Part 6
Gesteigert muß dieses Bewußtsein werden. Die Kinder werden bald erkennen, Menschen, Leute wie wir haben häßlich gebaut, haben aus Schönheit Kapital geschlagen, sind rücksichtslos gegen unsere Heimat – unser Eigentum – vorgeschritten. Aus unseren Kreisen auch stammen die Rohlinge, die Gleichgültigen, denen muß jeder einzelne ein Gegengewicht sein wollen, er muß der Naturschützer aus Grundsatz werden. Im Lehrplan von Kockel heißt es in § 6, Erl. 163: »Die Betrachtung der Natur soll den Menschen auch dahin führen, daß er einen rechten Gebrauch von den Naturkörpern macht. Er soll erkennen, daß in dem großen Haushalte der Natur ein Glied dem andern dient, daß aber nicht jedes Glied dazu da ist, dem Menschen unmittelbar zu dienen. Eben deshalb darf der Mensch nicht blind zerstörend in die Reihen der Wesen eingreifen. Eine sinnlose, mutwillige Verwendung von Naturgegenständen, eine solche, die nicht für unsere leibliche Existenz oder geistige Entwicklung vonnöten oder von Wichtigkeit ist, muß verurteilt werden« (nach Grüllich). Um nun das Gegengewicht gegen Gleichgültige und Rohe zu verstärken, muß jeder so Erzogene die Pflicht fühlen, die Schutzgemeinde zu vergrößern, vor allem zu denen zu gehen, die von Heimat- und Naturschutz noch nichts gehört haben: »_Ich muß beitragen zur Erhaltung der heimatlichen Schönheit!_«
Aus den drei Überzeugungen: »Ich kann noch Schönheit genießen; ich kann beitragen, sie zu erhalten; ich muß beitragen, sie zu erhalten,« ergibt sich dann auch das Ziel. Edelmotive werden solche Menschen zu ihren Taten leiten, ein festes Gesamtbewußtsein wird sie erfüllen, ihr Gemüt wird eine Vertiefung erfahren, und ein neues Pflichtbewußtsein zeigt ihnen den neuen Boden, in dem sie Wurzeln schlagen können, der ihr Boden ist, den sie bearbeiten dürfen nach ihrer Kraft.
Ich kann es mir nicht versagen, ein rührendes Beispiel dafür anzuführen, wie ein elfjähriger Knabe diese Gedanken in sich verankert hatte. Schon fünfviertel Jahr war ich von der Schule versetzt worden, an der Lehrern und Schülern ein Direktor Döring ein leuchtendes Vorbild eines begeisterten Heimatschutzarbeiters gewesen war. Da besuchte mich ein ehemaliger Schüler, der in meinen Heimatkundestunden gesessen hatte. Acht Kilometer hatte er überwunden, um mir zu sagen, er befürchte, daß der Wilisch bei Dresden von neuem abgebaut werde. Seine Mitteilung bewirkte eine Untersuchung der Angelegenheit, die die Abstellung von gewissen kleinen Unregelmäßigkeiten zur Folge hatte.
