Part 2
Er ging nach Hause, und suchte so zu gehen, daß ihn niemand sah. Die Ski versteckte er gut unter dem Vorratsgebäude zwischen einigen Brettern. Dann eilte er hinauf in die Kammer.
Wenn es ~so~ ging, so wollte er seine Lakritze wieder haben. Er ging schnell ans Fenster.
Wahrhaftig sie war schon halb aufgegessen!
Er nahm sie mit einem Ruck:
Gib mir meine Lakritze wieder, mein Junge, -- und dann wickelte er sie gut ins Papier und schloß sie in seine Truhe ein.
[Illustration]
Wenn die Graugänse fliegen.
Unter dem großen einsamen Ebereschenbaume oben auf der Höhe auf der Südseite des Hofes stand Ivar, beide Hände tief in den Hosentaschen, und sah über das Tal und nach dem Himmel im Süden.
Es war schon richtiger Frühling in der Luft. Nur ganz oben an den Talrändern und auf den nach Norden gewendeten Abhängen lag noch Schnee, die Südabhänge und die langgestreckten Äcker waren schneefrei, und die Erde dampfte unter der milden Sonne. Oben in dem kleinen Tannendickicht lärmten die Elstern noch wie im Winter, aber auf den Äckern stolzierten die Krähen ernsthaft herum, lüfteten die Flügel, als ob es zu warm wäre, und schwelgten in all dem Gewürm, das die Sonne hervorlockte. Die Ackerfurchen entlang -- Per Madslien versuchte bereits auf dem Südacker zu pflügen -- gingen die Bachstelzen, die echten Frühlingsvögel, und zwitscherten und wippten mit dem Schwanz. Die Bäume trugen schwellende Knospen, die noch nicht aufgesprungen waren, und an den Feldrainen guckte hier und da eine kleine, gelbe, rundliche Blume hervor; aus dem Tal herauf ertönte eine tiefe Kuhglocke und dazwischen hinein die Glocken des Kleinviehes mit ihrem scharfen hohen Ton, und durch all das Geläute schnitt der einförmige, langgezogene, melancholische Ton einer Weidenflöte -- der Hirtenjunge mußte schon eine Weide gefunden haben, die ihre Rinde hergab. Die Luft war von Tönen aller Art erfüllt, die sich zu einer einzigen mächtigen Frühlingsstimmung mischten.
Ivar schickte einen Jodler hinab, der Hirtenjunge antwortete und entlockte dann seiner Flöte einen langen, klagenden Ton. Es war so lockend, eine solche Unruhe in allen Dingen, daß es unmöglich war, still zu stehen und sich zu Hause zu halten; Ivar erhob schon den Fuß, um hinunterzurennen. Aber plötzlich richtete er seine Blicke wieder nach oben, dorthin, wo die Talränder im Süden sich zusammenschlossen.
Er zog den Fuß zurück, blieb mit offnem Munde stehen, riß die Hände aus den Taschen und hielt sie schützend vor die Augen.
Ja, da waren sie!
Gerade über dem Einschnitt am Talende erschien ein kleiner dunkler Streifen, hoch oben in der Luft segelnd, gleichmäßig und taktfest, immer vorwärts!
Das war die erste Schar Graugänse, auf die Ivar nun schon so viele Tage gewartet hatte.
Seine Wangen röteten sich, er machte eine Wendung, als ob er ins Haus laufen wollte, bedachte sich aber; es war doch zu herrlich zu stehen und zu sehen, wie sie vorüberzogen.
Die Schar kam näher, bog ein wenig nach der westlichen Talseite ab, es sah aus, als stiegen sie immer höher, je näher sie kamen. Bald konnte er die einzelnen unterscheiden, voran war eine große, starke als Wegweiser, dahinter die große Schar in zwei Linien, die in einer Spitze vorn zusammenliefen. Sie flogen gleichmäßig und sicher mit taktfesten Flügelschlägen.
