Part 7
Jawohl, es war schon möglich, daß es doch ein Blaufuchs war. Es schien ihm, als habe er ein Stückchen von ihm drüben an dem Ackerhügel gesehen; -- ja, sicher war er es gewesen! Je länger er ging und darüber nachdachte, um so sicherer wurde er; hellblau war er gewesen! Ja, natürlich, den ganzen Kerl hatte er gesehen. Sie sollten ihn nur erwischen, dann würde er nach der Stadt gehen und das Fell verkaufen! Aber sie sollten in der Stadt nur nicht glauben, daß sie ihn übers Ohr hauen könnten. Er wußte, was ein Blaufuchspelz wert war. Es nützte nichts, ihm fünf oder zehn zu bieten, er würde sechzig verlangen. Dann würde er sich eine Büchse kaufen, und dann wollte er nichts anderes tun als Blaufüchse schießen; höchstens vielleicht einmal einen Auerhahn zum Vergnügen mit zwischendurch --; wenn der auch nicht mehr als vier Mark wert war.
Als er zum Tischler Simen hinaufkam, sah er diesen in der Tür stehen, die Brille auf der Nase und die Schirmmütze weit in den Nacken geschoben.
Jon lächelte breit, grüßte wie ein Erwachsener und trat darauf ein.
Wie es wäre, ob er seine Flinte instand hätte?
O ja, er dächte doch.
Er sollte ihn nämlich von dem Fuchs grüßen und sagen, er schliche jetzt drüben auf Stubsveen jede Nacht an den Ställen herum; -- ja, und niemand könnte wissen, ob er nicht auch drinnen gewesen wäre.
Gerade, was Simen immer gesagt hatte, die Füchse hatten sich verzogen! Hier auf dieser Seite des Tals hatte sich kein Fuchs mehr sehen lassen, seit er vor drei Jahren einem den Schwanz weggeschossen hatte! So, nach Stubsveen waren sie also hinübergekommen?
Ja, daran könnte kein Zweifel sein!
Der Vater ließe grüßen und sagen, es wäre so viel übrig, daß es noch zu einem Schluck langte.
Na, da wollte er einmal nach der Flinte sehen; er hätte sie jetzt drei Jahre nicht in den Händen gehabt.
Drei Jahre?
Nein, wozu sollte er sie brauchen, wenn es keine Füchse gab? Freilich, das Federwild hätte ja zugenommen, seit der Fuchs fortblieb, daß es nur so wimmelte; aber daraus machte er sich nichts. Und die Flinte paßte auch nicht für Vögel; es wäre schwierig, die Entfernung so abzupassen, daß man die Vögel nicht in Fetzen schoß, und dann knallte sie auch so, daß es sich nicht verlohnte, wegen eines lumpigen Vogels das ganze Dorf aufzuschrecken.
Ob sie denn gut ginge?
Er hätte bisher noch keinen Fehlschuß damit getan; aber, versteht sich, es müßte einer auch damit umzugehen wissen.
Simen ging in die Kammer und kam mit der Flinte wieder herein. Es war eine alte verrostete Soldatenflinte mit Steinschloß. Jon glaubte nie etwas Schöneres und Prachtvolleres gesehen zu haben.
Ist sie geladen?
Nein, sie muß erst gereinigt werden.
Er wurde ganz still und geheimnisvoll, Simen, als er mit zitternden Händen die Flinte auseinanderzunehmen begann, und Jon saß atemlos dabei und sah zu, wie die eine Schraube nach der andern herausgenommen wurde und jede an einen andern Platz gelegt wurde, damit sie nicht durcheinander kämen. Und die ganze Zeit, während Simen auseinanderschraubte und putzte und mit Leinöl schmierte, innerlich und äußerlich, sprach er davon, was er alles mit dieser Flinte geschossen hätte. Ja, es wäre gar nicht unwahrscheinlich, daß auch auf Menschen damit geschossen worden wäre, denn soviel er wüßte, wäre sie mit im Kriege 1814 gewesen, und so gute Flinten wie die, womit auf Menschen geschossen worden wäre, gäbe es jetzt gar nicht mehr; es wäre gerade, als ob man hinterher mit ihnen nicht mehr fehlen könnte.
