingt immer erst voll aus, wenn man so gemütlich und zwanglos beieinander sitzt. Man kann sich schwer trennen in solchen befeuerten Stunden, wo der Wein die Zungen löst, und so sitzt man hübsch lange beieinander, das ist begreiflich. Vor Mitternacht denkt keiner ans Heimgehen, meistens wird es geraume Zeit nach Mitternacht.
»Wirtshaus, wir schämen uns -- hat uns ergötzt; Faulheit, wir grämen uns -- hat uns geletzt!« so jubiliert Bauernfeld.
Zugleich aber schwärmt man fleißig aus ins Grüne, wenn es die Jahreszeit und der Geldbeutel erlauben; Fahrten nach Atzenbrugg werden unternommen, in größerer Gesellschaft oder zuweilen auch im engsten Vereine, Franz, Schwind und Bauernfeld, die in innigster Schicksalsverwandtschaft zueinander stehen und darum ein unzertrennliches Kleeblatt bilden. Der bischöfliche Schloßherr auf Ochsenburg würde das Kleeblatt allzu liederlich finden, man begnügt sich mit der Unterkunft bei der Aumüllerin in Atzenbrugg und nimmt aus Sparsamkeit nur ein Zimmer, sie müssen zu dritt in einem breiten Ehebett schlafen.
Diese äußerlich dürftigen Umstände kitzeln wieder die humoristische Ader, und die Lustigkeit wächst; die Atzenbrugger Tage sind immer eine Festzeit. Man lacht und ist guter Dinge, aber die Seele weint; es ist zwar keine Wetterfahne auf dem Dach, aber man spürt das Knarren inwendig, und die alten Wunden bluten. »Was fragen sie nach meinen Schmerzen?«
Dem Schwind ergeht es ähnlich. Doch einer verbirgt den Schmerz vor dem anderen, jeder tut auf seine Weise rauh und unverwundbar. Sind beide im Herzen große Kinder.
Den einen wie den anderen überkommt gelegentlich das Verlangen, aus der inneren Einsamkeit vollends hervorzugehen, die Seelenkammern weit aufzuschließen und sie dem Auge der Freundschaft und der Liebe zu zeigen. Jeder macht immer wieder einmal einen Anlauf dazu und redet so um die Dinge herum.
Franz, zuweilen philosophisch aufgelegt, macht einen Vorstoß. »Keiner, der den Schmerz des andern, und keiner, der die Freude des andern versteht! Man glaubt zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander. O Qual für den, der dies erkennt!«
Schwind versteht, was er sagen will, er leidet unter derselben Qual. Sie machen beide die Erfahrung, daß die Einsamkeit der innere Schutz der Seele, zugleich aber auch der Kerker dieser Seele ist. Sie rütteln beide an den verschlossenen Türen und reiben sich wund an den ehernen Mauern. Ihr Tiefstes und Bestes möchten sie voreinander aussagen und können es nicht.
»Wir alle gleichen Gefangenen in unterirdischen Burgverließen,« erklärt sich Schwind, »jeder ist verurteilt, mit einem bestimmten Teil seines Wesens allein zu sein in der Kammer seiner Einsamkeit, und wir können uns höchstens durch ein sinnreiches Klopfsystem untereinander verständigen. Die Poesie und Kunst sind in den Verließen der Einsamkeit geboren, sie sind das Klopfsystem, die Gleichnisse, durch die wir einander erraten können ...«
Wie groß auch die Hingabe der Freundschaft ist, wie rein auch das Herz ist von Trug, wie unverbrüchlich auch die Treue ist und die Aufrichtigkeit, sie kommen oft über das Nächste und Einfachste nicht hinaus. In dieser Not suchen sie die Sterne, suchen sie Gott, der sie ihre Kunst gelehrt, suchen sie das Schweigen, denn in dem Schweigen erraten sich die getrennten und doch so verwandten Seelen am leichtesten. Es ist der tiefste Punkt des Verstehens -- eine Gemeinsamkeit von Einsamkeit.
In dieser Kunst des beredten Schweigens sind beide Meister. Sie können stundenlang im Grünen sitzen beim Wein und den schweigenden Gedanken zuhören, die durchs Gemüt sinken. Höchstens daß der eine oder andere einmal seufzend unterbricht: »Ja, ja!« oder daß es dem einen oder anderen zu dumm wird und daß er ungeduldig auffährt: »So, jetzt aber schweigen wir von was anderem!«
Nicht weniger eifrig als früher lenkt Franz seine Wanderschritte hinaus nach Heiligenstadt oder Grinzing, wo der liebe Gott mit dem Finger winkt, das heimliche große Licht ist draußen verborgen, Ludwig van Beethoven, um so lieber wandelt man die Wege nach diesem klassischen Wiener Boden.
Sitzt Schwind am Zeichentisch und mag sich nicht trennen von seinen Gesichten, die er mit dem Stift verewigt, dann weiß Franz eine Zauberformel: »Horch, horch, die Lerch' im Ätherblau ...« Dieser Lockung kann Schwind nicht widerstehen. Ein paar Stunden Ätherblau im Grünen ist reicher an künstlerischer Eingebung als viele Tage am Zeichentisch. Also auf und hinaus! Aber sie bleiben nicht allein, der Schober ist mit von der Partie, der Bauernfeld, zuweilen der Spaun oder an seiner Stelle der Lachner. Bald sind sie ihrer fünf und freuen sich im Grünen.
Ein gottseliges Leben ist in den Heiligenstädter, Grinzinger oder Sieveringer Hausgärten, wo der Heurige ausgeschenkt wird. Unter ein paar Bäumen sind rohgezimmerte Bänke und Tische in die Erde gerammt, hier sieht die Welt friedvoll und heiter aus. Der Salamucci geht um mit ungarischer Salami, mit echter Veroneser und Mortadella, mit Emmentaler Käs' und Butter, und wer nicht sein Geselchtes im Papierl mitgebracht hat -- es gibt auch Schlemmer, die nicht ohne Brathendel in der Rocktasche auf den Plan treten --, der kann sich für billiges Geld vom Salamucci Wurst und Käse aufschneiden lassen. Es langt fürs leibliche Wohlsein und paßt gut zum Wein. Unaufhörlich kräht der Brotschani mit hellem Sopran: »Schani Brot! Schani Brot!« Es geht zu wie im Himmelreich, alle Mühsal und Pein ist von der Seele genommen.
Franz hebt das Glas, der rauschselige, trostbringende, grüngoldene Wein ist der Hüter seiner Muse, die Vergangenheit wird lebendig, der Traum von Glück verklärt das Herz.
Man ist Gottes voll. Und was tut man, wenn man Gottes voll ist? Man hebt zu singen an, als säße man auf einer lichten Wolkenbank, so ein rechter Himmelsmusikant, und schaut gemütlich auf diese bucklige Welt herab. So gesehen, schaut sie recht schön aus, man könnte schier seine Freude daran haben. Da ist die Stadt, hier der liebe Wienerwald und dann über Berg und Tal noch manches andere, wohlbekannte Städtlein, und wachsen viele schöne Mädchennamen da und dort. Man hat sie alle gekannt, sie sind dem Herzen nahe, eine wie die andere, und jetzt, wo man tief ins Weinglas hineinschaut, sieht man manch holdes Bild aufsteigen.
