Chapter 4 of 11 · 3972 words · ~20 min read

Part 4

Bei dem Umfang der antiken biologischen Literatur, die im Druck und in Übersetzungen erschien, wurde die Glanzzeit der Renaissance noch mit philologischen Diatriben über Hippokrates, Aristoteles, Galen, Älian, Oppian usw. verbracht, ehe man an die Natur selbst ging. Die Anregung, die aus jenen Schriftwerken entsprang, ist nicht zu unterschätzen, aber ihre Festlegung im Druck errichtete zunächst nur ein Bollwerk gegen die naive Naturforschung. Als diese durchbrach, setzte sie sich wesentlich nur mit dem Inhalt, nicht aber mit der Methodik des Altertums auseinander, und dem Fortblühen des Geisteslebens der Renaissance warfen sich bereits erhebliche Widerstände entgegen.

2. Blütezeit der Zoographie.

So beginnt denn die Zeit größter Fruchtbarkeit für die Zoologie der Renaissance sehr spät, erst mit den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts. Obenan stehen drei Forscher, die sich fast ausschließlich der +Darstellung der marinen Fauna+ widmeten: +Belon+, +Rondelet+, +Salviani+; der erstgenannte verdient außerdem als Ornithologe geschätzt zu werden. Alle ihre Werke erschienen 1551-1555 reichlich illustriert, das Salvianis sogar mit vorzüglichen Kupferstichen; sie enthalten Beschreibungen der marinen Tierwelt, die damit zuerst den binnenländischen Forschern vermittelt wurde. Andererseits blieben diese Autoren in ihren allgemeinen Anschauungen auf einem nicht sehr hohen Standpunkt, indem sie nicht einmal den von Aristoteles gegebenen Begriff „Fisch“ genau nahmen. Noch Salviani gab ausführliche synonymische Tabellen, in denen er die Meertiere der antiken Autoren zu identifizieren suchte. Rondelet zog wenigstens schon anatomische Unterscheidungsmerkmale für die Ordnung seines Fischbestandes bei. Er wird von Cuvier als bester Kenner der Mittelmeerfischwelt beurteilt. Die Zahl der von ihm beschriebenen Fische beläuft sich bereits auf 264 (wovon 239 abgebildet). Zu gleicher Zeit erschien das Werk des Engländers +E. Wotton+ (1492-1555): Über die Unterschiede der Tiere, eine theoretisch gehaltene und an Aristoteles’ und Galens Methode anschließende Zoologie, die vom Gesichtspunkt aus geschrieben ist, ordnende Hand an die Mannigfaltigkeit der Tierwelt und ihres Baues zu legen.

Alle diese Richtungen wurden zusammengebogen und zu dem Typus der Renaissancezoologie verschmolzen durch +Konrad Gesner+ (_geb. 1516 in Zürich, studiert in Frankreich, Straßburg, Basel Medizin und Philologie, erst Lehrer der Naturgeschichte, später Arzt in Zürich, stirbt 1565 an der Pest_). Gesners Plan war auf eine allumfassende Kenntnis der Tierwelt angelegt, wobei er die kritische Kompilation aus anderen Schriftstellern als selbständige Kunst spielen ließ und sich zur Aufgabe machte, alles Berücksichtigenswerte zu vereinigen und womöglich durch eigne Anschauung zu prüfen. Übersichtlichkeit geht ihm über innere Gliederung des Stoffes. Die oberste Einteilung seines Hauptwerkes, das nach Tausenden von Seiten zählt, der ~Historia animalium~ (1551-1558), wird nach Aristoteles durchgeführt und folgt den Klassen der Wirbeltiere. Innerhalb dieser Abteilungen werden die einzelnen Tiere alphabetisch abgehandelt und geschildert nach Namen, Vorkommen, Habitus, Ortsbewegung, Krankheiten, Geistesleben, Nutzen und Haltung, Symbolik, Fabeln, Sprichwörtern. Dabei herrscht das literarische Interesse vor, die Anatomie fehlt. Die reichlichen Holzschnitte, wofern sie auf Beobachtung begründet waren, stammten von guten Meistern (das Nashorn z. B. von Albr. Dürer) und verdienen noch heute Anerkennung. Von besonderem Wert für Gesner waren die obenerwähnten Werke der südländischen Ichthyologen, deren Inhalt er unbedenklich seinem Rahmen einspannte. Auch stand ihm bereits ein Teil der Reiseliteratur zur Verfügung, außerdem zahlreiche Beobachtungen befreundeter Forscher in allen Teilen Europas. Als umfassendes Sammelwerk ist Gesners Tiergeschichte von grundlegender Bedeutung für alle späteren Beschreiber bis auf Buffon geworden. Es wurde als Gesamtwerk oder in einzelnen Teilen bis 1621 vielfach mit Ergänzungen herausgegeben. Der Mensch war von dieser Naturchronik ausgeschlossen und blieb es bis auf Linné.

