Chapter 1 of 11 · 3865 words · ~19 min read

Part 1

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Anmerkungen zur Transkription

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Sammlung Göschen

Geschichte der Zoologie

Von

Prof. ~Dr.~ Rud. Burckhardt

Direktor der Zoologischen Station des Berliner Aquariums in Rovigno

[Illustration]

+Leipzig+

G. J. Göschen’sche Verlagshandlung

1907

+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, von der Verlagshandlung vorbehalten.+

Spamersche Buchdruckerei in Leipzig.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Literatur 5

=I. Einleitung=: Systematik der zoologischen Wissenschaft 7

=II. Urgeschichte=:

1. Anfänge der Zoologie. 9 2. Zoologie der asiatischen Völker 10

=III. Antike Zoologie=:

1. Vor Aristoteles 14 2. Aristoteles 20 3. Griechische Zoologie nach Aristoteles 32 4. Römische Zoologie 34 5. Alexandrinische Anatomie 38

=IV. Mittelalterliche Zoologie=:

1. Patristik 40 2. Hohes Mittelalter 43 3. Ausgehendes Mittelalter 45

=V. Neuzeitliche Zoologie bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts=:

~A.~ +Periode der Zoographie+:

1. Philologische Zoologie 48 2. Blütezeit der Zoographie 50 3. Aufsplitterung der Zoographie 54 4. Zootomie des 16. Jahrhunderts 56 5. Zootomie des 17. Jahrhunderts 58

~B.~ +Periode der Systematik+:

1. Praktische und theoretische Organisation der Zoologie 66 2. John Ray 67 3. Vermehrung der Tierkenntnis 70 4. Biologische Dogmatik 71 5. C. von Linné 73 6. Pallas 77 7. Zootomie des 18. Jahrhunderts 78

VI. =Französische Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an= 82

1. Buffon 83 2. Lamarck 85 3. Et. Geoffroy St. Hilaire 88 4. G. Cuvier 90 5. Nachfolger Cuviers 96 6. Nachfolger Et. Geoffroys 99 7. Italienische Zoologie dieses Zeitraums 101

VII. =Deutsche Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an:= 101

1. Aufklärungsperiode 102 2. Naturphilosophie 105 3. Empiriker 109 4. Zellenlehre 119

~VIII.~ =Englische Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an:=

1. Zoologie, mit Ausschluß der Reisen und des Darwinismus 123 2. Darwinismus in England 128 3. Darwinismus in Deutschland 137 4. Amerikanische Zoologie 142

IX. =Zoographie nach der Mitte des 18. Jahrhunderts:=

1. Fortbildung der Klassifikation 143 2. Reisen und Meeresforschung 148 3. Geschichte und Bibliographie der Zoologie 151

Register 154

Literatur[1].

I. +Allgemeine Literatur der Geschichte der Zoologie+:

+Spix, J.+, Geschichte und Beurteilung aller Systeme in der Zoologie. Nürnberg 1811.

+Cuvier, G.+, ~Histoire des sciences naturelles~. Paris 1841-45.

+Geoffroy Saint-Hilaire, I.+, ~Histoire naturelle générale~. 1854. Bd. I.

+Schmidt, O.+, Die Entwicklung der vergleichenden Anatomie. Jena 1855.

+Carus, J. B.+, Geschichte der Zoologie. 1873.

+Perrier, E.+, ~La philosophie zoologique avant Darwin~. 1884.

Außerdem sind für die Geschichte der Zoologie die Handbücher der Medizingeschichte von +K. Sprengel+, +H. Haeser+, +Th. Puschmann+ (Neuburger und Pagel), die Geschichte der Botanik von +Ernst Meyer+ und die Geschichte der Geologie und Paläontologie von +K. A. von Zittel+ beizuziehen.

II. +Spezielle Literatur für einzelne Abschnitte der Geschichte.+

1. +Altertum+.

+Windelband, W.+, u. +S. Günther+, Geschichte der alten Philosophie. 1894.

+Gomperz, Th.+, Griechische Denker. I. Leipzig 1897.

+Grant, Sir Alex.+, Aristoteles. Übers. v. Imelmann. Berlin 1878.

