Part 6
Niemand antwortete; aber im selben Nu kam der alte Strohhut mitten in die Stube hineingesegelt und blieb in dem breiten Sonnenstreifen liegen, der sich vom Fenster schräg durch das Zimmer zog. Einen Augenblick darauf kam der eine Bergstiefel mit einem schweren Krach hinterher; kurz danach der andere. Dann kam die Leiter, sie wurde vorsichtig vom Boden heruntergelassen und schließlich kam Ole rückwärts heruntergestiegen, die Hosenträger hinten herunterhängend, den schwarzen Rock über dem einen Arm und die zusammengebundenen Strümpfe über dem andern. Er kam in die Stube herunter, schnitt Gesichter gegen die Sonne und dehnte sich nachdrücklich. Darauf setzte er sich auf die äußerste Ecke des Herdes und begann sich anzuziehen. Er löste die Strümpfe voneinander, zog einen an, spuckte in die Hände und zog das Strumpfband lang. Es ging langsamer und langsamer, als er es festband und es ging sehr langsam, als er nach dem andern Strumpf griff. Als er ihn halbangezogen hatte, hörte er ganz auf und neigte sich bedenklich tief nach der einen Seite, als ob er vom Herd herunterfallen wollte; -- es war ja auch recht früh am Morgen. Da sperrte er plötzlich die Augen weit auf, biß die Zähne zusammen, zog die Strümpfe mit einem Ruck an und schnürte das Strumpfband ordentlich zu. Im Handumdrehen hatte er die Hosenträger angeknöpft und den Rock angezogen. Dann dehnte er sich wieder und spazierte geradeswegs in die Bergstiefel hinein, die mitten im Zimmer standen und gähnten; sie gingen von allein an. Dann stand er einen Augenblick da und sah den Strohhut an, ging dann hin und schlug die Tür weit auf. Darauf kam er noch einmal zurück, blickte wieder den Hut an:
Der elende Hut! damit versetzte er ihm mit dem Fuß einen Stoß, daß er aus der Tür flog, ging selbst nach und machte die Tür hinter sich zu.
* * * * *
Als ich aufgestanden war, erfuhr ich von der Sennerin, warum Ole Holzvermesser Pedersen hieß; -- ja, sein Vater hieß Peder, mit Pedersen hatte es also seine Richtigkeit; aber Holzvermesser war er nun doch nicht. Bei der Holzvermessung im Frühjahr hatte einer der Vermesser Pedersen geheißen, und Holzvermesser waren die großartigsten Menschen, die Ole gesehen hatte. Er war den ganzen Tag dabei, und plötzlich ging er hin und gab dem Holzvermesser die Hand:
Guten Tag, ich höre, wir haben denselben Namen.
Nein, was du nicht sagst, heißt du auch Pedersen?
Ja, und darum wollte ich fragen, ob du mich nicht als Holzvermesser annehmen könntest?
Nein, das kann ich nicht, solange du den Hut da hast, -- dies geschah im frühsten Frühjahr, und Ole hatte schon den Strohhut aufgesetzt -- du mußt eine Talermütze aufhaben, um Holzvermesser zu werden, -- ja, und schwarzen Rock.
Seit der Zeit konnte Ole seinen Hut nicht recht leiden; einen Rock hatte er bekommen.
* * * * *
Ich ging hinaus und traf Ole, der dabei war, die Ziegen zu melken. Ich versuchte ein Gespräch über die Ziegen mit ihm anzuknüpfen; aber er wollte nicht recht dran und war sehr wortkarg. Ich fragte ihn, was er werden sollte, doch er wollte nicht mit der Sprache heraus. Dann sagte ich:
Es sind schöne Balken hier im Schafstall.
Ja der Grundbalken ist wohl 12: 10 gewesen und derselbe Stamm hat noch einen Balken 8: 10 geliefert.
Nein, das doch wohl nicht!
Ole sah mich sehr überlegen an.
Du bist sicher kein Holzvermesser?
Nein, das bin ich nicht.
Das merke ich.
Damit war diese Unterhaltung zu Ende.
