Part 18
Doch ist es richtig: die Moschee besteht in ihren ersten und originalsten Teilen aus den Resten mehrerer westgotischer Kirchen, und große Stücke ihrer Architektur sind einfach von daher übertragen; nicht nur die Säulen (s. Abb. 46), sondern auch das Hufeisenbogenwerk, das die Obermauern trägt, alte Fenstergitter und dergleichen Steinarbeiten, vielleicht sogar die Reste des alten Holzplafonds, wie denn Cordoba in seinen Mauern noch zahllose Trümmer westgotischer Baukunst birgt.
Die alten Kapitelle in der Moschee zeigen uns ganz nordische Umbildung der korinthischen Kelchform, oft in solch eigentümlicher Weise, daß man Arbeiten der deutschen Renaissance zu sehen vermeint. Die Kämpfer, in der Form anklingend an die byzantinischen Kapitellaufsätze, sind doch mit eigentümlichem germanischem Ornament bedeckt von Geflecht, Kerbschnitt oder ähnlichem Zierwerke, oft verstümmelt, die Kreuze weggehauen, doch die Grundformen wohl erkennbar und deutlich.
Auch ein riesiges Weihwasserbecken von länglich rechteckiger Form steht noch beim Eingang; die pfeilerartige Stütze in rein geometrischem Kerbschnitt in Rosetten und Friesen völlig verziert, das Kreuz wieder halb weggehauen (s. Abb. 70).
Nicht zu vergessen bleibt immer, daß der Hufeisenbogen von den Arabern aus der westgotischen Verlassenschaft übernommen, nicht etwa mitgebracht wurde, wie auch manches andere künstlerische Motiv. Schon an spätrömisch-westgotischen Grabsteinen kommt er in Gesellschaft des germanischen Kristallschnittes häufig vor (Abb. 106).
[Illustration: Abb. 106. Leon. Museum. Römisch-westgotische Grabsteine.]
Darum wissen wir auf den ersten Blick westgotische und älteste spanisch-arabische Architektur nur schwer auseinander zu halten.
* * * * *
[Sidenote: Merida]
Auch Merida, die alte Hauptstadt Lusitaniens (einst die prächtige Augusta Emerita), war berühmt durch ihre vielen Kirchen und stattlichen Bauwerke; die Chronik Roderichs sagt, daß sie zu dessen Zeit (713 fiel sie den Arabern in die Gewalt) 84 Tore, 5 Schlösser und gar 3700 Türme gehabt habe. Ist dies auch phantastische Ausschmückung, so wird man immerhin auf eine umfassende Bautätigkeit in westgotischer Zeit in Merida schließen müssen. Die ganze trümmerreiche Stadt steckt heute noch voll von Resten aus jener Zeit, wenn auch die Araber unter Musa nachher dort eine glänzende Hauptstadt rein orientalischen Charakters erstehen ließen. Allerdings war schon den Westgoten das riesige dortige Römerwerk, von dem noch jetzt Tempelreste, Theater, Zirkus, Brücken und Aquädukte übrig sind, ein bequemer Steinbruch gewesen; trotzdem muß zu ihrer Zeit hier eine ganz neue Art von Bautätigkeit sich entfaltet haben, an deren Werken uns die besondere Stilisierung auffällt, deren Ausläufer wir, da Merida die Hauptstadt auch des westgotischen Lusitaniens blieb, bis nach Lissabon hin finden.
Davon sind vor allem die mannigfaltigen Reste von Steinarbeiten im Museum Zeugen. Darunter fallen gewisse Stützen auf, Pilaster, in deren Vorderfläche kleinere Halbsäulen hineingetieft sind, aus deren vierkantiger Masse der Schmuck, Blätterkränze der Kapitelle, Zierat jeder Art so herausgearbeitet ist, daß die Plastik überall nur durch Vertiefung des Grundes in den ursprünglich glattvierkantigen Stein erreicht ist.
