Chapter 3 of 7 · 4000 words · ~20 min read

Part 3

In einem vornehmen Palazzo hatten wir durch die Vermittelung einer uns bekannten Familie ein ebenso standesgemäßes, als comfortables und anheimelndes Quartier gefunden und in der That gelang es uns sehr bald, unseren Wünschen und Absichten nahe zu kommen. Es bereitete mir immer herzliche Freude, wenn sie es so einzurichten wußte, mich persönlich abzuholen und wir verlebten manche idyllische Stunde in den geschmückten Gondeln auf der Laguna.

Allmälig war mein trüber Sinn einer Umstimmung gewichen. Mein Auge schwelgte in den Natur-Wundern des herrlichen Südens.

Dann kam es auch wieder über mich, leise, langsam, aber stetig: Das eigenartige, seltsame Verlangen in mir, den Anblick schöner Frauen zu genießen. –

Edita hatte mich in das richtige Fahrwasser gelenkt.

Gerade hier bot sich mir eine Quelle von Genüssen, welche ich in meiner nordischen Heimath verhältnißmäßig doch nur spärlich fand.

Doch noch wog die Liebe zu meiner Kunst das Begehren nach dem Besitze anderer Frauen in erotischem Sinne auf, denn Edita – bot mir ja Alles! –

Sie nahm und gab und wir waren vollkommen glücklich; nichtsdestoweniger erregte es fortdauernd mein Interesse, andere Frauen zu beobachten – die Frauen des _high life_ des Südens, die – reich, unabhängig, zügellos der Erotik opfern mochten. – – Eines Tages lernten wir eine junge Aristokratin kennen, welche von der Lebewelt umschwärmt wurde, doch eine uns räthselhafte, und abweisende Zurückhaltung an den Tag legte.

In dem Hause der Marchesa lebte eine junge Deutsche von ungemein liebreizendem Wesen; diese war die Gesellschafterin, Freundin und Alles der Italienerin. Sie waren Rivalinnen ihrer beiderseitigen Schönheit; die blühende, rosige, Geist- und Lebensfreude athmende Deutsche war ebenso begehrenswerth, als die vornehme todtblasse Südländerin – fascinirend.

Diese Beiden zu beobachten, war mir, ohne eigentlich neugierig zu sein, gleichsam zur Aufgabe geworden.

Durch eine Reihe von günstigen Zufällen begleiteter Umstände traf es sich, daß durch Zuthun der jungen Deutschen, Anna v. B. sich gewissermaßen eine Réunion sehr bald bildete und gar oft war das Parquette der Marchesa der Sammelplatz eines ziemlich weit verzweigten Kreises der vornehmsten Damenwelt.

Der Verkehr unter uns gestaltete sich zu einem immer zutraulicheren.

Die genußsüchtige, in ihren Schwelgereien unersättliche, nach außen statuenhaft kalt wirkende Marchesa plante eine Soirée.

An die elegante Damenwelt, welche einer still-verschwiegenen Kategorie von „Lebefrauen“ angehörte, ergingen zahlreiche Einladungen.

Edita und mir sollte eine unglaubliche Ueberraschung vorbehalten sein.

Wir sollten einer Orgie mitbeiwohnen, wie sie auszumalen, oder sich vorzustellen, selbst die sinnlichste Phantasie nicht fähig ist.

Die Geladenen befanden sich in des Wortes eigentlichster Bedeutung „unter sich“; sie alle wußten bereits, welche Freuden ihrer harrten – pflegte doch die Marchesa von Zeit zu Zeit einen Damen-Abend zu veranstalten, an dem man einmal ungestört musiciren und plaudern kann: Das reine Lesekränzchen! ...

... Die Karossen kamen herangesaust; schmucke Gondoliere ruderten schleierverhüllte Frauen bis fast nahe an den Palazzo der Marchesa.

Diese selbst begrüßte ihre Gäste, umgeben von fürstlicher Pracht, in ihren Empfangsräumen. Die Toiletten der gesammten Damen wetteiferten an verschwenderischer Pracht und Chic miteinander.

