Part 4
„Sie wissen,“ meinte sie weiter, „daß wir ein sehr geräuschvolles Leben führen, daß unsere Vergnügungen eine Kette von Aufregungen nach sich ziehen und da sind wir beide doppelt um unsere Gesundheit und Frische besorgt. Sehr viel muß die Kosmetik aushelfen. Eine naturgemäße Diätetik, die Pflege des gesammten Verjüngungs-Prozesses des Organismus. Uns ist vor langer Zeit ein Werk von „Reclam“, das ich übersetzt habe, zugegangen. Es behandelt Pflege der Gesundheit und Schönheit des Weibes. Lassen Sie sich dieses Werk kommen, wenn Sie zu erfahren wünschen, „wie“ wir die Körperpflege handhaben.
Bäder, Douchen, Massage, namentlich das behutsame, aber regelmäßige Massiren des Gesichtes. Selbstverständlich ist die Cultur der Haut, Haare, Nägel und Zähne zu beobachten“. – –
„Sie verschmähen aber nicht“, wandte ich belustigt ein, auch noch andere, sogenannte kosmetische Mittel anzuwenden, nicht wahr?
„Nun ja“, gab Fräulein von B. zu, „wir benutzen alle diese Sachen und beziehen dieselben lediglich aus Paris, woselbst sie unbestreitbar auf der Höhe der Vollkommenheit stehen! Jedoch muß man diese Schönheitsmittel mit großer Vorsicht und in sehr geringen Mengen anwenden, da das Verfahren sonst leicht erkennbar ist und der Eindruck der Schönheit sofort verwischt ist.“ –
... Nun, wenigstens waren die Marchesa und ihre Annina doch keine Phänomen; sie machen es also um nichts anders, als die meisten Lebefrauen! – – – – – – – – – – – –
* * * * *
... Wie von einem Druck befreit, athmeten Edita und ich auf, da uns eines Tages nach langer Unentschiedenheit die Nachricht zuging, daß ein seit langer Zeit geplantes Fest, dessen Comitée und Mitglieder sich ausschließlich aus Damen – selbstverständlich Damen vornehmer Kreise – bestand, endlich stattfinden solle. Das war der Marchesa willkommen! – lechzte sie doch danach, ein derartiges Fest bei uns kennen zu lernen; wir haben natürlich beschlossen, der uns zugegangenen Einladung Folge zu geben und – was die Phantasie eines originellen Kleiderkünstlers zu leisten vermochte, waren wahre Meisterwerke!
Ich hatte ja so oft schon Gelegenheit gehabt, in unserer Sphäre allerlei großartigen und minder-großartigen Kostümfesten mitbeizuwohnen, allein ich war beinahe bestürzt von dem Glanz und der entfalteten Pracht! Fast an Uebermaß grenzend, waren alle Möglichkeiten erschöpft worden, um den Besucherinnen – es waren einige tausend Damen erschienen – ungeahnte Ueberraschungen zu bereiten, die Extravaganzen und überschwenglichsten Ansprüche zu übertreffen.
Wer eine solche Festivität noch nicht mitgemacht hat, kann sich auch den Umfang einer solchen nur schwer veranschaulichen!
Das ist ein Glänzen, ein Wogen, ein Lichtmeer, ein Rauschen und Brausen, daß es Einem schwül werden kann. Und das Ganze getragen von Grazie und Anmuth, Kunst, Reichthum ... Welch’ ein Anblick!
Balltoiletten, Charakter- und Phantasie-Kostüme, _oeillades fascinées_, die unter den Sammet- und Seidenlarven hervorleuchten, haben etwas unsägliches Verführerisches an sich; sie bergen einen unendlichen Reiz in sich!
Die Frauen der Aristokratie, die berühmtesten Koriphäen der Kunst und jugendliche Novizen derselben – sie Alle waren herbeigekommen von fern und nah, um sich zu einer Feier zu vereinigen, die würdig war, in den Annalen der Göttin Terpsichore verzeichnet zu werden.