+Lewes, G. H.+, Aristoteles. Übers. v. J. B. Carus. 1865.

+Meyer, J. B.+, Aristoteles’ Tierkunde. Berlin 1855.

+Levysohn, L.+, Die Zoologie des Talmuds. 1858.

Ferner die literaturhistorischen und philosophisch-historischen Werke von +Ritter+, +Brandis+, +Zeller+, +Susemihl+, +Teuffel+, +Krumbacher+.

2. +Mittelalter+.

+Pouchet, F. A.+, ~Histoire des sciences naturelles au moyen-âge~. Paris 1853.

+Harnack, A.+, Geschichte der altchristlichen Literatur. 1893.

+Medici, M.+, ~Compendio storico della scuola anatomica di Bologna~. 1857.

+Schneider, J. G.+, ~Reliqua librorum Frederici~ II. Lipsiae 1788.

3. +Neuzeit+:

Die Literatur der Neuzeit hat mehr vorwiegend biographischen Charakter, daher für die Kenntnis der einzelnen Zoologen jeweilen die Biographien zu konsultieren sind. Außerdem ist die obenerwähnte allgemeine Literatur entsprechend ihrer Orientierung auf die jedesmal aktuelle Zoologie für das 18. und 19. Jahrhundert ausführlicher als für das Altertum, und für die neueste Zeit enthält begreiflicherweise die zoologische Literatur selbst hinreichende Hinweise auf die nächstliegende Vergangenheit.

Für das biographische Material sind am besten zu konsultieren die Allg. Deutsche Biographie, die ~Biographie universelle~, das ~Dictionary of National Biography~, woselbst auch die Nachweise ausführlicherer Biographien zu finden sind.

+Hartmann, E. v.+, Die Abstammungslehre seit Darwin. Annal. d. Naturphilos. Bd. II.

+Wigand, Alb.+, Der Darwinismus. Bd. III. 1877.

Zahlreiche Schriften +W. Mays+ in den neuesten Jahrgängen der Verh. des Naturw. Vereins Karlsruhe, sowie desselben Autors, Die Ansichten über die Entstehung der Lebewesen. Karlsruhe 1905.

+Hertwig, O.+, Die Entwicklung der Biologie im 19. Jahrhundert. Verh. Ges. D. Naturf. u. Ärzte. 1900.

+Wasielewski, W. von+, Goethe und die Deszendenzlehre. Frankfurt a. M. 1904 (enthält die frühere Literatur).

+Camerano, L.+, ~Materiali per lo studio di Zoologia in Italia nella prima metà secolo XIX~. (Ebenda Angabe der früheren Arbeiten desselben Autors.)

+Graff, L. von+, Die Zoologie seit Darwin. Graz 1896.

+Dannemann, Fr.+, Grundriß d. Gesch. d. Naturwissenschaften. 1896.

+Marcou, J.+, ~La science en France~. 1869.

+Radl, E.+, Geschichte der biologischen Theorien seit dem Ende des 17. Jahrhunderts. 1905.

+Flower, W.+, ~Essays on Museums. London~. 1898.

+Romanus, J.+, Darwin und nach Darwin (deutsch). 1892.

+Boelsche, W.+, E. Haeckel, ein Lebensbild. 1905.

+Goethe+, +Humboldt+, +Darwin+, +Haeckel+ von W. May. 1904.

[1] Von Aufzählung der Quellen, die vom Verf. mit wenigen Ausnahmen selbst beigezogen worden sind, mußte Abstand genommen werden; ebenso von der Erwähnung einer großen Zahl von Spezialarbeiten, schon weil die Mehrzahl derselben nicht auf Quellenstudium beruht.

I. Einleitung.

Systematik der zoologischen Wissenschaft.

Wollen wir die Leitlinien in der Entwicklung einer Wissenschaft verfolgen, so bedarf es der Kenntnis auch der obersten Gliederung dieser Wissenschaft selbst. Geschichte und Systematik der Zoologie sind also ohne einander undenkbar. Wir schicken daher die Grundzüge einer Systematik der Zoologie voraus, ehe wir ihre geschichtliche Entwicklung zu skizzieren suchen.