Man war entzückt von der Liebenswürdigkeit der Gastgeberin, welche, einer Fürstin gleich, Huldigungen entgegennahm und austheilte.

Es war früher Abend geworden und in venezianischen Kronleuchtern sandten ungezählte strahlende Kerzen ihr gleißendes Licht durch Vestibül und Säle. Ein kunstvoller, überaus reichverzierter Treppenaufgang führte nach dem oberen Stockwerk.

Hier überbot ein Lichtmeer die strahlende Helle der unteren Etage.

In einer mäßig großen Bildergallerie waren die damastblinkenden Tafeln, strotzend von Silber- und anderem Geräth und Blumen, für das Souper hergerichtet. Es war ein üppiges Mahl!

Der Wein aller Gattungen erhitzte die Gemüther. Flammende Augen, glühende Wangen und eine übermüthige, mehr als lebhafte Conversation in italienischer und französischer Sprache durchschwirrte die parfümirte Luft.

Wir, Edita und ich, befanden uns zum ersten Male in dieser Gallerie. Interessirt ließ ich die Blicke über die Gemälde schweifen und entdeckte da Meisterwerke, wie man sie nur in werthvollen Sammlungen, oder in Museen findet. Auffällig nur erschienen mir unterhalb des Rahmens je ein leuchtender, silberblitzender Stern.

Nun, ich deutete mir diesen eigenthümlichen Schmuck als eine originelle Caprice der Marchesa; mir sollte der Zweck der funkelnden Sternchen bald klar werden. Ehe noch ich Edita darauf aufmerksam machen konnte, wurde die Tafel aufgehoben und ich machte von Zeit zu Zeit die Entdeckung, daß sich allmälig ein Theil der anwesenden Schönen zerstreut hatte.

Eine diesbezügliche Bemerkung meinerseits beantwortete die reizende Marchesa mit einer eigenthümlichen Geste.

„Sie sollten ja überrascht werden, Signorita“, sagte sie und ihre schneeweißen Zähne blitzten mich herausfordernd an. Dann fuhr sie fort:

„Prüde sind Sie nicht und auch nicht Ihr Liebchen! Daher sollen Sie vergnügt sein und so liebenswürdig, kleine pikante Extravaganzen hübsch verständnisvoll in den Kauf zu nehmen!“

Ich war einigermaßen verwirrt und mußte in diesem Moment unwillkürlich meiner Verführerin, der Comtesse Eugenie gedenken ...

Aus einem Pavillon, der sich in dem terrassenförmig sich abstufenden Garten befand, drang sphärenhafte liebliche Musik. –

Nach geraumer Zeit, während welcher wir, lebhaft plaudernd, die Rückkehr der Damen, die sich zurückgezogen hatten, abwarteten, lud uns die Marchesa, ihre rosige, blonde Annina, wie sie sie nannte, am Arm, mit ihrem übermüthigsten Lächeln ein, vor je einem der Gemälde Platz zu nehmen. Mittelst Druckes auf ein dort angebrachtes Sternchen machte dasselbe eine rotirende Drehung und wies nun Oeffnungen auf, welche zuvor von den ausstrahlenden Sternchen überdeckt waren.

Von natürlicher Neugier erfüllt, sah ich, gleich Edita und einigen anderen Damen, darunter die Marchesa und Annina durch die Oeffnung.

Vor meinen Blicken dehnte sich ein feenhaftes Gemach in halbkreisrunder Form aus. Es war tageshell erleuchtet. Ueppige orientalische Polster längs der Wände, in malerischer Unordnung bedeckt mit seidenen Decken, Kissen, Fächern u. s. w.

Kleine Roccocco-Tische waren überladen mit Früchten, Süßigkeiten, Wein etc.