Ganz zu verstehen ist dies merkwürdige Verfahren nur dann, wenn wir uns die glatten Steinbalken, wie die Balken eines Fachwerkbaus, bereits in die Wand hinein vermauert denken und uns weiter vorstellen, daß der Bildhauer nun erst den Schmuck in die Fläche des Pfeilers hinein zu hauen hatte. So sind die Steinpilaster des 6. Jahrhunderts in Merida manchen Holzständern der geschnitzten Fachwerkbauten des 16. Jahrhunderts in Hildesheim und anderwärts völlig ähnlich. Vielleicht das merkwürdigste Beispiel für den holzgeborenen Charakter der germanischen Steinarchitektur, und der schärfste Beweis für die Konstanz der künstlerischen Richtung innerhalb der Rasse.
Auch an verschiedenen anderen Gestaltungen reich ist das in Merida an Resten noch Vorhandene. So sehen wir allerlei Freistützen, gewundene Säulen mit Kapitellen, die in holzmäßiger Umgestaltung noch die römischen Vorbilder nachzuahmen suchen, aber auch vierkantige Pfeiler, deren Flächen von eigentümlich geformten Kreuzen eingenommen werden, und deren Kapitell reine Holztechnik ausspricht (s. Abb. 46), -- eine Stütze, die ähnlich auch in Toledo daheim ist. Dann aber Reste von Schranken (cancelli), den gleichzeitigen langobardischen in Italien (Aquileja) sehr nahe verwandt, die mit einer Einteilung in quadratische, mit Tiergestalten gefüllte Kassetten geschmückt sind, darüber Muscheln in Bögen und Dreiecken; alles rein vertieft in die Fläche, wie wir es aus dem Osten kennen.
Andere Bauteile finden wir in jüngeren Bauwerken vermauert; so höchst stattliche Türpfeiler in der berühmten, in gegenwärtiger Gestalt aber den Arabern angehörigen Wasserkunst im alten Alcazar (El Conventual [Abb. 107, Tafel XXX]).
Wieviel einst aber da vorhanden gewesen sein mag, ist kaum mehr zu ahnen. Die arabischen Eroberer plünderten und verschleppten die kostbareren Teile der Bauwerke über weite Gegenden; ihre Schriftsteller erzählen Wunderdinge von der Marmorpracht und anderen Herrlichkeiten, die sie vorfanden.
Es wird vor allem gerühmt die große Hauptkirche, Sta. Maria (Sta. Hierosolyma genannt), wegen ihrer Größe und Pracht, der Ort vieler Konzilien; außerdem die Basilika St. Eulalia (in romanischer Zeit wieder aufgebaut); ein großes Baptisterium bei J. Joh. Baptista, zahlreiche andere Kirchen, Klöster, Hospize, Krankenhäuser, Schulen.
[Illustration:
XXX
Abb. 107. Merida. Westgotische Pfeiler im Conventual.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Illustration: Abb. 109. Toledo. S. Cristo de la Luz.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
Schon im 6. Jahrhundert errichtete Erzbischof Fidel an Stelle seiner eingestürzten Residenz eine neue prächtige, die wundervoll ausgestattet als bischöfliches Atrium mit seinen drei reichen Säulenhallen besonders gepriesen wird (Paul Diaconus), ausgestattet mit Marmor, Mosaik und sonst kostbaren Materialien. Ein zweites herzogliches Atrium wird ebenfalls erwähnt.
[Sidenote: Sevilla]
+Sevilla+, einst so bedeutsam als westgotische Hauptstadt in Andalusien, zeigt uns aus germanischen Tagen ebenfalls nur noch Trümmer in reicher Vielgestalt in seinem Museum; keinen sonstigen Rest von Gebäuden mehr aufrecht.
[Sidenote: Toledo]
Kaum anders ist es in Toledo, wo man von den einstigen großen Bauwerken der westgotischen Residenz fast nichts mehr hat, als die zahlreichen aus Befestigungen und späteren Mauern, insbesondere arabischen, wieder zutage beförderten Architekturteile, von denen eine nicht unbedeutende Zahl inzwischen nach Madrid ins Museo arqueologico gewandert ist.