Die Flinte war geschmiert und wieder zusammengesetzt. Nun, es wäre wohl am besten, sie gleich zu laden. Denn das müßte genau gemacht werden; was das Futter anlange, so könne kein Pastor genauer und wählerischer sein als so eine Flinte. Damals, als er dem Fuchs bloß den Schwanz wegschoß, so daß er ihm davonging, hätte er ein oder zwei Pulverkörner zu wenig darin gehabt; darum fiel der Schuß in den Schwanz und nicht hinab in den Rücken weiter oben.
Er suchte ein altes Pulverhorn hervor und einen Lederbeutel mit Schrot, nahm Pulver aus dem Horn und wog und wog in der Hand, schüttete es dann in den Lauf, überlegte eine Weile, sah ins Leere, als ob er zählte, und nahm eine kleinere Portion und sandte sie der ersten nach.
Jon stand dabei und riß die Augen auf. Er hatte nie geahnt, daß dazu so viel Kunst gehörte.
Nein, du bist ein Meister, sagte er voller Bewunderung.
Pst, sagte Simen, man soll nicht reden, wenn man lädt.
Er stopfte vorsichtig Werg auf das Pulver. Dann legte er die Flinte vorsichtig aufs Bett.
Jetzt wollen wir die Erbsen mischen. Er griff in die Westentasche und holte eine Portion kleiner Nägel hervor, nahm sie in die Hand und wog sie, nahm dann den Lederbeutel, schüttete etwas Schrot dazu und mischte beides zusammen.
Hm! Er griff wieder in die Tasche nach Nägeln, mischte sie dazu und flüsterte: »Ja, nun denke ich, das wird genügen« und schüttete die Mischung in den Lauf. Dann stand er wieder still und überlegte, griff noch einmal in die Westentasche und zog einen langen Nagel hervor. Er kniff die Lippen energisch zusammen:
Ich denke, wir bieten ihr den auch noch, dann sind wir sicher!
Kurz darauf stapften Jon und Simen über das Tal hinüber nach Stubsveen.
* * * * *
Es ist schwer zu sagen, wer von den dreien, Jon, Per oder Simen, am eifrigsten war, als sie am Abend in Stubsveen um den Tisch saßen und Kaffeepunsch tranken -- das heißt die beiden Alten, Jon bekam keinen, er war zu klein. Die Geschichten, die erzählt wurden, nahmen kein Ende, vom Blaufuchs, vom Rotfuchs und vom Weißfuchs. Nein, das hier wäre kein Blaufuchs, meinte Simen, da wäre er sicher; da hätte er sich nicht so nah an die Häuser gewagt, und da würde das Ganze auch nicht viel Nutzen haben, denn der wäre zu schlimm; entweder er legte sich nieder, oder er spränge in die Höhe, wenn der Schuß fiele. Da müßte man entweder drunter oder drüber halten und es darauf ankommen lassen, ob er spränge oder sich niederlegte. Er hätte damals drunter gehalten, als er den Blaufuchs schoß.
Sie waren solche Helden geworden, Peter und Simen, daß Jon beinahe nicht mit gedurft hätte, als sie sich später abends in den Stall begaben, um Wacht zu halten. Aber er ließ nicht nach; es war ebensogut sein Fuchs.
Ihretwegen -- nur müßte er mäuschenstill sitzen. Sie dürften kein Glied rühren.
Da könnten sie sicher sein!
Sie gingen alle drei nach dem Stall, nahmen die Branntweinflasche mit, und Peter gab seiner Frau den Befehl, das Feuer nicht ausgehen zu lassen und Kaffee bereit zu halten, wenn sie mit der Beute kämen.
Sie nahmen an der Stallluke Platz. Simen und Per nahmen einen Heusack und setzten sich ordentlich zurecht, so daß sie aus der Luke heraussehen konnten.
