Chapter 3 of 7 · 3866 words · ~19 min read

Part 3

35. =Peter= < Petrus wird in appellativischer Verwendung gleich dem Hans bevorzugt: Dummer, fauler, hölzerner, trauriger, langweiliger Peter, Heul-, Quatsch- oder Seich-, Schrei-, Märpeter, Lügen-, Dreck-, Karnickelpeter (Liebhaber von Karnickeln); Tran- und Traumpeter. Ein strubbliger d. h. zerzauster Kopf verhilft seinem Besitzer zur Bezeichnung Strubbelpeter, literarisch berühmt geworden als »Struwelpeter« durch den Dichter Heinrich Hoffmann. Chamissos Peter Schlemihl lebt auch unter denen, die die Dichtung nicht kennen, in der Ra. »Du bist mir ein schöner Schlemihl« fort. Wer dasitzt, wie Peter Bumm, ist völlig teilnahmslos. In sächsischen und thüringischen Gegenden wird ein schlechter Mensch als Peter Meffert verächtlich gemacht.

36. =Philipp=, aus dem Griechisch-Lateinischen stammend, abgekürzt > Lipp, Lips. Ein unruhiges Kind wird als »Zappelphilipp« oder Zappelliese getadelt. Der »Vater Philipp« ist in der Soldatensprache der Arresthausaufseher (vgl. Fockenkarl).

37. =Ruprecht=, gleich den Nebenformen Rupert, Robert, aus ahd. ~hruod-beraht~ = der Ruhmglänzende (vgl. Bertha < Berchtha), begleitet als des Christkindleins getreuer Knecht dasselbe bei der weihnachtlichen Bescherung. Die Kinder fürchten die polternde Gestalt mit der Rute als den Rupert oder Rupperich, so daß der Name die allgemeine Bedeutung »Schreckgestalt« annimmt. Nach Eisels Sagenbuch des Vogtlandes werden da und dort gewisse schauerliche Waldstätten »Rupprechte« geheißen; ein solcher Rupprecht schließt sich nach Eisel an die Talschlucht Lerche bei Tscherma an und ist arg verschrien.

Die Koseform Rüpel < ahd. Rûpilo, Rûpo, war noch im 16. Jahrhundert, z. B. bei Fischart, Eigenname; als Familienname Rüp(p)el hat sie sich erhalten. Da der Knecht Ruprecht vermummt oder geschwärzt auftrat, mit grober Stimme redete und derb zuschlug, in den Weihnachtsspielen den Spaßmacher darstellte, nahm der Name die appelativische Bedeutung einer schwarz aussehenden Gestalt einerseits wie eines groben, ungezogenen Gesellen anderseits an. Wer von der Sonne verbrannt ist, sieht schwarz aus wie ein Riepel (Rüpel), die Mohren sind schwarze Riepel, und der Essenkehrer heißt im Erzgebirge und Vogtland, ohne daß dabei sein Benehmen getadelt wird, Feierriebel = Feuerrüpel. Auf der anderen Seite steht der Rüpel als der ungeschliffene Grobian mit seinen Rüpeleien. Abgeleitet ist das Tätigkeitswort rüpeln.

Die französische Koseform Robin < Robert ist zum Gemeinnamen des tölpelhaften Bauern geworden, der den Pfiffigen spielen will, im weiteren Sinne bezeichnet sie den Spaßvogel, in Sprichwörtern den Menschen überhaupt. Robinette ist der Name der Dienstmagd.

38. =Susanne=, hebräisch die Lilie. Man spricht auf Grund des biblischen Berichts von einer »keuschen Susanne« ebenso spöttisch wie von der frommen Helene. Die gekürzte Form Suse, die allgemein eine langsame, träge, träumerische Person (Mär-, Traumsuse) bezeichnet, aber auch andere tadelnswerte Eigenschaften hervorhebt (Heulsuse), wird häufig sogar auf männliche Personen angewendet. Mörike nennt im »Stuttgarter Hutzelmännlein« ein aufgeputztes Mädchen eine »Susanne Preisnestel« nach dem Saum (Preis) am Hemde und dem zum Einfassen gebrauchten Band.