Gesner folgte ein Mann nach, der sich mit ihm in den Ruhm teilt, der bedeutendste Zoologe des 16. Jahrhunderts gewesen zu sein: +Ulysses Aldrovandi+ von Bologna (_geb. 1522, studiert von 1539 ab in Bologna und Padua, wird 1549 als Gefangener der Inquisition nach Rom gebracht, empfängt dort von Rondelet Anregungen zur Zoologie, lehrt von 1554 in Bologna Logik und Arzneimittellehre, setzt 1568 die Gründung eines botanischen Gartens durch, legt 1600 sein Amt als Professor nieder und stirbt 1605_). Wie in ihrer Gesamtheit die Zoologie der Neuzeit eine Frucht der Anatomie und Botanik ist, so auch im Leben Aldrovandis, das lange genug dauerte, um ein viel breiter als bei Gesner angelegtes Unternehmen wenigstens zu einem großen Teile zur Vollendung zu bringen. Erst 1599 erschien der erste von den drei Bänden, die ~Ornithologia~, dem die weiteren Folianten über die Vierfüßer, die Schlangen und Drachen, die Fische, die Wirbellosen und die Monstra (von Uterverius und Dempster besorgt) bis 1642 folgten. Aldrovandi bemüht sich, alles Wissenswerte über jedes einzelne Tier mit einem außerordentlichen Apparat von Gelehrsamkeit zusammenzutragen. Er verarbeitet in reicherem Maße schon die fremden Faunen, stellt nicht mehr nach dem Alphabet, sondern nach natürlichen Gruppen zusammen. Merkwürdig wenig kommt bei ihm, trotz seiner Abkunft von Bologna, wo damals noch die Anatomie in hoher Blüte stand und sich die Entdeckung des Blutkreislaufs vorbereitete, die Anatomie zur Geltung, kaum mehr als etwa bei Friedrich II. oder Belon. Bei jedem einzelnen Tier wird nicht nur eine zoologische Beschreibung gegeben, sondern womöglich ausführlich abgehandelt: verschiedene Bedeutung des Namens, Synonyme, Habitus, Sinne, Geschlechtsverschiedenheit, Aufenthalt, Fundort, Sitten, Gelehrigkeit, Stimme, Nahrung, Begattung, Jagd, Kämpfe, Antipathien, Krankheiten, Geschichte, Mystik, Moral, Hieroglyphik, Heraldik, Fabeln, Sprichwörter, medizinischer Nutzen, Verwendung im Haushalt des Menschen. Diese schwerfällige Art der Behandlung ließ keine genauere Ordnung der also beschriebenen Tierwelt zu. Immerhin ist ein Vorzug, daß sozusagen alle ältere Literatur, sofern sie sich auf Einzelheiten der Tiere bezieht, in Aldrovandis Werken verarbeitet ist. Insofern hat er etwas Vollständigeres, im einzelnen wohl aber weniger Gesichtetes als Gesner geleistet. Aldrovandis zoologische Sammlung gehört zu den ältesten und verdient als solche erwähnt zu werden. Im Anschluß an ihn mag +Jonstonus+ mit seinen fünf der organischen Natur gewidmeten Büchern der Thaumatographie (1633) genannt werden, sowie mit einem in der Form an Gesner und Aldrovandi anschließenden großen Sammelwerk, das von 1650-1773 erschienen, vielfach herausgegeben und sogar zum Teil übersetzt worden ist. Jonston beschränkt den Text mehr aufs rein Zoologische, erhebt sich aber im prinzipiellen Standpunkt nicht über seine Vorgänger und hält sich auch der Anatomie völlig fern.