Es ergibt sich also, daß die Schule den Gedanken des Heimatschutzes aus Erziehungsgründen in staatsbürgerlicher Hinsicht in jeder Weise fördern sollte, wenn der Gedanke nicht schon von sich aus seine Durchführung verlangte. In seinem Programm des Naturschutzes sagte Professor Guenther: »Der Naturschutz ist keine Liebhaberveranstaltung, sondern Lebensnotwendigkeit für das deutsche Volk. Deshalb muß er im Staate gerade so seinen Platz haben, seine Beobachtung und Unterstützung finden wie andere Teile der Volkswirtschaft und der Lehrfächer.« Aus dieser Erwägung heraus ist ja auch die oben erwähnte Ministerialverordnung vom 12. August 1908 erlassen worden. Aber auch in der Schule stößt der Schutzgedanke auf mancherlei Hemmungen. Nur ein Teil der Lehrerschaft wird vollständig im Heimatschutz aufgehen können, anderen dafür andere Interessensphären überlassend. Diese Verschiedenheit ist der Schule natürlich von großem Wert; erinnert sei nur daran, daß jede größere Schule Verwalter für Lehrmittel, für Schulgarten, einen Organisator als Schulleiter, einen Musiker als Leiter des Chorgesanges, einen Turner als Turnwart braucht. An kleineren Schulen auf dem Lande erfolgt eine gegenseitige Befruchtung und Ergänzung durch Bezirkskonferenzen. Eine Stellung, die derjenigen des Schulchorleiters parallel ist, kann nun auch ein Lehrer einnehmen, der auf dem Gebiete des Heimatschutzes zu Hause ist. Wie jene Aufgabe nur ein musikalischer Lehrer erfüllen kann, so diese nur ein heimatlich besonders veranlagter, der, vom Vertrauen des Lehrkörpers bestimmt, ihr seine Kraft widmet. Für den Heimatschutz kann kein besonderes Fach angesetzt werden. Der Gedanke ist den Kindern gelegentlich nahezubringen, bei Behandlung von Lesestücken, im Geschichts-, Naturgeschichts-, Deutsch-, Zeichen-, Gesangsunterricht außer natürlich im heimatkundlichen. Eine Durchdringung, Durchsetzung des Volksganzen soll und kann durch die Schule erfolgen. Gelegentlich heißt nicht ohne System. Dieses hineinzubringen kann Aufgabe eines Schul- oder Bezirksvertrauensmannes sein, der selbst seine Heimat gründlich kennt, der beseelt ist von einer glühenden Liebe für sie, der erkennt, was im heimatlichen Bezirk not tut, der im Heimatschutz seine Lebensaufgabe erblickt und der von den Bestrebungen der Schutzorganisationen dauernd unterrichtet ist. Überall im Lande arbeiten Lehrer in dieser Richtung. Keine amtliche Bestätigung oder Verordnung schreibt ihnen ihre Aufgabe vor. Dennoch fühlen sie die Verantwortung in sich, daß an ihrer Schule, in ihrem Bezirke, die Kinder im oben dargelegten Sinne erzogen werden. Sie stellen fest, was im Schulbezirk schätzenswert ist, sowohl baulicher, als auch geologischer, botanischer und zoologischer Art. Sie forschen nach Geschichtsquellen des Ortes, sammeln Ortssagen. Sie achten auf lokale Unsitten der Kinder, wie z. B. Blumenverkauf an Fremde. Sie arbeiten neue Heimatkundelehrpläne aus, legen Heimatstuben oder Heimatmuseen an. In Konferenzen berichten sie und bringen Anregungen. Heimatliebenden Männern und Frauen ist diese Arbeit Notwendigkeit. In einem Dorfe des östlichen Erzgebirges ist durch die Arbeit der Schule der Schutzgedanke Allgemeingut der Kinder und auch der Erwachsenen geworden. Verstöße gegen die Schönheit der Heimat kommen dort kaum vor. Die geschützten und die anderen seltenen Pflanzen sind den Schülern alle bekannt, so daß diese in der Lage sind, an Sonntagen eine Art freiwilliger Bergwacht darzustellen. Und dieser Erfolg ist nicht mit einem großen Aufwand an Zeit erkauft worden, sondern nur durch die Persönlichkeit eines heimatliebenden Schulmannes.