Als Ole kurz darauf die Ziegen durch das steile Birkenwäldchen hinuntertrieb, das auf beiden Seiten am Flußabhang lag, schlich ich ihm nach.
Es war ein herrlicher Morgen mit Sonnenstreifen rings auf allen Bergen und grauem Gestein, so weit man hinaufblicken konnte, bis hoch, hoch in die Luft, und unten frische grüne Birkenabhänge bis hinunter an die klaren glitzernden Flüsse und Bäche im Talgrund.
Von der Sennhütte drüben stieg ein langer blauer Rauch empor, und an den Abhängen standen die Ziegen zu zweit an den kleinen Birken und rupften das Laub ab. Auf einer kleinen Lichtung im Birkenwald stand Ole und blickte sich vorsichtig um, und dicht am Waldrand lag ich, ohne gesehen zu werden.
Als Ole eine Weile ruhig gestanden hatte, riß er den Hut ab und warf ihn auf die Erde. Darauf ging er auf eine Birke zu.
Guten Tag. Wird hier Handel getrieben?
Er antwortete selber für den andern: Ja.
Hast du Talermützen?
Ja, hier ist dieselbe, die Holzvermesser Pedersen hat.
Ja, das sehe ich; denn ich kenne ihn. Aber ich will nicht mehr als zwei Kronen dafür geben.
Zwei Kronen für eine Talermütze, das ist eine seltsame Rechnung.
Seltsam oder nicht, ich gebe nicht mehr.
Ja, dann kommt kein Geschäft zustande.
Ja, du weißt, ich könnte schon geben, was du verlangst; aber wenn ich es mir überlege, so habe ich nicht mehr als zwei Kronen bei mir.
Kannst du denn nicht wiederkommen?
Hm, ich habe auch nicht mehr als zwei Kronen, soviel ich mich besinnen kann. Könntest du mir die eine Krone nicht so lange borgen?
Ich pflege nicht zu borgen.
Ja, aber du könntest doch mal eine Krone auf meine Rechnung aufschreiben?
Ja, das könnte ich schon mal. Welchen Namen darf ich aufschreiben?
Du kannst Holzvermesser O. Pedersen schreiben.
Dann tat er, als nähme er die Mütze in Empfang und setzte sie auf. Darauf griff er in die Innentasche seines Rocks und holte einen Bleistift und ein Notizbuch vor. Er buchstabierte laut, während er schrieb:
O. Pedersen, Holzvermesser, hat folgende Dimensionen bekommen.
Jetzt müßt ihr die Axt gut anlegen, Leute, und nicht schneller, als ich rufe. Fegt den Schnee dort weg; wir müssen sehen, was wir vermessen. Dann tat er, als ob er an einem Holzstapel entlang ging.
Hm, dieser soll also zwölf sein. Fangen wir also an.
Er fing an; und jedesmal, wenn er rief, tat er einen Schritt zur Seite und machte einen Vermerk ins Buch.
Zwölf Ellen lang, acht und ein halb Zoll dick! Ditto! Ditto! Zwölf zehn! Hübscher Stamm! Zwölf acht! Zwölf neun! Zwölf -- pfui, das ist ein schlechter Stamm -- den müssen wir auf zwölf acht heruntersetzen! Zwölf zehn. Zwölf -- ganz krumm, der soll wohl zum Bootsbau dienen? Der ist morsch; den nehmen wir nicht. Zwölf zwölf! Bravo! Noch einmal ditto, zwölf acht und ein halb! Zwölf neun! Zwölf zehn! Ditto! Ditto! Gut gearbeitet, Leute, jetzt nehmen wir einen Schnaps!
Damit trollte sich Ole zur Sennhütte; denn es gab viel zu tun, und er durfte nicht lange fort sein.
Als ich aufbrach, verabschiedete ich mich auch von Ole, und da gab ich ihm die Krone, die ihm, wie ich wußte, an seiner Talermütze fehlte.
[Illustration]
Er sah mich ein wenig erstaunt an und wollte mir die Hand reichen. Aber dann griff er plötzlich an den Hut und nahm ihn ab; er sah erst aus, als ob er ganz feierlich sein und mit dem Hut in der Hand sich durch Handschlag bedanken wollte.