Als =Biologie= bezeichnet man den +Inbegriff aller Wissenschaften vom organischen Leben+, dem gegenwärtigen und vergangenen, in all seinen Äußerungen, also die organischen Naturwissenschaften. Man zerlegt sie nach dem üblichen +Unterschiede von Pflanze und Tier+ in =Botanik= und =Zoologie=. Die Zoologie zerlegt man wiederum je nach +den Teilen des Tierreiches+ in Teilgebiete, für die man mehr oder weniger eingebürgerte Bezeichnungen gebraucht. Man redet häufiger von =Anthropologie= (Lehre vom Menschen), =Ornithologie= (Lehre von den Vögeln), =Entomologie= (Insektenkunde), =Helminthologie= (Lehre von den Würmern), als etwa von =Karzinologie= (Lehre von den Krebsen), =Mammalogie= (Lehre von den Säugetieren), =Protistologie= (Lehre von den einzelligen Tieren und Pflanzen); doch werden viele Bezeichnungen für Teilgebiete innerhalb der speziell beteiligten Kreise der Forscher gebraucht. Die Zoologie wird aber auch in anderer Weise in Spezialgebiete getrennt. Wie ein höherer Organismus in Organe, Gewebe, Zellen zerlegt werden kann, so werden auch +Teilgebiete+ nach +diesen Teilen+ des Organismus abgesondert: die =Organologie= (Organlehre), die =Histologie= (Gewebelehre), die =Zytologie= (Zellenlehre). Aber nicht nur aus der Gliederung des Objektes selbst, der Tierwelt und des Einzelorganismus, werden die Unterabteilungen der Zoologie abgeleitet, sondern auch die +Gliederung des Erforschungsprozesses+ wird zum Einteilungsprinzip erhoben. Dabei wird jedoch stets nur die Bezeichnung der Wissenschaft +nach dem jedesmal vorherrschenden Gesichtspunkt+ gewählt. Demnach unterscheidet man als =Zoographie= die Beschreibung und bildliche Wiedergabe der Tiere. Die Zergliederung derselben wird =Zootomie= genannt. Zoographie und Zootomie weisen zunächst +die Formen des Organismus+ nach. Unter dem Gesichtspunkt der Form beides zusammenfassend spricht man daher von einer =Morphologie= (Lehre von der Form), und stellt ihr zur Seite die Lehre von den +Verrichtungen+, auf die seit der Neuzeit die im Altertum für die gesamte Naturforschung übliche Bezeichnung =Physiologie= übertragen wurde. Das Studium der Seelenäußerungen der Tiere nach Analogie des Menschen pflegt die =Tierpsychologie=. Für die +vergleichende Betrachtung der Organe erwachsener Tiere+ kam mit dem 17. Jahrhundert die Bezeichnung „+vergleichende Anatomie+“ auf. Ebenso wurde auch für eine +vergleichende Betrachtung der Verrichtungen+ die Bezeichnung „+vergleichende Physiologie+“ gebräuchlich. Als =Entwicklungsgeschichte= (+Embryologie+, +Ontogenie+) sondert man die Lehre vom +Bau und den Verrichtungen des sich entwickelnden Organismus+ aus. Als =Paläontologie= wird seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft von +den ausgestorbenen Organismen+ bezeichnet. Seitdem man die Lebewelt als eine Einheit von gemeinsamer Abstammung und Verwandtschaft betrachtet, wird die synthetisch gewonnene hypothetische Darstellung dieser Einheit oder +die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf die organische Natur als+ =Phylogenie= (+Stammesgeschichte+, +Haeckel+) unterschieden. Mit +der räumlichen Verbreitung der Tiere+ befaßt sich die =Tiergeographie=, mit den +Beziehungen des Organismus+ zu +seiner+ leblosen und lebenden +Umgebung+ die =Ökologie= (Haeckel) oder die Lehre vom Haushalt in der Natur. Das Bedürfnis, +die Tierwelt nach logischen Normen zu ordnen+, erzeugte die =Klassifikation= der Tiere (oft irrtümlich mit dem Oberbegriff „zoologische Systematik“ bezeichnet). Auch in der Zoologie hat sich die +Namengebung oder Benennung+ der Objekte zu einem besonderen Zweig, der =Nomenklatur=, ausgebildet.

