Part 5
Seit jenen Funden mehrten sich die Ergebnisse beträchtlich. In Cividale stieß man 1874 tief unterm Pflaster eines Platzes auf den Steinsarkophag eines langobardischen Großen, wie man glaubt, des Herzogs Gisulf († 611), des Neffen Alboins. Er enthielt weniger als jene Gräber, doch außer den Waffen einigen Schmuck (Abb. 16, Tafel IV), Fibeln, ein goldenes Kreuz auf der Brust des Toten, eine Kristallkugel, eine Glasflasche mit Wasser und dergleichen Kleinsachen mehr.
[Sidenote: Castel Trosino]
[Sidenote: Nocera Umbra]
Vorher schon hatte man bei Cividale mehrere Langobardenfriedhöfe gefunden, die besonders an Schmuck reich waren (Abb. 17, Tafel V). Später aber folgten die Grabungen von Castel Trosino bei Ascoli (1893) und Nocera Umbra (1898), wo man ganz große Totenfelder aufdeckte[5]. Man ist nicht sicher, ob die letztere Stätte nicht noch Ostgoten angehören kann, doch schreibt man gewöhnlich beide Nekropolen den Langobarden zu.
Besonders reich in der Ausstattung war die Totenstätte von Nocera Umbra; an Waffen, Schilden und Fibeln (vgl. Abb. 9, Tafel I) fand man da wirkliche Prachtstücke; ihre Verwandtschaft mit den später in Castel Trosino in einer mächtigen Zahl von Gräbern vorgefundenen Gegenständen ist übrigens so groß, daß doch angenommen werden darf, daß die Bestatteten beider Kirchhöfe Angehörige desselben Stammes waren, und nur, daß der Kirchhof zu Castel Trosino zeitlich etwas jünger sein dürfte.
Hier stehen wir vor einer ganzen Welt reichster Kleinkunst; vor Schutz- und Trutzwaffen aller Art, von Gefäßen in Ton, Glas und Metall, von Resten der Kleidung, von Schmuck für Frauen und Männer, auch von Pferdegeschirr, Zäumen und Sätteln. Charakteristisch ist das Material, vorwiegend entweder Bronze oder Gold mit Edelsteinen, natürlich mit Ausnahme der Klingen und Speerspitzen. Die goldenen Schmuckstücke sind oft mit Filigran oder auch ganz mit Zellenglas besetzt.
Man findet bei den Männern häufig Lanzen mit breitem Blatt und Messer (Sax), der Schild befindet sich meist außerhalb des Grabes; die zwei schönsten Schwerter haben nordischen Typus, wie die in Wallstena in Gotland gefundenen, goldenes Gefäß mit Granaten besetzt; in einigen Frauengräbern traf man kurze Schwerter, bei Knaben Bogen und Pfeile.
Andere Nekropolen hat man in Civezzano, Testona, Piedi Castello, Dercolo und sonst noch in Italien aufgedeckt. Im erstgenannten Dorfe stieß man auf die Reste eines langobardischen Großen in einem hölzernen eisenbeschlagenen Sarge, dessen Schmuck erstaunlich ganz an spätere schon mittelalterliche Eisenarbeiten erinnert.
Den langobardischen Gräbern sind als besondere Beigabe für die Männergräber kleine Kreuze aus Goldblech eigen (vgl. Abb. 16, Tafel IV), die den Toten auf die Brust gelegt wurden; scheinbar mit der Schere aus einer dünnen reich gemusterten geprägten Goldplatte ausgeschnitten, oft ohne Rücksicht auf das Muster. Es sind dies höchst charakteristische und eigenartige Gegenstände, die man sonst wenig fand.
