Part 10
Darwins Hauptmitkämpfer war +Th. H. Huxley+ (er nannte sich selbst Darwins „Generalagenten“), zugleich einer der vielseitigsten und regsten Geister der englischen Zoologie des 19. Jahrhunderts. Geboren 1825, absolvierte er 1842 seine Studien an der Londoner Universität, begleitete dann als Schiffsarzt die „Rattlesnake“ (1846-1850). In diese erste Periode seiner Studien fällt eine große Zahl von Arbeiten über die niederen Metazoen des Meeres. Nach London zurückgekehrt, entfaltete er seine großen Fähigkeiten als Popularisator der Naturwissenschaften und als Universitätslehrer. Ihm ist geradezu die Methodik des biologischen Universitätsunterrichts von England zu danken. In den fünfziger Jahren bearbeitete er mehrfach fossile Wirbeltiere, stellte auch seine Schädeltheorie und seine Lehre vom Archetypus der Form auf. Beim Erscheinen der Entstehung der Arten von Darwin trat er aufs nachdrücklichste in Wort und Schrift für die neue Lehre ein und zog durch seine 1863 erschienene Schrift über die Stellung des Menschen in der Natur die Konsequenz der Transmutationslehre für den Menschen an einem Punkt, wo Darwin sich mit schüchternen Andeutungen begnügt hatte. Neben rastloser Arbeit über zahlreiche Themata, die er zuerst im Lichte der Entwicklungslehre erscheinen ließ (z. B. Abstammung der Vögel von den Reptilien, Zusammenfassung beider Klassen als Sauropsida) und die auch einen Niederschlag im Handbuch der vergleichenden Anatomie der Wirbellosen fand, widmete sich Huxley der öffentlichen Vertretung seines Faches auf allen Gebieten als Praktiker im Dienste der Fischerei, der Bekämpfung der Infektionskrankheiten usw., ohne indes seine glänzende oratorische und literarische Begabung im Dienste des Darwinismus und namentlich im Kampfe für den „Agnostizismus“ gegen die Kirche von England aufzugeben. +Huxley+ starb 1895 und hinterließ eine hervorragende Schülerschaft, die vorzugsweise in kritisch-empiristischem Sinne die Zootomie pflegt. Die geistige Erbschaft Darwins trat eine Reihe von jüngeren Forschern an, die noch der Gegenwart angehören und die in bezug auf diese oder jene Probleme der in England noch am stärksten verbreiteten Zuchtwahltheorie allgemeine Gültigkeit zu erkämpfen suchten. An der deutschen Kritik am Darwinismus ist indessen die englische Schule Darwins bisher vorbeigegangen.
[2] Für eine ausführlichere Darstellung dieser Lehren sei auf Nr. 60 der Sammlung Göschen: Tierkunde von F. v. Wagner verwiesen.
3. Darwinismus in Deutschland.
In Deutschland war der Boden für den Darwinismus vorbereitet durch die tiefen Furchen, welche der Materialismus und die Überwindung der Naturphilosophie bereits gezogen hatten. Der erste Schritt war +G. Bronns+ Übersetzung der „Entstehung der Arten“ (1860). Sodann trat +Haeckel+ 1862 in seiner Monographie der Radiolarien und 1863 in einer Rede an die Versammlung der deutschen Naturforscher zu Stettin für die neue Lehre ein. 1863 erschienen +K. Vogts+ Vorlesungen über den Menschen, 1864 +Fr. Müllers+ Schrift „Für Darwin“. Damit waren die ersten Ansatzpunkte gegeben, von denen der deutsche Darwinismus seine weitere Entwicklung nahm. +Ed. von Hartmann+ schildert den Ablauf dieser historischen Erscheinung in den Worten: „In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts überwog noch der Widerstand der älteren Forschergeneration gegen den Darwinismus; in den siebenziger Jahren hielt dieser seinen Siegeslauf durch alle Kulturländer, in den achtziger Jahren stand er auf dem Gipfel seiner Laufbahn und übte eine fast unbegrenzte Herrschaft über die Fachkreise aus; in den neunziger Jahren erhoben sich erst zaghaft und vereinzelt, dann immer lauter und in wachsendem Chore die Stimmen, die ihn bekämpften; im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts scheint sein Niedergang unaufhaltsam.