Simen hielt das hintere Ende der Flinte mit gespanntem Hahn und steckte den Lauf eben durch die Luke. Jon saß auf einem Melkschemel etwas zur Seite und lugte durch einen Spalt in der Wand. Wer den Fuchs zuerst sah, sollte nichts sagen, sondern Simen nur leise an der Jacke zupfen.
Es war behaglich und warm im Stall; die Kühe lagen und schnarchten und käuten wieder, so daß die Hörner in unregelmäßigen leisen Schlägen gegen die Wand schlugen.
Durch jede Ritze drang die Kälte ein, begegnete der Wärme von drinnen und bildete mit ihr im Verein große Büschel von glitzerndem Reif um jede Ritze. Draußen war heller Mondschein; sie konnten so klar und scharf sehen wie am hellichten Tage, und es glitzerte über den Äckern, und das Mondlicht zitterte auf den bereiften Bäumen auf der Höhe drüben. Tiefste, friedliche Ruhe herrschte draußen, kein Laut war zu hören, keine Bewegung zu sehen.
Sie hatten wohl eine halbe Stunde gesessen; die Wärme und die Stille fingen an, sie schläfrig zu machen.
Wie wär's, wenn wir noch einen Schluck nähmen? flüsterte Per.
Und ob, sagte Simen.
So verging wohl noch eine halbe Stunde, da flüsterte Per wieder:
Ich schlafe beinahe ein; nehmen wir noch einen Schluck?
Das wäre nicht dumm.
Wieder saßen sie eine Weile. Dasselbe wiederholte sich. Aber dann wurde es still -- lange.
Jon saß und sah so eifrig durch den Spalt, daß er keine Zeit hatte, nach den andern zu sehen. Es war merkwürdig, wie still sie waren. Eben wollte er sich nach ihnen umdrehen -- aber da -- mit einem Male hielt er den Atem an und riß die Augen weit auf.
Bewegte sich nicht dort etwas am Fuß des Ackerhügels? Ja, ja, da erschien der Kopf! Da war er!
Erst kam eine Schnauze und ein paar spitze Ohren zum Vorschein, und der Kopf wandte sich nach allen Seiten. Dann tauchte er ganz auf, langsam und vorsichtig, blieb stehen, den einen Vorderfuß in der Luft, bereit auszureißen; so stand er eine Weile und sah sich um; dann setzte er den Fuß vorsichtig nieder und schlich ein paar Schritte vorwärts. Er war so fein und schlank und geschmeidig, wie er dastand mit dem langen Schwanz.
Als er einige Schritte vorwärts getan hatte, hielt er inne, wandte sich plötzlich und schlich nach einer andern Richtung.
Jon konnte nicht begreifen, daß Simen nicht schoß; aber er mußte wohl eine Absicht damit haben!
Oh, wenn er wieder davonginge. Da schlich er hin, schlug einen großen Bogen und verschwand im Gebüsch oberhalb des Ackers.
Jon holte Atem und starrte. Nein, er konnte ihn nicht mehr sehen.
Doch, da!
Plötzlich steckte er den Kopf wieder vor, oben auf dem Hügel, und jetzt viel näher; er witterte und sah nach dem Stall hinunter. So stand er eine Weile, immer den einen Fuß erhoben; dann schlug er wieder einen Bogen, kam schräg den Hügel hinab, schlug wieder einen Bogen und spähte. Jetzt war er dicht heran.
Simen mußte ihn sehen, er saß ja mitten vor der Luke. Jon beugte sich herüber und faßte nach seiner Jacke. Er verwandte keinen Blick von dem Fuchs, während er zupfte.
Rrrro--ro! tönte es in diesem Augenblick, so daß es im Stall schallte. Es war Simen, der einen gewaltigen Schnarcher tat, als er erwachte.
Jon sah, daß der Fuchs herumfuhr und gleichzeitig einen mehrere Meter langen Satz machte; dann noch einen und noch einen, immer rascher und rascher über den Acker hin; es war, als ob er den Schnee gar nicht berührte. Das letzte, was er sah, war der lange buschige Schwanz, der wie ein Steuer in die Luft stand, während der Fuchs mit einem ungeheuren Satz den Ackerhügel herabsprang und verschwand.
