Part 6
Die vorangehende Periode der vergleichenden Anatomie hatte mit drei Sammelwerken abgeschlossen, deren letztes (~Valentini Amphiteatrum~) 1720 erschienen war. Der erste Zootom, den wir nun vorzugsweise mit der Anatomie der höheren Tiere beschäftigt finden, ist +Peter Camper+ (1722 bis 1789), „ein Meteor von Geist, Wissenschaft, Talent und Tätigkeit“ (Goethe). Ein gewandter Zeichner, weit gereist, fein gebildet, aber unruhigen Geistes, hielt er es nirgends lange aus, und hinterließ denn auch zahlreiche treffliche Monographien, aber keine größere systematische Leistung; so eine Arbeit über den Orang-Utan, über die Anatomie des Elefanten, über die Wale, Renntier, Rhinozeros. Dazu kam eine starke Tendenz, auch den Menschen naturhistorisch zu erfassen, und die Fühlung der vergleichenden Anatomie mit der Ästhetik in einer Form zu suchen, die später durch Goethe beliebt wurde. In Edinburg lehrten +Alex. Monro, der Vater+ (1697 bis 1767), dem wir das erste Handbuch der vergleichenden Anatomie verdanken, und +der Sohn+ (1732-1817), der sich besonders mit dem Bau der Fische -- wiewohl wesentlich unter dem vergleichend die Wirbeltiere überschauenden Gesichtspunkte -- befaßt, und von dem auch die sorgfältige Anatomie des Seeigels herrührt. +Albrecht von Haller+ selbst (1708 bis 1777) ist für die vergleichende Anatomie bedeutungsvoll wegen seiner ausgedehnten Kenntnisse, seiner Einzelarbeiten über die vergleichende Anatomie des Nervensystems, über Mißbildungen, sowie um seiner mit der ganzen Macht seiner Autorität vertretenen, der christlichen Dogmatik genehmen präformationistischen Entwicklungslehre, durch die er den Fortschritt der von +Harvey+ neubelebten Epigenese auf lange Zeit hinaus hemmte. Wohl den größten Überblick über die Zootomie besaß +John Hunter+ (1728-1793), der Begründer der auch jetzt noch größten und am meisten nach vergleichend-physiologischen Prinzipien angelegten Sammlung der Welt, die dann in den Besitz des Royal College of Surgeons in London überging. Nur in dieser bisher unübertroffenen Schöpfung tritt uns die Organisation der gesamten Tierwelt nach den Funktionen elementarster Art entgegen. Neben einer unendlichen Zahl von Einzelbeobachtungen gab Hunter die erste bedeutendere Schrift über die Zähne und deren Entwicklung heraus, stellte eine Menge vergleichend-physiologischer Experimente an und hinterließ ein Werk über tierische Ökonomie, das erst R. Owen 1861 nach einer Abschrift, die Clift sich von den später durch Home verbrannten Manuskripten Hunters angefertigt hatte, herausgeben konnte. Einen illustrierten Katalog der Hunterschen Sammlung sowie sein Handbuch gab +Everard Home+ (1756-1832) heraus. Eine der interessantesten Persönlichkeiten ist +F. Vicq d’Azyr+ (1748-1794), der in Paris als Arzt und Naturforscher wirkte und lehrte und wesentlich Vergleichung der Wirbeltiere bis in die äußersten Einzelheiten empfahl, um damit eine Basis für die Erklärung der Funktionen im Sinne von Hallers Physiologie, aber in größerer Ausdehnung, über die Tierwelt zu schaffen. Neben +Buffon+ ist er Vertreter der Einheit der Organisation. Diese begründet er vor allem aus der Übereinstimmung der elementaren Funktionen, nähert sich also damit am meisten +John Hunter+. Sein Hauptwerk ist sein ~Traité d’anatomie et de physiologie~, Paris 1786. Insbesondere galten seine Bemühungen der vergleichenden Anatomie des Schädels und der Extremitäten. Noch dunkel sind die Einflüsse der Iatromechanik und Iatrochemie, sowie des Animismus auf die Entwicklung der Zoologie und Zootomie in dieser ganzen Periode.