3. Aufsplitterung der Zoographie.

Aber auch auf andern Gebieten regte es sich mächtig. Die Beschreibung neuer Lebewesen, besonders im Anschluß an +Reisen in ferne Länder+, die Wirkung der zu Beginn der fünfziger Jahre einsetzenden Literatur, die engere Fühlung der Zoologie mit der Anatomie des Menschen, die sich nur sehr allmählich und gelegentlich herstellte, beherrschen den nachfolgenden Zeitraum. Dabei löst sich die Schilderung des Tierreichs allmählich in die seiner einzelnen Abteilungen bis zur +Monographie wirklicher und fabelhafter Geschöpfe+ auf. Als eine vorzügliche Arbeit dieser Art ist +Ruinos+ Schilderung des Pferdes zu nennen (1598). Die Tradition mit den antiken Schriftstellern lockert sich, je mehr man in der Beobachtung sich über sie erhob. Doch hatte man es in dieser Hinsicht wiederum nicht so weit gebracht, um ein wirklich historisches Urteil über sie zu gewinnen. In der Zootomie klebte man noch immer an den von der menschlichen Anatomie und Physiologie gestellten Problemen, die man noch ganz im Sinne des Galenismus mit Hilfe der Untersuchung der Tierwelt zu lösen hoffte. Inzwischen war die Reaktion gegen die Reformation eingetreten und legte den Naturforschern die größte Zurückhaltung auf. Von Forschern des 16. und 17. Jahrhunderts mögen, ohne daß ihnen auf die innere Entwicklung dieser Wissenschaft eine große Bedeutung zukäme, sondern mehr, weil sie als Sammler und Beschreiber Neues beitrugen, hier noch folgende Leistungen genannt werden: +Olaf der Große+ (1555), +Michovius+ (1532) und +Herbenstein+ (1549) schildern die Tierwelt Skandinaviens und Rußlands. Um die Kenntnis der vorderasiatischen und afrikanischen Landtiere machte sich der obengenannte +Belon+ verdient. +Clusius+ von Arras, +Oviedo+ und +Hernandez+ trugen zur Kenntnis der amerikanischen Lebewelt bei. +Piso+ und +Marcgrav+, welche Brasilien, sowie +Bontius+, welcher in Verbindung mit letzterem die ostindische Fauna bearbeitete, fallen schon in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Auf die Arbeiten über einzelne Tiere kann hier nicht eingegangen werden, aber beispielsweise mag angeführt werden, daß den Schlangen dickleibige Bände gewidmet wurden, ferner den brieftragenden Vögeln, dem Elefanten, dem Pferd, dem Orang, dem Nilpferd; aber auch dem Einhorn, dem Phönix ganze Monographien. Noch hatte +Cäsalpin+ dem Aristoteles die stärksten Anregungen für seine botanisch und damit allgemein biologischen Ausführungen entnommen und Aldrovandi um dieselbe Zeit von Hippokrates die Anregung zu methodisch angeordneter Embryologie empfangen, dann wurden die antiken Autoren vergessen oder um unrichtiger Angaben willen bekämpft. Anstatt derselben organisierte sich nunmehr eine „+biblische Zoologie+“, die zu bedeutendem Umfange anschwoll. In lehrhaftem, moralisierendem Tone pries man den Schöpfer um der an den Tieren offenbarten Weisheit willen, die unvernünftige Kreatur wurde dem sündhaften Menschen zum warnenden Beispiel vorgehalten, dem Geistlichen zur Bereicherung seiner mit der Reformation beginnenden Redefron durch Symbolistik aller Art Gelegenheit gegeben. Die Tierwelt, die im Vordergrund des Interesses dieser Richtung stand, war die der Bibel. Dadurch kam es dann auch gelegentlich zu jenen höchst gelehrten Ausführungen über die biblische Tierwelt in jeder literarischen Richtung; die Typen hierfür sind +S. Borcharts+ ~Hierozoicon~ (1663) und +Athan. Kirchers+ ~Arca Noe~ (1675). Die übrige hierher gehörende Literatur, die bis tief ins 18. Jahrhundert reicht, ist würdig, vergessen zu werden.

