Chapter 23 of 26 · 3975 words · ~20 min read

Part 23

Hierzu mag die Art des mit schwerer Platte bedeckten Altars, der fast die ganze innere Apsis ausfüllt, Veranlassung gegeben haben. Auf seiner Vorderseite bemerken wir unten eine (vermauerte) Öffnung, die nur als einstige Transenna -- Durchblick in einen noch tiefer liegenden Raum, der eine Reliquie enthielt -- erklärt werden kann; also die Andeutung einer Krypta mit besonderern Heiligtum, die ein Umwandeln des Altars in Prozession wünschenswert erscheinen ließ.

Daher kann unsere Kirche nicht wohl von Anfang an bereits selber Krypta gewesen sein.

Die ganze nationale Eigentümlichkeit unseres Bauwerks stellt es vor die karolingischen Bauwerke, denen es freilich zeitlich folgt. Nicht minder ist es bedeutsam, daß auch hier wieder ausschließlich das Tonnengewölbe auftritt, wie an allen ersten Wölbversuchen der Germanen.

[Sidenote: Schloßkirche zu Quedlinburg]

Oben auf dem Berge hat Heinrich dann im Bereiche geschützter Mauern seine Schloß- und Grabkirche errichtet, in der er († 936) auch bestattet wurde. Von ihr scheint nichts mehr übrig, als zwei Säulen, die im westlichen Joche der heutigen Krypta der darüber seit Ende des 10. Jahrhunderts errichteten Schloßkirche die Seitenschiffe abtrennen, ganz gleichend denen in der eben besprochenen Wipertikirche. Diese Säulen stehen ebenfalls zwischen zwei schweren rechteckigen Pfeilern, während die übrige jüngere Krypta von lauter freistehenden Säulen getragen wird und mit Kreuzgewölben bedeckt ist.

Dies hat den Gedanken nahegelegt, daß auch diese Pfeiler noch ursprünglich seien, und daß Heinrichs obere Schloßkirche eine vergrößerte Nachbildung der Wipertikapelle gewesen wäre. Das ist möglich; jedenfalls war sie jüngeren Datums, und die Frage bleibt offen, ob ihre Säulen mit Pilzkapitellen eine spätere Nachahmung der in der Wipertikrypta gewesen sein mögen, oder ob beide Kirchen von Heinrich selbst errichtet sind. Auch in diesem Falle müssen wir einen längeren Zeitraum zwischen ihnen annehmen, da der König erst in späteren Lebensjahren zum Städtegründer -- auch Quedlinburgs -- wurde und seine Residenz damals von seinem Erbgute auf das obere Schloß verlegte.

[Sidenote: Krypta]

Leider ist auch von diesem allen sonst jede Spur verschwunden; dagegen ist die erste Krypta seiner Schloßkirche neben seinem Grabe neuerdings wieder ausgegraben worden und zeigt uns die merkwürdigste Gestalt. Es ist ein heute (immer?) oben offener Raum von verlängerter Halbkreisform, der auf der Westseite Öffnungen gegen die tief gelegenen Grabkammern des Kaiserpaares besitzt, und in dem die Kaiserin Mathilde bis zu ihrem Tode († 968) am Grabe ihres Gatten zu beten pflegte. Diese Anordnung verlangt natürlich oben einen Umgang, wie ihn die Wipertikirche besitzt, wodurch die Ähnlichkeit der oberen Kirche mit der unteren noch wahrscheinlicher wird.

Die um etwa 2 m vertiefte durch eine schmale Treppe zugängliche Krypta beherbergt nun an ihren Wänden die Reste der ältesten bekannten Stukkaturen auf deutschem Boden, wohl über Frankreich oder die Schweiz aus dem Süden gekommen; eine Gliederung der Wände durch flache Nischen, die durch Halbsäulchen und kandelaberartige Streifen und Archivolten getrennt und eingefaßt werden (der obere Teil war leider zerstört [s. Abb. 65]). Ihrer Art nach können wir diese als eine Fortsetzung der Stuckarbeiten betrachten, wie sie in Germigny-des-Prés vorkommen. Jedenfalls ist die Stucktechnik seit jener Zeit bei den germanischen Völkern (besonders in Deutschland) nicht mehr erloschen und in der Folge gerade in der Harzgegend weiter gepflegt und entwickelt (Gernrode, Goslar, Hildesheim, Drübeck, Halberstadt).

