Chapter 3 of 11 · 3947 words · ~20 min read

Part 3

Die umfangreichste naturwissenschaftliche Leistung älteren Datums ist das Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“ von +T. Lucretius Carus+. Römertum und epikureische Philosophie wirken in ihm ein Naturgemälde von großem Wurf und einheitlicher Stimmung. Doch zeigt dieses Bild mehr die Sehnsucht nach Befreiung von den Banden des Aberglaubens und Ausdeutung eines naturwissenschaftlichen Inhaltes von einer biologisch sehr eng begrenzten Fassung nach den Schemata der materialistischen Mystik. In Beobachtung und theoretischer Deutung geht Lucrez indes nicht über seine griechischen Vorbilder hinaus. Der verarbeitete Tierbestand ist ein dürftig zu nennender. Einheit der Schöpfung kommt nur insofern zur Geltung, als für Lucrez die Erde die Allmutter ist, die jedwede Art entsprießen ließ. Einst erzeugte sie Riesengeschlechter, heute bringt sie nur noch kleines Getier hervor. Unter dem Atomismus, der im Vordergrund steht, verwischt sich die Grenze zwischen anorganischer und organischer Natur vollständig; so kommen Samen auch den anorganischen Naturkörpern, ja sogar den Grundkräften zu. Auch die Anatomie entspricht nicht mehr den alexandrinischen Erfahrungen. Das Herz ist Sitz der nervösen Erregungen. Obschon die Gewebe der Tiere gleich zu sein scheinen, sind sie doch bei jeder Art verschieden. Diese Verschiedenheit ist lediglich eine solche der Verbindung der Stoffe, nicht ihrer Beschaffenheit. Anregungen für die Zoologie konnten aus diesem Werke ebenso wenig hervorgehen, wie etwa aus Schillers „Spaziergang“, trotz dem hohen poetischen Gehalt dieser Dichtung, die zu den besten auf römischem Boden gewachsenen gehört.

Unter den römischen Schriftstellern nimmt für die Zoologie an geschichtlicher Bedeutung +Plinius d. Ä.+ (_geb. 23 n. Chr. zu Verona, gest. 79 beim Ausbruch des Vesuv_) den ersten Rang ein. Von seiner enzyklopädischen Vielschreiberei geht uns nur der auf die Naturgeschichte bezügliche Teil an, die 37 Bücher der Naturgeschichte, die auch wieder nur zum Teil die Zoologie betreffen. Nach Plinius eignen Angaben stellt dieses Werk den Auszug von 20000 Tatsachen aus 2000 Bänden anderer Schriftsteller vor. Mit der Natur verband ihn kaum eigene Berührung, ja auch die Schriftsteller, die er exzerpierte, waren nicht in erster Linie die selbständigen Forscher, sondern selbst schon Kompilatoren dritten und vierten Ranges. So kam denn dieses „Studierlampenbuch“ (Mommsen) zustande, das als Quelle für zoologisches Wissen sozusagen wertlos ist, aber auf Jahrhunderte hinaus eine unverdiente Geltung behauptete.

Plinius hat einige Tiere mehr als Aristoteles aufgeführt. Eine logische Ordnung der Tierwelt ist bei ihm nicht durchgeführt. Dazu fehlte vor allem das Ordnungsprinzip der Anatomie. Mit dem Menschen, den Plinius im Gegensatz zu Aristoteles aus dem Tierreich heraushebt, wird der Anfang gemacht. „Des Menschen wegen scheint die Natur alles erzeugt zu haben, oft um hohen Preis für ihre zahlreichen Geschenke, so daß sich kaum unterscheiden läßt, ob sie dem Menschen eine bessere Mutter oder schlimmere Stiefmutter sei.“ Dann folgen die Säuger, untermischt mit den Reptilien; ferner die Wassertiere, die Vögel, die Insekten und die niederen Tiere. Innerhalb der einzelnen Abteilungen, die lediglich der literarischen Einteilung zuliebe gemacht sind, werden die Tiere nach ihrer Größe abgehandelt. Der Elefant steht an der Spitze der Säugetiere, die Wale an der der Wassertiere, der Strauß an der der Vögel. Über die Dimensionen einzelner Tiere, über Lebensweise, Beziehungen zum Menschen werden die unvernünftigsten und kritiklosesten Angaben gemacht. Eine geordnete Beschreibung auch einfachster Formen fehlt. Trotz all dieser Mängel und der Abwesenheit jedes Vorzuges hat die Naturgeschichte von Plinius eine gewaltige historische Wirkung getan. Der naiven Neugier des Mittelalters und eines guten Teiles der Neuzeit genügte sie und ließ Aristoteles in den Hintergrund treten, der Unwissenden viel schwerer verständlich war. Der Wundersucht bot Plinius reichere Nahrung als Aristoteles. Seine Darstellung des Menschen und die Annäherung der Tierfolge an die der Bibel, sowie die nachfolgende Wunderliteratur, die sich ihm anschloß oder annäherte, machte ihn zum Beherrscher der zoologischen Literatur für die Folgezeit. Noch Buffon steht ganz unter dem Banne von Plinius, und Cuvier nennt ihn auf gleicher Höhe mit Aristoteles!

