Part 9
Bei dem genannten Portal fällt uns ferner auch das seitlich glatt abgeschnittene Profil des Kämpfers auf. Auch das gehört zum germanischen Rüstzeug in der Architektur. Der Kämpfer ist eben nichts als das vorgeschobene einseitige Sattelholz, aus einem glatten Balken hergestellt, folglich an den Seiten glatt. Am Portal der Kirche S. Pablo zu Barcelona ist diese Qualität des Kämpfers bei den Germanen noch in ganz unverhüllter Weise ausgesprochen (vgl. Abb. 52). Was ist er da anderes, als ein ganz klar ausgebildeter Balkenkopf? -- Solche Balkenköpfe in Stein haben sich in Spanien in mancherlei Mustern erhalten. Besonders charakteristisch dürfte ein Beispiel im Museum zu Sevilla sein, bei dem auch das Dübelloch für die unterstützende Säule noch vorhanden ist.
Auch die Bildung des Kämpferprofils entsprach dieser Entstehung: die einfache Abfasung, die Schmiege, ist noch karolingisch, erhält sich dauernd in der gerade folgenden Zeit (so Tracy-le-Val, 11. Jahrhundert). Zahlreiche andere Profilierungen, besonders reiche in England geben die mannigfaltigsten Variationen der Grundmelodie, andererseits die klarste Übertragung der Holzprofile in den Stein (Abb. 45).
[Sidenote: Säulenfüße]
Einen Blick noch werfen wir auf die Füße der Stützen. Natürlich kommen hier die der säulenartig gebildeten am meisten in Betracht, da diese einer Basis im Gegensatz zum Kapitell bedürfen.
Auch hier mangelt es nicht an Belegen dafür, daß ihre Fußbildungen aus dem reinen Holzstil erwuchsen, wenn auch wohl von der antiken Säulenbasis als Vorbild beeinflußt, doch sofort zur einfachen Ringelung um das untere Schaftende umgestaltet. Jedenfalls immer sehr hoch und ohne viel Ausladung, wie das das Drehen der Säulen in Holz und auch in Stein aus vierkantigen Balken mit sich brachte.
Wie aber die dünne Holzsäule frei auf dem weichen Boden stehend durch den Druck in diesen hineingepreßt würde, folglich einer bedeutenden Verbreiterung ihrer Grundfläche bedarf, um den Druck zu verteilen, diesen daher von alters her durch Unterlagshölzer in oft mehreren Lagen überträgt, so finden wir bei freistehenden Steinsäulen in der noch eigentlich germanischen Baukunst öfters eine starke Verbreiterung nach einer oder mehreren Richtungen. So in S. Pedro (Prov. Zamora), S. Miguel de Lino (Abb. 55, Tafel XIV), jünger, doch in gleichem Sinne, in Fjenneslevlille Kirke in Dänemark. (Wie man ja den hohen Norden hier in allen solchen Dingen oft fast um zwei Jahrhunderte hinter den sonstigen Zeitläuften herhinken sieht. Es sind daher manche Formen der skandinavischen Baukunst des 11./12. Jahrhunderts als noch denen der karolingischen Zeit des Südens nahestehend zu bewerten.)
Was sich nun aber über die Vertikalstützen lagerte zum weiteren Aufbau, das waren natürlich nach dem einfachsten Zimmermannssystem wagerechte Balken. Die hölzernen haben sich freilich längst in Moder gelöst, von den steinernen ist manches geblieben.
Im Steinbau trat ja rasch genug das Gewölbe, also zunächst der Bogen, an die Stelle des Balkens. Aber ganz offenbar ist hier folgendes im Anfange maßgebend gewesen und lange Zeit geblieben:
[Sidenote: Bogen]
Der nordischen Zimmermannskunst war das im südlichen eroberten Lande auffallendste und bedenklichste in der Baukunst offenbar der Bogen mit dem zentralen Steinschnitt, wie das in der Natur der Sache lag.