Von der einst nach Norden am Fuße der hoch emporragenden Stadt liegenden Basilika der hl. Leokadia ist nichts übrig, als eine Reihe von Säulenkapitellen in den Höfen des Sta. Cruz-Hospitals (Abb. 47). An der Stelle der Kirche, die so viele westgotische Konzilien -- unglückseligen Angedenkens -- in ihren Mauern tagen sah, steht ein kleines nichtswürdiges bäurisches Gotteshaus; ein paar marmorne Säulenschäfte stecken als Wegepfosten an den Wegen im Boden. Der zweite Hallenhof des genannten berühmten Hospitals des „großen Kardinals“ (Mendoza) steht auf den nach oben transportierten Säulen, deren Kapitelle merkwürdige Umbildung korinthischer Grundform zeigen. Überall bricht neue Gestaltung hindurch: die Parallelität der Linien, der Blattrippen, wellenförmige Rippungen und dergleichen treten an Stelle antiker Formenbildung; sonderbare Hakenblätter von ganz fremder Gestalt umgürten den Kelch.
Von der Kirche der hl. Agnes (Ginés) sind (in Madrid) allerlei Bruchstücke vorhanden; so vor allem ein Doppelfenster mit Zwischensäule; der Doppelhufeisenbogen ist aus einem einzigen Marmorblock gehauen; das Kapitell mit Kämpfer eben angedeutet, die Basis rein als vertiefte Ringelung gebildet; kurz alles völlig zimmermannsmäßig.
Zahlreiche Kämpfer, Türstürze, Friese und dergleichen zeigen uns ausnahmslos mehr und als irgendwo sonst reine Kerbschnittarbeit oder Zimmermannsart auf den Stein übertragen und völlig zu einem eigenen Stile ausgebildet, auch in netzförmigen Mustern, Rosetten in Reihen angeordnet, kurz in mannigfachster Durchbildung.
Insbesondere spielt hier das aus verschlungenen Kreislinien hergestellte Vierblatt und Sechsblatt im Kreise eine große Rolle (wie auch bei den merowingischen Franken, nicht minder aber in der späteren Holzkunst und Zimmermannsarbeit des Nordens). Selbst in die Keramik übertragen (so auf Ziegelsteine als Zierat). Kurz, die Ornamentik der Westgoten ist fast ausschließlich nur aus der reinen Holzschnitzerei und Kerberei zu verstehen, weil aus ihr entstanden (Abb. 108).
[Illustration: Abb. 108. Westgotische und fränkische Steinornamente.]
Ein paar bauliche Reste haben sich in späteren Moscheen erhalten. Da sei vor allem die bekannte kleine, jetzt S. Cristo de la Luz, genannt, deren Schiff (Abb. 109, Tafel XXX) rein quadratisch, mit Außenmauern aus großen Quadern und Zwischenlagen von Backsteinschichten, durch Hufeisenbögen auf vier mittleren Säulen in neun kleine Quadrate geteilt, wohl die alte kleine Kirche gebildet haben kann; also eine Zentralanlage (die Apsis oder Apsiden durch eine spätere Erweiterung verdrängt). Die kurzen Säulen mit ihren derben gekerbten und recht rohen Kapitellen von ganz ungleicher Bildung, der Westgotenzeit angehörend, dürften in der Tat noch an ihrem ursprünglichen Platze stehen. Jetzt sind darüber maurische (sehr frühe) Gewölbe mit Mittelkuppel.
[Sidenote: Portugal]
Auch in anderen wichtigen Städten sind der Steinüberreste noch genug in den Museen vorhanden, so in Murcia, Valencia, Tarragona, Barcelona, Zaragoza, Leon; Toulouse, Carcassonne, Narbonne, Arles, Nimes, Aix, Marseille; ebenso in Lissabon, wo der Stil nach Merida hinüber weist; einige Sonderarbeiten ebenfalls gekerbter Art, die anders aussehen, auch Tiere darstellen, könnten den Sueben des Nordwestens zuzurechnen sein. In Guimarães und in der Gegend von Braga allerlei ähnliche Reste, da Athanagild in jener Gegend viel gebaut haben soll, dessen Zeit 560 zugeschrieben. Ein Dorf trägt sogar dieses Königs Namen. In Guimarães (Museum) ein merkwürdiges Überbleibsel in Quadern, wohl ein Stück der Apsis einer Kirche, Flechtbänder als Gesimse und um das Fenster, das noch mit einem ganz flach gekerbten mäanderartigen Bande eingefaßt ist; ein Dokument selbständig ausgebildeter Architektur aus jener Zeit. (Merkwürdigerweise dort den alten Iberiern zugeschrieben.)