Fast märchenhaft lauten die Berichte über +Veranstaltungen von Tierhaltung und Tierzucht+ bei den reichen Römern. Schon zur Zeit des zweiten Punischen Krieges begann Fulvius Hirpinus Tierzwinger (Leporarien) anzulegen, mit Hasen, Kaninchen, Rehen, Hirschen und Wildziegen. Acht ganze Eber zierten einst die Tafel des Antonius. Lemnius Strabo legte große Vogelbehälter an (Aviarien), und die Pfauenzucht wurde industriell ausgebeutet. Neben seltenen Taubenvarietäten, Gänseleber, Krammetsvögeln und Störchen zierten Flamingozungen und Straußgehirne die Tafel. Zum größten Luxus gedieh die Fischzucht, wovon noch die großen Fischbehälter (Piscinen) in Puzzuoli (der sogen. Serapistempel) aufs beredteste Zeugnis ablegen. Einzelne große Exemplare von Fischen wurden mit Gold aufgewogen. Nicht minder reich war die Tierwelt, die zu den Gladiatorenkämpfen aufgeboten wurde. Elefant, Rhinozeros, Giraffe, Hippopotamus, Auerochs, Löwe, Tiger, Panther, Krokodil wurden zu Dutzenden und Hunderten vorgeführt. Kunststücke durch Zähmung standen hinter den heutigen Leistungen nicht zurück. Und all dieser Aufwand an Tieren führte doch weder zu tieferer Kenntnis, noch vermochte er wissenschaftliche Interessen zu wecken.

Die ganze spätrömische +Literatur+ ist durch Aufzählungen mediterraner und fremdländischer Tiere charakterisiert, deren Identität vielfach kaum mehr festzustellen ist; insbesondere grassieren in ihr Fabelwesen, wie Martichoras, Greif, Phönix, Chimära, Einhorn usw., und fabulöse Darstellungen bekannter Tiere. Das Tier selbst verliert seinen Wert als Glied im wissenschaftlichen System; es interessiert nur noch Liebhaber und Schaulustige und wird daher entweder wie ein Stück Hausrat oder Schmuck der Natur, oder als gastronomische und dekorative Staffage einer ohnehin raffinierten Lebenshaltung, als Kuriosität, als Zucht- und Jagdobjekt, als außermenschlicher Träger von menschlichen Eigenschaften, die ihm angedichtet werden, behandelt. Die schon bei den alexandrinischen Schriftstellern und Plinius aufgelöste Ordnung des Tierreichs zerfällt weiter und weicht später einer alphabetischen. Die Anatomie macht nicht nur keine Fortschritte, sondern schon das längst Bekannte fällt weg, und das wirklichkeitsfremde Naturbild der Literatur wird immer mehr dazu angetan, allem Wunderglauben Tür und Tor zu öffnen, Zauberei und Magie aufleben zu lassen. Auch in der literarischen Form beruht die spätrömische Zoologie meist nur auf Nachahmung griechischer Vorbilder.

