Chapter 8 of 9 · 4000 words · ~20 min read

Part 8

Sie spähten lange umher, aber da sie niemanden sahen, beschlossen sie vorzurücken. Es sollte aber mit Kraft geschehen. Sie standen auf, und auf ein Zeichen von Per, begann Peter wie verrückt zu jodeln, und Jens trillerte auf seiner Pfeife so hoch, daß der Ton sprang, und Per selber setzte mit seinem Horn ein, daß es hallte.

Die Tiere rings um den kleinen Jungen sprangen auf, blieben stehen und glotzten, und der Junge sprang vom Stein herunter und blieb stehen.

Sie marschierten vor, Peter schlug ein Rad mitten auf der Ebene, und so näherten sie sich dem kleinen Jungen. Per ging gerade auf in los, spuckte in die Hände und sagte: Willst du Prügel haben?

Aber das schien der kleine Junge nicht zu verstehen; er richtete ein paar große Augen auf sie, machte eine tiefe Verneigung mit dem Kopf und sagte ganz friedlich: Guten Tag!

Pers Hände sanken herunter, er blieb mit offenem Munde stehen. Das kam so unerwartet, daß er nicht wußte, was er sagen sollte, und so brachte er nur ein leises: Guten Tag! Bist du draußen und hütest? heraus.

Ja, -- und du auch, sehe ich.

Ja.

Es entstand eine lange Pause.

Du bist wohl vom Neusäter?

Ja, das bin ich.

Wie steht es dort?

Oh, danke gut, kann ich wohl sagen, nur Farskoll ist recht schlecht auf den Beinen.

Wieder lange Pause.

Er ist wohl nicht mit einer Botschaft von mir bei euch drin gewesen, der Lars Sagbakken.

Nein, nicht daß ich wüßte.

Nein, er war wohl nicht. Ja, es war auch nichts weiter.

Wieder entstand eine Pause. Schließlich sagte Per:

Ein mächtiger Bock, den du hast.

Ach nein, der ist wohl nichts besonderes.

Doch, der ist groß, das ist sicher. Ich habe kaum so einen gesehen.

Ein schönes Horn, was du hast.

Ach ja, es ist ganz gut. Hast du keins?

Nein, ich kann mir keins anschaffen.

Haben es die Hirten gut auf dem Neusäter?

O ja, Tonetta, meine Sennerin, ist sehr gut.

Kriegst du manchmal Rahm?

Der kleine Junge machte verwunderte Augen.

Nein, den kriege ich nicht. Aber jetzt muß ich nach meiner Herde sehen, sonst läuft sie mir fort.

Hast du nicht Lust, einmal nach dem Kvinstöl zu kommen?

Doch, Lust hätte ich schon. Dem Tobias sind ein paar Schafe weggekommen, und da darf ich vielleicht mit ihm gehen, um danach zu fragen.

Ja, komm und besuch mich, da sollst du so viel Rahm kriegen, wie du essen kannst. Hast du nicht Lust, mein Horn zu leihen?

Es leuchtete in seinen Augen auf, aber er sagte:

Das kannst du doch nicht entbehren?

Ach, pah, du kannst es ja mitbringen, wenn du kommst, um nach den Schafen zu fragen -- und er hängte ihm das Horn um den Hals.

Danke schön. Lebewohl und auf Wiedersehn.

Gleichfalls!

Und der kleine Junge zog seiner Herde nach und blies auf dem Horn, und sie hörten ihn noch lange, während sie über Stock und Stein davonrannten und ihre Herde suchten, die mittlerweile verschwunden war. An diesem Abend kamen die Kvinstöljungen ohne Herde heim, und das ist die größte Schande, die einem Hirten widerfahren kann.

[Illustration]

Erste Liebe.

