Chapter 5 of 7 · 3988 words · ~20 min read

Part 5

In der Klostergärtnerei Sornzig entdeckte ich ein Wagenrad auf dem First eines kleinen Wirtschaftsgebäudes. Nach meiner Erkundigung in der Vogtei sollen hier seit zwanzig bis dreißig Jahren keine Störche genistet haben. – Eine Niststätte, die nur ein Jahr von Störchen besucht wurde, war auf einer Erle auf Lonnewitzer Flur. Herr Oberlehrer i. R. Marx teilt dazu mit, daß dieser Baum an einem aus dem Zöschauer Teiche abfließenden Bache nahe der Dresdner–Leipziger Staatsstraße gestanden hat.

Als das jüngste verwaiste Nest ist das von Lorenzkirch anzusehen. Die Störche errichteten es im Jahre 1915 auf einer etwas geköpften Pappel vor dem Gehöft des Gastwirts Förster. In den Jahren 1915 und 1916 sind fünf und drei Junge erbrütet worden. Leider wurde im letzteren Jahre kurz vor der Abreise nach dem Süden das Männchen von einem gewissenlosen Schützen abgeschossen. Das Weibchen erschien 1917 allein wieder und legte unbefruchtete Eier, die sie aber bald wieder abwarf. Eine stumme Anklage gegen den unvernünftigen Schützen! Bis 1921 wurde das Nest von einzelnen Störchen beflogen. Zur Brut kam es jedoch niemals.

Verzeichnis verwaister Storch-Niststätten im Oschatzer Land

====+=============+=================+=========+=========+============= Lfd.|Name des |Platz der |Jahr der |Jahr der | Grund des Nr. |Ortes |Niststätte |Errichtg.|Verwaisg.| Ausbleibens ----+-------------+-----------------+---------+---------+------------- 1. |Görzig bei |Auf einer Eiche |Vor 1840 | 1907 |Abst. des |Strehla |am Eichberg | | |Nestes d. | | | | | Winterstürme | | | | | 2. |Göttwitz bei |Auf Strohdach in |1862 | 1879 |Umdeckung des |Wermsdorf |Gehöft Nr. 3b | od. 63 | | Daches | | | | | 3. |Lampertswalde|Auf einer Eiche | ? |Vor etwa | ? | | | |50 Jahren| | | | | | 4. |Lampertswalde|Auf einer Pappel,| 1902 | 1908 | — | |hinter Gehöft | | | | |Nr. 21 | | | | | | | | 5. |Lampertswalde|Auf dem First | ? | ? | ? | |eines | | | | |Seitengebäudes | | | | |in Gehöft Nr. 36 | | | | | | | | 6. |Lonnewitz |Auf einer Erle am| Um 1900 | ? | |Abflußbach | | | | |des Zöschauer | | | | |Teiches | | | | | | | | 7. |Lorenzkirch |Auf einer Pappel | 1915 | 1921 |Abschuß eines | |vor Gehöft | | |Alten | |Nr. 20a | | | | | | | | 8. |Wendisch- |Auf der | ? |Nach 1880| ? | Luppa|Brennereiesse des| | | | |Gutes Nr. 7a | | | | | | | | 9. |Oschatz |Auf dem Strohdach| 1867 | 1871 |Umdeckung des | |eines Hauses | | |Daches | |Ecke Gartenstraße| | | | | | | | 10. |Sornzig |Auf dem First |Vor etwa 30 Jahren | ? | |eines kleinen | | | | |Wirtschafts- | | | | |gebäudes im | | | | |Klostergut | | | | | | | | 11. |Zaußwitz |Auf einer Pappel | 1897 | 1911 |Verendung | |bei Gehöft Nr. 32| | |d. Mäusegift | | | | | 12. |Zaußwitz |Auf einer Eiche | 1898 | 1910 |Verleidung | |bei Gehöft Nr. 45| | |des Nestbaues