+Ovids+ Halieutika sind ein Fragment, das in trockener Aufzählung vom Fischfang im Schwarzen Meere berichtet. Ein Wundergeschichten- und Fabelbuch, worin etwa 130 meist verloren gegangene Autoren ausgezogen werden, ist uns von +Älian+ erhalten. Sein Inhalt geht meist auf entsprechende Berichte alexandrinischer Autoren zurück und zeigt eine ganz erstaunliche Unordnung des Stoffes. Auf weitaus höherem Standpunkt stehen die dem +Oppian+ zugeschriebenen Gedichte über Jagd der Landtiere und Seetiere. Insbesondere dieses gibt eine lebensvolle und bunte Darstellung der marinen Fauna und ihrer Lebensweise, die neben eingestreuten Mythen und moralischen Reflexionen ein gutes Stück frischer Naturbeobachtung enthält. Ähnlich gehalten sind das Buch des +Marcellus+ von den Fischen, die Paraphrase zu +Dionysos+ von den Vögeln und zahlreiche ähnliche Lehrgedichte.

5. Alexandrinische Anatomie.

Neben dem wenig erfreulichen Bild der absterbenden wissenschaftlichen Zoologie bietet Alexandria aber auch dasjenige gewaltigen +Aufschwunges der Anatomie+. Wenn nun auch dieser Aufschwung nicht auf die Zoologie unmittelbar zurückwirkte, so tat er es doch mittelbar. Denn in Alexandria wurde der Grund für die pergamenische Anatomie gelegt, die selbst wiederum im ausgehenden Mittelalter und im Beginn der Neuzeit zum Wiederaufleben der Zootomie führte. Zu den wissenschaftlichen Instituten Alexandrias gehörte u. a. eine Anatomie, wo sicher tierische und menschliche Leichen seziert, vielleicht auch Vivisektionen von Verbrechern ausgeführt wurden. Unter einer großen Anzahl wissenschaftlicher Ärzte ragen hervor +Herophilos+ (unter Ptolemäus I. und II.) und +Erasistratos+ (geb. ca. 325). +Herophilos+ vertiefte die anatomische Beobachtung in vorher ungewohnter Weise. Er erkannte in den Nerven besondere Organe, deren Ursprung auf die Zentren zurückführe und die der Empfindung und Willensäußerung dienen; er beschrieb die Adergeflechte und Hirnhöhlen, Auge und Sehnerv, die Chylusgefäße, den Zwölffingerdarm; er begründete die Pulslehre in einer besonderen Schrift und führte aus, daß das Herz den Arterienpuls veranlasse. +Erasistratos+ erkannte den Unterschied von Empfindungs- und Bewegungsnerven, verglich die Windungen des Hirns bei Tieren und Menschen, beschrieb die Herzklappen und die Sehnenfäden, korrigierte vielfach im einzelnen die Ansichten von Herophilos. Von hier wurde die Anatomie später nach Pergamon übertragen.

Die wissenschaftliche Gesamtleistung der antiken Biologie und Medizin, soweit sie in Einklang mit den damaligen Allgemeinanschauungen möglich war, faßte zusammen und formulierte für die Zukunft +Galenos+ von Pergamon (geb. 131 n. Chr.). Tiergeschichte im Sinne der Aristotelischen enthalten seine Werke nicht mehr. Im Vordergrund stehen der Mensch, die Anatomie und die Physiologie. Denn anschließend an Aristoteles sieht Galen in der Seele die oberste Einheit des Organismus, die sich der einzelnen Organe nur bedient, um ihre Ziele zu erreichen. Die Organe sind die Instrumente; Aufgabe der Anatomie ist, festzustellen, wozu jedes diene. Damit wird Galen der Begründer der Teleologie auf dem Gebiet der organischen Naturforschung und daher der Physiologie. Tieranatomie, Experiment und Vivisektion sind in seiner Hand wichtige, von ihm ausführlich beschriebene und ausgiebig verwendete Hilfsmittel zur Forschung und im Dienste des Unterrichts. Mit seiner Erfahrung knüpft er vorwiegend an die voraufgehenden Alexandriner an; literarisch sucht er den Anschluß in erster Linie an Hippokrates. Die Tierwelt zieht er da in den Kreis seiner Betrachtungen, wo sie zur Erläuterung des Menschen dient. Dabei gibt er vielfach interessante und lebensvolle Schilderungen derselben. Seine Einteilung des menschlichen Körpers nach den Hauptorgansystemen ist die Grundlage für die spätere Mondinos und Vesals geworden. Von den einzelnen Teilen der Seele, den Lebensgeistern, hat der psychische seinen Sitz im Gehirn, der vitale im Herzen, der physische in der Leber. Endlich sei nicht vergessen, daß er die epikureischen Lehren von der Rolle des Zufalls bei der Entstehung der Organismen eingehend und mit Argumenten bekämpft hat, die auch gegen den Darwinismus wieder geltend gemacht wurden.

