Chapter 1 of 9 · 3990 words · ~20 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+; ~gesperrte~ so und +fett gedruckte+ so.

Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. =======================================================================

Hans Aanrud

Jungen

Vierzehn Geschichten von kleinen ganzen Kerlen

Mit Bildern

von

Lisbeth Bergh

Erstes bis drittes Tausend

Leipzig Verlag von Georg Merseburger 1910

Einzige autorisierte Übersetzung aus dem Norwegischen von +Dr.+ Friedrich Leskien und Marie Leskien-Lie. Einbandzeichnung nach einem Bild von L. Bergh von A. Andresen.

Alle Rechte vorbehalten.

Von Hans Aanrud erschienen:

+a+) ~für Kinder und Erwachsene~

Sidsel Langröckchen, Erzählung

brosch. M. 2,25 geb. M. 3,--

Kroppzeug, zwölf Geschichten von kleinen Menschen und Tieren

brosch. M. 2,25 geb. M. 3,--

+b+) ~für Erwachsene~

Erzählungen, sechzehn Geschichten

brosch. M. 3,-- geb. M. 4,--

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Der Gemeindejunge 1

Amunds neue Ski 12

Wenn die Graugänse fliegen 22

In Großvaters Auftrag 36

Kirchenexamen vor dem Bischof 49

Die Mütze, die auf der Wolke war, um Gold zu holen 67

Der erste Arbeitstag 80

Alexander und Buzephalos 92

Holzvermesser Ole Pedersen 106

Ranzenräuber und Zottelbär 114

Tischler Simen und der Blaufuchs 126

Die Kvinstöljungen 140

Erste Liebe 154

Wie Hans und Marte die Henne hüteten 173

Der Gemeindejunge.

Die Sonne hatte schon längst ihren ersten goldenen Morgenstreifen über die Tannenwipfel ganz oben an der Westseite des Tals gesandt, war langsam die hintere Talwand bis auf den Talboden heruntergeschlichen und wollte eben beginnen, an der östlichen Talseite hinaufzukriechen, die bisher im Schatten gelegen hatte. Aber gerade als sie zwischen den Tannenwipfeln hoch oben hervorgucken wollte, war nichts mehr da, was sich hindernd dazwischenstellte, und auf einmal rieselte ihr gelbes warmes Licht in zitternden Wellen über die ganze Talseite hinab, es schlüpfte zwischen dem winzig kleinen jungen Laub hindurch, liebkoste das feine zarte Gras, das eben begonnen hatte hervorzusprießen, glitt glitzernd über die rauschenden Frühlingsbäche hin, die nach dem kleinen trüben Fluß unten im Talgrund hinabströmten, und füllte das ganze Tal mit seinem Licht. Mit einem Male war das ganze keimende, sprießende Leben des Frühlingsmorgens erwacht, aber die großen wohlgepflegten Höfe lagen noch still da, mit verschlossenen Türen und in der Sonne glitzernden Fensterscheiben, nur hin und wieder stieg ein blauer Rauch aus den Essen kerzengerade in die klare Luft.

Ein kleiner Junge mit offnen blauen Augen kam und guckte durch das rotgestrichene Gattertor, das nach dem ebenen breiten Hofplatz auf Opsal führte. Nie hatte er etwas so Schönes gesehen wie das weißgestrichene Gebäude und die merkwürdige Treppe mit dem Geländer außen dran. Und alle die anderen langen, rotgestrichenen Häuser!

Es war alles gerade, wie er sich die Königsschlösser gedacht hatte, von denen in den Märchen die Rede war. Es fehlte nur ein König drüben auf der Treppe, sonst war alles genau so! Er mußte unwillkürlich noch einmal nachsehen; es war aber keiner da.

