Part 7
Nicht alle Merkmale sind ihm von gleichem Wert. Die, welche den größten Einfluß auf die anderen ausüben (früher nahm er dafür die Zirkulations-, später die Zeugungsorgane, zuletzt das Nervensystem), dominieren und sind daher die entscheidenden (Prinzip der Unterordnung der Organe), denen sich die übrigen sukzessive unterordnen. Nach dem Nervensystem und dessen Lage teilt er daher auch das Tierreich ein. Jedes Tier besitzt, was es zur Existenz braucht, und nicht mehr, als es braucht (Prinzip der Zweckursachen). Die Teile der Tiere sind unter sich so eng verbunden, daß, wenn eines sich ändert, alle anderen sich auch ändern, daß man daher aus einem bestimmten Organ auf die anderen schließen kann (Prinzip der Korrelation der Organe nach Aristoteles). So kommt bei Cuvier eine Gesamtauffassung der organischen Natur zustande, die der von Et. Geoffroy und Buffon direkt zuwiderläuft, und die auch von der nachfolgenden Entwicklung der Zoologie Schritt für Schritt weichen mußte.
Die verschiedene Geistesart von Et. Geoffroy und Cuvier verschärfte die Gegensätze zwischen beiden mit zunehmendem Alter. So kam es denn zu dem berühmten, von Goethe mit lebhaftestem Interesse als europäischem Ereignis beurteilten Streite im Schoße der Akademie zu Paris im Frühjahr 1830. Die innerlich wahre, philosophisch orientierte Umwandlungslehre war -- vielleicht nicht mit voller Geschicklichkeit -- durch Et. Geoffroy vertreten, die innerlich widerspruchsvolle, mittelalterlichen Traditionen entsprungene und Vorschub leistende Konstanzlehre mit aller äußerlichen Macht einer glänzenden Persönlichkeit durch Cuvier in Szene gesetzt. Der Gegensatz zwischen beiden Männern hatte sich schon seit Beginn des Jahrhunderts ausgebildet. Damals brach Geoffroy mit den klassifikatorischen Arbeiten ab und überließ sie Cuvier, da nach seiner Überzeugung eine natürliche Methode der Klassifikation gar nicht existieren könne. Cuvier hinwiederum sah in einer vollkommenen Klassifikation das Ideal der Wissenschaft und in deren Resultat den vollendeten Ausdruck der Natur selbst. Geoffroy schaute immer mehr und deutlicher das Leben in seiner Bewegung mit rastlos verwegenem Hochflug der Gedanken; doch stets an strenge Beobachtung gebunden, überschaute er die Lebewelt aus der Vogelperspektive. Cuvier sah das Sein der Lebenserscheinungen, vertiefte und verlor sich in der Einzelbeobachtung, förderte unermeßliche Reichtümer an Tatsachen zutage, verfiel aber einer gewissen Enge der Auffassung des Ganzen. So bedurfte es denn nur eines verhältnismäßig geringen Anlasses, um den Streit zu entfachen. Et. Geoffroy legte der Akademie die Arbeit zweier junger Gelehrter vor, die die Übereinstimmung zwischen dem Bau der Tintenfische und der Wirbeltiere dadurch erweisen wollten, daß erstere gewissermaßen in der Bauchlinie geknickte Wirbeltiere seien. Zwar ist diese Hypothese irrig, doch nicht gewagter als manche, die uns über Verwandtschaftsverhältnisse anderer Tiere aufgeklärt hat. Jetzt schlug das schon lange glimmende und aus früheren Beurteilungen der Arbeiten Geoffroys hervorleuchtende Feuer Cuviers empor, und mit einer Erörterung über Einheit des Bauplanes und Einheit der Zusammensetzung erklärte er, Et. Geoffroy sehe für neue Prinzipien das an, was Aristoteles der Zoologie schon längst als Basis gegeben habe. Schon zuvor hatte Cuvier mehrfach die Ansicht vertreten, der Naturforscher habe sich nur an die Beobachtung der Tatsachen zu halten. Hatte er in diesem speziellen Falle mit seinem Widerspruch auch recht, so schnitt er doch mit der nun monatelang andauernden Polemik gegen Geoffroy der Entwicklungslehre den Faden ab. An dem Streit in der Akademie nahm Presse und Publikum Anteil, und, wenn auch Cuvier als Sekretär der Akademie Sieger blieb und der Streit sich allmählich in Nichtigkeiten auflöste, so kamen dadurch doch Geoffroys Ideen hinaus und fanden vielfach Verständnis. Indessen führte die praktische Präponderanz Cuviers zu häßlichen Nachspielen auch nach seinem Tode. Sinnlosen Angriffen auf Geoffroy in der Akademie folgte eine Intrige Friedrich Cuviers, der, von Et. Geoffroy Georges Cuvier zuliebe dem Dunkel des Uhrmacherberufs entrissen und an der Menagerie des Museums angestellt, seinen alternden Gönner von der Mitleitung dieser seiner eigenen Gründung verdrängte. Nach dem wenige Monate später erfolgten Tode Fr. Cuviers wurde freilich Et. Geoffroy wieder in seine Rechte eingesetzt.