4. Zootomie des 16. Jahrhunderts.

Man würde nach heutigen Begriffen glauben, die Entwicklung der Anatomie vom 13. Jahrhundert ab, die Herbeiziehung von Tieren zu anatomischen und vivisektorischen Zwecken, die Bereicherung der Kenntnis von Tierarten, die nicht mehr nach Hunderten, sondern nach Tausenden zählten, hätten die +Zootomie+ im Sinne der Aristotelischen früh zum Durchbruch bringen müssen. Das geschah nicht. Wenn wir daher von einer Zootomie der Neuzeit reden, so ist dabei zu berücksichtigen, daß sie noch durchaus im Sinne Galens zum Zwecke der Medizin und der menschlichen Anatomie betrieben wurde, ausnahmsweise im Anschluß an die Zoologie und da erst, nachdem die äußere Form der Tiere den „kuriösen“ Neigungen der Neugier nicht mehr genügte. Auf diesem voraristotelischen Standpunkt beharrt sie bis ans Ende des 18. Jahrhunderts.

Die oben gekennzeichnete reformatorische Tätigkeit Vesals mußte auch mit der Zeit der Zootomie zugute kommen. Doch blieb ihr die volle Wirkung versagt, weil Vesal nur mit dem Inhalt, nicht mit der Form des Galenismus brach, was bei seiner Jugend und den nach Erscheinen seines Werkes über ihn hereinbrechenden Verpflichtungen auch nicht wohl zu erwarten war. Erst spät nach ihm konnte der Geist, in dem er gewirkt hatte, aufwachen und weiter wirken. Die an ihn anschließenden oder wenigstens zeitlich ihm folgenden Anatomen haben nicht nur das von ihm gegebene Bild vom Bau des Menschen ergänzt, sondern wesentliche Beiträge zur Zootomie geleistet. Da sind zu nennen: +Eustachio+ (_Rom, gest. 1574_), dem wir eine vorzügliche Schilderung des Gebisses beim Menschen und seiner Entwicklung verdanken, +R. Colombo+ (_Vesals Nachfolger in Padua, gest. 1559_), der bereits den kleinen Blutkreislauf kannte, +C. Varolius+, der die Organsysteme des menschlichen Körpers zuerst nach ihren Funktionen, nicht nach der Leichenzergliederung und der medizinischen Propädeutik ordnete, +Phil. Ingrassias+ (1510-1580), der zu Neapel Tierarzneikunde lehrte und die Osteologie aufs sorgfältigste ausbaute; dessen Schüler +Jasolini+ aus Epirus, der Lehrer Severinos, +G. Fabrizio ab Aquapendente+ (_Padua, 1537-1619_), der erste Embryologe der Neuzeit, der auch die einzelnen Funktionen zuerst durch eine Reihenfolge tierischer Formen hindurch verfolgt, +G. Casserio+ (1561-1616), der die Sinnesorgane in aufsteigender Reihenfolge und vergleichend bearbeitete, +Adrian Spigelius+ (_Brüssel 1578-1625_), der den Zwischenkiefer des Menschen entdeckte. +Volcher Coiter+ (_1535-1600, geb. in Groningen studiert an den oberitalienischen Universitäten_) gibt nicht nur Abbildungen des Affenskeletts, sondern von etwa zwei Dutzend Skeletten der Warmblüter und Reptilien, ohne indes die Vergleichung eingehender durchzuführen. Die erste ausschließlich der Zootomie gewidmete Schrift stammt von +Marco Aurelio Severino+, einem Kalabresen (_1580-1656 Professor der Anatomie in Neapel_). Er wagte es, in der ~Zootomia democritaea~ (erst 1645 erschienen) für die Zootomie eine selbständige Stellung im Kreise der der Medizin nützlichen Fächer zu erkämpfen. Die Zootomie sei nötig I. nicht nur 1) für Psychologie und Technik, 2) für Ethik und Religion, sondern auch II. für sämtliche Zweige der Medizin und zwar sowohl 1. den der allgemeinen Biologie (Lehre von den Temperamenten, Säften, Funktionen, Organen), mit Einschluß der Anthropotomie, als auch 2. zur Verteidigung von Hippokrates und Galen, wie 3. wegen der praktischen Medizin. Die tiefe Abneigung gegen Aristoteles, die er aus der philosophischen Schule von Telesius und Campanella mitbrachte und der Severino auch durch ein besonderes Werk (~Antiperipatias~) Ausdruck verlieh, beraubte ihn leider der Basis für seine eigenen zootomischen Studien, wie er sie in den Aristotelischen Schriften gefunden hätte. Im Tone scholastischer Disputationen geschrieben, enthält dieses Buch manche gute Beobachtungen und noch bessere Urteile, z. B.: man beginne das Studium der Anatomie besser mit einfacheren Körpern, als dem des Menschen, der den kompliziertesten, übrigens den Tieren sehr ähnlichen Bau besitze. Severino verwendet den Begriff des Architypus oder Bauplans. Im Bau der niederen Wirbellosen steckten noch größere Geheimnisse, als man glaube. Er gibt Zusammenfassungen der anatomischen Merkmale der Säugetiere, der Vögel, der Fische, sodann von zahlreichen, wenn auch primitiven Skizzen begleitete anatomische Befunde, die sich über etwa 80 Tiere erstrecken. Als technisches Hilfsmittel empfiehlt Severino die Hand an erster Stelle, dann aber auch das neuerfundene Mikroskop. Severino ist ein Spätling der ganzen Renaissancezoologie, sein Werk zu spät erschienen, um zu einer Wirkung zu gelangen, wie sie unter günstigeren äußeren Verhältnissen notwendig hätte erfolgen müssen.