Doch dann schleuderte er den Hut weg, griff langsam und feierlich in die Innentasche seines Rockes und holte Bleistift und Notizbuch hervor.
Er hielt es in der Hand und schrieb sehr sorgfältig mit ernstem Gesicht. Endlich riß er das Blatt heraus, steckte das Buch und den Bleistift in die Tasche und reichte mir das Blatt: Bitte sehr!
Ich habe den Zettel noch, und er sieht so aus:
[Illustration]
Seitdem habe ich Ole nicht wieder gesehen; aber ich habe gehört, daß er eine Talermütze bekommen hat; Holzvermesser ist er wohl noch nicht geworden; aber das wird er schon mit der Zeit.
[Illustration]
Ranzenräuber und Zottelbär.
Während die Sennerin auf der nördlichen Kvinstölhütte im Begriff war, das Vieh loszubinden, schlich sich Christian einen Augenblick an das Sennhüttenfenster und steckte den verbogenen Messingkamm zu sich.
Darauf ließ er das Kleinvieh hinaus und trieb es schnell über den Hügel hin.
Heute vergrub er die Hände nicht in den Hosentaschen, wie er zu tun pflegte, er fühlte die warme Morgensonne nicht und blickte nicht nach den blauen Bergen. Er fühlte sich etwas schwach und zitternd in den Knien und kümmerte sich gar nicht um die zärtlichsten Ziegen, die sich immer zu hinterst hielten, den Kopf umdrehten und ihm entgegenmeckerten. Der einzige, um den er sich kümmerte, war der große Bock, der Ranzenräuber hieß, seit er letzten Frühling Christians Ranzen geöffnet und ihm das Brot und den Schinken weggefressen hatte.
Denn heute galt es. Gestern waren sie auch auf den südlichen Kvinstöl gekommen, und jetzt sollte entschieden werden, wer diesen Sommer Oberhirte sein würde, er oder Per Nordberg, und Oberhirte sollte der sein, der den stärksten Bock hatte.
Letztes Jahr hatte Christian verloren, da hatte Zottelbär über Ranzenräuber gesiegt. Darein hatte Christian sich finden müssen, und es war auch gar nicht so ärgerlich gewesen, solange sie auf der Sennhütte waren, denn es zog keine andern Nachteile nach sich, als den Schimpf, den schwächeren Bock zu haben -- und da räumte auch Per ein, daß es nach Zottelbär keinen besseren Bock gäbe als Ranzenräuber -- und dann durfte der Oberhirte immer den Platz wählen, wo sie die Herden trennen sollten, wenn sie zusammen gewesen waren. Aber im Winter war es ärgerlich gewesen; da trafen sich Per und Christian nur in der Schule, und da konnte Per es nicht sein lassen, davon zu reden und Ranzenräuber, so daß alle es hörten, einen ganz gewöhnlichen Bock zu schimpfen. Und außerdem war es nicht sicher, daß es so ganz richtig zugegangen war, als sie letztes Jahr aneinander gerieten; Per hatte ein Viertel Tabak für Zottelbär gehabt, das er ihm während der Mittagsruhe gegeben hatte, und trotzdem hätte dieser sicher nicht gewonnen, wenn er nicht Ranzenräubers Vorderfuß zwischen die Hörner bekommen und ihn beinahe ausgerenkt hätte.
Christian schob den neuen Strohhut in den Nacken und warf einen Blick nach der Sennhütte zurück. Ja, jetzt war sie nicht mehr zu sehen.
Er lockte:
Komm, komm Ranzenräuber!
Ranzenräuber legte den Kopf schief nach hinten und meckerte. Darauf drehte er um und kam langsam, die langen Hörner hoch in die Luft streckend, auf Christian zu.
Christian stellte sich in Bereitschaft, streckte beide Hände vor und packte ihn an den Hornenden:
Laß dich mal erproben!
Ranzenräuber, der das Spiel kannte, stellte sich auch in Bereitschaft und begann zu schieben. Nach kurzer Zeit stieß er Christian gegen einen Birkenstamm, daß es krachte.