[Sidenote: Gernrode]

Einen Blick auf ein noch etwas jüngeres Bauwerk müssen wir hier einschalten, das den ersten Schritt ins beginnende Mittelalter tut, doch noch völlig auf den Schultern des alten Germanentums stehend, auf die eben genannte Stiftskirche zu Gernrode, von Markgraf Gero, Heinrichs kraftvollem Feldherrn, gegen die Wenden 961 erbaut.

Heute eine doppelchörige Kirche hatte sie ursprünglich auf der Westseite eine stattliche Vorhalle zwischen zwei runden Treppentürmen, wie wir das schon früher als germanische Eigentümlichkeit erwähnten, ein sehr kurzes ziemlich quadratisches Schiff, unten je zwei Säulen mit Pfeilern als Stützen wechselnd, darüber die beliebte Empore, die sich durch eine Säulengalerie zum Schiffe öffnet. Die Säulchen (Abb. 52) sind ohne Kapitell, an Stelle dessen nur mit einem derben Kämpfer (vgl. Frankenturm zu Trier) bekrönt.

Der Nordturm hat oben Pilaster, die durch Dreiecke in Dachsparrenstellung verbunden sind, anstatt wie die am Südturm durch Bögen. Ganz wie dies Motiv uns an der Front von Lorsch, auch bereits an frühen merowingischen Bauwerken, oft entgegentrat. Diese uralte Zimmermannsform des Dreiecks kommt in Gernrode mehrfach vor; auch an Stelle von Fensterentlastungsbögen (Abb. 60), selbst als eine Überleitung über den Kapitellen zu den Bögen im Schiff. Im ganzen ist unsere Kirche ein derb-kraftvoller Bau, auch im Detail und Schmuck, insbesondere an den Kapitellen, mehr geschnitzt als gehauen, noch überall voll altgermanischer Urwüchsigkeit.

[Sidenote: Essen]

Von Quedlinburg werden wir noch nach Westen gewiesen, an andere Stätten christlicher Ansiedlung in deutschen Urgauen: nach Westfalen. In Werden und Essen erstanden in der karolingischen und sächsischen Zeit zwei Werke besonderer Eigenart; die Münsterkirche zu Essen und die Peterskirche zu Werden. Beide in ihren noch erhaltenen Teilen ansehnliche Westbauten einstiger großer Kirchen. In Essen ist gegen Ende des 10. Jahrhunderts der berühmte Westteil der Altfridschen Basilika aus dem 9. zugefügt worden, ein merkwürdiger Emporenbau, der sich in zwei Geschossen nach der Kirche zu öffnet, die gewiß auch einst Emporen besaß. Dieser Westteil ist bekanntlich ein halbes Sechseck, mit einer Bogenarchitektur, die offenbar von der des Aachener Münsters inspiriert ist; die karolingische Renaissance feiert auch in den übrigen Teilen des turmartigen Vorbaues eine Auferstehung, und zwar in stark antiker Auffassung.

Das ganze Werk entzieht sich als nicht mehr hierhergehörig hier weiterer Besprechung, ist auch bereits anderweit (Humann) gründlich genug behandelt. Aber wir finden in ihm ein Detail, vielleicht noch vom älteren Bau, das uns interessieren muß. Im oberen Turmstockwerk nämlich zwei Säulen mit Kapitellen, die denen der Wipertikrypta ziemlich genau entsprechen; und zwar sind solche umgekehrte Kapitelle auch als Füße benützt. Hier ist es also naheliegend, daß diese Teile, vielleicht schon dem Altfridschen Bau aus der Mitte des 9. Jahrhunderts entstammend, von neuem verwandt sind; dann wäre hier das erste bekannte Auftreten dieser Form konstatiert. Ähnliche Kapitelle, teilweise ebenfalls als Säulenfüße benützt, finden sich übrigens im Kölner Museum, müssen also in Rheinland-Westfalen öfters vorgekommen sein. Nicht ohne Interesse ist es, daß auch an demselben Bauwerk zu Essen die ältesten Würfelkapitelle vorkommen, die wir kennen, spätestens aus dem Anfang des 10. Jahrhunderts herrührend, von denen vielleicht gar angenommen werden darf, daß sie ebenfalls von noch älteren Bauteilen entnommen waren. Denn es läßt sich nicht leugnen, daß das Würfelkapitell durch Ausdrehung einer Kugelform aus einem viereckigen Balken ohne weiteres zu erzielen ist, also die Möglichkeit der Entstehung aus dem Holzbau und der Drechslerei nicht abgewiesen werden kann, wie es oft geschieht.