5. Nachfolger Cuviers.
_Im Anschluß an diese im Vordergrund stehenden Persönlichkeiten des Pflanzengartens sind nun noch einige ihrer Mitarbeiter und Nachfolger zu nennen: +P. A. Latreille+ (1762-1833, seit 1799 am Museum angestellt), der neben den Würmern und Krebsen besonders die Insekten pflegte und zum eigentlichen Begründer der modernen Entomologie geworden ist. Ferner seine Nachfolger +J. V. Audouin+ (1797-1841) und +E. Blanchard+ (1820-1889), die beide wesentlich zur Kenntnis des Baues und der Physiologie der Insekten und Spinnen beitrugen. +Ducrotay de Blainville+ (1777-1850) begann seine naturwissenschaftlichen Studien unter Cuvier, wurde 1812 Professor an der ~Faculté des Sciences~, erhielt 1830 Lamarcks und von 1832 an Cuviers Professur. Trotz des Zerwürfnisses mit dem Meister ist er der echteste Schüler und Nachfolger Cuviers gewesen. Er lehnt wieder mehr an Geoffroy an durch Berücksichtigung der Physiologie. Bei der Klassifikation stellt er die Gesamtgestalt des Bauplans mehr in den Vordergrund und führt den Begriff Typus für die höheren, auf Baupläne begründeten Abteilungen ein. Sein verdienstvollstes Werk ist die Osteographie der Wirbeltiere (1839). Lacepèdes Bearbeitung der Fische wurde weit überholt durch das von Cuvier mit einer historischen und anatomischen Einleitung ausgerüstete Werk von +Valenciennes+ (1828-49) über die Knochenfische. +A. Dumérils+ (1812-1870) Bearbeitung der Knorpelfische erschien erst 1865. Der Vater +Duméril+ (geb. 1774, der erste Professor für die drei unteren Wirbeltierklassen am Museum 1825, gest. 1860) und +Bibron+ bearbeiteten im Sinne Cuviers die Amphibien und Reptilien (~Herpétologie générale~ 1835-50). Die Ornithologie war seit Buffons Zeiten in Frankreich heimisch und fand hauptsächlich Vertreter in +Levaillant+, +Veillot+ und +Des Murs+, später besonders im jüngeren +A. Milne-Edwards+ (geb. 1834, 1876 Nachfolger seines Vaters, 1891 Direktor des Museums, starb 1900), der der fossilen Avifauna Frankreichs und derjenigen Madagaskars und der Maskarenen besondere Werke widmete. Unter den um die Anatomie der Wirbellosen verdienten französischen Forschern sind besonders hervorzuheben: +H. Milne-Edwards+, der mehrere Gruppen der Wirbellosen, insbesondere die Krustazeen, aufs eingehendste bearbeitete, ferner +H. de Lacaze-Duthiers+ und +de Quatrefages+, +F. Dujardin+ (Protozoen), +Savigny+ (Anneliden). Von großer Bedeutung sind die Arbeiten der Reisenden von Anfang des 19. Jahrhunderts geworden (s. S. 148). Durch sie wurden die reichen Materialien für die Arbeiten der Gelehrten am Museum zusammengetragen. Im ganzen bewegte sich aber die französische Biologie in gewiesenen Bahnen vorwärts, und nur wenige