Auf das Zeichen eines feinen Glockentones sank ein golddurchwirkter Vorhang in schweren Falten auf den Teppich nieder und mein Auge umfaßte ein mit großer künstlerischer Routine dargestelltes „lebendes Bild.“

Wie aus Marmor gehauen, standen vor uns vier schneeweiße, nackte Frauengestalten in wirkungsvoller Gruppirung graziös umschlungen, je in der einen hocherhobenen Hand einen blumengefüllten Korb haltend, und plötzlich kam Leben in diese üppigen, herrlich geformten Leiber. In langsamen, immer lebhafteren Drehungen wanden sie sich, gleich einem Kaleidoscop umeinander und von sehr hübscher Wirkung war es, als mittelst einer kunstvollen Vorrichtung ein andauernder, scheinbar nicht endenwollender Rosenregen sich über die verführerischen Sirenen ergoß.

Diese vier Statuen von angeborener und doch raffinirtester Grazie in ihrer nackten, blendenden Schönheit übten einen gewaltigen Eindruck auf uns aus.

Dieser Eindruck wurde sehr bald durch ein wahres Entsetzen verwischt, das sich meiner bemächtigte.

Während zwei in seidenen, vorn offene, langwallende Gewänder gehüllte Damen eintraten und die ersten vier Sirenen ebensolche anlegten, verschwanden die letzteren und die beiden zuletzt Gekommenen saßen in sehr vertraulichem _tête à tête_ beieinander, als sich die Portieren theilten und zwei ritterlich gekleidete Männer eintraten. Ich sah athemlos fast nach ihnen hinüber. – – Männer! – – Schrecklich!

Der Eine von ihnen in echtem Rembrandtwamse, einen martialischen Schnurrbart in dem dunklen Antlitz, den Galanterie-Degen zur Seite, umschlang, ehe man sich dessen versah, eines der üppigen Weiber, sie auf seine Kniee ziehend. Wie es schien, ließ sich die Circe, liebeheischend, gern herbei, die Liebkosungen des Mannes zu erwidern. Den einen Arm um ihre Hüfte gelegt, in der anderen einen hohen schäumenden Pokal, – wandte er sein lachendes Gesicht nach jenem Anderen, der, ein untrüglicher „Hamlet“ vor seiner „Ophelia“ niederkniete.

Der lose Burnus war längst von ihren Knien geglitten und sein schöner, dunkler Lockenkopf drängte sich zwischen dieselben – – –

Unwillkürlich gedachte man des dritten Actes, 2. Scene, aus Shakespeares „Hamlet“: „Ein schöner Gedanke, im Schoße eines Mädchens zu liegen!“ ...

Aber diese Art Orgienfeier vor uns zu entrollen, war denn doch zu stark!

Edita stand bereits hinter meinem Sessel und als ich mich umwandte, sah ich ihr in das tieferröthete Gesicht, entrüstet über das Geschehene erhob ich mich, nicht anders vermeinend, als daß wir uns in dieser Umgebung nicht länger aufhalten durften, sondern uns sofort zurückziehen müßten.

... Im Gegentheil! Edita zog mich mit heißen Händen in eine Nische der Gallerie, drückte mich sanft in einen Sessel, küßte, da ich dekolettirt war, meinen Busen, schlich sich unter die knisternde Seide hindurch durch die Spitzenwogen ..., ihre Lippen erschlossen sich in glühendem Kusse ... Rembrandt (sein Liebchen auf dem Schoße) und Hamlet (vor Ophelia) waren zwei schöne Frauen, welche wohl wußten, daß aus den Sternen über ihren Häuptern schöne Frauenaugen liebestrunken auf sie herabblickten ...

Unsere Marchesa hatte also wieder einen neuen Triumph gefeiert, wie sie uns, das unverhüllte Sinnbild der Sinnlichkeit mittheilte. Sie war, wie sie ferner äußerte, unsagbar glücklich und selber aufgeregt darüber, daß ihre Orgien den gewünschten Zweck erreicht hatten.

„Ueber Alles: Hoch Frauenliebe!!“

Nach einigen Augenblicken befanden wir uns mitten unter allen Uebrigen, welche theils halbnackt, theils schleierverhüllt, oder in Salon-Toilette beisammen blieben, um in Scherz und Lust und Leidenschaft der Göttin Psyche zu opfern! „Diese Orgien führen auf abschüssige Bahn,“ fuhr es mir eine Secunde lang durch den Sinn, allein der nächste Augenblick bot soviel sinnbethörender Lust und sinnliche Freude, daß ich mich, gleichwie Edita, nichts mehr bedenkend, in den Strudel der Erotik stürzte ...

