Part 1
* Aus dem Gerichtssaal. „_Der Liebe Lust und Leid._“ Unter diesem Titel hat die Schriftstellerin Frau _Emilie Knopf_ ein Buch verfaßt und in Verkehr gebracht, dessen Inhalt von der Staatsanwaltschaft beanstandet wurde. Die Verfasserin wurde im verflossenen Herbst wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften unter Anklage gestellt und zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt. Das „Werk“ verfiel der Beschlagnahme. Im Januar d. J. erschien nun die Wittwe _Marie v. Czarwinski_ bei dem Ober-Bibliothekar Söchting und bot dem 68jährigen Herrn „Der Liebe Lust und Leid“ zum Kauf an, wobei sie sich als Freundin der Verfasserin vorstellte, die sich in großer Noth befinde. Der Oberbibliothekar durchflog den Inhalt und stieß auf Stellen, die sein Sittlichkeitsgefühl empörten. Er gab das Buch an die Staatsanwaltschaft weiter, worauf die beiden genannten Frauen sich gestern vor der vierten Strafkammer des Landgerichts I zu verantworten hatten. Die Angeklagte Knopf gab zu, sich vergangen zu haben, aber sie habe nicht die Mittel gehabt, ihren Hunger zu stillen. Die Mitangeklagte v. Czarwinski behauptete, daß sie den Inhalt des Buches, den der Vorsitzende als eine „Schweinerei“ bezeichnete, nicht gekannt habe, fand bei dem Gerichtshof aber keinen Glauben. Mit Rücksicht darauf, daß die Angeklagten sich thatsächlich _in großer Noth befunden_ hatten, beließ es der Gerichtshof bei niedrigen Strafen, nämlich 20 M. gegen die Angeklagte Knopf und 5 M. gegen die Angeklagte v. Czarwinski.
_Tägliche Rundschau_, Berlin, 19. März 1898, S. 7.
Der Liebe Lust und Leid der Frau zur Frau.
Verlagsbureau für literarische Neuheiten Stargard i. Pomm.
Vorwort.
In der Atmosphäre einer Millionenstadt treiben Ueberreizung und Genußsucht oft wunderliche Auswüchse. Diese Verirrungen, welche namentlich in denjenigen Kreisen an Ausdehnung zunehmen, welche sich zu den Besten zählen, sind wohl kaum durch irgend welches Vorgehen auszumerzen.
Scandalöse Vorgänge, welche selbst vor den Schranken des Gerichtes ihren abschreckenden Schluß fanden, spielten sich sogar in unserer Metropole ab, und oft, ja täglich so man Gelegenheit hat, mit zahlreichen Damen verkehren zu müssen, wird und kann es Einem, der aufmerksamen Blick dafür hat, nicht entgehen, daß die Frauenliebe sich in einer nahezu unglaublichen Weise unter den Damen eingewurzelt hat; man braucht nur in den Spalten unserer Tages-Journale gewisse Annoncen gelesen haben, welche an Styl und Inhalt sich fast immer gleich bleiben.
Und gerade in allerletzter Zeit, da sich ein sensationeller Prozeß abspielte, kann man leicht beobachten, daß eben jene ominösen Inserate von der Bildfläche gänzlich verschwunden sind.
Indessen kann man sich wohl überzeugt halten, daß die Anhängerinnen dieser Erotik anderweitig Mittel und Wege finden werden, diese ungewöhnlichen Freundschaften zu schließen.
– Wer Gelegenheit hatte, das berühmte Gemälde von _Hector Le Roux_ zu sehen, welches die phänomenale Dichterin, die jugendlich schöne Sappho darstellt, wie sie, umgeben von ihren unzähligen Verehrerinnen und Verehrern unbeschreiblich anmuthig Vortrag haltend auf erhöhtem Postament, in der Linken die Leyer, den rechten Arm hocherhoben, – der würde sich von tiefer Bewunderung erfüllt fühlen.
Das von Locken umrahmte liebliche Gesicht von innerer Gluth überhaucht, übt einen wunderbaren Eindruck auf den Beschauer aus und man kann sich einer süßen Sehnsucht nach Sappho nicht verschließen.
Man kann wohl begreifen, daß sie es vermochte, die Schaar der liebreizenden Griechinnen, unter denen sich viele ausländische Frauen als Schülerinnen befanden – zur Begeisterung hinzureißen; man liest den Abglanz tiefer Bewunderung auf den Gesichtern der schönen Mädchen, welche gespannt den Liedern der vielgeliebten Sängerin lauschten.