“ So schematisch ist zwar dieser Ablauf nicht und auch dann paßt er nicht auf das Verhalten der Zoologie in Frankreich und England. Aber es wird dadurch etwa die Chronologie der ersten Welle des Darwinismus, die über Deutschland ging, angegeben. Zunächst ist zu scheiden zwischen dem Erfolg der Transmutationstheorie und dem der Selektionstheorie. Die erstere hat sich in Deutschland allmählich und stetig Bahn gebrochen und ihre Bedeutung wird heute nur noch von wenigen Ausnahmen verkannt oder geleugnet. Die Selektionstheorie hat stärkere Wandlungen durchgemacht. Sie hat einen künstlichen Ausbau und vielfache Stützen durch verwandte Theorien erhalten, die, mit großer Feinheit ausgesponnen, doch nicht zu einer Erklärung der Entstehung der Art bisher führen konnten. Um diese spezielle Ausarbeitung der Selektionstheorie sind besonders bemüht +A. Weismann+ und +L. Plate+. Auf die Innenwelt des Organismus hat sie +W. Roux+ (Der Kampf der Teile im Organismus 1881) übertragen. Zu ergänzen gesucht hat sie +M. Wagner+ (1813-1887) durch seine Migrationstheorie (1868). Der Unzulänglichkeit der Selektionstheorie suchten zahlreiche Forscher durch andere Erklärungsversuche abzuhelfen, so +A. von Koelliker+ durch die Lehre von der sprungweisen Entwicklung, +C. v. Nägeli+ durch seine mechanisch-physiologische Theorie der Abstammungslehre (1884), +Th. Eimer+ (1843-1898) durch die Lehre von der Orthogenese (1888), endlich an der Wende des Jahrhunderts +H. de Vries+ durch die Mutationstheorie. Die philosophisch-kritische Beurteilung des Darwinismus ist namentlich von zwei Seiten unternommen worden: erstens von +Eduard von Hartmann+ und zweitens von +Albert Wigand+ (1821-1886). Ersterer hat 1866 in der 1. Auflage der Philosophie des Unbewußten eine Stellung präzisiert, die er im wesentlichen noch am Ende des Jahrhunderts vertreten konnte und die namentlich Gegenstand einer besonderen Schrift (Wahrheit und Irrtum im Darwinismus 1874) geworden ist. Wigand hat vom Standpunkte des Bibelglaubens aus in seinem Darwinismus (1874) eine Kritik gegeben, die außer auf Darwin auf alle hervorragenderen am Darwinismus beteiligten Vertreter der deutschen Naturforschung einging; das Werk kann, obschon in seinem Widerstand gegen die Entwicklungslehre völlig verfehlt, doch bisher nicht als durch die Kritik der Selektionstheoretiker widerlegt bezeichnet werden. Was vor allem bisher fehlt, ist eine Beurteilung des Darwinismus auf umfangreicher philosophiehistorischer Basis, und bis diese gegeben ist, kann auch der Wert der ganzen Erscheinung als eines zoologiehistorischen Ereignisses nicht präzisiert werden. Wir beschränken uns daher darauf, hier nur noch diejenige Persönlichkeit zu besprechen, die als Prototyp des deutschen Darwinismus unter allen Umständen die größte Bedeutung behalten wird, die auch den Darwinismus für die Zoologie am meisten fruchtbar gemacht hat, +Ernst Haeckel+.
+Ernst Haeckel+ ist geboren 1834 in Potsdam, studierte von 1852 ab Medizin und Naturwissenschaften in Würzburg, Berlin, Wien, 1859/60 widmete er sich namentlich dem Studium der marinen Fauna, habilitierte sich 1861, wurde 1862 außerordentlicher und 1865 ordentlicher Professor an der Universität Jena, von der aus er glänzende Berufungen ablehnte. Er unternahm zahlreiche Reisen ins Ausland, namentlich auch in die Tropen (Indische Reisebriefe 1883). Die literarische Produktion Haeckels ist eine sehr bedeutende, umfangreiche und künstlerisch reich ausgestattete. Bearbeitungen der Protozoen, Kalkschwämme, Hornschwämme, der Medusen und Siphonophoren, der Korallen nehmen viele, teils dem Reisewerk der Challenger-Expedition angehörende Bände in Anspruch. Der marinen Zoologie, insbesondere auch dem Studium des Planktons galt zeitlebens sein intensives Interesse. Die Haupttätigkeit Haeckels entfällt jedoch auf die biologisch-theoretische Seite, teils in streng wissenschaftlicher systematischer Bearbeitung (Generelle Morphologie 1866, Systematische Phylogenie 1894-95), teils in mehr oder weniger dem Universitätsunterricht oder der Belehrung eines weiteren Publikums angepaßten Werken (Natürliche Schöpfungsgeschichte, von 1868 an, Anthropogenie 1874, Welträtsel 1899, Lebenswunder 1904, Kunstformen in der Natur 1904). Dazu kommen zahlreiche Streit- und Gelegenheitsschriften, wie Ziele und Wege der Entwicklungsgeschichte 1875, Der Monismus 1892.
