Part 5
Mit alledem hatte die Zootomie ihre Grenzen ausgedehnt, Wirbellose und die Entwicklung aufs neue in den Kreis ihrer durch zweckmäßige Instrumente unterstützten Tätigkeit gezogen und war zu ungeahnter Breite ausgewachsen. Nebenher ging die Erweiterung des Tierbestandes im Sinne der Beschreiber des 16. Jahrhunderts durch Reisende oder Forscher, die sich die Fauna ihrer Heimat zum Vorwurf nahmen.
~B.~ Periode der Systematik.
1. Praktische und theoretische Organisation der Zoologie.
Mit der Würdigung der Objekte, über die man schrieb und lehrte, stellte sich früh schon das Bedürfnis ein, +Sammlungen+ anzulegen. Hierin gingen den Zoologen die Botaniker voran, da sie es mit leichter zu konservierenden Objekten zu tun hatten. +Clusius+ von Arras und +Aldrovandi+ werden als erste zoologische Sammler aufgeführt; jedenfalls nahm im 17. Jahrhundert die Lust zum Sammeln zu und in allen Kuriositätenkabinetten fanden sich neben allen anderen Gegenständen auch zoologische ein. Befördert wurde das Sammeln durch den Zusammenschluß der Gelehrten zu Gesellschaften und Akademien, die der Pflege der Sammlungen besonders oblagen. Vielfach wurden von diesen Sammlungen ausführliche und illustrierte Kataloge publiziert, so von der des Collegium Romanum 1678 und der Royal Society von London 1681; doch lag die Konservierungskunst noch zu sehr im argen, als daß der Wissenschaft bleibender Gewinn aus diesen Versuchen erwachsen wäre.
+Gelehrte Gesellschaften+ entstanden zuerst in Italien, aber auch in Deutschland, wo einige Ärzte 1651 sich zuerst zu der später (1677) privilegierten ~Academia Naturae Curiosorum~ zusammentaten, um sich mit Naturgeschichte zu beschäftigen, und in England, wo seit 1645 die Anfänge der Royal Society existierten. In dieselbe Zeit fällt die Gründung der Académie des Sciences in Paris, die die hervorragendste Zentrale gerade für zootomische Publikationen wurde. Diesem Vorbilde der großen Kulturzentren folgten alle bedeutenderen Städte, in denen Wissenschaft gepflegt wurde. Sie hatten den Vorzug, daß sie den Gelehrten teure Materialien zugänglich machten, wozu auch die Gründung von Menagerien, besonders des ~Jardin du roy~ unter Ludwig ~XIII.~, beitrugen.
Der +praktischen Organisation zoologischer Forschung+ ging die +theoretische+ zur Seite. Der Stoff hatte nachgerade unheimliche Dimensionen angenommen; aber er lag chaotisch da. Es fehlte vor allem an einem Unterscheidungsmittel rein äußerer Art für das Ähnliche und doch konstant Verschiedene! Andererseits machte sich das Bedürfnis geltend, die Gesamtheit des Bestandes an Tieren und Pflanzen nach einem natürlichen Prinzip, wie es die Botaniker schon seit der Renaissance suchten, zu ordnen. Dazu kam die solchen Strömungen günstige Zeitstimmung. Die Organisation der Kirche hatte unter den Jesuiten den Höhepunkt erreicht, Ludwig XIV. organisierte den Typus des europäischen Staates, Leibniz den des philosophischen Systems; braucht man sich da zu wundern, daß sich der Drang nach Organisation der Kenntnis von den Lebewesen, die den größten Bestand an damals bekannten konkreten Objekten darstellten, in gesteigertem Maße geltend machte?
2. John Ray.
+John Ray+, geboren 1628, studierte von 1644 in Cambridge Theologie, traf dort den etwas jüngeren +Fr. Willughby+ (1635-72) mit dem er sich intim befreundete, verlor als Nichtkonformist 1662 seine Stelle am Trinity College, reiste auf dem Kontinent 1663, zog sich von 1669 ab zu Willughby zurück, übernahm von 1672 an die Erziehung von Willughbys verwaisten Kindern, gab 1675 Willughbys Ornithologie, 1682 seine ~Methodus plantarum nova~, 1686 seine ~Historia plantarum~, 1693 seine Synopsis der Vierfüßer heraus und starb 1705. Um sich von Rays Gedankenkreis eine Vorstellung zu machen, muß man wissen, daß er Griechisch konnte, ohne bindende Verpflichtungen sich ganz seinen Aufgaben widmete und ein vielgelesenes Buch schrieb, worin er die Weisheit Gottes aus der Schöpfung bewies.