Ganz im allgemeinen ist zu bemerken, daß diese +Klassifikation der zoologischen Wissenschaften+ erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts bewußt entwickelt worden ist, und daß der Sprachgebrauch in ihr vielfach Verwirrung stiftet (z. B. wenn Biologie statt Ökologie gebraucht oder die Physiologie der Biologie überhaupt gleichgesetzt wird).

II. Urgeschichte.

1. Anfänge der Zoologie.

Als Urgeschichte unserer Wissenschaft sondert sich dasjenige Stadium ab, in welchem +Völker längst entschwundener Zeiten, Naturvölker unserer Tage, niedere Schichten der Kulturvölker und Kinder+ übereinstimmen. Eine bestimmte Aufmerksamkeit gegenüber der Eigenart lebender Wesen fehlt; demgemäß auch eine bestimmte Bezeichnung und Beachtung unterscheidender Merkmale. Im Gegenteil, dem Tier werden seine spezifischen Eigenschaften genommen und es wird als Karikatur menschlichen Wesens erfaßt, wie in der Tierfabel. Daneben bildet es ein Stück des erweiterten Hausrates, als den der Urmensch die Natur betrachtet, wird auf Nutzen und Schaden geprüft, ja, auch in kultische Gebräuche einbezogen. Erst wo der Mensch sich das lebende Tier und seine Produkte dienstbar macht und in Zusammenhang mit Pflanzenkultur entsteht Tierzucht, eine der ältesten und tiefsten Quellen für zoologische Beobachtung. Löst sich aus der +Kulturpraxis+ die Tierkenntnis an diesem Punkte ab, so ist eine andere Quelle für sie in +Jagden und Reisen+ zu suchen. Eine dritte rinnt aus der +Medizin+, besonders der Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Teile, endlich auch aus der +Opferschau+. Aber auch allgemeinere Beziehungen knüpfen den Anfang der Zoologie an Urzeiten und Urzustände, religiöse Vorstellungen über die Zusammensetzung der Körperwelt, über Veränderungen in ihr, über Entstehung der belebten und unbelebten Welt überhaupt. Ja, diese +außerhalb der Tierkenntnis entstandenen+, der kosmologischen Spekulation entspringenden +Verallgemeinerungen+ kehren mit zwingender Notwendigkeit wieder und teilen sich mit den Interessen der Praxis wie Tierzucht und Medizin zeitweise in die Beherrschung zoologischen Wissens auch späterer Zeiten. Dieses erste Entwicklungsstadium der Zoologie, das mit einer gewissen Regelmäßigkeit sich wiederholt, hat seine ältesten bleibenden Spuren bereits in Denkmälern der westasiatischen Völker hinterlassen.

2. Zoologie der asiatischen Völker.

So wissen wir, daß schon Wu-Wang, der Ahnherr der +chinesischen+ Tschendynastie (ca. 1150 v. Chr.), einen „Park der Intelligenz“ anlegte, der noch im 4. Jahrhundert v. Chr. bestand und Säugetiere, Vögel, Schildkröten und Fische enthielt.

Die Vorstufe des biblischen Schöpfungsberichts sowie die Lehre von der Sintflut und den vier Elementen finden sich schon bei den +Babyloniern+. Der Verstand hat seinen Sitz im Herzen, die Leber ist das Zentralorgan fürs Blut, das in Blut des Tages (arterielles?) und der Nacht (venöses?) unterschieden wird. Wo die Körperteile des Menschen aufgezählt werden, wird die Reihenfolge vom Kopf bis zu den Füßen beobachtet. Modelle einzelner Eingeweide, in Terrakotta nachgebildet, verraten nicht nur Kenntnis der Anatomie in Babylon, sondern auch den Zusammenhang mit der altetrurischen Plastik. Die Existenz von Tierärzten mit geregelten Standesverhältnissen, wie sie die Codices Hammurabi melden, lassen auf den hohen Stand der Tierzucht schließen. Eine stattliche Anzahl von Tiernamen verzeichnet die Keilschrifttafel von Onima. Bedenkt man, daß für andere Zweige der Wissenschaft Babylon den Ägyptern, den Hebräern und den griechischen Küstenbewohnern maßgebend war, so wird auch ein gewisser Bestand zoologischer Erfahrung mit überliefert worden sein.