So sitzen die fünf im Grünen, sie sind augenblicklich ein gar fröhliches Quintett und singen aus Leibeskräften, als säßen sie neben geflügelten Engelsköpfen hoch oben auf einem Kirchenchor. Und ist es auch nichts Heiliges, was sie singen, so ist es darum just auch nichts Schlechtes, denn was sie singen, das sind diese süßen Mädchennamen, die dem Herzen, ach! allzu nahe stehen. Fanny, Therese, Anna, Rosa, Karoline, Josephine, Netty, Melusine!
Am besten von allen singt Franz, der arme Schulmeisterssohn; darum lieben sie ihn auch alle so sehr, die Freunde, die mit ihm zechen, der Forellenbach, der ihm die Geheimnisse von der Mühle und von der schönen Müllerin zuflüstert, und am meisten liebt ihn der Wein, der all sein Elend, all seine Tränen, all seinen Schuldenbettel, all sein Herzeleid in Gold verwandelt. Die süßen Mädchennamen fließen in dem Gesang der Liebe zusammen in eins, es ist die unsterbliche Geliebte, die er besingt, die bald so und so hieß und eigentlich aber nur einen Namen hatte. Es ist die Heimatstadt Wien selbst, die er in Melusine, in Fanny, in Karoline, in Rosa, in Josephine, in Therese so unglücklich liebte, diese unsterbliche Geliebte, die ihm die tiefen Herzenswunden geschlagen, und die ihn mit Schmerz gesegnet, auf daß er seine Freude singen möge.
Die süßen Namen der Liebe, das Herz der Menschheit, die schmerzverklärte Freude, dies alles und noch viel mehr ist in Franz Schuberts Lebenslied.
Die Welt des Haders und der Zwietracht horcht auf, die fünf singen im Grünen wie die Jünglinge im Feuerofen, im Weinbergsfeuerofen -- der finster blickende Herr Ludwig van Beethoven, der große Tragiker, der sich in den bäuerlichen Weinbergshäusern versteckt und in seiner großen Menschheitssinfonie das Lied der Freude singt, der hätte ein Vergnügen an dem Quintett gehabt.
Die Seele hat soviel Kraft und Gesundheit, um auch in diesen trüben Zeiten Augenblicke zu finden, wo der Himmel offen steht.
G -- d -- g -- fis -- g -- a -- -- --
Aber der schwer erkaufte Frieden hält nicht lange.
Der Himmel über ihm ist wolkenlos, doch am Horizont lauert schon neues Unheil. Es bricht immer dann am stärksten hervor, wenn er glaubt, daß alles überwunden sei. In steilen Linien auf und ab bewegt sich die Schicksalskurve, heute hoch oben, morgen tief unten. Sonnige Werke entstehen neben den Ausbrüchen tiefster Verzweiflung und Seelenqual. Das heitere Es-Dur-Trio neben dem grausigen Nachtstück der »Winterreise«.
»Fröhlich, Freunde, fröhlich! Sagt ihr, es wohne nicht die Fröhlichkeit unter meinem Dach?! Spitzt jetzt gefälligst eure Ohren, dann werdet ihr sie vernehmen!«
Die Freunde rasen vor Entzücken über das Es-Dur-Trio.
»So gefällst uns! Ein echter Schubert! Erfüllt das Herz mit heiterem Glück bis in alle Winkel! Scheucht alles Dunkle auf, jagt alle Nachtgespenster von dannen .... erquickt die Seele mit neuem Lebensmut, reißt den Himmel auf über ihr, daß sie hineinschaue in wogendes Weiß und Blau und Ströme von Glückseligkeit niederstürzen fühlt aus leuchtenden Höhen ...«
Das ist schon wahr, was die Freunde in ihrer überschäumenden Begeisterung sagen.
»Aber diese schauerlichen Lieder der ›Winterreise‹, die wollen mir noch nicht ein ...« meint Spaun.
Sie vermögen es alle nicht zu erkennen, daß in diesen »schauerlichen Liedern« Franz am meisten er selbst ist. Seine tiefsten persönlichen Ahnungen sprechen sich darin aus, in die dunkelsten Abgründe seiner Seele lassen die Lieder hineinblicken. Ihre ergreifende Größe und Schmerzensgewalt läßt sie dem Buch Hiob vergleichbar erscheinen. Ein solcher Leidensmann ist der nun Dreißigjährige, der sich zugleich zu dieser kindlich jubelnden Höhe seines Trios aufzuschwingen versteht.
In diesen jähen Gefühlslinien bewegt sich sein Lebenslied: eine heitere Liedweise als Grundton, dann ein jähes Abbrechen, ein qualvoller Aufschrei der gemarterten Seele: e -- fis -- g -- h -- ais .....
Es fehlt nicht an Anlässen, die tief in sein empfindliches Seelenleben hineingreifen und diesen erschreckenden Umschlag bewirken. Er hat die verhängnisvolle Gabe, den Anstoß wie eine rollende Kugel in der gleichen Richtung weiterzutreiben, bis alle Seelentiefen aufgepeitscht sind .... In dieser Widerstandslosigkeit seiner Seele gegen die Schläge des Schicksals ist er Empfangender; er gleicht den Stoß in seinem Innern aus, indem er sich durch sein Schaffen befreit, insofern ist er ein Gebender. Was er dafür hingibt, ist ein Stück Leben. Der Erlös dafür? Dieser Schandlohn von sechs Gulden, wenn es nur der einzige Fall wäre! Ein Werkelmann verdient mehr!
Aber das ist es nicht, was ihn um und um stürzt. Das Leben ist auch sonst gespickt mit tragischen Ansätzen, die die Neigung haben, auszuwachsen und die Seele zu erschüttern.
Daß Jenger aus Graz nach Wien zurückgekehrt, das wäre ja ein freudiger Anlaß. Aber was alles drum und dran hängt! Sein erster Weg ist in das Frühwirtsche Haus auf der Wieden nächst der Karlskirche, wo Franz noch immer wohnt. In Schwindien also. In aller Frühe kommt er angestiefelt, Franz liegt noch im Bett. Die gestrige Nachtschwärmerei -- es ist wieder hoch hergegangen im »grünen Anker« -- vielleicht geniert er sich auch ein bißchen: »Du mußt wissen, ich bin nicht so ganz auf der Höhe -- es wird nimmer so recht mit der Gesundheit -- Leib und Seele wollen nicht mehr zusammenhalten -- außer bei einem Glas Wein, da hat man ja einen so täuschenden Schein von Kraft und Courage, aber sonst -- man gibt zuviel her bei der Arbeit ...« Ist ja auch was Wahres dran.
Franz läßt sich das Schalerl Kaffee mit den zwei Kipferln, die die Quartiergeberin bringt, schmecken, indessen Jenger bei ihm am Bettrand sitzt und erzählt und erzählt. Alle Grazer Neuigkeiten schüttet er aus, einen ganzen Sack voll.
»Also du mußt nach Graz kommen! Du hast Freunde dort, nicht zum sagen! Das Ehepaar Pachler ist geradezu vernarrt in deine Musik, na, wie überhaupt alle. Sind recht liebe Leute, die Pachlers. Wohnen großartig im Hallerschlössel ganz nahe bei der Stadt, das ist was für dich. Grazer Patrizier, mußt du wissen, du sollst ein paar Wochen bei ihnen wohnen, sie laden dich ein, ich möchte ihnen nur gleich schreiben, daß du wirklich kommst ....«
Vom Hundertsten kommt er ins Tausendste, auf einmal sieht er auf die Uhr und springt auf.