Über die Gründe dieses raschen Aussterbens der Störche hat ja Klengel in dem Aufsatze »Unsere sächsischen Störche und Storchnester« in Band VI und VII der Heimatschutzmitteilungen genauere Ausführungen gemacht. Fremde und Heimat sind von Einflüssen nicht frei. Viele Tiere erliegen in den warmen Zonen Südafrikas nach dem Genusse vergifteter Heuschrecken. Weiter hat man in diesen Gegenden ganze Züge zu allen Zeiten des Jahres gesehen, was vielleicht mit einer klimatischen Verschiebung zusammenhängt. In der Heimat werden viele ein Opfer der Hochspannungsdrähte, sowie immer noch der Jagdleidenschaft mancher Jäger, obwohl Adebar für Deutschland bereits unter Schutzgesetz steht. Vielleicht liegt es daran, daß er in storchenreichen Gegenden, wie Mecklenburg, Pommern ab und zu Junghasen oder Gelege von Hühnervögeln aufnimmt. Die Ansichten über seine »Nützlichkeit« und »Schädlichkeit« gehen jedenfalls in Jagdkreisen weit auseinander. Um mit Schiller zu sprechen: »Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte«. Wir in Sachsen hätten allen Anlaß, ihn zu schonen. Als Hauptgründe des raschen Aussterbens im nordsächsischen Niederlande kommt wohl hauptsächlich die Entwässerung weiter Strecken Landes in Frage, wodurch ergiebige Nahrungsquellen versperrt werden. Dazu kommt weiter, daß ihm Rauch, Ruß und Fabriklärm, sowie neuerdings das Geknatter der Motorpflüge und Zugmaschinen der Landwirtschaft ungebetene Gäste sind. Ihm wird das friedliche Treiben vergällt, so daß er abwandert. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß auch auf der Reise viele umkommen. Professor Thienemann, Rossitten, hat nachgewiesen, daß viele Vögel mit völlig leerem oder fast leerem Magen fliegen, um schneller vorwärts zu kommen. Dieser Vorteil bringt Nachteile. Dem Kopfe und Hirn fehlt es an Blut. Das schwächt die Urteils- und Sehkraft, so daß die Tiere entgegentretenden Hindernissen wie Schiffstakelwerken, Zäunen, Bäumen oft nicht auszuweichen vermögen, so daß sie flügellahm niederfallen und verenden. Möglich ist es, daß dem männlichen Malkwitzer Storche in diesem Jahre auf der Rückreise ein ähnliches Unheil widerfahren ist, so daß schließlich das Nest verwaisen mußte, weil es das Weibchen nur noch beflog und schließlich ganz wegblieb. Ich habe das Nest noch nicht mit in der Zusammenstellung verwaister Storchnester aufgenommen, da ich hoffe, daß in diesem Jahre sich ein neues Paar einstellt. Über das Nest selbst, das gerade im letzten Jahre sehr vom Unstern des Glücks verfolgt wurde, noch etliche Bemerkungen, besonders über seine Geschichte.

[Illustration]