Aus der weit jüngeren Kultur +Assyriens+ kennen wir eine „Jagdinschrift“, die wahrscheinlich auf Asurnasirabal Bezug hat (884-860 v. Chr.), und die davon zu berichten weiß, daß der König allerlei Tiere in seiner Stadt Asur zusammenbrachte: „Kamele sammelte er, ließ sie gebären. Ihre Herden zeigte er den Leuten seines Landes. Einen großen Pagutu hatte der König aus Ägypten dahin gesandt. Von den übrigen vielen Tieren und den geflügelten Vögeln des Himmels, der Jagd des Feldes, den Werken seiner Hand ließ er den Namen sowie alle übrigen zur Zeit seiner Väter nicht aufgeschriebenen Tiernamen aufschreiben, ebenso ihre Zahl.“ Ferner ist nachgewiesen, daß zu Sardanapals Zeiten (ca. 670 v. Chr.) in Assur eine Menagerie bestand mit gesonderten Zellen für Kamele, Pferde, Esel, Ziegen, Maultiere, Rinder, Schafe, Hirsche, Gazellen, Hasen, Vögel. Noch zu den Zeiten griechischer Überlieferung stand Uruk als Ärzteschule in hohem Ansehen, welches schon 1980 v. Chr. Universitäts- und Bibliotheksstadt war.

Reichlicher fließen die Quellen für die Fühlung +Ägyptens+ mit der organischen Natur. In alter Zeit herrschten die Sitten der Leichenzerstückelung und der Skelettpräparation, die erst durch das Eindringen der Einbalsamierung aus Nubien verdrängt wurden. Damit war die Möglichkeit für Anatomie von Menschen und Tieren abgeschnitten. Neben der Aufzählung der menschlichen Körperteile vom Kopf zum Fuß geht eine solche nach ritueller Ordnung her. Das Herz ist Sitz der Vernunft. Der Papyrus Ebers (ca. 1550 v. Chr.) bringt die ersten Berichte über die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der Larve, des Frosches aus der Kaulquappe. Tierhaltung, Tierzucht und Tierverehrung blühten hier auf. Besonders interessiert das Heer von Parasiten und veranlaßte zu näherer Erforschung der niederen Tierwelt. Man kann auch Spuren einer zoologischen Klassifikation darin erblicken, daß gewisse Tierzeichen zugleich als Gesamtbezeichnungen galten. So erhielt man vier größere Abteilungen, die zugleich den vier Elementen entsprachen, und zwar:

1. abgezogenes Tierfell = Quadruped Erde 2. Gans = Vogel Luft 3. Fisch = Wassertier Wasser 4. Wurm = alle niederen Tiere Feuer

Es existieren zahlreiche Tierzeichen, die eine nähere Präzisierung von etwa 30 höheren Tieren verraten, ferner werden gegen 20 Parasiten namhaft gemacht. Eine tiefere wissenschaftliche Verarbeitung dieses schon recht stattlichen Wissens fand jedoch nicht statt.

Die +jüdische+ Zoologie ist im Alten Testament und für die spätere Zeit in den nicht genau zeitlich zu bestimmenden Schriften des Talmud niedergelegt.

