Part 2
Schon die Tatsache, daß bis in die neueste Zeit hinein Eigennamen zu Gattungsnamen werden, beweist den engen inneren Zusammenhang zwischen den beiden Arten. Freilich, scheinbar und bei flüchtiger Betrachtung liegt darin geradezu ein tiefer Widerspruch. Der Eigenname ist, wie der Name sagt, das ureigenste Besitztum einer Person, mit seinem Träger untrennbar fest verbunden, weil er dessen Wesen als Einheit nach außen hin im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten zur Erscheinung bringt. Umfaßt nicht jeder Gattungsname eine ganze Zahl mannigfaltiger Einzelwesen, indem er die ihnen gemeinsamen wesentlichen Merkmale zusammenschließt? Von einer Gegensätzlichkeit kann jedoch bei näherer Prüfung keine Rede sein. Die Unterschiede sind, soweit solche überhaupt bestehen, nur solche des Grades, und da, wo oberflächliche Beobachtung unüberbrückbare Gegensätze annimmt, sieht der Blick des Forschers enge Verwandtschaft und ewigen Kreislauf. Aus Gattungsnamen erwachsen Eigennamen, und diese wieder erhalten aus irgendwelchen Ursachen appellativischen Sinn. Besonders auffällig tritt diese Begriffswandlung an dem Vornamen Karl zutage. Daß es ursprünglich ein Gattungsname war, bezeugt ahd. ~charal~, mhd. Karl = Mann, Ehemann, Geliebter, das mundartlich in der ablautenden Form Kerl lebendig ist. Die gewaltige Persönlichkeit des großen Frankenherrschers hat seinen Namen fast über ganz Europa verbreitet, und bei den slawischen Völkern des Ostens erhielt derselbe den allgemeinen Sinn eines Appelativums »König, Herrscher« (polnisch ~król~, russisch ~karóli~, lit. ~karâlius~, albanisch ~kralj~, magyarisch ~király~). Der Eindruck einer Persönlichkeit von sehr hervortretender Eigentümlichkeit und starke Affektwirkung hatten, wie Wundt dartut, zu dieser Assoziation herausgefordert. In weitaus den meisten Fällen wird sich der Eintritt des Bedeutungswandels kaum auf eine bestimmte Persönlichkeit und auf einen bestimmten Zeitpunkt zurückführen lassen. Die Voraussetzungen sind ebenso wie die seelischen Ursachen nie dieselben, immer ganz individueller Art. Das will Wundt mit dem Ausdruck singuläre Namenübertragung sagen. Die Übertragung von Personennamen beschränkt sich aber nicht auf Personen; es liegt tief im Wesen der menschlichen Natur begründet, auch Tiere und selbst leblose Dinge zu verpersönlichen, und die Sprache ist voll von solchen Personifikationen. Das bedeutet aber wieder einen Übergang des Eigennamens zu einem Gattungsnamen.
Wenn es sich nun darum handelt, in die Fülle von Beispielen irgendwie Ordnung und Übersichtlichkeit zu bringen, so treten zunächst zwei Gruppen deutlich auseinander. Am Anfang der Entwicklung hat bei allen Völkern die Einnamigkeit gestanden; der Vorname mußte genügen, eine Persönlichkeit nach ihren körperlichen und seelischen Eigenheiten zu kennzeichnen. Erst spät (im 17. Jahrhundert) kam man darauf, Doppelvornamen zu geben, die Familiennamen stellen den Abschluß der Namengebung dar. Es ist darum nicht verwunderlich, daß die Zahl der Vornamen, die einen Bedeutungswandel in dem angedeuteten Sinne erfahren, die der Familiennamen bei weitem übertrifft. Innerhalb jeder dieser beiden Gruppen kann wieder darnach unterschieden werden, ob der Name auf eine andere Person, auf Tier oder Pflanze oder endlich auf einen Gegenstand übertragen wird. Die Übersicht beschränkt sich auf die deutsche Sprache; nur vergleichsweise werden Fälle aus anderen Sprachen angeführt.