Warum er es denn so eilig hat? Er möchte noch vormittags hinaus in die Schwarzspanierstraße -- Apropos, es ist wahrscheinlich, daß auch der Anselm Hüttenbrenner her muß. »Gebe Gott, daß es nicht so schlimm wird.«
»Was ist denn los? Schwarzspanierstraße? In die Beethovensche Gegend?«
»Ja, weißt du denn nicht --? Man fürchtet, es geht zu Ende mit ihm .... seit acht Tagen ringt er mit dem Tod. Schindler, sein Vertrauter, hat's geschrieben.«
Mit einem Satz ist Franz aus dem Bett.
»Beethoven am Sterben? O Gott!« Das große Licht, zu dem er anbetend aufblickt, am Erlöschen?
Jenger ist schon bei der Türe hinaus.
Hastig kleidet sich Franz an. Die Gefühle wirbeln durcheinander. Er kann keinen klaren Gedanken fassen. Der Tag vergeht, heute kann er keine Note schreiben. Er versucht dies und das und legt es wieder hin. So voll Unruhe ist er. Er fühlt es ganz genau: es kommt etwas daher, das ihn trifft wie einen persönlichen Verlust. Wie hat er sich hingesehnt nach dem Gewaltigen, der ihm wie ein Wegweiser erscheint nach den höchsten Zielen ... Aber er hat es nicht gewagt, er hat Angst vor dem ganz Großen, seine Erfahrungen mit Goethe haben ihn ganz eingeschüchtert. Wie oft hat er dem Olympier nach Weimar geschrieben, er hat ihm Stöße von Liedern geschickt -- mit keiner Zeile hat er geantwortet, Franz existiert für ihn nicht, die Hekatombe hat nicht Gnade gefunden in den Augen des Göttlichen.
Aber das war noch zu ertragen. Beethoven steht ihm näher als Vorbild auf seinem ureigensten Felde. Er fürchtet, es könnte ihm mit dem Schöpfer der »Eroika« und der unsterblichen »Neunten« ähnlich ergehen. Es wäre ein Verdammungsurteil für das zaghafte Meisterlein -- nein, er versucht's lieber nicht ....
Und jetzt krampft sich ihm das Herz zusammen bei dem Gedanken, daß er etwas versäumt hatte und daß es etwa zu spät sein könnte .... Da lebt man in derselben Stadt, begegnet einander zuweilen in den Straßen oder in den einsamen Feldwegen, weiß sich im Geist so nahe und kehrt lieber um auf halbem Wege aus begreiflicher Scheu ..... und erfährt erst durch Leute, die von fern kommen, daß der Tod an sein Haus pocht. So groß ist die Einsamkeit um den Titanen, daß keiner den Weg zu ihm findet, bis auf einen .... es greift Franz kalt an die Brust: auch seine Einsamkeit wird keiner durchdringen, bis auf einen .....
»Wann ist es denn gewesen, daß ich Beethoven zuletzt gesehen habe?« Franz denkt nach. »Bei seinem letzten großen Konzert war es, wo er selbst die ›Neunte‹ dirigierte, diese Sinfonie der Menschheit ....«
Ganz richtig, es ist das letztemal gewesen, da man Beethoven am Dirigentenpult gesehen hat. Er ist damals schon entrückt gewesen, menschenentrückt durch seine Taubheit und Unnahbarkeit, weltentrückt durch seinen Genius .... Das waren keine irdischen Klänge mehr, deren Glanz er vor den Hörern ausbreitet, die kamen aus höheren Welten, über den Schrei der verzweifelten Menschheit rauschten die Stimmen der Seligen auf. Er hörte sie nicht mit dem leiblichen Ohr, aber mit dem geistigen vernimmt er sie um so gewisser.
Der letzte Ton verklingt, die Zuschauer wagen es nicht, sich zu rühren vor Andacht und Ehrfurcht, der Meister steht noch oben mit dem Taktstock, blickt starr auf das Pult vor sich hin und dirigiert weiter aus dem Gedächtnis. Die geschriebene Sinfonie ist zu Ende, der letzte Ton verhallt, ein Musiker nach dem andern verläßt still das Podium, nur der Tragiker steht noch oben und gibt den Takt. Seine Taubheit ist so groß, daß er sein eigenes Werk nicht mit dem leiblichen Ohr gehört hat, aber die Hellhörigkeit seiner Seele ist so unendlich, daß er den Weltgesang weiter hört und fort und fort den Takt dazu gibt. Die Sinfonie ist nicht zu Ende für ihn .....
Die Leute sitzen unten und wagen es nicht, sich zu rühren, sie sind erschüttert von dem tragischen Anblick, viele weinen vor Rührung. Da wagt es einer der Musiker, der hinter ihm in den Saal geschlichen ist, den Lauschenden, von ewigen Harmonien Umfluteten leise am Rock zu zupfen. Beethoven wendet sich um, wie aus allen Himmeln gestürzt, mit einem Blick des Entsetzens schaut er sich um und flieht.
Der Vorgang schneidet ins Herz, diesen entsetzten Blick vergißt keiner, der ihn gesehen. Franz sieht alles klar wieder vor Augen. Die bloße Erinnerung ergreift ihn mit der gleichen Heftigkeit wie jener Augenblick. War es nicht so, daß der Geist des großen Meisters damals schon entrückt war über die Menschen hinweg in lichte Seligkeiten und dem himmlischen Wegweiser in seiner Einsamkeit folgte eine Straße entlang, »die noch keiner ging zurück«?
Das Zerren an dem Rock riß ihn zurück in die Wirklichkeit, vor der sich sein Blick entsetzte. Er floh, er vergrub sich vor den Menschen, und jetzt rüstete seine Seele zum letzten Male zur großen Heimreise. »Wird ihn noch einer zurückrufen können, soll er gehen, ohne daß ich ihn gegrüßt und ihm gedankt habe?«
Einige Tage verstrichen. Das große Sterben drüben in der Schwarzspanierstraße machte endlich von sich reden. Die Trauer breitete ihren Flor aus. Das Herz der Stadt zitterte, man hörte den Tod, wie er durch die Gassen ging.
Jenger ließ sich nicht blicken. Endlich, endlich kam er zurück. Anselm mit ihm. Schwarze Röcke, Zylinder, Flöre an dem Arm. Ihre Mienen verkündeten schon von weitem: Beethoven tot!
In der Tiefe wühlte und bohrte der Schmerzensquell, aber er brach nicht hervor unter dem Schutt und Geröll. Das Phlegma, sagen die Leute.
Mit diesem anscheinenden Phlegma ging Franz in der Mitte zwischen Jenger und Anselm Hüttenbrenner.
»Wenn schon nicht im Leben, so will ich im Tod bei ihm gewesen sein!« sagte Franz mitten unter dem Schweigen.
Sie gingen hinüber ins Trauerhaus.
»Schindler erzählt, daß oft von dir die Rede war bei Beethoven!« weiß Jenger. »Er hat viel Gutes von dir gesagt, es war ihm aber aufgefallen, daß du dich immer versteckst ... ›Der kommt nach mir,‹ soll der Meister einmal gesagt haben.«
Franz ging stumm zwischen den beiden, das Herz schlug ihm gewaltig, je näher sie dem Schwarzspanierhause kamen. Beim Tor wurde ihm ganz schwach, er mußte ein wenig verschnaufen. Keine Macht hätte ihn die Stiege hinaufgebracht, wenn er allein gewesen wäre. Diese zwei nahmen ihn unterm Arm und stiegen hinauf. Im Vorzimmer oben empfing sie ein grauhaariger Mensch, der nur flüsterte und den dreien durch Zeichen mit der Hand bedeutete, einzutreten. Sie durchschritten ein Zimmer; der Flügel stand darin, Stöße von Noten lagen darauf und am Boden umher, eine schreckliche Verwahrlosung und Verödung grinste aus allen Winkeln, Leichengeruch schlug ihnen entgegen ...
