Chapter 5 of 7 · 3963 words · ~20 min read

Part 5

Ich bin früh verwaist und mein Vormund schickte mich in ein berühmtes Pensionat in der Schweiz. Von den Zinsen des ererbten, mäßigen Vermögens wurden die Kosten für mich bestritten, mir selbst fiel ein Taschengeld, das ich doch so heiß ersehnte, nicht ein einziges Mal zu. Mir kostspielige Näschereien und bunten Flitterkram zu kaufen, war mein sehnlichstes Wünschen. Auf einem Spaziergang, den ich in Gemeinschaft mit anderen Pensionärinnen machte, begegnete uns ein junger Student; ein knapper Schnürrock umschloß eine schlanke, kräftige Gestalt. Den dunkeln Lockenkopf schmückte keck ein silberbordirtes Cerevis; aus dem bildhübschen Jünglingsgesicht blitzten ein Paar prächtiger Augen zu mir herüber und ich gab mir die größte Mühe so kokett, als mir nur möglich war, seine feurigen Blicke zu erwidern. Ein anderes Mal begleitete seinen stummen Gruß ein verstohlener mir zugeworfener Kußfinger; wir sahen uns von da ab oft und einige Zeit später war ich die erklärte Braut des flotten Studiosus. Ich war von seltener, erfinderischer Schlauheit; trotzdem man mich scharf beobachtete und es mir streng verboten war, mich ohne Erlaubniß zu entfernen, so wußte ich es doch zu ermöglichen, mich ungesehen davonzuschleichen und fast jeden Tag feierten wir Beide ein heimliches Rendezvous. – Curt liebte mich, wie er sagte, schwärmerisch und es schmeichelte mir bedeutend, daß er eines Abends in der dunklen Laube vor mir auf seine Kniee sank und mir in glühenden Worten von seiner Liebe sprach. Ach, mir war wirklich so himmelhochjauchzend zu Muth, wie es sein mußte, wenn man einen Bräutigam hatte! Er verstand es trefflich, mir schlüpfrige Lektüre in die Hände zu spielen und dann sorgte er dafür, daß die erwünschten Confituren niemals ausgingen. – Eines Tages steckte er mir sogar einen kleinen Ring an den Finger und damit – verlobten wir uns. Das war für mich ein großes Ereigniß und ich bemühte mich, ein Mittel zu erfinden, mittelst dessen ich ihm den so oft bereits erbetenen Beweis meiner Liebe für ihn zu bringen vermöchte. Und diesen brachte ich. Meine Unschuld war der Preis und dafür meine Kindheit vergiftet und Alles das – das Opfer eines tollen Studentenstreiches. Mein braver Curt ließ sich bald darauf nicht mehr blicken. Ob ihm das Gewissen schlug oder ob ihn Furcht beschlich – genug, ich habe den feschen Schmeichler nie wieder gesehen. Später zog ich Erkundigungen über ihn ein und erfuhr dann, daß weder auf der Akademie, noch in dem von ihm bezeichneten Hause Jemand seines vorgeblichen Namens wohnte. Er hatte mich also absichtlich und mit voller Ueberlegung hintergangen, mich auf ehrloseste Art ganz vorsätzlich betrogen um mich dann meinem Schicksal zu überlassen. Mein Fehltritt war nicht verborgen geblieben und schimpfbeladen wurde ich aus dem Institut gewiesen. Von den spärlichen Revenuen, welche mir durch den Verwalter meines Vermögens zugingen, konnte ich unmöglich das genußreiche Leben führen, welches ich mir immer erträumte, so lange ich denken konnte. Aufs Gerathewohl kam ich hier an und miethete mir ein kleines Zimmer bei einer Stickerin. Stundenlang konnte ich sitzen und ihr zusehen, wie unermüdlich sie die Nadel führte ... ich selbst regte keinen Finger zur Arbeit. Zur Nähmamsell war ich denn doch zu schade!! Kopfschüttelnd sah die fleißige Stickerin zuweilen nach mir hin, wenn ich müßig und verdrossen dabei mit mir und meinem Geschicke haderte. Ich klagte, daß ich mit meinem Gelde nicht auskommen könne und daß ich keinen Geschmack an dem Leben fände, welches ich zu führen genöthigt sei. Ich wolle genießen – die Freuden des Lebens kosten! – Zuweilen betrachtete ich mich mit Aufmerksamkeit im Spiegel und dann schwoll mein Herz vor Freude bei der Wahrnehmung, daß ich zu einer begehrenswerthen Schönheit heranreifte. Lieben wollte ich mich lassen und dann mich rächen! Treu sein dem, der mir seine Liebe schenken würde? Nein! Nie! Keinem! Wo war bei mir Treu und Glauben geblieben?! Rachsucht, Genußsucht, das waren die beiden Faktoren, die den Dämon in mir zur Reife brachten! ...