Wenn nun auch diese Heimatschutzvertrauensmänner der Schulen oder Bezirke nicht amtlich bestätigt werden wie Chorleiter, Lehrmittelwarte und Schulgärtner, so wäre doch eine wirksamere amtliche Unterstützung des Heimatschutzgedankens in der Schule sehr zu wünschen. Schon bisher wiesen Schulämter und Ministerien von Zeit zu Zeit darauf hin, daß Fluren usw. geschont werden müssen und Obst nicht gestohlen werden darf. Dabei trat das Materielle zu sehr in den Vordergrund. Der Naturschutz gipfelte in Verboten, die oft nur wenig beachtet wurden. In der Schuljugend soll aber der eigene Wille zum Natur- und Heimatschutz geweckt werden. _Aus ästhetischem und ethischem Idealismus heraus soll sich in sittlicher Freiheit ihr Handeln bestimmen, wozu ein hartes, kaltes Verbot nicht so beitragen kann, wie ein eindringliches Sehendmachen für das, was schön, was bedroht und was schon verloren ist._ Vor allem sollten die amtlichen Stellen dafür sorgen, daß am Tage vor Ferienbeginn die Schüler mit einem Eindruck entlassen werden, der ihnen ein rücksichtsvolles Verhalten während der Ferienzeit erleichtert. Daß Naturschutz eine ernste Angelegenheit ist, würden sie fühlen, wenn anordnungsgemäß alle Klassen zu einem kurzen, aber eindringlichen Vortrage von einem begeisterten Heimatschützler unter der Lehrerschaft in den Schulsaal zusammengerufen würden. Vor allem aber ist zu wünschen, daß vom Ministerium einmal ein unzweideutiges Verbot jeden Blumenpflückens bei Klassenwanderungen erlassen würde. Den Lehrern würde dies eine ganz bedeutende Erleichterung sein. Vielleicht mag es vielen Eltern als eine Härte erscheinen, wenn ihr Kind von der »Partie« ohne Strauß heimkehrt. Aber wie schwer schädigend kann eine Klasse in einen reichen Blumenbestand eingreifen! Zudem ist, wie jeder Lehrer immer wieder mit Seufzen feststellt, die Schularbeit mit viel Halbheit verbunden. Wo kommt man zu einem endgültigen Ziele? Hier ist einmal Gelegenheit, die Kinder das Gefühl empfinden zu lassen, das man hat, wenn etwas restlos konsequent durchgeführt worden ist. _Durch ein Kompromiß erziehen wir die Kinder nicht zum Heimatschutz._ Sie müssen durch die in diesem Falle starre Haltung des Lehrers stutzig gemacht werden, damit ihnen überhaupt einmal eine Ahnung davon aufdämmert, um was für eine große Sache es sich hier überhaupt handelt. Die Freude am schönen Blumenstrauß mag auf einer Wanderung ersetzt werden durch die höhere Freude an weiten Blumenflächen, auf denen erst die Masse wirkt, und durch das stolze Gefühl innerer Kraft.
Die Schule kann eine Schutztruppe schaffen für die Heimat, die genau weiß, wofür sie eintritt. Es ist ein Dienst an Land und Volk, wenn ursprüngliche Schönheit erhalten bleibt. Das Volk aber wird mit einem Ideal durchsetzt, das von innen heraus keine Gegner finden kann. Daß die Ziele zu erreichen sind, lehrt die Erfahrung. Wenn sich nämlich einerseits zeigt, daß Kinder den Gedanken der Schonung von vornherein nicht in sich tragen, den Unterschied zwischen schön und häßlich nicht kennen, so kann man anderseits nach entsprechender Beeinflussung feststellen, daß sie mit Begeisterung den Schutzgedanken aufnehmen, daß sie froh und stolz sind, schaffen, mit wirken zu können am Schicksal der sie umgebenden Heimat. – »Das ist der Heimatschule letzter Gesichtspunkt: Aus dem einzelnen auf das Lebensgesetz zu kommen und die Heimat als das wissenschaftliche und lebendige Ethos in der Schule anzusehen.« (Bl. f. Naturschutz, 1920, 1/2, S. 6.)
Aus unserem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst
Von _O. Seyffert_
Wir bringen heute drei Abbildungen aus unserem Museum zur Weihnachtszeit. Tausende von Besuchern erlebten hier glückliche Stunden. Viele hilfsbereite Hände hatten dieses Weihnachtsglück geschaffen. In der vorhergehenden Nummer unserer Mitteilungen hat Richard Bürkner über Weihnachten im Landesmuseum geplaudert. Ich kann dieser anschaulichen Schilderung wenig hinzufügen. Es war dieses Jahr wie alle Jahre: es war alles so vertraut und bekannt und doch war alles neu. Die Christbäume erzählten lustige Kindermärchen, lange Papierketten schwebten von ihnen herab, dunkelblaue und goldne Blumen blühten, zarte Schnittarbeiten, Englein und seltsame Vögel, Sterne und allerhand Pfefferkuchen – nein, wie die verführerisch dufteten! – schmückten die Fichten, die wie immer aus Pfaffroda im Erzgebirge gekommen waren. Und von einem feierlichen Adventsleuchter fielen buntfarbige Herzen herab auf die Erde, die so etwas gebrauchen kann – zu alledem sangen frohe Menschen:
»Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist, Da kommt zu uns der heilige Christ.«
Sicher hat gar mancher, der daheim das Fest aller Feste (so wurde auch das Gauklerfest in Dresden benannt) nicht feiern konnte, es im Landesmuseum in seiner Herrlichkeit erlebt.