Jeden Tag, eine ganze Woche lang hatte Ole gestanden und zur Küchentür hinausgeguckt, wenn der Student nach Hause kam, um zu sehen, ob er nicht irgendein verdächtiges Paket in der Hand oder in der Rocktasche hätte. Und das hatte seine Gründe. Es war kein Zweifel, daß der Student ihm etwas zum Geburtstage schenken würde, der gerade in acht Tagen war, sonst hätte er ihn wohl nicht so genau ausgefragt, wann er wäre und ob er viel geschenkt kriegte; und der Student war unbeschreiblich nett, also das war sicher; jetzt handelte es sich eigentlich nur noch darum, was es sein würde, denn es gab eigentlich nur eins, was sich Ole wünschte.

Ole war zehn Jahre alt und wohnte in der Welhavenstraße droben bei seiner Mutter Madame Hansen, die sich ihren Unterhalt mit Waschen in den Häusern und Zimmervermieten verdiente, und was das schlimmste war, Ole war gewiß verliebt. Bis vor kurzem hatte er selber gar nichts davon gemerkt gehabt. Das ganze Jahr, seit sie nun hier wohnten, war er jeden Nachmittag im Hof gegenüber gewesen und hatte die gleichaltrige Elsa Holm getroffen, die Tochter der Oberzollinspektorswitwe Holm. Vorigen Winter hatten sie eine große Schneefestung gehabt und einen großen Schneemann als Schildwache, und wenn Ole in die Festung kam und rief »Heraus!« dann kam Elsa jedesmal eilends die Küchentreppe herunter. Bisweilen hatten sie auch auf die Eisbahn nach Tullinlökken hinunter zum Schlittschuhlaufen gedurft, Frau Holm hatte ihn sogar gebeten, ihrer Tochter zu helfen und aufzupassen, daß sie nicht zu lange bliebe. Aber er hatte nur ein Paar ganz alte Schlittschuhe gehabt, die er sich geborgt hatte und die ihm nie richtig passen wollten, so daß es kein großes Vergnügen gewesen war. Und im Frühjahr hatten sie zuerst mit Murmeln gespielt und Elsa hatte alle seine gewonnen, obwohl sie ganz kleine Hände hatte und nicht halb so weit werfen konnte wie er; aber sie war nett gewesen und hatte ihm welche geliehen, wenn er keine mehr hatte. Und später, als es wärmer wurde, hatten sie Verstecken gespielt durch alle Treppen und Keller, -- er erinnerte sich noch, wie Elsa in den Kohlenkeller gefallen war, und er sie schwarz wie ein Schornsteinfeger wieder herauszog -- nur die Zähne und die Augen leuchteten weiß, gerade wie bei einem Neger, den er einmal gesehen hatte.

Aber dann war Elsa aufs Land gereist und bis zum September fortgeblieben. Der Sommer war ganz unterhaltend vergangen, denn er hatte ein paar Jungen kennen gelernt, mit denen er unten im Meer gebadet und Krabben gefischt hatte; aber je länger es dauerte, um so öfter fing er an, in den Hof hinüberzugucken, ob Elsa noch nicht zu Hause gekommen wäre. Und als er eines Tages erfuhr, daß sie am Abend zuvor gekommen sei, rannte er in den Hof hinüber, setzte sich auf die Abfallkiste und trommelte mit den Absätzen dagegen, wie er es sonst gemacht hatte. Aber sie kam nicht. Er stand auf und rief: »Heraus!« so laut er konnte, viele Male. Aber auch daraufhin kam sie nicht. Da gab er es für diesen Tag auf, versuchte es aber am nächsten Tage wieder und so jeden Tag, aber jedesmal wurde er schüchterner und unsicherer; es kam ihm vor, als ob ihn alle Menschen ansähen und sich wunderten, was er dort im Hofe wollte. Schließlich gab er es auf und setzte nie mehr seinen Fuß in den Hof; aber wenn der Student nicht zu Hause war, stand er immer an dessen Fenster und guckte nach der Haustür gegenüber, denn ihre eigene Stube ging nach dem Hof hinaus.