Wenn Itschner[3] Typen und Gattungsnamen als Ergebnis der Bedeutungserweiterung – denn um eine solche handelt es sich immer – scheidet, so kann auch diese Trennung nur um äußerer Gründe willen gerechtfertigt werden. Auch hier liegen schließlich nur Gradunterschiede vor; denn ein Typus stellt in einer Persönlichkeit die Summe aller der Eigentümlichkeiten dar, die einer ganzen Reihe von menschlichen Individuen gemeinsam zukommen, sofern diese in irgendeiner Beziehung gleichartig sind. Eine große Zahl von biblischen, antiken, sagenhaften und geschichtlichen Personen, sowie von Gestalten aus Werken der Literatur wird zum Abbild einer ganzen Menschengattung, eines Standes, Berufes oder einer Gesellschaftsklasse: Ein Mensch von besonderer Größe und Stärke ist ein (Riese) Goliath nach 1. Sam. 17, 14; ein ausgezeichneter Jäger wird als Nimrod, ein Mann von recht hohem Alter als Methusalem bezeichnet; einen ruchlosen Menschen nennt man wohl übertreibend einen Satan; die reuige Sünderin erscheint, allerdings unter falscher Auffassung von Luk. 7, 36 und 8, 2, als büßende Magdalena. Ein Adonis ist ein bildschöner Jüngling, der Argus ein mißtrauischer Wächter; ein Krösus verfügt über ungeheure Reichtümer, Ganymed, der Mundschenk der Griechengötter, wird zum Kellner überhaupt; jeder Beschützer der Künste und Wissenschaften wird als Mäcen gefeiert; der unerfahrene Jüngling hat einen Mentor wie einst Telemachos. Es erübrigt sich, die Reihe über Xanthippe, Don Juan, Schweppermann, Byron usw. bis in die Gegenwart weiterzuführen. Der Verbreitungsbereich ist aus leicht erkennbaren Gründen auf die Gebildeten beschränkt. Nur in ganz wenigen Fällen ist der Kreis weiter gezogen; dann schreitet die Entwicklung auch fort zur Bezeichnung von leblosen Gegenständen, wie wenn im Französischen ein Judas nicht bloß der hinterlistige Verräter ist, sondern auch das »Guckloch in der Tür« (den gleichen Bedeutungswandel zeigt im Deutschen der Begriff Spion).
I. Vornamen als Gattungsbezeichnungen für Personen.
Den germanischen Vorfahren galt die Namengebung als heiliges und bedeutsames Fest innerhalb des Geschlechtsverbandes, und so sind die deutschen Vornamen als Erbe jener Zeit voll tiefen Sinnes. Frühzeitig gesellten sich fremdsprachliche zu ihnen, christliche Taufnamen wie Jakob, Adam bereits seit dem 9. Jahrhundert. Das hohe Mittelalter ist arm an Vornamen; eine Bereicherung stellen nur die Namen der Heiligen dar wie Martin = Martinus, Lorenz = Laurentius, Anton = Antonius. Erst der Humanismus setzt wieder größere Mannigfaltigkeit an Stelle der Eintönigkeit der vorangegangenen Zeit. Der aristokratische Zug, den diese Geistesströmung aufweist, äußert sich in der Geringschätzung der allgemein üblichen Vornamen, an denen das Volk festhielt. Je weiter verbreitet sie waren, desto tiefer sank ihr Ansehen; eine Abschwächung des Gefühlswertes und Stimmungsgehaltes war die notwendige Folge.
Längst, wahrscheinlich auch schon im Zeitalter der Einnamigkeit, hatten sich im tagtäglichen Verkehr Kurz- oder Koseformen herausgebildet, und gerade von diesen in zahllosen Abwandlungen auftretenden Kosenamen, die stark gefühlsbetont waren, ging der Bedeutungswandel aus. Ihre Bildungskraft ist unerschöpflich; noch jetzt entstehen vor allem in den Mundarten und in der Umgangssprache immer neue Formen, die unter Erweiterung des ursprünglichen Begriffsinhalts zum Gattungsnamen werden. Der wesentlichste Anteil muß dabei dem Gefühl zugeschrieben werden; das reine verstandesmäßige Element tritt völlig zurück. Daraus erklärt sich der Umstand, daß viele dieser Neubildungen, aus einer flüchtigen Stimmung heraus unter ganz individuellen Bedingungen geboren, nur kurze Lebensdauer besitzen oder nur bestimmten Kreisen eigen sind, leichtlebige Augenblicksgeschöpfe, die der Schriftsprache entgehen und darum in die Wörterbücher selten Aufnahme finden. Diejenigen jedoch, die zum Dauerbesitz der hochdeutschen Sprache geworden sind, erweisen ihre Kraft, indem sie in andere Wortklassen übergehen, Tätigkeiten und Eigenschaften bilden, oder sich zu Zusammensetzungen vereinigen.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen folgen die Vornamen mit ihrer abgewandelten Bedeutung in alphabetischer Ordnung[4].