Hatte man bisher alle konstruktiven Schwierigkeiten, gewiß auch nicht ohne Kühnheit, aus der Natur des Holzbaus heraus zu bewältigen gehabt und gewußt, hatten Holzständer, Riegel, Langbalken, Schwellen und schräg gestellte Sparren das Rüstzeug des Zimmermanns ausgemacht, verbunden mit den dazu gehörigen Einzelheiten: Zapfen, Versatzungen, Überblattungen u. dgl., mit Hilfsmitteln wie den früher genannten Sattelhölzern, so war man plötzlich vor eine Aufgabe des reinen Steinbaus gestellt, der in ganz fremdartiger Weise aus keilförmig geschnittenen Steinstücken weite Bögen herstellte, mächtige Spannweiten überbrückte. Man sah sich vor ganz entgegengesetzten Konstruktionsprinzipien. Hatte man früher weite Räume zu bedecken, so legte man starke Balkenhölzer darüber; genügten diese nicht, so verzahnte und verband der Zimmermann zwei oder mehrere übereinander, gewohnt, mit der schlanken und starken Langfaser des Holzes zu rechnen und durch sie alles zu besiegen.
Und jetzt: ganz neue Anforderung, die durch das herrschende Steinmaterial und den im Süden offenbar schon vorhandenen Holzmangel, die Landessitte und die gewaltigen bereits bestehenden Denkmäler in solcher Bauweise gestellt wurde! -- Die größte Umwälzung, die denkbar war. Und eine Anforderung, das seit uralter Zeit Gewohnte, ja die eigene Natur aufzugeben zugunsten zunächst höchst schwierig erscheinender, jedenfalls mit Mißtrauen betrachteter neuer baulicher Grundsätze.
[Sidenote: Türen und Portale]
Was sich da ergab, war folgerichtig. Bildete man häufig die Überdeckung noch ganz zimmermannsmäßig, so blieb man auch in Fällen reicherer Ausbildung gerne bei der horizontalen Steinbalkenüberdeckung, wo das möglich war, so im kleinen bei Türen und Portalen. Hohe wagerechte Stürze wurden über die senkrechten Stützen quer gelegt, wie wir solche von den Westgoten noch zahlreich übrig finden. Aber auch sonst, z. B. in Engelstadt (Rheinhessen), in völlig übereinstimmender Weise. Gerade hier belehren uns die Bildungen der Türstürze auf das eingehendste; einige spätere dänische sind besonders instruktiv, auch in ihrer Dekoration, die z. B. durch flach eingegrabene Bögen erfolgt (Bogenfries), ganz wie es an Holzschwellen bis ins späte Mittelalter üblich war (Abb. 56).
Von Interesse ist hierbei die echt holzmäßige Überblattung oder Ausklinkung des Sturzes der horizontal geschlossenen Türen, so in Cividale, an S. Clemente in Rom, auch in Escomb in England.
[Illustration: Abb. 56. Türen mit geradem Sturz.]
Frühzeitig mußte man jedoch hier die Unentbehrlichkeit des Entlastungsbogens über dem flachen Sturz erkennen, den bereits die Römer gerne angewandt hatten, wenn man nicht, wie es öfters vorkommt, den Sturz inmitten höher machte, ihm dachförmige Gestalt gab. Türstürze dieser Form finden wir in Trümmern zahlreich aus der Langobardenzeit, so in Brescia, Cividale, auch im Museum zu Köln ist ein solcher Rest vorhanden, und von der uralten Kapelle zu Ronnenberg bei Hannover (schon 524 erwähnt) dort noch die ganze Tür eingemauert (Abb. 57). Bei den Langobarden ist diese Form besonders verbreitet; manchmal doch mit Bogen darüber. In der Folge wird bei ihnen der entlastete Sturz zur Regel: S. Anastasia zu Lucca; und zwar mittels Halbkreisbogen[14]. Damit ist das halbrunde Tympanon des Mittelalters geschaffen, einer der allerfruchtbarsten künstlerischen Gedanken in der Architektur.
[Illustration: Abb. 57. Portale mit dachförmigem Sturz.]
War aber wirklich ein Bogen über Fenster oder Tür beabsichtigt, so schnitt man diesen Bogen bis in die romanische Zeit hinein mit Vorliebe aus einem hohen Steinbalken heraus, also wieder rein dekorativ, eine formale Konzession, ohne in der Sache die Zimmermannsmäßigkeit aufzugeben.