Er war nicht gerade ein Staatskerl, der kleine Junge, der dort durch das Gattertor guckte. Auf dem Kopfe hatte er einen durchlöcherten Strohhut, der so weit hinten im Nacken saß, daß der blonde Schopf gut zu sehen war, der fast bis über die großen blauen Augen und eine kleine wichtige Nase herunterhing. Eine Jacke trug er nicht, nur eine karrierte Unterjacke, die an den Ärmeln geflickt war. Die Hosen, die nur aus Flicken bestanden, reichten nicht weit über die Knie, so daß man die großen Frauenstiefel, in denen er ging, ganz sehen konnte; sie waren viel zu groß, die Schäfte gähnten um die dünnen Waden, da die Riemen nur für die Hälfte der Löcher ausgereicht hatten, und die Spitzen bogen sich vorn nach aufwärts. Im Arm trug er ein Bündel, das in ein dunkles karriertes Tuch eingewickelt war.

Es war der acht Jahre alte Tor aus Stubsveen, dem obersten Häuslerplatz ganz oben am Waldrand drüben auf der anderen Talseite; er sollte heute seine Stellung als Gemeindejunge auf Opsal antreten.

Plötzlich zuckte er zusammen, bewegte sich nicht etwas da drüben auf dem Hof? Er blickte hin. Nein, es war wohl nichts. Alles war so still; ob sie wohl noch nicht aufgestanden waren? War das eine Art, mitten am hellichten Tage! Er sah nach der Sonne, die jetzt bis über die obersten Tannenwipfel gekommen war.

Nein, es war doch wohl noch sehr früh. Die Uhr hatte auch die letzten Tage drüben in Stubsveen gestanden. Er mußte warten.

Er wandte sich um, stützte den Ellbogen an das Gatter und den Kopf in die Hand und sah über das Tal hin und weit an der anderen Seite hinauf.

Da lag Stubsveen -- er hatte es nie aus so weiter Entfernung gesehen. Es war aber auch nicht viel daran zu sehen, er hatte nicht gewußt, daß es so armselig aussah und so unermeßlich hoch oben lag.

Übrigens durften sie sich nicht einbilden, daß es so armselig war, wie es von hier aussah; sie konnten nicht den Söller auf der anderen Seite sehen, und dort war auch das Kammerfenster, das machte viel aus. Er guckte wieder nach dem Hof, -- Opsal sah auch nicht so prächtig aus von da oben, wie es war. So kam er also doch nach Opsal. Die kleine Ane mußte sich damit begnügen, nach Hoel zu kommen; -- nun! Hoel war schon auch prächtig genug, aber mit Opsal ließ es sich nicht vergleichen.

Er mußte daran denken, wie er und Ane neulich gegen Ende des Winters am Fenster drüben in Stubsveen knieten und über das Tal blickten und sich aussuchten, wo sie in Dienst gehen wollten, wenn sie groß wären. Ane war gleich bereit zu sagen, daß ~sie~ nach Opsal wollte, aber da hatte Tor gesagt, daß ~er~ dorthin wollte, denn er wäre ein Junge, und er wäre der Älteste, und sie wäre nur ein Mädchen; aber Ane war hartnäckig, und da zankten sie sich. Da wurde zuerst Ane von ihm durchgeprügelt und dann er von seiner Mutter; ja sie konnten sagen, was sie wollten, es war nun einmal so, daß die Mutter ein bißchen zu viel zu Ane hielt; denn ~die~ konnte auch manchmal unartig sein; -- wenn er es vielleicht öfter war, so war er auch ein Jahr älter.

Seine Augen glitten unwillkürlich nach Hoel hinüber, einem andern großen Hof, ein Stück davon entfernt.

Ob Ane wohl jetzt bis nach Hoel gekommen war? Vielleicht stand sie auch da und wartete; es sah auch nicht aus, als ob sie dort aufgestanden wären.

Ane konnte einem richtig leid tun, sie war so still und kümmerlich, als sie sich hier unten am Gatter trennten.

Ach, Ane konnte doch auch furchtbar gut sein. Wenn er es sich recht überlegte, so war sie wohl doch viel, viel besser als er. Ja, das war kein Zweifel, das hatte sich besonders in der letzten Zeit gezeigt. Denselben Tag, wo er sie durchprügelte, war der Vater krank geworden, es war Lungenentzündung, und Ane weinte viel mehr als Tor, als der Vater krank war, und als er starb, und als sie ihn zur Kirche fuhren und Erde auf ihn warfen.