1. =August=, ursprünglich lateinisches Eigenschaftswort, von ~augere~ = vermehren, erheben, verherrlichen abgeleitet, mit der Bedeutung, erhaben, geheiligt, wurde Augustus, seitdem ihn der erste römische Kaiser Cäsar Octavianus angenommen hatte, zum Beinamen aller römischen Kaiser und der Fürsten überhaupt. Der Humanismus machte ihn auch in Deutschland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts beliebt, so beliebt, daß sich das Volk seiner bemächtigte. Mit der weiten Verbreitung sank sein Wert derart, daß er zur stehenden Bezeichnung der lächerlichen Figur im Zirkus wurde. Die Gestalt des »dummen August« soll um 1864 in England von Tom Belling geschaffen und gegen 1878 von dem Franzosen Guyon dem Geschmack seiner Landsleute angepaßt worden sein. Seit jener Zeit hat er seinen Siegeszug durch die lustige Welt genommen. Die Franzosen geben ihm jetzt meist den Kosenamen Gupusse = Gustchen. Die deutsche Ra. »So ein August« wird in verächtlichem Sinne von einem törichten Menschen gebraucht.
2. =Barbara=, verwandt mit Barbar, barbarisch, Barbarei, eigentlich ein zum Hw. erhobenes griechisch-lateinisches Ew. mit der Bedeutung, »die Fremde, Nichtgriechin«. Volkstümliche Kurzformen sind nicht nur Bärbel, Bärbchen, sondern ebenso Babette und Babine. In der Gegend von Penig ist Babine tadelnde Bezeichnung für ein zimperliches Frauenzimmer und dann noch allgemeiner Schelte für jemanden, der eine Torheit begangen hat.
3. =Bartholomäus= über Griech.-Lat. zum Hebräischen zurückgehend > Barthel: Schmutz-, Dreck-, Sau- oder Schweinebarthel als Schelten für unsaubere Kinder. Vielleicht liegen darin eher Ableitungen von Schmutzbart oder Dreckbart vor, die dann Analogiebildungen erzeugten (auch Präsch-, Dösbarthel).
4. =Beate= von lat. ~beatus~ = die Glückselige, nach Albrecht, die Leipziger Mundart § 166 Gattungsname für eine steife, förmliche, auch frömmelnde Person.
5. =Christian und Christine=, eigentlich Ew. aus dem griech.-lat. ~christianus~. Christian, nd. Krischan, ist in Mecklenburg der Knecht schlechthin, Christel wird in verächtlichem Sinne von liederlichen, unsauberen Mädchen und Frauen gebraucht (Vogtland, Erzgebirge).
6. =Christoph= < Christophorus = der Christusträger, Name aus der Heiligenlegende, kam wie Christian seit dem 17. Jahrhundert in Aufnahme, sank aber von den bürgerlichen Kreisen schnell in die bäuerliche Bevölkerung, deren frommer Sinn ihn bis zur Gegenwart gehalten hat. Stoffel und Toffel, Stöffel und Töffel waren noch zu Gellerts Zeiten Namen für den Bauern schlechthin; durch den gleichen Bedeutungswandel, der sich in Tölpel aus mnd. dörper, franz. vilain (Gegensatz courtois = hövesch = hübsch) offenbart, wurden sie, besonders aber Toffel, zum Gattungsnamen für einen ungeschickten oder dummen, einfältigen Kerl. Weiterbildungen: abtoffeln = grob abfertigen; betoffelt = verlegen, betroffen; Pflaumentoffel.
7. =Daniel=, biblischer Name, > mundartlich Danel, vogtländisch = ein alter, neugieriger Kerl, in Meißen ein Mensch von besonderer Länge; einen Menschen mit wunderlichen Ansichten nennt man in der Kirchberger Gegend (Wolfsgrün) Pfaardanel = Pferdedaniel.
8. =David.= Der biblische Bericht von der Geschicklichkeit des jugendlich-flinken David im Schleuderwurf und Harfenspiel bietet den Grund dafür, wenn die Koseform Davidchen, Davidel einen flinken, geschickten Burschen bezeichnet. Sogar die Uhr geht »wie ein Davidel«.