Im nächsten Zimmer lag der große Tote. Franz starrte in das zerklüftete Antlitz, in diese Züge, die nach innen gewendet waren und entrückt von dem Hinaushorchen und Lauschen unendlicher Harmonien .... jetzt war es ein zertrümmertes Steingebirge mit den gewaltsamen Spuren eines beendeten Götterkampfes. Einer schreckensvollen Ruine glich dieser irdische Rest, nachdem der Geist entflohen war.
Es war zu qualvoll, in diese Walstatt zu sehen, Franz riß sich los und stürmte fort. Am nächsten Tag ging er im Trauerzug als Kerzenträger. An dem Zyklopentor des Währinger Friedhofs hielt Anschütz eine gewaltige Rede von Grillparzer, der Sarg schwankte wie ein schwarzes Schiff in diesen Hafen, Franz hatte zuweilen das Gefühl, als ging' es mit ihm selber zu Grab. Gottes Finger rührte an sein Herz, aus der dunkelsten Tiefe der Seele antwortete eine Stimme diesem Pochen, und was sie antwortete, sollte später im Hiobsbuch seiner »Winterreise« stehen:
»Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht. Allhier will ich einkehren, hab' ich bei mir gedacht. Ihr grünen Totenkränze könnt wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus ein. Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt, bin matt zum Niedersinken, bin tödlich schwer verletzt. O unbarmherzige Schenke, doch weisest du mich ab? Nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab, nun weiter denn, nur weiter, mein treuer Wanderstab!«
Besonders in diesem letzten Wirtshaus winkt Gottes Finger fast wie beim Heurigen.
Zwei Freunde begleiten Franz am Heimweg. Unterwegs kehren sie noch ein und sitzen in der Weinstube auf der »Mehlgrube«. Franz ist ganz in sich gekehrt. Er schenkt das erste Glas voll, erhebt es und leert es in einem Zug auf das Andenken des Heroen, den sie eben zu Grabe geleitet haben. Er schenkt ein zweites Glas ein, er sieht die beiden anderen ernst an und sagt: »Und jetzt trink' ich das zweite Glas auf den, der ihm von uns als Erster nachfolgt ....«
Damit hat's noch seine guten Wege. So viele Wirtshäuser man schon gesehen und darin zur kühlen Rast geweilt hat, man wird noch durch manches Wirtshäuslein kommen, ehe man zu dem letzten anlangt. Und der sich matt zum Niedersinken fühlt und tödlich schwer verletzt, der muß sich nun schon weiter helfen, weiter, nur weiter, an seinem treuen Wanderstab.
Unter den vielen Wirtshäuslein, die Franz auf seiner Lebensfahrt als erquickliche Stationen befunden hat, gilt das »Blumenstöckel« im Ballgassel als keines der schlechtesten. Es ist ein gemütliches Beisel, wie er es gern hat, mit einem Glassalon nach der Hofseite, wo ein paar Bäume stehen. In dem weißen Glassalon ist es gut zu sitzen in den linden Sommernächten, wenn der herbe Geruch des Götterbaumes durch die geöffneten Fensterflügel hereinstreicht.
Anna Milder ist wieder zum Gastspiel in Wien, ihre Augen, ihr Lächeln, ihre Stimme riegelt alle bittersüßen Erinnerungen auf, ganz traumselig geht Franz mit Spaun und Mayrhofer, dem wieder einmal Umgänglichen, nach dem Opernabend ins »Blumenstöckel«.
Mayrhofer und Spaun schimpfen über die Wiener, die um die warme Jahreszeit nicht mehr ins Theater zu bringen sind. Die »Iphigenie« wurde vor einem fast leeren Hause gesungen. Um so voller war es dafür beim »Blumenstöckel«. Mit Mühe und Not erobert man einen leeren Tisch im weißen Glassalon.
Beim Essen und Trinken vergeht leicht die Zeit, es ist bald an Mitternacht; die Leibesstärkung hat die Seelenkraft erhöht, die Begeisterung über die Eindrücke des Abends strömt in lauten Worten aus. Es geht ziemlich ungeniert her, der Glassalon ist um die späte Stunde fast leer geworden, nur am Nebentisch sitzen einige Gäste, die jedes Wort aufschnappen. Die Augen, das Lächeln, die Stimme der Anna Milder, in allen Tönen der Bewunderung wird sie gepriesen. Vor allem diese Stimme!
Franz schwärmt irgend was von dem Ideal der dramatischen Gesangskunst. Da fängt einer am Nebentisch laut zu höhnen an, Spaun kennt ihn, es ist ein Universitätsprofessor; er hat vielleicht schon zu tief ins Glas geguckt, jedenfalls scheint er zur Stänkerei aufgelegt. Und legt auch schon los, so halb und halb zum Freundestisch herüber.
»Das nennt man Stimme? Gekräht hat sie wie ein Hahn; die kann ja überhaupt nicht singen, weder Läufer noch Triller versteht sie zu machen, ist doch eine Schande, die als Primadonna herzubringen -- das soll man sich vorsetzen lassen für sein gutes Geld ....?!«
»So ein unverschämter Kerl!« Fast zugleich springen Mayrhofer und Schubert auf; Franz schmeißt sein gefülltes Glas hin, so kochend vor Wut hat man ihn noch nie gesehen. Er könnte dem Kerl am Nebentisch an die Gurgel springen, mit Mühe wird er zurückgehalten. Es ist nicht das erstemal, daß er ganz aus dem Häuschen gerät, wenn sich einer an dem versündigt, was ihm heilig ist. Ein Schimpfduett hebt an, daß es schauerlich anzuhören ist.
Aber der andere drüben ist auch nicht maulfaul, und ein Dickschädel ist er obendrein, von Nachgeben ist keine Rede. Es gibt einen richtigen Wirtshausskandal. Franz ist kaum mehr zu halten, eine blutige Keilerei scheint unvermeidlich, die Begleiter des ungebärdigen Professors sind besonnen genug, den Halbbetrunkenen unterm Arm zu fassen und hinauszuexpedieren.
Die drei Freunde bleiben allein im Glassalon zurück. Sie haben wohl das Feld behauptet, aber die wüste Wirtshausstreiterei ist gerade auch kein erquickliches Erlebnis. Man fragt sich, wo nimmt denn so ein gemeiner Kerl das Recht her, in den Seelengarten des anderen einzubrechen und die schönsten Blumen zu zerstampfen? Wenn man auch seinen Mann gestellt und den Kerl zu Paaren getrieben hat, so bleibt doch ein widerwärtiges Gefühl zurück.
Man ist in seinen zartesten und reinsten Empfindungen gedemütigt, mißhandelt, besudelt worden, und dazu hat man das niederdrückende Gefühl, daß man der Dummheit und Gemeinheit wehrlos ausgeliefert ist. Da soll doch ein Himmeldonnerwetter dreinfahren! Die ganze erbärmliche Welt könnte man zerschmeißen. Es kocht in Franz, kreideweiß sitzt er vor dem Tisch, eine Zeit vergeht, er redet kein Wort.
Da packt er plötzlich ein Glas und schmeißt es in die Ecke. Klirr! ist es in tausend Scherben. Das wirkt wie eine Entspannung. Ein zweites Glas fliegt nach. Klirr! ist das eine Freude, wenn alles in Scherben geht! Die Wasserflasche, ein Schock Teller, die Karaffe mit Essig und Öl, die Salzfässer, der Senftiegel -- klirr, klirr, tschin! Jetzt sind auch ein paar Fensterscheiben des Glassalons durch. Es hagelt Glas.