[Sidenote: England]
Wie in der Natur der Sache gelegen, sind die Grabfunde weiter im Norden in den germanischen Stammlanden noch viel ergiebiger gewesen. Sowohl Deutschland wie Skandinavien, nicht minder England besitzen zahlreiche Gräberfelder aus der für uns in Frage kommenden Zeit. Das letztere Land bietet uns aus solchen Funden schöne angelsächsische Arbeiten von besonders geschmackvoller Form und reichster Bildung mit ungewöhnlich verwickelten Linienverschlingungen in Tier- und Bandverzierungen (Abb. 18, Tafel VI). Ein ganz eigenartiges jüngeres Schmuckstück ist uns dort in König Aelfreds Juwel (Knopf eines Zepters?)[6] erhalten, aus Gold mit Filigran gefertigt, von etwa herzförmiger Gestalt, unten in einen Delphinkopf auslaufend, auf der Vorderseite das Bild des Königs in Schmelz eingelegt, zwei Blumen in den Händen tragend (Abb. 181). Ringsum am Rand die Schrift: Aelfred mec heht gewyrcan· (A. ließ mich machen.)
[Sidenote: Deutschland]
Von den reichen deutschen Gräberfeldern jener Jahrhunderte sind die im Westen meist fränkisch, da längs des Rheines die Uferfranken wohnten, deren Kultur sich noch weiter nach Osten erstreckte, besonders mainaufwärts. Von Worms bis Bonn ist eine ungeheuer große Zahl solcher Friedhöfe gebreitet, deren Schätze besonders die mittelrheinischen Museen füllen, so die in Worms, Mainz, Wiesbaden, Bonn.
[Illustration:
IV
Abb. 16. Cividale. Aus Herzog Gisulfs Grab.]
[Illustration:
V
Abb. 17. Cividale. Langobardische Schmuckgegenstände.]
Hier überall, aber auch im Bereich der Alamannen und Bajuvaren, tritt nun noch eine andere Technik der Verzierung auf, die nach Westen bis tief ins fränkisch-merowingische Reich gefunden wird: die Herstellung des Schmuckes, besonders der Schnallen (vgl. Abb. 8), der Riemenzungen und Besatzstücke aus Eisen mit Silber- und Goldauflagen, mit edlen Metallen „tauschiert“. Woher diese Kunst kam, ist noch nicht festgestellt; arabisch-maurische, persische und indische Metallarbeiter pflegten sie später besonders. Band- und Tierverschlingungen, aus Streifen und Stückchen des edlen Metalls gebildet, wurden auf den rauh gemachten Eisengrund aufgehämmert und ergaben prächtige Wirkung; herrliche Arbeiten dieser Art fand man bei Reichenhall wie im Burgundischen und an der Loire bei Orleans. Es scheint indessen, daß die süddeutschen Stämme die Hauptträger dieser reichen und schönen Technik blieben, deren Ergebnis sich dann ins Reich der Franken verbreitete.
[Illustration: Abb. 19. Nordische Spange. Nach Salin.]
Auch das Niello, das Einlegen schwarzen Schwefelsilbers in reines Silber (heute in Rußland als Tula bekannt), wurde gerade in jenen Gegenden geübt, übertrug sich übrigens weit nach Norden.
[Sidenote: Skandinavien]
In ganz besonders großem Maßstabe jedoch haben die hochnordischen Gräber ihren Inhalt wieder hergegeben, und eine ungeheure Fülle der schönsten Arbeiten sind in Dänemark und Schweden, auch in Norwegen gefunden worden (Abb. 19). Hat doch in jenen Gegenden das Germanentum sich viel länger ungestörter Ruhe und Entwicklung erfreuen können; selbst das Christentum drang dort erst im späteren Mittelalter ein. So folgte der Völkerwanderungszeit noch die Wikingerzeit als eine weitere Phase rein nordisch-germanischen Völkerlebens; und erst das 11. und 12. Jahrhundert brachten die inzwischen eingetretene weitere künstlerische Entwicklung, die wir den romanischen Stil zu nennen pflegen, fertig nach dem Norden. Dann erlosch auch da die alte Selbständigkeit und das original-germanische Wesen langsam; freilich hatte es dort bis dahin sozusagen nur eine Art von Provinzialkunst gegeben, wenigstens in bezug auf die Baukunst.