Das erste Buch Mose enthält die Schöpfungsgeschichte in einer Form, die an die babylonische anschließt und die ins 6. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Stärker als in anderen antiken Schriftwerken wird die Eigenart einer jeden Tierform betont. Der Schöpfungsakt ist ein Willensakt Gottes, der im übrigen die geschaffene Lebewelt sich selbst überläßt, aber den Menschen nach seinem Ebenbilde schafft, zum Herrn über die gesamte Schöpfung, und zwar Mann und Weib. „Wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.“ Als Tiere werden die Vögel des Himmels, die Wale und allerlei Wassertiere, die Tiere der Erde, Vieh, Gewürm aufgezählt. Bei Anlaß der Sintflut wird eine Neuschöpfung erspart, indem die Land- und Lufttiere, in Noahs Arche gesammelt, die Katastrophe überdauern. Unterscheidungen in reine und unreine Tiere, Opfervorschriften, Tierplagen, Vorschriften der Tierzucht verraten keine eigenartige, den vorderasiatischen Völkern sonst etwa fremde Verhältnisse praktischer oder theoretischer Art zwischen Mensch und tierischer Lebewelt. Zu ausführlicherer Aufzählung von Tierarten geben die Speisegebote (III. Mose 11) Veranlassung, gleichzeitig auch zu allgemeinere Gruppen zusammenfassenden Unterscheidungen (Spaltung der Hufe, Wiederkäuer, Flossen und Schuppen besitzende Wasserbewohner). Die Vogelwelt wird in einzelnen Charakterformen aufgezählt, wobei die Fledermaus einbezogen ist und die eßbaren Insekten (Heuschrecken) angeschlossen werden. Vor ihnen werden die Haustiere, hinter ihnen die wilden kleinen Säugetiere, mit Einschluß der Amphibien und Reptilien, erwähnt. In einer zweiten Aufzählung wird die Reihenfolge: zahme und wilde Säuger, Wassertiere, Vögel innegehalten. Zu irgendwelcher wissenschaftlicher Betrachtung der Tierwelt kam es nicht, auch schlossen die Anschauungen über die Berührung unreiner Tiere und Unreinheit des Toten jede anatomische Beobachtung aus.

Die Zoologie des Talmud zeigt weder ein einheitliches Bild, noch ein wissenschaftlicheres Gepräge als die übrige vorderasiatische Zoologie; darin finden sich Gemengteile griechischen Wissens mit den bekannten des Alten Testaments verschmolzen.

Die gesamte jüdische Zoologie ist für die Entwicklung der wissenschaftlichen Zoologie von großer historischer Bedeutung geworden, nicht weil von ihr fruchtbare Neuerungen ausgegangen wären, sondern weil sie als Grundlage christlich-dogmatischer Anschauungen zu jenen Widerständen gehörte, die erst von der Neuzeit überwunden wurden.

III. Antike Zoologie.

1. Vor Aristoteles.

Wie für jede andere philosophische Disziplin, sind auch für unsere die Grundlagen in Griechenland gelegt worden. Immer deutlicher hebt sich beim Studium der antiken Literatur ab, wie die ersten Gedankenreihen der Zoologie sich dort bildeten. Es ist weniger die Kenntnis neuer Tiere, als die Vertiefung in ihren Bau und die logische Gestaltung des Beobachteten, durch die auf hellenischem Boden die wissenschaftliche Betrachtung der organischen Natur entstand und sich entwickelte. Die Tierpflege, Tierhaltung, Jagd, Fischerei erlitt keinerlei Einbuße, wenn sie sich in Griechenland auch in bescheidenerem Maßstab bewegte, als vorher in den vorderasiatischen Despotenhöfen und nachher in Rom. Die großen Unterschiede der griechischen Zoologie im Vergleich zur vorausgehenden vorderasiatischen und zur nachfolgenden bis zur Neuzeit liegen in folgenden Richtungen: Einmal wurde eine planmäßige Vermehrung der Tierkenntnis, insbesondere nach der marinen Fauna hin, angestrebt, sodann trat neben die Lehre von der äußeren Gestalt die vom Bau und von den Verrichtungen der Organe. Tier und Tierwelt wurden dem Weltganzen eingegliedert und nach Normen beurteilt, wie sie auch für dieses sich als fruchtbar erwiesen hatten. Wurde dadurch ein oft fast zu enges Band um die organische und anorganische Natur zugleich geschlungen, so kam anderseits aber auch die Eigentümlichkeit der organischen Natur zur Würdigung ihrer Eigenart. Quellen für die antike Zoologie sind reichlich vorhanden. Wenn auch nicht an zoologischem Inhalt, so doch an Umfang und Alter steht an erster Stelle die hippokratische Schriftensammlung (5-4. Jahrhundert v. Chr.), ferner Galens Werke (2. Jahrhundert v. Chr.), alles überragend aber die Aristotelischen Werke (4. Jahrhundert v. Chr.). In zweiter Linie sind zu nennen Herodot, die vorsokratischen Philosophen, die alexandrinischen Kompilatoren und der Römer Plinius d. J. Aber es gibt beinahe überhaupt keinen antiken Schriftsteller, dem nicht interessante Einzelangaben zu entnehmen wären, die uns verständlich werden lassen, daß mit der Höhe griechischer Lebenshaltung auch die Wissenschaft vom Leben stets neue Nahrung erhielt.