Es ist alt und soll ursprünglich, bereits 1852, auf dem strohgedeckten Dache eines Gehöftes gewesen sein. Im Winter des Jahres 1873 starb die Besitzerin des Gutes, die diesen Tieren immer besonderen Schutz gewährte. Nach der Rückkehr aus dem Süden nahmen die Störche die alte Niststätte nicht an, sondern bezogen die hohe Friedhofslinde, die in unmittelbarer Nähe des Grabes ihrer Beschützerin war. Das mag zufällig geschehen sein, doch sah die Bevölkerung in diesem Tun ein Zeichen von Treue und Anhänglichkeit. Ein Beweis, welche Rolle der Storch im Volksglauben spielt. Jährlich sind im Nest zwei bis fünf Junge erbrütet worden. Einmal, in den achtziger Jahren, blieben die Störche aus, als die Linde oben recht zugewachsen war. Ein Schornsteinfeger stellte den Schaden ab, der ausgeästete Baum wurde im nächsten Jahr erneut beflogen. Die Jahre kamen und gingen. Die Linde wurde morsch, so daß man schließlich einmal ihren Sturz befürchten mußte. Da beschlossen 1923 die Kirchgemeindevertretung Malkwitz und Kircheninspektion Oschatz unter Teilnahme eines Vertreters des Heimatschutzes (Klengel, Meißen), am Firste des nahen Kirchendaches ein dauerhaftes Wagenrad zu befestigen. Der Plan wurde ausgeführt, der Storch nahm die Niststätte nicht an, sondern ging wieder nach dem altgewohnten Horst. Mir kam schon in dieser Sitzung der Gedanke einer Auszementierung der Linde, da ich aber nur als Gast zugegen war, machte ich davon keinen Gebrauch. In den Jahren 1923 und 1924 kamen zwei und drei Dunenjunge hoch. Sie wurden beringt und tragen die Nummern 11741 bis 11745 der Vogelwarte Rossitten. Einzelfragen über die Störche, wie Zugrichtung, Zugschnelligkeit, Heimat- und Nesttreue, Dauerehe usw. sollen durch solche Beringungen immer mehr geklärt werden. Anfang April 1925 kehrte das Malkwitzer Storchenweibchen zurück. Das Männchen blieb aus, so daß schließlich auch das Weibchen dem Neste fernblieb. Am 22. September trat nun das Unglück ein, von dem bereits in der Tagespresse berichtet wurde. Die morsche Linde wurde bei heiterstem Herbstwetter, sagen wir ein Opfer der Windstille. Der »Heimatschutz« ließ um diese Zeit einen Aufsatz durch sächsische Tageszeitungen gehen, betitelt »Erhaltung von Naturdenkmälern«. Der betreffende Mitarbeiter spricht da von der Malkwitzer Linde als einem herrlichen Naturdenkmal, um das wir ärmer geworden sind. Er fragt weiter, ob dieses beklagenswerte Ereignis nicht noch für eine lange Reihe von Jahren hätte aufgehalten werden können, wenn man rechtzeitig für eine zweckentsprechende Sicherung des Baumes gesorgt hätte. Zunächst ist da zu bemerken, daß der Baum an sich, man wolle mich recht verstehen, gar kein Naturdenkmal mehr war; denn einen Lindenstumpf, der seit drei Jahren nicht mehr ausschlug und so die Spuren sich verjüngenden Lebens an sich gezeigt hätte, kann man nicht als solches bezeichnen. Für die Sicherung des Nestes war bereits Anfang 1923, wie weiter oben erwähnt, etwas geschehen. In diesem Frühjahre nun will sich die Gemeinde ebenfalls wieder dafür einsetzen, daß sich ein Storchenpaar an der verwaisten Stätte niederläßt. Es wird an derselben Stelle von drei acht bis zehn Meter langen starken Stämmen eine Art Dreibock (/|\) errichtet und darauf ein Wagenrad befestigt. Ob die Störche das neue Heim annehmen? Wir hoffen es zuversichtlich. Freilich scheint es mir bald, als wäre die Zeit nicht mehr ferne, da es auch von den Störchen Sachsens heißt: Die Ruinen des einen braucht die allzeit wirksame Natur zum Leben des anderen. Die vielen verwaisten Nester reden eine zu deutliche Sprache.

[Illustration: Die gestürzte Linde in Malkwitz bei Dahlen, auf der das Storchnest war]