Und beim Nachhausegehen klangen alte Lieder den Kindern in der Seele:
»Nun wünschen wir auch allen eine schöne gute Nacht, Von Samt und Seide ein Bettchen gemacht, Von Zucker und Rosinen eine Tür, Von Pfefferkuchen ein Schlößchen dafür Und von Muskaten eine Schwell Und einen Engel zum Schlafgesell.[5]«
Unsere erste Abbildung zeigt einen geschmückten Baum in der kleinbürgerlichen Stube im Erdgeschoß des Museums. Dies Zimmer ist dem Gedenken eines im Weltkriege Gefallenen geweiht. Aus dem Fichtengrün glühen dunkelrote Herzen und leuchten goldne Nüsse. Leider sind auf unserem Bilde die Herzen, bedingt durch die photographische Aufnahme, schwer erkenntlich. In Wirklichkeit aber war ihr Rot gar wundersam, und der Dreifarbenklang Gold, Rot, Grün übte einen eigenen Zauber aus. Junge Mädchen der höheren Töchterschule in Dresden-Neustadt hatten diesen Baum geschaffen, der von Liebe und goldenen Träumen erzählte.
[Illustration: Abb. 1. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: =Kleinbürgerliche Stube=]
Nun will ich aber noch von wichtigen Neuerwerbungen unserer Sammlung berichten.
Zu unseren zwei Krippen sind zwei weitere gekommen. Das ist ein Reichtum, auf den ich stolz bin.
[Illustration: Abb. 2. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: =Krippe von K. Feuerriegel-Frohburg=]
Erstens: Die keramische Krippe von Kurt Feuerriegel, dem bekannten Töpfermeister in Frohburg, der schon mit vielen Werken im Museum vertreten ist. Die Sächsische Landesstelle für Kunstgewerbe hat die Krippe uns überwiesen.
In einer Grotte erblicken wir Joseph und Maria, sich zu dem Kinde neigend. Ein Esel und ein Öchslein gucken vergnüglich links und rechts hervor. Engelsköpfe schauen aus den Wolken auf die Gruppe herab. Und die heiligen drei Könige bringen ihre Geschenke. Sie sind über alles Lob reich gekleidet, und viele bunte Glanzlichter glitzern auf ihren Gewändern. Ein Kamel lagert sich in ihrer Nähe. Sein schwarzer Führer hat sich demütig niedergeworfen, um das heilige Kind anzubeten. Aber auch weitere Gäste sind aus dem Orient gekommen. Auf einem Elefant reiten zwei Mohrenjungen, die kostbare Gaben mit sich führen. Der eine ist leider im Begriff, von seinem Reittier herunterzurutschen und befindet sich in etwas besorgniserregender Verfassung. Das Lustigste, Volkskundlichste ist aber ein dritter kleiner Mohr, der keck auf einem Ziegenbock sitzt. Hier ist Feuerriegel etwas ganz Köstliches gelungen. Hirten mit ihrer Herde und ihren Schäferhunden haben sich der vornehmen, ausländischen Gesellschaft angeschlossen und vervollkommnen das Ganze.
Was uns dieses Werk aber besonders lieb und wert macht, ist seine Materialechtheit. Es ist aus Ton geschaffen und will nichts anderes vorstellen. Seine bunten Farben und die glänzende Glasur geben einen eigenen, seltsamen Reiz.