Die Kellner stürzen herbei, stehen an der Tür, reißen Maul und Augen auf und lassen es gewähren. Sie denken schon mit heimlicher Schadenfreude an die fabelhafte Rechnung, die sie hernach schreiben werden.
Mayrhofer und Spaun sind nicht imstande, Franz zu bändigen, der außer sich ist. Riesenkräfte sind in dem kleinen, etwas aufgeschwemmten Körper lebendig geworden. Elektrische Schläge gehen von den plötzlich straff gespannten und steinhart gewordenen Muskeln aus, die Freunde, die ihm in die Arme fallen wollen, fliegen unter der heftigen Abstoßung weg, als wären sie Spielbälle.
Und nun packt Franz mit seinen zarten Händen den großen Wirtshaustisch, hebt ihn hoch in die Luft und bum! fliegt der schwere Tisch in die Ecke zu den Scherben, daß das Glas aufspritzt wie Wasser. Dann der nächste Tisch, Bum und Krach! die Stühle nach, und nicht eher ist Ruhe, als bis der ganze Glassalon einem Trümmerhaufen gleicht.
Alles Elend, aller Ärger, alle Demütigung und Zurücksetzung, alles Leid und aller Hohn, die ihm in diesem Leben zuteil geworden sind, drängen herauf aus der Seele, die sich befreien will. Und mit jedem Stück, das hinfliegt und in Scherben geht, löst sich ein Stück Unrecht, das man erdulden hat müssen; es ist wie ein Erbrechen aus Ekel über den ganzen Unrat dieser erbärmlichen Welt, den man hinunterwürgen hat müssen. Nur daß er selber am Schluß auf diesem höllischen Misthaufen liegt, ein armer, schmerzverkrümmter Hiob.
So schaut der Franz mit seinem Phlegma aus?! Wer soll sich da auskennen? Man weiß nicht, was in diesem sonderbaren verschlossenen Gemüt steckt!
Kopfschüttelnd lesen die Freunde das unselige Meisterlein auf, das jetzt einem hilflosen Kinde mitten im zerschmetterten Spielzeug gleicht. Er ist kaum seiner Sinne mächtig und kann sich nicht allein erheben. Wie gelähmt ist er am ganzen Körper. Er wird in einen Wagen gehoben, die Freunde bringen ihn heim. Dann liegt er tagelang zu Bett und ist krank. Das Übel, das ihn vor Jahren befallen und ihn nie mehr ganz verlassen hat, ist schlimmer als je geworden. Die Krähe, die Krähe -- stärker vernimmt die Seele das Fittichschlagen dieses Todesboten.
»Eine Krähe ... ist bis heute für und für um mein Haupt geflogen ...«
Er summt das Lied aus der »Winterreise« vor sich hin, als ob er Zwiesprach' halten würde mit dem Symbol.
»Nun, es wird nicht mehr weit geh'n an dem Wanderstabe, Krähe, laß mich endlich sehn, Treue bis zum Grabe ....«
Der Skandal beim »Blumenstöckel« hatte flinke Beine wie jeder Skandal und lief besonders hurtig um in einer Stadt wie Wien, die seit jeher ein empfängliches Ohr für solche Chronik hat und mit ihrer angeborenen Göttergabe der Phantasie die Geschichte auszuschmücken versteht, bis sie so klingt, wie es die Leute am liebsten hören. Weil die Menschen sich am größten vorkommen, wenn sie die Schadenfreude in Mitleid hüllen können, so hören sie es am liebsten, daß einer ganz herunter ist, bis auf den Grund; es gewährt ihnen das Gefühl der Erhebung, den leidenden Mitbruder so in Staub zu sehen wie den armen Zöllner -- »Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie jener ...« es ist das fadenscheinige Mäntelchen der Nächstenliebe, aus deren Löchern allzuoft die scheinheilige Selbstgerechtigkeit der sittlichen Entrüstung wie ein schmutziger Hemdzipfel hervorguckt ....
»Haben Sie schon das Neueste gehört? Im Rausch hat er alles krumm und klein geschlagen -- der Bsuff!
Schad' um den talentierten Menschen -- es geht bergab mit ihm -- ein rechter Bruder Saufaus ist er geworden --«
In dieser Form gelangt die Legende den Schwestern Fröhlich zu Ohren. Sie sind von aufrichtigem Mitgefühl bewegt -- daß Franz sich vom gesellschaftlichen Verkehr immer mehr zurückzieht und nur mehr im Kreis seiner Wein-, Punsch- und Kaffeebrüderln gesehen wird, wenn er nicht allein herumschwärmt, ist freilich eine bedauerliche Bestätigung der bösen Mär.
Die Schwestern veranstalteten ein Ständchen zu Ehren der Gosmar, ihrer einstigen Schülerin und besseren Freundin, Franz hat für dieses Fest einen Chor nach Grillparzers Versen »Zögernd leise ...« für Mädchenstimmen komponiert -- er soll es selbst dirigieren, das war die Verabredung.
Die Schülerinnen der Fröhlich, ein weißer Mädchenflor, werden in drei Stellwagen am Hof gestopft, die gelben Wagen holpern mit Singsang hinaus zum Langschen Haus in Döbling, wo die Gosmar wohnt, ein Klavier wird heimlich unter ihre Gartenfenster geschoben -- alles klappt, nur der Musikus ist nicht da. Kathi nimmt sich vor, ihm gehörig den Kopf zu waschen.
Schon am nächsten Tag hat sie ihn aufgestöbert, er lächelt: »Ach ja, ich hab' ganz vergessen darauf!«
Es bleibt ihm aber nicht geschenkt. In einigen Tagen bringen die Schwestern das Ständchen im Musikvereinssaal in der Tuchlauben zur Aufführung, man sollte schon beginnen -- wer wieder nicht kommt, das ist der Franz.
Der Kathi ist gar zu leid. »Schade, daß er es auch heute nicht hören sollte!« sagt sie zu Jenger. Ein Hofrat Walcher ist da, der weiß Bescheid, »Musikanten trinken gern -- wahrscheinlich sitzt er wieder bei Wanner ›zur Eiche‹ auf der Brandstätte, dort gibt's gutes Bier, die Musiker kommen dort gern zusammen --«
»Natürlich schon wieder im Wirtshaus!« ruft Kathi ärgerlich aus, Jenger muß sich sofort auf die Strümpfe machen und Franz herbeiholen. Richtig sitzt er dort in aller Gemütlichkeit, aber er hat sich sofort aufgemacht und ist mit Jenger gerade noch zur rechten Zeit ins Konzert gekommen.
»Nun?!« Kathi hat Haare auf den Zähnen, was sie einmal anfaßt, läßt sie nicht mehr locker. »Nun?!« ihre erwartungsvolle Frage nach der Aufführung. Franz ist ganz verklärt: »Wahrhaftig, ich hab' nicht gedacht, daß es so schön wär' ....« Die Stimmung ist so versöhnlich, sie hat wirklich nicht das Herz, jetzt mit der Moralpauke loszulegen -- aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Nächstens also, in der eigenen Wohnung, dann wird sie es ihm gründlich besorgen.
Da kann sie aber lang warten. Mit keinem Auge ist Franz zu erblicken. Argwöhnisch, wie Kathi ist, meint sie, er gehe ihr geflissentlich aus dem Weg. Ein Zufall führt sie mit ihm auf der Straße zusammen, sie nimmt ihn gleich ordentlich ins Gebet, die handfest Zupackende.