Die Stellung Haeckels in der Geschichte der Zoologie ist vor allem darin begründet, daß er die Lehre Darwins und zugleich den Hauptinhalt der deutschen Zootomie und Entwicklungsgeschichte, wie sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts vorlag, als Grundlagen zu einer Umgestaltung der theoretischen Biologie benützte, wie sie in solchem Umfang in der Neuzeit niemals war unternommen worden. Aus dem Darwinismus schaltete er die Zuchtwahllehre, der er auch nie Spezialstudien zuwandte, insofern aus, als er sie mit den übrigen als umbildend anzunehmenden Prinzipien unter dem Begriff der Anpassung subsumierte. Dabei kam von seiner Seite die erste begeisterte Zustimmung zur Umwandlungslehre, deren systematisch über die ganze Lebewelt sich erstreckende Durcharbeitung sein Verdienst ist. Haeckel blieb nicht mehr dabei stehen, die Klassifikation der gesamten Organismen genealogisch zu behandeln, mit kühner Hand Stammbäume für sie zu entwerfen, die als provisorische Leitlinien die größten Dienste getan haben. Gedanken der deutschen Naturphilosophie auf neuer empirischer Basis entwickelnd, fing er an, auch die Organe, Gewebe, Zellen in genetischen Zusammenhang einzuordnen, die genetische Betrachtung auch auf die Funktionen auszudehnen, die biologischen Disziplinen in ihren gegenseitigen Beziehungen zu untersuchen, ganze Gebiete der Wissenschaft erst mit wohl gewählten Bezeichnungen auszurüsten. Rücksichtslos in der Konsequenz des Entwicklungsgedankens, reihte er den Menschen mit vollem Bewußtsein dem Natursystem ein. Er erweckte den Erfahrungsgrundsatz des Parallelismus der ontogenetischen und phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Entwicklung zu erneuter Bedeutung, wozu ihm zahlreiche Vorarbeiten auch anderer Forscher (Fr. Müller, Kowalewski) überzeugendes Material an die Hand gaben. Die Einheit der geweblichen Entwicklung der höheren Tiere suchte er in der Gasträatheorie und der Zölomtheorie zum Ausdruck zu bringen. Einer Menge von tierischen Formen wies er auf Grund der genetischen Betrachtungsweise zuerst ihre richtige Stellung im System an. Diese unbestreitbaren Verdienste Haeckels, denen sich eine vielfach kleinliche und schwächliche Opposition entgegenwarf, können auch diejenigen nicht anfechten, die seinem Ringen nach Weltanschauung im Sinne der Entwicklungslehre passiv oder negativ gegenüberstehen, oder die seine Bemühungen um Popularisierung seiner Ansichten und Organisation Gleichgesinnter wenig gerne sehen. Die Kunst des Wortes, der Schrift und des Stifts, seine glänzende Persönlichkeit hat nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Welt, wo seine in alle Kultursprachen übersetzten Werke wirkten, der deutschen Zoologie eine Anerkennung erzwungen, die von keinem anderen Forscher in ähnlichem Maße ausging und die höchstens der Wirkung Cuviers zu vergleichen ist. Als Lehrer hat Haeckel eine ausgedehnte Schule von Entwicklungstheoretikern sowohl wie von mehr empirisch tätigen Forschern begründet, der die Vertiefung der Entwicklungslehre mit ihre wesentlichsten Züge verdankt. Der Rahmen unserer Arbeit, sowie der Umfang und die Aktualität des Stoffes verbietet uns, mehr als in diesen Andeutungen die geschichtliche Stellung Haeckels zu umreißen.