[Sidenote: Werden]

Ein ferneres Auftreten der Pilzkapitelle ist in Werden an der Ruhr festzustellen, in dem spätkarolingischen Westbau der alten Ludgeribasilika, die ihrerseits einem Neubau des 12.-13. Jahrhunderts Platz gemacht hat. Dieser Westbau ist aber völlig selbständig vorgesetzt und war als Peterskirche fast unabhängig von jener, doch mit ihr räumlich verbunden (Abb. 171). Die Hauptkirche war in der Mitte des 9. Jahrhunderts entstanden, die Peterskirche davor im ersten Drittel des zehnten.

Wie bemerkt, wieder ein freilich sehr mächtiger Westbau der Kirche; eine öfters erwähnte Sonderheit deutscher Kirchen jener Frühzeit.

[Illustration: Abb. 171. Werden a. d. Ruhr. Peterskirche.]

Und zwar einer, bei dem auch die im Norden so beliebten Emporen rings um einen offenen Mittelraum liefen; also ein Zentralbau, doch ohne Apsis, an deren Stelle die mit Türen versehene Wand nach der Basilika zu trat. Es war dieser Westbau, wie bemerkt, dabei eine selbständige Kirche mit eigenem Patron, zugleich bestimmt für die Ausübung der Sendgerichtsbarkeit. Daher ihre so merkwürdige Form. Ich habe versucht, von dem höchst eigenartigen Bau, der in dieser Art immer noch germanischem Wesen entsprossen zu sein scheint, eine Rekonstruktion nach Effmann zu geben, die die außerordentliche Selbständigkeit und merkwürdige Anlage des Ganzen zeigt, in der nichts Südliches ist (Abb. 172).

[Illustration: Abb. 172. Werden. Peterskirche. Perspektivischer Schnitt.]

Die Emporen des ersten Stockwerkes, durch Treppen in den Ecken zugänglich, haben nun in ihren Bogenfenstern wieder drei Säulchen mit dem Pilzkapitell wie in Quedlinburg, doch etwas schlanker gebildet (Abb. 173). Das vierte ist eine grobe Umbildung des korinthischen, zimmermannsmäßig primitiv. Aber der ganze Raum und seine Einzelarchitektur ist überall kaum karolingisch, vielmehr von älterem Wesen durchdrungen. Selbst die meisten Bögen des Äußeren sind teilweise reine Überkragungen (s. Abb. 58), nur mitten gewölbt.

Auch Reste von Dekorationsmalerei haben sich gefunden, Archivolten mit Ornament und Feldern, im gleichen Stil wie ihn frühe karolingische Miniaturen nordischer Herkunft tragen (Abb. 174).

Die Ludgerikrypta ganz im Osten unter dem Chor der heutigen Kirche ist ebenfalls noch erhalten, ein ringförmiger Gang um die Grabkammer des Heiligen († 816), ganz nach Art der ältesten italienischen angelegt, wohl die älteste in Deutschland; die Ludgeridenkrypta im 10. Jahrhundert nach jüngerer Art hinzugefügt.

[Sidenote: Köln. S. Pantaleon]

Hier muß ich noch einen Westteil einer Kirche aus karolingischer Zeit heranziehen: den von S. Pantaleon in Köln. Auch hier ein sehr stattlicher gewölbter Raum mit Emporen zu beiden Seiten, eine Vorkirche, mehr als eine bloße Vorhalle, selbst mit Apsiden an den Enden der seitlichen Räume. Dieser großartige Vorraum wurde eingefaßt von den zwei Rundtürmen, wie wir sie früher schon so oft fanden, wie sie gerade an deutschen Kirchenbauten aus dem Ende des ersten Jahrtausends gern erscheinen. Das Äußere und Innere von S. Pantaleon, soweit es noch dem ältesten Bau angehört, ist übrigens dem fränkischen Bauwesen nahe verwandt; in eingelegten Tonplatten, mit Ziegeln durchschossenen und eingefaßten Bögen in der Zweifarbigkeit des Steinbaus und der Bögen, auch innen, weiß und rot, spricht noch einmal die alte Freude an der Farbe aus der Merowingerzeit.