[Sidenote: Einheit dieser Kleinkunst]
Jedenfalls aber hatte sich germanische Kleinkunst dort am ungestörtesten entwickelt und verbreitet und bis heute noch in großem Umfange erhalten. Denn schon die Königsschätze und Horte waren nicht wie im Süden fortwährendem Besitzwechsel, ihr Edelmetall dem Umschmelzen und Umformen ausgesetzt; vieles von ihren Bestandteilen hat sich gerettet, und so bieten die nordischen Museen uns vergleichsweise eine Überfülle wirklich prachtvoller Arbeiten, obwohl es im Süden deren einst unendlich viel mehr gegeben haben wird. Aus ihnen und ihrer Vergleichung ist aber stets aufs neue zu entnehmen, daß die germanische Kleinkunst in einer wahrhaft erstaunlichen Gleichmäßigkeit über alle germanischen Stämme gebreitet war, und daß es selbst heute bei so gewaltig gewachsenem Material noch nicht leicht ist, diese Arbeiten sicher auf ihren engeren Ursprungsort zu bestimmen. Der Gotenstrom brachte seine reiche Goldtechnik mit Steinbesatz vom Schwarzen Meer bis nach Portugal und Nordafrika; andere eigentümliche Zierformen, so die Langfibel, finden sich in gleichartiger Bildung in vertikaler Richtung dazu gleichmäßig vorhanden in Skandinavien wie in Süditalien. Nur wenige besondere Eigentümlichkeiten lassen sich etwa als hochnordisch, andere als burgundisch, andere als süddeutsch bezeichnen. Es muß eine andauernde ausgleichende Wechselwirkung unter den germanischen Stämmen, ein fortwährender Austausch, sei es durch Handel, Wanderung, Heirat oder auch Erbeutung oder Schenkung, stattgefunden haben, so daß wir in Ostungarn Typen finden, die uns plötzlich in der Normandie wieder begegnen, in England solche, die langobardischen Künstlern anzugehören scheinen, in Portugal andere, die von der Küste des Schwarzen Meeres stammen. Auch der Schatz Childerichs enthielt solche der letzten Art.
Daher bleibt der altgermanische Kleinkunstschatz, wie ihn die Gräber bieten, eine merkwürdig kompakte und gleichmäßige Masse und lehrt uns das Germanentum während und nach der Völkerwanderung doch wenigstens auf diesem Gebiete als eine abgerundete und in sich höchst gleichartige Einheit kennen.
Andere Werke der Kleinkunst.
[Sidenote: Stiftungen für Kirchen]
Eine andere Fundgrube herrlichster Arbeiten auf dem Gebiete der altgermanischen Gold- und Silberarbeiten bieten uns die alten Schätze der Kirchen. Fromme Fürsten haben von jeher dem Höchsten und den heiligen Stätten reichste Geschenke gemacht, bei ihrem Tode auch oft ihre köstlichste Fahrhabe vererbt, und davon birgt noch mancher uralte Kirchenschatz trotz der fast anderthalb Jahrtausende einen Rest. Von den Geschenken der Königin Theudelinde, der großen Langobardenkönigin, die dem Schatze ihres Domes in Monza eine Fülle von solchen hinterließ, an gerechnet, bis zu denen der Ottonen an die Quedlinburger Domkirche ist Prächtiges genug vorhanden, wenn auch sicher Raub, Not und Habsucht wie Unfall uns nur einen winzigen Bruchteil des einst Geschenkten übrigließen. Einen ungefähren Blick in die Welt der verlorenen Kirchenschätze gestattete uns der glücklichste Fund, der vor einigen Jahrzehnten in Spanien einen kleinen Schatz von goldenen Weihekronen und Kreuzen, wohl vor dem Arabereinbruch von 711 gerettet, zutage förderte, uns einen Begriff gebend von dem Reichtum, mit dem die westgotischen Könige und Großen ihre Kirchen schmückten. Erzählt doch ein arabischer Schriftsteller Wunderdinge von den von den Arabern erbeuteten Mengen solcher goldener Kronen, die die Frömmigkeit der Westgoten in der Hauptkirche, der späteren Moschee, zu Cordoba zum Schmucke des Gotteshauses aufgehängt hatte.