Im Anschluß an Haeckel ist +W. Preyer+ (1841-1897) vor allem zu nennen, als der Vertreter der Entwicklungslehre in der Physiologie. In zahlreichen gedankenreichen Aufsätzen und Werken ist Preyer für sie eingestanden und hat ihr gesucht auch auf praktisch wichtige Fragen Einfluß zu verschaffen. Es sind hier besonders erwähnenswert: Die Seele des Kindes (1882), Die spezielle Physiologie des Embryo (1884), Naturforschung und Schule (1887), worin er im Bunde mit Haeckel der Entwicklungslehre Eingang in die Schule zu erkämpfen sucht. Eine neue Grundlage für die Systematik der Physiologie brachte Preyers Einleitung in die allgemeine Physiologie (1883).
4. Amerikanische Zoologie.
Die amerikanische Zoologie setzt mit Beginn des 19. Jahrhunderts ein, mit +B. S. Barton+ (1766-1815), der über Faszination durch die Klapperschlange und über das Opossum schrieb. 1808-1814 erschien die Ornithologie von +A. Wilson+ (1766-1813), +Bonaparte+ komplettierte 1825-1833 Wilsons Werk. Gleichzeitig erschien +Rich. Harlans+ Fauna von Amerika und +J. D. Godmans+ Werk über nordamerikanische Säugetiere (1826-1828). 1847 tritt die Smithsonian Institution in Tätigkeit und damit beginnen fortgesetzte zoologisch-systematische Studien. 1846 begründet +L. Agassiz+ das Studium der vergleichenden Anatomie und Entwicklungsgeschichte nach europäischem Muster in Cambridge Mass. Neue Impulse gehen sodann von Darwins Werken aus, insbesondere tritt der hoch begabte und vielseitige +E. D. Cope+ (1840-1897) an die Spitze der amerikanischen Entwicklungstheoretiker und Paläontologen. Der wesentliche Bestand der amerikanischen Zoologie gehört der unmittelbaren Gegenwart an und hat eine Ausdehnung angenommen, die für die positivistisch zersetzte Wissenschaft Europas eine gefährliche und ebenbürtige Konkurrenz bedeutet.
IX. Zoographie nach der Mitte des 18. Jahrhunderts.
1. Fortbildung der Klassifikation.
Wenn von der weiteren Entwicklung der Zoographie und Systematik von Linné an im folgenden Abschnitt die Rede ist, so versteht sich von selbst, daß die Hauptentwicklung sich innerhalb der französischen Zoologie vollzieht und die Zoologie anderer Länder auch bei großartigen Leistungen doch meistens nur als Partnerin, selten aber überlegen an die Seite tritt. Daher fällt ein Teil des hierhergehörigen Stoffes mit der in den vorhergehenden Abschnitten behandelten Geschichte zusammen. Vergleichen wir die Zahl der beschriebenen Arten der wichtigsten Tiergruppen zu Linnés Zeiten und in der Gegenwart, so erhellt daraus eine solche Massenzunahme unserer Kenntnis, daß eine Aufsplitterung wie bei der Zoographie bei der Systematik als notwendige Folge erscheint. Einer Zusammenstellung von +Möbius+ zufolge haben von der zehnten Auflage Linnés, also 1758-1898 im ganzen 2700 Autoren über 400000 Spezies von Tieren bekannt gemacht. Auf die einzelnen Gruppen entfallen folgende Zahlen:
---------------------------+------------------+---------------- | Zahl der Spezies | Ungefähre =Tierklassen= | in Linnés | Zahl der jetzt | Systematik, | bekannten | 10. Aufl. 1758 | Spezies ---------------------------+------------------+---------------- Säugetiere | 183 | 3500 Vögel | 444 | 13000 Reptilien und Amphibien | 181 | 5000 Fische | 414 | 12000 Schmetterlinge | 542 | 50000 Käfer | 595 | 120000 Hymenoptern | 229 | 38000 Diptern | 190 | 28000 Neuroptern | 35 | 2050 Orthoptern | 150 | 13000 Hemiptern | 195 | 30000 Spinnen | 78 | 20000 Tausendfüßler | 16 | 3000 Krebse | 89 | 8000 Pyknogoniden | -- | 150 Würmer | 41 | 8000 Manteltiere | 3 | 400 Moostiere | 35 | 1000 Mollusken und Brachiopoden | 674 | 50000 Echinodermen | 29 | 3000 Schwämme | 11 | 1500 Protozoen | 28 | 6000 ---------------------------+------------------+-------------- Summe der Arten | 4236 | 418600
Wenn wir diesen Zeitraum überblicken, so hat sich die scheinbar einfachste Arbeit, die sorgfältige Beschreibung und die Umgrenzung der Arten nach übereinstimmenden konstanten Merkmalen, am meisten gelohnt, in zweiter Linie die Wiedereinführung anatomischer Prinzipien in die Klassifikation durch Cuvier, endlich die Verknüpfung mit den Tatsachen der räumlichen und zeitlichen Verbreitung. Relativ geringer Wert kommt aber den Resultaten der Klassifikation zu, da durchgehends das reale Band der Blutsverwandtschaft, auch wo es geahnt wurde, vor 1860 nicht zu Schlußfolgerungen für die Systematik verwertbar wurde, dann aber zu einer überraschenden Entwertung gerade der oberen Gruppen des Systems führte, während die Art ihre praktische Bedeutung behielt. Es kann daher nicht Aufgabe unserer kurzen Darstellung sein, die Resultate der Klassifikation ausführlich zu behandeln, vielmehr sind nur die wichtigsten Fortschritte der Klassifikation sowie die bedeutendsten Vermehrungen und Bereicherungen unserer Kenntnis durch Reisen hervorzuheben.