Schade, ewig schade, daß es der Nachwelt nicht vorbehalten bleiben konnte, Sapphos Schriften studiren zu dürfen. Dieselben wurden ein Raub giftgeschwollener Mönche, welche den übernatürlichen Neid zu überwinden nicht im Stande waren, daß ihnen gerade ein solches Weib so sehr überlegen war und – daß dieses Weib die Liebe eines Mannes verschmähte und solche nur ihren Geschlechtsgenossinnen zugewandt hatte. – –
Es liegt keineswegs in meiner Absicht, etwas gut heißen zu wollen, wogegen sich gesunde Logik sträuben muß, allein ich habe es gut gemeint insofern, als da ich in meiner Schrift dargethan habe, wie so sehr oft gute Gesittung und sogar Glück und Ehre gefährdet und auf das Spiel gesetzt werden, wenn die Leidenschaft in der Freundschaft zweier Frauen eine Richtung annimmt, welche von der einen Seite gar oftmals als Mittel zum Zweck ausgebeutet wird und darum habe ich meinem Buche den Charakter einer Warnung vor Verirrungen in der Frauenliebe ertheilt.
Die Verfasserin.
O Du lachende, stolze süße Du lichtäugige Blume vom Rhein Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße, Dein Sänger will ich sein! Es blühen und duften die Rosen am Wege Und die Sterne vom Himmel sprüh’n, Doch wißt Ihr, in welchem Gehege Die schönsten Mädchen blühn? Nicht war’s in den russischen Steppen Daß ich sie sah, Nicht auf den marmornen Treppen Von Samos und Ithaka. Nicht an den schottischen See’n, Nicht an dem märkischen Sand, Nicht da, wo nicken und weh’n, Die Palmen von Samarkand. Wohl sah ich Französin und Polin Und sah, von Sclaven gewiegt, Die stolze, todtblasse Kreolin In Purpurseide geschmiegt.
... O, ihr klirrenden Kastagnetten! Wie wird mir schwül zu Sinn Gedenk’ ich der wilden brünetten Andalusierin! Gedenk ich der schwarzen Mantille Und der Augen, so lustdurchsonnt Und der Lippen, süß wie Vanille, Die küssen und – – lügen gekonnt!
– Es nickten vom schwedischen Sunde Die Frau’n mir, schön rothblond und bleich; Es schlugen mir süße Wunde Die Frauen von Oesterreich. Es seien Pommerns Damen Den Besten zugesellt, Allein die „Grazien“ kamen In „Pommern“ nicht zur Welt!
Es waltet, den Thee kredenzend, – Ein Bild wahrhafter Ruh’ – Behaglich, wie Vollmond glänzend, Der Niederlande Youfrouw. ... Schön sind die Mädchen vom Tiber! Und wären sie schöner noch, So wär’ mir viel tausendmal lieber Mein Lieb vom Rheine doch!
O Du lachende stolze, süße, Du lichtäugige Blume vom Rhein, Dir bring’ ich viel tausendmal Grüße, Dein Sänger will ich sein.
– – Diese Worte kamen dereinst aus einem Dichterherzen, das voll und warm empfand und für schöne und edle Frauen schwärmte. Gar manches Jahr ist darüber vergangen, als ich diese Verse las. Wie gelabt habe ich mich an dem klingelnden Rhytmus, an der duftigen Poesie und der lieblichen Formenschönheit des Gedichtes aus der Feder eines edlen Sprossen, der das Weib in Anbetung liebte.
Wie oft sprach ich seine Verse und ach! wie oft sprach ich sie nach, jauchzenden Herzens, zu einem Weibe.
Das ist Frauenliebe!
Wie der Mann in heißer Leidenschaft sein Lebensglück in die Hand eines Weibes legt und wie das Weib, bewundernd, hingebend, zum Manne aufschaut, so kann es auch sein: ebenso bewundernd und anbetend, zwischen dem Weibe und dem Weibe!
Ein Männermund hat meinen Mund niemals geküßt.
Man hält mich weder für emanzipirt, noch für eine Männerfeindin; man kennt mich eben, wie ich bin: eine Freundin schöner Frauen! –
Meine Eltern gaben mir die sorgfältigste Erziehung. Meine Mutter starb, ehe ich noch confirmirt war.