Ja, schwach bist du nicht, aber du mußt dir nicht einbilden, daß ich meine ganze Kraft anwandte.
Christian kniete nieder und holte den Messingkamm hervor. Der Bock schmiegte sich an ihn.
Jetzt sollst du geputzt werden für die Musterung.
Er kämmte den Bart und die Büschel an der Stirn und an den Seiten, die blauen Zotteln fielen so seidenweich und fein, wie Christian sie noch nie gesehen hatte. Das war hübscher als die langen schwarzen Zotteln vom Bären.
Als er fertig war, betrachtete Christian den Bock noch einmal genau, und dann trotteten die beiden Seite an Seite der Herde nach, die weit vorangekommen war.
Bald waren sie oben auf der Höhe und blickten den Abhang nach dem Riesenmoor hinunter.
Ja, wenn sie zur richtigen Zeit auf dem südlichen Kvinstöl lockten, so konnte Per jetzt nicht mehr weit sein.
Christian begann zu jodeln, daß es durch das Birkenwäldchen schallte.
Sogleich ertönte von weit unten her die Antwort. Ja, da war Per.
Christian faßte Ranzenräuber am Nacken und ging vor der Herde den Abhang hinunter. Die ganze Zeit jodelte er, und die ganze Zeit antwortete es noch lauter, er konnte hören, daß Per auch schnell heraufkam. Dort sah er etwas Weißes hinten zwischen den Birken auftauchen. Ob wohl Per auch einen neuen Strohhut hatte? Er hatte wenigstens geglaubt, ~das~ für sich zu haben.
Bald waren sie einander so nahe gekommen, daß sie sich verstehen konnten:
Heh Junge, hier kommt der Oberhirte.
Heh hier auch! Hier kommt einer, der ~über~ dem Oberhirten ist!
Was kannst du für dich ins Feld führen?
Einen blauen Bock mit hohen Hörnern, einen forschen Jungen mit neuem Hut!
Und was hast du?
Einen schwarzen Bock mit höheren Hörnern, einen forschen Jungen mit feinerem Hut!
Wann soll der Kampf stattfinden?
Wenn die Sonne zwischen der Tiefkluft und der Kvinhornschnute steht.
Da sollst du beide, den Bock und den Jungen, treffen.
Wo soll die Schlacht stattfinden?
Auf der Ebene zwischen dem Riesenmoor und dem Blausee.
Dort wirst du beide, den Bock und den Hut, treffen.
Sie gingen näher aneinander. Als sie ein paar Schritt entfernt waren, rief Per:
Jetzt sollen die Kämpfer sich begrüßen.
Das meine ich auch.
Sie führten die Böcke gegeneinander vor und ließen sie los. Sie beschnoberten sich ein wenig, legten die Köpfe schief, und fingen an, sich leise zu reizen, indem sie die Mähnen erhoben. Sie waren auf dem Sprunge, aufeinander loszufahren.
Da nahmen Per und Christian jeder den seinen wieder -- der Kampf sollte erst am Nachmittag stattfinden -- und führten sie zur Herde zurück. Als sie sie wegführten, warfen sie beide einen verstohlenen Blick nach rückwärts, sie fanden eigentlich beide, daß der Bock des anderen seit dem letztem Jahre unglaublich groß geworden war.
Als sie die Böcke zurückgeführt hatten, trafen sie wieder zusammen, das Nähere zu verabreden. Sie waren beide nicht mehr sicher, und darum schnitten sie gewaltig auf und erzählten sich, wie sie das feinste Gras auf der Weide pflücken und es den Böcken während der Mittagsruhe geben wollten, und als Per zum Schluß ein Viertel Tabak vorzeigte, tat Christian dasselbe, und noch dazu war seiner vom Äußersten in der Rolle, während der von Per nur Einlage war. Dann entstand ein Streit wegen der Hüte; es war ja schon etwas, wenn man sich den feinsten Hut gesichert hatte, für den Fall, daß man den schwächsten Bock bekam. Und dann trennten sie sich, um zur Mittagsruhe nach Hause zu ziehen.