Namen bezeichnen Forscher von hervorragender Bedeutung in der geschichtlichen Entwicklung unserer Wissenschaft. Unter denen der letzten Dezennien seien genannt: +E. Blanchard+, der die Typen der Würmer und Arthropoden, insbesondere auch in anatomischer Richtung, untersuchte, aber sich auch um die landwirtschaftliche Zoologie verdient machte. +A. de Quatrefages+ (1810-1892) unternahm faunistische Studien an den französischen Küsten gemeinsam mit +H. Milne-Edwards+, wurde 1855 Professor der Anatomie und Ethnologie, und hat als solcher gegen Darwins Abstammungslehre Stellung genommen. Praktisch förderte er die Fischzucht in hohem Maße. +H. de Lacaze-Duthiers+ (1821-1901, Schüler von +H. Milne-Edwards+, von 1865 Professor am Museum und von 1868 an der Universität) wandte zuerst in ausgedehnterem Maße die verfeinerte Experimentalphysiologie auf die niedere Tierwelt an. 1873 gründete er die zoologische Station Roscoff, später die in Banyuls, und erwarb sich damit nicht nur für Frankreich ein hervorragendes Verdienst. Ein Nachfolger Cuviers in mancherlei Hinsicht ist +Louis Agassiz+. Geboren 1807 zu Motier in der Schweiz, studierte er zuletzt in München und gab 1829 die Beschreibung der Ausbeute an Fischen Brasiliens von Spix und Martius heraus. 1833-42 erschien sein Hauptwerk, „Die fossilen Fische“, welches nach einer Seite, die Cuvier offen gelassen hatte, die Paläontologie der Wirbeltiere erweiterte. 1833 Professor in Neuchâtel, siedelte Agassiz 1846 nach Nordamerika über, wo er der eigentliche Popularisator der Naturgeschichte wurde. Mit erstaunlichem Geschick pflanzte er dort die Tradition, große Summen für naturgeschichtliche Zwecke flüssig zu machen. Er gründete nach dem Muster des Pariser Museums das ~Museum of Comparative Zoology~ an der Harvard-Universität, organisierte Unterricht und wissenschaftliche Arbeit. Seine allgemeinen Ansichten legte er im ~Essay on Classification~ nieder, sowie in zahlreichen populären Darstellungen. Er starb 1873. Im wesentlichen unterscheidet er sich von Cuvier durch eine noch stärker theosophische Färbung seiner Fassung der Konstanztheorie. Jede Art ist konstant und der Ausfluß einer Idee des Schöpfers. Der Urzweck des Schöpfers bei Schöpfung der Tier- und Pflanzenarten war die beharrliche Erhaltung seiner eigenen Gedanken. Mehr als Cuvier nimmt Agassiz auf die Embryologie Rücksicht; er betont den Parallelismus zwischen geologischer und embryologischer Reihenfolge der höheren Tiere, ohne einen realen Zusammenhang beider Parallelen zuzugeben. Ein heftiger Gegner des Darwinismus, trug er lange dazu bei, den Widerstand gegen die Entwicklungslehre zu verstärken._ Anderer Art ist das Bild von +Henri Milne-Edwards+.