Diese gluthensprühenden Südländerinnen haben uns den Begriff eines italienischen Sommernachtfestes gründlich gelehrt!

Nun rauschte, von einer Kurbeldrehung durch die Marchesa und Annina selber bewerkstelligt, – (da an diesen Damen-Abenden niemals Domestiquen im oberen Stockwerk erscheinen durften,) – eine ungeheure Tapetenthür auseinander. Deckenhohe Spiegel, in denen sich die Wollust wiedersah, trauliche Nischen, ferne Musik, Diamanten, Blumen, Wein, Liebe! ... Eros hatte an dieser Stätte seine sämmtlichen Schätze verstreut! – – – –

In dem Gewoge aller dieser, jeder Phantasie durch die Wirklichkeit hohnsprechenden, raffinirten, übersinnlichen, dabei blumenhaft anmuthigen Darstellerinnen der Frauenliebe konnte man fast nicht mehr zur Besinnung kommen.

Ich trat, ein halbgefülltes Crystallglas in der Hand, in eine der Nischen und blieb einen Moment wie angewurzelt stehen. Daß ich in eben dieser Nische ein Liebespärchen finden würde, wußte ich schon, aber – gerade diese Beiden?

Die größere von ihnen lag weit zurückgelehnt, in einem Divan. Der Spitzenschawl war ihr von den Schultern gesunken und ließ eine Büste sehen, zum Malen schön!

Die juwelenblitzende Rechte umfaßte mit leichtem Griff einen echten Römer ... Die Linke kraute in dem Nixenhaar ihrer dicht an sie geschmiegten Freundin Annina, welche mit ihrem Spiegelbilde koquettirte. Merkwürdigerweise hatte Annina einen kleinen Liebling: ein reizendes, goldiges Kätzchen, welches sie überall mit sich führte und auch jetzt strich ihre schneeige Hand leise, leise, wollüstig über das seidene Kätzchen in ihrem Schoß! Die Marchesa, welche dieses Gebahren sehr liebenswürdig finden mochte, neigte sich tief hernieder und küßte lange und zärtlich das Kätzchen. Nachdem die Marchesa ihrem guten Herzen ein beredtes Zeugniß ausgestellt, konnte ich nicht umhin, dem Lieblinge des Hauses gleichfalls das blonde Fellchen zu streicheln ...

Ein anderes Bild erregte, nachdem ich meine Edita herzlich abgeküßt hatte, meine theilnahmvolle Aufmerksamkeit.

Auf einem Divan, mit dem Gesicht nach unten liegend, sah man den üppigen Frauenleib einer derer, die wohl etwas unvorsichtig an den verschiedenen Honigkelchen nippte, aus denen sie süßen Rebensaft sog, die fleißige Biene!

Verwundert trat ich näher, um einer Operation Zeuge zu sein, wie ich sie in meinem Leben kaum vom Hörensagen kennen gelernt. Gefällige Frauenhände hatten nämlich einen merkwürdigen Apparat herbeigeholt, ein metallblitzendes Instrument, das, wie ich mir viel später erklären ließ, ein sogenannter Baunscheidt’scher Apparat, dazu diente, rheumatische Schmerzen zu beseitigen. Man handhabt denselben, indem man mittelst Ausziehens der eine spiralförmige Feder umschließenden Hülse die Feder spannt und durch plötzliches Loslassen des Auszugs die Feder schnellen läßt. Durch die Gewalt dieser Schnellung erscheint am Ende des Apparates ein Kopf mit zahlreichen haarscharfen Nadeln. Dieselben drücken sich in das vom Rheuma verunglimpfte Fleisch, und auf die verwundeten Stellen streicht man Baunscheidt’sches Oel und die ganze Heilungsprozedur ist damit, wie man sagt, mit großem Erfolg vollzogen. Vorsichtig, behutsam, mit ernsten Zügen auf dem pikanten Koboldgesichtchen schob sich eine der zarten Hände unter die seidene Decke, welche über der Circe Rücken gebreitet war. Behutsam und vorsichtig auch führte sie die Operation nach Baunscheidt aus ...