Die sächsische Schule und der Heimatschutzgedanke

Von _Rudolf Schumann_

Schon vor dem Kriege begann die Schule, den Begriff der Heimat immer mehr in ihre Arbeit hereinzunehmen, und vor allem in den letzten Jahren hat die Heimat eine höhere Beachtung gewonnen. Ist doch der Heimatkundeunterricht von einem Jahr auf zwei Jahre ausgedehnt worden, und ist doch in allen späteren Schuljahren dauernd zurück auf die Heimat zu greifen. Der »Lehrplan für die einfachen Volksschulen des Königreichs Sachsen« von Kockel führt in seiner 11. Auflage 1911 als Ziel der eigentlichen Heimatkunde an: »~a~) _Das heimatliche Gebiet nach geographischen Gesichtspunkten erhellen_ ..., _anleiten, damit die Kinder ihre Heimat genau kennenlernen, geographische Grundbegriffe sich aneignen_ ...; ~b~) _das Kartenverständnis vermitteln_ ...; ~c~) _Liebe zur Heimat einpflanzen, die ihnen einen sittlichen Halt für das ganze Leben bietet und sich leicht zur Vaterlandsliebe weiter aufschließt_« (nach Grüllich). Die Heimat bietet danach also reiche Anschauungen und Apperzeptionshilfen. Sie ist aber auch die Grundlage zu bilden imstande nicht nur für den späteren geographischen Unterricht, sondern auch für eine sittliche und ästhetische Entwicklung, vermag doch die Heimat Schönheitsbegriffe zu vermitteln und ist dauernd jedem zugänglich, was vor allem für ein verarmtes Volk von großer Bedeutung ist. »Die Heimat wird für den ideal veranlagten Menschen zum Paradies der höheren Freuden, wenn durch Erziehung und Bildung die Fähigkeit gegeben wurde, in der Natur die Leiden des Daseins zu vergessen.« (Blätter für Naturschutz 1920, 11/12 S. 6.) Der Lehrplan von Kockel weist ferner 1911 schon auf die Bestrebungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin, und im Jahre 1908 hat das Kultusministerium laut Gesetz-Verordnung vom 12. August 1908 deren Unterstützung empfohlen.

Ehe auf die Heimatschutzarbeit der Schule eingegangen werden kann, erscheint es notwendig, einen Blick auf Grundlage und Notwendigkeit von bewußtem Heimatschutz zu werfen. Daß der Natur- und Heimatschutz von eigens dafür geschaffenen Organisationen in die Hand genommen wird, ist eine Erscheinung der Neuzeit. Noch bis in das vorige Jahrhundert hinein kann man von einem natürlichen Heimatschutz reden. Der große Teil der Bevölkerung war in irgendeiner Weise bodenständig, entweder als Handwerker oder als Landwirt, und unter der noch nicht ins Ungemessene gewachsenen Zahl der Beamten und Arbeiter gab es viele, die eigenen Grund und Boden, ein eigenes Haus besaßen. Einer bodenständigen Bevölkerung ist aber der Schutz der Heimat etwas Gegebenes, nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch aus dem Gefühl der Zugehörigkeit zu ihrer Scholle heraus. Ferner konnten bei wenig dichter Bevölkerung Maßnahmen einzelner, die gegen Natur und Heimat verstießen, nicht allzu schwer schädigende Folgen haben, wie bei einer dichten Bevölkerung. _Die bewußte Durchführung des Heimatschutzes ist also zu betrachten als eine Reaktion gegen irgendeine Aktion, ein Ereignis des letzten Jahrhunderts._ Als dieses Ereignis kann ganz allgemein genannt werden das plötzliche und rasche Vorwärtsschreiten der Zivilisation: die Ausnutzung der Dampfmaschinen und Eisenbahnen, das Entstehen der Fabriken und die Vermehrung der Verwaltungsarbeit. Damit Hand in Hand ging eine rasche Bevölkerungszunahme, vor allem in der Industriearbeiter- und Beamtenschaft. Dadurch entstanden die Hemmungen gegen die Durchführung des natürlichen Heimatschutzes, und zwar direkter und indirekter Art. Aus einem natürlichen war das Leben der Menschen mehr und mehr in einen Zwangsverlauf gedrängt worden.