[Illustration: Abb. 3. Landesmuseum für Sächsische Volkskunst: =Krippe von Burkhard-Ebe=]
Zweitens: Die Krippe vom Bildhauer Burkhard-Ebe, die er gemeinsam mit seiner Frau hergestellt hat. Sie hatten ihre Kinder damit zur Weihnachtszeit erfreut, und nun erfreut sie im Museum alle Besucher. Die Figuren sind aus einer Tonmasse. Sie tragen aber stoffliche Gewänder, wie die Gestalten der Krippe von Hilda Schlüter, die schon seit Jahren dank der Freigebigkeit eines Gönners im Besitze unseres Museums ist. Ihr gegenüber hat die Neuerwerbung nun auch Aufstellung gefunden. Die blonde Maria, die ihr Kindlein sorgsam auswickelt, ist von wunderlieber Anmut. Joseph blickt zum Himmel empor. Rechts stehen die Könige. Der Mohr ist ein prächtiger Kerl. Eine Truhe, aus der die Geschenke für das Christkind hervorlugen, fordert ganze Aufmerksamkeit für sich. Zwei Hirten nahen betend, während der dritte seinen Dudelsack mit eifriger Hingebung bläst, um das liebe Jesulein zu ergötzen. Mit dem linken Fuße tritt er den Takt zu seiner Musik, die sicherlich alle erfreut. Im Vordergrunde sind die Schafe, die mit den Hirten gekommen sind und ihre Anteilnahme dem Stroh in der Krippe entgegenbringen.
Das Werk hat eine feine, farbige Wirkung. Besonders volkstümlich sind die Wacholderbäumchen, die mit ihrem dunklen Gezweig das Ganze abschließen und an das Weihnachtsgrün der Tannen gemahnen.
Es ist eine alte Überlieferung, Krippenfiguren mit Stoffgewändern zu schmücken. Ich erinnere an die reiche Krippenausstellung im Nationalmuseum zu München. Es kommt in dieser Sitte eine volkskundliche Anschauung zum Ausdruck, die wir z. B. auch bei den Marionettenfiguren und beim Kasperle finden, die ja bekleidete Holzfiguren sind. Es ist das Loslösen vom rein Bildhauerischen der hohen Kunst.
Ein Vergleichen unserer neuen Krippe mit der ihr gegenüber aufgestellten Schlüterschen Anbetung gibt zu vielen Betrachtungen Anlaß.
Ist letztere aus katholischer Art erwachsen – die Jungfrau Maria thront als Himmelskönigin mit hoher goldener Krone, der arme Zimmermann Joseph fehlt – so ist die Neuerwerbung protestantisch. Die Maria ist keine Königin, sondern Mutter, und der Joseph ist ihr Mann und deshalb zur Stelle.
Ich wollte eigentlich noch viel erzählen. Da fällt mir eine Erinnerung ein. Du mein Gott! wenn man älter wird, hat man Erinnerungen.
Ich war auf einem Volksfest und stand neugierig vor einer Bude. Der Ausrufer rief: »Hereinspaziert, meine Herrschaften, hereinspaziert! Innen können Sie alles genau sehen, was ich Ihnen erzählt habe!«
So ist es auch mit dem Landesmuseum für Sächsische Volkskunst. Innen können Sie alles sehen, was ich zu schildern versucht habe. Und noch viel mehr.
Und ein vereidigter Rechnungsrevisor beglaubigt: Das Museum hat siebzehntausendeinhundertvierundzwanzig Nummern.
Und ein kleines dickes Mädel antwortete auf meine Frage, was ihm am besten gefallen habe, mit leuchtenden Augen: Alles hat mir am allerbesten gefallen!
[Illustration]
Fußnote:
[5] Aus einem Christspiel aus Neufriedersdorf bei Neusalza.
Die Wohnräume, ausgestellt vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz auf der »Jahresschau 1925«
Von _O. Seyffert_
Die Jahresschau »Wohnung und Siedelung« hat ihre Pforten schon längst geschlossen. Der Grundsatz, daß die Aussteller ihre eigenen Juroren sein mußten, da die Ausstellungsleitung wohl die Herstellung der Hallen übernahm, sich aber einer Aufnahmekritik enthielt, war auch bei ihr wie bei ihren Vorgängerinnen befolgt worden. Unsere Zeit diktierte diesen Grundsatz, und es läßt sich nicht leugnen, daß er vieles Gute zum Leben erweckte. Aber jedes Ding hat zwei Seiten.