IV. Mittelalterliche Zoologie.

1. Patristik.

Im +frühen Mittelalter+, das mit der Patristik einsetzt, finden sich zunächst noch kaum erhebliche Unterschiede von der voraufgehenden Zeit. Die größte Schicht zoologischer Literatur besteht aus jenen Wunderbüchern des ausgehenden Altertums. Die Zoologie lag so sehr danieder, daß das erwachende Christentum in ihr keine feindliche Macht erblickte. Und doch bedeutet die Organisation der christlichen Wissenschaft zugleich die Organisation mächtiger Widerstände, die sich dem später aufwachenden Trieb nach Naturkenntnis mit dem ganzen Rüstzeug einer scharfen Gelehrsamkeit widersetzten, während hinwiederum die Kirche die Tradition des Wissens vom Altertum in die Neuzeit rettete. Die bewußte Abkehr von dieser Welt ließ alsbald im menschlichen Körper und im Tier etwas Niedriges empfinden. Die Polemik gegen die antiken Naturphilosophen und der Assimilationsprozeß der heidnischen Ethik durch die christliche konzentrierte den Rest naturhistorischer Interessen auf wenige Punkte, für deren theoretische Betrachtung jetzt die Richtlinien vorgezeichnet wurden, die bis heute für alle vulgär oder neuplatonisch philosophierende Zoologie die maßgebenden geblieben sind. Es erhielten ihre Formulierung die Probleme der Schöpfung, des Ursprunges des Lebens, der Vererbung, der Individualität, der Entstehung des Menschen, des Zusammenhanges von Leib und Seele. Während also zu dieser Zeit die zoologische Forschung ruht, gestalteten sich die Punkte aus, die stets zu brennenden werden, sowie die zoologische Wissenschaft mit dem christlichen Glauben sich freundlich oder feindlich auseinandersetzt. Mehr als andere altchristliche Schriftsteller, die sich mit der Naturforschung beschäftigten, gehen auf die menschliche Anatomie und Physiologie ein: Tertullian, Lactantius, Nemesius von Emesa; doch ist das Verhältnis zur Mannigfaltigkeit der organischen Natur ein ähnliches, wie wir es etwa bei Lucrez oder Galen antreffen, es bewegt sich im Rahmen der stoischen Philosophie. Den Charakter eines großartigen naturphilosophischen Systems hat erst die Lehre +Augustins+ (354-430), die einen Ausgleich zwischen der Platonischen Philosophie und der mosaischen Schöpfungsgeschichte herstellt, der, für alle Zeiten maßgebend, auch heute noch den Kern der christlichen Naturphilosophie bildet. Seinem Grundsatze entsprechend, daß Naturphilosophie auf Naturwissenschaft zu fußen habe, rückt er in den Vordergrund seine Lehre von der Entstehung der Organismen, die Seminaltheorie. Nach dieser sind die Samen erstens ewig als Ideen im Logos Gottes, sodann vorgebildet als Ursamen in den Elementen der Welt vor ihrer Entfaltung, drittens in den ersten Individuen jeder Art, viertens in allen wirklich existierenden Individuen. Die zweite Form der Samen ist es, die durch Gottes Schöpferwort ins Dasein gelangen, oder mit Thomas von Aquino zu reden: die aktiven und passiven Kräfte, welche die Prinzipien des Werdens und der Bewegung in der Natur sind. Entsprechend damaligem Wissen behandelte Augustin die ~Generatio aequivoca~ (Entstehung von Organismen aus dem Anorganischen) und erblickt in ihr ein reales Analogon zu der idealen Darstellung des mosaischen Schöpfungsberichtes. In bezug auf den Menschen sucht er den spezifischen Unterschied in der Seele des Menschen, der in körperlicher Hinsicht nichts vor dem Tiere voraushabe. „Denn wie Gott über jedes Geschöpf, so ist die Seele durch die Würde ihrer Natur über jedes körperliche Geschöpf erhaben.“