Auch diese Beobachtungen beweisen uns die ungemein große Vorsicht, mit der die Germanen an den Bogenbau in Stein herangingen; dem Gewölbe gegenüber verfahren sie in der Folge nicht weniger mißtrauisch und tastend.
[Sidenote: Hakensteine der Bögen]
Ungemein deutlich spricht dies die viel angewandte Technik der Hakensteine in den Bögen aus. Das ganze Theoderichmausoleum zu Ravenna ist dafür ein Musterbeispiel (vgl. Abb. 82, Tafel XXI). Nicht nur die sämtlichen Keilsteine der großen Tragebögen des Unterbaus haben solche Haken, sondern selbst der flache Entlastungsbogen über dem Türsturz der oberen Eingangstür besteht nur aus Hakensteinen. Bei den Römern ist die Anwendung dieser Konstruktion selten, in solcher Konsequenz nirgends nachweisbar, während sie an Westgotenbauten in Spanien ebenfalls oft genug auftritt, besonders bei Schlußsteinen von Bögen. (Sta. Maria de Naranco). Die Araber haben diese Gepflogenheit nachher übernommen, insbesondere für scheitrechte Bögen.
[Illustration: Abb. 58. Werden. Bogenkonstruktionen.]
An dem letztgenannten westgotischen Bau, der noch der Mitte des 8. Jahrhunderts angehören muß, zeigt sich die bedächtige Vorsicht, wenn man will, Unsicherheit der germanischen Baumeister auch darin, daß manche selbst durch Archivolten betonte Bögen immer noch als reine Überkragungen konstruiert sind. Von richtiger radialer Druckverteilung gar keine Rede[15]. Ganz verwandt ist die Bogeneinwölbung, wie sie in Werden am Äußeren der Peterskirche auftritt (Abb. 58).
Der Bogen ist den Germanen zuerst eine bloß künstlerische Form, keine folgerichtig durchgeführte Konstruktion. Daher auch die merkwürdige Gepflogenheit, den Bogen, wenn es geht, aus +einem+ einzigen Stein zu hauen; eine Sitte, die sich bis ins Romanische verlängert, freilich auch im Syrischen (und Hellenistischen) hier und da vorkommt. Ein Beispiel aber, wie bei S. Miguel de Lino, wo der Bogen auch an der Außenkante der Peripherie folgt, also einen halben Ring bildet, dürfte einzig dastehen; er ist sogar nachträglich in radialer Richtung gerissen, wie das seine sichelförmige Gestalt erklärlich macht (Abb. 126).
[Illustration: Abb. 59. Holzkonstruktionen und Hufeisenbögen in Holz.]
[Sidenote: Hufeisenbogen]
[Sidenote: Ableitung des Hufeisenbogens aus dem Holzbau]
Kaum minder bezeichnend ist die Hufeisenform des Fenstersturzes an einem Befestigungsturm in Caceres (Abb. 60). Unkonstruktiv in herkömmlichem Sinne freilich; doch für unsere Untersuchung um so deutlicher. Es bleibt eben der Bogen eine rein dekorative Bildung, keine konstruktive; und der hier auftretende Hufeisenbogen stammt ja erst recht aus dem Holzstil, wo er von früher Zeit an konstruktiv (Abb. 59) und dekorativ -- letzteres an den Portalen -- auftritt. Da ist er auch notwendig, denn er ist ursprünglich nur eine Verspannung zwischen vertikalen Ständern und bedarf des unteren Hakens anstatt der Spitze zur Konsistenz; eine Form wie A ist technisch unmöglich wegen der scharfen Spitze. Der aus dem Holzbau übernommene Hufeisenbogen ist in der germanischen Frühzeit auch im Steinbau überall verbreitet, vor allem als dekorativ wirksame Form. Am meisten im Spanien der Westgoten, in dem ihn die Araber vorfanden und wie er war übernahmen. Es waren in diesem Lande in einer gewissen Zeit wohl alle die kleinen Basiliken mit hufeisenförmigen Längsbögen versehen. Davon zeugen noch: Venta de Baños, S. Miguel de Escalada, Souso, Lebeña, S. Pedro, in Frankreich bei Orleans Germigny-des-Prés, Nachzügler gibt es in Italien bei den späten Langobarden, und selbst bis ins 12. Jahrhundert hinein im hohen Norden, wo z. B. Ripen (Dänemark) am Domportal das Hufeisen in ausgeprägtester Art aufweist.