Christian hatte während dieser Mittagsruhe nicht viel Zeit zum Essen, er mußte gleich wieder hinaus und auf der Weide Gras für Ranzenräuber pflücken. Als er den Hut und den Schoß voll hatte von dem feinsten und zartesten, das er finden konnte, ging er auf die Wiese an der Sennhütte und legte es auf einen Haufen dicht am Viehgatter. Darauf ging er in das Gehege hinein, störte Ranzenräuber, der ruhig dalag und wiederkäute, und zog ihn heraus.
Er führte ihn an das Gras, doch der schnoberte nur daran, sah Christan an und schmiegte sich an ihn. Als er das getan hatte, legte er sich ganz ruhig nieder und kaute weiter.
Ja, ja, er würde schon fressen, wenn man ihm Zeit ließe. Christian legte sich auch hin in die Sonnenglut am Zaun, streckte sich aus und legte den Hut über das Gesicht.
Die strahlendste Sommersonne strömte auf die grüne Bergwiese nieder. Es war so still, daß das Hermelin aus der Mauer guckte und die Bachstelze ungestört ihr Nest im Ziegenstalle besuchte, wo das ganze Kleinvieh lag und schlief oder döste oder wiederkäute. Bald schlief auch Christian mit all den andern unter dem hohen blauen Himmel, wo es keine Wolke gab und wo sich auch kein Windhauch regte.
So lagen sie lange.
Plötzlich fuhr Christian in die Höhe und stützte sich auf die Ellbogen.
[Illustration]
Er hatte etwas Unangenehmes geträumt, konnte sich aber nicht darauf besinnen, was es war, und es dauerte auch eine Weile, bis er sich klar machen konnte, wo er war. Er rieb sich die Augen. Doch, jetzt besann er sich. Er war ja auf der Sennhütte und hatte sich draußen zum Schlafen hingelegt.
Er tastete umher.
Wo er wohl den Hut hingelegt hatte?
Dann fiel ihm der Bock ein, und er sah zu ihm hinüber. Da riß er freilich die Augen auf. Dort stand Ranzenräuber am Zaun und zupfte an etwas Weißem.
Es war der Hut! Ein Stück von der Krempe war das einzige, was übrig war! Das übrige hatte er gefressen, und dort lag das ganze feine Gras unberührt!
Er wurde furchtbar wild, ergriff eine Stange, um den Bock durchzubläuen. Doch er besann sich und ließ sie fallen:
Nein, da hätte ich acht Groschen drum gegeben -- --. Aber meinetwegen, wenn du mich heute zum Oberhirten machst, so soll er dir gegönnt sein.
Da hast du ein Viertel Tabak zum Nachtisch.
Den fraß Ranzenräuber.
* * * * *
Am Nachmittag trafen sich Per und Christian auf der verabredeten Stelle, jeder mit seinem Bock.
Es war nicht so feierlich wie am Vormittag; denn Christian, der nur in der Mütze erschien, mußte gleich Bericht erstatten, wie es dem Hut ergangen war, und da fühlte Per sich sehr überlegen; denn nun hatte er doch jedenfalls in der einen Richtung gesiegt. Und er konnte auch erzählen, daß Zottelbär während der ganzen Mittagsruhe Gras gefressen hatte; Christian wurde ganz verzagt.
Auf einer kleinen grünen Ebene sollte der Kampf stattfinden, mitten zwischen einem mit Birken bewachsenen Hügel und dem Rand vom Riesenmoor. Gegen das Moor war sie durch eine schmale, tiefe Rinne abgegrenzt, wo nur ein wenig Wasser durchsickerte.
Sie führten die Böcke vor und ließen sie einige Schritte voneinander los. Ranzenräuber hob gleich die Mähne, Zottelbär blieb faul stehen und sah sich um. Ranzenräuber ging vor und schnoberte an ihm. Zottelbär schnoberte wieder, sah aber ganz sanft aus.
Christian und Per standen jeder auf seiner Seite von der Ebene und wagten kaum zu atmen.