Ein Werk von bedeutendem Einfluß auf die Zoologie des Mittelalters hat +Isidor von Sevilla+ (Anfang des 7. Jahrhunderts) verfaßt. Sonst aber fand das Bedürfnis nach Zoologie Genüge in dem als +Physiologus+ bekannten, im frühen Mittelalter entstandenen, bis ins 14. Jahrhundert maßgebenden, in die meisten Sprachen der damaligen Kulturwelt übersetzten Werke. Ursprünglich enthielt es wahrscheinlich nur ein Verzeichnis der biblischen Tiere nebst deren Beschreibung. Allmählich aber schlichen sich fabelhafte Erzählungen aus der antiken Literatur ein, wurden mit christlicher und kabbalistischer Symbolik verbrämt und beliebig ausgeschmückt oder erweitert.

Ein hervorragender literarischer Anteil an der Zoologie des Mittelalters kommt den Arabern zu. Zwar sind bis jetzt aus ihren Schriftwerken keine Ansätze zu selbständiger Erfassung des Stoffes nachgewiesen; wohl aber gebührt ihnen das Verdienst, die Werke Aristoteles’ und Galens berücksichtigt, unter sich überliefert und der wiedererwachenden Wissenschaft des Abendlandes vornehmlich durch Übersetzungen und durch den Unterricht an ihren hohen Schulen übermittelt zu haben. Ferner hat in ihnen der Gedanke an Einheit des Weltalls, die Einsicht in die Materie als eine letzte Ursache natürlichen Geschehens lebhafte und scharfsinnige Verteidiger gefunden (Avicenna, Averrhoës). Endlich ist der europäischen Zoologie durch +Abu Soleimans+ Reisen nach Indien und China, durch +Edrisis+ an die Ostküste von Afrika (im 12. Jahrhundert), durch +Kaswinis+ nach Südasien neue Kenntnis von fremden Tierwelten zugeflossen.