Der außerdem im 8. und 9. Jahrhundert häufige Halbkreisbogen mit vorspringenden Stützen gehört hierher; er wird an Germanenbauten in gleicher Weise ohne eigentliche konstruktive Begründung, wohl als Ersatz für den Hufeisenbogen gebraucht. Vielleicht ist auf ihn die oft vorkommende Anordnung zurückzuführen, eine dekorierende Säule in den Bogen unten bis zum Kämpfer frei vorzustellen, was wir sogar an vandalischen Bauwerken in Afrika (Tipasa) wie öfters an westgotisch-spanischen (Tuñon), auch an angelsächsischen finden[16].
Ist es nun nicht zu leugnen, daß auch an einigen byzantinischen Bauwerken und in Anatolien der Hufeisenbogen auftritt, freilich noch seltener, als manche der oben aufgezählten ebenfalls vereinzelt im Späthellenistischen vorkommenden Besonderheiten, so hat es doch keinerlei überzeugende Kraft, wenn man aus der Gegenüberstellung der Tatsache, daß der Hufeisenbogen bei den Germanen hundertfältig, bei den Byzantinern ein halbes dutzendmal vorkommt, unbedingt schließen will, daß gerade die letzteren die wirklichen Erfinder oder Verbreiter der Form sein müßten. Es mag freilich heute ein wenig Gepflogenheit sein, ihnen vor allem für jene Zeit die erste Erfindung jeglichen neuen künstlerischen Gedankens, dessen sie sich gelegentlich bedienen, zuzuschreiben, dagegen die Germanen von jeglicher Autorschaft auf dem Gebiete der bildenden Kunst auszuschließen[17]. Warum ist nicht recht einzusehen. Vielmehr scheint es berechtigt, da, wo eine bestimmte Form massenhaft vertreten ist, eher ihren Ursprung zu vermuten, als da, wo sie vereinzelt nachgewiesen wird.
An dieser Stelle mag die Einfügung angebracht sein, daß der später von den Arabern in Spanien so viel gebrauchte Hufeisenbogen, der früher als ihnen eigen betrachtet wurde, dies durchaus nicht, sondern ein Erbstück war, das sie von den Westgoten übernahmen. Die Behauptung, daß diese Bogenform westgotisch sei, mag heute noch bei manchem ein Lächeln hervorrufen; sie ist darum nicht weniger wahr und in Spanien längst anerkannt, weil überall dort unverkennbar hervortretend.
[Sidenote: Die Araber Erben der Westgoten]
Die Araber brachten aus ihrem Vaterlande -- vielmehr aus dem näher gelegenen Nillande -- nur den hochgestelzten stumpfen Spitzbogen auf dünnen Säulen mit. In Spanien fanden sie den Hufeisenbogen so allgemein verbreitet, daß sie ihn sofort annahmen, wie ja ihre dortige früheste Baukunst eine Sammlung verschiedenartigster fremder, besonders westgotischer Motive zeigt, die erst langsam zu einem Ganzen zusammenschmilzt. Auch dem Hufeisenbogen haben sie später ganz neue Reize abgewonnen; insbesondere durch schrägere Richtung des Fugenschnitts; ihr Bogen zeigt in der Folge die Radialfugen der Steine nicht nach dem Kreismittelpunkt gehend, wie bei den Westgoten, sondern nach einem viel tiefer, mindestens bis auf die Kämpferhöhe hinabgelegten Mittelpunkt gerichtet. Das gibt dann einen erheblichen Unterschied in der Wirkung[18].