[Sidenote: Baños]
Von allen Bauwerken aus der Zeit vor dem Einbruche der Araber scheint in Spanien nur ein einziges vollständig übrig geblieben zu sein: die Kirche S. Juan Bautista zu Baños de Cerato (Abb. 110). Dieses mitten in Altkastilien bei Palencia gelegene Gotteshaus ist von Reccesvinth im Jahre 661 gebaut, da dieser König sich in der nahe dabei gelegenen Heilquelle vom Steinleiden gesund gebadet hatte, derselbe, dessen Namen auch die schönste der Goldkronen des Schatzes von Guarrazar trägt. Die kleine Basilika darf daher als eines der für alle Germanen historisch wichtigsten Bauwerke betrachtet werden; jetzt wieder vortrefflich hergestellt gibt sie uns neben Cividale das einzige völlig erhaltene Beispiel eines in einem während der Völkerwanderungszeit gegründeten germanischen Reiche in dessen kräftigster Entwicklung erbauten Gotteshauses. -- Und zwar eines solchen von Kunstwert und ungemein sprechender Charakteristik.
[Illustration: Abb. 110. Baños. S. Juan Bautista.]
[Illustration: Abb. 111. Baños. S. Juan Bautista.]
[Illustration:
XXXI
Abb. 113. Baños. S. Juan Bautista. Portalbogen.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Illustration: Abb. 116. Baños. Ostfenster.]
Es ist eine kleine dreischiffige Basilika mit offenem Dachstuhle (Abb. 111), deren Ostseite mit drei rechteckigen mit Tonnengewölben bedeckten Chören abschließt. -- Acht Säulen tragen die Hufeisenbögen der Mittelschiffmauer; ihre Kapitelle (Abb. 112; vgl. Abb. 47) sind korinthischen frei nachgebildet, derb, doch charakteristisch in gleicher Art, wie die in Cordoba und Toledo erwähnten. Vor die Kirche legt sich eine stattliche Vorhalle (Abb. 113, Taf. XXI), sich mit breitem Hufeisenbogen öffnend, über ihm ein Kreuz. Alle Bögen sind hufeisenförmig, auch das Tonnengewölbe des Chors; die Kämpfer in reinem Kerbschnitt geschmückt mit Reihen von Vierblättern im Kreise; ebenso die Archivolte des Eingangsbogens (Abb. 114).
Die schlanken Fenster des Obergadens und die Ostfenster schließen innen ebenfalls im Hufeisen und haben als Ausfüllung reich durchbrochene Steinplatten. Über dem mittleren Chorbogen aber zeigt sich eine kräftig vortretende Inschrifttafel von vier sparrenkopfartigen Blöcken an den Ecken gefaßt, die besagt:
Heil! Vorläufer des Herrn, Blutzeuge, Du Täufer Johannes, Sollst ihn besitzen, den Sitz Dir geweiht in ewiger Schenkung, Welchen in Demut ich, Dein treuer Verehrer, der König Reccesvinthus Dir aus eigenem Gute gestiftet, Unseres Reiches im zehnten und drei, der berufene Landgraf, Sechsmalhundert rechnet die Ära und neunzig und neune[43].
[Illustration: Abb. 112. Baños. S. Juan Bautista. Schiffsäule.]
Hier haben wir also wohl die älteste germanische Bauinschrift mit Datum und Namen vor uns, ein Dokument von einziger Bedeutung. Die Jahreszahl 699 der (julianischen) Ära ist 661 der christlichen Zeitrechnung.
Kerbschnittfriese aus den bezeichneten Vierblättern gebildet, ziehen als Gesims um den Obergaden, bilden die Kämpfer (Abb. 114), umziehen auch das Äußere des Mittelschiffes als Kämpfer der Fenster. Ganz ähnliche Technik zeigt die Chorbogen-Archivolte (Abb. 115).