9. =Eva= wird auf Grund der mosaischen Schöpfungsgeschichte (1. Mos. 3, 20) übereinstimmend mit dem Französischen zur Bezeichnung für jede Frau, ganz besonders aber für eine neugierige (Evastochter, Fille d’Eve). Im Schwäbischen versteht man eine wollüstige Person darunter (Z. f. d. Ma. 5, 221).
10. =Friedrich=, echt germanisch, die weibliche Entsprechung Friederike erklärt sich aus dem mlat. Fridericus. Kurzformen sind Fritz und Fritzsch – jetzt Familienname – beziehungsweise Fritze, dieses für männliche und weibliche Personen. Die außerordentliche Beliebtheit, zu der sicherlich die volkstümliche Gestalt des »Alten Fritz« beigetragen hat, hatte zur Folge, daß Friedrich gleich Johann zum Gattungsnamen für den Diener, Hausdiener oder Kutscher wurde.
In Zusammensetzungen mit Tätigkeitsbegriffen bezeichnet die Kurzform in tadelndem Sinne Personen, die die im Bestimmungswort ausgedrückte Tätigkeit im Übermaß ausübt. Diese Bildungsweise ist im Volke außerordentlich beliebt und gestattet zahllose Abänderungen: Mäkel-, Quassel-, Trödel-, Tiftel-, Lorken- oder Schnokenfritze (einer, der voller Schnurren und Schelmereien steckt); Blinzel-, Heul-, Tran-, Märfried(e) usw. In der Soldatensprache bedeutete »Zappelfritze« im Felde den Radfahrer. In der Gaunersprache bezeichnet nach Albrecht »Tittelfritze« den Rechtsanwalt.
11. =Georg=, der Name des Schutzheiligen St. Georg, dessen Verehrung namentlich infolge der Kreuzzüge allgemeiner wurde, ist aus dem griechischen Gattungsbegriff ~georgós~ = Landmann, Ackersmann hervorgegangen. Der Kappadozier Georgius, der im Jahre 361 als Märtyrer gestorben war – die Erinnerung daran lebt im ahd. Georgsliede – wurde im Volksglauben zum Drachentöter. Mit Hans und Heinz, Kunz und Peter, Toffel und Michel war auch Jörg unter den Bauern als Vorname beliebt. Wie jene, so konnte auch Jörg im geringschätzigen Urteil der oberen Stände den beschränkten Dörfler bezeichnen, wie es noch bei Hauff im »Bild des Kaisers« heißt: »Er (d. h. der Sohn, von dem der napoleonisch gesinnte Vater erzählt) hat oft Stunden, wo es ihm lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem bequemen Schloß wohnt, _und Nachbar_ Görge und Michel ... nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen.«
12. =Gottfried, Gottlieb und Gottlob= sind gleicherweise, besonders aber die beiden letzteren, stark in der Wertschätzung gesunken, seit naive Frömmigkeit der Aufklärung als rückständig erschien. Die Kurzformen Fried, Lieb und Lob müssen es sich darum gefallen lassen, einen beschränkten, schwerfälligen Menschen zu bezeichnen, besonders in den Zusammensetzungen: Märlieb, Quatschlob. Ein Breilob ist mit Brei aufgezogen, darum ein schwächlicher Mensch ohne Saft und Kraft in Rede und Tat.
13. =Heinrich=, ebenso wie Konrad, mittelalterlicher Lieblingsname nach den zahlreichen Fürsten, die ihn im Laufe von mehreren Jahrhunderten trugen, hat eine ganze Reihe von Kurzformen entwickelt: Heinz, Hinz, Heinze, Heinzel, Hein, Heun. Nach Fr. L. Jahn war Hinz Blaufink der Anführer der Gassenbuben in den Hansestädten. Neben anderen Namen wurden die aus Heinrich abgeleiteten Kurzformen auf geisterhafte, dem Menschen freundliche oder feindliche Wesen übertragen: Freund Hein (der Tod), Heinzelmännchen. Die Soldatensprache kennt den Leichenheinrich = Lazarettgehilfe. Der Quasselheinrich ist ein Schwätzer, der Kulmuckenheinrich ein Kopfhänger und Eigenbrötler (Erzgeb.).