Es mußte sich von selbst zeigen, daß die Dresdner Ausstellungen nicht die geschmackliche und künstlerische Höhe erreichen konnten, die andere Veranstaltungen mit strenger Aufnahme-Jury haben mußten. Es liegt uns fern, nachträglich eingehend Kritik üben zu wollen. Das Suchen und die Unklarheit unserer Zeit kamen wie überall zutage. Das Kunstgewerbe – das Wort fängt an, einen Beigeschmack zu bekommen – zeigte sich reichlich in den _Wohnräumen_ und konnte, wenn es sich nur auf dekorative Äußerlichkeiten stützte, nicht befriedigen. Da, wo der Schmuck sich dem Ganzen unterordnete und wo er nicht wie eine tropische Schlingpflanze überwucherte, empfand man ihn als eine Bereicherung. Aber dieser Genuß wurde dem Beschauer nicht immer zuteil.
Wir wollen heute in Anschluß an diese Betrachtungen nur ein kurzes Wort über die Wohnräume der Ausstellung sprechen. Mir kam es vor, als ob der Geschmack Ludwig II. von Bayern noch lebendig sei und sich hier und da in die Zimmer der sogenannten besseren bürgerlichen Stände geflüchtet hätte.
[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=
Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]
Die Architektur, die Mutter aller Künste, wurde oft vom Beiwerk erstickt. Und das Schlimmste war, was den Volkskundler bedenklich machte, daß das Publikum staunend diese falsche Herrlichkeit bewunderte und sich innig danach sehnte, aus der »öden« Wirklichkeit in den berauschenden Prunk zu gelangen. Und das tat nicht nur die Unschuld vom Lande, sondern auch der Großstädter in seinen vielseitigen Schattierungen. Immer verständlicher wird der neuzeitliche Ruf, sich von überflüssigem Äußerlichen fernzuhalten und eine Sachlichkeit anzustreben, die aber durchaus nicht bar von jeder Schmuckform zu sein braucht. Denn wir teilen nicht die Ansicht derer, denen höchste Schmucklosigkeit höchstes Gebot ist. Wir wollen nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir wollen nicht arm von allen Gefühlswerten sein. Wir wissen nicht nur den ästhetischen, sondern auch den wirtschaftlichen Wert _guten_ Kunstgewerbes einzuschätzen. Wir wollen aber auch nicht an Gefühlsduselei ersticken.
[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=
Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hatte nun, um diese wichtigen Fragen klären zu helfen, eine Anzahl Zimmer ausgestellt, die in seinem Auftrage Professor ~Dr. h. c.~ Heinrich Tessenow entworfen hatte, und die in den Deutschen Werkstätten, Dresden-Hellerau, ausgeführt worden waren. Es erscheint hier überflüssig, auf die Eigenart Tessenows einzugehen. Er ist Architekt und nicht Kunstgewerbler. Er ist Architekt, der im Handwerklichen wurzelt.
[Illustration: Entwurf: =Heinrich Tessenow=
Ausführung: =Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau=]
Unsere Ausstellung zeigte einen Weg. Tessenow hatte absichtlich in seinen Räumen die kleinen Gebrauchsgegenstände, die hineingehören, weggelassen: Er gab uns einen Totaleinblick. Eine vornehme Harmonie in Form und Farbe, etwas Selbstverständliches war erreicht. Die Abwägung der Verhältnisse war höchstes Gesetz. Und so einfach das Ganze auch war, so machte es doch nicht den Eindruck des Armen, das »von der ~pauvreté~ kommt.« Es war der Ausdruck geläuterter Kultur. Freilich, in diese Räume gehörten auch Menschen, die sich schlicht und vornehm kleiden, gute Bücher lesen usw. und sich nicht putzen wie ein Pfingstmaienbaum. Die Familie Raffke mit ihrer Verwandtschaft fühlte sich, wenn sie zu Besuch war, höchst unwohl.
[Illustration: =Deutsches Hygiene-Museum. Stube, zusammengestellt von O. Seyffert=]
Ferne sei es, die Tessenowschen Zimmer als die einzige Lösung hinzustellen. Ich bekenne von neuem, sie zeigten uns aber einen Weg zur Gesundung. Sicher kann man auch reichlichere Ausdrucksmittel als Tessenow wählen, wenn nur die Gesinnung eine ehrlich künstlerische ist.