An einem wundervollen Sommerabende promenirte ich in den Anlagen des Stadtparkes, wo ich von einem älteren Herrn höflich gegrüßt und angeredet wurde. Das war mir gerade recht; von dem vielen Alleinsein und Nachdenken war mir der Kopf schwer und ich ergriff gern die Gelegenheit, mit dem Herrn, welcher gar bald jovial seinen Arm unter den meinigen schob, interessant zu plaudern und mir dadurch die Grillen zu verscheuchen. Er schien an meiner Unterhaltung auch großes Gefallen zu finden und da er mir ein Compliment nach dem andern machte, so thaute ich vollends auf und schließlich nahm ich seine Einladung, mit ihm gemeinsam in einem Austern-Salon zu Abend zu speisen, vergnügt an. Der Wein war vortrefflich und das erlesene Souper mundete mir ungemein! So wünschte ich es: Weiche, elegante Sammtmöbel, eine Anzahl elektrischer Flammen, ein üppiges Mahl – ah, und seidene Roben und sprühende Diamanten! ... Das Alles kaufte mir der reiche Banquier Benno und viel mehr noch! Er miethete mir in einem vornehmen Villen-Viertel ein wunderschönes Quartier, stattete es geradezu fürstlich aus, hielt mir Dienerschaft und eine glänzende Equipage und ich lebte auf so großem Fuße, daß ich bald der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit wurde. Benno miethete mir eine Prosceniumsloge, veranstaltete, um mir auch in meiner Häuslichkeit Vergnügen zu bereiten, großartige Soupers und bis zum frühen Morgen oft wurde musizirt, gezecht und nicht selten ein etwas riskantes _Jeu_ arrangirt.

So lebte ich in süßestem _dolce far niente_; der Himmel hing mir voller Geigen und ich erquickte mich an dem grenzenlose Neide, den ich in den Gemüthern sämmtlicher Messalinen der Residenz erweckt hatte. Dann plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel nahm alle diese Herrlichkeit ein jähes Ende. Der arme Benno wurde eines Tages vom Tode ereilt, da er sich gerade auf dem Wege zu meiner Wohnung befand. Unglücklicherweise war Benno verheirathet und Vater einiger sehr energischer Söhne, die sehr gewissenhaft das Erbe desselben antraten, ohne jedoch meiner zu gedenken! Mein elegantes Tusculum, der gallonirte Diener und die Equipage machten mir keinen Spaß mehr, wenn ich nicht mit vollen Händen Gold verstreuen konnte. Doch nicht nach mir und meinen Launen ging es; ich hatte Schulden gemacht und war noch nicht majorenn; für den Erlös meiner luxuriösen Einrichtung konnten dieselben bezahlt werden! – Nachher hatte ich entschieden Malheur. Eine Liaison nach meinem _goût_ konnte ich, trotz aller meiner Bemühungen nicht anknüpfen; es fand sich so leicht nicht wieder ein Crösus wie weiland Freund Benno es war. Dadurch gerieth ich in immer größere Verlegenheiten und um denselben zu entrinnen, scheute ich nicht zurück, mich immer tiefer zu erniedrigen. Ich besuchte Nachts Wiener Cafés, denn meine prächtigen Toiletten besaß ich noch und diese erweckten das Erstaunen aller meiner Gefährtinnen, welche sich an Garderobe und Geschmeide geradezu überboten. Das Treiben in diesen Cafés zu schildern, sei mir erlassen,“ bat Corni die Marchesa und sprach dann weiter: „Wer nicht selbst mit eigenen Ohren und Augen hört und sieht, kann sich auch keinen Begriff davon machen, welcher Ton dort herrscht und diesem müssen sie sich alle unterziehen, ob von guter Herkunft, ob von dunkler Geburt, ob aus dem Schlosse, oder dem Vagabundenthum entstammend, ob gebildet oder unwissend: sie Alle sind erklärte Verehrerinnen ihrer Urahne Astarte und sie Alle lassen es sich auch resignirt gefallen, von der Männerwelt in absolut nur frivoler oder geringschätziger Weise behandelt zu werden. Sehr viele unter den Damen der Halbwelt feuern allerdings auch noch ihre sogenannten Anbeter dazu an, möglichst _sans gêne_ mit ihnen zu verkehren.