Er sprang auf und fiel, so lang er war, über Per, der ebenfalls aufwachte.
Im selben Augenblick donnerte es los, als ob der Stall einfiele; die Kühe sprangen auf und rissen an den Ketten. Simen rollte vom Sack herunter; die Flinte hatte ihm einen gewaltigen Stoß versetzt.
Simen hatte den Fuchs gerade gesehen, als er den letzten Sprung machte und, ohne irgendwie zu zielen, drückte er los, lange nachdem der Fuchs weg war.
Hast du ihn gesehen? rief Per.
Ja, und es war doch ein Blaufuchs, sagte Simen. Er sprang in die Höhe, als ich schoß.
Jon saß das Weinen in der Kehle:
Nein, und wenn du noch nie gelogen hast, ~jetzt~ lügst du -- Tischler Simen.
[Illustration]
Die Kvinstöljungen.
Ho--o--iho! scholl es über die Höhen, so daß vom fernen Kvinkampen her das Echo antwortete. Von der andern Seite ertönte der tiefe Laut eines Bockhornes, und gleichzeitig schmetterte eine schrille hohe Ziegenhornpfeife dazwischen. Unablässig erklang der Jodler, das Horn blies lauter und lauter, und die Pfeife trillerte immer höher, bis der Ton so hoch wurde, daß er sprang und wegblieb. Und die Töne trafen sich und mischten sich miteinander und mit dem Echo aus der Ferne, das von immer weiter herkam, schwächer und schwächer; und Glocken, tiefe und hohe, schlugen an und erklangen drein, und die Ochsen brüllten, die Kühe folgten ihrem Beispiel, die Ziegen meckerten -- -- es war am Morgen und auf dem Kvinstöl ließen sie das Vieh heraus.
Es war ein Morgen so klar und frisch, wie er im Juli im Gebirge es nur sein kann, so einer, an dem Volk und Vieh sich so leicht fühlen, als ob sie fliegen könnten, wo selbst alte Kühe ihre Würde vergessen, den Schwanz hochschlagen und Kälbersprünge machen.
An solch einem Morgen ist immer Leben auf der Senne; aber es war doch den ganzen Sommer noch nicht vorgekommen, daß Per Oppigar das Horn so stark geblasen und Jens Melbö so hoch auf der Ziegenhornpfeife geschmettert und Peter Nerigar, den die andern Peter Flapps nannten, wenn sie zornig auf ihn waren, so gejodelt hatte wie heute. Es war klar, daß etwas besonderes los war.
Sie zogen jeder aus seiner Hütte aus -- es gab nur drei auf dem Kvinstöl -- trennten das Kleinvieh von den Rindern, die heute von den Sennerinnen selber in den Wald gelockt wurden und setzten davon, jeder nach seiner Richtung, Per gerade über den Storhaug, die andern in einem großen Bogen drum herum. Aber hinter dem Hügel, als sie außer Sicht waren -- es brauchte niemand zu wissen, daß sie zusammen hüteten -- vereinigten sie sich wieder, und je mehr sie sich einander näherten, um so mehr jodelten und bliesen sie und riefen nach ihren Ziegen, daß es über die Berge schallte; und als sie sich trafen, trieben sie alle drei Herden in einen Haufen zusammen, -- heute war es selbstverständlich, daß auch Peter Flapps seine mit denen der andern zusammentreiben durfte. Und als das wohl besorgt war, jodelte Peter wieder, und Per blies in sein Horn, daß ihm die Augen aus dem Kopfe standen und Jens trillerte so schrill und lange auf der Ziegenhornpfeife, daß er rot wurde wie ein Puterhahn.
Dann rief Per: So wollen wir die Neusäterjungen empfangen; sie sollen hören, daß es die Kvinstöljungen sind, die kommen.
Wenn sie nur kommen? meinte Jens.
Sie müßten sich schämen, wo sie so viele sind! meinte Per.