Als sie mitten vor ihm waren, packte ihn die Lust, diese Regelmäßigkeit zu zerstören. Die Mutter und Großmutter hatten ihm beide gesagt, daß er das nie tun dürfte, aber ehe er recht wußte, wie es kam, stand er da mit ausgestreckter Hand und zeigte auf die Schar.
Im selben Augenblick schwankte die vorderste in der Schar und kam aus der Reihe, dann noch eine und noch eine, sie gerieten auseinander, sanken herab, verlangsamten den Flug, es war, als ob sie mit einmal die Kraft verlören und in die größte Verwirrung kämen.
Lange, hilflose Schreie drangen aus der Luft hernieder, verloren sich in der Ferne, und merkwürdig, es klang, als kämen sie von allen Seiten.
Ebenso plötzlich wurde Ivar von einer starken Angst gepackt, als habe er etwas ganz Schlimmes begangen --, er wußte doch, daß es Sünde war, auf die Graugänse zu zeigen. Er begann ein Vaterunser zu beten -- das hatte er gehört, war die einzige Art, es wieder gut zu machen.
Der Wegweiser tat ein paar kräftige Flügelschläge, kam an die Spitze und bog mehr nach Osten ab; eine nach der andern arbeiteten sie sich wieder in die Höhe und bildeten wieder ihre Reihen, bald gewann auch die letzte mit ein paar kräftigen Schlägen den Anschluß wieder, die Schar glitt weiter mit taktmäßigen Flügelschlägen genau nach Norden.
Ivar stand und folgte der Schar langsam mit den Blicken und wurde gerade mit dem Vaterunser fertig, so daß er ihnen das Amen nachnicken konnte, als sie den Tannenwald, der sich in blauer Ferne im Norden hinzog, erreichten und verschwanden.
Es war, als sei die Freude daran ausgelöscht, aber er mußte nun doch wohl zur Großmutter hineingehen.
* * * * *
Drinnen in der Auszüglerstube saß seine Großmutter, die alte Beret Madslien, in ihrem Lehnstuhl und brummte. Sie war klein und zusammengeschrumpft und saß in der Ecke zwischen dem Kachelofen und dem Bett, wohlverpackt in gestrickte Tücher, mit großen gestrickten Socken an den Füßen und einem dunkelkarierten Tuch über dem gestrickten Ohrwärmer. Die Tür zur Stube stand angelehnt, und von drüben drangen Stimmen herüber. Beret murmelte etwas vor sich hin, zog mit Mühe den Ohrwärmer zur Seite und horchte:
Hm! Hm! Ach nein, sie waren schon vorsichtig und sprachen leise, daß sie es nicht hören sollte! Was sie wohl wieder heimlich vorhaben mochten? O nein, sie sollten sich nicht einbilden, daß sie so davonkämen.
Oline!
Keine Antwort. Sie nahm ihren Krückstock, der in der Ecke am Ofen stand und klopfte auf die Diele.
Oline!
Ja -- hier bin ich, Mutter! Was willst du?
Eine energische Frau mittleren Alters erschien in der Tür.
Ich kenne niemand, der so ist wie du, Oline. Nicht zu kommen, wenn ich dich rufe.
Ich kam ja so schnell ich konnte, Mutter! und es handelt sich wohl auch um nichts Besondres.
Nein, wenn du nur selber schwatzen kannst, so ist es dir gleich, ob ich den ganzen Tag allein sitze. Wer ist drüben?
Meinst du es sei jemand drüben?
O ja, ich hörte es wohl! Wer ist drüben? Ich will es augenblicklich wissen, hörst du?
Ja, ja, es ist ja nur Marthe Moen.
Was will sie?
Oline machte sich irgendetwas am Schranke zu schaffen und antwortete nicht.
Hörst du nicht, Oline! Sollte man es für möglich halten! Was sie will, frage ich?
Ach nichts, sie wollte bloß hören, ob sie ein Ferkel haben könnte, wenn wir welche bekommen.
Hm, hm! hat man so was gehört. Du hast doch nicht etwa auch ihr eins versprochen?