Rays Verdienste liegen fast vollständig auf methodischem Gebiete und gehören der gesamten Biologie an. Aber er beschränkte sich nicht darauf, seine Prinzipien aufzustellen, sondern er betätigte sich auch an den größten Gruppen der Lebewesen. Den Zeit- und Streitfragen der damaligen Biologie durchaus nicht fremd, suchte er in entgegengesetzter Weise wie die Mechanisten die Vereinfachung des biologischen Tatbestandes zu erreichen, Übersicht und Ordnung in die Mannigfaltigkeit tierischen Lebens zu bringen. Dabei lehnt er sich in höherem Grade, als dies seit Cäsalpin der Fall gewesen war, bewußt an Aristoteles an, sowohl in den allgemeinen Ausführungen über das Tier, wie auch im speziellen Modus der Gliederung der Tierwelt. Die beifolgende Übersicht bringt, abgesehen von der Erwähnung der Manati, geradezu nur den klassifikatorischen Inhalt der Aristotelischen Schriften in tabellarischer Form. +Ray+ scheute sich geradezu, die Wale den Säugetieren einzureihen, weil Aristoteles es nicht getan hatte, oder er behält die Bezeichnung genus für die größeren Gruppen bei, ohne deren Stufenfolge entsprechend zu charakterisieren. Und doch besteht ein großer Fortschritt: +Ray+ machte die Klassifikation zu einer selbständigen wissenschaftlichen Aufgabe; dadurch allein wurde der durch den Zuwachs an neuen Objekten drohenden Verwirrung Einhalt geboten. Sodann vollzog sich in +Rays+ Arbeiten wieder einmal der Prozeß, daß ihm für die Einteilung die Formmerkmale wichtiger wurden, als die Funktionsmerkmale, ohne daß er sich dessen bewußt war. Es war ein rein praktisches Verdienst Rays, daß er die Art (Spezies) definierte und gewissermaßen zur Norm, zur kleinsten Einheit des Systems erhob. Er selbst faßte die Feststellung des Artbegriffes als ein Hilfsmittel der Klassifikation auf. „Welche Formen der Spezies nach verschieden sind, behalten diese ihre spezifische Natur beständig, und es entsteht die eine nicht aus dem Samen einer andern und umgekehrt.“ Nun ist aber dieses Zeichen der spezifischen Übereinstimmung, obschon ziemlich konstant, doch nicht beständig und untrüglich. Denn „daß einige Samen degenerieren und, wenn auch selten, Pflanzen erzeugen, welche von der Spezies der mütterlichen Form verschieden sind, daß es also bei Pflanzen eine Umwandlung der Spezies gibt, beweisen die Versuche“. Es lag also vollkommen außerhalb der Absicht Rays, dem Artbegriff die dogmatisch starre Deutung zu geben, welche später beliebte. Seine Klassifikation kann hier nicht im einzelnen verfolgt werden, doch traf sie schon durch Anwendung des Aristotelischen Grundsatzes, Ähnliches zusammenzustellen und Unähnliches zu trennen, bei dem erweiterten Tierbestande, der jetzt vorlag, vielfach das Richtige und bedeutete im einzelnen einen wichtigen Schritt vorwärts. Bei den Insekten gründete Ray im Anschluß an Swammerdam die Einteilung auf den Vollkommenheitsgrad der Metamorphose. Ray überging den Menschen im Gegensatz zu seinen sonstigen Anlehnungen an Aristoteles vollständig. Er brach dagegen zuerst mit der Tradition, welche die alten Fabelwesen mitschleppte, und nahm nur positiv erwiesene Tiere in seine Verzeichnisse auf. Er dehnte seine Tätigkeit jedoch innerhalb der Wirbellosen nicht über die Insekten hin aus. +Martin Lister+, sein Freund, behandelte nach Rays Prinzipien die Mollusken. Hier mag auch noch +W. Charleton+ (1619-1707) um seiner Verdienste für die Nomenklatur willen aufgeführt sein. Er suchte zuerst einer zweckmäßigen Terminologie für die verschiedenen Eigenschaften der Form, Farbe usw. Eingang zu verschaffen.