39. =Thomas=, nach Joh. 20, 24 ff. der hartnäckige, erst durch den Augenschein überzeugte Zweifler wird zum Typus des Ungläubigen: ein ungläubiger Thomas.

40. =Ulrich=, Koseform Uz, wird in den Ra. »den Ulrich anrufen« = sich erbrechen und »Ulrich von der Feuerwehr« (letztere im Vogtland gebräuchlich für irgendeinen Menschen, der zum Spott herausfordert) verwendet. Von Uz wird auch uzen = foppen abgeleitet, wenn auch diese Herleitung nicht allgemein anerkannt ist.

41. =Ursula=, lateinischer Name = Bärin, appellativisch in der Form Ursel, Urschel für eine dicke Frau; französisch Ursèle ist die alte Jungfer oder die Magd.

42. =Wenzel= aus dem Slawischen ins Deutsche gedrungen; der Brogl = Wenz ist bei Mörike (Stuttgarter Hutzelmännchen) der Prahler (sich broglen = prahlen).

Vornamen dienten seit jeher als Glimpfnamen (~Euphemismen~) für Personen oder Wesen, die man aus abergläubischer Furcht nicht bei ihrem wirklichen Namen zu nennen wagte. Daß der Henker Meister Hans, Schnürhänslein, Peter oder Matz gerufen wurde, ist bereits angeführt worden, ebenso daß Kobolde und Wichte Heinzel- oder Petermännchen, Peterlein, Hollepeter, Chiemke (nd. Verkleinerung von Joachim), Wolterken (Walterchen) oder Nissen hießen. Der Name des Metalls »Nickel« entstand, wie Kobalt aus dem neckenden Kobold, aus der Bezeichnung des Bergdämons, der die Häuer äffte, indem er ihnen Kupfer vortäuschte. Der Tod ist Freund Hein oder Henn. Unendlich mannigfaltig sind die Bezeichnungen des Teufels, die er teilweise mit dem Henker gemeinsam hat: Hans, Hanske = Hänschen, Junker Hans, Grau- oder Grünhans, Hans vom Busch, Heinrich, Grauheinrich, Hinz, Kunz, Nickel, Großnickel, Marten oder Merten, Kaspar oder Käsperle, Dewes = Tobias, Rüpel, Stöffel oder Junker Stof = Christoph, Peterlein, Velten = Valentin unter Anlehnung an mhd. vâland usw.

II. Vornamen in appellativischer Verwendung für Tiere und Pflanzen.

Von jeher hat der Deutsche in enger Vertrautheit mit der Tierwelt, zunächst natürlich mit den Tieren seines Hauses, aber ebenso mit solchen des Waldes, nützlichen und schädlichen, gestanden. Die Tiersage offenbart das innige Verhältnis zwischen Mensch und Tier auch dadurch, daß dieses einen menschlichen Namen trägt. Das männliche Pferd heißt allgemein Hans (bekannt war vor Jahren »Der kluge Hans«), die Stute Liese oder Lotte; ein Dackel wird wohl auch Seppl gerufen. Freilich sind dies gewissermaßen Eigennamen wie im Tierepos, aber der Übergang zum Gattungsbegriff ist außerordentlich leicht gegeben. Auch der »Matz« war ursprünglich Name _eines_ Vogelindividuums mit Haustierrechten, eines Kanarienvogels oder zahmen Stares. Durch Bedeutungserweiterung wurde die Bezeichnung auf jeden Star – Starmatz – und jeden kleineren Vogel übertragen: Piepmatz (Wandelung dieses Begriffs: Der kriegt einen Piepmatz ins Knopfloch = einen Orden, du hast wohl einen Piepmatz (Vogel)?) Sogar Ungeziefer wird von den Kindern als Matzeln bezeichnet. Der Papagei heißt allgemein Lore oder Lorchen. Rabe und Krähe tragen in Zwickau den Namen Jakob, die Dohlen heißen vielerorts Klas, die Rotkehlchen in der Lausitz wohl auch Rotkätel. Besonders zahlreich sind die Benennungen des Sperlings: bei den Franzosen Pierrot und Pierette, bei den Niederdeutschen Jochen, Johann Klappstert, Dackpeter. Das Schwein heißt Kuntz, auch Suse, Heinz ist der Kater, dann auch das männliche Kaninchen (vogtländisch Hàànz). Nicht belegt für Sachsen ist Hermann als Name des Ziegenbocks. Der Pariser ruft den Bären des Zoologischen Gartens Martin; Martine ist das weibliche Kaninchen; auch andere Tiere heißen im französischen nach dem heiligen Martin.