Inzwischen wurde mir mein Geld ausgezahlt und ich nahm mir vor, dasselbe zu irgend einem Unternehmen zu verwerthen. Ich lernte durch Zufall eine verheirathete Schauspielerin kennen, deren Gatte Direktor einer herumziehenden Truppe gewesen. Das Ehepaar machte einen guten Eindruck auf mich; der Mann besaß gediegene Schulbildung und war offenbar strebsam und unermüdlich besorgt, sich und seiner engagementslosen Frau eine gesicherte Existenz zu bereiten. Eine Theater-Agentur wollte er begründen; ihm seien glänzende, vielverheißende Offerten gemacht worden; er könne sein Glück finden, wenn er die Agentur übernähme. Seine Gattin, eine niedliche, noch ziemlich jugendliche Erscheinung, bestätigte ihres Mannes Angaben; sie bedürften nur einer mäßig großen Capital-Einlage und dann wären sie aller bisherigen Misère überhoben. Ich vertraute den Leuten auch thatsächlich meine ganze Habe an. Nach einem halben Jahre waren sie mein Geld, das zu meiner moralischen Rettung hatte dienen sollen, los; den mir versprochenen Reingewinn habe ich nie zu sehen bekommen. Ich bin von dem ehemaligen Komödianten einfach betrogen worden. Er und seine Frau ließen sich nicht wieder hier sehen und wiederum war ich um eine Erfahrung reicher und um den Rest meines Vertrauens zu den Menschen vollends gebracht. Meiner Leichtgläubigkeit war somit vollauf Rechnung getragen. Wenn ich nun von Stufe zu Stufe sank, mich in berüchtigten Ball-Lokalen zeigte und mir alle erdenkliche Mühe gab, auf dieser nun einmal betretenen Bahn goldene Früchte zu ernten, so geschah dies lediglich aus dem Grunde, weil mir kein Berather zur Seite stand, mein Herz an keinem Menschen hing! Hier und da war es vorgekommen, daß ich eine gewisse Neigung der Männer für mich wahrnahm, aber dann wich ich erbarmungslos von ihnen zurück; ich ließ die Unschuldigen mit den Schuldigen leiden und war treulos bis zur ...“

Mit einem leisen Stöhnen unterbrach sich die schöne Sünderin, während die Marchesa aufstand und mit theilnahmvollem Gesichtsausdruck das reiche Blondhaar streichelte.

„Dann“, setzte Corni ihre Rede fort, „kam es, wie es kommen mußte: ich gerieth in der That bis dicht an den Abgrund. – Die Behörde ist längst auf mich aufmerksam gemacht worden und ... ein leises Straucheln nur noch und ich bin der Verurtheilung derselben rettungslos anheimgegeben ... Angesichts dieser neuen Befürchtung tauchen qualvolle Gedanken in mir auf – Selbstmordgedanken! Ich finde keinen Ausweg mehr, ich bin der Sünde verfallen und sehe dem Ende meines verfehlten Lebens gefaßt genug entgegen. Ich habe versucht, mir als Modell für Künstler eine gewisse Einnahme zu verschaffen ... auch dies ist mir mißlungen.“

„Weshalb?“ fragte die Marchesa und ihr Auge ruhte mit neugierigem Ausdruck auf den Lippen der Sprecherin. Diese wandte in einem Anflug von Verlegenheit das Gesicht zur Seite, schlug mit den Fingern ein Schnippchen und rief ausweichend: „Ah, Madame, das war eine fatale Geschichte, in der That! Wenn ich“, fuhr sie, diese Unterbrechung ignorirend, fort, „wenn ich nicht noch einen unerwarteten Ausweg finde, dann bin ich eben an meinem Ziele angelangt! Mir ist vor einiger Zeit von einem Herrn beim Glase Wein in cynischer Weise der Vorschlag gemacht worden, als „Kellnerin“ mein Debut zu versuchen, da es ihm nicht entgangen war, daß ich fleißig dem Rebenblut zusprach, ohne davon in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein! Denken Sie, ich verübele dem Menschen den Rathschlag, vielleicht in einem fragwürdigen Lokal – „echtes – Bier und sauren Wein“ trinken zu müssen, lediglich nur, um die Gäste zu „animiren“, wie der technische Ausdruck hierfür bei den Heben der Wein- und Bierlokale heißt? In manchen Stunden kämpft dann wohl auch noch der gute mit dem bösen Engel in meiner Seele. Ich möchte die Sünde von mir abschütteln ... doch dann tritt wieder die bittere Nothwendigkeit an mich heran ... der Hang zum Müßiggang und Wohlleben trägt den Sieg davon und ach, wie oft, die Augen noch thränendunkel – stehe ich vor dem Trumeaux und schmücke mich zu irgend einer Orgie.“ ...