Allgemeine Übersicht der Tiere (1693):
Tiere sind
{ =Bluttiere= und zwar { { =Lungenatmer= mit Herzventrikeln und zwar mit { { { deren =zwei= { { { { =Lebendiggebärende= { { { { { =Wassertiere=, Gruppe der +Wale+ { { { { { =Landtiere=, +Vierfüßer+, oder, um auch die { { { { { Manati einzuschließen, { { { { { +Haartragende+, mit Einschluß { { { { { der amphibisch Lebenden { { { { =Eierlegende=, +Vögel+ { { { deren =einem=, +Eierlegende Vierfüßer+ und { { { +Schlangen+ { { =Kiemenatmer=, Blutführende +Fische+ außer den Walen { =Blutlose= { =Große= und zwar { { =Weichtiere=, Polyp, Tintenfisch, Posthörnchen { { =Krustentiere=, Heuschreckenkrebs, Flußkrebs, Taschenkrebs { { =Schaltiere=, Einschaler, Zweischaler, Schnecken { =Kleine= Insekten.
3. Vermehrung der Tierkenntnis.
Daß diesem gewaltigen Aufschwunge der Zoologie am Ende des 17. Jahrhunderts ein bedeutender Niederschlag von neuen Leistungen, die sich die großen Meister zum Muster nahmen, folgen mußte, ist nicht überraschend. Nur in Kürze seien hier einige der wichtigsten zoologischen Werke aus dieser beschaulichen Periode (bis 1750) hervorgehoben.
Die +Tierkenntnis+ nahm teils durch Ausdehnung der Zootomie über seltene oder fremdländische Formen zu: +M. Sarasin+ (Biber, Vielfraß), +P. Blair+ (Elefant), +Jussieu+ (Hippopotamus), +Vallisneri+ (Chamäleon), oder aber durch Beschreibung neuer Arten und ihrer Lebensweise: +Rumph+, +Seba+, +Petiver+ (Südasien), +Kämpfer+ (Japan), +Pr. Alpin+, +Tournefort+, +Shaw+ (Orient und Nordafrika), +Sloane+ (Zentralamerika), +S. Merian+ (Surinam); insbesondere gewann die mitteleuropäische Fauna durch die Darstellungen von +Marsigli+ (Donau 1726), +Cysat+ (Schweizerseen 1661), +Breyn+ (Schaltiere). Das Lieblingsobjekt aber bildeten die Insekten, und den großen Publikationen des 17. Jahrhunderts folgte +R. A. F. de Réaumur+ mit seinen durch vielseitige Berücksichtigung der Biologie und Entwicklungsgeschichte klassischen Abhandlungen zur Naturgeschichte der Insekten (1734 bis 1742), der sich nebenbei auch um die Naturgeschichte der niederen Tiere, namentlich der Polypen, verdient gemacht hat. Das von ihm in Paris angelegte Museum ging später an den Jardin des Plantes über. Von verdienstvollen Arbeiten über Wirbellose sind hervorzuheben diejenigen von +J. H. Linck+ (1733) über die Seesterne, von +Marsigli+ (1711) über die Polypen und die Edelkoralle. Großes Aufsehen erregten die Experimente +Trembleys+ (1744) am Süßwasserpolypen.