(_Geboren 1800 zu Bruges, wurde er 1823 Doktor der Medizin, folgte Friedrich Cuvier 1838 als Mitglied der Akademie, wurde 1841 Professor der Entomologie am Museum, übernahm 1861 nach Et. Geoffroys Tode die höheren Wirbeltiere, von 1843 an las er an der ~Faculté des Sciences~ vergleichende Anatomie und Physiologie, starb 1886._) Anfänglich an Cuvier anlehnend, übertrug er die Homologisierung der Mundteile, wie sie Savigny für die Insekten gegeben hatte, auf die Krustazeen. Er entwickelte namentlich die Ansicht von der Vervollkommnung der Organismen durch Arbeitsteilung, wobei er den anatomisch erkennbaren Teilen eine gewisse Selbständigkeit der Funktion zuerkannte. In höherem Alter (1879) trennte er sich vollständig von den Anhängern der Konstanztheorie. Das Hauptwerk von +H. Milne-Edwards+ bleiben die ~Leçons de physiologie et d’anatomie comparée~ (1857-83), worin nicht nur die Erfahrungen der gesamten Zootomie sorgfältig und kritisch abgestuft vor uns treten, sondern auch die Verbindung mit der während eines Jahrhunderts nicht minder blühenden Physiologie Frankreichs und des Auslandes zu voller Entfaltung kommt. Unsere Wissenschaft hat seither kein besseres in dieser Richtung liegendes Werk erlebt. Ein Hauptverdienst von H. Milne-Edwards endlich besteht darin, daß er ein ausgezeichnetes für die französischen Schulen bestimmtes Lehrbuch verfaßt hat. In ähnlicher Richtung verdient auch +Ach. Comte+ einen Ehrenplatz neben ihm. Überhaupt ist zu betonen, daß die französischen Zoologen allezeit sich in den Dienst der Verbreitung des Wissens und der praktischen Anwendung der Zoologie gestellt haben.
6. Nachfolger Et. Geoffroys.
An Et. Geoffroy und die französischen Physiologen schließt mit einer eklektisch gehaltenen vergleichenden Physiologie 1839 +A. Dugès+ (1797-1838, Professor in Montpellier) an. Hatte Et. Geoffroy die Ansicht vertreten, die Gliedertiere entsprechen den Wirbeltieren unter Umkehrung von Rücken und Bauch, so suchte Dugès im Anschluß an die 1827 erschienene Monographie des Blutegels von +Moquin-Tandon+ die Übereinstimmung des Baues vom gesamten Bauplan in die Teilstücke des Körpers, die Zooniten (Somiten) zu verlegen. Dadurch, daß er auch die Radiaten aus solchen Zooniten bestehen läßt, wurden die Klüfte zwischen den vier Cuvierschen Tierstämmen überbrückt und Dugès wird zum Metamerentheoretiker für die Invertebraten. Zugleich aber wird durch ihn die Frage nach der tierischen Individualität aufgerollt. Als vergleichender Anatom reiht sich hier ein +A. Serres+ (_1786-1868, von 1839 an Professor der vergleichenden Anatomie am Museum_), der um die vergleichende Anatomie und Physiologie, insbesondere des Nervensystems, hervorragende Verdienste hatte. Einen gewissen natürlichen Abschluß der Geoffroyschen Schule bildet der Sohn Etiennes, +Isidore Geoffroy St. Hilaire+ (_1805-61, seit 1841 Professor am Museum_). Aufgewachsen in der großen Tradition von Jugend an, ebensowohl nach der empirischen wie der philosophischen Seite ausgebildet, ein glänzender Stilist, hat er in seiner ~Histoire naturelle générale~ (1854 bis 1862) die vielleicht sorgfältigste Eingliederung der allgemeinen Zoologie in den Kreis der Wissenschaften unternommen, leider nicht ohne von Comtes Philosophie beeinflußt zu sein. Wie +H. Milne-Edwards’+ vergleichende Physiologie für Cuviers Richtung abschließende Bedeutung besitzt, so dieses Werk für die Richtung Geoffroys. Aber noch mehr: beide ergänzen sich zu einer Einheit, die nicht nur eine Basis für die nachfolgende französische Zoologie geworden ist und ihr eine erneute Aufsplitterung erlaubte, sondern die auch noch für die Zukunft den vollkommensten wissenschaftlichen Querschnitt der Zoologie einer bestimmten Periode gibt. Isidore Geoffroys Bemühungen galten im übrigen dem Transformismus, insbesondere der Haustiere, und mit der von ihm gegründeten Akklimatisationsgesellschaft wurde der bisher ansehnlichste Vorstoß in der Richtung der Züchtungslehre unternommen. So gehört denn auch Isidore Geoffroy nicht nur zu den unmittelbaren Vorläufern Darwins, sondern er wurde von diesem auch als solcher rückhaltlos anerkannt. Aber auch sonst ist kaum eine Frage der Zoologie zu nennen, die nicht von ihm mit der größten Erudition behandelt worden wäre. Ein biographisches Meisterwerk hat er uns über seinen Vater hinterlassen (1847).