Als die Marchesa aufblickte, sah sie die Augen Cornis in Thränen schwimmend und an dem Beben ihrer Stimme verrieth sie, daß sich tiefer Schmerz in dem Herzen dieser Sünderin regen müsse und ein tiefes Erbarmen zog durch das Gemüth der Marchesa. Auch ihre Stimme vibrirte, als sie jetzt die Hand der schlauen Messaline ergriff, welche längst durchschaut hatte, daß sie sich hier im Vortheil befinde, und sich über das Gesicht der Letzteren beugend, sagte sie: „Nur guten Muth! Fassen Sie sich, seien Sie getrost und blicken Sie voll neuer Zuversicht in die Zukunft! Es hat mich mit aufrichtiger Freude erfüllt, daß Sie mir in so ehrlicher Wahrheitsliebe diese bösen, bösen Geständnisse gemacht haben. Mein Entschluß steht daher fest: ich werde Sie dieser Sphäre entreißen! Ich werde für Sie sorgen, schwesterlich oder doch freundschaftlich, jeden ihrer Wünsche erfüllen! In meiner Nähe sollen Sie fortan sein, ich will Sie täglich sehen und so viel als möglich um mich haben. Und alles dieses will ich thun in der Hoffnung, daß Sie mir in Liebe und Dankbarkeit ergeben sind. Indessen noch eine Bedingung knüpfe ich daran: Sie müssen dem Verkehr mit den Männern absolut entsagen, jeglichen Verkehr abbrechen, selbst, um den Anschein zu vermeiden, auch den allerharmlosesten! Augenblicklich aber würde ich Ihnen alsdann mein Interesse entziehen, wenn ich erführe, daß Sie auch nur ein einziges Mal gegen mein Verbot fehlten!“

Diese letzten Worte sprach die Marchesa mit erhobener Stimme, und mit innerer Befriedigung bemerkte sie, daß Cornis Züge sich erhellt hatten und als Letztere sich mit freudestrahlendem Lächeln über die Hand der Marchesa neigte, sprach diese gütig: „Wenn Sie sich demnach der Aufgabe, die ich Ihnen stelle, unterziehen wollen, so werden Sie an mir eine stets hilfsbereite Gönnerin finden! Ich hoffe, Sie werden mich nicht hintergehen und Sie wiederum können sich versichert halten, daß ich meine Versprechen einlösen werde. Lieb wäre es mir, wenn Sie sich entschlössen, recht bald mich nach meiner Heimath zu begleiten. Würde Ihnen eine Reise nach Italien und der Aufenthalt daselbst willkommen sein und erwünscht?“

Da glitt, sprachlos vor Freude die bisherige Allerweltsfreundin auf ihre Kniee und bedeckte Hände und Kleid der Marchesa mit leidenschaftlichen Küssen.

„O, wie gern!“ brach sie hervor, „Italien! Das Land meiner Träume unter der Gunst einer vornehmen Beschützerin! ... meine höchsten Wünsche gehen damit in Erfüllung! Nun will ich Muth fassen, mich aufrichten ... ja ich will wieder gut sein! ...“

Ja, unsere interessante Messaline hatte einen scharfen Verstand ... das ließ sich nicht bestreiten. Um so weniger war es daher Wunder zu nehmen, daß sich die Marchesa dupiren ließ, daß sie in blinder Sucht nach einem Weibe, – zu prüfen und zu überlegen – vergaß.

Die Marchesa empfahl sich mit herzlichen Abschiedsworten und mit dem Versprechen, in einigen Tagen wiederzukommen, um dann die Maßregeln, welche für die Reise zu treffen wären, mit ihr zu überlegen.