Die erste Folge genannter Ursache war direkter Art. Es wurden Fabriken gebaut, Eisenbahnlinien gezogen, es mußten neue Wohnstätten geschaffen werden, als deren einer Typ jetzt auch die Mietkaserne auftrat. Die harte Lebensnotwendigkeit verlangte die leichtere Zugänglichmachung entlegener Ackerbaugebiete, überhaupt einen regeren Austausch zwischen Stadt und Land, die Bebauung schöner Landstrecken, die Regulierung von Wasserläufen, und als Folge der Konkurrenz trat die Reklame auf. Es mußten ferner Fabrikabwässer beseitigt werden, wodurch ganze Flüsse vergiftet wurden, Rauch, Ruß und Benzingeruch nahmen der Luft ihre ursprüngliche Frische. Das engere Zusammenwohnen von Menschen verlangte die Anlage von Schuttablagerungsplätzen. In stillen Tälern erscholl jetzt das Pfeifen der Lokomotive, das Rattern von Maschinen, die Sprengschüsse von Steinbrüchen, die den Anblick ehemals reizender Landschaftsbilder auf ewig verdarben. _Die Anforderungen des Lebens rechtfertigten diese Maßnahmen. Jedoch wurde oft darauf losgewirtschaftet, ohne Rücksicht auf die Natur und heimatliche Schönheit zu nehmen._ So brachte die Bauweise der Gründerzeit Formen, zu denen unser Volk keine inneren Beziehungen fand, sowohl bei Villen als auch bei Mietkasernen. Fabriken wurden in erster Zeit nur unter dem Gesichtspunkte des Praktischen gebaut, was besonders dann häßlich und aufdringlich wirkte, wenn sie an Stelle ehemaliger idyllischer Mühlen gesetzt wurden. Bei der Anlage von Steinbrüchen versagte man die Schonung oft den reizendsten Gegenden. Da man die Folgen einer so raschen Entwicklung noch nie kennengelernt hatte, fehlten auch die Erfahrungen, wie man ihre üblen Folgen vermeiden könnte, ja diese wurden überhaupt erst als solche erkannt, als schon viel verloren war. Im einzelnen Fall und dem einzelnen war die Gefährdung heimatlicher Schönheit kaum ins Auge gefallen. Erst bei einem Rückblick nach einem längeren Zeitabschnitt trat sie als vollendete Tatsache auf.

Neben diese immerhin noch natürliche Entwicklung trat aber auch immer mehr eine unnatürliche. Die Gier nach Luxus und die Ausnützung der Natur zu Geldzwecken versetzten der Heimat an ihren schönsten Punkten die schwersten Schläge. Wo früher der einsame Wanderer nach beschwerlichem Wege von einer Hochwarte aus die Augen ins weite Land schweifen ließ, dahin baute man Luxushotels, erreichbar auf breiten, staubigen Automobilstraßen oder durch Gebirgsbahnen. Um die Schönheit dieser Punkte heute noch zu genießen, genügt nicht mehr gemütvolles Auffassen. Wer nicht über geldliche Mittel verfügt, ist an solchen Stellen meist ein wenig gern gesehener Gast, er ist heimatlos geworden in seiner Heimat. Dieses Spekulantentum ohne Ideale macht sich auch in anderer Weise breit. Weit ins Land schauende Berge wurden eingeschätzt nach dem Werte der Steine, die sich aus ihnen gewinnen ließen, und es bedurfte erst des Eingreifens der Behörden, ehe sie geschützt wurden. Aus rauschenden Bächen errechnete man lediglich Kilowattstunden, und romantische Gebirgslandschaften regten zu gewinnbringenden Filmaufnahmen an. Unter all diesen Erscheinungen litt die Natur direkt mehr oder weniger.

Dadurch, daß diese Entwicklung auch andere Menschen schuf, trat noch eine indirekte, aber nicht minder große Bedrohung und Gefährdung der Heimat ein. Durch die starke Bevölkerungszunahme und die immer häufiger werdende Beschäftigung als Beamter oder Arbeiter trat eine Entwurzlung weiter Schichten ein. Das innere Verhältnis zwischen Arbeit und Arbeiter – besonders wenn die Arbeit eintönig war –, zwischen Scholle und Bewohner – wenn dieser nicht selbst Besitzer war – schwand. Der einzelne war auch nicht mehr an den Ort in dem Maße gebunden wie vorher, zudem machten ihm die Verkehrsmittel einen Ortswechsel sehr leicht. Von dem, was eigentlich Heimat ist, lernten viele ihre ganze Kindheit hindurch in den Mauern der Stadt fast nichts kennen. _Die Folgen dieser Entwurzlung waren verschiedener Art: Gemütsverflachung, völlige Gleichgültigkeit, Gemütsverderbnis, aber auch der Trieb nach oben, nach einem eigenen, vielleicht neuen Boden._