5. Zootomie des 17. Jahrhunderts.

Die nachfolgende zweite Periode der Neuzeit, die wir etwa vom Jahre 1625 an datieren können, zeigt einen wesentlich anderen Charakter als die vorangehende. Die weltgeschichtlichen Bedingungen, unter denen sie einsetzt, sind einmal die Verwüstung Mittel- und Nordeuropas durch den Dreißigjährigen Krieg, wodurch die wissenschaftliche Produktion auf Jahrzehnte stillgelegt war, sodann der mächtige Einfluß, den die exakten Naturwissenschaften, besonders die Physik, nach +Baco+, +Galilei+ und +Kepler+ auf die organischen Naturwissenschaften gewannen und zwar auf zweierlei Wegen: 1. durch Erfinden von Technizismen zur Untersuchung der vorher unbekannten winzigen Organismen und der Struktur der Gewebe (Mikroskop ca. 1590, Thermometer ca. 1600, Anwendung der Injektion), 2. durch Vergleichung organischer Verrichtungen mit Mechanismen, aus der man wiederum für die Technik Nutzen zog. In dieser mechanistischen Tendenz der Biologie kommt aber derselbe Gedanke zum Ausdruck, der sich auch in der Organisation des Wissenschaftsbetriebes durch Sammlungen und gelehrte Gesellschaften, sowie durch das Emporblühen der Systematik ausspricht, der Gedanke nach praktischer und theoretischer Beherrschung der nach und nach schon durch die voraufgehende Zeit ausgebreiteten Mannigfaltigkeit der Natur durch die Macht menschlichen Geistes. Bestrebungen, wie die +F. Bacos+ um die Erneuerung der Wissenschaften durch Beobachtung und Experiment (schlug er doch schon vor, man sollte die Bildung der Arten in besonderen Tiergärten experimentell nachzuweisen versuchen), konnten nicht ohne Einwirkung auf die Zoologie bleiben. Bezeichnenderweise ist indes der Weg unserer Wissenschaft während des 17. Jahrhunderts ein zweispuriger. Am meisten gedeiht die zootomische und allmählich in ihr dominierend die mikroskopische Richtung. Mit dem steigenden Einfluß der exakten Wissenschaften nimmt die erstere, philosophisch durch +Descartes+ bestimmt, vorwiegend einen physiologischen Charakter an, wogegen die letztere die deskriptiven Traditionen der Zoologie des 16. Jahrhunderts weiter kultiviert. Aus diesen wachsen dann mit infolge der Zunahme der Tierkenntnis die systematischen Versuche heraus.