Beim Abschiede zitterte Corni’s Frage an der Marchesa Ohr: „Wer sind Sie, gütige Fee?“

Ein Kopfschütteln als Antwort. „Später, Fräulein Corni ... wenn wir reisen!“

Und der Tag der Abreise nahte. Es hatte eine Mißstimmung Platz gewonnen zwischen Felicita und der Marchesa, welche sich durch nichts ausgleichen lassen zu wollen schien. Auch Annina hatte keine Freude mehr an den Zerstreuungen, welche man ihr zu bieten sich bemühte. Zwischen den drei Damen fand eines Tages in der Marchesa Abwesenheit eine Unterhaltung statt, aus deren Quintessenz Fräulein von B. schloß, daß die Marchesa auf Abenteuer ausgehe und sogleich tauchte das schmerzliche Empfinden in ihrem Herzen auf, daß ihre Freundin ihr ein Weh zu bereiten fähig sein könne. Hatte sie nicht zuweilen erstaunen müssen über die Virtuosität, mit welcher dieselbe ganz verschiedene Gestalten annehmen konnte?! Die hochedle, adelsstolze Aristokratin in ihrer eiskalten Unnahbarkeit war allerdings nicht wiederzuerkennen, wenn sie, eine leidenschaftglühende Sappho, ihrer übersinnlichen Regung, an dem Herzen der geliebten, oder sich doch geliebt glaubenden Freundin lag. _Enfin, nous verrons!_

Inzwischen hatte die Marchesa mit Corni vereinbart, daß man sich auf dem Bahnhof „_en passant_“ treffen, alte Bekanntschaft erneuern wolle und – da Felicita zweifellos nicht mitkommen würde, so wäre man sicher in den neugeknüpften Beziehungen völlig unerkannt und keineswegs durchschaut zu werden von Annina und Edita und die prachtvolle Reise nach dem Süden gemeinsam unternehmen zu können, zumal da die „zufällig“ wiedergetroffene Mitreisende, welche unter einem hochtrabenden Namen Annina vorgestellt werden sollte, das Ziel ihrer Reise nannte, welches mit demjenigen der Dame Marchesa übereinstimmte.

Und so geschah es; nur schade, daß Fräulein Annina von B. einen viel zu sicheren Scharfblick besaß, als daß sie sich hier hätte täuschen lassen können, nur war sie eine viel zu wohlerzogene junge Dame, als daß sie es gezeigt hätte, daß die Marchesa und der Gegenstand ihres Abenteuers trotz aller Vorwände dennoch von ihr durchschaut sei.

In dem sonnigen Italien angelangt, verabschiedete sich Fräulein Corni von den beiden Damen unter der Zusicherung, daß sie nächster Tage ihren Antrittsbesuch zu machen sich gestatten wolle, sofern den beiden Damen derselbe nicht ungelegen komme. Alsdann würde sie ihre „Vergnügungsreise durch Italien“ fortsetzen.

Corni kam; Annina war zufällig nicht anwesend und so hatte die Marchesa vollauf freie Hand, ihren neuerworbenen Günstling ungeheißen nach Herzenslust in ihrem Palazzo sich umthun zu lassen.

Das deutsche Fräulein Corni machte hierin auch keinerlei Schwierigkeiten. Sie war durch die Aussichten auf das köstliche, poesie-durchduftete Leben, welches ihr sich bot, so glückdurchzittert, daß sie, zu einer wahren büßenden Magdalena sich emporgezogen fühlend, sich auf den weltbedeutenden Brettern zu befinden glaubte. Ja mehr noch: Sie wurde – später wenigstens – sogar naiv! Und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte der nächste Wunschzettel Fräulein Corni’s die Bitte um eine „Puppe“ enthalten ...

Die Marchesa war täglicher Gast in dem idyllischen pompösen Heime Corni’s. Diese, vielleicht um sich dankbar zu erzeigen, trieb fleißig Sprachstudien und fertigte auch einige Zeit später wohlgelungene Uebersetzungen an in Poesie und Prosa, womit sie ihrer gütigen Protectorin große Freude bereitete. Corni führte ein überaus zurückgezogenes Leben, kümmerte sich um Niemanden und schien nur glücklich zu sein, wenn die Marchesa zu ihr kam ...