Für die Nordländer mag also jene neue „Entdeckung“, daß der Hufeisenbogen nordisch-germanisch sei -- wie er ja auch an den noch erhaltenen ältesten nordischen Stabkirchen häufig erscheint --, nicht minder überraschend sein, als es für mich z. B. die Antwort auf eine Frage an Meister Velasquez in Madrid, den besten Kenner dieser Zeit, gewesen ist, da er sagte: „Das charakteristischste und reichhaltigste Werk der Baukunst der Westgoten in Spanien ist unzweifelhaft -- die Moschee in Cordoba“. -- Das klang wunderlich, ist aber doch richtig. Denn der älteste und Hauptteil der Moschee besteht aus den Resten mehrerer westgotischer Kirchen Cordobas, die die Araber zu ihrem Neubau zusammenfügten; freilich waren die meisten Säulenschäfte dieser Kirchen schon älteren römischen Bauten entnommen gewesen.
[Sidenote: Dachsparrenstellung über Öffnungen]
Zuletzt ist hier zu erwähnen, daß an die Stelle der Bögen öfters noch eine andere Form tritt, die in der späten Merowinger- wie in der Karolingerzeit sehr beliebt ist: die Sparrenstellung. Ganz offenbar die dem Zimmermann geläufigste Form +nicht+ horizontaler Überdeckung: die Form des Daches.
Bei den verschiedensten Gelegenheiten macht man im 8./9. selbst bis ins 10. Jahrhundert hinein davon Gebrauch. Klassizistische Archäologen erklären zwar rundweg, dies sei weiter nichts als eine Degenerierung der antiken Giebelform. Und wenn, wie z. B. bei S. Jean in Poitiers die spitze Form mit Rundbogen wechselt (vgl. Abb. 147), so sei das nur eine Wiederholung der Reihen von abwechselnden Rund- und Spitzgiebeln der spätrömischen Baukunst insbesondere in Syrien. So richtig das natürlich in einzelnen Fällen sein kann -- es besteht doch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen plastischen Giebelreihen, die oberhalb von Nischen zu deren Schutze oder Schmuck aufgebaut wurden, und der Zusammenstellung von Brettern und Balken, die einen Hohlraum dachförmig nach oben abschließen.
Ferner mag man nicht vergessen, daß die antiken „Giebel“ doch auch weiter nichts sind, als schräg zusammengestellte Sparren, also genau auf dem gleichen Wege erzeugt. Wenn die Antike selber einst dies Motiv aus dem Holzbau übernahm und ausbildete, warum sollten spätere Germanen es sich nicht genau in derselben Weise erworben haben können, um so mehr, als sie direkt aus dem Holzbau kamen. Wir nehmen einstweilen dies für sie in Anspruch und vermeinen, z. B. die angelsächsische Fenstergestaltung wie in Brigstock oder Deerhurst als ein bloßes Plagiat nach antiker Giebelarchitektur nachzuweisen möchte nur einer ganz gezwungenen Beweisführung ohne Überzeugungskraft gelingen können.
Jedenfalls finden wir bei den Germanen die Dachsparrenstellung weit verbreitet und angewandt. Zur Überdeckung von Fenstern, Türen und anderen Öffnungen, zur Entlastung von Stürzen, aber auch als Ersatz für weiter gespannte Bögen, besonders bei blinden Arkaden. Am prächtigsten an der merowinger Vorhalle zu Lorsch (s. Abb. 149), ähnlich noch spät um den Nordwestturm der Kirche zu Gernrode. Vielleicht noch ottonisch an der Fischbecker Stiftskirche, massenhaft an angelsächsischen Kirchen.
[Sidenote: Gewölbe]
An den Gebrauch der Bögen schließt sich unmittelbar der der Gewölbe. Ihnen gegenüber verhält sich der Germane ähnlich skeptisch und vorsichtig; nur selten macht er Gebrauch von ihnen, und dann beschränkt er sich fast ausschließlich auf den der Tonnengewölbe, und zwar von möglichst geringer Spannweite. Das Kreuzgewölbe kommt so gut wie nicht vor; nur in der Karolinger-Zeit findet man es ganz vereinzelt (Aachen); kaum minder selten das Kuppelgewölbe; doch sind dies so sehr Ausnahmen, daß man der Regel nach weder Kreuzgewölbe noch Kuppeln vor dem Beginn des 11. Jahrhunderts zu setzen braucht.