4. Biologische Dogmatik.
Aus den Experimenten und Entdeckungen über niedere Tiere sowie über Eier und Spermatozoen, aus den mechanistischen Tendenzen der Physiologie und aus der Herrschaft der materialistischen Richtung in der Philosophie bildete sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine bis in die zweite Hälfte desselben hineinreichende theoretisierende Biologie heraus, die mit scholastischer Dialektik die Probleme vom Ursprung des organischen Lebens, von der Vererbung, von den Beziehungen zwischen organischer und anorganischer Welt fortspann und das von der Stellung des Menschen wenigstens streifte. Sie ist als die +biologische Dogmatik+ zu bezeichnen. Die von +Malebranche+ behauptete Präformation der Keime, wonach bereits entweder im Samentier oder im Ei der fertige Organismus mit all seinen Teilen nebst zukünftigen Generationen sollte eingeschachtelt sein, fand infolge der Kombination von Beobachtungen an Insekten und des Glaubens an die Artkonstanz unerschütterliche Anhänger in +Ch. Bonnet+ (1720-1793) und +Albr. von Haller+, bis +C. Fr. Wolff+ (1759) mit seiner ~Theoria generationis~ an Stelle der Präformationslehre, die sich außerdem mit dem Augustinismus deckte, wieder die von Aristoteles und Malpighi vertretene Epigenese setzte. Nach dieser Theorie entstehen die Organe erst innerhalb des Embryonallebens. Der Streit, ob das Ei oder das Samentierchen den eigentlichen Keim enthalte, welcher die Theoretiker in das Lager der +Ovulisten+ (Malpighi, Swammerdam, Vallisneri, Bonnet, Haller, Spallanzani) und das der +Animalkulisten+ trennte (Leeuwenhoeck, Leibniz, Boerhave), wurde scheinbar zugunsten der ersteren entschieden, als +Bonnet+ die Parthenogenese der Blattläuse entdeckte. Der endgültige Abschluß dieses Streites erfolgte aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über die Beziehungen zwischen organischer und anorganischer Natur dachte man sehr verschieden. +Buffon+ nahm keine solche Beziehungen an, wohl aber winzige Elementarorganismen, organische Partikeln, welche sich zusammentun und neue Organismen bilden sollten, da Buffon nach ungenauen Versuchen Needhams an die Urzeugung glaubte, die einwandfrei erst von Spallanzani (1786) endgültig widerlegt wurde. Andererseits leugnete z. B. +Maupertuis+ die prinzipielle Verschiedenheit der organischen und der anorganischen Natur. Die Theorie der Pangenesis fand für diesen Zeitraum die meisten Anhänger (Maupertuis, Buffon, später auch Oken); nach ihr sollten in die Zeugungsstoffe kleinste Teile aus allen Organen des Körpers eingehen und auf diese Weise die elterlichen Eigenschaften übertragen, wie dies schon Hippokrates ausgesprochen hatte. Aus alledem ist ersichtlich, daß durch die Kombination der tierischen Mechanik und der mikroskopischen Anatomie die Postulate des Neuplatonismus einen breiten Tummelplatz fanden, der, außerdem durch den Kampf zwischen den christlichen Dogmen und der modernen Skepsis durchfurcht, ein bis heute ertragreiches und namentlich in den letzten zwei Dezennien wieder viel kultiviertes Saatfeld gab. „Das Tier, ein System verschiedener organischer Moleküle, welche den Anstoß eines dumpfen Empfindens, das der Schöpfer der Materie ihnen erteilt hat, sich kombiniert haben, bis daß jedes seinen geeigneten Platz für seine Form und sein Gleichgewicht gefunden hat“ (+Diderot+ 1751). Über das Verhältnis der Tierwelt zur Erdgeschichte wurden die verschiedensten Hypothesen laut. +Bonnet+ sah die seit der Schöpfung vorhandenen Keime für alle Wesen vom Atom zum Cherubim sich allmählich zu einer Stufenleiter der Lebewesen auswachsen, die sich in drei großen Etappen folgen sollten. Wie er an das Gesetz der Kontinuität von Leibniz anknüpfte, so auch +Robinet+ (1768), ein moderner Vertreter des Hylozoismus, der eine sukzessive Vervollkommnung der Schöpfung annimmt, die Arten verwirft, nur durch unmerkliche Übergänge miteinander verbundene Individuen annimmt und dem Menschen eine große Zukunft in Aussicht stellt. Mehr an die Tatsachen, namentlich der Paläontologie, hielt sich +de Maillet+ (1748), der einer Entwicklung des Planeten und seiner Organismen, namentlich aber der Umbildung der letzteren aus primitiven Meerbewohnern das Wort redet.