[Illustration:
VI
Abb. 18. Angelsächsische Spange von Bonsell.]
[Illustration: Abb. 22. Kreuz König Reccesvinths. Madrid.]
Überhaupt ermöglichen uns erst die Nachrichten der alten Schriftsteller eine schwache Vorstellung von dem einst an Schönheit da wirklich vorhanden Gewesenen, dem leider die Kostbarkeit des Stoffes stets ein rasches Ende schuf, sobald es als Kriegsbeute oder Tribut in andere gierige Hände fiel.
[Sidenote: Horte]
So wissen wir auch aus unserer ältesten Poesie viel von dem Schatze, den jeder alte Germanenkönig besaß; wir wissen aus dem Nibelungenliede, in dem ja der Nibelungenhort jene so furchtbare bluttriefende Rolle spielt, daß jeder Fürst seinen Recken wie seinen Gästen mit reicher Goldgift lohnte und sie begabte, daß er dafür als „mild“ weit und breit gepriesen wurde. Freigebige Mildigkeit, die mit goldenen Ketten und Kleinodien, Bechern, Schwert, Helm und anderen kostbaren Gewaffen die Getreuen überströmte, war der erste Ruhmestitel des größten Königs.
Alles dies gewinnt doppelt an Bedeutung, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß der Hort des Königs auch gleichzeitig den Staatsschatz bildete, aus dem die öffentlichen Ausgaben für Volk und Heer bestritten wurden. Wir wissen, daß die südfranzösischen Westgoten in ihren erbitterten Kämpfen mit den Franken mehrfach ihres Hortes verlustig gingen, den sie zuletzt in der gewaltigen Feste Carcassonne bargen, die noch heute mit ihrem imponierenden Mauer- und Turmkranz als ein unvergleichliches Wunderbild aus längstvergangener Zeit über die Lande ragt. Überall suchten sich die Germanen für solchen Schutz burgartig hochgelegene starkumringte Städte, deren uns die spätere Hauptstadt des westgotischen Reiches in Spanien, Toledo, ein Gegenstück zum festen Carcassonne zeigt.
Von dieser Kunstliebe der germanischen Fürsten gewährt uns das Testament eines ihrer letzten, Karls des Großen, ein Bild, in dem der sterbende Kaiser über seine Schätze zugunsten von Kirche und Armen, von Stiftungen und auch seiner Söhne verfügt; einen Schimmer davon, welche Schätze der mächtige Mann in seinem Palast zu Aachen aufgehäuft hatte.
[Sidenote: Schatzfunde]
[Sidenote: Szilagy-Somlyó]
Als die bedeutsamste Ergänzung traten kleinere und größere wirkliche Schatzfunde hierzu. Dergleichen kam wohl überall gelegentlich vor, in großem Maßstabe aber besonders in Ungarn und weiter im Osten. So kam schon 1797 in Szilagy-Somlyó plötzlich ein kleiner Hort, 1889 ein zweiter zutage, die man offenbar, um sie zu sichern, vergraben hatte; Ketten, Gehänge, Armbänder, Gürtel, Medaillons, prachtvolle Spangen mit reichem Steinbesatz, Schalen, Ringe, eine gewaltig große Goldfibel mit reichen Steinen von stärkster Plastik, vielleicht ein kaiserliches Kleinod u. dgl. m.[7]
[Sidenote: Petrossa]
Großes Aufsehen erregte aber vor 20 Jahren der umfangreiche Goldfund von Petrossa (Petreosa) in Rumänien, den man für den Schatz des Gotenkönigs Athanarich († 381) erklärt. Erhebliche Stücke davon sind in den Besitz des Königs von Rumänien gerettet, von denen große Amphoren, eine diskusförmige Platte mit getriebenen Figuren, zwei kleinere schlanke Krüge, eine Fibel in Gestalt eines Sperbers, zwei in Vogelform, reicher Halsschmuck, zwei durchbrochene Schalen die Hauptstücke bilden. Auch hier, wie bei allen Arbeiten aus dem Besitze der Goten, spielt ein überreicher Besatz von roten Steinen, als Plättchen in Zellen und Kästchen ein-, wie in runden, erhabenen Formen aufgesetzt, die wichtigste Rolle. So weit aber die Goten ihren Bereich und ihre Wohnsitze erstreckten, so weit findet man dergleichen häufig, und Hampels Buch, welches doch nur von dem in Ungarn, einem Hauptsitze der Ostgoten, ehe sie in Italien einbrachen, Gefundenen handelt, enthält eine Menge solcher Kleinodien aller Art.