[Illustration: Abb. 173. Werden. Pilzkapitell.]

[Illustration: Abb. 174. Werden. Malerei eines Bogens.]

[Sidenote: Büdingen]

Einen besonderen Westbau besaß die Kirche der Abtei zu Korvey, 9. Jahrhunderts, später leider umgebaut. In einfachster Form die Totenkirche bei Büdingen (Hessen), wo westlich scheinbar ein breites Querschiff, doch den Eingang enthaltend, sich vorlagert vor das schmälere Langschiff mit rechteckiger Apside im Osten. In diesem Westbau zieht sogar noch eine sehr alte hölzerne Empore aus Balken ringsum, ganz ursprünglich, da die Steintreppe auf Bögen auf der Nordseite noch zu ihr emporsteigt. Die an der Nordseite des Schiffes durch das Bruchsteingemäuer lang durchziehenden roten Schichten von kleinen Quadern -- wenn auch nicht von Ziegeln so doch diese nachahmend -- die rote Fensterumrahmung, die beiden kleinen Nischen an der Ostseite, der vorspringende Pfeiler nach dem Schiff zu, das abgeschnittene karolingische Kämpferprofil des Chorbogens sprechen überall für das 9., spätestens 10. Jahrhundert. Wir sehen hier wieder einen ersten Posten des Christentums an einen wichtigen Talausgang des Nordrandes der Wetterau vom Rheingau, wohl von Mainz her, vorgeschoben.

Noch bis vor vierzig Jahren besaß die Kirche auch offenen Dachstuhl; sie ist also trotz ihrer großen Einfachheit eines der charakteristischsten und frühesten kirchlichen Bauwerke Deutschlands.

[Sidenote: Goldbach]

Wahrscheinlich gehört in dieselbe Kategorie die ganz kleine Kirche zu Goldbach am Bodensee bei Überlingen. Der Grundriß ist sonst der gleiche, nur springt der Westbau -- die alte Vorhalle, einst auch durch eine Wand oder wenigstens Pfeiler abgetrennt -- nicht vor, sondern etwas zurück. An Kunstformen bietet die Kirche freilich nichts; nur die sehr kleinen alten Rundbogenfensterchen, hoch sitzend und sparsam, wie in Büdingen, haben eine auffallende Form (Abb. 60): sie erweitern sich nach unten, ihre Gewände stehen also schräg, was ihnen eine fast parabolische Umrißlinie gibt.

Diese Fensterform ist freilich dem Kontinent fremd, sie kommt aber an angelsächsischen Kirchen um so öfter vor; und gewiß ist dies höchst merkwürdige Bauglied nicht ohne Bedeutung: wir haben vielleicht hier eine erste Gründung englischer Missionsgeistlicher vor uns, die ja damals eine gewaltige Tätigkeit in Deutschland entfalteten.

Ob es wohl hiermit zusammenhängt, daß der heilige Pirmin, der erste Gründer der klösterlichen Niederlassung auf der nahen Reichenau um 724, ein angelsächsischer Missionsbischof war?

Jedenfalls auch hier ein erstes germanisches Heidenkirchlein an weithin sichtbarer Stelle am Seeufer, nahe bei den berühmten Heidenhöhlen Scheffels.

Das bedeutende Alter der kleinen Kirche erweist sich darin, daß es schon um 850 auf das reichste ausgemalt wurde, früher als die Kirche zu Oberzell auf der Reichenau, jedenfalls von einem dortigen Künstler; diese schöne karolingische Ausmalung gehört leider nicht in den Bereich unserer Darstellung, fußt auch auf nicht nordischem Vorbild, beweist aber, daß die Kirche nach der ersten Ausschmückung sogar noch einmal erhöht, auch die Fenster um etwa 1 m höher gesetzt wurden, natürlich in der alten Form; die ersten wurden zugemauert und übermalt.