Ja natürlich, er fand es auch so traurig, wie irgend möglich, aber es lag jetzt auf einmal so vieles auf ihm, daß er zum Weinen keine rechte Zeit hatte. Erstens mußten sie den furchtbar dicken Doktor mitten im schlimmsten Tauwettermorast bis nach Stubsveen hinaufschaffen, und wenn er auch wütend war über den Weg und das Fahrzeug und die ganze Schererei, so war es doch ein Aufzug, der nicht eigentlich zum Weinen war, -- sie konnten darüber denken, wie sie wollten. Dann kam die Leichenstrohverbrennung -- er mußte es noch selbst anzünden -- und dann waren so viele Leute da, der Tischler und viele alte Weiber, und dann gab es ein Leichenbegängnis mit Geschenken und so vielen guten Dingen, wie er nie oben in Stubsveen gesehen hatte, und dann fuhren sie mit vier Schlitten nach der Kirche, und er durfte auf dem Schlitten, der gleich hinterm Sarge fuhr, hinten aufsitzen.

Wenn er alles wahrheitsgemäß überdachte, so hatte er eigentlich nicht mehr als einmal geweint, und das war -- hinterher; es geschah obendrein hauptsächlich, weil die Mutter so sehr weinte, als sie von dieser Gemeinderatsversammlung, oder wie sie es nannten, nach Hause kam, wo bestimmt worden war, daß er und Ane in der Gemeinde untergebracht werden sollten --, ja sie sollten nur nicht sagen, daß ~er~ der Gemeinde zur Last fiel, denn der Bauer von Opsal hatte ihn umsonst genommen und gesagt, ein solcher Junge wäre wohl imstande, sein Essen und seine Kleider zu verdienen.

Aber Ane, die Ärmste, weinte die ganze Zeit. Auch heute früh, als sie von zu Hause fortzogen, weinte sie so bitterlich, daß sie nicht einmal den Kaffee herunterbekommen konnte; aber auch da wollten ihm keine Tränen kommen. Erst als er sich hier unten am Gatter, das nach Hoel hinaufführte, von Ane trennen sollte und er ihre kleine weiche Hand nahm und sagte: Leb' wohl denn, kleine Ane, schnürte ihm etwas die Kehle zusammen, und er mußte sich schnell umwenden und weitergehen; es war ja nicht gerade notwendig, es sehen zu lassen; aber auch da schluchzte Ane, er sah es deutlich an ihrem Rücken, als er sich umwandte, wie sie eben im Begriff war, so klein und kümmerlich durch das Gattertor zu gehen.

Wenn er sie wiedertraf, sollte Ane wirklich sein Taschenmesser bekommen, das sie so gern haben wollte; er selbst würde es nicht mehr so nötig haben, er müßte doch zusehen, bald ein Scheidenmesser zu bekommen.

Er blieb eine Weile stehen, dann guckte er wieder durch das Gatter. Wahrhaftig, dort war der König draußen auf der Treppe, ein großer starker Mann in schlohweißen Hemdsärmeln. Aber er hatte keine Krone auf, nur eine kleine Schirmmütze, die weit hinten im Nacken saß.

Unsinn, das war natürlich der Bauer selber. Wie er sich dehnte und in der Morgensonne wohl fühlte!

Ja, jetzt mußte er wohl hin und sich zur Stelle melden.

Er öffnete vorsichtig das Gattertor, schlüpfte durch und machte es hinter sich wieder zu, ohne sich umzuwenden; -- es war, als machte es ihm Mühe, zurück zu blicken. Er blieb einen Augenblick stehen, zog die Hosen herauf und schob den Hut noch weiter in den Nacken. Dann hielt er die Arme in zwei großen Bogen von den Seiten ab und ging vorwärts, langsam und mit langen Schritten wie ein Erwachsener, die Augen die ganze Zeit auf den Mann auf der Treppe gerichtet.