Die Ergebnisse der Nachforschungen in jenen Gegenden, Südrußland einbegriffen, zeigen uns unter den germanischen die gotischen Völker als die ersten Träger dieses neuen Kunstgeschmackes, der so rasch sich über alle verbreiten sollte. Sie mögen, wie man glaubt, dazu starke Anregungen nicht nur aus dem oströmischen Reiche und von der griechischen Kultur, sondern selbst von Persien aus und von den Sassaniden her empfangen haben. Aber sie haben zuerst auf solchen ihnen gewordenen Grundlagen neu aufgebaut und eine neue germanische Kleinkunst zu begründen verstanden.
[Illustration:
VII
Abb. 20. Krone König Svinthilas. Madrid.]
[Illustration:
VIII
Abb. 21. Krone König Reccesvinths. Paris.]
Der Bereich dieser ostgermanischen Kunst war ein gewaltiger; selbst bis nach Sibirien hinein hat man ihr verwandte Arbeiten gefunden; in Petersburg erfreut man sich des Besitzes zweier besonders kostbarer Schmuckwerke; der Krone aus Neo-Tscherkask, eines reich mit Tieren besetzten Diadems, und einer mächtigen Goldfibel in Form eines Sperbers, der einen Steinbock in den Fängen hält; auch hier wieder der reiche rote Steinschmuck.
[Sidenote: Guarrazar]
Jener oben erwähnte, so ungemein eigenartige westgotisch-spanische Fund wurde 1858 gemacht, als man neben der Kapelle des Dörfleins Fuente de Guarrazar bei Toledo auch ein uraltes Grab, und zwar das eines Priesters, öffnete und darin einen wahrhaft erstaunlichen Schatz von goldnen Weihekronen und Kreuzen vorfand, davon der größte Teil sich heute im Cluny-Museum zu Paris, ein kleinerer Teil in der Armeria real zu Madrid und dem Museo nacional daselbst (Abb. 20-22, Tafel VI-VIII) befindet. Gewiß aus dem Besitz einer Toledaner Kirche vor dem erobernden Strom der Araber 711 hastig gerettet, ein winziger Bruchteil des dort vorher Vorhandenen dieser Art.
Es ist eine große Reihe goldner Reifen oder Kronen, mit Edelsteinen aufs reichste besetzt, besonders mit orientalischen (hellen) Saphiren, Perlen und Granaten. -- Dabei verschiedene Kreuze; teilweise ebenfalls reich an Juwelen. Diese Steine, soweit nicht in Zellen reihenweise eingefügt, sind in stark und hoch gewölbter Form aufgesetzt (cabochons).
Die Diademe wurden an goldnen Ketten mit verschiedenartigen Gliedern aufgehängt, in ihrer Mitte oft ein Kreuz. An den unteren Rändern mehrerer aber, was für uns von höchster Wichtigkeit ist, hängen an kleinen goldnen Ketten die Namen der Spender: Reccesvinthus rex offeret (Abb. 21, Tafel VIII) -- -- Svinthila rex offeret -- --; und diese Buchstaben sind wieder in Gold ausgeschnitten und mit Granaten in Zellen bedeckt. -- Auch an den Kreuzen und sonst finden sich Weiheinschriften: Sonnica offeret, und ähnliche. Hier haben wir also vor uns die bezeugten Weihegeschenke westgotischer Könige des 7. Jahrhunderts, Svinthilas (621-31) Reccesvinths (649-72), genau datierte und beglaubigte Werke altgermanischer Kunst, die seit jener Zeit unberührt der Auferstehung harrten.