Das ganze kleine Gebäude ist gediegen in Quadern und Bruchsteinen doch ohne besondere Schulmäßigkeit flott durchgeführt und hat zwölf und ein halbes Jahrhundert ohne nennenswerten Schaden überdauert. Es lag wohl nicht am Wege, in einem winzigen Dörflein, und ist vom ersten Strom der ja übrigens toleranten Araber vielleicht übersehen worden. Heute noch verirren sich nur Wenige dahin.
[Illustration: Abb. 114. Baños. Bogenkämpfer.]
Aber der künstlerische Eindruck ist ein bedeutender und bleibender. Die Würde des einfachen kleinen und doch ernsten und kraftvollen Baus mit seinem offenen Dache ist groß; die Materialien sind edel -- Cipollinschäfte und weiße Marmorkapitelle der Säulen --, ihr Schmuck einfach und doch wirksam.
Reste von Bemalung sind am Tonnengewölbe des Chors sichtbar: kassettenartige Einteilung mit Rosetten, ob nur in Querbögen oder über das ganze Gewölbe ist nicht mehr zu entscheiden. -- Das Ostfenster mit seinem durchbrochenen Steingitter ist von hohem Reize (Abbildung 116, Tafel XXXI).
[Illustration: Abb. 115. Baños. Archivolte des Chorbogens.]
[Illustration: Abb. 117. Baños. S. Juan Bautista.]
Was uns hier in einem einzigen so bescheidenen Beispiele blieb von der originalen Baukunst des westgotisch-spanischen Reiches, spricht uns doch von vielen verschwundenen großen Werken, von mehr, als man wohl denken mochte. Würde, Ernst und klare Durchbildung im einzelnen ist nicht zu verkennen. Wenn im Grundriß und Gesamterscheinung uns ein Werk entgegentritt, das sich dem im Orient wie in Italien Üblichen jener Zeit ungefähr anzuschließen scheint, wenn sogar die Frage offen bleiben muß, ob der an germanischen Bauwerken so verbreitete Hufeisenbogen wirklich allein aus dem Holzbau abgeleitet werden darf, da diese Bogenform im gleichen oder (vielleicht) schon früheren Jahrhundert im nächsten Orient (Anatolien) ebenfalls verbreitet war, so ist, wenn man selbst den Anspruch auf völlig originale Entstehung dieser Gestaltung aufgeben will, des künstlerischen Verdienstes noch genug, die Eigenart hinreichend hervortretend, daß man solche Werke als in dem großen Gemälde der altchristlichen Baukunst durchaus vollwertig dastehend bezeichnen darf.
Das gedrungene Äußere des Bauwerks (Abb. 117) baut sich in ruhiger Gruppe auf; die sich in weitem Hufeisenbogen öffnende Vorhalle wirkt mit zur malerischen Gestaltung. Das Kreuz darüber ist dasselbe wie wir es bei den Langobarden verbreitet fanden.
[Illustration: Abb. 118. S. Miguel de Escalada.]
Daneben liegt die uralte Heilquelle in den Boden versenkt und mit einem aus der Erde hervorragenden Tonnengewölbe überdeckt; eine Treppe führt an der Langseite in die Tiefe zu dem Hufeisenbogen des Einganges, der wie das übrige beweist, daß König Reccesvinth auch dem heilenden Gewässer das schützende und kühlende Gewölbe schuf.
[Sidenote: Suso]
Die ganz kleine Dorfkirche von S. Millan de la Cogulla zu Suso bei Logroño am oberen Ebro war in ihrer Art ganz ähnlich, ist aber jetzt stark entstellt und eingewölbt, so daß man nur noch die Basilikenform auf scheinbar kapitelllosen Säulen mit Hufeisenbögen erkennt. Jedenfalls aber bezeugt ihre ganze Erscheinung eine weitere Verbreitung der Grundform, wie sie in Baños gegeben ist.
[Illustration:
XXXII
Abb. 119. S. Miguel de Escalada. Inneres.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Illustration: Abb. 129. Sta. Maria de Naranco. Äußeres.
(Phot. J. Laurent y Cie., Madrid.)]