Nach einiger Zeit konnte er nicht mehr widerstehen und er beschloß, sie auf der Straße zu treffen, wenn sie aus der Schule kam. Am ersten Tage hatte er kein Glück; sie kam in Begleitung ihrer Mutter; er tat, als ob er sie nicht sähe und verbarg sich in einem Torweg. Den nächsten Tag kam sie allein. Er fühlte, wie etwas unter der Weste zu pochen begann, und er hatte einen ganz heißen Kopf, als er die Mütze zog und tat, als ob er vorbeigehen wollte. Sie richtete ihre blauen Augen treuherzig auf ihn, so daß er unwillkürlich stehen blieb, die Mütze wieder auf den Kopf setzte und auf seine Füße sah.

Sie hätten sich lange nicht gesehen!

Ja, sie käme nicht mehr in den Hof.

Sollten sie denn diesen Winter keine Festung wieder bauen?

Ja, sie wollte schon gern, aber --

Sie könnten ja im Nebenhof spielen, wenn es ihr in ihrem Hofe unangenehm wäre.

Er hatte das unwillkürlich gesagt und fühlte, wie er feuerrot wurde, als sie ihn treuherzig fragend ansah.

Sie dürfte nicht mehr; sie wäre jetzt zu groß, um mit Straßenjungen zu spielen, hätte die Mutter gesagt.

Ole verstand nicht, was darin lag; er stand und suchte, was er noch sagen könnte, aber dann fühlte er, wie etwas wie Zorn in ihm aufstieg -- er wußte nicht warum, -- und so grüßte er mit der Mütze und wollte gehen.

Sie blieb stehen und blickte ihm nach:

Du, Ole?

Ja?

Mutter hat gesagt, ich dürfte auf die Eisbahn, den ersten Tag, wo Eis wird; -- willst du dann kommen und mich schieben?

Ole machte kehrt, nahm Stellung und führte die Hand nach militärischer Art an die Mütze (er war einexerziert worden, damals, als der Kadett bei seiner Mutter wohnte): Zu Befehl!

Dann machte er wieder kehrt und ging.

* * * * *

Seitdem gab es nur ein Ding in der Welt, was Ole sich wünschte, und das waren ordentliche Schlittschuhe, solche mit Mechanik zum Anschrauben.

Er hatte gescharrt und gespart, so daß er schließlich drei Kronen und fünfundzwanzig Öre besaß; aber da war vor einem Monat die Mutter krank geworden und konnte drei Tage nicht auf Arbeit gehen, und da hatte sie ihn gebeten, ihr das Geld für Holz und Kohlen zu borgen, und da konnte er natürlich nicht nein sagen, so gern er auch gewollt hätte; -- denn sie hatte es nicht leicht, die arme Mutter. Er wußte wohl, daß er es wiederbekommen würde, sobald sie es hätte; aber da konnte es zu spät werden; seitdem hatte er nicht mehr als sechzig Öre zusammengebracht, und dafür konnte er ja nicht einmal ein paar alte mit Riemen bekommen. Jetzt setzte er seine ganze Hoffnung auf den Studenten und sein Geburtstagsgeschenk.

Er hatte gleich daran gedacht, als der Student anfing ihn zu fragen, welcher Tag es wäre. Und er hatte dann auch öfters, wenn er mit etwas, das er beim Kaufmann geholt hatte (denn alle solche Dinge hatte Ole zu besorgen), zurückkam, versucht, das Gespräch auf Schlittschuhlaufen und ähnliche Sachen zu bringen, so daß er meinte, der Student müßte ihn verstanden haben. Denn er begriff manchmal so unglaublich leicht; mehrmals hatte er Dinge aus Ole herausgelockt, die dieser durchaus nicht hatte erzählen wollen; erst hinterher, wenn der Student angefangen hatte, ihn zu necken, hatte er gemerkt, daß er es doch gesagt hatte. Ja, es war zweifellos, er mußte es verstanden haben. Wenn er nun nur auch wollte!