Peter Flapps schlug ein Rad, daß die Bergschuhe aneinander schlugen. Sie können kommen so dicht wie eine Schafherde, sie sollen das bekommen, was sie verdienen.
Die Kvinstöljungen zogen nämlich heute in den Krieg.
Sie hatten gehört, daß die Hirten in alten Tagen, wenn sie über die Weiden uneinig waren, zusammenkamen und kämpften. Es sollte sogar irgendwo weit drinnen in den Bergen -- ja, ob es so sehr weit war, wußten sie nicht recht --, kann sein, es war näher, als einer glaubte -- ein Moor liegen, das Siebenhirtenmoor hieß. So hieß es, weil dort einst sieben Hirten zusammengetroffen waren, um Abrechnung zu halten. Sie hatten sich sogar Spieße aus Wacholder gemacht und sie über schwachem Feuer erhitzt, so daß sie hart wie Stein und zäh wie Horn geworden waren, und sechs waren auf dem Platze geblieben, der siebente kam mit einem Spieß im Leib gerade noch bis nach Hause und erzählte, wie sich die Sache zugetragen hatte. So hart ging es jetzt nicht mehr zu, das war in alten Tagen geschehen. Aber es kam doch vor, daß die Hirten auch heute noch miteinander rauften; nur hier auf diesen lumpigen Sennhütten ging es so friedlich zu. Aber es war doch ganz hübsch, mit den Neusäterjungen ein bißchen über die Weiden zu verhandeln. Freilich hüteten die Neusäterjungen nicht oft auf dieser Seite und niemals auf den Kvinstölweiden, aber sie könnten es doch einmal tun, und ~könnten~ sie erst das, so könnten sie auch bald von der Senne selber Besitz ergreifen. Und vielleicht dachten sie auch an etwas derartiges, den Neusäterjungen war nicht zu trauen. Und wovon sollten ~ihre~ Schafe dann fett werden? Sie hatten immer gehört, daß die Weidegrenze von Kvinstöl zwischen dem Blauwasser und dem Hvidtskjägstein verlief; aber es war doch die Frage, ob sie nicht weiter gehen durften, es war wohl das sicherste, ein Stück dazu zu erobern. Die magern, langbeinigen Neusäterschafe konnten ihr Futter wo anders suchen, es war überhaupt kein guter Schlag; -- ~ihre~ Sache war es jedenfalls nicht, sie zu füttern.
Darüber hatten sie nachgedacht und gesprochen viele, viele Male; aber es war nichts daraus geworden, bis vorgestern, als Lars Sagbakken kam und nach dem Neusäter hinüberwollte, um Pferde zu suchen. Da hatte Per ihn ohne weiteres gebeten, er sollte den Neusäterjungen sagen, sie möchten sich übermorgen am Hvidtskjägstein einstellen -- so viele wie Lust hätten --, die Kvinstöljungen wollten mit ihnen über die Weidegrenzen reden. Sie dachten nicht anders, als daß Lars Sagbakken sich seines wichtigen Auftrages erinnert hätte und erwarteten, daß die Neusäterjungen kommen würden, denn heute sollte es entschieden werden.
Die Herde zog weiter und zerstreute sich über die Moore. Die drei blieben eine Weile stehen.
Wie viele, glaubst du, werden kommen? fragte Jens.
Es sind 10 Hütten dort, erklärte Per, aber nur 8 sind bewirtschaftet, und dann sind drei Mädchen dabei, es kommen also wohl nur fünf, und selbst wenn ein Mädchen dabei ist, so werde ich nicht die Schande auf mich nehmen, mich an einem Frauenzimmer zu vergreifen.
Ich auch nicht, sagte Jens. Ich gedenke den einen Schuh auszuziehen und sie damit über die Köpfe zu schlagen.
[Illustration]
Nein, dazu sind sie zu gefährlich, meinte Peter, man darf sie nicht so nahe kommen lassen; ~ich~ mache es so, ich werfe mich kopfüber auf die Hände und treffe sie mit den Absätzen vor die Brust; da sollst du mal sehen, wie sie hinfliegen -- und er warf sich vornüber, krachte aber mit dem Hinterteil auf die Erde, daß der Hügel dröhnte.