Flüchtiger Vögel leichten Schwarm Und wildschweifende Tier im Wald, Auch die wimmelnde Brut des Meers Fängt er, listig umstellend, ein Mit netzgeflochtenen Garnen, Der vielbegabte Mensch.

Sophokl. Antigone V. 342.

Auch von einem modernen Standpunkte aus betrachtet, erscheinen die Beobachtungen und Verallgemeinerungen der ältesten griechischen Philosophen, der sog. +Vorsokratiker+, höchst beachtenswert. +Anaximander+ hat schon die Annahme vertreten, die Tiere seien aus dem Meerschlamm hervorgegangen und hätten beim Übergang zum Leben auf dem Lande ihren Hautpanzer abgelegt. Nach +Pythagoras+ sollte alles tierische Leben aus Samen, nicht aus faulenden Stoffen entstehen. +Philolaos+ sucht, entgegen der herrschenden Ansicht, die den Sitz der Seele ins Zwerchfell zu verlegen pflegte, diesen im Hirn. Ebenso +Alkmäon von Kroton+, der den Zusammenhang zwischen Hirn und Sinnesorganen, sowie wahrscheinlich auch die Ohrtrompete kannte, ferner durch Tierexperiment feststellte, daß das Rückenmark nach dem Koitus unverletzt gefunden wird. +Anaxagoras+ spricht von der Atmung der Fische und Schaltiere durch die Kiemen und der Zweckmäßigkeit und Teilbarkeit der Organe. Mit Embryologie finden wir fast jeden der älteren Naturphilosophen beschäftigt, insbesondere Alkmäon, +Hippon von Rhegium+ und +Empedokles+. Auf das Lehrgedicht des letzteren gehen viele der später gültigen Anschauungen zunächst zurück, wenn sie auch vielfach noch älteren Ursprungs sein mögen; so die Lehre von den vier Elementen: Feuer, Wasser, Luft, Erde als den Grundstoffen der gesamten Natur. Nach ihm ist die Verschiedenheit der Organismen so zustande gekommen, daß die einzelnen Teilstücke sich in Liebe oder Haß vereinigt hätten. Dadurch sucht er auch die Mißbildungen auf natürliche Weise zu erklären. Ihm ist das Labyrinth im Ohr bekannt; er erörtert die chemische Zusammensetzung der Knochen. „Eins ist Haar und Laub und dichtes Gefieder der Vögel.“ Eine Auswahl früherer Anschauungen gibt auch +Diogenes von Apollonia+, so eine Schilderung des Gefäßsystems. Eine Andeutung des biogenetischen Grundgesetzes mag man auch in dem von ihm ausgesprochenen Satze sehen, daß kein dem Wechsel unterworfenes Wesen von einem anderen verschieden sein kann, ohne ihm vorher ähnlich gewesen zu sein. Als eigentlich kritisch forschender Geist gilt +Demokrit von Abdera+ (geb. ca. 470 v. Chr.), dem schon im Altertum die Trennung der Tierwelt in Bluttiere (Wirbeltiere in unserem Sinne) und Blutlose (Wirbellose) zuerkannt wurde. Schriften über die Ursachen der Natur im allgemeinen und der Tiere im besonderen, sowie eine Anatomie des Chamäleons wurden ihm zugeschrieben. Auf ihn geht die Betrachtung von Lebenserscheinungen nach mechanischen Prinzipien am allermeisten zurück. Damit wird er der Vater ähnlicher Bestrebungen im späteren Altertum sowohl wie im Beginn der Neuzeit, deren Schriftsteller, wie z. B. Severino, sich geradezu auf ihn berufen.