In Deutschland sind als vergleichende Anatomen von bedeutenden Verdiensten im 18. Jahrhundert insbesondere zwei zu nennen: +J. F. Blumenbach+ und +Kielmeyer+. Ersterer (1752-1840) behandelte in der Hauptsache Buffonsche Probleme, insbesondere die Naturgeschichte des Menschen, vertrat in seiner witzigen Schrift „Über den Bildungstrieb“ den Vitalismus, las von 1785 als erster auf einer deutschen Hochschule (Göttingen) vergleichende Anatomie und schrieb über denselben Stoff das erste deutsche Handbuch. +K. F. Kielmeyer+ (1765-1844) war als Professor an der Karlsschule von entscheidendem Einfluß auf Cuviers Entwicklung. Ein Vorbote der Naturphilosophie und doch stark im Gefolge der Hallerschen Reizlehre, sammelte er umfangreiches Material als Vorstand der wissenschaftlichen Sammlungen in Stuttgart, um „die Zoologie auf vergleichende Anatomie und Physiologie zu gründen und eine möglichst vollständige Vergleichung der Tiere unter sich nach ihrer Zusammensetzung und nach der Verschiedenheit ihrer organischen Systeme und deren Funktionen durchführen zu können“. A. von Humboldt schätzte ihn als den „ersten Physiologen Deutschlands“.
VI. Französische Zoologie von der Mitte des 18. Jahrhunderts an.
Als die +französische Zoologie+ können wir einen Ausschnitt aus der Geschichte unserer Wissenschaft bezeichnen, der im Zeitraume von etwa 1750-1860 sich vorwiegend in Paris abspielt. Daß Zoologen sich zu gemeinsamer Arbeit verbündeten (z. B. Ray, Willughby, Lister), oder Schüler die Werke der Lehrer herausgaben oder an ihnen mitarbeiteten, kam ja auch sonst vor. Aber eine Organisation unserer Wissenschaft an einem Ort durch mehrere selbständige Forscher und auf die Dauer von vier Generationen hin, verbunden mit einer entsprechenden Wirkung nach außen, das war ein geschichtliches Ereignis, das einzig dasteht und daher eine einheitliche Betrachtung erheischt.
Der Schauplatz dieses Ereignisses bildete das erste und zeitweise hervorragendste naturwissenschaftliche Institut Mitteleuropas. Aus einem im 15. Jahrhundert zu pharmazeutischen Zwecken angelegten Garten entwickelte sich ein botanischer Garten, der, 1635 von den Ärzten Ludwigs ~XIII.~ neu organisiert, neben den Heilmitteln auch Exemplare aller naturhistorischen Kuriositäten enthalten sollte. Dieser „Garten des Königs“, später „Pflanzengarten“ genannt, diente schon früh auch als Mittelpunkt zoologischer Bestrebungen. Duverney war sein erster Anatom, du Fay, Buffons Vorgänger, ruinierte sich an diesen Sammlungen. Reiche Schenkungen flossen ihnen im 18. Jahrhundert zu. 1793 wurde er durch Verordnung des Nationalkonvents reorganisiert, mit einer Bibliothek versehen, zwölf Unterrichtskurse an ihm eingerichtet und ihm die Bezeichnung „Museum für Naturgeschichte“ beigelegt. In der Revolutionszeit bildete er einen kleinen Freistaat, dessen Selbstherrlichkeit niemand anzutasten wagte. Ja sogar Napoleons Maßregeln widersetzte sich das Museum gelegentlich mit Erfolg, und 1815 wurden die Sammlungen auf A. von Humboldts Intervention gegen jeden Eingriff geschützt. Die Blütezeit fällt ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Später wurde die Vereinigung aller Zweige der Naturgeschichte ein Hindernis für die Konkurrenz mit spezieller ausgebildeten Anstalten des Auslandes.
Abgesehen von den Publikationen der einzelnen noch zu nennenden Autoren, nahmen am Pflanzengarten große und vorbildliche literarische Unternehmen ihren Ursprung. So die ~Encyclopédie Méthodique~ (begonnen 1782, aufgehört 1832), die ~Annales~ (später ~Mémoires~) ~du Museum~ (1802), die ~Annales de Sciences naturelles~ (1824).