Naturgemäß ist die Zahl der Pflanzen mit menschlichen Namen weit geringer; erwähnt seien nur »Das fleißige Liesel« = eine lange blühende Topfpflanze und »Der gute Heinrich« = ~Chenopodium~.

III. Vornamen als Gattungsnamen im Reiche der leblosen Dinge.

Die Figuren des Kasperletheaters, Nachbildungen häufiger menschlicher Typen, lassen den Vorgang des Bedeutungswandels deutlich erkennen. Den Zuschauern werden die Puppen ebenso lebendig, wie ein Kind mit seinem Püppchen umgeht, als wäre es lebendig. Die alte Bezeichnung für die Gestalten des Puppentheaters war Kunz, Kunzchen, Künzel, Heinz oder Jäckel; nach ihnen hieß der Puppenspieler Kunzmann (noch jetzt Familienname) und Kunzenjager oder Kunzenspieler. Vom französischen Marion, der Koseform von Marie, ist die noch jetzt herkömmliche Bezeichnung Marionetten abgeleitet. Eine andere Kurzform desselben Vornamens Marotte, noch heute in der Normandie ein junges, halbwüchsiges Mädchen bezeichnend, ist nicht bloß der Puppenkopf am Narrenstab, sondern auch die Narrheit, der närrische Einfall.

Mit dem Namen Heinz werden eine ganze Reihe technischer Werkzeuge und Geräte belegt, ursprünglich wohl im Bergbau eine Wasserhebemaschine nach dem geschäftigen Kobold, dann auch die Schnitzbank des Böttchers. Schmeller führt als bayrisch an Stiefelhänsel oder Stiefelhainzel = Stiefelknecht und Heuhainz = im Allgäu ein Gestell zum Trocknen des Heus (hainzen = diese Art des Trocknens). Französisch Saint-Jean ist nicht bloß alles, was der Setzer braucht, in der Druckersprache, sondern auch allgemein das Handwerkzeug: ~prendre son S.-Jean~ = die Werkstatt verlassen. Dietrich, wie Friedrich und Johann häufig für Diener, wird zum Namen des Diebs- oder Nachschlüssels. Die Rute erscheint den Kindern euphemistisch als Birkenhänsel oder Birkengottfriedel, wie auch im Französischen der Eseltreiberstock ~martin~ genannt wird.

Von jeher hat der Soldat in seiner Waffe ein ihm vertrautes lebendiges Wesen erblickt. Aus der gleichen Gesinnung heraus, die Körner dazu antrieb, das Schwert an seiner Linken als sein Liebchen, als Eisenbraut zu besingen, entstanden im Mittelalter die Beinamen der Geschütze und Waffen. Hans v. Schweinichen erzählt in seiner Lebensbeschreibung, daß der junge Herzog von Liegnitz sein Rapier »allezeit meine Jungfer Käthe geheißen« habe, mit der er oft ein Tänzlein getan habe. Ein Geschütz aus dem 14. Jahrhundert, das sich in der Arsenalsammlung zu Dresden befindet, hieß »Faule Magd«; noch berühmter war die »Faule Grete«, beide ihrer Schwerfälligkeit wegen so benannt, wie ja auch die deutschen Riesenmörser des Krieges allgemein »Dicke Bertha« hießen. Der Soldat gibt dem Gewehr die zärtlichsten Namen: meine Karline, Laura, Pauline, Bertha. Auf ein zärtliches Liebesverhältnis deutet auch, wenn der Schnapsbruder von der Flasche als von der Karline oder Pauline spricht. Die Kaffeekanne heißt manchmal Kaffeekarline.