Monate waren vergangen; ganz Italien erglühte zum zweiten Male in südlicher Pracht, seit Corni dort weilte ... für Annina’s Liebe war es Herbst – echter nordischer Herbst geworden! Die Beziehungen dieser Beiden (Marchesa und ihre bisherige Favoritin), gestalteten sich lau zu einander und über Annina’s erbleichende Wangen rollte ungesehen, manche heimliche Thräne. Sie ahnte das Richtige. Jeden Tag verlebte die Marchesa einige Stunden außerhalb ihres Heims und das mußte der jungen Dame doch auffallen. Aus Consequenz fragte sie nichts, litt aber um so schwerer darunter.

Ueber die Marchesa war inzwischen eine nicht zu hemmende Leidenschaft gekommen; sie liebte ihre Corni maßlos und diese nützte kluger Weise jeglichen Vortheil aus ... Wenn ihre Retterin und Beschützerin erschien, so wußte sie derselben jedesmal eine Ueberraschung zu bereiten. Entweder sang sie in weichen, sehnsuchtsvollen Tönen ein italienisches Liebeslied, oder sie las irgend etwas Neues, Angenehmes der Marchesa vor. Genug, diese war von Tag zu Tag mehr und immer mehr begeistert von der rührenden Dankbarkeit Corni’s – und jeder Händedruck, jedes Lächeln derselben erschien der Marchesa als ein ganz besonderer Ausdruck der Anerkennung für ihre diesem Mädchen erwiesene Großmuth. Oftmals saß die Marchesa neben Corni; doppelt beglückt, daß gerade sie es war, welche die Gefallene auf ein reines Niveau erhoben hatte. Dann nahm sie wohl das blonde Haupt in ihre Hände und küßte heiß den schönen entweihten Mund ... Das waren für die Marchesa selige Stunden. Sie, die die schönsten und reinsten Frauen besessen hatte, fand eine Quelle des höchsten Genusses darin, diese heuchlerische Hetäre in ihren Armen zu halten, leidenschaftliche Küsse von ihren Lippen zu trinken. – Mit Leib und Seele war die Marchesa ihr ergeben; sie liebte die ehemalige Messaline über Alles, denn diese war ihr ja treu, weil sie sich nur ihr ergab ... keinem Manne! Die Marchesa und Corni schwelgten in einem Meer von Wonne, umsomehr, als da Annina inzwischen einen Grund ausfindig machte, das Land der Citronen und die Marchesa zu verlassen. – Letztere machte sich keinen Kummer darüber; sie war eben blind und taub in sündiger Frauenliebe ... das war Verirrung! ...

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Die schöne elastische Gestalt der Marchesa schwang sich behende von ihrem edlen Andalusier-Vollblut; ein schmucker Groom erfaßte dessen Zügel und hoheitsvoll und in siegesfrohem Vorgefühl ihrer Liebe, strahlend schön, mit vom Ritt ein wenig gerötheten Wangen stieg sie die Treppen empor und ... stand der, in tödtlicher Verlegenheit drein blickenden Zofe Corni’s gegenüber. Sie müsse erst nachsehen, ob Signorita Cornelia daheim sei. Ohne die Kammerkatze auch nur eines Blickes zu würdigen, schritt die Marchesa, Reitgerte und Sammtschleppe in der schmalen Hand, nach Corni’s Boudoir. Diese stieß einen Laut der Ueberraschung aus und versuchte in das nächstgelegene Ankleidezimmer zu entfliehen.

„Ja, Corni, Liebste, seit wann beeilst Du Dich, meinetwegen Toilette zu machen? Kind, genirt es Dich denn, daß ich Deine Alabasterschultern bewundere?“ Corni warf einen bösen Blick auf die Freundin und sagte laut, mit auffälliger Betonung und einer von der Marchesa an ihr noch niemals beobachteten Heftigkeit, daß sie es durchaus nicht wünsche, fortwährend und zu jeder beliebigen Stunde von der Marchesa Besuchen überrascht zu werden. Sie sei bei der Toilette und verbiete es Jedem, sie zu stören. „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie gingen, es thäte sonst nimmermehr gut heute!“ rief sie in wüstem Jähzorn.

„Corni, welche Sprache? Bist Du krank?“ Die Marchesa rief es, ihren Ohren und Augen kaum trauend, erstaunt, entrüstet. „Ah,“ setzte sie mit halberstickter Stimme fort, „ich errathe! Du bist nicht allein ... Du betrügst mich!“

Sie stand vor Corni mit weit vorgestreckter Rechten und prallte entsetzt zurück, als Corni mit einem wahren Tigersprung sich auf sie stürzte und einer Furie gleich, der Marchesa einen wüthenden Schlag in das Gesicht versetzte ...