Künstlerische Aufführungen, wohleinstudirt, wechselten programmäßig ab mit Tanz und überaus ungezwungener Unterhaltung.
Es machte mir großes Vergnügen, die Marchesa und ihre allerliebste Annina zu beobachten. Erstere blickte mit ernsten bewundernden Augen aus der Loge herab auf das sprühende Leben und Treiben, das sich durch mehrere, unabsehbare Säle ergoß.
Sie mochte wohl eine größere Ungebundenheit erwartet haben, – nicht dieses harmlos-heitere, durch und durch vornehme Frohsein, welches sich im reinsten Sinne aufgebaut hatte: „_Noblesse oblige!_“ Ganz in des Wortes reinster Bedeutung!
– In begüterten Häusern und in fürstlichen Palästen kann eine ähnliche und auch ebensolche Fülle von Glanz und Pracht entfaltet werden, nimmermehr aber habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß eine so liebenswürdige Einigkeit und edle Collegialität anderswo ebenso zum Ausdruck kommen kann, als hier an dieser Stätte.
Unwillkürlich mußte ich einer südlichen Ballfeier gedenken, die (freilich _en miniature_) auch den Stempel des höchsten Luxus aufwies – auch ein Fest ohne Herren. – Doch welche tolle Lust äußerte sich da – welches Feuer lohte empor aus den erhitzten Gemüthern – welches Uebertreiben.
Hier, das war eine echte, rechte, reine Heimstätte des Frohsinns Gleichgesinnter.
Ob Alles dies der Marchesa behagte, kann ich nicht ermessen – imponirt hat ihr das Fest auf jeden Fall.
Edita und ich tauschten ein Lächeln des Einverständnisses aus, als wir die Marchesa bei der Tafel mit der vollendeten Haltung einer Edelfrau dem Entgegenkommen begegnen sahen, welches man ihr und Fräulein v. B. erwies. Sie war wieder ganz die stolze unnahbare Marmorstatue.
Sie conversirte ebenso selbstbewußt mit den Vertreterinnen hoher Adelsgeschlechter, als in ruhiger Heiterkeit mit den Jüngerinnen der schönen Künste und des Wissens und manch’ lieblicher, phantastischer kleiner Engel lauschte entzückt der melodischen Stimme mit dem fremdländischen Accent.
Wie mir in einer Tanzpause die Marchesa versicherte, hätte sie sich nimmer zuvor Vorstellung davon machen können, daß ein wirkliches Ballfest dieser Art, absolut nur aus Damen bestehend, in dieser unvergleichlichen und wohl auch allein dastehenden Form in’s Leben gerufen und ausgeführt werden könne.
Was eigentlich sie erhofft hatte, errieth ich; ich entsann mich ihres ungläubigen Lächelns, als Edita ihr vorher über den Character des Costümfestes berichtete, denn sie meinte nicht anders, als daß wir ein Pendent für ihre Orgien in Bereitschaft hielten, um auch sie und Annina damit zu überraschen. Trotz unserer Versicherung, daß ein Ball dieser Art, nur aus Mitgliedern von Damen bestehend, eine durch und durch reine, über jeden Verdacht erhabene Veranstaltung sei, hatte sie sich dennoch eine ganz irrige Meinung gebildet. Die Marchesa verwechselte ein Fest dieser Richtung mit einer sogenannten Soirée, welche sich die Messalinen der Großstadt zu arrangiren pflegen.
Eine solche Soirée hier mitzuerleben, war ihr größter Wunsch.
Und wirklich, selbst heute nahm sie mir das Versprechen ab, ihr Gelegenheit zu verschaffen, die Priesterinnen der paphischen Haine genau zu beobachten.