14. =Jakob=, ein hebräischer Mannesname von schwer festzustellender Bedeutung, erzeugt je nach der Betonung die Kurzformen Jäckel, Jockel (schweizerisch Joggeli) und Köpke. Wie man in Frankreich 1358 die aufständischen Bauern ~les jacques~ (~les jacquiers~) und die furchtbare Bewegung ~Jacquerie~ nannte, weil der Anführer Guillaume Caillet (Charlet?) den Beinamen Jacques Bonhomme führte, einen Namen, der den einfältigen Bauern, nach Larousse sogar das ganze französische Volk bezeichnete, so galt auch Jäckel im 16. Jahrhundert z. B. bei Fischart Garg. 73 als Gesamtbezeichnung für die Bauern, und zwar mit besonderer Betonung ihrer rohen Dummheit. Die Zusammensetzungen Pferde-, Hunde-, Tauben-, Bienen-, Bilderjokel oder -gokel, unter denen Liebhaber und leidenschaftliche Sammler zu verstehen sind, müssen wohl eher zu Gokel in der Bedeutung Narr gestellt werden. Albrecht führt für die Leipziger Gegend Jokel = Bursche, Kerl an. Der englische Name des Bereiters Jockey ist die Verkleinerung von Jock, das im nördlichen England üblich ist für Jack = Jakob.
15. =Jeremias=, der große jüdische Strafprediger, hat den Untergang seines Volkes in ergreifenden Liedern beklagt. Wie französisch Jérémie bezeichnet darum auch der deutsche Name verächtlich einen Menschen, der endlos klagt und jammert, einen Jammerlappen.
16. =Johann, Johannes=, der Name des Apostels, außerordentlich gebräuchlich und darum eine fast unübersehbare Fülle von appellativischen Bezeichnungen entwickelnd. Johann ist der Hausknecht, der Kutscher der Herrschaft, ebenso wie in Frankreich Jean, in England John und in Rußland Iwan. Die Koseform Hans lebt in Verbindungen wie: Hans im Glück, Hans in allen Gassen (oder in allen Hägen bei Reuter), Hans Dampf in allen Gassen – Titel einer Erzählung von Zschokke –, Hans Guckindieluft, Hansnarr, Hanskaspar (Dreikönigsspiele!), Hans Unvernunft, Hanswurst, die lustige Person, die in Jean Potage ihr französisches Gegenbild hat; das Mittelalter kannte Gaff-, Knapp-, Lauf-, Schnarch- und Prahlhansen; die großen Hansen waren die vornehmen Herren. Nur die Gegensätze Prahlhans und Küchenmeister Schmalhans leben jetzt noch fort. Ein langer Mensch ist ein langer Hans oder sächsisch ein Hansdromnaus (Hans oben hinaus) genannt; der alberne Hans hat nur Torheiten im Kopfe. Im Volkswitz hieß der Henker, dessen unehrlichen Namen man ebenso ungern aussprach wie den gefürchteten des Teufels, Meister Hans oder Schnurhänslein (neben Meister Peter oder Matz). Der hochdeutschen Form Johann entspricht die niederdeutsche Jahn, Jan in Janhagel, das als Spottname der Seeleute eine wie durch Hagelschlag zusammengebrachte Volksmenge bedeutet und von Bürger als Johann Hagel verhochdeutscht worden ist. Ähnlich beschimpften sich Bauern und Landsknechte gegenseitig als Hanst Mist und Hans Marter. Der Dummrian ist nichts anderes als ein Dummerjahn, wie aus der Schreibung dummer Jan in Seb. Francks Sprichwörtersammlung hervorgeht. (Die übrigen Hauptwörter gleicher Bildungsweise stellen eine satirische deutsch-lateinische Mischbildung der Humanisten dar: Grob-ianus, > Grobian, Schlendrian, Liedrian, Stolprian.)
Im Erzgebirge und den angrenzenden Gebieten nennt man einen Tierquäler einen Schinderhannes nach dem berüchtigten Räuberhauptmann Johannes Bückler. Mörike spricht im »Stuttgarter Hutzelmännlein« von einem einfältigen Menschen als von einem Hans Leand oder Leard, < Johann Leonhard und leitet davon die Tätigkeit, verhansleardlen mit der Bedeutung, »auf eine einfältige Weise verlieren, versäumen« ab.
17. =Josef=, unter einem »böhmischen Seff« versteht der Sachse allgemein den Böhmen, insbesondere den böhmischen Maurer.