Neben all diesen mehr auf einheitliche Erfassung der organischen Natur und auf den Nachweis ihrer Übereinstimmung mit der anorganischen gerichteten Bestrebungen wandte sich aber auch der offene Blick der Griechen dem Reichtum der Tierwelt zu, namentlich auch derjenigen Asiens und Ägyptens. Schon im 5. Jahrhundert weiß +Herodot+ von einer großen Anzahl von Tieren, ihrem Vorkommen und ihrer Lebensgeschichte zu erzählen, ferner +Ktesias+; endlich die attischen Komödiendichter, besonders +Epicharm+ und +Aristophanes+. Aber mit dem Sinn und der Freude an der belebten Natur war es nicht getan. Während in den älteren hippokratischen Schriften die Tiere in ähnlicher Weise, wie etwa bei Mose, nach dem Medium ihres Vorkommens aufgezählt werden, existiert in der Schrift „Über die Diät“ eine Aufzählung von 52 Tieren, die man füglich als eine systematische Reihenfolge, das +koische Tiersystem+ (ca. 410 v. Chr.), bezeichnen kann. Es scheint einem verschollenen Autor entlehnt zu sein und behandelt die Tiere in absteigender Reihenfolge, und zwar: Säugetiere, zahme, wilde, unter letzteren nach der Größe geordnet, Vögel des Landes und Wassers, Fische: Küstenfische, Wanderfische, Selachier, Schlammbewohner, Fluß- und Teichfische (Weichtiere), Muscheltiere, Krebse. Von größeren Gruppen fehlen nur Reptilien und Insekten, da sie nicht genossen wurden. Die Bedeutung dieses Systems besteht vor allem in der Abtrennung der Fische von den übrigen Wirbeltieren und der Wirbellosen von ihnen, wodurch diese Klassifikation einige nicht selbstverständliche und bedeutungsvolle Züge des Aristotelischen Systems vorwegnimmt. Die Gruppenbildungen dieses Systems wirken aber besonders da nach, wo mehr im Anschluß an die medizinische Literatur Kategorien von Tieren aufgezählt werden, bei Galen und den Ichthyographen des 16. Jahrhunderts.

Weit wichtiger als um die Zoologie sind die Verdienste der +hippokratischen Ärzte+ um Anatomie und Physiologie, wobei begreiflich der Mensch und die Haustiere im Vordergrund des Interesses stehen. Auch auf diesen Gebieten sind Ansätze zu systematischer Ordnung des Stoffes unverkennbar, Einteilung des Körpers nach der Siebenzahl, von der Peripherie nach dem Zentrum, vom Scheitel zur Zehe. Bedeutungsvoll ist für die spätere Medizin die Lehre von den vier Säften geworden. Aber auch Vergleiche zwischen körperlichen Einrichtungen und Produkten der Technik, zwischen anatomischen Zuständen verschiedener Art bei verwandten Tieren, Experimente an lebenden Tieren, planmäßige Bebrütung von Hühnereiern zum Studium der Entwicklung, Parallelen zwischen der Entwicklung von Pflanze, menschlichen und tierischen Embryonen, Zeugungstheorien, worunter namentlich die später als Pangenesis bezeichnete, Anklänge an die Lehre vom Überleben der kräftigsten Organismen, die Annahme der Vererbung erworbener Eigenschaften -- all das deutet nicht nur auf umfangreiches Wissen, sondern auf einen hohen Zustand von dessen Verwertung im Dienste der Biologie hin. Wenn man bedenkt, wie lange die Zoologie durchaus an die Medizin gekettet und wie mächtig und grundlegend der Einfluß der hippokratischen Literatur nicht nur auf die nächstliegende antike, sondern auch auf die spätere moderne war, so wird man die Bedeutung dieser Errungenschaften schon auf so früher Stufe der Entwicklung unserer Wissenschaft nicht verkennen.