Eine andere Art von Bedeutungsübertragung liegt vor, wenn Speisen und Getränke nach einem menschlichen Vornamen heißen: Ein geringes Bier, wie es die Knechte tranken, nannten die Schöppenstädter »armer Heinke«; im Erzgebirge ist der »Großpeter« ein dicker mit Milch übergossener Brei, als Sommerspeise beliebt, in Süddeutschland der »Biernickel« eine Kaltschale; der Reisbrei lebt in der Soldatensprache als »stolzer Heinrich«. Im südlichen Deutschland gibt es Pfannkuchen unter der Bezeichnung »Pauternickel«; in Westfalen entstand der berühmte Pumpernickel, über dessen schwierige Etymologie viel geschrieben worden ist; der zweite Teil ist auf jeden Fall der Vorname Nickel. Warum heißt in Sachsen ein Käse »alter Theodor«? Die Pflaumentoffel, die hie und da auf den Christmärkten verkauft werden, sind aus Dörrpflaumen zusammengesetzte Männlein in Essenkehrergewandung; auch der Name Pflaumenrüpel kommt vor. Der Ziegenpeter oder Bauerwetzel ist eine Krankheit der Halsdrüsen, vielleicht bei Hütejungen als Folge von Erkältungen häufig vorkommend. Seltsame Laune des Sprachgeistes, das Fensterkreuz als Fensterpeter, die große Klingel am Pferdekumt im Winter als Lore (Erzgeb.), den Abort als Lotte (Leipzig) zu bezeichnen! Das beliebte Gesellschaftsspiel »Schwarzer Peter« soll seinen Namen von einem berüchtigten Räuberhauptmann in Mecklenburg, Peter Nikoll, genannt der schwarze Peter, empfangen haben; dann wäre es über hundert Jahre alt; denn 1817 ist er in Glückstadt enthauptet worden. Die vier Wenzel sind die Unter, die Baste (Koseform von Sebastian wie Bastel) ist der Grünober im Schafkopfspiel. Auch Schar- oder Scherwenzel soll ursprünglich den Unter des Kartenspiels bezeichnet haben; Jean Paul, Freytag und andere nennen einen schlechten Tabak Lausewenzel. Manche Dresdner verstehen unter »großem Friedrich« die große Zehe, die Leipziger sprechen von der »grünen Anna« und meinen damit den Polizeiwagen. Bei Dähnhardt, Naturgeschichtliche Volksmärchen 1, 102 heißt der Regenschirm beispielsweise »die baumwollene Minna«.

IV. Familiennamen als Gattungsnamen.

Die Zahl der Familiennamen in appellativischer Verwendung ist, an der Menge der Vornamen, unter denen keiner von älteren und gebräuchlicheren fehlt, verschwindend gering. Von vornherein ist auch klar, daß es sich, wenn Familiennamen zu Gattungsbezeichnungen geworden sind, nur um die allerbekanntesten, über weite Gebiete verbreiteten handeln kann. Aus dem hohen Alter und der Häufigkeit des Auftretens erklärt es sich, daß sich die Bedeutung nicht bloß erweitert, sondern auch in den meisten Fällen verschlechtert. Obwohl die Freizügigkeit das ursprüngliche Bild stark verändert hat, lassen sich doch noch immer auch inbezug auf die Verbreitung gewisser Familiennamen landschaftliche Verschiedenheiten nachweisen. Daneben aber gibt es Namen, die aus kulturgeschichtlichen Gründen gleichmäßig über ganz Deutschland verbreitet sind. An diese vor allem knüpft die Bedeutungswandlung an; nur selten wird ein Personenname von begrenztem Geltungsbereich zu appellativischer Verwendung gelangen. Ein flüchtiger Blick in die Wohnungs(Adreß-)bücher der Großstädte offenbart in überwältigender Fülle, welche Personennamen als die häufigsten gelten können. Der Volkswitz hat den Vers geschaffen: »Müller, Schulze, Lehmann, Schmidt – die machen jeden Mumpitz mit.« Die Lesart schwankt zwischen Müller und Meier, aus dem richtigen Bewußtsein heraus, daß unbedingt der Meier in die Reihe gehöre. Die Häufigkeit dieser fünf Namen wird erst dann recht deutlich, wenn die verschiedenen Formen der Rechtschreibung, unter denen sie vorkommen, in Betracht gezogen werden:

Müller, Miller, Möller, Möllner, Müllner, Myller; Meier, Maier, Meyer, Mayer, Meyr, Meir; Schulz, Schulze, Schultz, Schultze, Schulte, Schulteß, Scholz, Scholze; Schmidt, Schmid, Schmied, Schmidt, Schmitt.