1. Buffon.
An der Schwelle des Aufschwunges der französischen Zoologie begegnet uns +Buffon+, ein Zeitgenosse Linnés. _G. L. Leclerc, nach seiner Besitzung in der Bourgogne +de Buffon+ genannt, später in den Grafenstand erhoben, geboren 1707, wurde nach mathematischen Studien 1733 Mitglied der Pariser Akademie, 1739 Intendant des Pflanzengartens, unterstützt von dem jüngeren Arzt +L. M. Daubenton+ (1716-1799) und anderen Mitarbeitern. 1749 erschien die ~Histoire naturelle~, 1778 die ~Epoques de la nature~; er starb 1788._ Im Anschluß an Leibniz und die Enzyklopädisten empfand Buffon das Bedürfnis, die Tierwelt dem Weltganzen als Teilerscheinung einzugliedern, und zwar nicht nur als Teil des Bestandes, sondern des Entstehens der Welt. Ausgehend vom feurigen Zustand des Erdballes, entwarf er eine Entstehungsgeschichte der Erde, die in der Geologie revolutionierend wirkte trotz oder vielleicht wegen ihres stark hypothetischen Charakters. Auf dem Schauplatz der Erdoberfläche entwirft er die erste ins Große gehende Übersicht der Faunen, insbesondere der kontinentalen, deren Charakter er zuerst festlegt und auf erdgeschichtliche Erscheinungen zurückführt; so läßt er sie mit der Abkühlung der Pole dem Äquator zu wandern und setzt die Konstitution der Lebewesen im einzelnen mit ihren Lebensbedingungen, natürlichen Grenzen, Klima usw. in Zusammenhang. Durch Urzeugung läßt er im Anschluß an die Materialisten kleinste organische Teile entstanden sein (man würde vor 50 Jahren gesagt haben: Zellen; heute: Biophoren), aus denen heute noch Protozoen hervorgehen sollten. Dieselben organischen Moleküle sollten als Überschuß der Nahrung des erwachsenen Organismus zu den Zeugungsstoffen werden, die Entwicklung wäre dem Kristallisationsprozeß zu vergleichen. Damit wurde Buffon zum Epigenetiker und Vorgänger C. Fr. Wolffs. Neben dieser hypothetischen Kosmogonie verdanken wir Buffon aber die Schilderung der Organismenwelt, die für die ganze Folgezeit mustergültig ist und bleiben wird. Einer der ersten Prosaschriftsteller Frankreichs, hat er der Naturbeschreibung ihre eigentliche Form gegeben. Während man z. B. von der Vogelwelt vor ihm nur sehr wenig gute Darstellungen besaß, hat er die lebendigsten und stimmungsvollsten Bilder entworfen; ebenso sind seine Beschreibungen der Säugetiere wahre Kunstwerke, vorab die des Menschen, der vor Buffon niemals Gegenstand einer speziellen, die mannigfachen Erscheinungen und die Beziehungen zur Außenwelt gleichmäßig berücksichtigenden Naturgeschichte gewesen ist. Das Bild Buffons ist lange Zeit durch seine Stellung zu Linné und der Systematik verdunkelt worden. Dessen Vereinfachung des Ausdruckes für eine Lebensform und ihren Reichtum fand bei Buffon keine Gnade. Seine Polemik gegen Linné, die dieser unbeantwortet ließ, und gegen die Künstlichkeit der Formen der Systematik ist uns heute verständlicher, weil wir wiederum mehr die Klüfte sehen, die die Lebewesen der Gegenwart voneinander trennen. Und doch mußte Buffon vor dem, was an Linnés System natürlich war, insofern kapitulieren, als er später die Beschreibungen verwandter Arten aneinanderreihte. Und die Annahme einer Verwandtschaft des Ähnlichen trat ihm sowohl wie Linné in späteren Jahren immer mehr in den Vordergrund, so daß er zur Überzeugung kam, wenn man Pflanzen- und Tierfamilien zulasse, so müsse man auch den Menschen und die Affen zu derselben Familie zählen, ja annehmen, daß alle Tiere nur von einem abstammen, das im Laufe der Zeit durch Vervollkommnung und Degeneration alle Formen der übrigen Tiere erzeugt habe. Buffon hat der Zoologie unvergleichliche Dienste durch die Popularisierung und die Form, in der sie geschah, getan. Das Erscheinen der Naturgeschichte erregte in ganz Europa das größte Aufsehen; Fürsten und Völker versenkten sich in sie und an ihrer Hand in die Rätsel der belebten Natur. Es war sein Werk, daß während der Französischen Revolution die Blüte unserer Wissenschaft kaum eine Unterbrechung erfahren hat.