In diesen Dingen zeigt die Periode von Linné bis zur Mitte des Jahrhunderts stark einheitliche Züge. Reisen zugunsten der Zoologie werden jetzt nicht nur etwas häufiger, sondern man nimmt geschulte Naturforscher mit an Bord. Doch ist ihre Tätigkeit noch in erster Linie auf Sammlung für Museumszwecke berechnet, nicht mit zootomischen oder physiologischen Absichten verbunden. Die Museen haben noch den Charakter von Raritätenkammern, ihr Inhalt ist universal, sie enthalten also nicht getrennte Abteilungen für Belehrung und wissenschaftliche Arbeit und sind noch an die europäischen Kulturstätten gebunden, nicht universal verbreitet mit lokal spezialisierten Absichten; ebenso sind die Tiergärten noch Schaustellungen fürs Publikum, nicht Versuchsstationen, wie sich denn auch die Laboratorien noch nicht von den Museen ablösen und den Lebensbedingungen der zu erforschenden Lebewelt anpassen. Alle die weiteren Entwicklungen gehören erst der zweiten Hälfte des Jahrhunderts an.
Es versteht sich fast von selbst, daß die Schilderung einzelner Tiergruppen unter steigender Spezialisierung an Umfang und Genauigkeit zunahm. Es würde zu weit führen, wollten wir all dieser Monographien gedenken, die, abgesehen von den geschichtlich bedeutungsvollen Persönlichkeiten, eine Menge sorgfältiger und fleißiger Einzelarbeiter beschäftigt haben. Nach verschiedenen Seiten sind indes die +zoographischen Spezialgebiete+ zu allgemeinerer Bedeutung gelangt, wovon hier kurz Notiz genommen werden muß.
Die Protozoen traten aus dem Zustande eines Lieblingsobjektes dilettierender Mikroskopiker mit dem Auftreten der Zellenlehre; +von Siebold+ bildete namentlich die Lehre von ihrer Einzelligkeit aus. In ihrer Bedeutung für die Entwicklungslehre vielfach überschätzt, gewannen sie wiederum gegen Ende des Jahrhunderts an Aktualität durch den Einblick in ihren Wert als Krankheitserreger für die medizinische Zoologie.
Über die Schwämme herrschten anfangs des Jahrhunderts noch sehr unklare Vorstellungen, bis +Grant+ 1826 die Kenntnis ihres Baues zu fördern begann und die Untersuchung ihrer Entwicklung sie den Zölenteraten nahe brachte.
Die Gasträaden wurden als Übergangsgruppe zwischen Protozoen und Metazoen 1876 von Haeckel aufgestellt.
Die Zölenteraten bildeten während des ganzen Jahrhunderts ein Hauptfeld der Untersuchung für die Fragen des von +J. Steenstrup+ entdeckten Generationswechsels, der tierischen Kolonien, der Ökologie des Meeres (Korallen), sowie insbesondere der vergleichenden Histologie und Physiologie.