2. Hohes Mittelalter.

Die Zeitströmungen, die das +hohe Mittelalter+ bewegt haben, sind in ihrem Wert für das Wiedererwachen der Zoologie außerordentlich schwer abzuschätzen. Ein beschränkter und vielfach zerfabelter Bestand an zoologischem Wissen ist nie ganz untergegangen, schon rein praktische Interessen der Ernährung, der Jagd und der Heilkunst hielten ihn wach. Sollen wir aber die wissenschaftliche Neugestaltung und Mehrung dieses Wissens erleben, so muß eine gründliche Veränderung in der Stellung des Menschen zur Natur voraufgehen. Diese Veränderung erscheint als Folge weit auseinanderliegender historischer Ereignisse, die hier kaum mehr als gestreift werden können. Dahin gehört das Erwachen des Naturgefühls, wie es der Tradition zufolge in einem +Franz von Assisi+ und seinen Tausenden von Nachfolgern Platz griff. In der Kreatur waltet Gott. Umbrien erscheint ihm als ein Paradies, dessen Tiere er als Brüder verehrt, den Regenwurm rettet er vor dem Zertreten und stellt für die hungrigen Bienen im Winter Honiggefäße hin. Die Unterhaltung mit der Lebewelt ist ein Teil nur seines liebevollen Überschwanges, den er in die gesamte Natur hineinträgt. Ihm folgt das gerettete Häslein auf Schritt und Tritt, die Zikade läßt sich vom Baum herab auf seine Hand, um mit ihm den Schöpfer zu preisen, und die Schwalben verstummen, um das Wort Gottes aus seinem Munde anzuhören. Neben der akademisch-dialektischen, aber der Beobachtung fremden arabischen und der volkstümlich mystischen, aber unwissenschaftlichen Linie geht eine dritte, die durch eine der mächtigsten Persönlichkeiten des Mittelalters bezeichnet wird, durch +Friedrich+ II. von Hohenstaufen, den mystisch beanlagten, wissensdurstigen, unter arabischem Einfluß gereiften Zweifler und Philosophen auf dem Kaiserthrone. Unter ihm erblüht aufs neue die medizinische Schule von Salerno. Er ordnet ihren Lehrgang und den der Universität zu Neapel und verlangt menschliche Anatomie als Vorbereitungsfach für Mediziner (1240). Er wirft die Probleme auf, ob Aristoteles die Ewigkeit der Welt bewiesen habe, was die Ziele und Wege der Theologie und der Wissenschaft überhaupt seien. Für ihn muß Michael Scotus die Tiergeschichte von Aristoteles übersetzen. Auf seinen Befehl müssen seltene Tiere aus Asien und Afrika herbeigeschafft, die Untiefen der Meerenge von Messina durch Taucher untersucht werden. Ja, harmlose Gemüter, denen all solche Neugier verhaßt war, beschuldigten ihn begreiflicherweise der Vivisektion von Menschen. Seine Schöpferkraft kommt in der Zoologie am schönsten zur Geltung durch sein Buch über die Kunst, mit Falken zu jagen. Das Thema war nicht neu und wurde schon von byzantinischen Schriftstellern behandelt. Im Werke des Kaisers aber spricht zu uns eine ausgedehnte Kenntnis nicht nur des angezeigten Gegenstandes, sondern der Ornithologie im allgemeinen, der der erste Teil gewidmet ist. Reiche Erfahrungen des Vogellebens, der Anatomie und Physiologie der Vögel finden hier eine planmäßige Darstellung; das Skelett wird genau beschrieben und entgegen Aristoteles die Extremitätenknochen richtig gedeutet, wie denn auch Friedrich vielfach seine von Aristoteles abweichende Meinung ausdrückt; der Mechanismus des Fluges, die Wanderungen der Zugvögel, ja auch die Anatomie der Eingeweide werden abgehandelt. Durch das ganze Werk erhebt sich Friedrich zum ersten Male auf eine Stufe der Zoographie, wie sie eigentlich erst drei Jahrhunderte nach ihm wieder zu vollem Bewußtsein erwachte. Mochte er auch immerhin selbst die Anleitung zu seinen Beschreibungen aus der Anatomie des Menschen und der Haustiere, wie sie zu Salerno gepflegt wurde, geschöpft haben.

3. Ausgehendes Mittelalter.

Die Zoologie des +ausgehenden Mittelalters+ erhält ihre Physiognomie durch folgende Erscheinungen: Durch die Wiederbelebung der Wissenschaft im Anschluß an die Schriftwerke von Aristoteles wurde eine philosophische Richtung erzeugt, die man als Scholastik bezeichnet, und damit werden sowohl die Aristotelischen Prinzipien der Naturbetrachtung, wie auch deren Resultate aufs neue Gegenstand der Literatur. +Wilhelm von Moerbecke+ übersetzte 1260 die Tiergeschichte von Aristoteles ins Lateinische und erschloß sie damit der scholastischen Literatur. Unter Benützung von Aristoteles suchten das Wissen ihrer Zeit in umfassender Form drei Dominikaner darzustellen: +Thomas von Cantimpré+ (1186-1263), +Albert von Bollstädt, der Große+ (1193-1280) und +Vincent de Beauvais+. Von diesen hat jedoch nur der zweite auf Grund eigener Kenntnisse im wesentlichen Aristoteles’ Tierkenntnis von der Vorherrschaft des Bestandes an Tierfabeln etwas geläutert. Der erste ist von Bedeutung dadurch geworden, daß er die Anregung zu +Konrad von Megenbergs+ Buch der Natur gab, einem der wertvollsten Vorboten neuzeitlicher Naturbeobachtung. Dieses Werk, zunächst als Übersetzung kritisch ausgewählter Abschnitte aus Thomas ca. 1350 entstanden, war bis zum 16. Jahrhundert ungemein verbreitet und wurde vor 1500 schon sechsmal, zum Teil illustriert gedruckt. Ähnlich, aber älter ist „Der Naturen Bloeme“ von +Jakob van Maerlandt+.