Nun mag der Volkswitz auf der Straße und im lustigen Blatt über diese Namen denken, wie er wolle, ihre Geschichte ist uralt, und sie waren einst ebenso geachtet, wie sie jetzt unwillkürlich ein Lächeln hervorlocken, wenn sich jemand als Müller oder Schulze vorstellt.

Der Schmied ist vielleicht der älteste aller Handwerker, hochgeachtet im deutschen Altertum wie bei Griechen und Römern, so daß die Heldensage von göttlichen und fürstlichen Schmieden berichtet (Wieland der Schmied, Jung Siegfried). Die strenge Arbeitsteilung des mittelalterlichen Zunftwesens schuf eine Fülle von Einzelhandwerken (Blech-, Kupfer-, Eisen-, Hammer-, Messer-, Gabel-). Die appellativische Verwendung in der Gegenwart ist verhältnismäßig beschränkt. Wohl nur im Altenburgischen wird ein Faulpelz in prachtvoller Anschaulichkeit als »kalter Schmied« bezeichnet (Müller-Fraureuths Wb. 2, 451). Das Erzgebirge nennt einen Springinsfeld, »Huppe(r)schmied«, womit ursprünglich ein Springkäfer gemeint war. Ganz geschickte Leute werden in Sachsen mit den Worten gelobt: »Du hast’s ja weg wie Schmidts Katze«. Wer schnell und plötzlich verschwindet, ist »weg wie Schwenke«. Natürlich handelt es sich in diesen Redensarten, in denen auch andere Eigennamen an die Stelle der angeführten treten, nicht um Gattungsbezeichnungen im eigentlichen Sinne.

=Müller=, wohl unmittelbar aus lateinisch ~molinarius~ entlehnt, verdrängt die ältere deutsche Benennung ~quirn~, die in den Familiennamen Kerner oder Körner fortlebt. Ein leichter, luftiger Bursche (Luftikus) wird »Windmüller« gescholten. Als Müller werden hie und da Maikäfer und Kohlweißlinge bezeichnet. Müllerknechte sind Mehlklümpchen im Brote, Müllermädeln die Aurikeln. Planvolle, tägliche Körperstählung faßt die Tätigkeit »müllern« zusammen (der Erfinder heißt Müller).

=Meier= aus lateinisch ~maior~ = der größere gehört in die vornehme Verwandtschaft der fränkischen Hausmaier (~Maior domus~), des französischen ~maire~ (Bürgermeister) und des deutschen Majors. Der Meier saß ursprünglich als Pächter oder Aufsichtführender auf einem größeren Gute (Meier Helmbrecht, der Meier in Hartmanns »Armem Heinrich«). Aus dem Gattungsnamen entstand der Familienname, dieser wieder nimmt appellativische Bedeutung an: Er bezeichnet einmal irgendeine Person aus der Gattung Mensch, deren Namen nicht bekannt ist oder nicht genannt werden soll; zu Tante Meier oder zu Lehmanns geht, wer seine Bedürfnisse auf dem Abort befriedigt. Albrecht verzeichnet den »feinen Meier« als den elegant Auftretenden; wer das tut, beißt den feinen Meier heraus. In großer Zahl werden vom Volke Zusammensetzungen gebildet, in denen das Grundwort Meier oft einen Vornamen ersetzt oder verdrängt: Angstmeier, Heulmeier (neben -fritze, -peter, -liese) ironisch auch für Sänger gebraucht, Bietelmeier neben -liese (Kind, das angibt oder klatscht), Kirchmeier (fleißiger Kirchenbesucher), Kraftmeier (ursprünglich der Turner, dann jeder, der in Taten oder auch nur Worten mit seinen Kräften prahlt; Kraftmeierei, Kraftmeiertum); Nietenmeier oder -fritze (Lotteriekollekteur); Piepmeier, Schlaumeier, Schwafelmeier neben Schwafellob, -hanne; Simpelmeier (Dummkopf); Kohlmeier (Aufschneider); Schwindelmeier, einer, der etwas vorschwindelt; Spielmeier; Strampelmeier (Radfahrer); Windmeier (Flausenmacher). Abmeiern bedeutet ursprünglich: einen Bauern auf irgendeine Weise von seinem Gute vertreiben; daraus erklärt sich meiern = foppen, anführen. Der besitzlose Bauer war der Gemeierte (übervorteilen, betrügen, auch der Geblaßmeierte). Wer im Vereinsleben aufgeht, ist ein Vereinsmeier.