[Sidenote: S. Miguel de Escalada]
Einen wohl ursprünglich gleicher Zeit angehörenden Bau, doch dann der arabischen Zerstörung anheim gefallen und nachher von Mönchen aus Toledo wieder aufgebaut, 913 neu geweiht, finden wir in der Umgebung von Leon: S. Miguel de Escalada (Abb. 118). Ebenfalls eine dreischiffige Säulenbasilika mit je vier freistehenden und zwei angelehnten Säulen unter jeder Mittelschiffwand; alle Bögen von Hufeisenform. Hier aber besteht die Ostpartie nicht aus drei rechteckigen, sondern drei im Grundriß hufeisenförmigen Apsiden nebeneinander. Eine fernere Besonderheit des Innern ist die Abtrennung eines querschiffartigen Raumes durch eine Bogenstellung quer durch die Kirche vor Altar und Apsiden, im Mittelschiff auf zwei Säulen ruhend, ganz jener in Italien verbreiteten Gepflogenheit entsprechend, die wir in Torcello wie in den alten langobardischen Kirchen fanden; also der Abgrenzung eines Heiligen durch Schranken und Säulenteilung (Abb. 119, Tafel XXXII).
Die rundbogigen Fenster des Obergadens sind abwechselnd ganz schmal und etwas breiter, ein Rhythmus, der vielleicht auf völligen Neubau der oberen Teile nach 913 deutet.
Die Hufeisenform des Apsisgrundrisses ist kaum weniger bemerkenswert; sie tritt an germanischen Kirchen in allen Ländern, insbesondere genau wie hier in der Schweiz auf, an italienischen Kirchen bereits mehrfach von uns erwähnt (vergl. Abb. 160).
Interessant sind manche Kapitelle des Schiffes, von denen die meisten wohl der Zeit des Wiederaufbaus angehören, manche aber gewissen langobardischen des 8. Jahrhunderts sehr ähnlich sehen. Vielerlei Reste von Ornamenten und sonstige Einzelheiten reden von einer einst reicheren Ausstattung der heute sehr bescheidenen Kirche, die bei der Herstellung auch eine Art Kreuzgang, eine offene Halle auf Hufeisenbögen nach Süden zu erhielt.
Insbesondere muß sie einst reiche Schranken besessen haben; auch eine durchbrochene Fensterplatte mit Hufeisenöffnungen ist noch vorhanden.
[Sidenote: Peñalba]
Möglicherweise gehört auch noch hierher die ganze kleine merkwürdige Kirche von Santiago de Peñalba weiter im Norden, wie die letztgenannte nahe bei Leon; einschiffig und kreuzförmig im Grundriß, doch mit zwei Apsiden, nach Osten und Westen, letztere im Unterteil einer Art von Turm. Die beiden Apsiden sind ebenfalls von hufeisenförmigem Grundplane. Die Eingänge liegen nach Norden und Süden im westlichen der zwei Joche des Schiffes; die Gewölbe sind Tonnengewölbe. Hier ist nur der Grundriß von Bedeutung; charakteristisch aber auch die Anlage von Strebepfeilern zur Stütze des Gurtbogens, was dafür spricht, daß die Kirche in ihrer jetzigen Erscheinung wohl eher dem 9. Jahrhundert zuzuschreiben sein mag.
[Sidenote: Asturische Bauten der Spätzeit]
Diese letzte Zeit ist hier von höchster Bedeutung, denn ihr verdanken wir die ausgezeichnetsten Werke der germanischen Baukunst in Spanien überhaupt. Mit dem Eindringen der Araber erlosch diese ja keineswegs, vielmehr gewann sie in einem nördlichen Winkel des Landes noch eine Fortsetzung ihres Daseins, in der sie sich in reifer durchgebildeter und weit klarerer Form auszusprechen vermochte, als bisher, so weit die vorhandenen Denkmäler der älteren Zeit ein Urteil hierüber zulassen.
Es handelt sich um die ältesten christlichen Bauwerke Asturiens, des von dem gewaltigen kantabrischen Randgebirges umschlossenen engen Nordwinkels Spaniens, welcher den wenigen geretteten Westgoten nach der Schlacht am Guadalete die letzte Zuflucht bot, und von wo aus in der Folge die Wiedereroberung des ganzen Landes bis zur Besiegung der letzten Mauren (1492) ihren Anfang nahm.