Von Salerno aus hatten sich unterdessen die medizinischen Studien unter starker Betonung der Anatomie über ganz Italien verbreitet. Zum intensivsten und vielseitigsten Herd derselben wurde +Bologna+ gegen Ende des 13. Jahrhunderts, nachweisbar unter dem Einfluß der Verordnungen Friedrichs II. und des Studiums von Galens Schriften und Aristoteles’ Schrift über die Teile der Tiere. +Alderotto+, +Saliceto+ und +Varignana+ gingen voraus. +Mondino+ (1315) folgte und schuf die bis auf Vesal maßgebende Anatomie, deren besonderes Verdienst es war, wenigstens in die Beschreibung Ordnung zu bringen. Verwendung von Spiritus, Injektion der Blutgefäße, Mazeration, Trocknung, Abbildung und wohl noch andere technische Vervollkommnungen nahmen von hier aus ihren Weg allmählich über ganz Europa. Neben dem Menschen wurden vielfach Tiere zergliedert.

Nur kurz ist zu erwähnen, daß +Marco Polo+ unter den Resultaten seiner Reisen (1275-1292) eine Reihe von Schilderungen exotischer Tiere gegeben hat, die den Kreis der vorder- und zentralasiatischen Fauna bedeutend erweiterten. Die Wissenschaft war aus den Klostermauern heraus, an die Höfe, an die hohen Schulen, ja ins Volk getreten. Nach Naturbetrachtung und Naturbeobachtung sehnten sich gleicherweise der Arzt wie der Künstler. Und wie der Beginn der großen Seefahrten eine unendliche Erweiterung des Materialzuwachses brachte, so mußte die Wiederbelebung der antiken Literatur zu erneuter Ordnung des neuentdeckten Reichtums der Natur führen.

So leiten denn manche Erscheinungen des 15. Jahrhunderts zu einer neuen Periode hinüber, die auch für die Geschichte unserer Wissenschaft mit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts anhebt. Als wichtige Ereignisse auf dieser letzten Staffel vor der Neuzeit sind hervorzuheben der Beginn von mehr oder weniger naturgetreuen Darstellungen der Tiere, wie z. B. +P. Giovios+ Fische des römischen Marktes (1524), oder der Pflanzen, wie bei der ganzen Reihe zisalpiner, zum Teil in Italien geschulter Botaniker, die auch die Tierwelt nicht ganz unberücksichtigt ließen, wie der „Gart der Gesundheit“, +Bock+, +Brunfels+, +Fuchs+ u. a., die unter allen Umständen mit dem Sinn für die Pflanzen auch den für die Mannigfaltigkeit des Tierreichs weckten. Ein mächtiger Vorstoß zur bildlichen Erfassung der Natur geschah durch +Leonardo da Vinci+ (1452-1519), dessen künstlerische Vielseitigkeit sich auch die Naturgeschichte des Menschen, der Haustiere und der Pflanzen untertan machte. Mit der Buchdruckerkunst beginnt die Reproduktion und Verbreitung der antiken Literatur, wobei Hippokrates, Aristoteles, Plinius, Galen ein mächtiges Kontingent stellten und zur Kritik ihrer Angaben herausforderten. Anderseits schädigt die Buchdruckerkunst noch auf lange Zeit hinaus unsere Wissenschaft durch zahlreiche Auflagen von Konrad von Megenberg, Bartholomäus Anglicus und dem sog. Elucidarius, welche den Physiologus als Wunderbücher abgelöst hatten. Den von Äneas Sylvius eröffneten kosmographischen Interessen kam Johannes Leo Africanus mit seiner Schilderung nordafrikanischer Tiere nach. So reifte denn jene Zeit der Ernte heran, die, von den 1550er Jahren beginnend, auf einige Zeit einen großen, aber kurzen Aufschwung naturhistorischer Studien und Publikationen und damit eine schärfere Umgrenzung der Zoologie als einer selbständigen Wissenschaft herbeiführte.

V. Neuzeitliche Zoologie bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.

~A.~ Periode der Zoographie.

Neuzeit.

Schon hatte in Italien die Renaissance den Zenit überschritten und war in Deutschland mit der Reformation ein neuer Geist zum Durchbruch gekommen, unsere Wissenschaft hatte es noch nicht über ein vorläufiges Stadium hinaus gebracht. Alle die wertvollen im vorigen Kapitel geschilderten Ansätze hatten noch keine größeren Gedankenreihen erzeugt, die eine ähnliche Durchdringung der belebten Natur verraten hätten, wie sie in andern Gebieten der Erkenntnis bereits wirksam war.

