Part 4
Fünfzehntausend Mark! Hätte ich doch meinen Gedanken nicht so ganz freien Lauf gelassen! Aber schon war es zu spät! Fünfzehntausend Mark! Auf den letzten Pfennig genau war es derselbe Betrag, der mein einst war und den ich vor ein paar Jahren in den Händen meines deutschen Vaterlandes kleiner und immer kleiner werden sah, bis er sich eines schönen Tages, oder sagen wir lieber eines schlimmen Tages, in ein Nichts aufgelöst hatte. Doch, machen wir es ganz wie unser Vaterland: reden wir nicht davon! Fünfzehntausend Mark! Um sie zu erlangen, braucht es schon anderer Vorbedingungen, als sie bei mir erfüllt sind, da muß man Z... heißen, aus Gr... in der sächsischen Lausitz stammen und in der 5. Sächsischen Heimatschutz-Geldlotterie das Los 86156 ziehen. Immerhin, wer es auch gewonnen hat, es sind und bleiben doch fünfzehntausend Mark. Nach dieser unwiderlegbaren Feststellung muß ich wohl oder übel meinem griechischen Freunde Morpheus in die weichen Arme gefallen sein; denn nach kurzer Zeit hatte ich das beglückende Gefühl, als besäße ich fünfzehntausend Mark. Und mit all meiner Freud’, was fang’ ich wohl an? Nun, laßt mich in der mir angeborenen Bescheidenheit mit mir selbst beginnen! Oder halt: schnell erst eintausend Mark auf die Seite geschoben für arme Leute als Weihnachtsgeschenk, es könnte sonst zuletzt nichts mehr übrigbleiben! Dann kommt mein Teil. Ach, wie schäbig sieht mein »guter« Anzug aus, den ich mir vor dem Kriege nach Maß bauen ließ. Nichts ist mehr schön daran als die Knöpfe allein. Richtig, vor ein paar Jahren gewann ich bei einem Preisausschreiben fünfzig Mark, und als ich die Summe brüderlich teilte, da sprang für mich eine neue Steinnußknopfgarnitur heraus. Morgen also will ich zu einem Dresdner Schneider gehen, der nur nach der ersten Taxe berechnet und womöglich auch da noch etwas draufschlägt, und vor dem Christfeste noch muß der Anzug fertig sein. Dann kaufe ich mir Bücher über Bücher; ich bin den jetzt lebenden Dichtern noch soviel Dankbarkeit schuldig: von manchen besitze ich _ein_ Buch, von den meisten aber auch das nicht einmal. Ganz verarmt bin ich in literarischer Beziehung, und mit einer wahren Todesverachtung verschlang ich noch bis gestern sämtliche Weihnachtskataloge, die mir mehrere Buchhändler freundlichst überreicht hatten. Das soll nun anders werden: von morgen an begnüge ich mich nicht mehr mit empfehlenden Extrakten, sondern ich trinke nun wieder an der Quelle und werde da lange, lange sitzen bleiben können. Gegenwärtig sitze ich noch im Dämmerlicht der Gaslampe, und meine Füße ruhen auf den selbstbraunfleckig gestrichenen Dielen. Im ersten Jahre unserer sonst so glücklichen Ehe schenkten uns reiche Verwandte sechzig Mark für einen Teppich. Wir brauchten aber das Geld für höhere Zwecke, und so verwandelte sich der Teppich in einen Zukunftstraum und ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Aber das soll nun anders werden, morgen schon kaufe ich einen Teppich, nicht für einmal, nicht für zweimal, nein, für siebenmal sechzig Mark, wenn es so teure überhaupt gibt, nun, bei Weymar auf der Schloßstraße wird wohl Rat werden. Und alle unsere Zimmer sollen in elektrischem Licht erstrahlen.