Die Echinodermen erfuhren mit der Ausbildung der marinen Zoologie konstanten Zuwachs an Arten und Typen (Krinoiden), bewährten sich als eine der geeignetsten Gruppen zum Vergleich zwischen lebenden und fossilen Formen. Die wichtigste Entdeckung auf diesem Gebiet glückte +Joh. Müller+, der zuerst ihre Entwicklungsgeschichte aufhellte.
Die Würmer lösten sich als Gruppe immer mehr aus dem von Linné geschaffenen Verbande mit den übrigen Wirbellosen, um jedoch schließlich wieder ganze große Stämme in sich aufzunehmen (Bryozoa, Brachiopoda). Mit +Rudolphi+, der ihre Artenzahl auf das Dreifache steigerte, beginnt die Einsicht in die medizinische Bedeutung der Schmarotzer und ihrer Entwicklungsstadien, die denn in der Folgezeit die schönsten Entdeckungen zur Reife brachte. Die Helminthologie wurde dadurch zur Basis einer umfassenderen Parasitenkunde, die heute die Bakterien und Protozoen einschließt.
Das Studium der Insekten löste sich mit vermehrter Kenntnis der Arten allmählich mehr aus dem Verbande der übrigen Zoologie, als je zuvor; doch werden sie stets wieder von hoher theoretischer Bedeutung, sowie allgemeinere Fragen in der Zoologie auftreten, so für die vergleichende Anatomie am Anfang, für die Geographie und Ökologie mehr am Ende des Jahrhunderts.
Die vereinzelten Formen, wie Peripatus, Zephalodiskus, Myzostoma usw., ja auch die Chordaten werden in ihrer hohen Bedeutung als Bindeglieder sehr entfernter Stämme erst von der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ab gewürdigt (+A. Kowalewski+, Entwicklungsgeschichte der Aszidien 1866, von Amphioxus 1867, der Salpen 1868). Die Mollusken waren durch Cuvier zu klassischen Objekten der Invertebratenanatomie geworden. Immer mehr trat daher an Stelle der Konchyliologie, die nur die Schalen berücksichtigte, das Studium des gesamten Molluskenorganismus und seiner Entwicklung.
Die Klassifikation der Fische nahm durch +Valenciennes+ einen glänzenden Anfang. Immer mehr gewannen die Fische an Wichtigkeit für die Beurteilung des gesamten Vertebratentypus, wogegen die weitere Klassifikation wenig Befriedigung brachte.
Die Reptilien und Amphibien der Gegenwart erhielten, nächst den Säugetieren, am meisten ihre Beleuchtung von der Überfülle der fossilen Formen, die zum Vorschein kamen. Dadurch fiel die auf Grund der lebenden allein aufgestellte von +Brogniart+ 1799 vorgenommene Trennung in Reptilien und Amphibien dahin.
Die Vögel boten realen Zuwachs an geographisch interessanten Formen, namentlich an fossilen und subfossilen. Zu einer befriedigenden Klassifikation derselben kam es nicht, trotz anerkennenswerter Versuche, die Anatomie in den Dienst der Systematik zu stellen.
Wohl die größte Veränderung ist in der Kenntnis der Säugetiere im Laufe des Jahrhunderts und namentlich gegen Ende desselben eingetreten. Die Monotremen, die um die Wende des 18. Jahrhunderts entdeckt wurden, erwiesen sich als Bindeglieder nach den Reptilien; mit Cuvier begann die Beschreibung der fossilen Formen, deren Zahl sich am Ende des Jahrhunderts auf ca. 4000 beläuft. Nimmt zunächst die Zahl der Säugetierordnungen, namentlich auf Grund der Weichteilanatomie zu, so reduziert sie sich wieder, je mehr fossile Bindeglieder bekannt werden, deren Reichtum die heutige Säugetierwelt, mit Ausnahme weniger Gruppen (Nager, Raubtiere, Paarhufer), als eine reduzierte erscheinen läßt. In der Säugetierklasse bildet sich unsere Systematik am meisten zu einer genealogischen um durch Kombination der Verbreitungsgeschichte mit der Stammesgeschichte. Die Stellung des Menschen schwankt, bis sie durch Haeckel endgültig fixiert wird.