Ob er nicht wüßte, wie ihre Adresse laute -- und ob er nicht immer offene Türen in ihrem Hause gefunden habe?! Was das also jetzt für eine Art sei?! Und das mit dem Trinken -- ein Wirtshausbrüderl, ein Liederlich, ein Nachtschwärmer, ein Trunkenbold -- o pfui!
Sie meint es so gut und aufrichtig und möchte ihn auf den rechten Weg zurückbringen, es ist ihr heilig damit. Er spürt die edle Absicht und ist darum gar nicht böse. Er lächelt nur ein bißchen zu ihren Worten und lenkt ganz sachte ab: »Schönen Dank für die gute Meinung, aber soviel als mir die Leute andichten, könnt' ich ja gar nicht vertragen -- jetzt schon gar nicht, bei meiner wackeligen Gesundheit -- nur grad' soviel, als sich gehört, um ein bißchen bei Stimmung zu bleiben, oder das bißchen Schlaf zu finden -- also nur grad' soviel, als der liebe Gott erlaubt hat, keinen Tropfen drüber, ist doch eine heikle Sache wie mit jeder Medizin --«
Er lächelt so weh dazu, daß ihr gleich die Strafpredigt vergeht und daß sie in liebreichen, tröstenden Worten auf ihn einredet, die gütig Verstehende, er möge sich nur nichts abgehen lassen, immer auch kräftig essen dazu und sich's wohl schmecken lassen, die Medizin -- --
Das sieht sie jetzt klar; die Leute haben gelogen, ein Bsuff ist er nicht, o nein! Ein ganzer, wirklicher, tiefer und darum leidender Mensch ist er -- -- sie weiß nicht warum, aber auf einmal stehen ihr die Augen voll Tränen ......
Der September läßt sich wunderschön an, Wetter- und Geldverhältnisse sind gleich gut wie selten im Jahr, die Sorgen, die Krankheit scheinen entrückt -- die Krähe schwebt hoch und fern -- ein kleines schwarzes Pünktchen, nicht größer wie eine Schwalbe im Himmelblau.
Mit dem Grazer Ehepaar hat ein gar freundlicher Briefwechsel stattgefunden -- Jenger ist mit Franz über alle Berge zu Besuch im Hallerschlössel. Vier Wochen sind sie aus -- dem Franz hat's wohlgetan. Sein gewitterbanges Herz hat einen Sonnenstrahl empfangen, der trotz der Wolken nicht mehr vergeht -- in diesem Sonnenfleck des Herzens taucht das Hallerschlössel mit seinen vier Ecktürmen auf, der Grazer Schloßberg, die Stadt mit ihren Kirchen, das lachende Antlitz der steirischen Landschaft mit grünschwellenden Hügeln, Obstgefilden und Weingärten, das gastfreundlich eifrige Ehepaar Pachler, die Gesangsvereine, die Mädchen und Frauen, das liebevolle Drängen und Feiern um ihn und er mitten drinnen, hochgeehrt und gepriesen -- von diesem Sonnenblick kann er auch in den trüben Tagen Freude und Trost schöpfen wie aus einem unerschöpflichen Brunnen von Licht.
»Wien will mir noch nicht recht in den Kopf,« lautete sein Dankbrief an die Pachlerin, »'s ist freilich ein wenig groß, dafür aber leer an Herzlichkeit, Offenheit, an wirklichen Gedanken, an vernünftigen Worten und besonders an geistvollen Taten. Man weiß nicht recht, ist man gescheit oder dumm, soviel wird hier durcheinander geplaudert, und zu einer innigen Fröhlichkeit gelangt man selten oder nie. 's ist zwar möglich, daß ich selbst viel schuld daran bin mit meiner langsamen Art, zu erwärmen. In Graz erkannte ich bald die ungekünstelte und offene Weise, mit- und nebeneinander zu sein ...«
Er tut sich bei seiner Rückkehr diesmal schwerer mit der Heimat als je früher. Ein bedrückendes Gefühl beschleicht ihn jetzt, wenn er durch die Gassen geht, an Wohnungen vorüber, wo einst das Glück gehaust hat. Und kommt er am nächtlichen Heimweg dort einsam vorüber, dann starrt er wohl in die Höh', als müßt' er ein Gesicht erkennen, das er so innig geliebt hat, wie er diese Stadt selber liebt, mit der er in den Stunden des Haders oft bitter und schier ungerecht streng ist. Die einzige, unsterbliche Geliebte, die ihm soviel und noch mehr war wie alle zusammen, die er liebend gekannt hat, sie hat ihn schier vergessen, aber sein Herz will's nicht fassen und geht eigensinnig die alten Wege seiner Qual.
»Still ist die Nacht -- es ruhen die Gassen, in diesem Hause wohnte mein Schatz; sie hat schon längst die Stadt verlassen, doch steht noch das Haus auf demselben Platz. Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe, und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; -- mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe, der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. Du Doppelgänger, du bleicher Geselle! Was äffst du nach mein Liebesleid, das mich gequält auf dieser Stelle -- so manche Nacht in alter Zeit --?«
Das Herz schreit es auf -- nach der »Winterreise« der schmerzlichste Akzent seines »Schwanengesangs«, die Seelenbeichte in Tönen -- nicht dem liebsten Freund würde er sein tiefstes Geheimnis in dürren Worten preisgeben, so schwer hat er es mit sich -- bei seinem Phlegma -- bei seiner langsamen Art, zu erwärmen -- niemand weiß, was in dem verschlossenen, oft rauh und kurz angebundenen Menschlein steckt -- nur wenn er in seiner Sprache redet, in Musik, dann ist alles tief Verborgene klar -- -- Immer ist es der Schmerz, der der Seele hilft, fruchtbar zu werden. Der Tod Beethovens wirkt tief nach, in einem höheren Leben steht er dem Vollendeten näher als früher im niederen Alltag. Er geht immer weiter seine einsame Straße, den inneren Wegweisern entlang aufwärts zur Höhe, wo er den Verewigten wandern sieht. Aufs äußerste angespannt ist sein inneres Lauschen, gewaltig strömt es auf ihn ein. Ein ganz Großes entsteht, die C-Dur-Sinfonie, gleichsam mit einem Ruck ist er oben, ganz dicht bei Beethoven.
Aber auch in anderer Weise fühlt er die Meisterhand, die ihn führt. Das große Konzert Beethovens war ihm ein Wink gewesen. Damals sagte er den Freunden: »Wenn Gott will, so bin ich auch gesonnen, künftiges Jahr ein ähnliches Konzert zu geben.«
Gott will es; es sind zwar viele Hemmungen zu überwinden, innere und äußere, nach mancher Verzögerung verwirklicht es sich doch, was einmal innerlich so fest beschlossen erscheint. Es ist eine der wenigen Erfüllungen, die ihm von seinen vielen Hoffnungen beschert wird.
Franz wohnt nicht mehr in Schwindien, er hat sein Heim wieder in der Tuchlauben aufgeschlagen, der weite Weg von der Karlskirche her wird ihm zu mühsam, er will wieder im Kern der Stadt sein. Es hat sein Gutes jetzt, wo es soviel zu tun gibt, die Vorbereitungen zum Konzert, der fieberhafte Arbeitsdrang, das Schaffen, das so recht eigentlich ein wehevolles Gebären ist. Vielleicht wäre es mit dem Konzert noch immer nicht soweit gediehen, wenn nicht ein äußerer Hebel mithilft.