Nein, meinte Per, man soll ihnen gerade nahe kommen, so daß sie nicht zum Schlagen ausholen können. Ich werde sie so beim Kragen nehmen, ganz weit oben und ihnen die Daumen hinter die Ohren setzen und zudrücken, da werden sie kraftlos und fallen hin wie die Mehlsäcke.
Ja--a, das wollte Jens auch tun, oder vielleicht würde er es doch lieber mit dem Überschwung versuchen.
Es wäre vielleicht besser, sie übten sich ein bißchen, meinte Per, Peter sollte der Neusäterjunge sein.
Hei, du Neusäterlümmel, hier sind die Kvinstöljungen. Wer hat dir erlaubt, bis an den Hvidtskjägstein zu hüten.
Peter brüllte dagegen: Ich frage keinen Kvinstöllümmel, wo ich hüte. Komm nur heran, so werfe ich dich so hoch in die Luft, daß du nie wieder herunterkommst.
Danach siehst du gerade aus! Wie lange Beine haben deine Schafe? Die können wohl über das Schafstalldach wegschreiten?
Jens stand da und hörte zu und war so erfüllt davon, daß er die Luft einzog und schluckste.
Jedenfalls können sie leicht über so einen Kvinstölbengel wegspringen und noch ein Stück dazu. Ich habe nicht solche Lämmchen wie die Kvinstölhirten.
Komm her, so werde ich dem lieben Gott deine Schuhsohlen zeigen.
Komm du her! und Peter warf sich kopfüber und kam wieder auf die Beine.
Per stürzte auf ihn los und packte ihn beim Kragen, sie kämpften, bis sie hinstürzten, Per zu unterst. -- Jens auf Peters Rücken los, um ihn herunterzukriegen. Nach einer Weile standen sie auf. Da sagte Per: Diesmal kriegtest du mich unter. Aber das wäre nicht geschehen, wenn du ein Neusäterjunge gewesen wärest. Denn wenn ich böse werde, bin ich doppelt so stark. Glaubst du das etwa nicht? Dann komm nur noch einmal heran.
Sie fuhren wieder aufeinander los, und diesmal kam Peter zu unterst.
Da siehst du's, du Neusäterbengel, und Per stand auf, drehte sich auf dem Absatz und juchzte, daß es schallte.
Jetzt mußten sie nach und die Herden wenden, dann nahmen sie die Richtung auf den Hvidtskjägstein, und sie liefen und sprangen und riefen und juchzten und bliesen, bis sie die Herde wieder beisammen hatten. Dann zottelten sie langsam hinterher und schwatzten.
Das meiste taugte nichts, was sie drüben auf dem Neusäter hatten. Langbeinige Schafe, Kühe, die nur in die Hörner wuchsen, und verhungerte Hirten. Und hatten sie vielleicht ein Horn zum Blasen? Und wenn sie einen von ihren kümmerlichen Böcken hundert Jahre fütterten, so bekamen sie doch kein solches Horn, wie Per seins. Ja freilich, so eins gab es auf dem ganzen Westfjeld nicht wieder -- aber auf dem Neusäter hatten sie nichts, was auch nur annähernd damit zu vergleichen war.
Was sollten sie nun eigentlich mit den Neusäterjungen machen, wenn sie sie verhauen hatten? Sollten sie sie als Kriegsgefangene mitnehmen, oder sie laufen lassen. Sie waren gewiß so gefräßig, daß es nicht anging, sie als Gefangene zu behalten. Nein, sie würden ihnen bis fast nach dem Neusäter folgen und sie zwingen, eine Grenze zwischen den Weidegebieten zu errichten. Sie sollten Steine schleppen müssen, daß ihnen der Schweiß aus ihren herunterhängenden Hosenböden tropfen sollte. Und sie sollten kein großes Stück auf dieser Seite des Neusäters behalten, da konnten sie sicher sein.