18. =Karl=, latinisiert ~Cárolus~, davon abgeleitet der weibliche Name Karoline > Karline, der als Schelte üblich ist, »so eine alte Karline!« Die Soldaten scheinen besondere Vorliebe für Karl zu hegen: Der Schellenbaumträger bei der Regimentsmusik heißt Bimmelkarl, der Arresthausaufseher Fockenkarl; die Sachsen nannten im Felde den Fahnenschmied Hufkarl. »Klebekarl« für den Gerichtsvollzieher ist nach Müller-Fraureuths Wb. der obersächs. und erzgeb. Ma. ein Dresdner Ausdruck.
19. =Kaspar=, Melchior und Balthasar waren die drei Könige aus dem Morgenlande, beliebt beim Volke seit den im 15. Jahrhundert aufkommenden Sternsingerumzügen. Kaspar war »der schwarze und der kleine«, von dem Goethe singt: »... und mag wohl auch einmal recht lustig sein«. Die Bedeutung spaltete sich: »Der schwarze Kasper«, unheimlich und gefürchtet, wurde zum Beinamen des Teufels; anderseits trat das Merkmal des »Lustigmachers« in den Vordergrund, so daß Laroche im 18. Jahrhundert dem wiederbelebten Hanswurst den Namen Kasper gab. Im Kasperletheater ist noch jetzt Kasperl den Kindern liebvertraut. Jeder närrische Mensch, der herumkaspert, erhält die Bezeichnung Kasper. Wer Suppe leidenschaftlich gern ißt, wird als Suppenkasper verspottet.
20. =Katharine= > Käthe, Kathrine, Trine. Die Koseformen haben wie die anderer weiblicher Vornamen – Trude, Trutschel, Trautschel < Gertrud, Liese < Elisabeth – meist wegwerfenden Sinn: Dumme Trine, Heulliese, Bauerntrutschel. »Das laufend Katterl«, »Die schnelle Katharina« und »Jungfer Kathrine« sind verhüllende Bezeichnungen und vielleicht als eine Art Schulwitz aufzufassen (Katarrh?).
21. =Konrad= ist eine althochdeutsche Zusammensetzung aus kuoni = kühn und rât = Rat, als Name vornehmer Herren überaus häufig, daher mit Hinz zusammen in der Koseform Kunz allmählich zur Gattungsbezeichnung für den Bauern herabsinkend. Charakteristisch ist der Name des süddeutschen Bauernbundes »Der arme Konrad«, der fälschlich als »Kein Rat« gedeutet wurde. Für die Häufigkeit dieser und ähnlicher Vornamen und ihre typische Bedeutung spricht recht deutlich das Personenverzeichnis eines Lustspiels aus dem Jahre 1540 (mitgeteilt Z. f. d. U. 10, 395). Es führt folgende »Menner« an: Heintz der erst Schultheis, Contz sein son, Gotz der nachbeuren son, Seitz (< Siegfried) sein zechgesel, Ditz (< Dietrich).
22. =Laban=, in der Ra. »langer Laban« in Norddeutschland ein langer, aber schlaffer Mensch; in Schlesien ist dafür der Ausdruck »Labander« üblich.
23. =Leonore, Lenore= aus dem englischen Eleonore gekürzt, mit der weiteren Kurzform Lore. In Neustadt und in der Lausitz erhält ein in weiblichen Handarbeiten ungeschicktes Mädchen den Spitznamen »Pfefferlore«.
24. =Lorenz=, aus lat. ~Laurentius~, verkürzt zu Lenz. Die Deutung Faulenzer als einen faulen Lenz, der bei Hans Sachs als »Der faul Lenz« vorkommt und zur Schreibung Faullenzer Anlaß gegeben hat, wird jetzt allgemein abgelehnt. Man sieht in der Tätigkeit faulenzen eine der für Süddeutschland charakteristischen Bildungen auf -enzen = nach etwas schmecken, riechen, aus der dann erst das Hauptwort Faulenzer entwickelt worden ist. Wenn aber eine tiefe Verbeugung »krummer Lorenz« genannt wird, so ist dabei an den Menschen zu denken, der sie ausführt.