Von Reichthum und Luxus umgeben, sind meine Sinne verwöhnt, mein ästhetisches Empfinden so fein, daß mich eine Frau ohne Geist, ohne Chic, ohne Grazie – abstößt! Eine lässige Haltung beleidigt mein Gefühl, so daß selbst das schönste Weib mein Blick achtlos streift.
Mit solchen Ansprüchen wurde ich in die große Welt eingeführt.
Instinctiv regte sich, als ich noch ein Kind war, in meinem jungen Herzen das Verlangen nach einer Freundin, die ich bewundern wollte und meine Erzieherin, eine liebreizende Lady, hatte sich oft genug meiner stürmischen Liebkosungen zu erwehren.
Die zahlreichen Freundschaften aus der Kinderzeit wurden, wie das fast immer der Fall ist, haltlos und verflogen wie Spreu im Winde ...
In dem Hause einer uns befreundeten Familie, welche im Winter Veranlassung hatte, in der Residenz zu repräsentiren, wurde bei Beginn der Saison ein geradezu feenhaftes Costüm-Fest arrangirt. Ein solches Fest zu beschreiben wäre überflüssig. Derartige Diners, Soupers und Bälle gleichen in der vornehmen Welt stets einander und an jenem Abend war mir im Allgemeinen der Tanz so gleichgiltig wie das Souper.
Ich hatte nur Augen für „sie“.
In dem duftigen, wallenden Gewande einer vornehmen Griechin bot sich meinem entzückten Auge eine Gestalt dar von so vollendeter Schönheit und stolzer Haltung und Grazie, daß ich, – in dem Costüm eines mit verschwenderischer Pracht geschmückten Orientalen, – sofort auf die königliche Erscheinung zueilte und ihr meine Huldigungen darbrachte.
Sie hatte natürlich sofort die „Dame“ in mir errathen und weidete sich sichtlich an dem Vergnügen, das ich empfand, sie zu recht lebhafter Unterhaltung anzuspornen; ich lauschte begeistert dem wunderbaren klangvollen Organ. Mich begeisterte ihr reicher, gleichsam funkensprühender Geist und ich berauschte mich an der wundersamen Anmuth, welche halb mädchenhaft lieblich, sich mit der vollendeten Würde einer Herrscherin vereinigte.
Unter den brausenden Klängen des Orchesters begann der Reigen.
Die Kapriolensprünge eines übermüthigen Clowns belustigten mich ebenso wenig, als mein Auge sich an den schmucken Ritter- und Pagengestalten erfreute.
Ich überließ mich ganz und gar der süßen Einbildung, daß diese geistreiche Frau mit dem göttlichen Körper auch ein junonisch schönes Antlitz haben müsse. Und ich erzitterte heimlich, wenn leise Zweifel mich beschlichen, daß es anders sein und mir ein unschönes, vielleicht häßliches Gesicht entgegenschauen könnte und ich, die ich jeglichen Vorzug an einer Frau hochschätze, kann nur ein – schönes, in jeder Hinsicht schönes Weib – lieben!
So sind wir Zwei denn fast ausschließlich beieinander geblieben und eine wonnige Hoffnung stahl sich in mein Herz, daß es erwachende Neigung für mich auch bei meiner Partnerin sein müsse, wenn sie, während des Tanzes, ausnahmslos sich mit einer Dame begnügte.
Da schmetterten die Fanfaren!
Da endlich nahte der Augenblick, da die seidene Maske fiel und ich, bebenden, klopfenden Herzens in ein Antlitz sah, so traumhaft schön, so unbeschreiblich schön, wie ich es zu hoffen nicht gewagt hätte ...
Voll jubelnden Entzückens flüsterte ich ihr heiße Worte ins Ohr; ihre strahlenden Augen tauchten sich tief in die meinen und es durchströmte mich ein unsagbares, niegekanntes Gefühl! – – Ich erschauerte im Innersten; an dem Drucke ihrer kleinen Hand empfand ich, daß wir Zwei uns verstanden hatten: sie war von genau ebensolcher Regung beseelt, als ich selber.
Meine Absicht, gemäß den Wünschen meines Vaters, welcher mich begleitet hatte, sogleich nach dem Souper zum Aufbruch zu rüsten, wußte sie durch eine liebenswürdige Ueberredungskunst, die sie auch vor ihm entfaltete, in den dringenden Wunsch umzuwandeln, bis zum Schluß des Festes zu verweilen. Da meine holde Tänzerin allein erschienen war, wurde es uns auch gern zugebilligt.