Daubenton ergänzte Buffon durch die sorgfältigsten Beschreibungen von Habitus und Anatomie der höheren Tiere, durch eingehendere Vergleichungen des Skelettes der Säugetierabteilungen, als sie zuvor üblich waren. +Lacepède+ (1756 bis 1825), unter Anlehnung an Linné und Buffon zugleich, ist als der Ergänzer von Buffons Arbeit nach der Seite der Ichthyologie bemerkenswert.
2. Lamarck.
Der bedeutendste französische Forscher, der sich an Buffon anschloß, war J. de Monet, später Chevalier +de Lamarck+ (_geboren 1744 in der Pikardie, 1760 Offizier, später pensioniert, 1779 Mitglied der Pariser Akademie, von 1793 an Professor am ~Jardin des Plantes~ für Wirbellose, gestorben 1829_). In seinen Anschauungen unter unmittelbarem Einflusse von Buffon stehend, ließ er der Hypothese einen noch breiteren Spielraum und überraschte durch seine glänzenden Einfälle, die mit einer ausgedehnten Kenntnis der Zoologie der lebenden und fossilen Wirbellosen verbunden auftraten. Noch mehr als bei Buffon brach sich bei Lamarck die Überzeugung Bahn, daß die Tierwelt auf gemeinsame Urformen zurückgehe. In den Urorganismen hätten die Bedürfnisse mit der Außenwelt in Beziehung zu treten versucht, und so sei unter dem Einfluß von Gebrauch und Nichtgebrauch, sowie der Vererbung erworbener Eigenschaften höhere Organisation entstanden, die einen Organe hätten zugenommen, die anderen seien verkümmert, dadurch, daß ein innerer Antrieb die Säfte mehr nach den derselben bedürftigen Stellen dirigiert hätten. Lamarck denkt sich den Ablauf streng mechanisch auf Grund der Annahme, das Leben beruhe auf zwei Agenzien: Wärme und Elektrizität. Mit Buffon nimmt Lamarck an, die Existenzform sei aus den Anforderungen der Umgebung an den Organismus entstanden, nicht auf sie eingerichtet. Im Formenkreis der fossilen Mollusken findet er allmähliche Übergänge, die zu den lebenden hinüberleiten, wie er denn überhaupt den Schwerpunkt der Forschung auf die niederen, weil einfacheren, Organismen verlegt. Urzeugung nimmt er nur für die niedersten Wesen an, die höheren sind aus diesen entstanden. Er protestiert zuerst vom Standpunkt der Umwandlung der Arten gegen die Begriffe der Klassifikation; diese sind vielmehr nur Schranken unseres Wissens. Der Mensch gilt ihm als das vollkommenste Lebewesen, und er schildert, wie seine Abstammung vom höchsten Affen zu denken +wäre+ -- +wenn+ wir nicht wüßten, daß er anderer Abkunft wäre als die Tiere. Mit diesen Anschauungen konnte Lamarck nicht den Glauben an unveränderliche Arten vereinigen; seine Bemühungen zielten infolgedessen dahin, die Veränderlichkeit der Arten zu erweisen. Die natürliche Ordnung der Organismen ist nicht (wie mit Bonnet) in einer fortlaufenden Reihenfolge der Lebewesen zu suchen, sondern sie kann nur die sein, in der die Organismen wirklich entstanden sind. Demgemäß hat denn auch Lamarck zuerst das Schema des Stammbaumes gewählt, um die Verwandtschaft der Organismen zum Ausdruck zu bringen.