Der manchmal als sagenhaft betrachtete Feldherr Pelayo, der Überlieferung nach der letzte Prinz von Leovigilds Stamme, soll dort die Trümmer des westgotischen Heeres gesammelt haben; die heiligsten Reliquien aus Toledo wurden dahin gerettet und befinden sich noch heute in der berühmten camara santa des Domes zu Oviedo. In der äußersten Not diente sogar die Höhle von Covadonga Pelayo mit seinen dreihundert Getreuen als sichere Stätte, von der aus er seine vielbesungenen Heldenkämpfe zur Wiedereroberung des Landes aufnahm. Da befinden sich auch noch drei Steinsärge, die die Reste des Feldherrn († 736), seiner Gattin Gandiosa und seiner Schwester Hormesinde bergen sollen. Die Särge könnten in der Tat jener Zeit angehören; der größte steht unter einem Bogen nach Art der altchristlichen Arkosolien; sie sind alle mit flachem gekerbten Ornament und Rosettenreihen geschmückt.
Der Nachfolger und Schwiegersohn Pelayos gilt unter dem Namen Alfonso I. (got. Hadafuns) als der erste spanische König. Doch ist das als eine spätere Gruppierung durch die nationalstolzen spanischen Historiker zu erachten, denn noch Jahrhunderte lang bezeichneten sich die asturischen Könige als Könige der Goten. Erst seit der Verlegung des Königtums aus Asturien nach Leon um 950 entwickelt sich langsam das eigentliche Spaniertum. Westgotische Gesetze (lex Wisigotorum) galten bis ins Mittelalter, selbst die Schrift der Westgoten, eine „liberale Majuskel“ wurde erst 1091 auf einem Konzil zu Leon außer Gebrauch gesetzt. Wie lange die gotische Sprache im Gebrauche blieb, läßt sich nur vermuten; die Kirchensprache freilich war später Latein, während die arianische Kirche, so lange sie existierte, sich mit Vorliebe noch des Gotischen, jedenfalls mindestens beider Sprachen nebeneinander bedient hatte.
So ist das noch auf Asturien beschränkte Königtum als rein westgotisch zu betrachten, also auch seine Kunst. Was von ihr bis aus der Zeit Fruelas II. († 925) z. B. an Gold- und Silberschmiedearbeit übrig geblieben ist, beweist dies auf das klarste. So Fruelas Reliquienkasten zu Oviedo aus Silber und Gold, mit Edelsteinen und Achaten besetzt, dessen Schloß oder Bekrönung uns noch immer das schon am Schwarzen Meer übliche Goldzellenwerk mit rotem Gestein und Email (dies ganz nach Art des langobardischen an Gisulfs Spange in Cividale) in höchster Verfeinerung doch klarster Ausprägung aufweist. Nirgends, auch in Deutschland nicht, hat sich rein altgermanisches Kunstgewerbe so lange noch lebendig erhalten.
In Asturien gruppiert sich, wie es sich aus der Geschichte des Landes ergibt, alles um Oviedo, das durch Alfonso II. (el Casto) (792-842) zur Residenz erhoben wurde, nachdem hier vorher (760) Fruela I. durch die Gründung eines Mönchsklosters bereits einen festen Ansiedelungspunkt geschaffen hatte. Die königliche Residenz war bis dahin in Gijon gewesen, also ganz nahe dem Meer.
[Sidenote: Oviedo]
Alfonso II. erbaute zu Oviedo vor 800 einen neuen Königspalast und die Kathedrale S. Salvador; als sein Architekt wird Tjoda genannt; der Name ist gut gotisch. -- Von diesem Könige, einem der kraftvollsten in der Reihe der asturischen Monarchen, ist in der Folge eine große Reihe baulicher Schöpfungen errichtet worden. Es ist die Zeit der ersten größeren Städtegründungen und der Organisation des sich wiederfindenden germanischen Volkes im engen seither kaum genannten abgeschlossenen Gebirgslande, das sich doch als letzte und festeste Zitadelle erwiesen hatte.
[Illustration: Abb. 120. Oviedo. S. Tirso. Kapitell.]