„Ja“, schrie Corni heisernen Tones, „ja, ich betrüge Dich und nicht seit heute erst! Meinst Du, ich hätte Lust allen Freuden zu entsagen, die ich in meiner Heimath im Ueberfluß genoß? Meinst Du, ich sei eine feige Duckmäuserin, die sich länger unter Deine Herrschaft stellen zu wollen gewillt sei? Du selbstsüchtige engherzige Creatur, die Du mich nur als Dein gefügiges Werkzeug Dir unterordnetest, Du Hochmuthsteufel, den es genirt, öffentlich mit mir aufzutreten; mich in Eure sogenannte große Welt einzuführen! Denkst Du etwa, daß ich mich nur Dir länger zu eigen geben wolle? Was für ein Entgelt habe ich dafür? Den mir mit erbärmlicher Breitspurigkeit zugeworfenen Mammon etwa, von dem Du überreichen Ueberfluß hast? Ich verspüre kein Verlangen danach, von Dir brutal verlassen und wie eine ausgepreßte Citrone achtlos bei Seite geworfen zu werden, sofern eines Tages Dein freches Gelüste auftaucht und nach frischen, jungen Mädchenleibern Ausblick hält? Ha, ich bin Dir schon längst nicht mehr treu, Du eitles falsches Weib Du, die Du die reizende Annina kalten Herzens von Dir gehen ließest, ohne auch nur einen Versuch zu machen, das herrliche Kind meines deutschen Vaterlandes zurückzuhalten! Monatelang schon ersehnte ich den Augenblick, Dir, Du Seelenverkäuferin, die schlimmer ist denn eine Prostituirte, das Alles zu sagen. Du reißest die Waare an Dich, wie sie Dir gefällt und zahlst nach Gutdünken einen Preis dafür! Wir haben aber keinen Sclavenhandel mehr! Wenn Du mir verboten hast, mit Männern zu leben, weshalb ließest Du nicht Frauen und Mädchen mit mir bekannt werden? Ohne Sorge! ich hätte Dir durch sie keine Eifersuchtsscene bereitet – ich verabscheue Eure sogenannte Frauenliebe, deren verrücktes Ideal in Euren überreizten Hirnen spukt. Ich sehnte mich so oft nach rauschenden Vergnügungen, nach Abwechselung, Tanz, nach übermüthiger Freude und nach meinen Orgien, die meine schönste Erinnerung sind. Ich bin nur mit Dir gegangen, um Dich zu verleiten, mich zu Deinem Opfer zu machen, nur um Vortheil daraus zu schlagen und um mich zu rächen! Noch wäre es nicht geschehen, wenn Du mir nicht in allerletzter Zeit die ersten, ausgesprochenen Wünsche, Dich mit mir an öffentlichen Plätzen zu zeigen, abgeschlagen hättest. Bah, Du vertröstetest mich auf eine Reise, Du einfältige Person. Es lag mir sogleich auf den Lippen, Dir die Worte zuzuschleudern: Das Weib gehört zum Mann. Wenn eine Frau es wagt, ihre Geschlechtsgenossin zu sündigen Orgien zu verleiten, so thut sie schlimmer des Uebels, als wenn ein Weib den Mann liebt und ihre Ehre ihm opfert. Ha, ich empfinde eine grenzenlose Wonne, Dir Alles dies zu sagen und Du, Du erbärmliche Tyrannin, sollst es jetzt erfahren, daß Du mich zwar zum ersten Male überraschtest, da ich meinen Geliebten hier empfangen, aber Du bist oft, sehr oft bereits hier gewesen, während er anwesend war und seine Liebesschwüre flüsterte er mir gar oft in’s Ohr, während Du, auf mich wartend, Dich hier aufhieltest. Ich verachte Dich, Du vornehme Marchesa, die Du es wagtest, mir eine Wohlthat anzubieten für den Preis, daß ich allen Lebensgenüssen entsagte. Du feierst in Deinem Palazzo opulente Festmähler, Du zerstreust Dich nach Willkür und mich lässest Du hier in der kostbaren Klause schmachten. Du sollst mir dafür büßen.“

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