Das Theoderich-Grabmal ist dafür ein merkwürdiger Beleg. Sein Erdgeschoß ist mit zwei sich kreuzenden Tonnen überspannt, was freilich an der Kreuzungsstelle unvermeidlich eine Kreuzgewölbeform ergeben mußte. Aber die Kuppel oben hat man weder in Wölbsteinen noch auch nur in Stampfmauerwerk auszuführen unternommen, sondern, freilich gewiß in Erinnerung an germanische Ursitte, über das Denkmal einen einzigen riesigen Stein gelegt, den man kuppelförmig aushöhlte.
Später hat allerdings das Germanentum aus seiner so vorsichtigen ausschließlichen Verwendung enger Tonnengewölbe immer noch sehr kluge und wertvolle Gewölbekomplikationen zu entwickeln verstanden, von denen aber erst unten zu handeln sein wird.
[Sidenote: Strebepfeiler]
Noch in einer anderen Richtung sind die Germanen für den Gewölbebau fruchtbringend gewesen: man findet an ihren Bauwerken wohl zuerst Strebepfeiler zur Aufnahme des Gewölbeschubs systematisch angeordnet und ausgebildet, sowohl in Spanien als in Frankreich; eine Idee, die als eine höchst wertvolle bis in späteste Zeiten fortlebend Großes gewirkt hat.
[Illustration: Abb. 60. Fensterformen.]
[Sidenote: Fenster]
Die Ausbildung der Fenster und Türen, die schon oben gestreift ist, förderte nicht minder eine Fülle eigenartiger Bildungen zutage. Wie im Norden bei den hölzernen Stabkirchen die Fenster doch häufig im Rundbogen geschlossen sind, so werden die kleinen Fensterchen an den frühesten Germanenbauten in Holz, dann in Stein, wie ja auch italische und byzantinische Kirchen es zeigten, bereits Rundbogen als oberen Abschluß besessen haben. Der Sturz war anfänglich meist ein rundbogig gehöhlter Stein, wie oben bereits ausgeführt ist (Abb. 60).
Bei Fenstern und Türen ist nun besonders in England die höchst merkwürdige Beobachtung zu machen, daß eine Verbreiterung, wenn notwendig, gerne nach unten, nach der Sohlbank oder Schwelle zu erfolgt, so daß der Sturz nicht verlängert zu werden braucht. Ja selbst eine Art Parabelform für die Fenster läßt sich da nachweisen. (Goldbach, Escomb, Boarhunt.)
Auch der hufeisenförmige Abschluß der Fensternische, besonders nach innen, ist nicht selten, weder in Spanien, noch in England oder Frankreich. An den frühen Angelsachsenbauten besonders sind uns mancherlei Muster dafür erhalten geblieben.
Nicht weniger eigenartig ist die oben erwähnte Abdeckung der Fensteröffnungen durch zwei schräg gestellte Steinbalken: die holzmäßige Form der Sparrenstellung. Sehr schön in dieser Anlage sind die Doppelfenster zu Deerhurst; wie ich glaube die Originalform der unrichtig restaurierten westlichen Emporenfenster des Aachener Münsters gebend.
An die oben erwähnte Form der Entlastung über dem Fenster des Turmes zu Gernrode sei hier erinnert, die ebenfalls die Sparrenstellung zeigt (Abb. 60).
[Sidenote: Innere dekorative Fensterumrahmung]
Die schmalen Fenster jener Zeit sind öfters innen und außen stark verschieden, innen meist reicher gestaltet, wie denn jene Zeit etwaige Prachtentfaltung selten dem Äußeren zuwandte. So sind in Germigny-des-Prés die Fenster oben -- vielleicht einst auch unten -- mit Halbsäulchen und reichen Archivolten in Stuck eingefaßt (vgl. Abb. 65) -- in St. Jean zu Poitiers sind sie bereits durch in Ecken eingesetzte Falzsäulchen flankiert, wie in der Folge so vielfach.