Je näher sie dem Hvidtskjägstein kamen, desto vorsichtiger wurden sie und desto leiser sprachen sie. Es konnte doch sein, daß sie ziemlich zäh und kräftig waren, diese Neusäterjungen. Wer sollte zuerst vorgehen? Jens meinte, das müßte Per sein, aber Per fand, es wäre richtiger, Peter ginge zuerst, weil er der größte wäre, aber Peter fand gerade, Jens als der kleinste sollte vorangehen, sonst könnten die Neusäterjungen Angst kriegen und ausreißen. Nein, da fand Jens es schon am besten, sie gingen alle auf einmal vor, damit die Neusäterjungen nicht jeden einzeln verhauen sollten, denn sie sollten fest zuhauen. Ja, das taten sie denn auch.
Jetzt näherten sie sich dem Hvidtskjägstein. Es war wohl das beste, sie gingen vor der Herde, denn sonst könnten diese Neusäterhallunken sie ihnen wegnehmen und nach dem Säter treiben. Sie machten es so. Jetzt hatten sie nur noch einen Hügel vor sich. Sollten sie nun schreien und auf dem Horn blasen und auf der Ziegenhornpfeife pfeifen? Nein, besser war es wohl, sie gingen still vor und sahen erst, wie viele es waren. Man konnte gar nicht wissen, ob sie nicht Hilfstruppen mithatten. Sehr wahrscheinlich, daß das Dutzend voll war. Sie schlichen auf den Hügel, so still wie möglich, krochen unter Deckung von Büschen vorwärts, so weit, daß sie die kleine Ebene, wo der Hvidtskjägstein lag, übersehen konnten.
Da lag er ganz ruhig im Sonnenschein, -- keine Menschenseele war zu sehen.
Die Jungen erhoben sich und sahen einander an. Sie horchten, ob sie nicht in der Ferne einen Laut von ihnen vernähmen. Nein!
Endlich sagte Per: Sollte der Trottel, der Lars Sagbakken es nicht ausgerichtet haben? Ob sie sich nicht getrauten? Ich glaube eher das letztere, meinte Peter; sie werden wohl von den Kvinstöljungen gehört haben. Ja, nun jodeln wir.
Und Peter setzte mit einem Jodler ein, und Per blies das Horn, und Jens ließ seine schrille Ziegenhornpfeife ertönen, daß es weithin schallte.
Rücken wir also über die Grenze! Sie sollen sehen, daß die Kvinstöljungen vor niemand Angst haben und hüten, wo sie wollen. -- Ja, das machen wir, bis an ihre Sennhütten heran. Sie lockten ihre Tiere, die springend herankamen, und dann rückten sie an der Spitze der Herde vorwärts. Sie jodelten und bliesen und pfiffen und schimpften auf die Neusäterjungen, als ob sie so nahe wären, daß sie es hören könnten. So ging es eine lange Zeit fort.
-- -- Plötzlich blieben sie alle drei mit offenem Munde stehen und lauschten. Es kam ihnen vor, als ob sie ein schwaches Jodeln hörten. Peter jodelte vorsichtig zur Antwort. Ja, da ertönte es wieder ganz schwach und gar nicht weit fort. Was hatte das zu bedeuten? Waren es die Neusäterjungen, die sich in einen Hinterhalt gelegt hatten? Da war es wohl am besten, vorsichtig vorzugehen, aber hin mußten sie und nachsehen, was es war. Sie hielten auf einmal inne mit jodeln und blasen. -- Leise schlichen sie vorwärts. Endlich kamen sie über einen Hügel, und zwischen einigen verkrüppelten Birken hindurch sahen sie auf eine kleine Ebene.
-- -- Auf einem Stein mitten in der Ebene saß ein kleiner, hübscher, zerlumpter Junge und blickte nach der Richtung, wo sie waren, und um ihn herum lag wiederkäuend eine Herde Ziegen und Schafe.
Es war so schön und still und friedlich hier, daß sie eine Weile liegen blieben und sich nur umsahen.
Endlich sagte Peter: Ob nicht doch noch andere dabei sind, die sich versteckt haben?