Sie beweist aber nicht, daß die kleine Kirche erst damals erbaut wurde. Auch ihr Grundriß entspricht dem alter angelsächsischer Kirchen, z. B. der Kirche zu Escomb, die ein sehr langes Schiff und rechteckige Apsis, noch genauer aber der von Boarhunt, die sogar ähnliche nach oben verjüngte Fenster besitzt.

[Sidenote: Reichenau]

Die nahegelegenen drei Kirchen auf der Reichenau, teilweise mit gleich prächtiger Ausmalung geschmückt, liegen nicht mehr im Bereiche unserer Aufgabe; gehören auch einer südlichen hierher übertragenen Kunst an.

[Sidenote: Fulda]

Ein kleines Bauwerk aus der ersten Zeit der Karolinger müssen wir dagegen als wichtig für die baulichen Bestrebungen der Epoche noch nennen: das Kirchlein St. Michael zu Fulda; einen runden Zentralbau, der unter des Rhabanus Maurus Leitung erbaut (den wir bereits als den ersten Bewohner des grauen Hauses zu Winkel kennen lernten), am 15. Januar 822 geweiht wurde (Abb. 175-177).

[Illustration: Abb. 175. Fulda. S. Michael.]

[Illustration: Abb. 176. Fulda. S. Michael. Schnitt.]

Auf dem Friedhofe der Geistlichen nahe bei der alten Bonifatiuskirche gelegen, galt sie wie viele spätere als nach dem Muster des heiligen Grabes erbaut. Sie bestand ursprünglich nur aus einem mittleren Kuppelraume, der von acht Säulen umgeben ist, die die hohe Obermauer tragen, und einem kreisförmigen Umgange (Abb. 176); im Osten eine kleine halbrunde Apsis, im Westen eine rechteckige Vorhalle. Unter dem Tempel eine Krypta, deren Gewölbe mitten auf einer jonischen Säule ruht, ebenfalls von einem ringförmigen Umgange umgeben, der durch ziemlich rohe wieder nach oben verjüngte Türöffnungen mit dem Kryptenraum verbunden ist (Abb. 177). Die mittlere Säule verkörpert symbolisch Christus als Stütze der Kirche. Vier der Kapitelle der Säulen des Mittelraumes (Abb. 178, Tafel XLVI) sind korinthischen und kompositen nachgebildet, in einem Stil, der nach dem Osten weist; die vier anderen haben die ganz rohe und einfache Form der Altarsäulen der Wipertikrypta zu Quedlinburg. In der folgenden Zeit, vielleicht sehr bald, wurde der Umgang mit einer Empore versehen, die sich durch vier Doppelöffnungen auf Mittelsäule mit ausladendem Kämpfer (Abb. 52) gegen den Zentralraum öffnet; wir erhalten jetzt ein Bild, das sich etwas an Germigny-des-Prés wie an Aachen anschließt, doch eine Reihe germanischer Eigentümlichkeiten fortpflanzend.

[Illustration:

XLVI

Abb. 178. Fulda. S. Michael.

(Verl. Georg Ostertag.)]

[Illustration: Abb. 179. Chur. Silberne Kassette.

(Phot. Lang, Chur.)]

Hiermit sind die Bauwerke in Deutschland, die unsern Kreis noch in etwas berühren, wohl annähernd erschöpft. Es bleibt noch auf einige ganz frühe in der Schweiz hinzuweisen, die wohl meist von langobardischen Meistern errichtet sein mögen.

[Sidenote: Disentis]

Zuerst die neuerlich aufgegrabene kleine Kirche zu Disentis in Graubündten, von der ich schon gesprochen habe; ihre Erbauungszeit fällt zwischen 670 und 789. Sie bestand aus einem rechteckigen Schiff, an das sich östlich drei hufeisenförmige Apsiden anschlossen, ihre ganz besondere Eigentümlichkeit aber darin, daß ihre Schiffswände, in reichster Stukkatur geschmückt, in einem oberen Friese eine Unzahl lebensgroßer Figuren in Relief enthielten, zum Teil bemalt, über einem ebenfalls in Stuck hergestellten Sockel mit Füllungen und Rahmen in verschiedenen Mustern geziert, gekreuzte, schachbrettartige und andere Anordnungen zeigend und wie eine Art Gitterwerk erscheinend (s. Abb. 65); darüber ein schmaler Ornamentfries als Trennung von dem großen Figurenfelde.