Und jetzt kommt ihr an die Reihe, meine beiden Kinder! Du, Reinhart, mein Sohn, brauchst nun keine Hosen mehr zu tragen, in die deine Mutter einen ganz bestimmten Teil neu einsetzen mußte, brauchst auch weder abgenutzte Hüte, Schlipse und Schuhe deines Vaters noch weiter abzutragen; du sollst schon morgen vom Scheitel, den du immer so fein pflegst, bis zur Sohle, die du seit langem schon durch Pneumette-Einlagen aus dem Reka gangbarer zu gestalten trachtest, neu ausstaffiert werden. Und während ich dich von der höheren Schule wegnehmen mußte, weil ich die Millionen und Milliarden nicht mehr erschwingen konnte, gehst du nun dank den drei Nullen, die ohne Komma an der fünfzehn hängen, wieder aufs Gymnasium, wo du trotz deiner reichgeschmückten Oberlippe aufgenommen werden wirst. Dann siedelst du nach Klein-Paris über, das bildet seine Leute, da kannst du studieren und singen nach Herzenslust. Und für dich, Sieglinde, meine Tochter, brauchen wir nun nicht mehr die Möbel an die Wand zu malen; in das feinste Dresdner Möbelhaus, in die Hellerauer Kunstwerkstätten wollen wir gehen, nein ... fahren, und für dich Möbel aussuchen, das sich gewaschen hat. Dann wird mir noch immer Geld genug übrigbleiben, und so kann ich zu meiner Schwester Martha, die sich im Kriege am Krankenlager der Soldaten viel zu schaffen gemacht und sich dabei eine schwere Krankheit zugezogen hat, sagen: mach dir keine Sorge um deine Gesundheit, gehe den ganzen Winter nach dem warmen Süden, und komme im Frühjahr geheilt zurück!
So träumte ich noch lange Zeit dahin. Plötzlich hörte ich, und das war schon kein Traum mehr, zwei Türen ganz verdächtig quietschen, die eine, die vom Schlafzimmer nach dem Vorsaal, und die andere, die von dort nach meinem Zimmer führt. Richtig, dachte ich schnell noch im Vollbesitz meiner fünfzehntausend Mark, auch sämtliche Türen meiner Wohnung lasse ich morgen ölen! Und vor mir stand sie, meine Lebensgefährtin, die mich auch in den Jahren der Armut Tag für Tag mit Liebe und Treue umgeben hat. Behutsam weckte sie mich aus meinem Halbschlummer und führte mich in das Gefilde der Wirklichkeit zurück, die doch auch so schön, ach, so schön ist. Ich umarmte sie lange und berichtete ihr freudestrahlend von meinem doppelten Glück: einmal hatte ich Mitgliedsbeitrag gezahlt für zwei Monate auf einmal, und umgaukelt hatte mich ein schöner Traum!
Paul Krause.
Naturschutz und Gesetzgebung
I.
Für die meisten Menschen in unserem engeren Vaterlande sind die Begriffe »Heimatschutz« und »Naturschutz« gleichbedeutend mit der Arbeit unseres »Landesvereins«. Und doch haben die wenigsten eine rechte Vorstellung davon, wie wir unsere Aufgaben eigentlich zu lösen versuchen. Jetzt, da der Staat uns zu stützen verspricht, ist es vielleicht angebracht, einen Rückblick zu werfen auf _Umfang_ und _Art unserer bisherigen Arbeit_. Die unerläßliche Grundlage aller Heimatschutzarbeit ist ihre Resonanz in den breitesten Volksschichten. Unser Volk muß wissen und fühlen, welche Fülle von wirklichen Naturschönheiten, von unersetzlichen Gemütswerten unsere Heimat birgt, weil nur dieses Gefühl uns fest an die Scholle binden kann, uns, die wir leider in so vielen Dingen schon allzusehr entwurzelt sind. _Dieses Heimatgefühl im Volke zu wecken, es durch Belehrungen tiefer zu begründen_, ist deshalb die erste und vornehmste Aufgabe des Landesvereins. Er sucht sie zu lösen durch Wort und Bild, durch Zeitschrift und Vorträge. Nun erst kommt der eigentliche »Schutz«, sei es einzelner Pflanzen, Tiere, Felsen, sei es ganzer Schutzbezirke, sogenannter »Naturschutzparke«. Eine Aufgabe, die wiederum nur dann recht erfüllt wird, wenn sie getragen wird von der Volksmeinung, wenn das _Volk_ Träger des Schutzbegehrens ist, nicht der Vereinsvorstand.