Nur um dieser heiklen Wendung unserer Conversation zu entgehen, gab ich lachend zu. In dieser Umgebung mußte ein solches Gespräch vermieden werden. Um mein Incognito war es längst vor der Demascirung geschehen und da hatte es Edita und mir freudige Genugthuung gewährt, daß man der schönen Südländerin ein herzliches Willkommen bot, wenn auch nicht so überschwenglich, wie wir es dort erlebten, so doch reiner – feiner! –
Annina bemerkte, daß die Marchesa das Interesse eines reizenden, edlen Ritters erregt hatte, mit dem sie Arm in Arm lustwandelte – und nun wirbelte auch sie dahin durch die Reihen der Tanzenden, fortwährend von lieblichen Pagen oder spanischen Granden gern im Arm gehalten. Großes Vergnügen schien es ihr zu bereiten, als ihr von einem jugendlichen hübschen Türken, welcher ein ganzes Gefolge verschleierter Haremsdamen hinter sich hatte, der Antrag gemacht wurde, seine kleine „Favoritin“ zu werden; – – allerliebster Zufall! daß Annina von fast allen ihren Bekannten die „Favoritin“ der Marchesa genannt wurde.
Der sündige Muselmann hatte sich die Aufgabe gestellt, allen Koranssprüchen zu Trotz, sich und seinen kleinen Weibern Wein in Mengen einzuschenken. Unser schmucker Türke war eine Bildhauerin von Ruf, welche in Rom ihre Studienzeit verlebt hatte und da auch Annina seit einer Reihe von Jahren in Italien lebte, so fanden sich die Beiden um so schneller in lebhafter Unterhaltung.
In dieser Nacht war Annina thatsächlich die Favoritin des weitherzigen Türken geworden.
Aber auch die Marchesa konnte ihrem Gelüste nicht widerstehen, ihrem Ritter ohne Furcht und Tadel den hübschen Kopf zu verdrehen ...
Einigermaßen erstaunt zeigte sich die Marchesa, da sie immer und immer wieder bemerkte, wie so sehr viel man sie in „ihrer“ Landessprache anredete.
Selten hatte sie vernommen, daß ihre Standesgenossen einen Deutschen in dessen Muttersprache anzureden im Stande waren ... Die Marchesa ließ mich nicht frei und so habe ich es denn nach einiger Mühe wirklich ermöglicht, daß wir Zwei, die Marchesa und ich, unauffällig gegen den obligaten Obolus Einlaß erhielten, in den Saal eines der großartigsten Etablissements der Residenz – heute der Sammelpunkt einer stark gemischten Gesellschaft. Herren jeden Standes, jeden Alters, vom vornehmsten, blasirten Cavalier herab bis zum wagehalsigen Commis – waren in stattlicher Anzahl vertreten. Hagere, mühsam durch künstliche Nachhilfe einigermaßen normal gerundete, verlebte, megärenhafte Weiber mit unglaublichen Frisuren und noch mehr unglaublich geschminkten Gesichtern: die Repräsentantinnen der Choristen- und Statistenwelt, dazwischen niedliche, hübsche, oft sogar intelligente und schöne Mädchen. Doch nein, nicht schöne! Der Ausdruck des Gemeinen und der schlauen Berechnung und der Stempel ihrer Laster sind gar zu intensiv ausgeprägt; – ausnahmslos aber trugen sie Alle sehr geschmackvolle Kleider und ausnahmslos waren Alle so tief dekolettirt, als überhaupt nur der Stoff zugab. In mir erregten diese Hetären, welche sich berufen fühlen, als Priesterinnen der Schande in den Tempel der Demimonde der Astarte zu opfern – tiefen Abscheu.