=Schulze= ist die gekürzte Form von Schultheiß, dem Namen des Ortsvorstehers. Wie die anderen bezeichnet auch Schulze appellativisch jede beliebige Person. Die Ra. »Das ist mir Gottlieb Schulze« drückt aus, daß einem etwas völlig gleichgültig ist.

=Lehmann=, noch in Urkunden des 17. Jahrhunderts auch Lehemann, ist eigentlich der mittelhochdeutsche Lehensmann, der mit einem Gut oder Amt Beliehene. Jetzt ist dieser Familienname Gemeinname für Dummkopf: Das sieht Lehmann im Finstern. Irgendeinen Menschen vertritt der Name in der Ra.: Es wird wieder besser mit’m alten Lehmann, wenn z. B. die Frage nach dem Befinden gestellt wird.

=Pietzsch=, zu Peter gehörend wie Dietzsch zu Dietrich, ist in Sachsen ebenso häufig wie Lehmann. Darum ist unter den Kindern der Vers üblich: Pietzsch und Lehmann kam’n in’n Laden: Woll’n fer’n Dreier Käsemaden! Käsemaden hammer nich’ – Pietzsch und Lehmann drückten sich. Ein eifriger Turner heißt spöttisch Muskelpietzsch.

=Huber=, mhd. ~huober~ neben ~huobener~, gehört mit Hübner zu Hufe, bezeichnet also den Besitzer einer Hufe. Der Name ist in Süddeutschland verbreitet und konnte darum Appellativum werden: Wühlhuber (unruhiger Hetzer), Quellenhuber (so nennt G. Roethe eine bestimmte Richtung von Forschern), Gschaftlhuber.

Auch in der Welt der Wörter gibts keinen Stillstand. Ein ewiger Kreislauf offenbart sich selbst an dem scheinbar Allerbeständigsten, an den Personennamen. Die Schöpferkraft der deutschen Sprache ist noch nicht versiegt.

[Illustration]

Fußnoten:

[1] R. Needon, Vornamen als Gattungsnamen. Z. f. d. d. Unt. 10, 198 ff. A. Kölbel, Eigennamen als Gattungsnamen. Studien (zum französischen Wortschatz). Diss. Leipzig 1907.

[2] Wundt, Völkerpsych. I, 2. S. 579.

[3] Itschner, Sprachlehre 1911, S. 110.

[4] Abkürzungen: Ra. = Redensart; Hw. = Hauptwort; Ew. = Eigenschaftswort; ahd. = althochdeutsch; Ma. = Mundart; Wb. = Wörterbuch; > = wird zu, < = geworden aus: Z. f. d. d. U. = Zeitschrift für den deutschen Unterricht.

Naturdenkmal

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Blasewitz

Alte Eiche in der Forstmeisterei Groß-Graupa]

Naturdenkmal

[Illustration:

Aufnahme von Josef Ostermaier, Blasewitz

Alte Eiche im Hermsdorfer Park]

15000 Mark

In Buchstaben: Fünfzehntausend Mark.