7. Italienische Zoologie dieses Zeitraumes.
In der Blütezeit der französischen Zoologie verhielt sich die italienische vorwiegend rezeptiv. Die Ideen der Pariser Zoologen fanden begeisterte und beredte Vertreter in Italien, wie +Fr. Cetti+ (1726-78), der Buffon großes Verständnis entgegenbrachte und die Eigentümlichkeiten der sardinischen Fauna durch die insulare Abschließung zu erklären versuchte; namentlich war es Lamarck, dessen Ansichten durch +A. Bonelli+ (1784-1830, Professor in Turin) und +Fr. Baldassini+, ferner durch +O. G. Costa+, der in schwierigen Zeitläuften zu Neapel die alte zoologische Tradition aufrechthielt, vertreten wurden. Der Naturphilosophie trat der durch viele zoologische Arbeiten verdiente +Poli+ (1827) kritisch entgegen. +Cavolini+, +delle Chiaje Bonaparte+, später besonders +Panceri+ (1833-77) förderten in der von Cuvier gebahnten Richtung die Kenntnis der italienischen Land- und Meerfauna. In allem aber hielt sich die italienische Zoologie innerhalb bereits vorgezeichneter Linien, wenn auch in neuester Zeit erst wieder italienische Forscher in den Gang der Geschichte entscheidend eingegriffen haben.
VII. Deutsche Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an.
Ungefähr um die Mitte des 18. Jahrhunderts löst sich die +deutsche Zoologie+ von der universellen ab und beginnt ihre eigenen Gestalten anzunehmen. Auf eine einleitende Periode, die etwa bis Ende des Jahrhunderts reicht, folgt die Periode der Naturphilosophie, die man etwa bis 1830 ansetzen kann, dann wiederum dreißig Jahre der Ernüchterung und empirischen Vertiefung und von 1860 ab die Periode des deutschen Darwinismus. Im Vergleich zur französischen Zoologie desselben Zeitraumes ist die Entwicklung eine weniger stetige, das Schwergewicht der Leistungen fällt nicht wie dort auf reich dotierte praktische Schöpfungen, die sich auf eine größere Zentrale konzentrieren; vielmehr ist es kühner Flug der Gedanken, der intuitiv-konstruktiv wirkt; später Fleiß und Gründlichkeit, die nachfolgen; beides gebunden an die bescheidensten Arbeitsmittel der damaligen Kleinstaaten. Erst mit der Periode des Darwinismus nimmt die deutsche Zoologie einen Aufschwung auf eine Höhe, die zu beurteilen hier nicht der Ort und der Zukunft anheimzugeben ist.
1. Aufklärungsperiode.
An der Schwelle dieser Periode treffen wir +A. von Haller+, der seinem geistigen Gepräge nach weit eher ein Endglied der vorangehenden genannt zu werden verdient, und dessen Verdienste vorwiegend auf das Gebiet der menschlichen Physiologie fallen. Der durch seine Autorität zur absoluten Herrschaft gelangten Lehre von der Präformation trat +C. Fr. Wolff+ (1735-1794) entgegen, ohne indes von seiner Zeit gewürdigt zu werden. In seiner ~Theoria generationis~ (1759) wahrt er die Rechte der Beobachtung gegenüber der Spekulation, schildert kurz die Geschichte der Entwicklungstheorien bis auf seine Zeit und stellt den Satz auf, daß der lebende Organismus nicht im Keime vorgebildet ist, sondern erst in der Embryonalentwicklung entsteht (Epigenesis). Seine Schrift ist voll von reicher Einzelbeobachtung und geschickter Verallgemeinerung, wie er denn z. B. die Bildung von Darm und Nervenrohr bereits als Faltungsprozeß der Keimblätter auffaßt. Im allgemeinen steht er auf dem Boden des von +Stahl+ begründeten Vitalismus, der Lehre von der Eigenart der organischen Erscheinungen. Außer +C. Fr. Wolff+ war es besonders +Blumenbach+, der in Aristotelischem Sinne und mit viel Geist die Präformationslehre bekämpfte. Neben diesem Kampf um die Zeugungsphysiologie war es eine andere Linie, auf der sich die deutsche Zoologie bewegte. Die Probleme der geographischen Verbreitung, die Buffon aufgestellt hatte, fanden Widerhall in +Kants+ physischer Geographie, die für die Zoologie weniger bedeutete, als seine scharfe Scheidung zwischen organischer und anorganischer Natur und die