Sie saß eine Weile ruhig und sah gerade vor sich hin. Dann hatte sie das Ganze vergessen und fragte plötzlich:
Sind Fremde drüben?
Oline warf einen scharfen Blick auf sie, schüttelte leise den Kopf und sagte in milderem Tone:
Ich sagte dir doch, daß Marthe Moen da ist!
Nein, ist sie da? Mit ihr muß ich reden. Bitte sie, daß sie zu mir herauskommt, ehe sie geht.
Ja, das will ich tun, und Oline ging wieder hinüber.
Eine Weile danach kam Ivar in die Kammer.
Ihr Gesicht hellte sich auf, sowie sie ihn sah.
Nein, bist du es Ivar!
Ja, Großmutter; ich kann dich von den Graugänsen grüßen -- jetzt sind sie da!
Pst -- sie winkte mit der Hand nach der Tür -- mach die Tür zu, Ivar, daß uns niemand hört.
* * * * *
Sie hatten ihre Geheimnisse, die beiden, und das war so zugegangen:
Es war lange her, daß die alte Beret Madslien das kleine Auszüglerstübchen verlassen hatte. Sie war alt, und obwohl sie gut eingehüllt war, fror sie beständig. Ihre Hände waren ganz in Ordnung, aber wenn sie in ihren Stuhl gekommen war, so saß sie da und konnte sich nicht allein erheben. Gesicht und Gehör hatte sie so einigermaßen bewahrt, aber mit den anderen Sinnen war es nicht mehr weit her, namentlich hatte sie ganz ihr Gedächtnis und ihre Urteilskraft verloren. Wie alle alten Leute war sie eigensinnig und neugierig geworden, und es war unmöglich, ihr etwas recht zu machen; wenn sie um etwas gebeten hatte, so war sie im nächsten Augenblicke unzufrieden, wenn man es ihr gab.
Meist ließ sie ihre schlechte Laune an Oline, ihrer eigenen Tochter und der Mutter des Jungen, aus, weil sie am meisten um sie war. Sie bildete sich ein, daß sie ganz unglaublich viel zu erzählen habe. In Wirklichkeit war kein Zusammenhang in ihren Reden, es war dies und jenes, was weit, weit zurücklag, als ihr Mann noch lebte, und was sie nur noch in den gröbsten Zügen in der Erinnerung hatte und oft durcheinander mischte. Ab und zu hörte Oline ihr ja zu, aber sie merkte wohl, daß erwachsene Leute ihr nicht aufmerksam folgten, oft sogar lächelten, und das verursachte ihr Ärger. So war es gekommen, daß sie Ivar zu ihrem Vertrauten gewählt hatte. Er hörte ruhig zu, und es schmeichelte ihm, daß die Großmutter immer so vorsichtig war und flüsterte, damit kein anderer es hören sollte.
Es war namentlich eins, womit sich die Großmutter diesen Winter abgequält hatte. Sie wollte ins Freie hinaus. Und das wollten sie ihr nicht erlauben. Einmal im Winter hatten sie ihr scheinbar nachgegeben, sie in die Stube hinüber und nach der Tür geführt, aber als sie so weit gekommen war, war sie plötzlich zornig geworden, »weil es derartig in der Stube aussähe« und hatte wieder in die Kammer zurückverlangt.
Und seitdem -- sie hatte wohl verstanden, daß sie ihr damals nur zum Schein nachgegeben hatten -- sprach sie nie mehr zu den Erwachsenen von ihrem Wunsche, hinauszukommen; aber mit Ivar sprach sie um so mehr davon: Sie wäre nur vor Sehnsucht krank, sie wäre sicher, sie würde gesund werden, wenn sie nur das Tal zu sehen bekäme und die Wiesen, und die Sonne fühlte. Und das sollte an dem Tage sein, wo die Graugänse kämen, denn dann wäre der Frühling da.
