Chapter 6 of 12 · 3999 words · ~20 min read

Part 6

»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in meinen Ohren nach, und dabei

›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹

wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet unseres Kreises ausgedrückt hat.«

»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna.

»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin war schon damals zwanzigmal beredter als er.«

Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.

»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski, in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde: dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem, was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben – und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst, Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte, vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute, vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt, geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig: aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«

»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht lächerlich.«

»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen; Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser, krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.«

»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!«

»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht, wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen, das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön, das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche, Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen, und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht, welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen! Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch öffnet …«

Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet.

»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick.

»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen bösen Streich.«

»Was war denn das?«

»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu verlieben.«

»Sie?«

»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun, ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem wunderbarere Geschichte erzählen.«

»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich neugierig.«

»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des ›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …«

»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes, allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und hellklingender Stimme.«

»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra Pawlowna.

»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun, dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind, können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff. Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr … Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.«

»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe es getroffen!«

»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert, obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis, unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch, ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art – mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen, und das hat er auch getan.«

»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus.

»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung – Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.«

»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen heraufziehend.

»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes, ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …«

»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf Alexandra Pawlowna ein.

»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind, als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin erschien mir in seinem wahren Lichte.«

»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?«

»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen, daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue, weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf Ihren Bruder achtgeben.«

»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?«

»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?«

Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.

»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …«

»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in Erstaunen setzen.«

»Wodurch meinen Sie?«

»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!«

»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan erscheinen.«

»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.«

»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«

»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …«

Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen. Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines »melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden unter seinen Füßen.

VII

Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager. Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken hingegeben.

Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte, daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große, glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras, noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust, dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber, ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor …

Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft …

Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden emporgeschossen, Rudin erschien.

Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.

»Sie sind allein?« fragte er.

»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.«

»Ich werde Sie begleiten.«

Und er ging an ihrer Seite hin.

»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen.

»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind, wie mir deucht, nicht aufgelegt.«

»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen als Ihnen.«

»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu sein?«

»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«

Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.

»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.

»Was wünschen Sie?«

»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es war … von der Eiche.«

»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?«

Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.

»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?«

Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen.

»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte, er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte. »Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig: Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der Freuden und Leiden viel erfahren …«

Rudin hielt einen Augenblick inne.

»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen sprechen.«

»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie erwarten nichts mehr vom Leben?«

»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert; ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den Schultern zu behalten!«

»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt, darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil, es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute, jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.«

Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so lange und feurige Rede vernommen haben.

»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß, meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte … doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen, macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig gewesen?«

Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und sie tat dasselbe.

»Sind Sie mir böse?« fragte er.

»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …«

»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr Geheimnis ist mir bekannt.«