Mit jähem Ruck schnellte die schöne Dulderin empor; da sie jedoch eine angenehme Wohlthat empfand, verhielt sie sich dankbar und ruhig, nur das Gesicht hatte sie ein wenig aufgerichtet und betrachtete mit großem Interesse diesen Vorgang in dem Spiegel am Fußende ihrer Ottomane.

Ich glaubte zu träumen ...

Das sollte Edita auch sehen, doch war ich nicht mehr im Stande weiterzukommen; ein unbekämpfbares Lachen hatte mich ergriffen und ich mußte mich an einer Palme halten, um nicht umzusinken.

Edita?! Das ist ein Spuk meiner Phantasie! Edita – in den Armen eines Mannes?! Der Pseudo-Hamlet kniete vor ihr, sein Adonis-Haupt tief vergraben in den Falten ihres Kleides.

Lächelnd hatte sich Edita weit zurückgelehnt; ihre weißen Hände krauten in seinen kurzgeschnittenen Locken. Da richtete er sein freudestrahlendes Antlitz empor und flüsterte verführerische Worte. Edita’s übermüthiges silbernes Lachen erklang – sie neigte das schöne Haupt über ihn ... ihre Lippen berührten die seinen, während seine Arme ihre Gestalt umfingen und sie fest an sich zogen.

Das war zuviel für mich. Ich befand mich hinter einer Draperie und konnte so alles beobachten, ohne selbst gesehen zu werden; wohl war es meine Absicht, auf meinem Beobachtungsposten zu verharren, weil eben ich wahrnehmen wollte, wie eigentlich Edita’s Haltung gegenüber solchem stürmischen Liebeswerben sein würde.

So eifersüchtig, wie ich in diesem Momente war, konnte selbst ein Othello nicht sein!

Das war wirkliches Leid, welches ich in meinem Herzen empfand ...

Stimmung und Wein hatten das ihrige gethan und ich fühlte einen Zorn in mir auflodern, daß ich nicht länger an mich halten konnte und mit wenigen Schritten vor ihnen stand.

Wenn man hätte glauben sollen, daß Edita vor meinem Anblick erschrecken oder betreten sein würde, so hätte man sich eben getäuscht. Ihre Wimpern senkten sich auf die glühenden Wangen; thuend, als ob sie mich noch nicht bemerke, umfaßten ihre beiden Hände das Antlitz des schönen Verführers und Kuß um Kuß preßte sie auf Stirn und Mund und Augen ...

Ich war meiner wirklich kaum mehr mächtig; meine reizende Desdemona sündigte ja gegen unsere Liebe mit einer Routine, welche ich ihr wirklich nicht zugemuthet hätte.

Natürlich hatte die flammensprühende Italienerin – ein wahrer Don Juan – keine Ahnung von meiner Anwesenheit, da die Töne des fernen Orchesters das Geräusch meiner Schritte dämpften.

Und als ich nun sehen mußte, wie er, ermutigt durch die unerwartete Gunstbezeugung Edita’s – nicht mißzuverstehende Versuche machte, seiner Verliebtheit Ausdruck zu geben, wie vor Stunden bei seiner Ophelia, – da war ich im Nu hinter Edita getreten, umfaßte rasch ihre Taille und zog sie von ihrem Sitze empor, so daß Hamlet einen gelinden Ruck erhielt und rittlings auf den Teppich sank. Edita brach in laute Heiterkeit aus.

Ich sah ihr vorwurfsvoll in die Augen.