[Illustration: Abb. 177. Fulda. S. Michael. Äußeres.]

Die kleinen Fenster, wahrscheinlich sieben an der Zahl, also wohl eines im Westen und je drei an den Langseiten, waren mit gerippten Halbsäulchen und Taubändern, darüber hübschen Archivolten, umrahmt; fast alle Ornamentik im klarsten Kerbschnittstile. Der Raum einst sicher von höchst eigenartiger lebendiger Wirkung und -- außer mit dem Oratorium zu Cividale, in der Choranlage mit S. Miguel de Escalada (Abb. 118) und Münster -- mit keinem Werke jener Zeit irgendwie zu vergleichen.

[Sidenote: Chur]

[Sidenote: Münster in Graubünden]

Im Bistum Chur finden wir noch in der bischöflichen Kirche zu Chur selber Belege dafür, daß dort bereits im 8. Jahrhundert eine stattliche Domkirche bestanden hat. Wenigstens sind, außer dem reichen Kirchenschatze (Abb. 179, Tafel XLVI), zahlreiche Reste alter marmorner Schranken echt langobardischen Stils noch vorhanden. Ganz ähnlich im Kloster zu Münster (Graubünden), dessen Kirche ebenfalls die drei hufeisenförmigen Apsiden auf der Ostseite zeigt. Die Kirche selber aber war zur Karolingerzeit auf das reichste ausgemalt, wovon sich noch Reste oberhalb der Gewölbe des 15. Jahrhunderts gerettet haben. Die Kirche hat sonst nichts formal Bedeutsames mehr, als jene sehr schönen Stücke von Marmorschranken mit allerlei Flechtwerk, merkwürdigerweise hier zum Teil hoch nordischer Art, Tierverschlingungen, Drachen u. dgl., wie sie uns nur noch in Metz vorkamen, sodann aber wieder andere große Füllungen, die völlig übereinstimmen mit solchen zu Cividale. Auch die obere Lehnenspitze eines marmornen Priesterstuhles, giebelartig, mit Krabben besetzt, also rein langobardisch. Der Grundriß mit den drei hufeisenförmigen Apsiden erscheint noch an mehreren kleinen Kirchen jener Gegend. So nimmt die Schweiz in diesen Denkmälern eine Zwischenstellung zwischen Spanien, dem langobardischen Italien und dem fränkischen Norden ein.

Was wir sonst in den deutsch redenden Ländern für unsere Aufgabe noch hierher zu rechnen haben, sind Werke der folgenden Zeiten, in denen sich die alte germanische Tradition gegenüber den Mode und herrschend gewordenen wechselnden Stilen in der Stille fortpflanzt. So finden sich an romanischen Bauwerken eine Fülle alter Kunstgedanken, die nicht sterben wollen; Flechtwerk und Ungeheuerwesen, Holzformen aller Art, Kerbschnitt, Rippungen u. dgl. Wo die Volksseele sozusagen unbeobachtet in stillen Winkeln ihr eigenes Gespinst wirkt, da erscheint längst Begrabenes unvermutet immer wieder von neuem.

[Illustration]

[Illustration: DIE ANGELSACHSEN]

Jahrhundertelang schon hatten die in England herrschenden Römer deutsche Krieger vom Festlande zum Schutz gegen Skoten und Pikten verwendet, selbst im Lande angesiedelt. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts aber, da die vielen Hilferufe der Briten nach Rom ungehört verhallten, rief König Guorthigirn in der letzten Not die Angelsachsen zu Hilfe, die unter Hengist und Hors eingedrungen baldigst ein germanisches Königreich in England, zunächst in Kent, aufrichteten.

Nicht lange, so herrschten Angeln und Sachsen, denen sich noch Nordländer (Dänen und Jüten) zugesellten, über das ganze eigentliche England; nur noch der Winkel im Südwesten blieb den keltischen Briten, zum Teil bis zum heutigen Tag; Kelten haben sich auch in Irland und Schottland als wichtiger Teil der Bevölkerung erhalten.