Der Reif des Reccesvinth ist in einer eigentümlichen Weise durch schräg hochgetriebene Streifen eingeteilt, und diese Streifen sind dann durch reihenweise angeordnete schiefe Schlitze blattartig gegliedert. Genau dieselbe Technik kommt auch an den zwei Flügeln eines Kreuzes im Museo nacional vor (Abb. 22, Tafel VI), welches sich damit als wohl auch vom König Reccesvinth herrührend kennzeichnet.
Andere Kronen oder Ringe bestehen aus leichten goldnen Gliedern, die durch Saphire unterbrochen sind; manche sind getrieben und durchbrochen, so in Arkaden, einer uralten Zierform der Germanen.
Es ist wohl anzunehmen, daß viele dieser Weihekronen tatsächlich früher als wirkliche Kronen gedient haben mögen, da richtige Diademe, ganze und halbe, schon bei den Ostgoten am Schwarzen Meer sich vorfinden.
So weit solche Ringe mit Scharnieren versehen und für einen Kopfschmuck zu eng sind, mögen sie dagegen Halsringe gewesen sein, von deren Beliebtheit alte Schriftsteller viel und oft sprechen.
[Sidenote: Kelch von Petöháza]
Es ist überflüssig, den noch vorhandenen Besitz aus frühgermanischer Zeit weiter anzugeben; nur einiger Kelche sei noch gedacht; so des von Chelles und des kleinen aus Gourdon (Côte d’Or) des Burgunderkönigs Sigismund († 524), heute in Paris (Bibl. nationale), nebst seiner Platte, die mit einem Kreuze geschmückt ist, stark mit Zellenglas besetzt; dann des einfachen kupfernen, mit Silber plattierten Kelches von Petöháza, dessen Schmuck um den oberen und unteren Rand laufende Geflechtsstreifen bilden; dazwischen ähnliche Vertikalbänder. Auf dem mittleren Knauf die Inschrift: Gundbald fecit.
[Sidenote: Tassilokelch]
Vor allem aber des wundervollen Kelches des Tassilo, den dieser Bayernherzog, von Karl dem Großen bekanntlich tief gedemütigt, der Kirche schenkte, heute in Kremsmünster. Wenn auch erst im Anfang des letzten Viertels des 8. Jahrhunderts entstanden, zeigt uns doch dieses Kunstwerk noch den vollen Reiz jener altgermanischen Zellenglastechnik und reichen Emails, alles in urwüchsiger Einfachheit, im Figürlichen von fast finsterem Ernst, aber kraftvoll und wirksam aufgebaut (Abb. 23, Tafel IX).
[Sidenote: Andere Kirchenschätze]
Ähnliche Schätze bergen noch so manche Kirchen. So in Südfrankreich besonders die an solchen Dingen reiche zu Conques, darunter die sitzende Statue von Sainte Foy aus Gold, eine Reihe von Reliquiarien, wie das Pipins von Aquitanien; in Nancy die Kathedrale Kelch, Patene und Kamm des hl. Gozelin; in Berlin ist jetzt der Schatz Widukinds aus der Kirche zu Engers (später in der Johanniskirche zu Herford), Reliquiar und Taufschale, angeblich dem Sachsenherzog von Karl dem Großen zur Taufe geschenkt. In Spanien prangt die Camara Santa in der Kathedrale zu Oviedo mit einem herrlichen mit Silber überzogenen und mit Niello geschmückten Schrein voller uralter Reliquien, worin die letzten Westgoten die wertvollsten Schätze aus der Kathedrale zu Toledo vor den Mauren geflüchtet haben sollen -- und manches schöne uralte Stück bewahren auch unsere alten Dome und Kirchen von Trier, Cammin (Abb. 24, Tafel IX), Gandersheim, Quedlinburg, Bamberg, Regensburg, St. Gallen, Chur (s. Abb. 179, Tafel XLVI) usw.[8]. Das meiste ist freilich jetzt in die Museen gewandert (Abb. 25, Tafel X).