Ranzenräuber versuchte seinen Gegner zu reizen, aber der andre nahm es gemütlich, darauf wagte er sich heran, legte den Kopf schief und wollte ihm mit seinem spitzen Horn einen Stoß in die Seite versetzen. Doch Zottelbär war auf seinem Posten. Er warf rasch den Kopf zur Seite, so daß die Hörner mit einem Knall zusammenstießen. Jetzt hob auch der andere die Mähne und bekam blitzende Augen. So balgten sie sich eine Weile herum. Endlich erhob sich Ranzenräuber auf die Hinterbeine, Zottelbär stellte sich in Bereitschaft, und sie krachten gegeneinander los, als sollten die Hörner mitten entzweibrechen.
Damit hatte der Kampf begonnen. Er sollte hart und lang werden. Im Anfang wandte Zottelbär eine List an, er ließ den andern sich auf die Hinterbeine erheben und nahm nur den Stoß entgegen, das strengte die Kräfte weniger an und es fiel ihm schwer, sich aufzurichten, denn er hatte so viel Zotteln. Aber der andere durchschaute ihn bald, und dann reizte er nur, bis Zottelbär auch in die Höhe mußte. Zottelbär war schwer, und das gab seinen Schlägen viel Wucht, so daß Ranzenräuber jedesmal die Hörner schüttelte, sobald er einen Stoß bekommen hatte. Aber er gab sich darum doch nicht. Endlich machte Zottelbär eine rasche Wendung und bekam seinen linken Vorderfuß zwischen die Hörner; es sah häßlich aus.
Christian stürzte vor. Das ist nicht erlaubt! Aber Per stürzte auch vor: Willst du sie in Ruhe lassen!
Sie waren nahe daran, gegeneinander loszufahren, aber im selben Nu kam der Fuß los, und sie gingen an ihre Plätze zurück.
Der Kampf hatte jetzt eine gute halbe Stunde gedauert, und Zottelbär fing an stark zu keuchen; er wollte gern zwischen jedem Stoß eine kleine Pause machen und ausruhen. Doch dazu bekam er keine Zeit. Endlich kam die Entscheidung. Nach einem starken Stoß, glaubte er, würde er einen Augenblick Ruhe haben, aber Ranzenräuber rannte gewaltig gegen ihn an. Sie waren dicht an die tiefe Rinne am Moorrand gekommen und bums -- da lag Zottelbär unten, so daß die Zotteln um ihn herumstanden.
Christian schrie vor Freude.
Sei ruhig, rief Per, das ist gemogelt!
Zottelbär kletterte wieder heraus, triefend von Wasser und Moorerde.
Ranzenräuber wollte gleich auf ihn losstürzen. Er wehrte sich, zog sich aber seitwärts zurück. Als Ranzenräuber im Ernst einen Anfall machte, lief er fort.
Hurra! rief Christian und sprang hoch in die Luft. Hier siehst du den Oberhirten, den Jungen mit dem Bock und dem Hut.
Er griff nach dem Kopf, um den Hut zu schwingen, kriegte aber nur die Mütze zu fassen. Er wurde auf einmal ganz kleinlaut.
Per war auch dazugekommen:
Ja, Oberhirte bist du, aber ~hier~ ist der Junge mit dem Hut!
Nein, das ging Christian zu weit:
Der elende Hut! Du bildest dir doch nicht etwa ein, daß Ranzenräuber den fressen würde!
Glaubst du vielleicht, daß ihm deine Mütze lieber wäre?
[Illustration]
Tischler Simen und der Blaufuchs.
Er war also wahrhaftig wieder dagewesen! Mitten in die Kuhstalluke hatte er seine Schnauze gesteckt!
Nein, das war zu ärgerlich!
Jon Stubsveen kam hinter dem Kuhstall hervor und ging geradeswegs auf seinen Vater zu, der in Festtagskleidern in der Haustür stand, die Arme von sich streckte und gähnte. Es war am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages und glänzend weiß und kalt.
Jon zog die Mütze schief über das eine Ohr, das dem Nordwind zugewandt war, setzte den Fausthandschuh in die Seite und den einen Fuß vor.
Er ist wahrhaftig wieder dagewesen, Vater.
Mundwinkel und Kniee zitterten ihm.