Vom Dom und Palaste Alfonsos ist nichts mehr übrig, als die genannte camara santa, ein kleiner tonnengewölbter Schatzraum mit gleichem Gewölbe darunter, beleuchtet durch ein mit Falzsäulchen eingefaßtes, einfaches, rundbogiges Fenster auf der Ostseite. Die Säulchen haben korinthisierende Kapitelle ohne Eigenart, mit stachligen Blättern; dürften wohl die Arbeit eines aus dem Osten kommenden Bildhauers sein, also nicht von dem Westgoten Tjoda herrühren.
[Sidenote: Oviedo, S. Tirso]
Dagegen sind noch zwei Kirchen in der Stadt, die zu den um 820 von Alfonso erbauten gehören und interessante bauliche Eigentümlichkeiten germanischer Art aufweisen. S. Tirso gleich bei der Kathedrale hat freilich von seinem alten Bestande, wie es scheint, nur die Ostwand der Mittelapsis und vielleicht die Umfassungsmauern gerettet, die eine dreischiffige Anlage ohne Querschiff nach Art der später zu besprechenden Kirchen vermuten lassen. Aber die Ostwand hat wenigstens noch das alte dreifache Fenster mit zwei Säulchen dazwischen, mit Backsteinbogen, in einer viereckigen Blende, der mittelste Bogen etwas breiter und höher als die seitlichen. Die Kapitelle sind höchst charakteristisch germanisch, nur noch Andeutungen des korinthischen Schemas, unten mit einer Reihe gerippter Buchenblätter umgeben, darüber eine Art Ranken nach den Ecken und ein Abakus, alles nur angedeutet in der Masse, aber dann im reinen Holzstil durch Rillen und Riefen geschmückt oder gerippt (Abb. 120). Eine Erscheinung an spätere romanische anklingend, doch ganz eigenen Stiles. Ganz gleichartige Kapitelle finden wir bei S. Adriano de Tuñon (Abb. 47).
Die durchlochten Steine für die Drehzapfen der äußeren Holzläden sind in der Außenmauer noch vorhanden. Die Fenstergruppe ist sehr eindrucksvoll.
[Sidenote: Oviedo, Santullano]
Der größte kirchliche Überrest aus Alfonsos II. Zeit aber ist San Julian (Santullano) in einer Vorstadt Oviedos: eine stattliche dreischiffige Pfeilerbasilika mit Querschiff und drei rechtwinkligen Chören alles sehr kompakt in ein Rechteck eingeschlossen (Abb. 121); die Chorpartie nur wenig eingerückt; vor der Westtür noch eine Vorhalle mit zwei seitlichen von der Kirche getrennten Räumen, die Treppen enthalten; vor dem Querschiff beiderseits ein rechteckiger Raum (vielleicht alte Sakristeien). Schiffe, Querschiff, Chöre und Vorhalle mit Tonnengewölben überdeckt (vielleicht teilweise nachträglich eingewölbt). Längs der Schiffwände und am Chor ringsum in kurzen Abständen Strebepfeiler.
[Illustration: Abb. 121. Oviedo. Santullano.]
Über dem mittleren Chor ist ein mit hübschem Dreifenster auf Säulen sich öffnender Oberraum, unzugänglich.
Die Kirche ist sonst sehr einfach, auch im 18. Jahrhundert innen gründlich verputzt, doch nicht umgestaltet; außen noch in der ursprünglichen Verfassung. Die Chorfenster besitzen sogar zum Teil noch ihre alten Steinausfüllungen von durchbrochenen Platten (Abb. 61); das Dachgesims aus Holz mit gewundenen Schwellen auf Konsolen dürfte auch noch ursprünglich sein; im Obergeschoß sind selbst Dachbalken mit einer Dekoration in eingetieften Bögen erhalten, ganz an die bekannte Verzierung der Kämme in der Völkerwanderungszeit erinnernd.
Die inneren Pfeiler haben ungewöhnlich einfaches Plattengesims, nur die rechteckige Hauptnische besitzt ringsum eine innere schöne Blendarchitektur von Halbsäulen mit eigentümlichen primitiven Blätterkapitellen und Bogen darüber (s. Abb. 47).
[Illustration: Abb. 122. Tuñon. S. Adriano.]
[Illustration: Abb. 123. Priesca. S. Salvador.]