[Illustration:
IX
Abb. 23. Tassilos Kelch. Nach Falke.]
[Illustration: Abb. 24. Cordulaschrein. Cammin.
(Nach F. Prieß, Denkmalpflege 1902.)]
Darunter befinden sich auch Dinge anderer Art; besonders sind die Einbände heiliger Bücher oft mit dem wundervollsten Schmucke ausgestattet[9]; anderseits sind für wertvolle Reliquien köstliche Gefäße zur Aufbewahrung gebildet; aber auch sonst haben die Schenker, besonders Fürsten, ihren kostbarsten großen und kleinen Hausrat in die Heiligtümer ihrer Zeit gestiftet. Der Dagobertstuhl in Paris, Kamm und Fächer Theudelindens in Monza, Kästchen, Trinkbecher und Kämme, wie der des Kaisers Heinrich I. zu Quedlinburg (letztere waren überhaupt besonders beliebt), und so vieles andere geben Zeugnis davon. Nur die nicht minder oft geschenkten Waffen scheinen aus den Kirchenschätzen fortgeschwunden, wie die vom Langobardenkönig Liutprant dem Petersdom zu Rom einst dargebrachten. Von solchen ist im kirchlichen Besitze heute leider nichts mehr erhalten. -- Dagegen zeugen noch zahlreiche Reste prachtvoller Stoffe und Gewänder von der Pracht, die auch darin entfaltet wurde; freilich dürften diese vorwiegend südlicher oder östlicher Herkunft sein.
[Sidenote: Ambrosius-Altar zu Mailand]
Das größte Stück kirchlicher Goldschmiedekunst und Ausstattung, ausnahmsweise gleich wirklich für diesen Zweck geschaffen, darf nicht übergangen werden: der Ambrosiusaltar in S. Ambrogio zu Mailand, den inschriftlich Bischof Angilbert vor 835 durch Meister Wolvinius[10] dem Heiligen bilden ließ, ein in der Hauptsache aus getriebenem Gold und Silber mit reichsten figürlichen Reliefs in mannigfacher Einteilung auf allen vier Seiten geschmückter Sarkophag oder Schrein, dessen Flächen durch nach Art des Steinbesatzes in Zellen emaillierte Rahmen eingeteilt sind. Ob, wie geglaubt wird, die figürlichen Darstellungen nicht fast alle jünger sind, kann hier dahingestellt bleiben; auch ich glaube mich dieser Ansicht anschließen zu müssen; jedenfalls aber ist der Körper und die architektonische Einteilung des Ganzen der Hauptsache nach noch ursprünglich, vermutlich nur nach dem Kuppeleinsturz 1196 wiederhergestellt und zum Teil mit neuen figürlichen Füllungen versehen. Der Schrein prangt außerdem mit prachtvollem Edelsteinschmuck (Abb. 190, Tafel XLIX).
Das Technische.
[Sidenote: Metalltechnik]
An allen jenen Werken zeigt sich das Germanentum jener Zeitspanne eigentlich jeder Kunsttechnik, wenigstens in Metall, mächtig.
Des Schmiedens der Schwertklingen haben wir oben schon gedacht.
Der Guß und das Schmieden der Bronze stand schon seit Jahrtausenden in germanischen Ländern auf hoher Stufe, wie uns die ältesten Bronzewaffen selbst Skandinaviens beweisen; später auch jede Art von Bearbeitung dieses schönen Metalls, das dann während der Völkerwanderungszeit gegossen, getrieben, ziseliert, verzinnt, versilbert und vergoldet wurde. Gleich kundig waren die germanischen Völker der Silber- und Goldschmiedekunst; die schöne Kunst des Einlegens von Niello in Silber ist besonders bei den nördlicheren vielfältig geübt worden. In Gold verstand man neben dem Schmieden, Treiben, Ziselieren und Schneiden auch das Löten, das für die Herstellung von Zellenglas, wie des besonders bei Franken und Langobarden höchst beliebten Filigrans unentbehrlich war.