Es mag hier uns das allermeiste verloren gegangen sein. Denn wo steht überhaupt ein kirchlicher Innenraum Altgermaniens noch unverletzt aufrecht? -- -- Germigny-des-Prés ist seiner originalen Ausgestaltung fast ganz beraubt, die meist durch schwächliche Nachbildung ersetzt ist. Am meisten dürfte in S. M. in Valle in Cividale vorhanden sein, wo wir die prächtigste Fensterumrahmung aus Stuck mit kräftigen Halbsäulen und üppiger Bekrönung durch eine sehr schöne halbdurchbrochene Archivolte noch in situ vorfinden (s. Abb. 104, Tafel XXIX). In Disentis am Gotthard hat man aus den Trümmern der Kirchenruine ebenfalls die Reste einst auf Halbsäulen sitzender Fensterarchivolten herausgegraben, deren Formen hier mehr als sonst dem Holzstil angehören[19] (s. Abb. 65).
[Sidenote: Fensterverschlußplatten]
Daneben könnten die Fensterverschlußplatten ein besonderes Kapitel beanspruchen; die durchbrochenen Platten, mit denen die Fensterlöcher nach außen gefüllt wurden, die die Glasfenster zu ersetzen hatten, deren es damals für solche Zwecke gar zu wenige gab. Daher man die Fensteröffnungen an sich so klein als möglich machte, um wenigstens Sturm, Regen und Schnee nach Möglichkeit auszuschließen. Haut, Stoff und anderes als Glasersatz verbot sich wohl bei Kirchen. Für den Süden ist das Hilfsmittel, die Lichtöffnungen der Kirchen mit durchbrochenen Marmorplatten zu schließen, bei der dortigen Lichtfülle und dem milden Klima leicht verständlich und genügend. Dieses Material, dünn genug geschnitten, ist überhaupt schon lichtdurchlässig, und so mochten einige kleine Öffnungen, planlos oder ohne besonderen Anspruch auf Zeichnung eingeschnitten, wohl schon genügen, um das Bedürfnis nach Licht, das in den Kirchen ja viel geringer ist als sonst, zu befriedigen.
Mit dem Vordringen der Germanen nach dem Süden werden diese Platten der Gegenstand reicherer Ausgestaltung und Zierung. Die Barbaren übernehmen zunächst den Gedanken ohne weiteres, verpflanzen ihn auch nach Norden; in Frankreich, selbst in England sind solche Fensterplatten mit reichem dichtem Gitterwerk nicht allzu selten. Aber der ganz weiße durchscheinende Marmor fehlte im Norden, und so entstand das Bedürfnis nach stärkeren Öffnungen von selbst, die dann, wo das möglich war, mit Glas ausgefüllt wurden. Die Araber haben solche Fenstereinsätze aus Gipsplatten, mit buntem Glas geschlossen, in Nordafrika noch heute viel im Gebrauche[20].
Die Verbreitung solcher ganz reich verzierter Fensterplatten, die in echt germanischen Schlingmustern, in Bogenfriesen und Arkadengalerien mit Säulchen in reinem Holzstil -- kurz im ganzen uns bekannten Zierwerk des Nordens durchgebildet sind, geht aber so weit, als die Germanen zogen (Abb. 61). Sie sind bei den Vandalen in Afrika, den Westgoten in Spanien, den Franken in Gallien, den Angelsachsen in England, den Langobarden in Italien zu Hause[21]. In Deutschland und weiter im Norden fehlen größere durchbrochene Fensterplatten dagegen scheinbar ganz, wohl weil das Licht sonst nicht mehr ausreichte; freilich könnte es seinen Grund auch darin haben, daß sie nach dem 8. und 9. Jahrhundert überhaupt nicht mehr vorzukommen scheinen, die kirchliche Bautätigkeit in Deutschland aber erst damals begann.
Übrigens sind steinerne durchbrochene Verschlüsse für sehr kleine Öffnungen (nicht Kirchenfenster) in Deutschland, später im 11. und 12. Jahrhundert, nicht ganz selten, insbesondere in Türmen, was die Möglichkeit offen läßt, daß gleicher Gebrauch, dessen Dokumente verschwunden sind, für Kirchenfenster vielleicht doch geübt gewesen sein könnte.
In Dänemark finden wir bei Kirchenfenstern in romanischer Zeit übrigens auch hölzerne durchbrochene Fensterplatten, für Glaseinsätze mit Falz versehen, die auf ähnliche Fensterbildung schließen lassen. Auch im angelsächsischen England werden durchbrochene Holzbretter als Fensterverschlüsse erwähnt. Dies dürfte den Gedanken nahelegen, daß in nordgermanischen Ländern früher vielleicht auch durchbrochene Holzläden die Stelle von Fenstern versehen haben könnten.