Die beiden hatten nun miteinander ausgemacht, daß Ivar ihr an jenem Tage hinaushelfen sollte, ohne daß die andern etwas davon wüßten -- deshalb hatte er drüben auf dem Hügel gestanden und nach den Graugänsen gespäht, heute und viele Tage vorher.
* * * * *
Die Großmutter war sehr eifrig, noch ehe Ivar die Tür geschlossen hatte. Dann warf sie einen langen Blick nach dem Fenster, beugte sich zu ihm und flüsterte:
Flogen sie schön in Reih und Glied? Das ist ein gutes Zeichen.
Er fuhr zusammen, wurde feuerrot und antwortete nicht gleich. Sie fragte auch nicht noch einmal, sondern sah ihn nur fragend an. Da sagte er:
Ja, Großmutter, sie flogen sehr schön, wie ein Schneepflug.
So sieh zu, daß du deine Mutter aus der Stube bekommst, damit wir durchkönnen.
Er ging nach der Tür.
Nein, warte ein bißchen Ivar, zieh das oberste Kommodenfach auf, da findest du ein Stück gebrannten Zucker.
Du weißt, ich bekam das letzte gestern, Großmutter.
So, so; ich möchte dir gern etwas schenken. Sieh nach, ob du etwas findest, was du haben willst.
Er ging hin, zog das Fach auf, und seine Finger griffen nach einem silbernen Herzen. Sie sah es.
Ja, ja, das sollst du haben, Ivar.
Er war hocherfreut, aber da fiel sein Blick auf die Großmutter, und er dachte daran, daß er nicht die Wahrheit gesagt hatte.
Nein, Großmutter, ich kann es ja später einmal haben, sagte er kleinlaut, legte es wieder ins Fach und ging hinaus. Bald darauf kam er schnell wieder herein, nahm einen Stuhl und trug ihn hinaus. Dann kam er wieder herein:
Mutter ist mit Marthe Moen im Schweinestall.
So?
Ja, und nun habe ich einen Stuhl an die Südwand gestellt. Komm nun, Großmutter!
Er reichte ihr den Krückstock und setzte die Spitze ordentlich auf der Diele zurecht, daß er fest stehen sollte, darauf stemmte er die Achsel unter ihren andern Arm und richtete sich auf. Sie kam in die Höhe. Sie war sehr eifrig, und die Spannung verlieh ihr Kräfte; es ging leichter, als sie erwartet hatte. Über die Türschwelle nach der Stube ging es gut, denn sie war ganz niedrig, aber als sie die Stube erst hinter sich hatten, wurde es schlimm. Sie mußte sich an den Türpfosten lehnen, und er beugte sich nieder und hob ihr den einen Fuß über die Schwelle, -- sie konnte ihn nicht so hoch heben. Dann mußte sie sich ein wenig drehen, damit er auch den andern hinüberheben konnte.
Ein Schauder überfiel sie, es war, als würde sie noch kleiner, als sie durch die Tür kam und die frische Luft ihr entgegenschlug. Doch sie ermannte sich und versuchte zu lachen:
Was für ein Unsinn, soll ich nicht hinauskommen, ich bin ja frisch wie in der Jugend!
Eifriger setzten sie ihren Gang längs der Wand fort, bald waren sie an der Ecke. Da fing sie an müde zu werden. Das erste, wonach sie sah, war der Stuhl. Er stand noch ein Stück weit entfernt, zwischen beiden Fenstern. Sie krochen weiter. Ein paar Schritte vom Stuhle entfernt konnte sie nicht mehr, ließ den Stock los, streckte die Hand hilflos, sehnsüchtig nach der Stuhllehne aus, taumelte einen Schritt weiter, riß Ivar mit sich und bekam gerade den Stuhl zu fassen. Sie sank schwer darauf nieder, und Ivar setzte sie zurecht.
Die Sonne schien warm auf die Hauswand, das Bachesrauschen kam in steigenden und fallenden Wellen, Vögel zwitscherten, Insekten summten, -- der Frühling lag in der Luft.
