Part 4
»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg. Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen, Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens – entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen, schelten darf nur, wer liebt.«
»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt er ja doch ausschließlich seine eigene Person.«
»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu dürfen,« fiel Rudin ein.
Darja Michailowna lachte.
»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! – A propos – was halten Sie von dem Baron?«
»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein – Nichts … Es ist aber schade um ihn!«
»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~«
»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen Rudin.
Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer Zigarette.
»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts. Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle. Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es durchaus werden.«
»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.
»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich würde mich nur in solche Weiber verlieben.«
»Wirklich?«
»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische läßt sich nicht künstlich nachahmen.«
»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte die Nase …
»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin nicht gleichgültig wäre?« fragte er.
»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus dieser Gegend.«
Rudin erstaunte und erhob den Kopf.
»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?«
»Ja. Sie kennen ihn also?«
Rudin schwieg.
»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich, wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles zupfte.
»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«
Rudin nickte mit dem Kopfe.
»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen, dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis durch die Luft beschrieb.
»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich, »daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen Sinn absprechen.«
Darja Michailowna lächelte.
»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer Sonderling.«
Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein.
»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à Canning~?«
»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann, »befehlen Sie zu empfangen?«
»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte ihn her!«
Der Haushofmeister ging hinaus.
»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten Stunde; er unterbricht unser Gespräch.«
Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber zurück.
»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~. Bleiben Sie?«
Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb.
Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett. Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an den Teetisch heran.
»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin deutend.
Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar.
»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung.
»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin halblaut und schlug den Blick zu Boden.
»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew kalt.
Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich.
»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die Vermessung?«
»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht verwandt miteinander.«
»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft, so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.«
»Das wußte ich.«
»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.«
»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?«
»So ist es.«
»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist lobenswert.«
Leschnew schwieg einen Augenblick.
»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,« sagte er.
Darja Michailowna lächelte.
»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«
»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch.
»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?«
»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«
»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen, Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_ Ihnen nicht?«
»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren Kreis.«
»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.«
»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna! Nicht darauf kommt es an …«
»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?«
»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?«
Darja Michailowna biß sich in die Lippen.
»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«
»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«
Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes Schweigen trat ein.
»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«
»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.«
»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.«
Darja Michailowna zuckte die Achseln.
»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte sie.
»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch bald nach Hause.«
Darja Michailowna erhob sich.
»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich darf Sie nicht aufhalten.«
Leschnew verabschiedete sich.
»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«
»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging hinaus.
»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber doch alles!«
»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles, dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht vorhanden!«
»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.«
»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt, geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener Mißverständnisse …«
»Haben Sie sich entzweit?«
»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer getrennt.«
»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft verschafft hat!«
Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst, führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf die Terrasse, wo er Natalia traf.
V
Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet, mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt. Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit, fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft … ~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern. Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich, wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes, vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten. »Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.
Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.
»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen Kopf für dich.«
Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte ich nicht meinen Kopf für mich haben?
Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle. Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie; doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen. Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon, den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin auswendig.
Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.
»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.
»Ja. Wir gehen in den Garten.«
»Darf ich mich Ihnen anschließen?«
Natalia sah Mlle. Boncourt an.
»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte Jungfer.
Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.
Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.
»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit einem Seitenblick streifend.
»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh, daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«
»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es begreiflich: Sie sind jung.«
Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.
»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist – mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«
Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.
»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,« fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.
Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.«
»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch Poesie.«
»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So. Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«
Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.
»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin, wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet, und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.«
Natalia sah ihn erstaunt an.
»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie schüchtern.
Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …«
»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin. »Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte – ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich wohl lautere, mitfühlende Seelen? …«
Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte, Hoffnung sprühende Reden gehört habe?
»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne, »Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna, danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent, wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem Gerede vergeuden …«
* * * * *
Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön, begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet, ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!«
Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine Schicklichkeitsforderungen gestellt werden.
Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend, machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren, um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum Frühstück habe einfinden wollen.
»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen, die zum Hause führten, hinzu.
Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung.
Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia wendend, fragte er:
»Ah! Sie gehen spazieren?«
»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause zurückzukehren.«
»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.«
Und alle machten sich nach dem Hause auf.
»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr freundlich gegen ihn gewesen.
»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich herkam?«
»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …«
Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna.
* * * * *
Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden. Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von jemand Abschied genommen zu haben.
Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne – doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher …
War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte.
Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr.
»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«
»War Rudin da?«
»Er war da.«
Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.
Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm.
»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da« – sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin ungewöhnlich klug und beredt ist.«
Wolinzow brummte etwas in den Bart.
»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht gefällt.«
»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.
»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –, jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da – und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.«
»Warum warst du denn aber bei ihr?«
»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen das!«