Ole stand in der Küchentür und spähte. Es war die Zeit, zu der der Student nach Hause zu kommen pflegte. Seine Spannung war von Tag zu Tag gewachsen, und seit ein paar Tagen hatte eine unglaubliche Kälte eingesetzt, so daß man jeden Tag erwarten konnte, sie würden auf Tullinlökken anfangen, die Bahn zu gießen. Er hatte es dem Studenten sogar heute morgen rund heraus gesagt, aber der hatte nicht darauf geantwortet, er war immer so kurz angebunden in seinen Antworten, wenn er über einem Buche saß.

Vielleicht hatten sie mit dem Gießen schon angefangen?

Es war zu dumm, er hätte ebensogut sagen können, der Geburtstag wäre acht Tage früher, der Student würde es wohl kaum erfahren haben.

Da hörte er ihn auf der Treppe, jetzt zog er die Schlüssel heraus, jetzt ging die Vorsaaltür.

Ole spähte.

Ja, wahrhaftig, er hatte etwas in Papier gewickelt in der Manteltasche.

Hm, ja, es konnte übrigens recht gut auch nur eine Flasche sein; aber es sah doch nicht richtig danach aus. Wenn er es nur herausnehmen wollte! Nein, da ging er hinein -- zum Teufel --, der Student nahm immer den Mantel mit hinein, wenn es kalt war.

Er konnte ja immerhin hineingehen und fragen, ob er einen Auftrag besorgen sollte. Aber da mußte er noch etwas warten; es würde zu komisch aussehen, wenn er gleich angestürzt käme.

[Illustration]

Er schlich sich auf den Vorsaal hinaus, blieb stehen und horchte. Jetzt zog der Student den Mantel aus, -- er hörte, daß ein Bindfaden durchschnitten wurde und das Rascheln von Papier. Dann klirrte etwas.

Er klopfte.

Er hörte etwas auf die Erde fallen, und nach einer Weile tönte es »Herein«.

Er trat rasch ein, nahm Stellung und grüßte militärisch.

Befehlen der Herr Student etwas?

Dabei richtete er die Blicke nach dem Bett. Es war deutlich, daß etwas rasch darunter gestoßen worden war, aber er konnte nichts sehen, weil die Decke zu weit herunterhing.

Nein danke, Ole, jetzt nicht.

Ole blieb eine Zeitlang stehen, dann beugte er sich rasch herunter, als ob er etwas vom Boden aufnehmen wollte. Es war so dunkel unter dem Bett -- aber wahrhaftig, blinkte da nicht etwas?

Der Student wurde aufmerksam:

Was gibt's?

Ich dachte, es wäre eine Stecknadel.

Na, also für jetzt nichts weiter.

Ole machte kehrt und verschwand.

Ja, diesmal, meinte er, hätte er den Studenten doch gefangen; es wäre doch seltsam, wenn es nicht die Schlittschuhe gewesen wären, die er so rasch verborgen hatte.

Nein, daß er seinen Geburtstag nicht acht Tage früher verlegt hatte. Es wäre doch übrigens immer noch möglich, daß er oder die Mutter sich geirrt hätten, vielleicht war er doch eher. Er mußte einmal in der Bibel nachsehen; da stand es aufgeschrieben.

Er ging und holte das Buch vom Regal. Da stand es: Ole Christian Hansen, geboren am 2. Dezember 1886. Ja, das war leicht möglich, daß sie Dezember statt November geschrieben hatten; darum war es nicht sicherer, weil es dastand.

Es kam eine solche Unruhe über ihn, daß er nirgends still sitzen konnte. Bald war er auf dem Vorsaal und griff nach der Mütze, bald war er in der Küche, bald in der Kammer drinnen und versuchte seine Aufgaben für morgen zu lernen, schließlich kniete er auf einem Stuhl am Fenster nieder und hauchte ein Loch in das Eis.

Ja, wahrhaftig, es war ordentlich kalt draußen. Doch was war das? Da sprangen zwei Jungen über den Hof mit Schlittschuhen um den Hals. Hatten sie etwa schon mit Gießen begonnen? Das mußte er sehen.

Er stürzte in den Vorsaal hinaus, riß die Mütze vom Haken und eilte in langen Sprüngen bis herab nach Tullinlökken.