Wie wir im einzelnen den Schutz ausüben, sei an einigen Beispielen gezeigt. Da hat irgendein Bauer auf seiner Wiese eine herrliche, breitkronige Buche stehen. Sie verdämmt zwar in ihrer Umgebung den Graswuchs, aber in ihrem Schatten kann man ruhen und weit hinaus ins Bergland blicken. Am benachbarten Waldrande wachsen seltene Blumen, Türkenbund und sibirische Schwertlilien, Mondviolen und Einbeeren. Ein Heimatschutzmann, der das Herz auf dem rechten Flecke hat und der die Volksseele zu nehmen weiß, geht hin, drückt seine Freude über dieses Naturbild, seine Sorge um dessen Erhaltung aus. Er findet bei dem Bauern den echten Heimatstolz und das volle Verständnis. Bald ist man handels- und herzenseins. »Solange ich lebe, soll keine Axt an den Baum, keine Sichel an die Blumen kommen.« Ein mannhafter Händedruck und ein »Naturschutzvertrag« ist geschlossen – wäre es immer so! Ein anderer Bauer hat inmitten seiner Wiesen einen Fleck mit seltenem Enzian. Er ist arm, kann nicht auf die Nutzung verzichten – der »Landesverein« pachtet ihm den kleinen Fleck ab, schützt ihn durch eine Drahteinfassung. Oder es handelt sich um eine ganze Wiese, ein Gehölz. Wir kaufen sie und verpachten die Nutzung, nur mit der Einschränkung, daß wir den Zeitpunkt des Schnittes bestimmen, nämlich dann, wenn unsere seltenen Blumengäste verblüht und ihre Samen ausgestreut haben. Der Erfolg ist verblüffend, in wenigen Jahren ist ein Blütenteppich von entzückender Buntheit entstanden, und am Gehölzrand glüht verschämt selbst die köstliche Feuerlilie. Wenn es freilich einmal ein richtiger großer Schutzbezirk werden soll, dann gehen die Vereinsgelder aus – aber dann hilft vielleicht eine »Heimatschutzlotterie« aus den Nöten. Aber Geld allein tut es nicht, ein wenig Schlauheit gehört auch zum Handel! Denn die biederen Grundstücksbesitzer können es nicht fassen, daß jemand so dumm ist, Land zu kaufen, nur um darauf Pflanzen und Tieren eine Freistatt zu gewähren. Sie wittern weitblickende Spekulationen – vielleicht will man ein Sporthotel, ein Radiumbad errichten, ein Bergwerk auftun – und da möchte man doch mit bei der Partie sein und richtet die Preise entsprechend ein. In einem anderen Dorfe steht eine Jahrhunderte alte Linde, die schon viele Menschengeschlechter kommen und vergehen sah. Nun wird sie auch altersschwach. Der Stamm zeigt eine bedenkliche Höhlung, der Sturmwind bricht einen Hauptast ab; die übrige Krone ist in ihrem Bestande gefährdet. Ein ärztlicher Eingriff könnte wohl helfen, aber die Gemeinde hat hierfür keine Mittel, vielleicht nicht einmal Verständnis für den heimatgeschichtlichen Wert des Baumes. Da kommt der Landesverein: »Wir wollen den Stamm auszementieren, die Äste durch eiserne Klammern sichern, damit Eure Nachkommen sich noch an dem Baum freuen, die vielleicht mehr Heimatliebe besitzen!