Jetzt brachen für mich wonnige Stunden an; unausgesprochen fühlten wir Beide unsere geistige Wahlverwandtschaft. Wir geizten nach jeder Minute, uns unterhalten zu können und für uns Beide war es eine gleiche Last, den Honneurs der Gastgeber zu begegnen.
Die Allüren der Damen von Welt gebieten nun freilich, daß man aus Anlaß eines Beisammenseins auf dem Parkett auch nicht einen einzigen anwesender Bekannter ignoriren darf und es trug bereits den Anflug eines Verstoßes an sich, daß ich so weitgehenden Anspruch erhob auf die Gesellschaft einer Dame, welche ich erst seit wenigen Stunden kennen gelernt hatte, wie es denn auch den Anschein des Seltsamen hatte, daß meine junge Schöne, welche gekommen war, um den Gastgebern einen Act gesellschaftlicher Höflichkeit zu erweisen, sich einer ihr bis dahin fremden Dame widmete.
Sie hatte die ihr zugegangene Einladung annehmen müssen, wiewohl sie nur allein lebte und sich auf die Gesellschaft einer alten Repräsentantin beschränken mußte.
Edita, so hieß sie, hatte mir Alles das zu sagen sich genöthigt gefühlt, um sich vor mir gleichsam zu rechtfertigen.
Titel und Name ihres Vaters waren meinem Vater bekannt. Dieser erinnerte sich auch des malerisch gelegenen Schlosses am Rhein, welches die junge Erbin bei entsprechender Jahreszeit bewohnte. Freudige Verwunderung! denn nun durften wir uns gewissermaßen als alte, gute Bekannte betrachten.
Die Stunde des Scheidens schlug; mein Vater hatte uns ohnehin ein Opfer gebracht, welches wir auch nur annahmen, um einige Stunden länger die ersten Gedanken auszutauschen. – Der heranrollende Wagen nahm uns auf und führte uns unserem Heim entgegen. Ich hatte mit Edita ein sehr baldiges Wiedersehen verabredet und traumverloren sah ich hinaus in die sternenfunkelnde Winternacht ...
Wortkarg hörte ich die Fragen meines Vaters an, der seiner Verwunderung Ausdruck gab, daß ich sowohl, als jene Dame gegenüber den Bemühungen der Tänzer uns ablehnend verhalten hatten.
Nun, er war ja an meine kleinen Caprizen gewöhnt und kam nicht wieder darauf zurück.
In meinem Gemache angelangt, begab ich mich zur Ruhe, doch fand ich den Schlaf nicht und ich mochte ihn auch nicht finden.
Ich gab mich glückseligen Träumereien hin, welche alle in der Hoffnung gipfelten, daß sie sich recht bald verwirklichen möchten.
... Das war eine Ballnacht! ...
So mag vielen Tausenden junger Mädchen zu Muthe sein, die nach einer durchschwärmten Ballnacht träumen von Glück und Zukunft und von – – ihm, doch nicht Begehr tragen nach Frauenherzen und Frauenliebe! ...
Da ich mich dann erhob und nun doch übernächtigt und matt, mir die Chokolade reichen ließ, da – o Entzücken! hatte ein Diener für mich einen Brief gebracht, einen langen, seltsamen – über dessen Inhalt ich in süße Verwirrung gerieth – von Edita! ...
Am Schlusse ihres Schreibens bat sie mich dringlichst, die Schranken der formellen vornehmen Sitte unserer Kreise zu durchbrechen und einen Verkehr mit ihr anzubahnen, welcher uns berechtigt, uns zu jeder Stunde zusammenzuführen. Natürlich entsprach das meinen heißen Wünschen und meine Zofe bestellte augenblicklich den Wagen.
Es war ein frohinniges Wiedersehen und frohinnig ist’s dann allzeit gewesen. So oft als es möglich war, sahen wir uns und dann stets so lange als möglich und – wir hatten uns Beide nicht getäuscht! Zwischen Edita und mir entspann sich eine so reine Freundschaft, wie sie feinsinniger wohl noch niemals bestanden haben mag.