„O Edita!“

Sie aber umschlang meinen Hals und ... o wundersames Erinnern! ... sie biß ihre kleinen Zähne in die Haut desselben. Halb versöhnt, konnte ich dennoch nicht umhin, ihr den Kummer zu schildern, den sie mir soeben bereitet hatte. –

Während dessen hatte der Pseudoprinz sich in lustigster Stimmung von seinem umgewandelten Lager erhoben und da er unsere deutsche Unterhaltung nicht verstand, sondern nur sah, daß Edita mich liebkoste, so legte er ganz einfach seine beiden Hände auf je eine unserer Achseln und sich in schwingende Tanzbewegung setzend, erklang seine sanfte, einschmeichelnde Stimme:

„Vien, Edita, sii la mia, Perchè fáre la spregiosa Vien’ da me e pace sia; Ti aspetto dolce rosa Lascia Felicita parlare E vien’ per givia e bacciare; Non senti tu nel cuore Che non conosco altro amore?“

Und wiederum war es der Einfluß unserer Stimmung, daß ich, sofort gänzlich versöhnt, den allerliebsten Prinzen umarmte und ihm, natürlich ohne Gegenwehr! – einen herzhaften Kuß gab.

Umso schneller war ich friedlich gesinnt, als da Edita mir noch erzählt hatte, daß sie mich absichtlich aufreizen wollte, um mir den Beweis zu liefern, wie wehe Eifersucht thut! Nun war ich glücklich, daß die ganze Liebesscene seitens Edita’s nur Schein war ...

... Heute aber denke ich noch mit ungeschmälerter Freude an dieses verlebte Fest zurück. ... Mochte es eine Orgie gewesen sein, mochte Uebertreibung und Uebersinnlichkeit mitgewirkt und die Flammengluthen der heißen Herzen noch glühender entfacht haben – – ich mache mir keinen Vorwurf daraus, daß wir dort gewesen! ...

Der Hauch des Uebersinnlichen hat den Schmelz von meiner schönen Blume vom Rhein nicht abzustreifen vermocht! und das ist mir die Hauptsache! und auch der Reinheit meiner Empfindungen Abbruch zu thun, waren die Erlebnisse jener italienischen Sommernacht nicht im Stande!

Ich habe es ja betont, daß ich eine Verehrerin der Frauenliebe bin und deshalb dürfte Niemand den Stab über mich brechen, wenn ich das Thun und Lassen der Vertreterinnen eben dieser Liebe, auf Grund meiner eigenen Neigungen entschuldige und in manchen Fällen sogar idealisire. Freilich hat sich auch hier und da unter dem Deckmantel der Freundschaft die Erotik eingeschlichen und doch lediglich aus Motiven, welche ebenso verwerflich als verächtlich sind und, wenn diese sich auf materielle Absichten stützen, geradezu abscheuerregend sind. – – – – – – –

* * * * *

– – So dampften wir denn nach feierlichem Abschied von allen denen, welche wir dort kennen gelernt und von denen uns so überaus viel Gastfreundschaft und Auszeichnung erwiesen worden war, der nordischen Heimath entgegen. Wir unterbrachen die Reise nur, um uns noch einen letzten langen Blick zu vergönnen auf Tyrols herbstesschönen Bergen.

Wir rasteten in einem zwischen großstädtischem Comfort und ländlicher Unzulänglichkeit schwankenden Gasthause. – Neben den südlichen Naturwundern weitete sich hier wieder der Blick, kräftigte sich die ganze unter den erlebten Aufregungen gelittene Constitution. Wie würzig, stärkend, wirkte die Luft droben auf den im Sonnengolde erglühenden Höhen!

Recht ermüdet kehrten wir Abends in das Hôtel zurück. In dem Speisezimmer, in welchem wir unsere Abendmahlzeit einzunehmen beschlossen hatten, nahmen wir an einer kleinen Tafel Platz. Außer uns befanden sich dort noch zwei andere Damen, Beide in ausgesucht einfachen, wohl aber eleganten Reisekostümen und Beide sahen zuerst unausgesetzt zu uns herüber. Das erregte schließlich unsere Aufmerksamkeit und ich konnte es mir nicht versagen, der einen von ihnen einen ermunternden Blick zuzuwerfen.