« Freilich, wir müssen wieder in den Beutel greifen, und der ist nicht sehr prall – so riskieren wir einen Bettelbrief, und irgendein großes Eisenwerk wird zum Wohltäter, indem es uns die Eisenstäbe stiftet. Oft ist der Fiskus der Besitzer des schutzbedürftigen Naturdenkmals. Der Fiskus ist ein seelenloses, liebeleeres Gebilde, das nur von Paragraphen regiert wird. Aber wir können ihm eine Seele geben, wenn wir anstatt des Unpersönlichen die Persönlichkeit irgendeines Staatsvertreters setzen. Was kann uns z. B. ein heimattreuer Amtshauptmann alles nützen, wenn er erzieherisch auf seine Beamten einwirkt, wenn er uns rechtzeitig Warnungen zugehen läßt, uns Kenntnis von wichtigen Aktenvorgängen und Gelegenheit zu gutachtlicher Aeußerung gibt. Wie wichtig kann uns ein Forstmann werden, der seine Bäume wie seine Kinder liebt, der sich als Pfleger des Waldes fühlt! Ohne große Kosten läßt sich mitten im geregelten Umtrieb hier ein besonders stattlicher Baum, dort eine zerzauste Wetterfichte erhalten oder eine malerische Felsgruppe etwas freilegen. Es gibt natürlich auch andere, die im Baume nur das Nutzholz, im seltenen Raubvogel nur den Schädling sehen. Man muß versuchen, sie freundlich zu beeinflussen – glückt es nicht, nun, dann geht man eben eine Instanz höher und versucht von dort aus das Widerstreben zu besiegen. Ohne Diplomatie geht es auch im Heimatschutz nicht! Aber leider manchmal auch nicht ohne _Polizei_. Unsere Trollblumen und Märzenbecher, Orchideen und Maiglocken, das sind uns rechte Sorgenkinder! Wer wollte es einem Naturfreund verargen, wenn er sich ein Sträußlein dieser Frühlingskinder mit in die grauen Mauern der Großstadtwohnung nimmt! Zwar selbst die »Sträußlein« können der nächsten Umgebung einer Großstadt gefährlich werden. Wo haben wir in unmittelbarer Nähe Dresdens z. B. noch einen wirklich bunten Blumenteppich auf der Wiese, wo sind die Leberblümchen, wo die Himmelschlüssel hin? Aber brutal wirkt erst der richtige Massenraub. Geht einmal zur Trollblumenzeit zum Abendzug an den Bahnhof in Gottleuba! Wir haben es erlebt, daß ganze Familien hinausgezogen, mit nicht mehr zu umspannenden Blumenbündeln heimkehrten, die Blumen verkauften und mit dem Erlös sämtliche Reisespesen deckten! Eine Sonntagspartie mit gestohlenen Blumen bezahlt. Und an Wochentagen konnten wir die Körbe der Marktfrauen mit ihrer Blütenlast bewundern. So ging es nicht weiter. Wir riefen nach der Polizei, nach behördlichem Schutz. Wir führten die Polizeibeamten selbst hinaus in die Natur, damit sie dann ihre Pflicht tun konnten mit einigem Verständnis für das, was auf dem Spiele steht, mit wirklicher Liebe und mit ehrlichem Zorn. Wir gingen zu den Bauern und legten ihnen nahe, ob sie nicht die Spitzbuben, die ihnen überdies die Wiesen zertrampelten, nicht einmal mit einer Tracht gut deutscher Prügel bezahlen wollten. Es ist schon besser geworden; aber noch viel gibt es zu tun, bis das Volk die gefährdeten Pflanzen kennt und den Blumenraub als unmoralisch brandmarkt.