Wie war nun der Eindruck auf das große Publikum? Vernichtend.
Das heißt, für das liebe Publikum.
»Das soll Heimatschutzstil sein? Hahaha! Hihihi!«
Ich weiß nicht, was Heimatschutzstil ist – gibt es überhaupt einen solchen? Ist nicht der gute Geschmack auch Heimatschutzstil? Denken sich die Leute noch immer Butzenscheibenromantik in moderner Aufmachung? Die Fensterläden mit einem Herzchen versehen?
Wir sehen, die Schnörkel, Tapeziererunkünste und die Süßigkeiten der Nippes haben die Leute allzusehr beeinflußt. Aber gerade unsere Zeit mit ihren Nöten muß uns doch ganz von selbst zur Schlichtheit führen.
Ich war strebend bemüht, solche Gedanken zu verbreiten, denn oberflächliche Urteile wurden vernichtend und schnell geführt.
Das letzte Bild bringt einen weiteren Beitrag zu unserem Thema. Für das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hatte ich eine Stube zusammengestellt, wie sie _nicht_ sein soll. Große Buchstaben verkündeten dies. Das war nötig, sonst hätte es wahrhaftig Menschen gegeben, die bei diesem Schreckensraum »ach, wie nett!« ausgerufen hätten. Waren hier in erster Linie auch hygienische, nicht ästhetische Gründe maßgebend, so vereinigte sich doch alles zu einem echten Bilde unserer Unkultur. Die drei Tage, an denen ich all die Sachen zusammengekauft habe, bleiben dunkle Punkte in meinem Leben. Ich habe mich geschämt, das Zeug zu erwerben und guckte beim Einkauf verstohlen nach links und rechts, ob meine Missetat von jemandem beobachtet würde.
Nun – es ist alles überwunden, und dieses abschreckende Beispiel hat seinen Zweck erfüllt. Es hat manchem die Augen geöffnet. Es wirkte erzieherisch. Und immer und immer wieder wollen wir uns den Satz ins Gedächtnis rufen:
Geschmack bilden, heißt den Charakter bilden.
Die Himmelmühle im Erzgebirge
Von _Curt Guratztsch_, Dresden
Mit Aufnahmen des Heimatschutzes
Wenn man auf der Straße von Wolkenstein nach Wiesenbad hinunterfährt – vielleicht, um noch die neun Kilometer bis Annaberg zurückzulegen –, so sieht man an einer Wegbiegung einen Augenblick ins Tal hinunter auf die Himmelmühle. Das ist an sich nichts Besonderes. Man hat solche Landschaftsbildchen ziemlich häufig im Obererzgebirge; in ihrer Sonderart könnten sie allenfalls einen Maler von der Art der Niederländer reizen, einen, den das schlichte Ineinander von Natur und Menschenwerk Wunders genug dünkte, um es in ein Bild einzufangen, ohne alle Zutat von Schwärmerei, mit niederdeutscher Sachlichkeit. Sein Bild müßte aber so sein: auf gegenüberliegenden Hängen steigen hohe Erzgebirgsfichten hernieder; dazwischen liegt ein Tal, und die tiefste Rinne darin wird von einem Flüßchen gebildet, das ziemlich rasch und in Schaumkreisen über Geröll hinwegstrebt. Es ist die Zschopau. Das Tal bildet natürlich eine grüne, im Sommer sehr saftig strotzende Wiese, und darin liegen um einen Fabrikschornstein etliche Gebäude. Da dieser Anblick sich im Erzgebirge so oft wiederholt, könnte man das Bild davon neben die zahllosen Bilder von niederländischen Mühlenlandschaften stellen; es wäre ein Gleichnis dazu, denn beidemal wird ein Stück Landschaftstum aufgefangen. In unserem Falle könnte man dann »Himmelmühle« darunter schreiben.