2. Reisen und Meeresforschung.
Für Naturforscher, wie sie jetzt auf +Reisen+ mitgenommen werden, hatte bereits +Buffon+ eine Anleitung verfaßt. In erster Linie stehen denn auch hier die Franzosen da, so um die Wende des Jahrhunderts +Péron+, +Lesueur+, +Lesson+, +Garnot+, +Quoy+ u. +Gaymard+ (1826-1829 Astrolabe), +Eydoux+ u. +Souleyet+ (1836-1837 Bonite); aber auch Engländer, Russen (+Chamisso+ 1815-1818 auf dem Rurik), Nordamerikaner (+Wilkes+ 1838-1842). +Azara+ bereiste Zentralsüdamerika von 1781-1801, +Alexander von Humboldt+ mit +Bonpland+ das nördliche Südamerika (1799-1804), der Prinz +Wied-Neuwied+ 1815-1821 Brasilien, 1817 drei österreichische Naturforscher, darunter +Natterer+, sowie +Spix+ und +Martius+, später +Rengger+ (1818-1826), +Pöppig+, +v. Tschudi+, +Castelnau+ und +Schomburgk+ ebenfalls verschiedene Gebiete desselben Kontinents. Auch die Tierwelt Nordamerikas wurde durch eine große Zahl von Forschern fixiert. Australiens Tierwelt erschloß besonders +John Gould+ von 1838 ab, die Sundainseln insbesondere +Raffles+, +Horsfield+ und die Holländer +Reinwardt+ und +Temminck+, Japan +Phil. von Siebold+. Südafrika wurde von +A. Smith+ und +K. H. Lichtenstein+ (von 1811 ab Professor in Berlin), Ostafrika von +W. Peters+ (dem Nachfolger Lichtensteins von 1856 ab in der Professur der Zoologie zu Berlin) auf seine Fauna erforscht. Nordostafrika wurde eifrig von deutschen Gelehrten untersucht, so von +Ehrenberg+, +Rüppell+, +v. Heuglin+, Algier von +Moritz Wagner+ (1836-1838).
Das Studium der Küstenfauna fand namentlich im Mittelmeer erneute Pflege. Um die Mitte des Jahrhunderts begannen auch +C. E. v. Baer+, +Joh. Müller+, +K. Vogt+, +Agassiz+ u. a. zu zootomischen und embryologischen Zwecken das Mittelmeer und die Nordsee aufzusuchen, während ein ganz selbständiger Zweig der marinen Zoologie in Skandinavien anzusetzen begann. Hier war es nämlich +M. Sars+ (1805-1869, ursprünglich Theologe, von 1854 ab Professor der Zoologie in Christiania), welcher die Küstenfauna Norwegens eingehend untersuchte (1846), Tiefenzonen aufstellte, die Krinoiden als noch heute existierende Tiefenformen nachwies. Auch der Engländer +Edw. Forbes+ (1815-1854) hatte 1841-1843 im Ägäischen Meere Tiefenzonen der Faunen festgestellt, welche namentlich auch von den Paläontologen zur Erklärung der fossilen Faunen beigezogen wurden. +Sars+, sowie sein Sohn nahmen von 1850 ab an verschiedenen arktischen Expeditionen teil und brachten eine reiche Ausbeute an Tiefseeformen zurück. Wyville Thompson sah dieses Material und bewog +B. Carpenter+, den Plan einer Reise eigens zum Zwecke der Tiefseeforschung aufzunehmen. Infolge des reichen, nördlich von Schottland gewonnenen Ertrages wurde die +Challenger-Expedition+ ausgerüstet (1872-1876), an der außer +Wyv. Thompson+ auch +John Murray+ teilnahm. Diese Expedition wurde die wissenschaftlich erfolgreichste Seereise. Ihr folgten zahlreiche ähnliche, aber kleinere Unternehmen in den siebziger und achtziger Jahren. Neuere, mit großen Hilfsmitteln ausgerüstete Expeditionen brachten weiteren überraschenden Zuwachs, namentlich an physiologisch interessanten Lebewesen der Tiefsee. Das Bedeutendste leisteten die +Siboga+-Expedition, (1898 u. ff.), die +Valdivia+-Expedition (1898/1899 unter +C. Chun+) und die Fahrten des +Fürsten Albert I. von Monaco+ (von 1887 an). Schon Johannes Müller hatte ein wachsames Auge auf den „Auftrieb“ des Meeres, der sich mit feinen Netzen an der Oberfläche fischen läßt. Dieser Auftrieb, das Plankton, wurde insbesondere von +V. Hensen+, dem Kieler Physiologen, zum Gegenstand besonderer, auch quantitativer Untersuchungen gewählt (von 1887 ab), die mit Rücksicht auf die Ökonomie des Meeres unternommen wurden. +S. Lovén+ (1809-1895, von 1840 ab Professor und Direktor des Museums in Stockholm) brach der Untersuchung des Süßwasserplanktons Bahn. +P. Müller+, ein Skandinavier, begann diese Studien 1870 im Genfer See fortzusetzen, wodurch die früher an Hand der Flora gepflegten geographischen Beziehungen zwischen alpiner und nordischer Lebewelt neue Nahrung fanden.