5. C. von Linné.
Zu welchem Mißbrauch systematische Versuche führen konnten, wenn sie ohne tieferes Eindringen in die Wirklichkeit, rein auf logische Schemata hin unternommen wurden, das bewiesen aufs schlagendste die von einem hohlen und oberflächlichen Dilettantismus getragenen Arbeiten des Stadtsekretärs von Danzig, +J. Th. Kleins+ (1685-1759). Würden sie nicht eine vollkommene Analogie zu den dichotomistischen Spielereien in der Schule Platos bilden, so wären sie höchstens noch als Zeugnisse eines ungebrochenen, aber seinen Anhängern verhängnisvollen vielseitigen Eifers für die Tiere erwähnenswert. Sie stehen weit hinter der von Ray glücklich eingeleiteten Entwicklung der Klassifikation zurück, halten sich lediglich an Äußerliches unter Verachtung der Anatomie und konnten höchstens dazu beitragen, das Ansehen von Linné, dem sich +Klein+ in beständiger Feindseligkeit entgegenwarf, zu erhöhen.
Die von Ray gebrochene Bahn betrat als eigentlicher Vollender und Gesetzgeber +Carl von Linné+. (_1707 in Rashult als Sohn eines Predigers geboren, besuchte er ohne Erfolg die Schule von Wexiö, studierte zu Lund Medizin, siedelte 1728 nach Upsala über, wo er als Schüler Rudbecks für diesen von 1730 ab Vorlesung hielt und sich mit +Peter Artedi+ [1705-1735] aufs innigste befreundete. 1732 trat er eine Reise nach Lappland und 1735 nach Holland an, wo er promovierte. In demselben Jahre veranlaßte Gronov in Amsterdam den erstmaligen Druck des ~Systema naturae~, das bis 1758 zehn Auflagen erlebte. 1738 gab er das Werk des inzwischen verstorbenen Artedi über die Fische heraus, reiste nach Paris und kehrte alsdann nach Schweden zurück. 1741 Professor der Medizin in Upsala, errichtete er 1745 ein naturhistorisches Museum, von 1747 sandte er mehrere Schüler auf Forschungsreisen, 1750 erschien die ~Philosophia botanica~. 1764 zog er sich nach Hammarby zurück und starb daselbst 1778._)
Linnés größtes Verdienst beruht in der Präzision, die er erst der naturgeschichtlichen Sprache verliehen hat. Damit hat er Schwierigkeiten beseitigt, die für die ganze Biologie ein Hindernis waren. Seine scharfe und klar gefaßte Kunstsprache sucht einen für jede Beobachtung adäquaten Ausdruck. Dadurch wurde man erst fähig, mit kurzen Diagnosen ein Tier, eine Pflanze zu kennzeichnen. Nicht minder bedeutungsvoll war die Abstufung der Gruppen (Gattungen Rays und der Alten) des Systems in Reiche, Klassen, Ordnungen, Gattungen, Arten und Varietäten, Bezeichnungen, deren höhere er dem Zivilstand entnahm. Mit diktatorischer Gewalt stellte Linné den Begriff der Art fest: Es gibt so viele Arten, als ursprünglich erschaffen worden sind, nach den Gesetzen der Vererbung bringen sie stets Ähnliches hervor. Es sind ihrer heute also so viele, als sich der Form nach unterscheiden lassen. Die Art ist ein Produkt der Natur, ebenso die Gattung; die Varietät ein solches der Kultur; Klasse und Ordnung ein solches der Kunst. Linné glaubte indes, daß Bastardzeugung neue Arten zu bilden imstande sei, wie er denn überhaupt in späteren Jahren annahm, die verschiedenen Arten seien aus gemeinsamen Grundformen entstanden (1763). Er führte als Bezeichnung für jede Art die binäre Nomenklatur (doppelte Namengebung) durch, die seit ihm Gemeingut geblieben ist. In der Natur unterscheidet er drei Reiche, die er, Aristotelischen Prinzipien folgend, also begrenzt: „Die Steine wachsen, die Pflanzen wachsen und leben, die Tiere wachsen, leben und empfinden.“