Nach einigem Zögern hatte auch ich mir ein Los der 5. Sächsischen Geldlotterie des Landesvereins »Sächsischer Heimatschutz« geleistet. Warum auch nicht! Wer opfert nicht von Herzen gern eine Mark und fünfzig Pfennig gerade für diesen Verein! Und sollte man es sogar in der Befürchtung tun, nichts zu gewinnen! Aber nein, für mich kam die Sache ganz anders. Meine Losnummer endete mit einer eins, und durch die Gewinnliste, die ich mir für zehn Pfennig kaufte, erfuhr ich die große Tatsache: alle Lose, die mit einer eins endigen, haben eine Mark und fünfzig Pfennig gewonnen, oder mit anderen Worten: sie erhalten den Loseinsatz zurück! So steckte ich also mein wohlverwahrtes Los ein und fuhr mit der Elektrischen von meiner Vorstadt aus bis auf den Pirnaischen Platz, von dort aus lenkte ich meine großen Schritte nach der Schießgasse zu. Vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Warum sollte vor der Geschäftsstelle des Landesvereins nicht einmal ein leeres Auto halten? Konnte ihm nicht eben der Herr Hofrat Seyffert entstiegen sein? Doch nein, fast möchte ich’s nicht glauben: der Herr Hofrat, der noch vor kurzem durch das ganze liebe Sachsenland gewandert ist, um Schätze für sein Paradies in dem früheren Jägerhof drüben auf der Asterstraße zu sammeln, wird auch bis auf die Schießgasse nicht erst ein Auto nehmen. Wie dem auch sei: vor der Geschäftsstelle des Landesvereins hielt ein leeres Auto. Ich ließ es dort stehen, solange es wollte, und stieg behutsam die alte steinerne Treppe hinauf. Im Vorraum der Geschäftsstelle zeigte ein großer Pfeil nach links, nach dem Zimmer nämlich, in dem die Gewinne ausgestellt wurden. Ich schwenkte also, was ich sonst nie tue, nach links, mein Los in der Hand, und bemerkte auf den Stühlen des Vorraumes Männer und Frauen, die sich gar geheimnisvoll zuflüsterten. Ich ahnte, daß sie alle einmütig zusammengehörten. Jetzt erst trat ich in den großen Raum ein. An dem langen Zahltisch stand neben mir ein stattlicher Mann, etwa dreißig Jahre alt, einfach gekleidet, aber ohne den geringsten Tadel. Der legte, genau wie ich es nach ihm tat, sein Los auf die Tafel, um seinen Gewinn abzuholen. Aber er hatte eine ganz andere Nummer gezogen als ich: 86156! Und das wußte ich noch von der Gewinnliste her, die ich mir für zehn Pfennig gekauft hatte: »Die Prämie von fünfzehntausend Reichsmark fiel auf die Nummer 86156 mit einem Gewinn von fünfundzwanzig Reichsmark.«