Lamarck erweitert die Zahl der Klassen der „+Wirbellosen+“, die er zuerst den „+Wirbeltieren+“ unter dieser Bezeichnung gegenüberstellt. Er kommt 1809 auf die Einteilung der ersteren in Mollusken, Krustazeen, +Arachniden+, Insekten, +Würmer+, +Strahltiere+, +Polypen+, +Rankenfüßler+, +Ringelwürmer+, +Aufgußtiere+ (die gesperrten seit Ray neu), wobei er überall der Systematik eine anatomisch begründete Unterlage gibt. Abgesehen von den zahl- und umfangreichen Arbeiten Lamarcks kommen insbesondere in Betracht die Naturgeschichte der wirbellosen Tiere, seine Hydrogeologie 1801 und die ~Philosophie zoologique~ 1809.
Tabelle, um den Ursprung der verschiedenen Tiere darzutun.
Würmer Infusorien | Polypen | Radiaten | | Insekten +-------------+----------- Spinnen | Krebse | Ringelwürmer Rankenfüßler Mollusken | | Fische Reptilien | | +--------------+------------+ | | Vögel Amphibische Säugetiere Schnabeltiere | +----- Wale | +----- Huftiere | Krallentiere.
Lamarck ist von seinen Zeit- und Arbeitsgenossen als Phantast mit Achselzucken betrachtet worden. Er stand am Pflanzengarten nicht an erster Stelle. Mild und nachgiebig, daher auch nicht mit der Tradition der mosaischen Schöpfungslehre brechend, gedrückt von schweren äußeren Schicksalen, so lebte er nur in der Spezialwissenschaft fort, bis seine Ideen zeitgemäß und geradezu für eine naturphilosophische Schule, den Neo-Lamarckismus, zum Leitstern wurden.
3. Etienne Geoffroy St. Hilaire.
In die geistige Führung am Pflanzengarten teilten sich +Cuvier+ und +Etienne Geoffroy Saint-Hilaire+, ein Mann, der nicht nur als Forscher, sondern auch als Mensch an erster Stelle steht und stehen wird. _Geboren 1772, begab er sich, nachdem er die juristischen Studien aufgegeben, nach Paris, um unter Brisson, Haüy, Daubenton sich naturhistorischen Studien zu widmen. Nach Lacepèdes Rücktritt wurde er Assistent, 1793, erhielt im gleichen Jahre einen Lehrstuhl für Zoologie der Wirbeltiere und hielt die ersten Vorlesungen in Frankreich über dieses Gebiet, 1793 organisierte er die „Menagerie“ des Pflanzengartens, rief 1795 Cuvier an dasselbe Institut, begleitete 1798-1804 die Expedition Napoleons nach Ägypten, ging 1808 als wissenschaftlicher Kommissar auf die Pyrenäenhalbinsel. Ins Jahr 1830 und folgende fällt der epochemachende Streit mit Cuvier, 1838 legte er die Leitung der Menagerie nieder, trat 1840 zurück und starb 1844._ Etienne Geoffroy hat während der Dauer seines ganzen Lebens die Zoologie nach all ihren Seiten mit einer großen Fülle von streng wissenschaftlich gehaltenen Monographien beschenkt. Wo es immer die Gelegenheit ergab, gewann er dem Stoffe besonders durch anatomische Vergleichung neue Seiten ab. Er legte den Grund zur Anatomie der Säugetiere, deren seltenere Formen damals dem Pflanzengarten zuflossen, er erschloß die Fauna Ägyptens, wo er Polypterus entdeckte, was nach Cuviers Urteil allein eine ägyptische Expedition gerechtfertigt hätte; neben Cuviers nehmen auch Geoffroys paläontologische Arbeiten einen hohen Rang ein. Die Vergleichung des Schädels, der Gehörknöchelchen, des Kiemenskeletts durch die Reihe der Wirbeltiere, aber auch anderer Organsysteme bildet einen großen Teil seiner Spezialarbeiten. Die Anatomie führte ihn zur Entwicklungsgeschichte und zu der Lehre von den Mißbildungen, die ihn zu ihren Neubegründern zählt. Ferner kam er nach der Richtung der vergleichenden Physiologie auf die Einwirkung der Außenwelt auf den Organismus, die Lehre von der Tierzüchtung. Außer diesen Hunderten von Monographien sind als Hauptwerke besonders hervorzuheben: ~Philosophie anatomique~ 1818, ~Principes de Philosophie zoologique~ 1830, sowie sein Anteil an den Publikationen der ägyptischen Expedition.