Franz ist ja ein schweres Fuhrwerk und kann sich schwer zu dem bringen, was mit der Öffentlichkeit zu tun hat. Die Wünsche eilen voraus, aber das Fuhrwerk geht langsam und bleibt oft stecken. Mutter Not greift jetzt in die Speichen; der Geldmangel ist empfindlich, es muß endlich einmal wieder etwas Entscheidendes geschehen. Man hat so viele Nöte mit gutem Humor ausgehalten, daß man glauben könnte, er sei es schon so gewöhnt. Denn schließlich bekommt auch die Seele Schwielen und wird abgestumpft gegen die Härten des Daseins.
Aber es zeigt sich jetzt, daß Franz immer empfindlicher wird, seine Seele kann keine Schwielen kriegen. Diese Empfindlichkeit peitscht ihn auf und spornt ihn an, sonst wäre es auch diesmal kaum soweit gekommen. Freilich hat er in Schindler, der so viele Jahre der treue Diener Beethovens war, einen erfahrenen Helfer gefunden. Der läßt nicht locker und treibt immer wieder an, wenn Franz kopfscheu wird. Das ist ein Mann der Praxis. »Nur nicht verzagen, hübsch gescheit handeln und vor allem nicht widerspenstig sein!«
So kutschiert man unter dem Hütt! und Hott! Schindlers allgemach um alle Ecken herum und ist fast schon am Ziel. Das Konzert ist für einen Tag im März angesagt, muß aber verschoben werden und fällt wie durch eine Fügung gerade auf den Tag, an dem ein Jahr vorher Beethoven gestorben ist. Der Erfolg ist ungeheuer, es zeigt sich, daß der Ruhm des jungen Genius auch in diesen scheinbar stillen Jahren gewachsen ist. Ein schönes Stück Geld fließt in die Tasche des kleinen Meisters, die Not hat für ein Zeitlein wieder ein Ende.
Als der Sommer herankommt, sitzt Franz leider schon wieder ganz auf dem Trockenen. So dringend eine Erholungsreise war, in diesem Sommer ist nicht daran zu denken. Aus Graz kommen süße Locktöne, das Herz möchte ja, aber der Geldbeutel erlaubt's nicht. Wenn man mit der Sehnsucht fliegen könnte, wäre man ja schon über Berg und Tal, indessen sitzt man bangen Herzens in der heißen Stadt und kann höchstens im Geist den hochbeschwingten Flug unternehmen. Das ist ein strenges Glück, die Arbeit -- wenn man so recht darein versenkt ist und all ihre Gnaden spürt, geht man Gotteswege; das Irdische, das oft allzu schwere Bürde wird, fällt ab, halb schwebt man schon im Paradies.
Wie ein Rausch kommt es über Franz. Er singt sich von der Erde empor in den Himmel hinein. »Domine Deus«, mit lauter Stimme ruft der Chor den Namen des Herrn -- es ist die berühmte Es-Dur-Messe -- die Leiden erscheinen im Verklärungslicht, im Agnus Dei klingt -- ein Geheimzeichen für den Wissenden! -- der Schmerzensakzent des »Doppelgängers« auf: »... da steht auch ein Mensch und starrt in die Höh' und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe -- der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt ...«
In veränderter Gestalt klagt das Liebesleid des Meisterleins zum Himmel empor -- im Unendlichen will er Erlösung finden.
Nebenher entsteht das schöne Streichquartett in C-Moll, außerdem vollendet sich der Zyklus seines »Schwanengesangs«. Es ist eine schöne Lebensreise im eigenen Schaffensbezirk, wo Himmel und Erde ineinander ruhen. Es ist das Land, das er als »Wanderer« gesucht und geahnt, »das Land, das Land so hoffnungsgrün, so hoffnungsgrün, das Land, wo meine Rosen blühn, wo meine Freunde wandelnd gehn, wo meine Toten auferstehn, das Land, das meine Sprache spricht ....«
Das sind die Stunden der gesegneten Arbeit mit ihren tröstlichen Augenblicken. Aber diese leuchtenden Höhenwege werden steiler, seltener, kürzer. Der Alltag umklammert ihn mehr denn je mit seinen Leiden und Bedrängnissen. »Die Sonne dünkt mich hier so kalt, die Blüte welk, das Leben alt, und was sie reden, leerer Schall, ich bin ein Fremdling überall ...«
Im Sommer wird sein Zustand so bedenklich, daß sein Arzt ihm dringend nahelegt, außerhalb der Stadt zu wohnen, in einer Gegend, wo er rasch das Grüne erreicht. Franz gibt seine Stadtwohnung auf und mietet sich bei seinem Bruder Ferdinand ein, der jetzt in der Kettenbrückengasse wohnt. Der Wienfluß mit seinen Auen ist in der Nähe; nur ein paar Schritte vom Haus, und er ist im Freien.
Er ist nun aus der Stadt gezogen, die alten Schmerzen hat er gern zurückgelassen, aber das unerträgliche Kopfweh will nicht vergehen. Das Lied von der Krähe kommt ihm immer wieder in den Sinn. »Krähe, wunderliches Tier, willst mich nicht verlassen? Meinst wohl bald als Beute hier meinen Leib zu fassen? Nun es wird nicht weit mehr gehn an dem Wanderstabe ....«
Franz schleppt sich hin von Woche zu Woche, bald liegt er zu Bett, dann rafft er sich auf und sucht Zerstreuung im Freundeskreis, aber es ist nicht mehr das Rechte. Schwind nimmt Abschied, er geht nach München, mit einer trüben Ahnung im Herzen sieht Franz den Freund scheiden, als ob er es für immer wäre. Eine dreitägige Pilgerfahrt mit dem Bruder Ferdinand zu Haydns Grab in Eisenstadt hält er noch mit Mühe und Not aus.
Einige Tage später läßt er im Gasthaus einen Fisch stehen, ein plötzlicher Ekel erfaßt ihn, er muß wieder zu Bett.
Nach einiger Zeit empfängt Schober einen Brief von ihm: »Ich bin krank, ich habe schon elf Tage nichts gegessen und nichts getrunken und wandle matt und schwankend vom Sessel zum Bett und zurück ....« Er bittet ihn um Lektüre -- Indianergeschichten, Abenteurerphantasien in fernen Landen; er sucht die Fernen. Die Freunde, Spaun, Lachner, Bauernfeld, Mayrhofer, Hüttenbrenner besuchen ihn, als sie eintreten, wendet er sich im Bett um, deutet mit der Hand an die Wand: »Hier ist mein Ende!«
Am Abend stellen sich Delirien ein, mit Mühe wird er im Bett zurückgehalten. Zwei Tage darauf empfangen die Freunde und alle, die ihn geliebt haben, die erschütternde Nachricht: Franz Schubert am Nervenfieber gestorben!
Bauernfeld rennt klagend von einem zum anderen: »Die ehrlichste Seele, der treueste Freund! Ich wollt', ich läge statt seiner!«
Im Gewand des Einsiedlers, um die Schläfen den Lorbeer, so wird er zu Grab getragen. Er kehrt ein ins letzte Wirtshaus, nach dem er sich so heftig gesehnt. Grüne Totenkränze sind ausgesteckt, fast ähnlich wie beim Heurigen, wo der Herrgott mit dem Finger winkt. »Ihr grünen Totenkränze könnt wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus ein. Sind denn in diesem Hause die Kammern all besetzt? ...«
Diesmal hat sich für ihn eine kühle Kammer aufgetan zur ewigen Rast in der Nähe Beethovens.