Wir lasen uns unsere gegenseitigen Wünsche von den Augen ab und verzichteten gern auf die Gesellschaft jedes Dritten, da wir selbst uns immer genug waren. Eines Tages erhielt ich eine sehr eilige Meldung durch jemand von Editas Dienerschaft, daß Edita unpäßlich sei und heute vermuthlich nicht bei mir sein könne.
Ich beschloß sogleich zu ihr zu eilen, denn seit Beginn unserer Bekanntschaft war noch nicht ein Tag verflossen, an welchem wir uns nicht begrüßt hätten. Ich fand Edita in ihrem Boudoir auf einem Ruhebette liegend; lässig bedeckte ein kostbares weißhaariges Fell die lichtumflossene Gestalt. Durch die bunten Butzenscheiben brach goldenes Sonnenlicht herein, denn der Frühling war ins Land gezogen, und Veilchen und Maiglöckchen strömten ihre süßen Düfte aus, welche das lauschige Gemach erfüllten.
„O, Felicita, Sie Gute! Wie lieb von Ihnen, daß Sie gekommen sind, denn ich hatte unbeschreibliche Sehnsucht nach Ihnen um Ihnen in Ihr liebes Gesichtchen zu schauen!“
Sie küßte mir zärtlich Stirn und Augen und ich zog sie, mich besorgt nach ihrem Befinden erkundigend, sanft an mein Herz.
Lange engumschlungen saßen wir und sahen dem reizenden Spiele zahmer Vögelchen zu, welche, wenn nicht auch ich sie geliebt, entschieden meine Eifersucht erregt hätten, so sehr viel beschäftigte sich Edita mit ihnen. Dann öffnete ich im Nebenzimmer die Balconfenster, um die würzige, sonnendurchwärmte Frühlingsluft hereinströmen zu lassen.
Als ich wieder das Boudoir betrat, stand meine Patientin vor mir, schöner als ich sie je gesehen. Auf dem feinen Antlitz, welches von einem matten, rosigen Schein überhaucht war, prägte sich der Ausdruck großen innerlichen Glückes aus.
Ich stand in stummes Staunen versunken vor dem reizendsten aller Weiber und jauchzend schloß ich sie in meine Arme. Das lange lichtblonde Haar fluthete über den Nacken, welcher, von der duftigen Spitzenrobe fast unverhüllt, mir in blendendem Weiß entgegenleuchtete. Ich konnte ein heißes Begehren nicht unterdrücken und küßte sie, von den seidenen Haarwellen umrieselt, leise, mit heißen, zuckenden Lippen auf die warme Sammethaut und ... dann in stürmischem Jubel zog ich sie hinaus in all den Lenzesduft, der von dem blumengefüllten Balcon in das Zimmer wehte.
„Ich bin so glücklich, Felicita, und wie sehr liebe ich Sie! Welch’ ein köstlicher Frühling wird uns erblühen, da schon den Winter wir in Märchenlust durchträumten!“
„Gewiß,“ rief ich, „und welche Worte soll ich wählen, um meinen Empfindungen Ausdruck zu geben! Seien Sie versichert, ich will freudig Allem entsagen, was die Menschen ihr Glück auf Erden nennen, wenn ich Sie, meine Edita, habe!“
„Süße Felicita,“ erwiderte sie, „wie von ganzem Herzen danke ich Ihnen für all die reiche Liebe, mit welcher Sie die meinige vergelten. Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „wie oft im Leben begegnen wir Frauen, welche einander Liebe und Freundschaft geloben und doch bedarf es nur eines einzigen Anstoßes von der Außenwelt her – sei es aus Materialismus, sei es aus Eifersucht, – genug, alle diese Versicherungen gegenseitiger Freundschaft zerrinnen und das Ganze erscheint wie ein Trugbild! Da habe ich denn, ehe wir uns auf jenem Costümfest kennen lernten, mir so oft die Frage vorgelegt, wie es möglich sein kann, daß eine Frau von reichem Gemüth um irgend eines Scrupels willen das Schönste aus dem Inhalt ihres Lebens grausam zerstört: Frauenliebe! Der Gedanke, daß ich Sie verlieren könnte, liegt meinem Herzen so fern, daß es mir absurd erscheint, einer derartigen Befürchtung Raum zu geben. Wie viele edle Frauen, welche aus irgend welchen tragischen oder anderen Gründen sich vereinsamt fühlen und unglücklich, fänden einen reichen Ersatz für alles Verlorene oder Entbehrte, wenn sie sich die Liebe einer Frau erwerben und eben diese Liebe pflegen würden.“
Ich hatte aufmerksam zugehört und entgegnete, als sie schloß, mit ernstem Kopfnicken:
„Wohl; es mag viel darüber gesprochen und geschrieben worden sein, daß der Beruf der Frau die Ehe ist; der Platz der Frau ist am häuslichen Heerd und ihre Sorgen um Gatten und Kind ihre Lebensaufgabe. Das ist schön gesagt, aber ich kenne manche Ehe, in der die Frau einzig dazu berufen zu sein scheint, ein Kreuz zu tragen.