Et. Geoffroys allgemeine Ansichten lehnen sich zumeist an die Buffons an. In der Verwendung der Spekulation geht er weniger weit ins Unbekannte der Weltschöpfung hinaus als Buffon und Lamarck; er beschränkt sich auf die Organismenwelt. Hier schwebt ihm eine allgemeine Gesetzmäßigkeit von Sein und Werden vor, eine Art einheitliches Gesetz der organischen Natur, das in verschiedenen Prinzipien zum Ausdruck kommt. Dadurch berührt er sich mit der deutschen Naturphilosophie. Anders als die Analytiker Linné und Cuvier, ist er synthetisch gerichtet und sucht überall die Einheit, sowohl in der Organisation selbst wie in den Einflüssen der Außenwelt. Die Gleichmäßigkeit, womit Geoffroy alle Beziehungen der von ihm geschilderten Organismen untersucht, womit er die Logik auf alle Erscheinungen anwendet, verleiht seinen Arbeiten etwas Unvergängliches. Mit Lamarck nimmt Geoffroy die Veränderlichkeit der Organismen an, aber nicht eine unbegrenzte. Er verlegt nicht mit Lamarck die Ursache der Veränderung in Gebrauch und Nichtgebrauch, sondern in den Einfluß des umgebenden Mediums. Im Gegensatz zu Cuvier ist ihm die Form das Bestimmende für die Funktion und Lebensweise; so allein erhalten die rudimentären Organe einen Sinn. Demgemäß hält Geoffroy die Umwandlung der Art für möglich, den Transformismus für eine zulässige Hypothese. Die individuelle Entwicklungsgeschichte zieht er zunächst für die vergleichende Anatomie des Schädels bei. Auch ihm ist die Embryonalentwicklung ein Auszug des Weges, den die Arten bis zu ihrem heutigen Zustand zurückgelegt haben. 1820, ein Jahr vor J. F. Meckel, tritt er mit seiner Lehre von den Mißbildungen hervor, die er in vollem Umfange als Entwicklungsstörungen, Verzögerung und Stillstand, betrachtet, während noch Winslöw und Haller diese Erklärungen nur zum Teil zugelassen, zum Teil aber Präformation mißbildeter Keime angenommen hatten. Aber er begnügt sich nicht mit Beschreibung und Klassifikation der Mißbildungen, sondern da er sie durch Einflüsse der Umgebung erklärt, sucht er durch ebensolche Einflüsse auf künstlichem Wege Mißbildungen hervorzurufen (Schüttelversuche, Luftabschluß usw.). Als Epigenetiker hat er die Präformation auch der mißbildeten Keime endgültig beseitigt und die Teratologie den organischen Naturwissenschaften eingereiht. Aus der ungemein breiten Erfahrung und der Einheit der Betrachtungsweise ergaben sich für Et. Geoffroy einige Erfahrungssätze allgemeiner Art, deren Anwendung nur deswegen oft etwas Künstliches oder Gewaltsames an sich hatte, weil die Klassifikation der lebenden Tiere noch zu sehr als eine natürliche Reihenfolge aufgefaßt wurde. Nach dem Prinzip der Analogie sollten sich die Teile bei verschiedenen Tieren entsprechen, nach dem des Gleichgewichts der Organe bei Zunahme der einen Teile andere zurücktreten (Extremitäten des Straußes). Sein Ideal ist, es sollten Tiere unter ganz veränderte Lebensbedingungen gebracht und dadurch konstante Varietäten erzeugt werden, da der Einfluß der Umgebung ein geradezu allmächtiger sei. So ließ er denn auch bereits einen seiner Schüler permanente Larven der Wassersalamander auf experimentellem Wege darstellen. Mit alledem ist Etienne Geoffroy der vielseitigste und innerlich freieste dieser Forscher gewesen, dessen Arbeiten auch heute noch in jeder Hinsicht belehrend wirken.
4. G. Cuvier.
Gleichzeitig und neben, später in sich steigerndem Gegensatz zu Et. Geoffroy wirkte am Pflanzengarten +Georges Cuvier+.