deszendenz-theoretisch interessanten Gedanken in seiner „Kritik der Urteilskraft“ (1790). Mehr noch in den Werken von +E. A. W. Zimmermann+ (Versuch einer Anwendung der zoologischen Geographie auf die Geschichte der Erde 1783) und +J. G. Herder+ (Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit 1784). Beide sind von höchster Poesie getragene Ausblicke auf den Reichtum der Tierwelt zu Land und Meer, beide Versuche, die Mannigfaltigkeit des Lebens als Teil im Gesamtwesen des Kosmos zu erfassen und die zahlreichen Beziehungen der Kreatur unter sich und auf dem Schauplatz der Erde darzustellen. Zimmermann legt dabei den Hauptakzent auf die Tierwelt und wagt namentlich zum ersten Male, ein Gesamtbild vom Leben der Meeresfauna zu entwerfen. Bei ihm finden sich die schönsten Ansätze zur Lehre vom Haushalt der Natur (Ökologie). Die Gedanken an Einfluß des Klimas, Breite der Anpassung, Verbreitungsgeschichte finden hier schon Verwendung. Zimmermann polemisiert gegen die naive Linnésche Erklärung der Tierverbreitung und weist entgegen Buffons Theorie von der äquatorial gerichteten Wanderung der Tiere infolge von Abkühlung der Pole auf die Unterschiede der südlich-hemisphärischen Landfauna von der nördlichen hin. Zimmermann ist der erste kritisch arbeitende Geist in der Tiergeographie und +Alexander von Humboldts+ direkter Vorgänger. Hatte Linné den Menschen den Säugetieren eingeordnet, ohne sich darüber weiter auszusprechen, so sucht +Herder+ ihn der Lebewelt auf Grund seiner körperlichen Eigenschaften einzuordnen, ihn als das vollkommene, zur Vernunfttätigkeit bestimmte Lebewesen zu schildern, und doch die bedeutungsvollen Übereinstimmungen mit den anthropomorphen Affen nicht zu unterdrücken. Wie mächtig die Anregungen Herders wirkten, erhellt wohl mit am besten aus +Goethes+ Beschäftigung mit der organischen Natur, die ihn freilich das übernommene Gut selbständig weiterbilden ließ. Tiefstes Naturempfinden, ein rastloser Trieb, die Natur kennen zu lernen, lebhafteste Teilnahme an den Fortschritten der Naturforschung, ein überlegenes Urteil über den historischen und kulturellen Wert derselben und ihrer Vertreter, eine Abneigung gegen alles Spezialistisch-Kleinliche und ein untrüglicher Sinn für das Ewig-Große in der Natur und ihrer Wissenschaft -- das sind die Züge, die Goethe eine große Bedeutung für die Geschichte der Zoologie verleihen. An seinem Genius haben sich nicht nur zahlreiche Zeitgenossen gesonnt, sondern er ist auch später namentlich als Panazee Haeckels geschichtlich von größter Bedeutung geworden. Die von Buffon ausgesprochenen Gedanken der Einheit der organischen Natur, E. Geoffroys Geistesrichtung, die ganze vergleichende Anatomie des 18. Jahrhunderts fanden in ihm einen begeisterten und weitblickenden Herold. „Dieses also hätten wir gewonnen, ungescheut behaupten zu dürfen: daß alle vollkommeneren organischen Naturen, worunter wir Fische, Vögel, Säugetiere und an der Spitze der letzteren den Menschen sehen, alle nach einem Urbild geformt seien, das nur in seinen sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin und her weicht und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet.“ „Das Gesetz der inneren Natur, wodurch sie konstituiert werden, und das Gesetz der äußeren Umstände, wodurch sie modifiziert werden,“ sind für ihn bei der Bildung der Formen wirksam. Seine Deduktionen des Zwischenkiefers beim Menschen (1784), der Lehre vom Wirbelbau des Schädels und der Metamorphose der Pflanze (1790) dürfen wahrlich nicht als einziger Maßstab für seine Verdienste um die Zoologie und vergleichende Anatomie (der er den Namen Morphologie beilegte) genommen werden. Wenn Goethes Entwicklungspoesie in späteren Jahren einen Zug annimmt, der uns wenig verständlich ist, so ist zu bedenken, daß er mit seinem Vorstellungskreis bereits in die Höheperiode der Naturphilosophie hineinreicht.