Es war eine Dame von etwa dreißig Jahren. Bewundernd sah ich in ausdrucksvolle, stahlblaue Augen, umsäumt von langen, tiefdunkeln Wimpern. Unter einer etwas gebogenen Nase wölbten sich rothe, Sinnlichkeit verrathende Lippen. Das reiche, aschblonde Haar war zu einem griechischen Knoten verschlungen. Eine hohe Gestalt, schlanke Formen und auffallend schöne, schmale Hände.

Ich hätte wohl wissen mögen, wer sie war! –

Lebhafte Gesticulationen und das brennende Carmin auf den Wangen verriethen mir eine erregte Unterhaltung mit ihrem behäbigen Gegenüber.

Die etwas übervolle Figur und das anscheinende Phlegma ließen nicht darauf schließen, daß hier in Leib und Seele Leidenschaften tobten, welche zu bändigen, die interessante Aschblonde offenbar berufen war.

Jedenfalls war mir die erheblich ältere Frau entschieden nicht angenehm!

Ihren Blick, in dem verhaltenes Feuer glomm, hielt sie entzückt auf ihr _vis-à-vis_ gerichtet und wie mit Argus-Augen beobachtete sie jegliche Bewegung.

Edita verhielt sich, wie immer bei solchen Anlässen, in ihrer vornehmen Reserve, aus welcher sie Fremden gegenüber selten – und dann nur auf mein Zuthun heraustrat; sie bekundete ja überhaupt auch im Allgemeinen weit weniger Interesse für Frauen als ich. –

Auf meine Frage; ob es ihr nicht unangenehm wäre, wenn wir die Bekanntschaft der beiden Damen machten, entgegnete sie freundlich, daß wir immer noch ein Stündchen verweilen könnten.

Dem eintretenden Garçon, welcher mit devoter Verbeugung die Tischkarten vor uns niederlegte, gab ich sofort Befehl, mir möglichst unauffällig die Fremdenliste zu überbringen.

Bitzschnell, unter einem Journal verborgen, überreichte er sie mir. Die beiden Damen gehörten zwei ganz verschiedenen Kreisen an; die Aeltere von ihnen war die Gattin eines Großindustriellen; ihre Gefährtin eine, dem Namen nach uns bekannte Sängerin an einer Hofoper.

Beide hatten bereits seit geraumer Zeit Aufenthalt in Tyrol genommen.

So orientirt, beschloß ich augenblicklich, die Damen durch den Kellner bitten zu lassen, eventuell an unserem Tische das Abendessen mit uns einzunehmen, – wußte ich doch zu genau, daß die Jüngere derselben einen ebensolchen Wunsch hegte.

Alsbald erhoben sich die Damen und in rascher Verständigung, wie das bei dergleichen Gelegenheiten nur immer geschehen kann, ließen wir bald die Gläser an einander klingen.

Merkwürdig, wie doch das Traubenblut die Zungen löst! Menschen, die sonst im gesellschaftlichen Leben achtlos, gleichgültig aneinander vorübergehen, werden zutraulich und mittheilsam, sobald sie auf Reisen Landsleuten begegnen.

Wir unterhielten uns ganz vortrefflich.

Die stattliche Fabrikherrnfrau war ebenso drastisch und humorvoll, als die interessante Sängerin geistreich und prickelnd. Erstere schien also doch angenehmer zu sein, als ich beim ersten Eindrucke annahm.

Wir verabredeten, den nächsten Tag gemeinsam in den Bergen zu verleben; den darauffolgenden Tag hatten wir unsere Reise fortzusetzen beschlossen.

Als wir Abends von unserer Parthie heimgelangten, schritten wir und die beiden Damen die Treppen empor. Wir hatten in der oberen Etage unsere Zimmer inne, welche an die der beiden anderen Damen grenzten und nur durch eine einfache Thür von einander getrennt waren. Edita und ich hatten uns bereits zur Ruhe begeben, doch konnten wir Beide nicht einschlafen, da ein auffälliges Geräusch zu uns hereindrang: Wispern, Flüstern, Kosen, Seufzen, übermüthiges Lachen – laute Ausrufe – – zweifellos eine Liebes-Scene!

Ungeduldig nahte ich mich der Thür und lauschte.