Hatte Linné in den neun ersten Auflagen die sechs von ihm unterschiedenen Tierklassen mehr nach äußeren Merkmalen eingeteilt, so legte er später den Hauptakzent auf die Merkmale der Kreislaufs- und Atmungsorgane. So erhält er denn die sechs Klassen: Vierfüßer, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten, Würmer. Mit dieser obersten Gliederung weniger glücklich als Ray, tat er den ungeheuer folgereichen Schritt über ihn hinaus, den Menschen wiederum zum ersten Male seit dem Altertum dem Tierreich und zwar bei den Säugetieren den Affen einzureihen mit der lakonischen Bemerkung: ~Nosce te ipsum.~ Die Einzelheiten seines Systems zu erläutern, würde uns bei dem Wechsel, dem es von Auflage zu Auflage unterlag, zu weit führen. Mehr als Ray legte er bei der Anordnung der Säugetiere auf die Merkmale des Gehirns Gewicht, reihte die Wale den Säugern endgültig ein; beging aber in der zehnten Auflage den unbegreiflichen Mißgriff, daß er die Knorpelfische den Amphibien einreihte, zu denen er daneben Frosch, Eidechse, Schlange, Schildkröte und Blindwühle zählte. Gehen auf Artedi auch die wichtigsten Unterscheidungen von Ordnungen der Fische zurück, wie sie bis in die neueste Zeit maßgebend sind, so bleibt von ihnen doch nur das eine bemerkenswert, daß sie auf anatomischen Bau gegründet waren, wie die Bezeichnungen (~Branchiostegii~, ~Malacopterygii~, ~Acanthopterygii~, ~apodes~, ~jugulares~, ~thoracici~, ~abdominales~) verraten. Als Insekten werden, wie bei Ray, die ~Entoma~ von Aristoteles festgehalten, denen er die Spinnen und Myriapoden einverleibt und die Krebse zuweist. Dadurch, daß er als weitere Klasse die Würmer unterscheidet, tritt er entsprechend seiner binnenländischen Herkunft hinter Aristoteles und Ray zurück. Die Zoophyten sind ihm wohl Übergangsformen von den Pflanzen zu den Tieren, deren Polypen er mit Blüten vergleicht, aber es fehlt an jeder genügenden Beobachtung zur Beurteilung des Gesehenen.
Man sieht schon daraus, daß Linné vielleicht weniger methodisch beanlagt war und weniger systematischen Spürsinn gehabt hat, als Ray, ja, daß das Schwergewicht seiner Verdienste mehr auf die Nomenklatur als auf die Systematik fällt, auch wenn er zuerst mit Hilfe der Systematik die gesamte Lebewelt in einen wohlgeordneten und übersichtlichen Zusammenhang gebracht hat. Mit seinem Natursystem schuf er ein praktisches Hilfsmittel, das ermöglichte und die Lust weckte, neuen Zuwachs an Arten beizubringen. Glückliche, praktische Folgen davon waren die allgemeine Beschäftigung Gebildeter mit Naturgeschichte, Abtrennung des naturgeschichtlichen Studiums vom medizinischen, Aussendung von Expeditionen zum Zwecke der Erforschung von Flora und Fauna, endlich ein durch gemeinsame Namengebung erleichterter Verkehr der Gelehrten untereinander. Die theoretischen Folgen machten sich schon darin geltend, daß man an der Spezies eine Norm zu haben vermeinte und daß der Begriff daher um so mehr der Erstarrung ausgesetzt war, als sich in den anorganischen Naturwissenschaften die Präzision immer mehr verlohnte, die hier der Natur Gewalt antat. Fernerhin entnahm von jetzt an die Systematik der Zootomie denjenigen Teil, der sich ihren Zwecken unterordnete; die intime Fühlung mit der Physiologie aber, die durch die Zootomie vermittelt worden war, ging um so mehr verloren, als auch die Physiologie selbst sich der Hilfsmittel der Physik bediente und sich nicht mehr mit Schlußfolgerungen aus anatomischen Befunden begnügte. Endlich wurde durch die Systematik mehr als durch irgend eine andere Richtung in der Zoologie selbst der Boden vorbereitet, auf dem der ganz spezifisch moderne Gedanke der realen Einheit der Organismenwelt durch Blutsverwandtschaft, der Entwicklungslehre, wachsen sollte.