An der Schwelle dieser Zeit begegnet uns der Engländer und Aristoteliker mit Bologneser Schulung, +William Harvey+, der die von ihm festgestellte Lehre vom Blutkreislauf seit 1619 vortrug und 1628 publizierte. Wenn seiner Entdeckung auch für Physiologie und Pathologie eine ungemein große Bedeutung zukommt und sie, besonders nachdem auch +Aselli+ 1622 die Chylusgefäße und 1647 +Pecquet+ den ~Ductus thoracicus~ zufällig entdeckt hatten, den wesentlichsten Zuwachs zur Physiologie der Menschen in der Neuzeit bildete, so war sie doch auf die Zoologie nicht von unmittelbarer Wirkung. Viel bedeutungsvoller waren in dieser Richtung Harveys embryologische Untersuchungen, die sich über die Klassen der Wirbeltiere, aber auch über Krustazeen, Insekten, Mollusken ausdehnten und die Harvey zur Verallgemeinerung führten, daß alles Leben, auch das des Menschen, einem Ei entstamme. Auch er ließ die höheren Organismen Stufen durchlaufen, welche den niederen entsprechen sollten. In dieselbe Zeit fällt die erste methodische Verwendung des Mikroskops in der Biologie durch +Fr. Stelluti+ (1625), welcher mit Hilfe dieses Instrumentes den Bau der Biene untersuchte.

Im ganzen Laufe des 17. Jahrhunderts vollzog sich die Ausbreitung und Festsetzung der Zootomie in den nordischen Ländern. Außer England, wo wir nach Harvey zunächst +Glisson+ und +Grew+ aufzuführen haben, sind Holland, Dänemark (die Dynastie der +Bartholine+), Schweden hieran am meisten und wirkungsvollsten beteiligt. Nachdem um die Mitte des Jahrhunderts die Produktion beinahe den Nullpunkt erreicht hatte, bricht sie sich in überraschender Breite von den sechziger Jahren ab neue Bahn in einer bedeutenden und fast ein Jahrhundert beherrschenden Literatur.

Die Maschinentheorie des Lebens, wie sie in klassischer Weise von Descartes vertreten wurde, reifte die ersten biomechanischen Schriften eines +Steno+ (1669), eines +Borelli+ (1680), eines +Claude Perrault+ (1680), worin einmal die Prinzipien der Statik und Mechanik im Sinne der modernen Physik auf den Menschen und die übrigen Lebewesen angewandt sind. Perrault ließ es sich besonders angelegen sein, die zahlreichen an Technizismen erinnernden Einrichtungen der Tiere darzustellen und zu vergleichen. In der mechanischen Erklärung der Funktionen erblickt Perrault geradezu die Hauptaufgabe der Biologie. Die Gliederung der Funktionen in seiner ~Mécanique des animaux~ folgt, entsprechend der selbständigen Gestaltung der Chemie durch Boyle und Mayow und in Anlehnung an Aristoteles, dem Schema: Stoffwechsel und Kraftwechsel; dabei läßt Perrault die Funktionen des Formwechsels oder die Entwicklungsmechanik außer Spiel. Eine Parallele dazu bildet der Vorstoß auf biochemischem Gebiete, den +Mayow+ (1674) unternahm und der besonders dem Chemismus der Zirkulation galt. Auch eröffnete die Untersuchung des Zitterrochens durch +Redi+ (1671) und +Lorenzini+ (1678) die Bahn für die Anschauungen über tierische Elektrizität. Aber auch abgesehen von diesen an die Zootomie anknüpfenden Erklärungsversuchen, sammelt sich allmählich ein reicher Bestand an zootomischem Wissen an, das in mannigfacher Weise bald mehr an die menschliche Anatomie, bald mehr an die der niederen Tiere anlehnte. Vor allem traten jetzt diejenigen Lebewesen in den Kreis der zootomischen Beschreibung, deren Bau in seiner reichen Mannigfaltigkeit dem Altertum gänzlich unbekannt geblieben war, und die nun erst mit Hilfe des Mikroskops erobert wurden, die Insekten und die verwandten Stämme. Sie wurden auf einige Zeit hinaus das Lieblingsobjekt all derer, die in der Zootomie „Augen- und Gemütsergötzung“ suchten. Mit ihrer Bearbeitung war die Zoologie der Wirbellosen nicht mehr auf die Meeresufer beschränkt und erfuhr zugleich mit der deskriptiven Zoologie eine beispiellose Erweiterung.