Ja, sie hatten angefangen. Da standen mehrere Männer mit langen Wasserschläuchen und spritzten, daß das Wasser schäumte. Sie spritzten schon zum zweiten Male darüber; es fror augenblicklich. Und eine Masse Jungen standen herum und sahen zu, alle die Schlittschuhe um den Nacken gehängt oder in der Hand, auch ein paar rotbäckige kleine Mädchen.

Ein paar von den eifrigsten saßen schon auf den Bänken und schnallten an, es war am besten, sich bereit zu halten; in ein paar Stunden oder so, würden sie draufgelassen, hatte einer von den Männern gesagt.

Es war ungefähr zwei Uhr, und die Kinder aus mehreren Schulen kamen vorbei:

Ole sah, wie sie einen Augenblick still standen und dann fast davonrannten; es galt heimzukommen, schnell Mittag zu essen und die Schlittschuhe vorzusuchen.

Ja, die hatten Schlittschuhe!

Da sah er auch Elsa auf der andern Seite der Straße; -- nie hatte er sie so schnell gehen sehen, sie vergaß rein, sich umzusehen und mit der Schulmappe zu schlenkern, wie sie gewöhnlich tat.

Nein, das ging nicht an, -- er mußte das letzte Mittel probieren.

Kurze Zeit darauf stand er wieder mit militärischem Gruß im Zimmer des Studenten:

Befehlen der Herr Student etwas?

Nein, danke, Ole!

Der Student sah nicht auf. Nach einer Weile merkte er, daß Ole gegen seine sonstige Gewohnheit stehen geblieben war, nachdem er Bescheid erhalten hatte.

Nun, willst du noch etwas?

Da tat Ole einen Schritt vor, suchte seiner Stimme einen forschen Klang zu geben, aber es kam doch recht schüchtern heraus:

Jetzt gießen sie.

Der Student sah verwundert auf.

Was tun sie?

Sie gießen.

Wo?

Auf Tullinlökken.

Der Student drehte sich auf dem Stuhl um, sah Ole schelmisch an und sagte:

Ja, was geht mich das eigentlich an, Ole?

Nein, ich ging nur vorbei und da sah ich -- da dachte ich -- laufen der Herr Student nicht Schlittschuh?

Doch, manchmal.

Kannst du den Studentenschwung?

Nein, und du?

Nein.

Es entstand eine lange Pause. Der Student blickte ihn die ganze Zeit mit freundlichem Spott an, so daß Ole schließlich die Augen niederschlagen mußte. Wie sollte er nun eigentlich sein Anliegen vorbringen?

Da sagte der Student:

Du wolltest gewiß noch etwas, Ole?

Nein -- ja -- ich mußte daran denken, daß du mich einmal fragtest, wann mein Geburtstag wäre, und -- ich sagte, er wäre heute in acht Tagen.

Ja?

Ja, und seitdem ist mir eingefallen, daß -- daß ich -- vielleicht -- nicht ganz sicher bin, daß ich es nicht ganz gewiß weiß.

Weißt du es nicht ganz gewiß?

Ole wurde rot:

Ja, ich weiß es schon, -- aber sie könnten es in der Bibel vielleicht falsch aufgeschrieben haben.

Der Student bekam einen merkwürdig schlauen Ausdruck um die Augen:

Ja, es könnte ja leicht sein, daß er später wäre, so um Weihnachten herum?

Nein, das ganz und gar nicht. Ist es ein Fehler, so ist er früher -- das fühle ich.

Ja, wann hattest du denn gedacht, daß er sein könnte?

Ich, ich habe immer gemeint, er müßte etwa heute sein.

Nein, so was. Das wäre wirklich dumm, wenn er heute wäre.

Warum denn?

Ja, denn ich hatte gedacht, dir -- hier machte der Student eine Pause -- einen Schlitten zum Geburtstag zu schenken. Aber nun ist es heute zu spät dafür.