Als er näher kam, fiel es ihm offenbar schwer, gerade draufloszugehen, und so näherte er sich in einem großen Bogen der untersten Treppenstufe. Er nahm die paar Stufen, blieb stehen, machte eine tiefe Verbeugung mit dem Kopf, führte die eine Hand an seine weiße Mähne und streckte die andere aus:

Guten Tag!

Opsal nahm die kleine braune Hand, die ganz in seiner großen Faust verschwand, und sah mit verhaltenem Lächeln auf ihn herunter.

Guten Tag. Sind so erwachsene Burschen schon so früh unterwegs?

Ja, das sind sie. Es ist schönes Wetter heute.

Opsal fuhr fort ihn anzusehen. Tor sah weg, setzte den Fuß vor und suchte eine erwachsene Stellung einzunehmen:

Du bist der Opsal selber, scheint mir.

Ja, sie nennen mich so. Aber was bist du für ein Bursche?

Tor sah sehr erstaunt aus.

Weißt du das nicht? Ich sollte ja jetzt dein Knecht sein.

Meiner? Sieh mal einer an, da bist du wohl mein neuer Knecht aus Stubsveen. Wie heißt du?

Weißt du das auch nicht? Ich heiße Tor.

Ja richtig. Du bist wahrhaftig zeitig unterwegs.

Ich finde eher, daß man hier spät aufsteht. Wir beginnen den Tag früher oben bei uns.

Hm. Und jetzt hast du vielleicht vor gleich für immer dazubleiben?

Ja, das war die Meinung.

Tat es dir denn nicht leid, von Mutter wegzugehen?

Die Kehle wollte sich Tor wieder zuschnüren, aber er biß die Zähne zusammen und schluckte alles schnell herunter.

Ach, du weißt -- aber man kann doch nicht sein Lebenlang am Schürzenband hängen.

Opsal lächelte.

Ja, willkommen denn, und geh dann mal in die Küche und sieh zu, daß du etwas zu essen bekommst; du hast wohl Hunger nach dem langen Weg, den du schon hinter dir hast.

Aber ist es nicht unrecht, mit Essen zu beginnen, ehe ich etwas getan habe?

Ja, was hast du dir eigentlich gedacht, daß du hier auf Opsal tun willst?

Das, was du von mir verlangst.

Glaubst du, daß du das alles kannst?

Nach dem, was ich gehört habe, sollst du kein unbilliger Mann sein; übrigens -- er betrachtete Opsal von oben bis unten mit seinen offenen blauen Augen -- kann es schon sein, daß ich imstande wäre, Dinge zu tun, die du selbst nicht bewältigen könntest.

Was sollten denn das für Dinge sein?

Tor antwortete rasch:

Die Kälber durch das Gebüsch jagen.

Der Opsal sah sich selber an, und dann lächelte er Tor zu:

Du bist wohl ein großer Schelm.

Tor sah ihm lächelnd gerade in die Augen:

Ja, wenn ich nur nicht hier auf Opsal meinen Meister finde.

Opsal nahm ihn an der Hand: So, jetzt mußt du mit hereinkommen und dir die Leute und die Einrichtung ansehen, und wenn es dir gefällt, dann ist es wohl am besten, ich ernenne dich gleich zu meinem Großknecht.

Jetzt hast du mich wohl wieder zum besten, Opsal; aber vielleicht könnte ich auch das fertigbringen.

Sie gingen Hand in Hand hinein.

So hielt der Gemeindejunge seinen Einzug auf Opsal.

[Illustration]

Amunds neue Ski.

Amund schielte unter der Felldecke hervor:

Ane Marja? -- A--ne Mar--ja! Sagte der liebe Gott etwas davon, wie lange es dauern sollte, bis ich meine Ski bekäme? Er lauschte. Nein, Ane Marja schlief wohl schon. Teufel auch! er mußte es jetzt wissen, denn so ging es nicht weiter.