[Illustration: Abb. 61. Ost- und westgotische, langobardische und angelsächsische Fensterplatten.]
Was aus allen diesen Beobachtungen aber sicher übrigbleibt, zeigt uns, daß die Germanen, die nach südlicheren Gegenden gewandert waren, in der Herstellung solcher reich gestalteter, ja manchmal geradezu üppiger Fensterplatten ein schönes Feld ihnen zusagender Zierkunst gefunden und bestellt haben. Eine vielgestaltige Musterkarte davon wäre leicht zusammenzustellen. Wenn dazu bemerkt wird, daß solche durchbrochenen Platten ja auch im ganzen byzantinischen Reiche, in Kleinasien, in Ägypten selbst um jene Zeit gebräuchlich gewesen sind, so muß nachdrücklich wiederholt werden, daß dies an sich richtig, daß aber die ganze reichere Durchbildung dieses interessanten Zierstückes zu künstlerischer Wirkung, wie es scheint, den Germanen vorbehalten geblieben ist. Langobardische, fränkische und angelsächsische, vor allem aber westgotische Muster sind weitaus die schönsten und bedeutsamsten ihrer Art. Die Übung dieser Völker in den phantasievollen Arbeiten des Flechtornaments und ähnlichem bildete ja auch hierfür trefflichste Schulung; nicht minder ihre Neigung von alters her, jede Fläche mit flachem Schmuckwerk zu brechen.
Von besonderem Reize sind die (erneuerten) in den schlanken hufeisenförmigen Fensteröffnungen zu Venta de Baños (Spanien).
Die wunderschönen Fensterplatten aber an S. Miguel de Lino in Spanien zeigen uns sogar bereits völlig ausgebildete Maßwerke; diese im Mittelalter so prächtig und glänzend durchgebildeten Zierstücke der gotischen Fenster derart vorgefühlt, daß hier gar nicht viel mehr hinzuzufügen bleibt. Auch die Fensterrose ist in vollständiger Ausbildung da bereits vorhanden (Abb. 61).
Solche steinerne, durchbrochene Fensterplatten als Fensterausfüllungen beschränkten sich dabei keineswegs auf kirchliche Gebäude. Auch an reichen Profangebäuden sind solche nachgewiesen. So fand sich eine sehr hübsche nahe bei S. M. de Naranco (bei Oviedo), sicher ein Rest des von König Ramiro I. dort erbauten Wohnpalastes, den dieser nach 842 in Verbindung mit einem Bade dort neben der Königshalle errichtete. Diese Platte ist im Muster recht dicht, doch lassen sich als charakteristische Form kleine Hufeisenfenster und Kreuze darin nicht verkennen. Andere Platten zeigen geradezu offene Fensterarkaden, sicherlich zum Ausblick geeignet oder bestimmt. So solche in Merida in Spanien -- auch in Brescia eine ganz ähnliche. Die Breitenform dieser Platten schließt scheinbar ihre Anbringung in Kirchenfenstern aus; wir haben also auch in ihnen wohl profane Fensterplatten zu sehen, wie eine solche sich -- noch jünger und interessant durch ihren Kerbschnittschmuck -- am grauen Hause zu Winkel (Rheingau) vorfindet, sicher dem ältesten steinernen Privathause der Germanen, das uns erhalten ist.
Außerdem aber, auch wohl für diejenigen Fenster, die nicht in der dargestellten Art ausgefüllt, sowie gewiß für solche, die mit Glas geschlossen waren, sind frühzeitig äußere Fensterläden aus Holz oder Stein gebräuchlich gewesen; jedenfalls zum Schutze gegen Regen, starke Sonne und äußere Beschädigung. Wenigstens sind vorspringende Steine mit vertikalen Löchern für die Zapfen der Läden nachzuweisen, so an S. Giorgio in Valpolicella (Italien), bei S. Tirso in Oviedo (Spanien), in beiden Fällen an der Ostapsis, aber auch sonst öfters; in Torcello sind steinerne Läden noch vorhanden.