1. Philologische Zoologie.

Vorerst tritt mit einer gewissen Geschlossenheit nur die +philologische Zoologie+ auf den Plan. Die Erstausgabe von Aristoteles war unter Anleitung von +Th. Gaza+ 1497 zu Venedig erschienen. Neben Aristoteles wurden indes Plinius, Älian, Oppian u. a. als gleichwertig betrachtet. Verehrung des Altertums befahl ihr Studium, ohne daß man die Tatsachen zu kontrollieren gerüstet gewesen wäre. +P. Gyllius+ schrieb Älian zusammen, +Massaria+ verfaßte einen Kommentar zu Plinius’ IX. Buch (1537), +Longolinus+ einen Dialog über die Synonymik der Vogelnamen in den klassischen Sprachen und im Deutschen. Reifere Früchte dieser Richtung sind indes erst über die späteren Jahrhunderte zerstreut, und als solche sind besonders zu erwähnen ein Kommentar zu der Aristotelischen Schrift über die Teile der Tiere von +Furlanus+ (1574), die Ausgabe der Tiergeschichte von +Scaliger+ (1619), die Ausgabe des Plinius von +Hardouin+ (1723), des Älian von +Gronovius+ (1744). Selbstverständlich wirkte auch die Herausgabe von Hippokrates und Galen auf die philologische Zoologie zurück.

Damit ist die eine Linie gezeichnet, welche schon für die literarische Darstellung und Wiedergabe neuer Befunde zu Beginn der Neuzeit von größerer Bedeutung sein mußte, als heute. Eine zweite Linie führt von der Erneuerung der Anatomie zu der der Zoologie, ohne daß gerade ein unmittelbarer Zusammenhang, etwa durch die Zootomie, vermittelt würde. Das grundlegende Werk für die Anatomie der Neuzeit, die ~Corporis humani fabrica~ von +Andreas Vesal+ (1514-1565), war im Jahre 1543 erschienen. Es gab das Vorbild für alle anatomischen Beschreibungen und Illustrationen ab. Dadurch gelang es Vesal, den blinden Glauben an die umfangreichen Werke Galens und damit überhaupt an die wissenschaftliche Tradition zu brechen. Hatten die Bologneser Anatomen Galen gegenüber den Arabern hergestellt, so kehrte Vesal, wie es Galen selbst vorgeschrieben hatte, zur Natur zurück und lehrte aufs neue die Biologen das wissenschaftliche Sehen. Dabei lehnt er sich in der obersten Gliederung seines Stoffes noch stark an Galen an und legt der Anatomie ein System zugrunde, das noch heute nicht nur die menschliche, sondern auch die vergleichende Anatomie beherrscht (Knochen, Bänder, Muskeln, Nerven, Sinne, Darm, Respirations-, Zirkulations-, Urogenitalsystem). Vergessen wir nicht, daß mit dem Buchdruck der Holzschnitt die bildliche Wiedergabe ermöglichte und damit ein neues Bindeglied zwischen der Anschauung und der Überlieferung geschaffen war, dessen das Mittelalter so gut wie ganz entbehrt hatte.

Die Zoologie nahm indes ihren Ursprung von der Beobachtung und Beschreibung der Gesamttiere und ihren Eigenschaften aus, vom Habitus und von der Lebensweise. Das literarische Modell lieferte Plinius in dominierender, Aristoteles nur in untergeordneter Weise. Der Anfang dieser Periode wird bezeichnet durch ein williges Eingehen auf die Mannigfaltigkeit der Tierwelt und einen unbegrenzten Drang, unsere Kenntnis von ihr zu bereichern. Die einheimische, die fernerliegende und die überseeische Fauna treten nach und nach in den Kreis der Beschreibung, Abbildung und Vergleichung. Die Ordnung der Objekte und ihr Bau tritt zunächst zurück, ebenso die Kontrolle älterer Angaben auf ihre Wahrheit. Mit der Kuriosität der Gegenstände, ihrem Nutzen für die menschliche Ökonomie und der Absicht, die Angaben antiker Schriftsteller zu bestätigen, rechtfertigen sich die ersten zoologischen Bemühungen.