Es sind noch andere Schwierigkeiten, mit denen der Heimatschutz zu kämpfen hat und die leider die harmlosen Idealisten unter den Naturfreunden viel zu wenig würdigen. Das sind vor allem jene Fälle, in denen Naturschutzbestrebungen in Konflikt mit großen _volkswirtschaftlichen_ Interessen geraten. Da ist z. B. im Gebirge ein weithin das Landschaftsbild beherrschender Basaltgipfel. Tausende suchen ihn auf und blicken vom Aussichtsturm in die Ferne. An seiner Flanke hat menschliche Vernichtungstätigkeit eine Wunde gerissen, damit aber gleichzeitig eine neue Sehenswürdigkeit in Form von prächtigen Basaltsäulen geschaffen. So ist einstweilen Natur und Kultureingriff friedlich ausgeglichen. Aber die Gemeinde braucht Geld. Der Steinbruch wird einer ortsfremden Firma übertragen, die mit Brechwerk und Drahtseilbahn den Vernichtungskampf im großen führt. Im Schoße des Gemeinderates war noch die Liebe zum Geld mit der Liebe zur heimatlichen Scholle gepaart. Jetzt kommt der kühlrechnende Fremde, überschätzt, wieviel Jahre oder Jahrzehnte nötig sind, um den ganzen Berg »aufzuarbeiten«. Das sind keine Utopien – wir haben schon Berge aufgearbeitet! Im Hohburger Gebiet, in der Lausitz sieht man die Großindustrie eifrig an der Arbeit! Und geht der Betrieb gut, so kann sich der Unternehmer sogar als Wohltäter der Gegend aufspielen – er schafft ja Arbeit und Verdienst für die Beschäftigungslosen! »Was nützt mir die schönste Aussicht, wenn ich Hunger leide«, sagte kürzlich ein solcher Industrievertreter, und zwar nicht ganz mit Unrecht. Was ist in solchen Fällen zu machen? Zuerst fangen gewöhnlich die ortsansässigen Touristen- oder Verschönerungsvereine an zu schreien. Die Presse wird mobil gemacht. »Unersetzliche Heimatwerte stehen auf dem Spiel.« Unterdessen arbeitet der Industrielle unbeirrt und zielbewußt. Er kennt die Stellen, wo man für volkswirtschaftliche Belange Verständnis hat; er hat seinen Rechtsbeistand, der genau weiß, welche Paragraphen als Bundesgenossen dienen können. Es kommt zu einem Verwaltungsstreitverfahren. Der Amtshauptmann beruft eine Ortsbesichtigung durch die Beteiligten und bittet vielleicht den »Landesverein« um Entsendung eines Sachverständigen. Der ist überzeugt, daß mit dem Direktor einer Steinbruchsgenossenschaft nicht so leicht Kirschenessen ist wie mit dem schlichten Bauersmann, der an seiner Scholle hängt. So wird er versuchen, ob er den Betrieb nicht von der gefährdeten Stelle ablenken kann. Könnte man nicht mehr nach der Tiefe arbeiten und den Gipfel schonen? Könnte man nicht praktischer in der Richtung auf die nahe Bahnlinie abbauen? Ist nicht in der Nähe ein anderes ähnliches Gesteinsvorkommnis zu erwerben? Manchmal glückt es; manchmal läßt sich auf Grund genauer geologischer und einiger technologischer Kenntnis ein Vorschlag machen, der dem Betriebsleiter entgangen ist. Aber im allgemeinen haben die großen Werke so durchgebildete Oberbeamte, daß man ihnen nichts Neues sagt. Höchstens denken sie im stillen: Schön, das könnte man _auch_ noch machen! So bleibt zunächst nur übrig, durch Überredungskunst wenigstens einiges zu retten, eine Bereitwilligkeitserklärung herauszulocken, daß dieser oder jener Teil des Felsens unberührt bleiben solle, »falls es sich mit dem Betrieb vereinbaren