Part 3
»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere, daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«
Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf.
»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine Überzeugungen.«
»Nein – es gibt keine.«
»Das ist Ihre Überzeugung?«
»Ja.«
»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine ausgesprochen.«
Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu.
»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder …
Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo, geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus Rudins Händen.
»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man, widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«
»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach. Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht an Überzeugungen.«
»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!«
»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«
»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll. Indessen …«
»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins Gespräch.
»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin.
»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«
»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach eigener Empfindung.«
»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?«
Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.
»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.«
»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …«
»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von Unverschämtheit.
Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu verstummen.
»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren, wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …«
»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.
»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze des Lebens …«
»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …«
»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen, die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …«
»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«
»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für sich ein System vorstellt, eine Theorie …«
»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig, diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich für diese Ihre Bildung hingeben!«
»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch.
»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind, weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben, es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …«
»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.
»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben, etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«
»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen.
»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …«
»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken.
Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.
»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?«
»Nikolai!«
»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren … Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher zu uns und lassen Sie uns plaudern.«
Rudin rückte seinen Sessel näher.
»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~«
Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin.
Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte, er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke, wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn geschlossen.
Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen, er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört, wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde dunkler und glänzender zugleich …
»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu.
»Ja, sie sind schön.«
»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.«
Natalia antwortete nichts.
Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich.
»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«
Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein gelbes Gesicht wurde noch gelber.
»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«
»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben einflößen?« fragte Rudin.
Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.
»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!«
»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin. »Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen trachten.«
»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch – sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.«
»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«
»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«
»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung machen,« warf Darja Michailowna ein.
Pigassow zuckte die Achseln.
»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber – nein, bewahre! Dies ist sie.«
»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme zu erheben.
»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert nicht.«
»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es denn, auf der Welt zu leben?«
»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow, »ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht daraus machen!«
»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders wenn es in Verleumdung ausartet.«
»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich mürrisch zurück.
Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute, daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem Wohle aller zum Opfer bringe …
»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung, ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu verschaffen, sich frei auszusprechen.«
»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow an Bassistow.
Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte.
»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor.
»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im Whist gleich.«
»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte Pigassow den Rücken.
Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem Gesichte zeigte sich Verwirrung.
Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.
»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«
»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier, Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.«
Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne.
»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich nicht besser als Sie.«
»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin.
»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort. »Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri Nikolaitsch?«
Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.
Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck. Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet.
Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten, einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus und – wandte sich um.
»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere Zusammenkünfte, unsere Serenaden …«
»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna.
»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in Berlin.«
»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man, eine eigentümliche Kleidung tragen.«
»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie jedermann.«
»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra Pawlowna.
Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht, Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz.
Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen, und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte. Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen, ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor …
Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie … der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht.
»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹ … In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …«
Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln der Verwirrung.
»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna.
Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen. Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«
Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit nicht bemerkt.
Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch, daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch schwermütiger geworden.
Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt, aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige schwere Seufzer hoben ihren Busen.
IV
Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand, und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf, ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war. Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten, hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung, wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze, immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.
* * * * *
Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder, den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.
* * * * *
Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.
Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin und verstummte.
»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die Schönheiten der Natur haben.«
Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an.
»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich; wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier als der Geistreichste.«
»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin.
»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er heitert zuweilen auf.«