Aus der Errichtung zoologischer Laboratorien erwuchs bald das Bedürfnis, solche an die Meeresküste zu verlegen und sie speziell der Erforschung der Meeresfauna zu widmen. Der Typus dieser Stationen ist von +A. Dohrn+ (geb. 1840, ehemals Privatdozent in Jena) geschaffen worden in der Zoologischen Station von Neapel, deren Gründung, 1870 begonnen, 1874 zur Eröffnung des Laboratoriums führte, das die Metropole aller ähnlichen Unternehmungen in allen Weltteilen geworden ist. Die Reihe der Stationen zur Untersuchung des Süßwassers wurde mit Plön (+O. Zacharias+ 1891) eingeleitet. Anschließend mag hier die Gründung von Seewasseraquarien im Binnenland erwähnt werden, so namentlich die des Aquariums im Garten der Zoologischen Gesellschaft von London (1853), desjenigen im Jardin d’Acclimatation (1861) sowie des einzigen als selbständiges Institut errichteten Berliner Aquariums durch +A. Brehm+ (1869).
So eröffnete sich denn auch für die Zoologie immer mehr eine Zukunft, die auf dem Wasser liegt. Durch ganz besondere Methoden des Forschens ist ein Gebiet erschlossen worden, dessen Betreten zu den geschichtlich eigenartigsten Erscheinungen der Zoographie des 19. Jahrhunderts gehört.
3. Geschichte und Bibliographie der Zoologie.
Die Geschichte der Zoologie wurde erst spät ein Gegenstand selbständiger Arbeiten. Das älteste Werk, das die Geschichte der zoologischen Systeme behandelt, stammt, wenn wir von gelegentlicher Berührung der Geschichte der Zootomie durch +A. von Haller+ (~Bibliotheca anatomica~ 1777) absehen, von +J. Spix+ (1811). Ausführlicher und im Zusammenhang mit der Naturgeschichte überhaupt stellte +Cuvier+ in Vorlesungen, die nach seinem Tode erst erschienen, die Entwicklung der Zoologie dar (1841-1845). Einen vortrefflichen Abschnitt bildet die Geschichte der Zoologie in +I. Geoffroy St. Hilaires+ Werk (1854, Bd. I). Wichtige Beiträge zur Geschichte der Zoologie lieferte +J. G. Schneider+. Auch +A. v. Humboldts+ geschichtliche Übersicht (Kosmos, Bd. II, 1847) ist noch immer beachtenswert. Die Entwicklung der vergleichenden Anatomie, freilich ohne deren Basis zu berühren, skizzierte +O. Schmidt+ (1855). 1873 erschien +J. V. Carus’+ Geschichte der Zoologie, ein Werk von sehr ungleichem Wert seiner Teile, mit dem Hauptgewicht auf dem Mittelalter, unter literarisch-grammatischer Behandlung des Stoffes und ohne Kenntnis der antiken Literatur geschrieben. Eine Übersicht der neueren Zoologie vor Darwin gab +E. Perrier+ (1884). Ein besonderes Verdienst haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Philologen um die antiken Texte unserer Wissenschaften erworben und damit historischer Behandlung derselben Vorschub geleistet. Dies gilt besonders für Aristoteles, dessen Bearbeitung bis 1870 durch deutsche Forscher (+J. B. Meyer+, +Frantzius+, +Aubert+ und +Wimmer+) und in Frankreich durch +Barthélemy St. Hilaire+ (bis 1890) große Fortschritte gemacht hat. Über mehrere Zoologen der Neuzeit existieren zwar Biographien, doch ist der Zusammenhang zwischen den Forschern und ihren Schulen, namentlich aber die Berührung der Zoologie mit den übrigen Wissenschaften im ganzen erstaunlich wenig bekannt.