läßt«. Es wird ein Protokoll aufgenommen, sehr vorsichtig abgefaßt. Man geht friedlich auseinander – und nach ein paar Jahren kommt ein neuer Schmerzensschrei: Die Zerstörung geht weiter – es hat sich nicht anders mit dem Betrieb vereinbaren lassen! Warum _kauft_ aber der Heimatschutz den Berg nicht? Sehr einfach, weil er dazu kein Geld hat! Wer würde uns die Mittel geben, den Scheibenberg, den Geising, Wilisch oder auch nur die »Kleine Landeskrone« bei Löbau oder den Spitzberg bei Wurzen zu kaufen? Und wenn wir ihn gekauft hätten, wäre es doch kein vollständiger Schutz. Wenn allgemeine volkswirtschaftliche Notwendigkeiten vorliegen, würde der Staat keinen Augenblick zögern, unser opferfreudig erworbenes Naturschutzgebiet zu _enteignen_! Manchmal hilft uns allerdings das Gesetz aus der Verlegenheit. Da hat ein Unternehmer begonnen, einen Steinbruchsbetrieb mitten in ein in der Planung bereits festgelegtes Villengelände oder in Parkanlagen vorzutreiben. Gemeinde und Unternehmer kommen in Streit, die Grundstücksbesitzer legen Beschwerde ein; wieder soll der Heimatschutz das Zünglein an der Wage sein. Der Sachverständige findet nach langem Abwägen, daß hier auf beiden Seiten volkswirtschaftliche Werte auf dem Spiele stehen und er findet einen Ausweg in der Berufung auf das Gesetz über die »Verunstaltung von Stadt und Land«. Sein Gutachten fällt gegen den Unternehmer aus; die Behörde entscheidet dementsprechend. Gemeinderat und Grundstücksbesitzer atmen auf; der Unternehmer hat forthin »kein Interesse mehr für den Heimatschutz«. Genug der Beispiele! Ob sich wohl unsere Mitglieder von all diesen Schwierigkeiten ein richtiges Bild gemacht haben? Eines möchten unsere Aufführungen zeigen: Wir können nicht jeden Baum, jeden Fels schützen, weil irgendein paar Naturschwärmer ihn für schön erklären. Es muß schon eine _große_ Gemeinde von Naturfreunden ihr Interesse und vielleicht auch ihre Opferfreudigkeit bekunden, wenn der _Landes_verein sich schützend vor das Naturdenkmal stellen soll. Den kleinen örtlichen Organisationen bleibt noch immer ihr Betätigungsfeld offen. Und endlich, der Landesverein würde den Heimatschutz falsch auffassen, wenn er nicht auch für die heimische _Volkswirtschaft_ ein warmes Herz hätte! Wir wissen, wir haben in den Kreisen der Industriellen manchen scharfen Gegner; wir wissen auch, daß wir vielen Naturfreunden lange nicht weit genug in unseren Schutzbestrebungen gehen. »Naturlandschaft« und »Kulturlandschaft« können nun einmal nicht ohne Kampf nebeneinander bestehen! Wir können nur eins versprechen: mit warmem Herzen der Schönheit unserer Heimat und mit volkswirtschaftlicher Einsicht der Volkswohlfahrt zu dienen. Ob uns das neue Gesetz in andere Arbeitsgeleise zwingt, davon später ein Wort!
Verwaiste Storchniststätten im Niederlande um Oschatz
Von _Georg Dörfel_, Calbitz b. Oschatz