25. =Ludwig=, der schöne altgermanische Mannesname, ist auch in der französischen Form Louis seit dem Sonnenkönig Louis XIV. in Deutschland außerordentlich häufig und hält sich in manchen Gegenden, so im Vogtlande, mit Hartnäckigkeit, obwohl er infolge der Sittenlosigkeit am Hofe der französischen Ludwige in seiner Bedeutung tief gesunken ist. Er bezeichnet den Zuhälter, in Frankreich insbesondere die Dirne, während für jenen die Namen Adolphe und Alphonse, wahrscheinlich literarische Typen, gebräuchlicher sind.
26. =Magdalene=, biblischen Ursprungs, eigentlich die aus Magdala am galiläischen Meer Gebürtige, verkürzt zu Lene, gilt in Frankreich als Gemeinname für gefallene Mädchen und solche von lockerem Lebenswandel.
Lene kann auch Kürzung aus Helene sein. »Die fromme Helene« ist ein durch Wilh. Busch geschaffener Typus.
27. =Margarete= ist im Mittelalter bereits außerordentlich verbreitet, so daß Margret, Grete eine weibliche Person schlechthin bezeichnen: Hans und Grete, eine faule Grete (Liese). Wie _Marie_ < Maria, als Name der Gottesmutter während der mittelalterlichen Marienverehrung auf Millionen frommer Lippen, schließlich so gemein wurde, daß er verächtlich das derbe Bauernmädchen bezeichnete – noch jetzt wird die reiche altenburgische Bauersfrau in den angrenzenden sächsischen Gebieten als Bauernmärge (-marie) und ein plumpes bäurisches Mädchen auch in der Stadt als Bauernmieke (Koseform für Marie) verspottet, so gilt auch Grete, Grite oder Gritte als Gemeinname für ein boshaftes Frauenzimmer.
28. =Martin=, der Name des Heiligen, dem der 11. November geweiht ist. In Süddeutschland tritt der Pelzmärtel an die Stelle des Knecht Nikolaus oder Ruprecht; er heißt auch der gute Märtel. Meister Martin ist der mittelalterliche Sammelname für die Metzger.
29. =Matthias und Matthäus= < Mathis, Mathes > Matz in Hemden-, Hosen-, Spiel-, Tändel-, Plaudermatz oder in Verbindung mit einem den Familiennamen nachahmenden Übernamen wie Matz Fott = unmännlicher, feiger Mensch, Matz Pump = einfältiger Mensch oder Matz Klotz = derber, plumper Gesell; aus der bloßen Namensform Matz für einen einfältigen Menschen entwickelte sich die Verkleinerung Mätzchen zur Bezeichnung von Narrenspossen. Nach Schmellers bayr. Wb. bedeutet auch Hiesel < Matthias einen dummen Menschen; von dem Gemeinnamen wird die Tätigkeit hieseln = jemanden zum Besten haben, abgeleitet wie von _Gabel_, _Gaberl_ < Gabriel gabeln = übereilt handeln.
30. =Max= < Maximilian, spätlat. ~Maximinianus~, ist eigentlich der zum Geschlecht des ~Maximinus~ Gehörige. Volkstümlich wurde er besonders durch den »letzten Ritter«. »Max und Moritz« sind nach Busch zwei Musterknaben. Während des Weltkrieges entstand »Knallmaxe« als humorvoll-grimmige Benennung für die unaufhörlich schießenden Franzosen. Die Ra. »den Maxen machen«, bedeutet den Geprellten spielen. »Ein strammer Max« ist im Kaffeebaum zu Leipzig ein mit gehacktem Rindfleisch und einem rohen Ei belegtes Brot.
31. =Mechthild=, neben Mathilde veraltet, ist in der Kurzform Metze ein Schulbeispiel für die Bedeutungsverschlechterung: Aus dem stolzen Namen der Fürstin wird allmählich der überaus häufige Vorname von Bauernmädchen – in dem bereits erwähnten Personenverzeichnis des Lustspiels aus der Reformationszeit erscheint Metz als die Tochter der alten Genßhertin – die Pfaffenköchin und Lagerdirne und damit das verächtliche, feile Weibsbild überhaupt.