Durch ihre zootomischen Leistungen zeichnen sich abgesehen von den obengenannten Mechanisten aus die +Bartholine+, die die Anatomie auf allen Gebieten gleichmäßig bereicherten: +N. Steno+ durch anatomische Untersuchungen über die Fische, +N. Grew+ durch die vergleichende Anatomie der Verdauungsorgane. +Caldesis+ Anatomie der Schildkröte (1687) so gut wie +Redis+ Untersuchungen über die Viper (1664) und +Lorenzinis+ (1678) über den Zitterrochen verraten einen mächtigen Fortschritt der Zootomie. Zu den bedeutendsten Leistungen auf diesem Gebiet gehören auch die Arbeiten von +Thomas Willis+ (1622-1675). In seinen Hauptschriften (~Cerebri anatome~ 1666 und ~De anima brutorum~ 1674) hat er nicht nur zuerst in ausgiebigerem Maße die vergleichende Anatomie des Nervensystems gepflegt. (Den Namen ~Anatomia comparata~ hat er in Abänderung des von Baco ihm ursprünglich beigelegten Sinnes für die Morphologie eingeführt.) Er will mit dieser Methode nicht nur die Funktionen ergründen, sondern auch die tierische Psychologie pflegen. Dabei entging ihm die Verschiedenheit der psychischen Begabung der Tiere nicht; aber im Zeichen Harveys stehend, teilt er nach den Respirationsorganen ein: Insekten, Fische, Vögel, Vierfüßer, Mensch. Seine Beschreibungen (Regenwurm, Krebs, Auster) und Vergleichungen gehören zu den methodisch bestdurchgeführten, ganz abgesehen davon, daß er den ersten großen Schritt in der Neurologie über Galen hinaus getan hat. In diese Phalanx nordischer Anatomen reiht sich auch +Olaf Rudbeck+ ein, der an der Seite der Bartholine den neuen Anschauungen über die Zirkulation Geltung erkämpfte. Auch seien die zootomischen Studien an der neugegründeten Akademie in Paris namentlich von +J. G. Duverney+ (Abhandlungen 1676 und 1732 erschienen) nicht vergessen, ebenso die Anatomien von +E. Tyson+ (Beuteltier, Delphin, Schimpanse), deren letztere 1699 kulturhistorische Bedeutung erlangte. So ist denn dieser Zeitraum geradezu eine Blütezeit der Zootomie zu nennen, und demgemäß fehlte es in ihm auch nicht an zusammenfassenden Darstellungen. Eine solche, die wesentlich in einer Kompilation der voraufgehenden Zootomen bestand, gab +G. Blasius+ (~Anatome animalium~, Amsterdam 1681). Umfangreicher und in eingehendstem Zusammenhange mit der menschlichen behandelte +S. Collins+ (1685) die tierische Anatomie. Als drittes Sammelwerk ist endlich das viel jüngere ~Amphitheatrum zootomicum~ von +B. Valentini+ (1720) schon an dieser Stelle aufzuführen.

Als ein Resultat gesteigerter Kritik infolge der Zootomie darf wohl auch betrachtet werden, daß man begann, Fossilien mit lebenden Organismen zu vergleichen. Der obengenannte +Steno+ erklärte die Glossopetren (1669) für versteinerte Zähne von Haifischen und sah auch in den fossilen Resten von Muscheln und Schnecken Überbleibsel einstiger Faunen, aber nicht mehr „Naturspiele“ oder Niederschläge des gesteinbildenden Saftes der Erde. Lebhafte Unterstützung fand er darin von +A. Scilla+ 1670. Namentlich waren es Engländer, worunter besonders +J. Woodward+, die um die Wende des Jahrhunderts für eine vernünftige Auffassung der Fossilien eintraten.