Er ist ein seltener Gast bei uns geworden, Freund Stelzbein mit seinen leuchtenden deutschen Farben schwarzweißrot. So selten ist er geworden, daß das letzthin verwaiste Nest auf der Malkwitzer Friedhofslinde als ein Naturdenkmal allerersten Ranges galt, als eine Art Nationalheiligtum der Vogelwelt westlich der Elbe. Und doch waren früher die Störche bei uns bekannte Gäste, mit deren Rückkehr man im Frühjahr ebenso rechnete, wie mit der anderer Zugvögel. Die Chronisten bezeugen uns, daß früher das Storchengeschlecht über ganz Sachsen verbreitet war, mit Ausnahme des rauhen Obererzgebirges. Auch im mittleren Erzgebirge nisteten sie, in Gegenden, wo man sie heute vergeblich sucht. So lebten und brüteten welche bis ins siebzehnte Jahrhundert hinein in der Gegend von Schneeberg, wie ein Chronist Meltzer in seiner »Bergläuffigten Beschreibung der Bergstadt Schneeberg« aus dem Jahre 1684 erzählt. Krenkel berichtet dasselbe in seinen »Blicken in die Vergangenheit der Stadt Adorf« unterm Jahre 1862. Georg Fabricius erzählt in seinen »~res misnicae~« unterm Jahre 1564, daß der weiße Storch (~ciconia alba~) mit seinem Vetter, dem schwarzen Waldstorche (~ciconia nigra~), der heute nur noch ganz vereinzelt in Norddeutschland brütet, in den Elbauen ein guter Bekannter war. Was sagen die Chroniken aus dem nordsächsischen Flachlande über die Störche? Sie waren einst hier überaus häufig. In der Chronik der früheren Stiftsstadt Wurzen berichtet Christian Schöttgen, daß 1679 zu 1680 der Winter so warm gewesen ist, daß die Leute barfuß gingen und die Störche bereits am 19. Hornung wiederkamen. Hieraus sieht man, daß man mit ihrer Wiederkehr ebenso rechnete, wie mit der anderer Zugvögel, selbst in der alten Pleißenstadt Leipzig. Adam Friedrich Glasig bemerkt nämlich in seiner 1721 erschienenen »Geschichte des Hauses Sachsen«: »Störche pflegen absonderlich zu Leipzig in der Stadt auf den Dächern der Häuser jährlich zu hecken.« Johannes Kleinpaul erwähnt in seinem kulturgeschichtlich wertvollen Büchlein »Anno dazumal« unterm Jahre 1591 ein Nest an der Grimmaischen Straße nahe der Nikolaikirche, und noch 1830 soll nahe der Peterskirche in Löhrs Garten eine besetzte Niststätte gewesen sein. In der Mügelschen »Ehren- und Gedächtnissäule« aus dem Jahre 1709 berichtet der damalige Pastor Fiedler: »Anno 1621, den 28. Juli, ist eine ungewöhnliche und unzählbare Menge Störche hierher kommen / die jedermann mit großer Verwunderung angesehn / haben sich auf Kirche und Schloß niedergelassen / und kaum Raum zu sitzen gefunden. Man hat daraus ominieren und deuten wollen / daß man künftige Zeit würde Gäste ins Land bekommen / wie auch geschehen.« (Dreißigjähriger Krieg.) Aus all diesen Angaben ist zu ersehen, daß es vor zwei- bis dreihundert Jahren im Niederlande noch Störche genug gegeben hat. Der große Rückgang des Storchengeschlechts in Sachsen erfolgte zu Ende des neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Jahre 1906 hat der Ornithologe R. Heyder noch zehn besetzte Nester in Westsachsen festgestellt, alle im Gebiet der vereinigten Mulde und Pleiße, sowie einige bei Oschatz. Rudolf Zimmermann ergänzt und erwähnt fürs Pleißengebiet welche in Regis, bei Berbisdorf, drei in Deutzen, zwei in Blumroda, weitere in Röthigen, Görnitz, Großzössen. Im Muldengebiet waren Storchnester in Großbardau bei Grimma, in Golzern, Gornewitz, Wäldgen, Kühren, in Burkhardtshain bei Wurzen nach meinen Erkundigungen sogar vier. Auch im Tieflande um Oschatz nisteten um 1900 und vorher noch eine Anzahl Störche. Durch Umfragen ist es mir gelungen, diese nunmehr verwaisten Niststätten zu ermitteln. Ich habe ihrer zwölf erfahren können, das Malkwitzer ungerechnet.