Das angelsächsische Reich, im Anfang des 7. Jahrhunderts zuerst in keltischer Form christlich geworden, fiel dem römischen Katholizismus seit 668 völlig zu, und von da an entfaltete sich auch eine neuere Kultur, zunächst naturgemäß aus dem fernen Osten gekommen, sehr bald aber durchaus germanisch geworden, in aufsteigender Entwicklung; erst wieder unterbrochen durch die furchtbare Dänennot in der Mitte des Karolingerjahrhunderts, der König Aelfred, der letzte Sprosse altgermanischer Könige, erst am Schlusse des Jahrhunderts ein Ziel zu setzen wußte. So wurde er zum eigentlichen Gründer des englischen Königreiches. Wenn auch durch die Normannen erobert, doch langsam wieder vorwiegend angelsächsich geworden, besteht es bis heute.

Die Baukunst aus der sächsischen Zeit ist, soweit Denkmäler von ihr erhalten sind, nur kirchlich. Ihrem Charakter nach zuerst wie immer Import aus dem römisch-griechischen Osten, entwickelte sie sich, wenn auch in kleinen und bescheidenen Werken, mehr und mehr als ein Zweig echt germanischer Kunst, um so klarer, als der Gang der Ereignisse den Verkehr mit dem Osten unterbrach.

[Sidenote: Kleinkunst]

Die Kleinkunst übten die Angelsachsen wie die anderen germanischen Stämme, sogar mit ganz besonderem Erfolge. Was die angelsächsischen Gräber und andere Fundstätten gespendet haben, ist von hervorragender Schönheit und Feinheit, in jeder Technik und Herstellungsweise, auch in verschiedensten Metallen. Nur die den Franken und Süddeutschen eigene Tauschierarbeit in Silber und Gold auf Eisen scheint zu fehlen. Dagegen haben wir Spangen und Schnallen in Bronze, Silber und Gold, auch mit Edelsteinen, Türkisen, Granaten, Perlmutter in Zellen besetzt (Abb. 10, 18); Schmuckstücke in wechselnden und eigenartigen Formen und von mannigfaltiger Bestimmung; so solche aus drei Nadeln mit Zwischengliedern bestehend (Abb. 180, Tafel XLVII); Fibeln von eigentümlichster Gestalt, alles beweisend, daß in der germanischen gerade die angelsächsische Kleinkunst mit auf der höchsten Höhe stand. In der Folgezeit blieb davon noch manches lebendig. Von dem sehr schönen Juwel Aelfreds (Abb. 181, Tafel XLVII) sprachen wir schon früher; es steht nicht allein; ein etwas älterer Ring Aethelreds und anderes Verwandte gehören zu derselben künstlerischen Richtung.

Die Ornamentik bewegt sich gern auch in reinem Schling- und Flechtwerk, nicht nur in nordischer Tiergestaltung, was man lange dem irischen Einflusse zuschrieb. Aber es scheint, insonderheit seit Salins klaren Darlegungen, ganz sicher, daß diese Art der Verzierung umgekehrt von den Irländern der angelsächsisch-nordischen Kunstweise entnommen und nachher besonders gepflegt worden ist. Die ursprünglich irischen Formen, insbesondere S-förmige Motive, sogenannte Scrolls, sind unter den so völlig verschiedenartigen germanischen sehr wohl herauszufinden.

[Sidenote: Manuskriptmalerei]

Gleiches gilt ohne jeden Zweifel von der berühmten englischen Manuskriptmalerei, die sich seit dem 7. Jahrhundert so wunderbar entwickelte. Die Eigenart der irischen Arbeiten, ihr wundervolles Tier- und Schlingwerk und ähnliches, stimmt so völlig mit der als angelsächsisch anerkannten, insbesondere aber auch mit der übrigen nordischen Tierornamentik überein, die doch erheblich älter ist, daß über das Verhältnis der Ableitung der „irischen“ Ornamentik in der Hauptsache aus der germanischen kein Zweifel bestehen kann.