Oles Herz hüpfte vor Freude anfangs, aber als er das Wort Schlitten hörte, war es vorbei mit der Freude. Es wäre ja auch ganz hübsch, einen Schlitten zu besitzen, aber das war es nicht, was er sich wünschte. Es waren also doch keine Schlittschuhe gewesen, was der Student heute mit nach Hause gebracht hatte.

Er stand ein Weilchen ruhig und sagte dann leise:

Ja, weiter war es nichts. Und sicher ist es wohl auch nicht, daß der Geburtstag heute ist.

Er drehte sich langsam um und wollte zur Tür hinaus.

Du, Ole!

Ja.

Das ist wirklich dumm. Ich sitze hier und denke daran -- wenn du damit zufrieden bist, so -- habe ich -- er ging und tastete unters Bett -- so habe ich hier etwas, was du vielleicht brauchen könntest -- er hielt ihm ein paar blinkende Schlittschuhe hin, aber daraus machst du dir wohl nichts?

Das kam Ole so überraschend, daß sein Lächeln noch breiter ausfiel als gewöhnlich; es war nicht mehr weit von den Mundwinkeln bis zu den Ohren. Er faßte die Hand des Studenten und sagte so recht von Herzen:

Danke! Das ist das, was ich von allem am liebsten haben will.

Sie begannen nun anzuprobieren, ob die Schlittschuhe paßten, und ob die Schrauben richtig säßen, -- solche Schlittschuhe, glaubte Ole, hätte kaum einer von den andern.

Nach einer Weile sagte der Student:

Du, Ole, warum wolltest du eigentlich gerade heute Geburtstag haben?

Ole blickte auf und wurde rot:

Es war mir nur darum zu tun, gleich auf die Bahn zu kommen.

Sollst du jemand dort treffen?

Nein, ich habe gar nicht versprochen, jemand zu schieben.

Nun, sie läuft wohl besser als du?

Nein, das tut sie nicht.

Wer, sie?

Ole machte sich eifrig an den Schlittschuhen zu schaffen und antwortete nicht. Der Student stand am Fenster und sah hinaus.

Da geht schon die Elsa mit den blonden Haaren. Da ist die Bahn wohl fertig.

Ole hatte sich mit den Schlittschuhen unterm Arm der Tür genähert. Wahrhaftig, hatte der Student auch das aus ihm herausgelockt!

* * * * *

Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch den Frostnebel über den Platz, nur einen kleinen Streifen, so daß das blanke Eis einen roten Schimmer bekam.

Es war ein Lärm und Geschrei und Spektakel von all den hundert frischen kräftigen Kindern, die sich herumtummelten. Da waren große Jungen, die liefen mit den Händen auf dem Rücken und flottem Schwung -- sie hatten alle engzugeknöpfte Jacken an --; da waren andre, die liefen rückwärts und zogen Achten und Schleifen, bis sie plötzlich mit einem andern Schlittschuh zusammengerieten und plötzlich auf dem Eise saßen; da waren kleine Mädchen, die setzten die Beine gerade vorwärts wie Schlittenkufen und wollten die Füße am liebsten einwärts stellen; von jedem Alter waren sie da, bis herab zu den ganz kleinen, die fielen und aufstanden bis ins Unendliche, und jedesmal einen Freudenschrei ausstießen, als hätten sie ein Meisterstück vollführt. Da gab es Finnenschuhe und Schnürschuhe, und Schuhe, die vorn den Rachen aufsperrten. Da gab es rote Handschuhe und blaue Handschuhe und bloße blaue Finger; da gab es rote Mützen und blaue Mützen und Pelzmützen; da gab es Ohren, die wie Rosen glühten, Halstücher, die oft herumgewickelt waren, und nackte Hälse; hier und da sah man auch ein nacktes Knie hervorgucken, wo die Strümpfe und die Hosen nicht zusammenhalten wollten. Aber eins hatten sie alle: rote Wangen und blaue Augen und Kehlen, die vor Freude jubelten.