Als das älteste ist wohl das Nest von Görzig bei Strehla anzusehen. Nach Mitteilungen soll es bereits den ältesten Leuten des Ortes als Kindern bekanntgewesen sein. Angeblich stammt es aus dem Jahre 1840. Als Standort wird eine Eiche am sogenannten Eichberge angegeben. Als im Jahre 1907 ein Wintersturm das Nest herabwarf, bauten die Störche nicht wieder. Die Eiche selbst brach 1919 infolge hohen Alters zusammen. Noch jetzt sollen sich zeitweilig Störche auf den angrenzenden feuchten Elbwiesen aufhalten. Sicher sind es Gäste von preußischen Nestern, da ja diese Tiere oft sehr weit auf Nahrungssuche fliegen. Im Nachbardorfe von Görzig, in dem schon auf preußischem Gebiet liegenden Paußnitz, ist noch so ein beflogenes Nest. – Eine gleichfalls sehr alte Niststätte war in Lampertswalde an der sogenannten Winterseite des Ortes auf einem Eichbaum inmitten einer Wiese. Eiche und Niststätte sind verschwunden. Wann, ist nicht genau zu ermitteln, soviel ich herausbekommen habe, vor fünfzig bis sechzig Jahren. – In diesem Orte gab es noch zwei weitere Nester. Das erstere war auf einer Pappel des Gutsbesitzers Böhme (Nummer 21). Die Störche nisteten und brüteten hier von 1902 bis 1906. Einer starb in diesem Jahre. Im folgenden Jahre wurde das Nest nur von einem Tiere beflogen, das sich aber nicht paarte. Seit 1908 ist es völlig verwaist. – Die dritte Niststätte war auf dem Dache eines Seitengebäudes bei Gutsbesitzer Frost. – Zwei weitere Nester sind in Zaußwitz gewesen. Genauere Mitteilungen über diese verdanke ich Herrn Kantor Büttner, Zaußwitz. Das eine war bei Gutsbesitzer Oskar Kühne (Gut Nummer 32) auf einer Pappel, das andere auf einer Eiche bei Gutsbesitzer Hermann Kühne (Gut Nummer 45). Das Nest auf der Pappel ist 1897 errichtet worden. Die Störche brüteten bis zum trockenen Sommer des Jahres 1911. Die Folge der Trockenheit war eine entsetzliche Mäuseplage, so daß man diesen Nagern mit Phosphor zu Leibe rücken mußte. Die Alten und die schon hochgekommenen drei Jungstörche fraßen solche vergiftete Tiere und gingen daher ein. – Das Nest auf der Eiche von Gutsbesitzer Hermann Kühne hatte 1910 zum letzten Male Storchengäste, doch nur für kurze Zeit. Sie nisteten nicht wieder, weil der Horst schief hing und blieben schließlich ganz weg. – Zum Oschatzer Nest. Genaueres erfuhr ich durch Herrn Uhrmachermeister Lehmann. Die Niststätte war auf dem strohgedeckten Dache eines Hauses, das nahe Ecke Gartenstraße an der Viehweide, nicht weit von der Gasanstalt stand. Es gehörte einem gewissen Streubel. Die Störche brüteten dort von 1867 bis 1870. Als das Haus 1871 umgebaut und mit Ziegeln umgedeckt wurde, errichtete der Besitzer ein Wagenrad darauf, um so die Störche beim Horstbau zu unterstützen. Nach ihrer Rückkehr aus dem Süden siedelten sie sich aber nicht darauf an, obwohl sie sich zuweilen auf Dach und Wagenrad niederließen. Man hat das Paar oft auf dem alten Stadtturme hinterm Amtsgericht beobachtet. Im Jahre 1872 ist es nicht wieder gesehen worden. – Die Störche von Luppa. Sie nisteten lange auf der Brennereiesse des jetzigen Gutes von Rudolf Knoll, Wendisch-Luppa. Wenn dann in den Herbst- und Wintermonaten die kleinen Brennereien in Tätigkeit traten, wurde allemal der Horst durch ein großes, angefachtes Strohbündel weggeräuchert. Nach Mitteilungen des Herrn Gutsauszüglers Winkler, Deutsch-Luppa, sollen die Störche in den achtziger Jahren angeblich nach Malkwitz übergesiedelt sein. Möglich ist es, da die Malkwitzer Linde gerade in dieser Zeit infolge zu dichten Laubwuchses einmal verwaist war. – An der Westgrenze unseres Bezirkes war ein Nest auf dem strohgedeckten Dache einer Scheune in Göttwitz-Döbern. Errichtet 1862 oder 1863, mußte es 1879 entfernt werden, weil das schadhaft gewordene Strohdach durch Schieferdach ersetzt wurde. Neuerdings hat der Wirt der Pappelschenke in demselben Orte, Herr Höhne, auf dem Scheunendache eine Niststätte befestigt, in der Hoffnung, die auf den naheliegenden Wiesen sich aufhaltenden Störche darauf zu bekommen. Leider ohne Erfolg, wie er mitteilt. Wahrscheinlich sind die Gäste der bekannten Göttwitzsee-Wiesen unsere Malkwitzer Freunde.