[Illustration: Abb. 1. =Blick vom »Heiligen Hain« in das Zschopautal, im Hintergrunde der Pöhlberg bei Annaberg=]
So läßt sich der Ort, von dem hier die Rede sein soll, anspruchslos an, wie das Erzgebirge ja auch sonst. Es ist wohl möglich, daß er Vorbeifahrenden – am rechten Ufer der Zschopau läuft nämlich der Bahnstrang entlang – im Sommer und bis in den Spätherbst hinein aus dem besonderen Grunde aufgefallen ist, weil zwischen den Gebäuden jenseits des Flusses ein holder Rosenhag blüht. Der Besitzer der Himmelmühle hat ihn vor ein paar Jahren geschaffen, und er entfaltet sich in der milden Luft der Talsenke von Jahr zu Jahr reicher. Aber im übrigen wird man eben, wie gesagt, nur mit den Gefühlen auf das Anwesen geschaut haben, wie auf solche Gebäudereihen in Erzgebirgstälern überhaupt. Der Heimatfreund _will_ ja auch gar nicht fortgesetzt etwas Neues, eine ewig aufhaspelnde Abwechslung. Diese Himmelmühle, im Grunde zwischen Wiesenbad und Wolkenstein, ist nur darum bemerkenswert, weil sie davor bewahrt geblieben ist, etwas geschmackswidrig »Neuzeitliches« zu werden, weil sie mit dem Stilgefühl wieder aufgebaut wurde, daß der Formwille der Landschaft nicht gekränkt wurde.
Aber wir wollen unseren Wagen doch einmal auf der breiten Talstraße oberhalb halten lassen und auf einem Fußwege zur Mühle hinuntersteigen.
[Illustration: Abb. 2. =Rundblick vom Streckewalder Rücken aus gesehen. Im Vordergrund die Himmelmühle=]
Es ist eine Fläche von achtzigtausend Quadratmetern, die durch das Anwesen Himmelmühle umspannt wird. Wenn man hinzunimmt, daß insgesamt einhundertundzwanzig Seelen darauf wohnen, so findet man die stattliche Zahl der Gebäude nicht verwunderlich. Sie scheiden sich durch den Vorgarten des Herrenhauses und werden an beiden Enden des Raumes durch je eine Brücke über die Zschopau abgeschlossen. Auf unserem Fußwege gelangen wir gerade auf den Fabrikplatz zu. Mit breiter Front steht das »Schokoladenwerk Himmelmühle« links vor uns. Es ist ein Bau von acht Stockwerken und 17 Metern Tiefe; auf dem spitz zulaufenden Schieferdach sitzt ein Türmchen; die Bauweise ist ländlich; das Haus überragt wohl die Nebengebäude, bringt aber nicht etwa den Eindruck eines amerikanischen Riesen hervor. Drei von den Stockwerken sind nämlich in die zweifach gebrochene Dachlinie aufgenommen. Vor dem Schokoladenwerk liegt das Kesselhaus mit dem Schornstein. Rechts, nach dem Ufer der Zschopau zu, schließt das Herrenhaus an, ein Gebäude mit flachem Dach, und insofern herausgehoben aus der Zahl der übrigen. Schmuckwerk fehlt auch hier; die Bauten wirken insgesamt nur durch die Schönheit ihrer Sachlichkeit. Zwischen Herrenhaus und Fabrik hindurch kommt man auf einen viereckigen Platz, den drei erzgebirgische Fachwerkbauten, das Lange Haus[6], das Kurze Haus und das ehemalige Schulhaus umgeben; damit hat man nach der einen Seite zu das Ende erreicht. Man wendet also, geht am Vorgarten des Herrenhauses und einem hübschen Pavillon in seiner entferntesten Ecke vorüber und kommt nach einem Weilchen zu der anderen Gebäudegruppe zschopauabwärts, der das Gasthaus Himmelmühle, ein Landwirtschaftsgebäude und ein Beamtenwohnhaus des Kraftwerkes Westsachsen, zugehören. Dahinter sieht man noch einen Wiesenrücken, der, wie am entgegengesetzten Ende, mit Obstbäumen bepflanzt ist; zur Höhe hinauf gewahrt man die viel begangene Talstraße, ein Notstandswerk aus den Jahren 1923 und 1924, dem die Ergänzung nach Wolkenstein heute noch fehlt.
[Illustration: Abb. 3. =Blick von Osten auf das Zschopautal mit Himmelmühle=]