Ane Marja hatte gesagt, daß alle artigen Jungen Ski vom lieben Gott bekämen, und da konnte kein Zweifel sein, daß er sie bekommen würde. Aber es war ihm darum zu tun, sie bald zu bekommen; Ane Marja und der liebe Gott sollten nur wissen, wie es war, drüben auf dem Südfeld zu stehen und alle die anderen Jungen Schlitten fahren zu sehen. Und die Skibahn, die jetzt war! Wenn der liebe Gott selbst zum Skilaufen zu alt war, so mußte er doch wissen, daß Amund im Frühling keine Ski brauchte, wenn der Schnee entweder zu weich oder zu hart war. Nein, sollte er welche haben, so mußte es jetzt sein. Er konnte auch nicht begreifen, warum es so lange dauerte. Denn artig war er gewesen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag hatte Ane Marja es gesagt, und jetzt war schon Hochneujahr, und in dieser ganzen Zeit hatte er sich nicht mit der kleinen Liese gezankt, nicht einmal, als die Lakritzenstange in seinem Kasten anfing kleiner zu werden, -- ja, denn es konnte niemand anders als Liese sein, die daran schuld war. Er hatte nur den Kasten zugeschlossen, denn da hörte doch alles auf. Sie konnten doch nicht verlangen, daß er sie alles aufessen lassen sollte. Nein, ~daran~ konnte es nicht liegen. Jon Rönningen hatte schon vor langer Zeit Ski bekommen, -- Amund glaubte übrigens nicht, daß diese Ski so wundervoll wären, wie Jon immer tat, -- und er war gar nicht artig; -- ein richtiger Lümmel; -- und wie er fluchte!

Und dann Hans Svebakken. Er hatte zu Weihnachten welche bekommen; ach ja, das war nicht ganz unbillig; ~denn er war artig~; er hatte Amund gestern zweimal seine Ski geborgt, um auf dem Südfeld darauf zu laufen.

Nein, er konnte es nicht begreifen. Wenn es wenigstens so gewesen wäre, daß es viele gab, die Ski haben sollten, so konnte man dem lieben Gott verzeihen, daß er nicht genug fertigbekommen hätte; aber es waren ja nur Amund und Lars Sagbakken, die keine hatten.

Ach ja, er glaubte schon, daß er sie vor Lars bekommen würde, denn Lars sagte gestern: Hol' mich der Teufel, und das war ein Fluch, hatte Ane Marja gesagt.

Aber, du liebe Zeit -- warum konnte er sie nicht gleich bekommen? Es war schade um jeden Tag, den es länger dauerte.

Sie meinten wohl doch, daß er nicht artig genug wäre. Aber er hatte getan, was er konnte, -- und Amund zog wieder den Kopf unter die Felldecke.

Wenn Lykkelin bald Zicklein bekommen hätte, so würde er sich weder von Ane Marja noch vom lieben Gott haben hereinreden lassen; denn Lykkelin hatte immer Zwillinge, und für das Fell von ihnen hätte er schon ein Paar Ski bekommen, -- wenn sie auch nicht so besonders gut gewesen wären --; aber Lykkelin setzte in diesem Jahre aus. Sie sollte erst Mitte Februar Junge haben.

Er steckte den Kopf wieder hervor.

Nein, er mußte es sich noch einmal überlegen, woran es wohl liegen könnte. Hatte er etwas getan, was nicht recht war? Ja, er hatte das Band aus dem Schlitten genommen, damit Liese ihn nicht brauchen sollte; aber das konnte er doch machen, wie er wollte, denn es war ~sein~ Schlitten. Doch, er war artig gewesen. Aber sie glaubten vielleicht nicht an ihn?

Ach, er würde gern den Schlitten und die Lakritze weggeben, wenn er sie nur bald bekäme!

Die Lakritze?

Sollte er es damit versuchen, um ihnen zu zeigen, daß es ernst war? Ja, das wollte er tun.

Er richtete sich vorsichtig auf den einen Ellbogen auf und horchte, ob Ane Marja schlief. Ja, sie schlief.