6. P. S. Pallas.
An Linné schließt in mancher Hinsicht ein Forscher an, der hinwiederum in anderen Beziehungen einzig dasteht durch die mannigfache Ausdehnung seiner Studien sowohl, wie durch sein tiefes und eigenartiges Verständnis für die Zoologie als Wissenschaft. Es ist dies +P. S. Pallas+ (_geboren 1741 in Berlin, studierte in Leyden, reiste in England, doktorierte 1760 und folgte 1767 einem Rufe nach Petersburg, da er in Berlin nicht beachtet wurde; von 1768 reiste er nach Sibirien bis zum Baikalsee und setzte seine Reise fort bis 1794; nach vorübergehendem Aufenthalt auf seinen Gütern in der Krim kehrte er 1810 nach Berlin zurück und starb 1811_). Der Name von Pallas ist besonders bekannt als der desjenigen Zoologen, der die erste große Ausbeute aus Sibirien brachte. Freilich war ihm schon eine stattliche Zahl von Reisenden, aber mit wechselndem Schicksal in diese noch unbekannten Regionen vorangegangen, Messerschmidt, Gmelin, Bering, Steller (der Entdecker des ausgestorbenen Borkentieres), Güldenstedt, Amman, deren Vorarbeiten er zum Teil benutzte. Doch ist er glücklicher gewesen, als die meisten seiner Vorgänger, im Erfolge seines Sammelns, wenn auch seine groß angelegten Werke nicht zu Ende gediehen sind, da er nebenbei auch ungeheure botanische, ethnographische und linguistische Materialien zu sammeln und zu verarbeiten hatte. So besteht denn der Zuwachs, den er der Zoographie brachte, besonders darin, daß er die kleinen von Buffon vernachlässigten Säugetiere eingehend beschreibt. Was aber der Zoologie zugute kam, das war weniger die Verarbeitung seiner Reisen, als die früheren Arbeiten, zu denen ihm die holländischen und englischen Sammlungen die Materialien geliefert hatten. In Holland war es, wo er 1766 seinen ~Elenchus zoophytorum~ herausgab. In diesem Werk vertrat er zuerst eine richtige Auffassung des Polypenstocks als eines Einzeltieres und gab die systematische Übersicht der Zoophyten überhaupt. Nach der Menagerie des Prinzen von Oranien schilderte er eine Menge von Tieren, namentlich Afrikas, die Buffon unzugänglich waren. Auch bekämpfte er die Stufenleiter der Lebewesen und faßte die Tierwelt im Sinne eines reich verzweigten Stammbaumes auf. Ferner übte Pallas Kritik an Linnés Klasse der Würmer, nachdem er schon zu Beginn seiner Studien durch Versuche und Beobachtungen den Beweis zu erbringen gesucht hatte, daß die Eingeweidewürmer von außen in den Wirt gelangten. Pallas hat es verstanden, beinahe an allen Punkten, die zu seiner Zeit die Zoologie besonders intensiv beschäftigten, wichtige Beiträge zu liefern und dabei fast alle übrigen beschreibenden Naturwissenschaften zu bereichern, auch wenn über dem Abschluß seiner Hauptwerke ein Verhängnis schwebte, das den Ertrag seiner Arbeit nicht zu voller Geltung kommen ließ.
7. Zootomie des 18. Jahrhunderts.
Für die +Zootomie+ bedeutete, sofern sie nicht physiologisch orientiert war, das 18. +Jahrhundert+ eine Zeit stiller und ruhiger Entwicklung. Die Vervollkommnung der menschlichen Anatomie, insbesondere durch +B. S. Albinus+ (_1697 bis 1770, von 1721 Professor in Leiden_), zog auch eine sorgfältigere Beschreibung der tierischen Anatomie nach sich. Noch wuchs der Kreis der neu darzustellenden Formen unablässig, wenn auch die Freude an Zootomie vorzugsweise durch die an mikroskopischer Anatomie, an Studien experimenteller Art über Insekten und, von der Mitte des Jahrhunderts ab, an der Physiologie des Menschen in den Schatten gestellt wurde. Eine scharfe Trennung zwischen all diesen Zweigen der Zoologie war indes nicht durchgeführt, namentlich tritt von der Mitte des Jahrhunderts ab eine Spaltung zwischen der auf die Physiologie des Menschen orientierten Zootomie und der im Dienste der Systematik stehenden ein. So stark auch die Rückwirkungen der Physiologie +Hallers+, später +Bichats+, +Magendies+, +Claude Bernards+, +Joh. Müllers+ und vieler anderer waren, so kann hier nur auf diese Rückwirkungen hingewiesen werden, ohne daß wir sie weiter noch verfolgen.