Ist es nicht ärgerlich, daß der Fuchs sich jede Nacht an die Häuser heranschleicht, und man nicht einmal das passende Werkzeug hat, um ihm eins aufs Fell zu brennen!
An diesen Fuchs hatte Jon jetzt lange Zeit Tag und Nacht gedacht und darüber nachgegrübelt, wie er ihn fassen könnte. Stubsveen lag so weit abseits, daß sich der Fuchs in den klaren Nächten bis an die Häuser heranwagte. Als sie im Herbst das Schwein schlachteten, hatten sie nämlich einen Teil der Eingeweide auf den Misthaufen vor die Kuhstalluke geworfen, und dort war der Fuchs jetzt manchmal und grub und fraß. Jeden Morgen ging Jon hin und sah nach, ob er dagewesen war, und mit jedem Tag wurde er ärgerlicher. Er hatte eine seiner Hasenfallen dort aufgestellt; aber der Fuchs war natürlich um sie herumgegangen. Nein, er hätte eine Flinte haben sollen! Aber er wußte nicht mehr als einen Menschen, der eine hatte, und das war Tischler Simen. Er mußte versuchen, ob er zu ihm gehen dürfte.
Wäre es nicht am besten, ich ginge zu Tischler Simen und borgte seine Flinte; da sollte er weiß Gott dran glauben müssen.
Ach, du bist ein Dummrian! Glaubst du, daß es angeht, mit der Donnerbüchse zu schießen, die noch dazu nur eine Steinschloßflinte ist?
Oh, Simen hatte schon einen Blaufuchs damit geschossen, und noch dazu einen, der so scheu und vorsichtig war, daß er sich niederlegte, als der Schuß losging; er hat es selbst erzählt.
Ja, da wird es wohl wahr sein!
Doch, es ist wahr; er bekam noch fünfzig Taler für das Fell.
Dann ist es sonderbar, daß er nicht reicher ist, als er ist.
Bitte, laß mich hingehen, Vater? Vielleicht ist das auch ein Blaufuchs! Und wenn es nur ein Rotfuchs ist, so lohnt es doch den Schuß, denke ich; da bekommt man sieben Mark fürs Fell.
Ach, du bist ein Quälgeist. Bilde dir nur nicht ein, daß ich dich mit der Donnerbüchse schießen lasse.
Ich würde ihn schon kriegen. Ich würde ihn schießen, daß er hinpurzelt.
Per Stubsveen sah auf den Jungen herunter und kratzte sich hinterm Ohr. Er mußte an den feinen, scheuen Fuchs denken, der herumschlich und den langen buschigen Schwanz auf dem Schnee hinter sich herzog. Hm, zu dem Geschäft gehörten erwachsene Leute. Nun, er wollte mit hinter den Kuhstall gehen und sich die Sache ansehen.
Sie gingen; Jon ging voran, und zeigte:
Siehst du, Vater, er hat die Schnauze mitten in die Luke gesteckt.
Sieh mal einer den Schelm an! Es ist sicher auch ein großer Kerl gewesen.
Groß? Sicher so groß wie ein besseres Schaf! Sieh, wie er herumgelaufen ist.
[Illustration]
Ja, und gekratzt hat! So ein Schelm!
Per drohte mit der Faust in der Richtung nach dem Acker, wo die Spur sich verlor. Jetzt war er ganz von der Geschichte mit dem Fuchs erfüllt.
Jon wurde mutiger.
Darf ich, Vater?
Meinetwegen, damit du nur Frieden gibst! Aber es wäre doch am besten, sie machten es selber.
Er sollte Simen fragen, ob er nicht heute nachmittag mit seiner Büchse herüberkommen wollte; er könnte auch sagen, es wäre noch etwas vom Weihnachtsbranntwein da.
Jon war schon auf dem Wege, als ihm das letzte nachgerufen wurde.
Er sprang davon in dem hellen knirschenden Wintermorgen. Wenn ihm jemand begegnete, hatte er keine Zeit Halt zu machen; er lächelte nur so seelenvergnügt über das ganze Gesicht, daß die Leute stehen blieben und sich nach ihm umsahen.
Bald war er unten im Tal angekommen und fing an, auf der andern Seite emporzusteigen.