Geboren zu Mömpelgardt als Angehöriger einer aus dem Jura stammenden Familie, genoß er seine Erziehung hauptsächlich an der Karlsschule in Ludwigsburg, zu deren ausgezeichnetsten Schülern er gehörte. Im Hinblick auf seine naturwissenschaftlichen Neigungen ergriff er das Studium der Kameralwissenschaften, wurde dann 1788 Erzieher des Grafen d’Héricy in Fiquainville bei Caen, begann hier an der Meeresküste mit den bescheidensten Hilfsmitteln Studien über Pflanzen, Insekten und Anatomie der Meerestiere; letzteres namentlich im Anschluß an die Lektüre von Aristoteles, in dem er auch später den Meister der Zoologie für alle Zeiten verehrte. Nach Proben großen Lehrtalents ging er 1794 auf Veranlassung von Et. Geoffroy nach Paris, wurde daselbst 1795 Professor der Naturgeschichte an der ~Ecole centrale~, nach Daubentons Tode von 1800 an auch am ~Collège de France~, 1802 nach Mertruds Tode Professor der vergleichenden Anatomie am Pflanzengarten. Von da an stieg er in der Restaurationszeit in die höchsten Stellen der Kultus- und Unterrichtsverwaltung und benützte seinen Einfluß zur staatlichen Organisation der französischen Zoologie. 1831 Pair von Frankreich, starb er 1832. Sein Bruder Friedrich Cuvier (1773-1838) sowie ein ganzer Stab von Schülern und Mitarbeitern standen ihm während eines großen Teiles seiner Tätigkeit zur Seite und unterstützten ihn durch Einzeluntersuchungen und Ausarbeitung seiner Pläne.
Cuviers Entwicklung stand unter ähnlichen Einflüssen wie die Et. Geoffroys. Buffon und Linné, ferner sein Lehrer Kielmeyer wirkten mächtig auf ihn ein. Deutsche Schulung, ein griechisches Vorbild, mit dem er sich gern parallelisierte, ein hervorragendes Organisationstalent, das eine einzigartige Gelegenheit zur Entfaltung fand, über Hilfsmittel und Hilfskräfte souverän verfügte, der denkbar größte äußere Erfolg, das sind die wesentlichen Bedingungen, die Cuviers Namen zum glänzendsten der Zoologie machten.
In die neunziger Jahre fallen hauptsächlich Cuviers Arbeiten über die Insekten im Sinne Linnéscher Systematik und die Anatomie der Wirbellosen, insbesondere der Mollusken. Mit Veränderung seiner Stellung und zunächst in Anschluß an Et. Geoffroy wendet er sich aber auch den Wirbeltieren, speziell den Säugetieren zu. In Ausführung seiner Vorlesungen läßt er die vergleichende Anatomie von +Duméril+ und +Duvernoy+ zuerst zusammenfassen. Dabei nimmt er keinen eigenen Standpunkt ein, sondern arbeitet die Organsysteme nach der Vesalschen Systematik unter Benützung des ganzen voraufgehenden literarischen Materials über die Wirbeltiere in vollem Umfange auf. Im weiteren hat er diese Wissenschaft nicht ihrer Struktur nach ausgebaut, sondern besonders in den Dienst der zoologischen Systematik lebender und ausgestorbener Tiere gestellt, und damit die Arbeit Linnés in einem Zeitpunkte und auf einer Linie fortgesetzt, wo sie dringend neuer Stützen bedurfte. Seine Leistungen finden also da ihre Grenze, wo die Beziehungen zwischen der vergleichenden Anatomie und der Physiologie anfangen und wo Et. Geoffroy weitergebaut hat. In steigendem Widerspruch zu ihm wird Cuvier zum Vertreter eines reinen Empirismus, der unermeßliche Materialien sammelt, beschreibt, ordnet, aber nicht mehr die Einzelerscheinung als Teil im stetigen Werden der Natur erfaßt. Da liegt Cuviers Stärke und Schwäche zugleich, die Ursache auch seines Gegensatzes zu Et. Geoffroy und noch mehr zu Lamarck. Mit zunehmendem Alter klammert sich Cuvier immer stärker an die Linnésche Systematik und wird dadurch zum Hauptvertreter der Artkonstanz, zum Hauptgegner des Transformismus. Die Gebiete, auf denen uns seine Arbeit am meisten vorwärts gebracht hat, sind die Wirbeltierpaläontologie, die Klassifikation des lebenden Tierreichs, die Geschichte der Naturwissenschaft. Ihnen entsprechen die drei vorzüglichsten Werke Cuviers: 1. die ~Recherches sur les ossements fossiles~ (1. Aufl. 1812, 4. Aufl. 1834-36); 2. das ~Règne animal distribué d’après son organisation~ (1. Aufl. 1817, 2. Aufl. 1829/30); 3. die ~Histoire des sciences naturelles~ 1841-45, herausgegeben von Magdeleine de Saint-Agy. Hatte Linné es verstanden, der Naturgeschichte allgemeine Achtung zu erkämpfen, so gehört es zu den persönlichsten Verdiensten Cuviers, Napoleon sowohl wie den revolutionären Regierungen Förderung und staatlich unterstützte Organisation der Naturgeschichte und der Zoologie im besonderen abgerungen und die Museen zu Heimstätten der Forschung auch für fremde Gelehrte gemacht zu haben.