2. Naturphilosophie.
Die +Naturphilosophie+ beruht auf der Voraussetzung: Natur und Geist sind identisch, sie sind nur die beiden Pole des Absoluten. Der negative Pol ist die Natur, welche anorganische und organische Erscheinungen zu einem Gesamtorganismus verknüpft, wobei die Kräfte der organischen Natur sich in höherer Potenz in der organischen vorfinden. Der positive Pol ist der Geist in drei Stufen seines Verhaltens, dem theoretischen, praktischen, künstlerischen. Das auf diesen Prinzipien beruhende philosophische System, verbunden mit religiösen Dogmen und kabbalistischem Einschlag, enthielt ein in dieser Stärke neues Element: die Entwicklungsidee, die besonders auf die organische Naturforschung überaus befruchtend wirkte, so schwer die ganze Geistesrichtung zeitweise und in gewissen Köpfen der Naturforschung gefährlich wurde. Jedenfalls wirkte sie in einem Sinne vorteilhaft: man begann die großen Linien der Biologie aufs neue zu ziehen, und zunehmende Erfahrung mußte schon die vorschnellen Verallgemeinerungen auf ein richtiges Maß zurückführen. Wenn wir nicht +Schellings+ Naturphilosophie als Urbild wählen, sondern die +Okens+, so geschieht dies, weil doch Oken auch die ausgedehnteste Sachkenntnis zur Verfügung stand. Das Tierreich ist ein großes Tier, die Tiere nur Teile desselben, das Tierreich nur das zerstückelte höchste Tier, der Mensch. Wie dieser vom ersten Keim an in der Befruchtung entsteht und allmählich Bläschen, Darm, Kieme, Leber, Geschlechtsteil, Kopf wird, so auch das Tierreich. Es gibt Tiere, welche dem Menschen während der Schwangerschaft, dem Embryo, dem Fötus entsprechen. Eine Blüte, welche, vom Stamme getrennt, durch eigene Bewegung sich selbst den galvanischen Prozeß oder das Leben erhält, die ihren Polarisationsprozeß nicht von einem außer ihr liegenden oder mit ihr zusammenhängenden Körper hat, sondern nur von sich selbst -- solche Blüte ist ein Tier. Die Pflanze ist in die Erde, das Wasser, die Luft eingetaucht, dagegen sind diese drei Elemente in das Tier eingetaucht. Der Urschleim ist der Meerschleim, der in ihm ursprünglich ist. Alles Leben stammt aus dem Meere. Die höheren organischen Formen sind an den seichten Stellen des Meeres entstanden. Die Gestalt des Urorganischen ist die der Kugel, die ersten organischen Punkte sind Bläschen, die organische Welt ist eine Unendlichkeit solcher Bläschen. Besteht die organische Grundmasse aus Infusorien, so muß auch die organische Welt sich aus Infusorien entwickeln. Pflanzen und Tiere können nur Metamorphosen aus Infusorien sein. Das Verfaulen ist eine Reduktion des höheren Lebens auf das Urleben. Der Mensch ist nicht erschaffen, sondern entwickelt. Die naturphilosophische Methode ist nicht die wahrhaft ableitende, sondern die gewissermaßen diktatorische, aus der die Folgen herausspringen, ohne daß man weiß, wie. Die Naturphilosophie ist die Wissenschaft von der ewigen Verwandlung Gottes in die Welt. Solche Sätze aus Okens Naturphilosophie (1809) mögen einen Begriff von dem Vorstellungskreis geben, der dieser Richtung zu eigen ist; aber auch von der Fruchtbarkeit des Entwicklungsgedankens, aus dem die Zellenlehre, das biogenetische Grundgesetz u. a. m. hervorsprangen, ehe die Empirie imstande war, der Philosophie zu folgen.