32. =Michael=, der biblische Erzengel, verschmolz bei den christlichen Germanen mit dem Schlachtengott Wodan, wurde darum in der Kurzform Michel – das ahd. Ew. ~mihil~ = groß, stark, mag mit eingewirkt haben – auf die deutschen Kämpfer übertragen und zur Bezeichnung der Deutschen überhaupt: Der deutsche Michel. Das Schlagwort hat mannigfache Wandlungen erfahren, ehe es seit den Freiheitskriegen zum Sinnbild des gesamten deutschen Volkes wurde. In der Reformationszeit galt es allgemein als Spottname für den einfältigen, tölpelhaften Deutschen, so daß es Stieler im »Teutschen Sprachschatz« Sp. 2277 durch ~idiota~, ~indoctus~ erklärt. Diese Bedeutung lebt in der Gegenwart fort: Quatsch-, Heulmichel; Linkmichel (in der Kundensprache ein Handwerksbursche, der sich noch nicht aufs Fechten versteht). Nach Mörike (Novelle »Der Schatz«) wird im Schwäbischen ein Jüngling, der das weibliche Geschlecht ängstlich meidet, ein »kalter Michel« genannt. Vetter Michel, den Goethe mit überlegener Ironie malt, wenn er sagt: »Laßt den Witzling uns besticheln, glücklich, wenn ein deutscher Mann seinem Freunde Vetter Micheln guten Abend bieten kann,« ist das Urbild des deutschen Philisters. Sich anbiedern wird darum auch durch: sich vettermicheln, sich anmicheln gegeben. Michelei, Micheltum sind Neubildungen der letzten Jahre.
In der dichterischen Anschauung nimmt jedes Volk von ausgeprägter äußerer und innerer Eigenart persönliche Gestalt an. Das französische Volk wird durch Marie-Anne, das Weib aus dem Volke, versinnbildlicht, das nach Heine als Sinnbild der wilden, ungebändigten Volkskraft 1830 »eine fatale Bürde abwirft«. John Bull ist die Verkörperung der englischen Wesensart, am nächsten verwandt mit ihm ist der amerikanische Vetter Uncle Sam. Tommy, wie die deutschen Soldaten jeden Engländer nannten, ist der Schottländer, Paddy (Koseform von Patrik, dem Schutzheiligen der Insel) der Bewohner des grünen Eilands, Tom der Neger. Im Elsaß ist Méchel (Michel) der Spitzname der Deutschen.
33. =Nikolaus=, der Name des früh schon heilig gesprochenen Bischofs zu Myra in Lyzien, kommt schon bei Oswald von Wolkenstein im 15. Jahrhundert in der Kurzform Nickel als Personenname vor. Er verband sich frühzeitig mit der Vorstellung des Kleinen, Unbedeutenden, die aus dem bei Luther vorkommenden Gegensatz des kleinen Nickels zum großen Hansen hervorging. Deshalb bezeichnet man damit nicht bloß Kinder, im Schwäbischen eigensinnige Mädchen, sondern auch erwachsene Personen, die mit etwas Tadelnswertem, das den Wert des Menschen herabsetzt, behaftet sind: Gift-, Zorn-, Filz-, Gron-, Laus- und Notnickel, Sau-, Schweinnickel; Schinder-, Schimpf-, Rußnickel. Auch auf liederliche Weibspersonen wird Nickel angewandt. Hansnickel war um 1680 zu Mühlhausen in Thüringen der Scharfrichter.
Der heilige Nikolaus war der Schutzheilige der Seefahrer. Darum heißt der Matrose außer Jack auch Klas, häufig mit wertverminderndem Beiwort: grober, dummer Klas, Drömklas.
In der Adventszeit – der 6. Dezember ist sein Namenstag – kehrt der Nikolaus bei den Kindern ein, und sie beten: »Ach lieber Sankt Nikolaus, schütt doch den Sack voll Nüsse aus.« (Auch Knecht Niklas oder Pelznickel.) Wenn im Französischen Nicolas den einfältigen Dummkopf – auch in der Verkleinerungsform Colas – bedeutet, so ist sicherlich die lautliche Ähnlichkeit mit ~nigaud~ von bestimmendem Einfluß gewesen. Das weibliche Colette bezeichnet ein zimperliches Frauenzimmer (Zimperliese).
34. =Oskar= ist ein im Norden (Schweden) häufiger Name < Ansgar. Eine Person von zudringlicher Frechheit wird mit der Ra. »frech wie Oskar« charakterisiert. Der Name ist im Französischen zur Bezeichnung des Zuhälters herabgesunken, auf welchem Wege, deutet H. Taine an: ~Ossian avec Oscar, Malvina et sa troupe, fit le tour de l’Europe et finit vers 1830 par fournir des noms de baptême aux grisettes et aux coiffeurs.~