_Die Gemütsverflachung_ tritt uns entgegen in der Oberflächlichkeit weiter Kreise. Der Sinn nach Tand, kleinlichem Luxus, Vergnügen, steter Abwechslung ist ihr Kennzeichen, ferner der Drang nach unsolider Lebensweise. Daneben kann nicht mehr der Sinn für die stille Schönheit der Natur wohnen, ja deren Verachtung tritt ein. Solche Menschen zerstören dann aber auch ohne das Bewußtsein, daß sie unrecht tun. Mancher Käfer oder Schmetterling, manch seltene Pflanze fällt ihrem Spielen und Tändeln zum Opfer, ohne daß sich Gewissensbisse regen. _Die Gleichgültigkeit_ hat ihren Grund vor allem darin zu suchen, daß der nicht mehr Bodenständige gewisser Pflichten enthoben ist. Dem Grundbesitzer ist es selbstverständliche Pflicht, z. B. den Wald zu schonen, der ihm Wasser speichert und sein Tal vor Stürmen schützt. So sorgte und sorgt noch in jedem Gebiet mit dünner, aber bodenständiger Besiedlung jeder für die Erhaltung der Heimatscholle; denn jeder hat teil daran, jeder weiß, daß seine Vorfahren hier saßen, seine Kinder hier sitzen werden. Die Enthebung von solchen ungeschriebenen – weil natürlichen – Gesetzen muß zu einer laxen staatsbürgerlichen Auffassung führen, was sich darin kund gibt, daß der Gemeinsinn mehr oder weniger verschwindet. Die Folge davon ist die Rücksichtslosigkeit im allgemeinen, angewandt auf die Heimat, das Sichgehenlassen in der Natur, das gedankenlose Zerstören, ohne daß damit gesagt sein soll, daß solchen der Sinn für das Unrechte fehle. Aufmerksam gemacht, erkennen sie unter Umständen, daß ihr Verhalten falsch ist. Schlimmer als Gemütsverflachung und Gleichgültigkeit ist _die Gemütsverderbnis_. Sie gibt sich kund in einem brutalen Sichdurchsetzen. Sie sucht ihre Stärke in rohem Auftreten. Ein Zeichen verdorbenen Gemüts ist das mutwillige Zerstören, der böse Wille in der freien Natur. Solche Menschen können zufriedengestellt werden durch das Zerstören der Freude anderer Menschen. Gegen sie kann, wenn es Erwachsene sind, nur mit der strengsten Durchführung von Gesetzen eingeschritten werden. Schließlich muß sich als eine Folge der Entwurzlung bei vielen auch der Trieb zeigen, wieder Wurzeln zu schlagen, _ein Trieb nach oben_, entweder in geistiger oder materieller Beziehung. Dem entsprechend können sich ihm auch zwei Hemmungen entgegenstellen. Vielen fehlt das eigene geistige Gebiet. Wollen sie nun geistig etwas leisten, so werden sie die Hohlredner, die Lauten, die sich gern reden hören. Vermißt ein anderer mehr die materielle Grundlage, so führt das zur Unzufriedenheit. Unzufriedene können Nörgler werden, vor allem, wenn sie auch nach einem geistigen Gebiete streben, ohne es zu finden. Aus ihnen rekrutieren sich aber auch die Resignierten, die sich stets für betrogen ansehen, die in nichts mehr eine Freude erblicken zu können glauben. Sie werden darum auch wieder die Gleichgültigen. Schließlich gibt es die konsequenten Unzufriedenen, die Verbrecher. Alle die, denen in irgendeiner Weise der Trieb nach oben innewohnt, können für den Gedanken des Heimatschutzes gewonnen werden.