Ivar stand da und sah sie an. Es fiel ihr schwer, den Kopf aufrecht zu halten, sie hob ihn langsam, begann an der einen Seite und ließ den Blick langsam rund um den ganzen Gesichtskreis wandern, aber es war ein matter und gleichgültiger Blick, und dann sank der Kopf wieder nach vorn und sie sah vor sich hin. Angst und Enttäuschung überfielen Ivar:
Ist es dir nicht gut, Großmutter?
Sie fuhr zusammen, schauderte, als sie seine Stimme hörte -- im selben Augenblick fuhr auch ein kalter Luftzug um die Ecke.
Hm! Alles wird verdorben! Die Flur ist nicht wie in alten Tagen.
Ivar machte große Augen.
Wie war es denn damals Großmutter?
Viel, viel schöner. Und die Sonne ist auch nicht mehr warm! Ja, nichts hat mehr seine richtige Ordnung. Ich will wieder hinein, mich friert! Hu!
Ivars Stimme zitterte, und er hatte Tränen in den Augen:
Ja, ja, Großmutter, wir wollen wieder hinein! Komm!
Hu, wie kalt! Nein, ich kann nicht, du mußt deine Mutter holen!
* * * * *
Am folgenden Tage waren eine Menge Leute in dem kleinen Auszüglerstübchen. Die Großmutter lag im Bett und phantasierte. Der Doktor war eben fort und hatte gesagt, es sei Lungenentzündung, und es sei nicht wahrscheinlich, daß die Großmutter in ihrem Alter sie überstehen würde. Die anderen waren ruhig und sprachen leise, aber sie weinten nicht weiter. Oline mußte doch hier und da, wenn die Großmutter im Fieber etwas recht Seltsames sagte, den Schürzenzipfel gebrauchen. Nur Ivar stand im Winkel beim Schranke und weinte unaufhaltsam. Niemand konnte es begreifen, denn Kinder pflegen so etwas nicht so ernst zu nehmen. Er hatte auch gestern den ganzen Tag geweint, und daher hatten sie ihn nicht weiter gescholten, und niemand hatte ihm von dem Ausspruch des Doktors erzählt, daß sie sich gestern erkältet habe, und daß er gewissermaßen daran schuld sei.
Es war ganz still in dem Kämmerchen, nur die Großmutter phantasierte und Ivar schluchzte.
Plötzlich wurde die Großmutter still. Nach einer Weile stieß sie einen leisen Klagelaut aus und sah sich um. Dann sagte sie mit einem seltsam milden Klang in der Stimme, so daß alle hörten, daß sie bei Bewußtsein war:
Ist es Ivar, der so weint?
Ja, sagte Oline. Ivar, die Großmutter fragt nach dir.
Er ging hin, warf sich vor dem Bett auf die Knie und flüsterte:
Es war nicht wahr, Großmutter; denn ich zeigte gestern auf die Graugänse.
Ja, aber dann betetest du ein Vaterunser, wie ich dich gelehrt habe.
Darauf sagte sie leicht mit einem Lächeln:
Nein, wahrhaftig Oline, das hätte ich bald vergessen. Ivar soll das silberne Herz von mir haben.
Das war das letzte, was die Großmutter sagte.
[Illustration]
In Großvaters Auftrag.
Burman saß auf dem Schwanz draußen im Hof im Sonnenschein. Er blickte mit dem einen Auge verstohlen nach den Hühnern, die vorsichtig in einem großen Bogen um ihn herumgingen und sich nicht getrauten ihm zu nahe zu kommen, und mit dem andern verfolgte er, was sich sonst im Hof zutrug: die Katze, die sich am Hause lang drückte und sich jedesmal flach auf den Boden legte, wenn die Turmschwalben wie schwarze Streifen vorüberflogen, daß es in der Luft pfiff, die Bachstelzen, die hin und her trippelten und Insekten fingen, und die beiden kleinen Ferkel, die drüben an der Stalltür herumwühlten. Er döste leise vor sich hin, denn es gab heute nicht viel zu tun, die Hühner schienen nicht in den Garten gehen zu wollen, und die Haustür war geschlossen, so daß die Ferkel nicht hineinkommen und Unheil anstiften konnten.