Nahe beim Platz holte Ole Elsa ein; -- er hatte sie unterwegs beinahe vergessen. Es zuckte ihm in den Gliedern, als er den Lärm hörte und das Getümmel sah; -- nein, wahrhaftig, dazu hatte er jetzt eigentlich keine Zeit; aber er mußte ihr wohl beim Anschnallen helfen. Er vergaß zu grüßen, rief nur, sie sollte sich beeilen und verhalf ihr zu einem Platz auf einer Bank. Er hatte solche Eile, daß er die Riemen verwirrte, so daß es länger dauerte, als er wollte. Endlich hatte er ihr die Schlittschuhe angeschnallt, und er sah, wie sie sich unbehilflich ein Stück fortbewegte, während er hastig die seinigen anschraubte. Ja, es sah aus, als brauchte sie einen, der sie schöbe, -- da blieb sie stehen, als warte sie auf ihn. Er lief ein paar Bogen über die Bahn und rund um sie herum auf einem Bein -- ein klein wenig spielte er sich vor ihr auf.

Soll ich dich schieben?

Ja, wenn du willst.

Er faßte sie und begann sie quer über den Platz zu schieben; es ging schwer und langsam; -- da stieß einer an sie an, so daß sie beide hinfielen, sie standen auf und es ging von neuem los. So kamen sie einmal um den Platz.

Hei, Ole, komm und spiel mit Indianer, -- es war »Krischan«, mit dem er im Sommer zusammen Krabben gefischt hatte, der vorbeisauste, verfolgt von einem andern.

Ole blieb stehen und kratzte sich unter der Mütze; er hatte schon Lust, aber --

Soll ich dich noch weiter schieben?

Ja, bitte!

Und Ole schob, und er zog und versuchte vorsichtig, sie an der Hand zu nehmen, so daß sie nebeneinander liefen; aber da fiel sie hin, und so mußte er wieder anfangen wie vorher.

Hm -- im Grunde war das nicht ganz so unterhaltend, wie er sich gedacht hatte; aber wenn Elsa ihre glänzenden Augen auf ihn richtete und lachte, so fühlte er sich wieder erleichtert und schob sie rund herum, viele Male und tat, als ob er Christian und die andern, die nach ihm riefen, nicht hörte. Schließlich begannen sie, ihn ziemlich nah zu umkreisen und zu rufen:

Seht den Kavalier!

Er biß die Zähne zusammen und fuhr davon, aber in seinem Innern gelobte er sich, daß Christian bei der ersten Gelegenheit Prügel dafür haben sollte.

Plötzlich sagte Elsa:

Jetzt muß ich nach Hause; Mutter erlaubt nicht, daß ich länger draußen bin.

Können wir nicht noch ein bißchen bleiben, nur noch einmal herum?

Ja, aber nur einmal.

Das taten sie, und Elsa setzte sich auf die Bank und hielt den Fuß hin. Er schnallte ihr die Schlittschuhe ab, behielt aber seine eigenen an. Er wollte sehen, ob sie daran dächte, allein zu gehen. Nein, sie blieb stehen. Er setzte sich also, machte seine auch los, und sie trotteten die Straße hinauf, viel langsamer, als sie gekommen waren. Sie sprachen nichts miteinander, bis sie an die Haustür kamen. Da sagte Ole:

Gehst du morgen wieder?

Ja, wenn ich darf; es ist so hübsch, sich schieben zu lassen.

Ole blieb in dem Flur stehen, bis er sie oben auf der Treppe hörte; dann schlüpfte er heraus und rannte wieder herunter -- immer dicht an den Häusern.

* * * * *

Ole kam spät heim, und er empfand ein wundervolles Gefühl im ganzen Körper, als er im Bett lag. Aber Christian hatte er nicht getroffen. Im Einschlafen hatte er -- o diese Männer! -- seinen ersten treulosen Gedanken:

Wenn Elsa morgen nicht durfte, -- vielleicht würde es beinahe ebenso hübsch. Da könnte er auch den Christian verhauen.

[Illustration]

Wie Hans und Marte die Henne hüteten.

Auf dem Hof draußen stand eine alte Henne auf einem Bein, drehte den Kopf und blinzelte mit den runden klaren Augen.