Dann kroch er vorsichtig unter der Felldecke hervor und schlich sich leise durch das Zimmer bis an seine Truhe. Den Schlüssel hatte er daruntergelegt. Er öffnete sie, nahm die Lakritzenstange heraus und wickelte sie aus. Dann ging er ans Fenster. Es war am besten, sie dahin zu legen, da konnte der liebe Gott sie durch die Fensterscheibe sehen.

Er hielt inne und überlegte, ob er sie erst kosten sollte. Nein, lieber nicht. Der liebe Gott sollte sehen, daß er es ernst meinte.

Er legte sie hin und schlich wieder in sein Bett zurück. Jetzt war es getan. Er fühlte sich ganz sicher. Das konnte nicht fehlschlagen, morgen noch würde er Ski bekommen. Er glaubte schon darauf zu laufen, und er begann darüber nachzudenken, wie er sich den andern Jungen gegenüber verhalten wollte.

Lars Sagbakken sollte sie vielleicht ein- oder zweimal borgen dürfen, wenn Amund sie nicht selbst brauchte. Aber gegen Jon Rönningen wollte er ordentlich stolz sein. Er hatte nicht vergessen, wie er neulich die Ski von Hans Svebakken borgte. Da hatte Jon, der Lümmel, gesagt, er sähe aus, als habe er Kartoffeln in der Hosenklappe.

Ja, das kam davon, wenn man Hosen mit Klappe trug. Von jetzt an wollte er eine Hose zum Knöpfen haben mit Trägern, wie die größeren Jungen. Ja, Jon wollte er es schon wiedergeben. Er wollte ihm sagen, er sähe aus, als ob er Milchbrei in den Knien habe, denn Jon hatte krumme Beine.

Dann schlief er ein.

Und er träumte, daß er dastand und dem lieben Gott zusah, der im Begriff war, Ski zu tischlern; aber bisweilen kam es ihm auch vor, als wäre es nicht der liebe Gott, sondern der Tischler Ola, denn er hatte dieselben krummen Finger und denselben Riß über dem einen Knöchel.

* * * * *

Am Morgen schlief er so lange, bis Ane Marja und Liese aufgestanden waren. Er schielte nach dem Fenster hin, als er die Hosenklappe zumachte. Wahrhaftig, die Lakritzenstange war kleiner geworden. Er beeilte sich, hinaus zu kommen.

Liese stand hinter der Tür und sah nach, ob er böse wurde.

Er erblickte sofort Ane Marja. Es war, als ob sie da stand und auf ihn wartete. Dann sah er sich um. Oh! Da standen sie an die Wand gelehnt, neu und fein, geteert bis an die Bindung. Er blieb wie gebannt stehen. Er sah sie und Ane Marja abwechselnd mehrere Male hintereinander an, dann fingen die Mundwinkel an zu zittern und sich krampfhaft weiter auseinanderzuziehen, beinahe bis an die Ohren, zu einem unendlichen Lächeln, und als er etwas sagen wollte, zog er den Atem ein, so daß er es nicht herausbekommen konnte.

Ane Marja strich ihm übers Haar. Ja, sie sind für dich, aber jetzt mußt du wirklich ein guter Junge sein und weder aufschneiden noch fluchen, sonst nimmt der liebe Gott sie wieder weg.

Er ging um sie herum und betrachtete sie von allen Seiten mit demselben Lächeln, und dann wagte er sie wegzunehmen.

Nein, so wunderschöne Ski hatte er noch nie gesehen; wie die Spitzen in die Höhe standen und wie elastisch sie waren! Ob es wohl Birkenholz war! Nein, es war Tanne; ja, das war auch am besten. Birkenski waren Plunder, denn sie zogen sich so sehr.

Dann mußte er prüfen, ob die Bindung paßte.

Ja, es -- waren -- prächtige -- Ski!

Er mußte gleich hinüber nach dem Südfeld.