Nachdem nun die Hemmungen bekannt sind, die sich dem Natur- und Heimatschutz entgegenstellen, können die Wege gesucht werden, sie zu umgehen. Sie werden bestehen müssen in einem _Führen, Erziehen des Volkes_. _Zeit und Ort dafür kann in wirksamster Weise die Schule sein_; denn diese wird von allen durchlaufen. Ihr Einfluß trifft alle, während der Aufklärungsdienst – wie Presseaufsätze, Zeitschriften usw. – oft diejenigen nicht erreicht, die seiner am bedürftigsten sind. Zudem ist es eine schwere, oft kaum lösbare Aufgabe, den schon in festen Bahnen sich bewegenden Geist Erwachsener in für sie völlig neue Bahnen zu leiten, zumal sich da auch fast stets Voreingenommenheit, Eigensinn, falsches Selbstbewußtsein, und vor allem die Angst vor Bevormundung einstellen. Glaubt man wirklich, nach eifriger Werbetätigkeit dem Heimatschutz einen neuen Anhänger gewonnen zu haben, so wird sich bei näherer Untersuchung oft genug zeigen, daß er schon vorher aus natürlichem Gefühl heraus durchaus nicht zu den Naturverwüstern gehörte. Wohl bildungsfähig aber ist das Kind, sind es auch noch erwachsene Schüler, und vor allem kann durch die Kinder der Schutzgedanke in die Familie hineingetragen werden, wobei dann einige der genannten Hemmungen schon hinwegfallen oder doch leichter überwunden werden können. Um die Kinder für den Gedanken des Heimatschutzes zu gewinnen, bedürfen sie natürlich erst einer gewissen Kenntnis von der Heimat, die der Heimatkundeunterricht laut Lehrplan zu vermitteln hat. Dies ist aber nicht die alleinige Voraussetzung. Wer schützen will, muß erst einmal wissen, warum und was. Er muß wissen, was überhaupt schön, was häßlich ist, was verloren, was gefährdet ist. Dem Schüler muß der Gedanke der Schönheit nahegebracht werden. Daß er nicht von vornherein in jedem Kinde wohnt, muß jeder Lehrer oft bei Klassenwanderungen erkennen, wenn die Kinder gerade an den schönsten Punkten die belanglosesten Gespräche führen und für die Erhabenheit der sie umgebenden Natur weder Auge noch Ohr zu haben scheinen. Das Schönheitsgefühl muß ihnen erst anerzogen werden. Als Vorstufe ist das Gefühl für Ordnung zu betrachten. Schon in Elementarklassen wird wohl von allen Lehrern darauf gehalten, daß die Kinder im Zimmer und auf dem Hofe Papier z. B. nicht nur deswegen nicht wegwerfen, weil es verboten ist, sondern sie müssen sehen lernen, daß es häßlich ist. Auf dasselbe ist vor allem bei Klassenausflügen zu achten. Hier kann der Lehrer noch weitergehen. Es ist von Freunden des Verfassers und auch von ihm selbst schon folgender Versuch gemacht worden: Die Klasse kommt an eine oft besuchte Raststätte. Für gewöhnlich sind solche arg verschmutzt mit Papier usw. Da darf sich nun die Klasse nicht ohne weiteres setzen. Erst hat sie einige Augenblicke diesen häßlichen Eindruck in sich aufzunehmen, diesen Gegensatz zwischen der Natur ringsum und ihrer Schändung. Dann bedarf es meist nur eines Wortes, und die Kinder säubern diese Stelle, soweit die Arbeit nicht ekelerregend ist. Der Lehrer weiß sicher, daß dieser Eindruck länger haften bleibt als das bloße Wort. Gerade auf Klassenwanderungen läßt sich in vielerlei Weise das Gefühl für Schönheit erziehen oder wenigstens der Boden bereiten, in dem es später wachsen kann. Der Lehrer, der einen Ausflug nicht nur körperlicher, sondern auch geistiger, seelischer Kraftbildung dienen läßt, wird es verstehen, seine Kinder an das Verweilen mit Fuß und Gedanke an gewissen Stellen zu gewöhnen, an das wortlose, aber innige Genießen einer erhabenen Aussicht, an das Lauschen auf das Rauschen des Waldes, an das Genießen der Stille des Tales. Leicht zu lösen ist diese Aufgabe nicht, wie jeder bezeugen kann, der Kinder in der Klassengemeinschaft auf Wanderungen beobachtet hat. Wie oft fragen die Kinder nur nach der nächsten Raststelle und wie weit sie noch zu laufen haben. Verfasser hat es bei seinen Klassenwanderungen auch immer für seine Pflicht gehalten, das schon oben erwähnte unnütze Vielreden der Kinder unterwegs auf ein gewisses Maß einzuschränken. Vielleicht erscheint dies manchem als eine Härte. Aber es ist meine Ansicht, spazierengehen können die Kinder allein oder mit den Eltern. Der Lehrer soll eine höhere Arbeit leisten, und es darf von ihm erwartet werden, daß er mehr ist als der Manager einer »Partie«, einer Vorstufe für Bierreise mit Leiterwagen, Ziehharmonika und Clown. Auf der Klassenwanderung soll das Kind lernen, wie es später allein wandern soll. Es wäre ganz gut, wenn auf der Erde weniger geredet, mehr erlebt würde. Warum sind Gebirgler und andere Naturkinder oft so wortkarg? Beobachten sollen die Kinder unterwegs auch die Folgen der Rohheit anderer: verschnitzte Bäume, zerstörte Quellen, weggeworfene Blumen, zertretene Rasenflächen. Aber auch im planmäßigen Unterricht läßt sich in dieser Richtung arbeiten. In der Heimatkunde weist der Lehrer immer und immer wieder nicht nur darauf hin, wie die Heimat ist, sondern auch, wie sie war. An alten Bildern kann er ihre ursprüngliche Schönheit zeigen, wobei er besonders darauf hinweist, wo diese durch Menschen ohne harte Notwendigkeit verlorengegangen ist. Dabei wird er auf den Unterschied zwischen schön und häßlich bei Bauweise und Reklame aufmerksam machen, um darzulegen, wie der Mensch sehr wohl imstande ist, Schönheit zu wahren. Durch diese geistige Führung muß jeder Schüler zu der Überzeugung kommen: »_Ich kann noch Schönheit genießen._«