In Anbetracht dessen nun, daß gleichzeitig treffliche angelsächsische Arbeiten derselben Art und desselben Charakters genug existieren, dürfen wir Hauptwerke dieser Kunst, wie das Buch von Lindisfarne, von Kells und so manches andere, die großenteils gar nicht in Irland selber entstanden sind, getrost als unmittelbare -- im Sonderfall mittelbare -- Erzeugnisse der angelsächsischen Kunst betrachten.

Es ist hier wohl der Ort, darauf hinzuweisen, daß auch die festländische, insbesondere die karolingische Kunst auf dem Gebiete der Bilderhandschriften Bedeutsames geschaffen hat. Freilich ist bei ihr der Einfluß des Südens und Ostens ein sehr starker. Immerhin aber auch des germanischen Westens, vor allem des so stark missionierenden Angelsachsentums. Und so sind viele schöne Arbeiten etwas späterer Zeit, von denen das Godescalc-Evangeliar Karls des Großen und das goldne Buch in Trier als Beispiel genannt sein mögen, als Fortpflanzung des im angelsächsischen Westen entstandenen ornamentalen Miniaturstils zu bezeichnen, während freilich im figürlichen Wesen die östliche Ferne die Schulung und die Vorbilder lieferte.

[Sidenote: Älteste Kirchen]

Theodorus aus Tarsus in Cilicien hatte in England das römische Christentum eingeführt. So ist es kein Wunder, daß sein bedeutendster Nachfolger, Bischof Wilfrid von Northumberland (um 670), der eine, wie es scheint, glänzende Bautätigkeit für seine kirchlichen Zwecke entwickelte, sich vorwiegend an die östliche Ferne hielt. Dieser bedeutende Priester stellte die Kirche von York wieder her und deckte sie mit Blei; erbaute eine neue große Kirche zu Ripon (von der die Krypta noch vorhanden ist), eine besonders gerühmte zu Hexham, mit Türmen, vielen Säulen und schönen Gemälden, „so daß diese Kirche nur in Italien ihresgleichen fand“. Dieser letztere Ausdruck ist zu beachten.

[Illustration:

XLVII

Abb. 180. Angelsächsische Nadeln. Lincoln.]

[Illustration: Abb. 181. König Aelfreds Juwel.

(Phot. Frith & Co., London.)]

[Sidenote: Bauliche Besonderheiten]

Aus seiner Zeit stammen außerdem die Kirchenreste von St. Pankras und St. Martin zu Canterbury, zu Rochester, Brixworth und andere, alle noch fremd in der Anlage, doch allerdings bereits besondere Eigentümlichkeiten zeigend. So eine starke Trennung der Chorpartie, die oft (Rochester, Canterbury) aus einer fast schiffsbreiten halbrunden Apsis mit verlängerten Schenkeln besteht, während das Schiff an Größe im Verhältnisse nicht so sehr überwiegt als später. Diese Chorpartie ist manchmal durch eine Säulenstellung, wohl einst mit Schranken, gegen das rechteckige Schiff abgeschlossen.

Die später allein herrschende Einschiffigkeit der sächsischen Kirchen wiegt jetzt bereits vor; basilikale Anlagen sind selten, stets mit Pfeilern: schon die älteste Kathedrale zu Canterbury scheint eine solche gewesen zu sein, sogar zweichörig mit Krypta, doch ohne Querschiff; die Kirchen zu Wing, Brixworth und Reculver waren ebenfalls dreischiffig; Brixworth freilich ist später der Seitenschiffe beraubt; Reculver abgebrochen; Krypten in ältester Anlageform sind noch vorhanden, so die zu Wing, Ripon, Hexham mit Confessio (Grabkammer) und Wandelgang, die erstgenannte ganz im Sinne der Liudgers zu Werden a. d. Ruhr; auch zu Brixworth muß die Anlage ähnlich gewesen sein, da dort der Wandelgang noch existiert. Langsam treten verschiedene örtliche Eigentümlichkeiten germanischen Ursprunges hervor; so die sich immer mehr verbreitende Anlage von viereckigen Westtürmen, deren es ja weder in Italien noch im Orient gibt; die Querschiffslosigkeit, die vorherrschende Einschiffigkeit und die starke innere Abtrennung der Choranlage.