Dort waren sie schon versammelt, Jon Rönningen und Hans Svebakken und alle die andern, die Ski hatten, ja, sogar Lars Sagbakken, der keine hatte, stand schweigsam und kümmerlich da und fror. Er tat Amund heute richtig leid.

Es herrschte ein großer Lärm und Spektakel. Schon von weitem sahen sie Amund kommen, und Jon rief:

Nein, seht Amund mit den weiten Hosen, jetzt hat er Schneereifen bekommen!

Amund vergaß, daß er nicht aufschneiden sollte:

Auf den Schneereifen habe ich keine Angst vor dir, auch wenn du doppelt soviel Milchbrei in den Knien hättest.

Dann sollten sie die Ski ansehen und begutachten.

Jon musterte sie genau:

Sie wären nicht sehr aufgebogen.

Oh, sie wären allemal so gut, wie die Birkenstöcke von Jon, die beide Enden in die Luft setzten.

Und dann werden sie nicht nach hinten zu schmäler. Sie würden nicht schnell gehen.

Nein, aber dafür trügen sie auch, wenn der Schnee locker war. Die Ski sollten auch nicht wie ein Backholz sein.

Und wie stand es, hatten sie die richtige Biegung?

Jon nahm den einen auf und untersuchte ihn.

Ja, etwas gebogen waren sie, aber nicht gleichmäßig, zuviel am Vorderende; bei lockerem Schnee würden sie unten einschneiden, und bei hartem würden sie sich kreuzen.

Aber sie wären elastisch!

Elastisch! Glaubte er vielleicht, daß das ein Vorzug wäre, wenn die Spitzen wie ein Tauende hin und her schlügen! Nein, die Thelemärker, die zwanzig Ellen hohe Sprünge ausführten, hätten steife Vorderenden mit einer ganz feinen Biegung --, so fein wie ein Flitzbogen. Solche wie diese könnten nicht einmal einen kleinen Satz aushalten, geschweige denn einen richtigen Sprung.

Doch Amund wollte ihm zeigen, daß sie es aushalten könnten. Er erbot sich, überall nachzufahren, wo Jon mit seinen Birkenstöcken es ihm vormachte.

Ja, sie könnten es ja erproben, -- nur über den Weg da unten.

Dann machten sie sich auf, Jon voran, und Amund hinterher über das Südfeld hin. Jon nahm den Sprung und kam gerade auf den Weg unten an. Die Knie waren ihm etwas wackelig, aber er sprang zu, so daß er hinüberkam.

Es war das erstemal, daß Amund sich an etwas derartiges wagte, und darum hingen ihm die Hosen hinten auch noch weiter herunter als gewöhnlich, wie er ganz zur Seite auf seinen Stock geneigt tiefe Furchen in den Schnee grub, so daß es stob. Er bekam zu wenig Schwung, kam nicht über den Wegrand, die Ski blieben stecken und knacks -- --; trotz seiner Hinterladung flog Amund kopfüber in den Schneehaufen.

Er sprang wie verrückt wieder in die Höhe. Er glaubte einen Knacks gehört zu haben. Er packte den einen Ski und riß und zerrte an ihm wie wahnsinnig, bis er ihn draußen hatte -- das Vorderende war mitten durchgebrochen.

-- Damit war diese Herrlichkeit vorbei. Mit dem anderen nahm er sich viel Zeit. Er mußte den Handschuh tief in den Mund stecken und zubeißen, um das Weinen zu unterdrücken.

So etwas hätte er sich nie träumen lassen.

Ganz betäubt nahm er sie bei der Bindung, einen in jede Hand, ohne sie anzusehen und begab sich auf den Heimweg.

Es ging langsam. Er war so seltsam dünn und klein und krumm in den Hosen, wie er den ausgetretenen Weg neben der Rinne mehr heraufkroch als ging, und es konnte schon sein, daß die Hosen beinahe hinten aufstießen. Er sah gerade in den Schnee, auch als er an den Kameraden vorbeikam, und sie ließen ihn in Ruhe; es kam ihm vor, als wären sie auf einmal so still geworden.