So stand ich also neben dem Glücklichen, der in jenem Augenblick ein reicher Mann wurde. Aufgeregt war er, das merkte man ihm an. Ja, wenn nun auch nur eine Ziffer nicht gestimmt hätte, oder wenn ... na kurz, er glaubte es selbst erst, als die Beamten die Nummer nachgeprüft hatten und ihm nun 15 000 M., in Buchstaben: fünfzehntausend Mark auf einem großen Zahlbrett auszahlten. Auf die fünfundzwanzig Mark verzichtete er freiwillig, und während er das viele, viele Geld in seine Brieftaschen steckte, gab er immer und immer wieder die Versicherung ab, diesmal sei der Gewinn wirklich in gute Hände geraten. Bald wußte ich auch seinen Namen und seinen Wohnort, ich war der erste, der ihn beglückwünschte, dann aber zog ich mich bescheiden zurück; denn ich wollte nicht gleichzeitig auch der erste sein, der ihn ... anbettelte! Er wird schon bald danach bemerkt haben, wie beliebt er überall ist, wo er sich nur irgend sehen ließe. Jetzt kam ich selbst an die Reihe und ließ mir meinen Gewinn auszahlen: eine Mark und fünfzig Pfennig. Und als ich wieder in den Vorraum kam, fand ich meine Vermutung bestätigt: mitten im Kreise – es war wohl sein Verwandtschaftskreis – stand er, der reiche Mann, und er zeigte ihnen soviel gutes Geld, wie sie wohl noch nie gesehen hatten: 15000 Mark! Ob er schon wußte, was er mit seinem Gewinn anfinge? Ich für meinen Teil überlegte nicht lange, ich ging in den zweiten Raum, legte zu meinem Gewinn noch eine halbe Mark hinzu und bezahlte an den Landesverein meinen Mitgliedsbeitrag, mit dem ich noch weit im Rückstande war. Ich zahlte nun sogleich für zwei Monate auf einmal! Und blieb noch immer ein großes Stück hinter dem Heereszug zurück. Als ich die steinerne Treppe wieder bedächtig hinuntergestiegen war, füllte sich das Auto mit vergnügt aussehenden Männern und Frauen. Töff, töff, und fort ging die Fahrt. Nun ich einmal mitten in der Stadt war, benutzte ich die Gelegenheit, hier und da noch etwas zu erledigen, und erst in später Abendstunde trat ich meinen Heimweg an. Sonderbarerweise kam mir gar nicht der Gedanke, mit der Elektrischen heimzufahren; nein, Schritt für Schritt marschierte ich heraus in meine Vorstadt. Mir war, als fänden die Vorübergehenden etwas Besonderes an mir; sollten sie mir es etwa ansehen, daß ich heute Augen- und Ohrenzeuge eines so großen Ereignisses gewesen war? Oder glaubten sie etwa gar ...? Nein, das – gewiß nicht. Von Zeit zu Zeit griff ich an meine Tasche; ich konnte unbesorgt sein: ich hatte sie noch immer bei mir, meine – Quittung über den Mitgliedsbeitrag für zwei Monate auf einmal!

Als ich bei uns daheim ankam, lagen die Meinen bereits in stiller Ruh, wie einstmals Babylon, und ich bemühte mich, sie nicht zu stören. Leise ging ich in mein Zimmer, tastete nach einem Streichholz und brannte die Gaslampe an; nur halbhell ließ ich es im Zimmer werden; denn für meine Gedanken brauchte ich keine grelle Beleuchtung. Eigentlich wollten wir schon längst elektrisches Licht haben, aber immer wieder reichte der Draht nicht, und so verpaßten wir den Anschluß vom Treppenhaus aus bis in die Wohnung. Für heute jedoch war es gut so: wird man doch mit elektrischer Beleuchtung wohl kaum Dämmerlicht erzeugen können, wie ich es gerade brauchte. Dichten und trachten – und sei es auch böse von Jugend auf – man muß es doch bisweilen tun, und mir will es nur dann gelingen, wenn ich um mich herum blaue Wölkchen aufsteigen sehe, die sich phantastisch gestalten, bis sie sich in einer bestimmten Höhe beruhigen und zu einem dicken Strich verdichten. Darum setzte ich zuerst eine Zigarre in Brand und dann mich selbst ganz allein um den großen Tisch herum, der für gewöhnlich noch meine Frau und zwei erwachsene Kinder um sich versammelt sieht. Im Dämmerlicht schrieb ich mit festen Zügen auf ein großes Blatt Papier:

1,50 M.

Und wie ich so dasaß und sann und sann, da machte sich plötzlich und unerwartet das scheinbar unscheinbare Komma auf die Wanderschaft und rückte nach rechts bis hinter die erste Null. Da waren aus meinem Gewinn schon hundertfünfzig Mark geworden. Ich fügte noch eine Null hinzu, und das Komma stellte sich dahinter. 1500 Mark las ich jetzt halblaut vor mich hin. Noch einmal griff ich zum Blei, nicht zum tödlichen, sondern nur, um noch eine Null hinzuzuschreiben; denn, dachte ich mir, aller guten Dinge sind drei. Und als ich die letzte Null oben verschloß, krach! da brach die Spitze des Bleistiftes ab und ward nicht mehr gesehen! Auch mein Komma war verschwunden, zum mindesten habe ich ihm keine Beachtung mehr geschenkt, und ich schenke doch sonst so gern! Da hatte ich sie wieder vor mir, die große Zahl, die mich heute nicht aus ihrem Bannkreis weichen lassen wollte:

15000 M.!