Ich erkannte die Stimme der Sängerin und hörte unter Anderem deutlich den Ausruf:

„O Du unersättliche Liebe! O Du lesbische Liebe!“

... Die beiden Frauen haben ohne Zweifel verbotenen Genüssen gehuldigt, welche ein ästhetisches Weib verschmähen würde, selbst wenn schon sie eine warme Fürsprecherin erotischer Liebe wäre.

– Nach diesem Erlebniß wäre es uns, Edita und mir nicht möglich gewesen, uns in irgend welche Extase zu versetzen!

Meines oftmals erwähnten Interesses für derartige Frauen läßt es natürlich erscheinen, daß ich, obschon Edita sich bereits zurückgezogen hatte, immer noch lauschend verharrte. Es ist mir nämlich zu meinem Schreck klar geworden, daß die Sängerin für ihre Liebesdienste goldene Aequivalente erhalten!

* * * * *

Es beschlich mich nun doch einigermaßen wehmutsvoll, als ich in meinem Heim, welches ich mit meinem guten Vater soviele Jahre getheilt hatte, eintrat.

Selbstverständlich war uns ein würdiger und freundlicher Empfang bereitet worden.

Jetzt war etwas wie Ernüchterung über uns gekommen. Edita war nun meine Hausgenossin geworden und wir widmeten uns mit einem gewissen Feuereifer der Kunst, deren Schätze wir uns an ihrem Altare gesammelt hatten.

Bild um Bild gedieh unter meinem Pinsel; mein Name als Künstlerin hatte bereits einen guten Klang.

Schülerinnen schaarten sich um mich; mir war es ein beglückendes Bewußtsein, im Stande zu sein, weiterzugeben, was ich empfangen hatte!

Einige wenige derselben erkor ich mir zu meinen Lieblingen. Eigenthümlicherweise waren meine jungen Kunstnovizen ausnahmslos schön. Merkwürdig ...

Es liegt ein Räthsel in meiner Seele verborgen ...

Ohne mir auch nur etwas dabei zu denken, würde ich selbst eine Zofe nicht um mich dulden, wenn sie nicht zierlich und hübsch wäre. – Daß meine heißgeliebte Edita sich ihrer göttlichen Musica zuwandte und während der ganzen Zeit, da ich meiner Malkunst oblag, mir fern blieb, darf sehr dafür sprechen, wie so sehr ernst wir Beide es mit unserer Kunst nahmen. Wir hatten Tags über nicht Zeit zum Tändeln ...

* * * * *

Eines Tages kam sie zu uns und in ihrer Begleitung Anna von B. Das war wirklich ein freudiges Wiedersehen!

Die Erinnerung an die märchenhafte Lagunenstadt war freilich gewissermaßen verblaßt, aber sie lebte dennoch in uns fort ...

Wie nur ist es möglich, daß ein Weib, allerdings noch in der Blüthe der Jahre, sich so überaus jung und schön zu erhalten vermag?

Annina und die Marchesa waren das Sinnbild von Jugend und Schönheit; an ihnen hinterließ die Zeit nicht die geringste Spur.

Es begann nun für uns wieder die Zeit der Jagd nach Vergnügungen. Unsere schöne Marchesa war in jeder Hinsicht schwer zufrieden zu stellen.

Annina bezeigte eine bewunderungswürdige Anhänglichkeit für dieselbe und erfreute es mich auch, wie sie stundenlang, ohne Unterbrechung, in deren Boudoir verweilen konnte ...

Frisch wie der junge Morgen, die Elasticität der Jugend bei jeder Bewegung, in froher Stimmung, wie von innerem Glücke getragen, kamen sie uns täglich in der Frühe entgegen, wenn Edita und ich von unserer Morgenpromenade zurückkamen.

Als ich eines Tages mit Annina allein im Salon war, wußte ich unserer Conversation eine Wendung zu geben, welche sich auf ihr blühendes Aussehen und auf dasjenige der Marchesa ebenso fascinirend, als ätherisch, – sich bezog.

Das sei ganz einfach, antwortete die Kleine.