Da ging die Tür vorsichtig auf und Burman drehte den Kopf. Es war der kleine Jon, der auf die Steinfliesen hinauskam und die Tür behutsam hinter sich schloß.
Was das wohl bedeuten sollte? Er sah sich so schlau um und trug etwas unter der Jacke.
Als Jon sich ein wenig umgesehen hatte, eilte er über den Hof hinter das Vorratsgebäude; er machte auch einen kleinen Bogen um Burman, denn die beiden waren nicht besonders gute Freunde. Jon fand, daß Burman häßlich war mit seinen langen Zotteln, und dann wedelte er nie mit dem Schwanz, wenn er ihn streichelte und sah ihn auch nie an, sondern blickte nur geradeaus und saß ganz still oder ging seiner Wege. Und das tat Burman, weil er der Ansicht war, er hätte wichtigeres zu tun, als sich mit so einem Jungen einzulassen, der einem lästig genug werden konnte, wie er aus seinen jüngeren Tagen wußte.
Eine Weile darauf kam Jon zurück -- jetzt hatte er nichts mehr unter der Jacke --, er ging hinunter und stellte sich auf den großen Stein auf der anderen Seite des Hauses.
Burman blickte ihm nach, bis er um die Ecke war, dann erhob er sich, sah sich noch einmal um und trottete hinter das Vorratsgebäude, er wollte sehen, was Jon dort hingelegt hatte. Er schnüffelte ein wenig herum und dann fand er verborgen unter einer Steinfliese an der Wand ein Tuch, in das etwas eingewickelt war; an dem Geruch merkte er gleich, daß es Butterbrot war. Hm, es war am besten, heute ein Auge auf Jon zu haben!
Er ging wieder in den Hof, etwas weiter vor als vorher, so daß er am Haus vorbeisehen konnte, setzte sich gleichgültig auf den Schwanz und tat nicht dergleichen.
Da stand Jon auf dem Stein und lehnte sich an die Wand. Er hatte wahrhaftig auch den neuen Schal um. Er stand mit einem sehr ernsten und vornehmen Gesicht da und versuchte tiefe und feine Verbeugungen mit dem Kopfe zu machen, und bei jedem Mal sagte er:
Guten Tag.
Endlich schien es ihm, als ob er es könnte.
Eine tiefe Verbeugung:
Guten Tag! Seid Ihr Peter Sandvold?
Er antwortete auch für den andern:
Ja, der bin ich. Aber nimm erst mal Platz.
O, danke, ich finde schon Platz.
Woher kommst denn du?
Ich bin von Sörbö -- ich sollte hierher gehen und dich vom Großvater grüßen und dir sagen, er erwartete dich in den nächsten Tagen, da er etwas hätte, was er unbedingt mit dir besprechen müßte.
Nein, was du nicht sagst. Ja, dann geh bitte in die Gaststube und gedulde dich bis morgen.
Er wiederholte es noch einmal, aber als er das drittemal anfangen wollte, kamen die Leute zum Frühstück, und er setzte sich auf den Stein und tat nicht dergleichen.
Die Sache war, daß Jon sich vorgenommen hatte, heute einen Auftrag vom Großvater zu besorgen, doch das sollte niemand wissen, nicht einmal Großvater selber.
Der alte Jon Sörbö, der Großvater, war jetzt so alt und schwach, daß er schon das dritte Jahr zu Bett lag. Er war nicht krank, aber die Kräfte reichten nicht länger, und das Gedächtnis begann auch allmählich nachzulassen. Wie alle seinesgleichen war er ziemlich quengelig geworden; wenn er sich erst etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es nicht leicht, es ihm auszureden. Und trotzdem alle versuchten, ihm, soweit es anging, seinen Willen zu lassen, so fand er doch oft, daß sie unbillig gegen ihn waren, und es gab eigentlich nur einen, der wirklich gut mit ihm auskam und sein Vertrauter war; das war der kleine Jon -- der hieß ja auch nach dem alten Jon und war der zukünftige Hofbesitzer, der alles auf Sörbö wieder in die gute alte Ordnung bringen sollte, -- denn der Alte fand, daß Jons Vater, der jetzt den Hof hatte, sich in vielen Dingen ganz seltsam anstellte.