Es soll keineswegs meine Aufgabe sein, etwa einem jungen Mädchen den Glauben zu benehmen, daß der ganze Weg durch die Ehe mit Rosen bestreut sei und ich würde mich nimmermehr zwischen zwei Menschen stellen, die vielleicht im Begriff sind, eine Thorheit zu begehen und wäre es selbst einer unseres Namens, um eine Mesalliance zu schließen.“
Edita hörte mich an und, beide Hände auf meine Achseln legend, sagte sie mit plötzlichem, fröhlichem Lachen:
„Ja, gut, aber Kleine, unter derartigen abhandelnden Gesprächen verrinnt uns der schöne Frühlingstag. Wir Zwei sind uns über unsere Ansichten ja längst schon einig und wir werden wohl auch kaum jemals anderen Sinnes werden. Ihre Anwesenheit, liebes Herz“, fuhr sie fort, „hat mich wieder gesund gemacht und da will ich Ihnen einen Vorschlag machen: Während ich bei der Toilette bin, ist der Wagen bereit und wir machen eine schöne Spazierfahrt!“ – – – –
Der kräftige Lenzeshauch hatte die Wangen meiner schönen Freundin geröthet und sie sah so blühend und hinreißend aus, daß ich mir Mühe geben mußte, den Blick von ihrem reizenden Exterieur loszureißen; sie erschien mir unsäglich begehrenswerth! ...
Mit der Spitze ihres schmalen Lackstiefelchens klopfte sie auf meinen Fuß, welcher dicht an ihrem rechten stand und dazu lächelte sie verheißungsvoll, bis ich den Muth fand, ihr mit stummer Frage in ihr schönes Sternenpaar zu blicken und Edita nickte mit bedeutungsvollem Lächeln zurück ...
Der Nachmittag jenes Tages wird mir unvergeßlich bleiben. –
Wir saßen, einige Zeit nach dem Diner, da wir heimgekehrt waren, eng aneinandergeschmiegt, beim Dessert.
Ich hatte meiner Freundin Champagner angerathen und dieser perlte in den hohen Kelchgläsern, welche wir hell aneinanderklingen ließen.
„Edita“, rief ich, „schon längst wollte ich Dir einen Wunsch offenbaren, den ich schon lange im Herzen trage. Sieh, Schatz, Du weißt, welche Freude ich an meiner Kunst habe und jetzt male ich schon lange Zeit nicht mehr, weil mich ein einziges Bild verfolgt: die Venus von Milo! Komm, schöner Engel, folge mir und sei mein – – Modell! ...“
– – Edita sah mich nicht etwa sprachlos an, richtete nicht etwa eine Frage der Verwunderung an mich ... sie erhob sich ganz einfach, preßte meinen Kopf an ihre Brust und küßte mich minutenlang auf den Mund ...
Ich erwiderte leidenschaftlich ihre Küsse und hielt Edita fest umschlungen; mit einem tiefen Seufzer löste sie sich von mir und ergriff meine Hand, um mich in ein anderes Gemach zu geleiten.
Hier erfaßte sie ein Scizzenbuch, in welchem ich oft bei ihr gezeichnet, legte Zeichenmaterial zurecht, während ich langsam an sie herantrat und – wortlos, tief athmend, den Schmuck von ihrem Halse löste.
Und willenlos ließ sie es geschehen, ein bestrickendes Lächeln um den frischen, kleinen Mund.
Mit behutsamen Fingern löste ich Knopf um Knopf auf und nestelte sie ebenso behutsam aus ihrem Kostüm.
„Ist’s gut so, Schatz?“ fragte sie. Ich schüttelte, wie im Traum, den Kopf. Nach wenigen Minuten hatte ich sie herausgeschält aus den Hüllen von Seide und Spitzen und – – noch einen Augenblick! da stand sie vor mir, meine stolze Venus! ...