Auf dem Heimweg vom Friedhof versammeln sich die Freunde, die ihm am nächsten gestanden waren. Sie möchten so gern sagen, wie ihnen um Franz ist, und bringen es nicht zuwege; jeder möchte es sagen, aber alles Sagen war nur ein Stammeln.
Einer steht plötzlich auf und macht es allen klar, die es wissen möchten: unser großer Freund ist gestorben, aber seine Seele klingt fort, sie ist die tönende Seele dieser Stadt ....... Sage mir keiner, der brave Schulmeistersohn war trunken und darum sei er so früh verdorben, denn das ist falsch. Er war trunken von Seligkeit und Leid, und wenn es die allzu Braven sein »Verderben« nennen, gut, dann war es ein göttliches Verderbnis, daraus seine schmerzlich süßen, unsterblichen Lieder quollen, darin nicht nur der Wein singt, nicht nur die Lerche jubiliert, nicht nur das Bächlein weint und die stummen Forellen mitsingen in dem seligen Quintett, sondern vor allem das eigene Herz, das Herz dieser Stadt, dieser gottgesegneten, verruchten, alten, ewig jungen geliebten Heimat, die er in Not und Tränen zu preisen nicht müde wurde, singend zu preisen wie einer der Jünglinge im Feuerofen, im Weinbergsfeuerofen und so laut, daß seine Stimme über Länder und Meere reichen und in der Wüste gehört werden muß, überall wo ein Mensch ringt in Lust und Qual, mit sich allein, und das Herz aufschreit, dieses gemarterte von sieben Schwertern durchbohrte, aus allen Wunden blutende und in Tränen lächelnde, über allen Jammer dieser Erde triumphierende, über allen Horizonten leuchtende Herz der Welt .......... Darum haben alle den gottseligen Schulmeisterssohn vom Himmelpfortgrund so sehr geliebt, die Namen, die er singt, die Freunde, die mit ihm zechen, der Wirt, der ihm aufkreidet, der Forellenbach, der ihm die Geheimnisse von der Mühle und von der schönen Müllerin zuflüstert, und am meisten liebt ihn der Wein Gottes, der all sein Elend, all seine Tränen, all seinen Schuldenbettel, all sein Herzeleid in Gold verwandelt. Und darum ist er so reich gestorben, daß wir alle seine Schuldner geworden sind, der Freund, der ihm borgte, die Mietfrau, die den Zins nicht gleich bekam, der Wirt, der die Kreide verschrieb, die Mädchen, die mit seinem Herzen spielten, und die ganze große unbekannte Menschheit .......... Wenn er sang, dann stand die Lerche still, dann hielt der Bach den Atem an, dann hoben die munteren Forellen ihre Köpfe aus den Wellen, dann sangen sie leise mit, und ihr, ihr alle sanget leise mit. Und die Welt des Haders, der Zwietracht sang mit und der große Chor schallte aus allen Tiefen, von allen Höhen ....... Immer noch hören wir den Bach glucksen und schluchzen, wir hören die stummen Forellen, die mitsingen, wir hören den Chor der selig Leidenden, wir hören die Weinbergsfreudenstimmen von allen Höhen, wir hören den Sang der Liebe durch die ungezählten süßen Namen rauschen, die ihn als ebenso viele hold weibliche Verkörperungen umgaukeln -- er will sie fassen, sie zerfließen, immer wieder fließen sie in eine zusammen, in diese eine große unsterbliche Geliebte; die Heimatstadt, die der Sänger in scheuer Minne wahrhaft geliebt hat ........ Und diese launische, undankbare, vergeßliche, eitle, oberflächliche, einfältige, kindliche, herzensfrohe, tiefe, beglückende und zugleich so betrübende, geschmähte, verfluchte, vor allem aber geliebte Stadt, sie hat uns -- sie hat ihm alle Wunden geschlagen, sie hat ihn mit Schmerzen gesegnet, damit er von ihr zu singen und zu sagen wisse und wir mit ihm, diese einzige, große unsterbliche Geliebte -- -- -- -- -- -- -- Diese Heimat -- kennt ihr sie? Dort sind die Hügel belaubt und schlafen unter Reben, des Gottes voll; dort ist der Wind ein Kuß und der Sturm ein Lied. Dort plaudern die Bäche eine vertraute Sprache wie nirgend auf der Welt; dort fließt in den Brunnen das Wasser des Lebens und in den Gärten blüht die Liebe. Dort grüßen tausend Hände den Verstoßenen, wie sie ihn verstoßen und gegrüßt haben, den Sänger der Heimat, dem sie es so schwer gemacht haben, wie jedem, der Edles und Großes wollte -- dem sie es so schwer gemacht haben und von dem sie schließlich ein Lied wie einen Denkstein im Herzen tragen ....... Laßt uns daran denken -- immer wieder muß ich daran denken, wenn ich die alten Wege gehe, den Forellenbach entlang, an dem auch er so oft gestanden war, sinnend und lauschend, den Sang der leisen Wellen und der munteren Forellen zu erhorchen und das Summen der Freude, die noch in allen Reben schläft, den ganzen Berg hinan. Laßt mich daran denken, wenn ich sehe, was sie aus der geheiligten alten Heimat gemacht haben ....... Wie sieht es zuweilen wirklich aus, das äußere Bruchstück der Heimat, die wir inwendig im Licht der Verklärung sehen als wesentliches Stück unserer Seele? In der ersten grünen Schenke gibt's Streit, ich gehe vorüber; in der zweiten werden wüste Gassenhauer gesungen, ich gehe wieder vorüber; über duftende Hausgärten her kommt eine keifende Stimme; ein geschminktes Frauenzimmer vertritt mir den Weg. Ach, es ist nicht immer die Liebe, die in den Gärten blüht; es ist nicht immer die Freude, die aus dem Weinglas getrunken wird; es ist nicht immer die unsterbliche Geliebte, die uns begegnet. Und selbst mein unvergeßlicher, klaräugiger Forellenbach ist eine dicke, schmutzige, übelriechende Gosse geworden und es sind längst keine Forellen mehr darin ....... Vielleicht sind niemals Forellen darin gewesen -- aber was tut's? Wenn ich über alle diese Ärgernisse und Wirrungen des äußeren Lebens genau hinaushorche, wenn ich genau in mich hineinhorche, dann werden die geliebten Stimmen wieder lebendig, mit tausend unsichtbaren Händen grüßt der Genius loci den Verstoßenen und hält ihn liebevoll geschäftig fest; ich fühle es, daß wir alle, was uns auch trennt, irgendwie zusammengehören in dem großen Seelenkonzert, darin der brave Schulmeisterssohn vom Himmelpfortgrund den Taktstock führt ....... wir sind Brüder und Freunde geworden durch ihn, das Herz der Stadt hat eine Stimme bekommen und diese Stimme ist er, unser Schubert. Er gehört zu jenen, um derentwillen unsere Stadt immer geehrt und geliebt werden wird, trotz -- trotz allem ..............
Also sprach der eine und schloß mit den Worten: Brüder und Freunde in Ewigkeit -- sind wir mit ihm auch vorläufig zu Ende -- so ist es darum noch lange nicht zu Ende. Oh, noch lange nicht zu Ende! Hört es doch -- die Seele klingt fort, das Herz singt in seinem Lebenslied, der heimliche Sang der tiefen Brunnen, es singt von ihm und dieser Stadt, der großen unsterblichen Geliebten ................
-- Ende --
Vom Verfasser dieses Romans
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