Cuviers Wissen war von einer erstaunlichen Breite, seine Fähigkeit, zu beobachten und charakterisierend zu beschreiben, unübertroffen, seine Energie, stets neue Gestalten in den Bereich seiner Forschung zu ziehen, den Stoff theoretisch durch Verallgemeinerung aus den Einzelerfahrungen zu gestalten, praktisch zu Museumszwecken zu verwerten, unermüdlich. Den prächtigsten Beweis hierfür liefert das ~Règne animal~, das die vollendetste Heerschau über das gesamte Tierreich vorstellt, soweit es in Wort und Bild festzuhalten war. Aber immer mehr, wieweit im Zusammenhang mit ähnlichen philosophischen Richtungen, muß dahingestellt bleiben, erblickte er die Aufgabe der Zoologie in der Artbeschreibung und Präzision der Charaktere, überhaupt in der Ansammlung von Tatsachen (Positivismus) mehr als in der Entwicklung einheitlicher Gedanken. Damit wurde er der eifrigste Vorkämpfer der Artkonstanz, kam immer mehr vom Plane einer Einheit der Organismen ab und endete dabei, daß er im Tierreich vier völlig voneinander geschiedene Stämme (Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere, Strahltiere) unterschied. Die Varietäten galten ihm als nebensächliche Abänderungen der Art. Für die Arten hielt er an einer Schöpfung fest; die Übereinstimmung der ägyptischen Mumien mit den heute lebenden Individuen derselben Art schien ihm ein besonderes Zeugnis der Artkonstanz. Bestärkt wurde er in dieser Auffassung durch seine Studien an den ausgestorbenen Wirbeltieren, namentlich den Säugetieren. Dadurch, daß er diese in größerer Menge zur Verfügung hatte und nach seinen Prinzipien der Systematik darstellte, wurde er zum eigentlichen Schöpfer der Wirbeltierpaläontologie und legte den Grund zu jeglicher weiteren Arbeit auf diesem Gebiet, solange sie im Beginn ihrer Entwicklung ein rein beschreibendes Stadium durchmachen mußte. Ihm blieb nicht verborgen, daß die Faunen älterer Erdschichten sich in ihrem Gepräge immer mehr von den heutigen entfernten, und da er sich mit dem Gedanken an eine sukzessive Verwandlung nicht vertraut machen konnte, griff er zu der Theorie, wonach die Erde eine Reihe von Revolutionen erlebt habe, deren jede an der Erdoberfläche einer neuen Fauna Existenzbedingungen besonderer Art geschaffen habe (Kataklysmentheorie). Erst mit der letzten dieser Katastrophen sei der Mensch auf den Plan getreten. Es existierte also ein Schöpfungsplan, den Gott allmählich realisiert hat. Ihm nachzudenken, ist Aufgabe einer natürlichen Systematik im Gegensatz zu der künstlichen Linnés. Mit dieser ganzen Auffassung wird das Wesentliche des Tieres in dessen ausgebildeten Zustand verlegt. Die umwandelnden Einflüsse und die Entwicklungsgeschichte haben für Cuvier gar keine Bedeutung; ja, die letztere wird von ihm geflissentlich ignoriert.