Ich war meiner Sinne kaum mehr mächtig; ich drängte das süße Weib auf die üppigen, weichen Sammetpolster und mein Auge weidete sich an den köstlichen Formen des blühenden Leibes ... doppelt schön, weil in seliger Erregung Edita’s bezaubernder Busen auf und nieder wogte und der heiße Athem mein Haupt streifte.
Endlich raffte ich mich auf – – ich mußte mein Wort halten und die Scizze anfertigen.
Ich nahm das feine, vornehme Profil und dann hielt ich mich eine Weile länger, als für eine Scizze erforderlich, bei ihren vollen Schultern und den zarten Händen auf; ich mußte das. Und ich mußte eine Pause machen, um mich zu sammeln. ... Von Neuem setzte ich den Griffel an ... Da konnte ich nicht mehr! In heißer Leidenschaft sank ich vor ihrem Polster nieder; ich preßte meinen Mund auf ihre blühenden Lippen, während meine Hand sich schüchtern auf ihren warmen, weißen Busen schlich. Edita’s Mund vermochte nicht, sich von meinen Lippen zu lösen – wir fühlten nur eines: unsere Liebe – – Frauenliebe! – –
Da war es über mich gekommen, das lockende Glück, welchem ich seit Jahr und Tag sehnsuchtsvoll entgegengeathmet hatte!
Edita umschlang mich unter halb schluchzenden Seufzern und immer mehr steigerte sich meine glühende Leidenschaft ...
Endlich öffnete ich meinen Mund und gab den ihrigen frei.
Da stammelte sie mit glühendheißem Athem bethörende Liebesworte, sinnverwirrend, aufregend, Worte, die ich niemals gehört hatte, deren Sinn mir jedoch klar war ...
Die Scizze der Venus von Milo war unfertig geblieben ...
„Ich bedarf einer neuen Sitzung,“ hauchte ich.
Mit brennenden Lippen schloß sie mir den Mund.
Ihre Augen erglänzten fieberisch ...
Nach meiner Rückkehr nach Hause durchlebte ich eine Nacht, ähnlich derjenigen, in welcher ich meine Edita fand und doch anders noch! Meine Träume hatten sich verwirklicht.
In den Armen eines angebeteten, schönen Weibes waren mir die Wunder berückender Erotik erschlossen worden.
Am nächsten Tage betrat ich mit zaghaften Schritten das Haus meines Lieblings und zaghaft auch kam Edita mir entgegen und begrüßte mich aber doch mit der gewohnten Herzlichkeit von ehemals, während ihre Stirn und Wangen wie in Gluth getaucht erschienen.
So saßen wir uns beide gegenüber, just so, als hätten wir eine Uebelthat vollzogen. – Vom Scizzenbuch war keine Rede und von der Venus vollends nicht! – Nur einen Moment noch – da zog mich Edita auf ihre Kniee, ich aber entschlüpfte ihr, als ob mein heißes Herz einer neuen Gefahr entrinnen wolle. Da erhob Edita neckisch drohend den Finger und rief lachend:
„Aber Titus, kleiner! Woher die Scheu? Du bist meine Liebe, sollst meine Liebe bleiben!“ Und dabei haschte sie nach meinen Händen, welche sie fest an sich preßte ... o Frauenliebe!
Da ich in der That nicht länger bleiben konnte, so verabschiedete ich mich bald. Ein baldigstes Wiedersehen verheißend, eilte ich heimwärts – –
Im Bade.
Schüchterne Versuche, „sie“, die Andere, persönlich kennen zu lernen, scheiterten immer wieder an den Scrupeln, die ich mir machte, um vor meiner Edita nicht treulos oder wankelmüthig zu erscheinen und doch wurde ich jener Anderen bezauberndes Bild nicht los.
Mit dem geübten Blick einer echten Kunstjüngerin habe ich sie gesehen. – Einmal auf einer Corsofahrt, da sie mir und meiner schönen Freundin Blumen in den Wagen warf und, ein anderes Mal, in dem Atelier eines Künstlers, meines Meisters, vor welchem zu einem Portrait zu sitzen, sie gekommen war. Ich hatte weder Anlaß noch fügliche Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.
Im Grunde meines Herzens war es mir gleichgiltig, ob sie mir ebenbürtig oder nicht – – mich gelüstete nur, ihre Schönheit zu genießen.