Im Frühjahr nun hatte der alte Jon es sich in den Kopf gesetzt, daß er absolut mit seinem alten Freund, Peter Sandvold, sprechen müßte. Was er eigentlich von ihm wollte, wußte er wohl selber nicht so recht, aber die Sehnsucht nach dem alten Freunde war da. Erst machte er dem Sohne nur eine Andeutung, indem er sagte:
Jetzt, wo es auf den Sommer geht, werde ich wohl so weit zu Kräften kommen, daß ich auf sein kann, und da will ich den Peter Sandvold besuchen, ich muß notwendig etwas mit ihm besprechen.
Er sah, wie der Sohn in den Bart lächelte, als er antwortete:
Ja, das solltest du wirklich tun, Vater.
Aber der Sommer kam und Jon fühlte sich nicht kräftig genug um aufzustehen.
Daher sagte er eines Tages:
Du mußt nach Peter schicken; ich muß ihn sprechen.
O ja, das will ich gern bei Gelegenheit tun.
Doch der Alte verstand wohl, was das hieß, und schickte den kleinen Jon hinterher, und der konnte später berichten, daß der Vater drüben in der Stube gesagt hätte:
Es ist Unsinn, bei Peters hohem Alter, aber wir wollen so tun, als ob wir damit einverstanden wären, dann vergißt er es bald.
Seitdem vertraute der Alte sich keinem anderen als dem kleinen Jon an. Er spekulierte und spekulierte, wie er es anfangen sollte, eine Botschaft zu senden. Weit war es ja, auf der Landstraße zwei und eine halbe Meile, aber quer über den Bergrücken knapp eine, wenn man den direkten Weg durch den Wald einschlug. Gestern nun hatte der kleine Jon ihm heimlich Feder und Papier gebracht, und er versuchte zu schreiben: aber es ging nicht und sie waren einig, daß sie warten müßten, bis der kleine Jon schreiben gelernt hätte; aber er sollte erst zum Herbst in die Schule kommen.
Als der Alte das hörte, seufzte er:
Herrgott, das wird ein langes Wartejahr.
In diesem Augenblicke tauchte in dem kleinen Jon der Gedanke auf, über den Bergrücken hinüber zu Peter Sandvold zu gehen, um ihm Großvaters Botschaft zu überbringen.
Das war es, was er heute heimlich vorhatte, und dafür hatte er den Reiseproviant verborgen.
Er blieb ruhig stehen, bis die Schnitter die Sensen hingelegt, gegessen und sich zur Ruhe ausgestreckt hatten.
Darauf eilte er hinter das Vorratshaus, holte das Bündel mit dem Proviant und machte sich auf den Weg.
Burman war das einzige Lebewesen auf dem Hofe, das ihn sah.
Er drehte sich um, setzte sich ganz ruhig wieder hin und sah nach der Höhe hinauf.
Er wollte wohl zu Sjur Pladsen, dahin war er oft allein gegangen.
Auf einmal spitzte Burman die Ohren -- da schlug er den Waldweg ein, und jetzt war er auch schon im Walde verschwunden.
Burman begann mit seiner tiefen Stimme zu bellen, daß es zwischen den Häusern und über das Tal hin hallte.
Bald darauf trat Jons Vater auf die Schwelle, zornig, weil er geweckt worden war.
Kaum hörte Burman die Tür gehen, so bellte er noch lauter, lief ein paar Sprünge den Weg aufwärts und sah sich um.
Verdammter Köter! Uns alle zu wecken!
Burman bellte weiter.
Pfui, willst du ruhig sein! -- er nahm einen Stein und warf nach ihm.