+Lorenz Oken+ (_geb. 1779 bei Offenburg, 1807 aus Göttingen nach Jena berufen, 1827 nach München, 1833 nach Zürich, gest. daselbst 1851_) entwickelte eine reiche literarische Tätigkeit, die zugleich auf Popularisierung der Wissenschaft zielte; er hat eine große Zahl der heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die höheren Gruppen des Tierreiches gebildet, war um die Durchführung rationeller Grundsätze des Naturgeschichtsunterrichts bemüht, begründete die Versammlung der deutschen Naturforscher und bot in seiner „Isis“ einen Tummelplatz der Meinungen, auf dem alle regen Gelehrten seiner Zeit sich betätigten. Untersuchungen hat er selbst wenige angestellt, wohl aber durch seine Polemik höchst wertvoll gewirkt. Noch sei erwähnt, daß er auf dem Gebiet der vergleichenden Anatomie mit der Wirbeltheorie einer einheitlichen Betrachtung des Wirbeltierkopfes ebensowohl wie Goethe vorgearbeitet hat.
An +Oken+ schließen sich neben Phantasten auch Forscher von bleibendem Verdienst an oder gehen parallel zu ihm die Wege der Naturphilosophie. Die umfassendste und reichste Natur unter ihnen war +C. G. Carus+ (_geb. 1789 in Leipzig, 1811 daselbst Professor der vergleichenden Anatomie, der erste selbständige Vertreter dieses Faches in Deutschland, 1814 Professor der Geburtshilfe an der Medizinischen Akademie Dresden, 1827 Leibarzt des Königs, gestorben 1869_).
Die empirische wie die literarische Tätigkeit von Carus erstreckte sich fast über alle Gebiete der Biologie. Außer den Lehrbüchern über Geburtshilfe, Chirurgie und Tierpsychologie, Zootomie (1818) und vergleichende Anatomie, seinen Atlanten über die Proportionenlehre des menschlichen Körpers und vergleichende Anatomie besitzen wir von ihm eine Reihe von empirisch wohlbegründeten Arbeiten über Aszidien, Kreislauf der Insekten, vergleichende Anatomie des Nervensystems; daneben beschäftigte er sich im Anschluß an die Oken-Goethesche Schädeltheorie in mehr phantastischer Weise mit der Homologie der Skeletteile, wobei er, im Gegensatz zu Geoffroy, der sich an die Knochenfische hielt, die Bedeutung des Schädels der Knorpelfische für die vergleichende Anatomie besonders hervorhob. Sein System der Tierwelt, das prinzipiell dem Okenschen verwandt, aber besser durchgeführt war, mag hier als Typus eines solchen wiedergegeben werden:
I. +Eitiere+ (mit dominierendem Charakter des menschlichen Eies):
Infusorien, Zölenteraten, Echinodermen.
II. +Rumpftiere+ (mit vorwiegend vegetativem Leben):
~a.~ Bauch- und Darmtiere (Gasterozoa): Mollusken; ~b.~ Brust- und Gliedertiere (Thorakozoa): Artikulaten.
III. +Hirn- und Kopftiere+: Vertebraten.
~a.~ Kopfgeschlechtstiere: Fische. ~b.~ Kopfbauchtiere: Reptilien. ~c.~ Kopfbrusttiere: Vögel. ~d.~ Kopfkopftiere: Säugetiere.
In seinen Schriften „Psyche“ und „Physis“ tat Carus tiefe Einblicke in die Natur des Menschen, und wußte seiner Psychologie eine auch von philosophischer Seite anerkannte Fassung zu geben. Mit Goethe verband ihn das gemeinsame Interesse für Morphologie, das auch in einem beachtenswerten Briefwechsel seinen Ausdruck fand.