Wie oben erwähnt, verfolgen die +Mikroskopiker+ von allen Zootomen den selbständigsten und eigenartigsten Weg. Auch ihre Leistungen fallen der Hauptsache nach ins letzte Drittel des 17. Jahrhunderts. Allen voran leuchtet das Dreigestirn +M. Malpighi+ (1628-1694, Bologna), +J. Swammerdam+ (1637-1680, Leiden) und +A. van Leeuwenhoeck+ (1632-1723, Delft). +Malpighi+ (~Opera omnia~ 1687) war einer der ersten, die es verstanden, zootomische Studien zu einer selbständigen, nicht von der medizinischen Praxis abhängigen Beschäftigung zu erheben. Insbesondere wandte er sich dem Studium menschlicher und tierischer Gewebe zu. Die Entdeckung des Baues vieler Drüsen führte ihn dazu, die Allgemeinheit drüsiger Struktur zu überschätzen, z. B. auch dem Gehirn drüsigen Bau zuzuschreiben. Von großer Bedeutung wurde für die Zoologie seine Monographie des Seidenwurms, da sie die erste anatomische und embryologische eines Insektes war. Die eingehende Schilderung der Tracheen der Insekten ist sein Verdienst. Dann aber wandte er auch zuerst das Mikroskop auf die Entwicklungsgeschichte, speziell des Hühnchens an. Obschon Malpighi vielfach auch die Injektionstechnik zu Hilfe nahm, so wurde er in der Ausführung derselben von +Ruysch+ (1638-1731, Haag) übertroffen, der durch den Verkauf geschickt injizierter und sorgfältig präparierter Sammlungen viel zur Verbreitung feinerer anatomischer Technik beitrug. Ihm auch gelang es zuerst, die Klappen in den Lymphgefäßen nachzuweisen (1665). Eine höchst sonderbare Persönlichkeit, das Vorbild aller derer, die in der Hingabe an die Welt des Mikroskopischen zu allen Zeiten Glück und Erlösung von irdischen Mühsalen suchten, ist +J. Swammerdam+. Seine Biographie, die +Boerhave+ dem erst nach Swammerdams Tode erschienenen Hauptwerke (Bybel der Nature, Leiden 1737) voraussetzte, verrät ein Leben voll Schwärmerei, Polemik und Enttäuschungen. Er arbeitete mit dem subtilsten Rüstzeug an selbstverfertigten Instrumenten und stellte das Gesehene in wunderbar künstlerischer, auch heute noch mustergültiger Weise dar. Die Zergliederungen von Mollusken (Sepia und Helix) blieben bis auf Cuvier unübertroffen. Mit besonderer Liebe und Andacht sind die Insekten nach Bau und Entwicklung dargestellt, deren Unterscheidung nach dem Grade der Vollkommenheit ihrer Entwicklung von ihm herrührt. Erfahrung durch Beobachtung und Experiment sind auch ihm die Grundlage seiner unvergänglichen Arbeit, doch durchzieht sie ein mystischer Faden, der, an die obengeschilderte biblische Zoologie anknüpfend, ihn sein letztes Genügen in der Bewunderung von Gottes Güte und in der Versenkung in sie suchen läßt. Die Zeugungs- und Entwicklungsgeschichte hat Swammerdam namentlich durch seine Studien über das Urogenitalsystem der Frösche und seine Befruchtungsexperimente an Amphibien gefördert.

Eine Parallele zu ihm bildet +A. v. Leeuwenhoeck+, der, zum Kaufmann bestimmt, sich der Liebhaberei, starkvergrößernde Linsen herzustellen, hingab und nun, ohne besonderen Plan, als Dilettant mikroskopische Studien betrieb. Trotz seiner mangelhaften Vorbildung ist die Zahl seiner Entdeckungen nicht unbedeutend; so sah er die Blutkörperchen, den Kapillarkreislauf des Froschlarvenschwanzes, die Querstreifung des Muskels u. a. m. Unter seiner Leitung arbeitete der Student Ludwig von Ham, der 1677 die Samentierchen (Spermatozoen) entdeckte, in denen nun +Leeuwenhoeck+ den wesentlichen Bestandteil bei der Befruchtung zu erkennen glaubte, womit er zum Haupt der sog. Schule der Animalkulisten wurde. Von größter Wichtigkeit für die Zoologie wurde die Entdeckung der Protozoen durch ihn, die von nun an ein Lieblingsobjekt der mikroskopierenden Dilettanten waren.

Durch all diese Untersuchungen und Entdeckungen war eine Basis gegeben, auf der für die alten Probleme von der Zeugung und Vererbung neue und, wie man glaubte, abschließende Tatsachen gediehen. +G. Needham+ schrieb 1667 seine berühmte Schrift über die Entstehung des Fötus, worin er besondere Sorgfalt den Eihäuten zuwandte. +Redi+ erbrachte 1668 den Beweis auf experimentellem Wege dafür, daß die Tiere nicht aus den Stoffen, worin sie leben, entstünden, sondern, wie +Harvey+ behauptet hatte, nur aus Eiern. Daraus erwuchsen wiederum die größten Schwierigkeiten, die Übereinstimmung mit der unantastbaren biblischen Tradition herzustellen. Was Wunder, wenn +Malebranche+ (1688) auf den Gedanken der Präformation, der Vorbildung des fertigen Wesens im Keime, verfiel, der nun für die Folgezeit zur Herrschaft gelangte?