Auch das Email, die Schmelzkunst, tritt sehr früh auf; es schließt sich bereits an die späten römischen Arbeiten an, in deren Nachahmung es zuerst geübt zu sein scheint. Natürlich als reines in Vertiefungen gelegtes Grubenemail, meist auf Bronze, so daß bei verschiedenen Farben diese gewöhnlich durch Bronzestege getrennt sind. Aber auch in Verbindung mit Gold erscheint diese schöne Verzierungsweise, so z. B. bei der reizenden viereckigen Goldfibel, die man in Cividale 1874 bei der Eröffnung des Sarkophags des Langobardenherzogs Gisulf auf der Brust des Toten auffand. Es ist ein farbiger Vogel, blau, grün, rötlich und weiß, der da in die Vertiefungen der goldnen Vorderfläche eingeschmolzen ist (Abb. 16). Ganz ähnliche Technik finden wir in der Camara santa zu Oviedo in dem prachtvollen goldnen Mittelstück des Reliquiars König Fruelas II. (910), das mit kunstvoll verschlungenen Linien von rotem Zellenglas oder von Zellengranaten umgeben und gefaßt ist. -- Auch jener herrliche Altar des Bischofs Angilbert in Mailand (s. o.) ist mit reichen Streifen transluziden Emails geschmückt und gilt als ein Werk des beginnenden 9. Jahrhunderts; nach Venturi soll er in Frankreich auf Befehl Ludwigs des Frommen gefertigt sein.
Das Email in direkt nebeneinander geschmolzenen Farben ohne Metalltrennung, wie es die späten Römer liebten, ist an frühen germanischen Schmuckteilen, besonders bronzenen, auch nicht selten, scheint aber nachher zu verschwinden.
Die Technik des Tauschierens (Aufhämmerns) von Silber und Gold auf Eisen muß hier nochmals genannt werden als eine ganz besonders eigenartige und interessante von großer Pracht. Vor allem bediente man sich ihrer zum Schmucke eiserner Schnallen und Gürtelbesatzstücke, deren Verbreitungsgebiet sich etwa von Orleans bis nach Wien zu in breitem Streifen hinzieht. Aber auch zu allem anderen, wozu Eisen überhaupt gebraucht ist, bediente man sich dieser Schmuckart; so findet sich in Orleans im Museum ein prächtiges Zaumzeug mit solcher Verzierung; Schwerter, besonders ihre Griffe, selbst das Blatt der Speere wurden so verschönert. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß ganze kriegerische Ausrüstungen, vom Helm und der Brünne bis zum Schildbuckel, in dieser reizvollen Kunstweise einheitlich ausgestattet wurden. -- Auch in Bronze legte man wohl gerne getriebene silberne und goldne Plättchen in vertiefte Felder zum Schmucke ein; es gibt prächtige Spangen in dreierlei Metall hergestellt.
Das Land der Bayern war früh wegen seiner trefflichen Metallarbeiten berühmt, die hohen Ruf schon bei den alten Norikern besessen hatten. Noch im Annoliede wird Regensburg als Stätte gepriesen, da Helme und Brünnen in besonderer Güte zu finden seien, auch das „norische“ Schwert (noricus ensis) als die Waffe, die besser als alle beißend „dikke durch den Helm slug“.
Wie man denn offenbar die Härte und Schärfe der Klingen bereits durch Anstählen aufs höchste zu steigern verstand, und edle Schwertklingen allgemein, wie schon von Theoderich in einem Schreiben an den Vandalenkönig Thrasamund, der solche als Geschenk gesandt hatte, höher als ihre reiche Goldfassung gewertet wurden. Vandalen, aber auch Langobarden und Burgunden galten weit und breit als treffliche Waffenschmiede.
[Sidenote: Holz als Grundmaterial]