Aber auch zu der Überzeugung muß er gebracht werden, daß es nicht notwendig ist, resigniert zuzuschauen, wenn uns ursprüngliche Schönheit verlorengeht. Der Lehrer kann Beispiele bringen, wie hier eine Gemeindevertretung aus vernünftigen Männern und Frauen die Errichtung eines Luxushotels auf ihrem Grund und Boden abgelehnt hat, wie da die Einwohner eines Ortes Naturdenkmäler schützen oder sich gegen Anbringung marktschreierischer Reklame wehren, wie ganze Volksteile mobil gemacht worden sind gegen eine Zerstörung oder geldgierige Ausnützung ihrer schönen Heimat. Das Kind muß aber auch schon als Kind wissen, daß es einmal mit reden und raten kann, und darum sind ihm auch schon in der Schule die Tore zu zeigen und zu öffnen, die nach oben führen, damit es später nicht nach oben hungern muß. Früh schon muß es hingewiesen werden auf Vereine mit edlen Bestrebungen, auf Büchereien und Volkshochschule. Dem kindlichen Eifer kann man gerecht werden, indem man die Kinder die Befriedigung fühlen läßt, wenn sie ihre Schul- und anderen Ausflüge ohne Blumensträuße durchführen und wenn man ihnen die Möglichkeit zeigt, daß sie durch ihr kindliches Wort schon den Schutzgedanken ins Elternhaus, zu Verwandten und Freunden tragen können. Dann wissen sie: »_Ich kann beitragen, Schönheit zu erhalten._«