„Bedauern? diese Geschöpfe, Marchesa?“ war eine erstaunte Gegenfrage, als diese ihrem Mitleid für dieselben Worte verliehen hatte. „Nein,“ fuhr ich fort, „diese öffentlichen Weiber verdienen kein Mitleid, denn sie sind unersättlich, gierig und roh und zumeist nur daraufhin geschult, nach Möglichkeit zu plündern und, wo sie ihre Opfer finden, zu berauben. Ihre Leiber sind giftdurchgohren, ihr Verstand arbeitet nur, um auszuklügeln, wie noch mehr schamlos sie reizender sein können und wie noch raffinirter es anzustellen sei, ihre Opfer zu umgarnen und dann, Vampyren gleich, sie auszusaugen, sie zu ruiniren – finanziell, geistig, körperlich. Doch jetzt nur keine philosophischen Erörterungen!“ brach ich jäh ab; – „sehen Sie, Marchesa, jene biegsame, volle Gestalt, dort drüben, auf dem Knie des blonden Riesen? Er ist entschieden ein Landjunker – und sie? Es ist noch garnicht lange her, da erhielt ich ein Anerbieten aus geübter Feder, daß eine Dame, die Tochter eines hohen verstorbenen Juristen, mir ihren schönen Kopf zum Modell zu überlassen geneigt sei. Sie war auch in der That erschienen, als ich ihr geantwortet. Sie ist, wie Sie sehen, von großer Schönheit; sie hat gute Schule genossen und man glaubt, eine wirkliche Dame vor sich zu haben und doch ist sie eine niedere Kreatur, die nicht werth ist, auch nur im Geringsten bedauert zu werden! Ich werde Ihnen später mehr von ihr erzählen.“
Die Marchesa, welche sich einer weißen Perücke bedient hatte, lehnte sich in ihren Sessel zurück und lognettirte eifrig nach jener schönen Blondine, welche, das Glas in der Hand, ihrem splendiden Cavalier unaufhörlich zutrank, während er nicht müde wurde, ihr augenblicklich den perlenden Sekt einzuschenken, sobald sie ihr Glas geleert. – –
Ich selbst steckte im schwarzen Herrenanzug, den ich mir für diesen Zweck eigens beschaffen ließ.
Unsere Loge war zwar in tiefes Dunkel gehüllt und die Thür verschlossen, so daß Niemand zu uns eintreten konnte und dennoch zitterte ich bei dem Gedanken, daß es entdeckt werden könne, daß ich hier, in diesem Baals-Tempel gewesen.
Edita hatte sich auf keinen Fall bewegen lassen, sich uns anzuschließen, ihr leistete Annina Gesellschaft und im Stillen grollte ich der Marchesa, daß sie mich zu veranlassen gewußt hatte, mit ihr zu gehen. Bedurfte diese denn wirklich solcher schrecklichen Reizmittel, um ihre Phantasie zu beschäftigen?!
Das Orchester ließ hüpfende Tanzweisen erklingen; die Paare drehten sich und ich konnte mir nicht verhehlen, daß die „Damen“ beim Tanz sich durch ungeahnte Anmuth und Grazie auszeichneten.
Dazwischen saßen Pärchen – selten zu Dreien – in Eckplätzchen, in Nischen und Logen und Scherz und Lachen ertönte wirr durcheinander. Sie wisperten und raunten frivole Worte einander zu und man gewann den Eindruck, als ob den „Männern der Hof“ gemacht würde.
Faunischlächelnde Glatzköpfe von ungeheurer Beleibtheit mit dicken Goldketten und fetten Fingern, erfreuten sich ebensolcher zärtlichen Anhänglichkeit der Hetären, als die vornehmen Sprossen des Adels und der oberen Zehntausend und dort jener greisenhafte Gigerl mit der noch bartlosen Oberlippe und der kahlen Stirn, mit den eingesunkenen Augen und den knöchernen Händen, genießt ob seiner gefüllten Börse, genau so hohes Ansehen, als wäre er ein Adonis! Er ist von vier, fünf Messalinen umringt. Sie schmeicheln ihm in einer empörenden Weise und er – – läßt sich’s gern gefallen. Der Wein auf seinem Tische fließt in Strömen und _Veuve Cliquot’s_ Nectartrank genießt überreiche Anerkennung. Die schmale Brust des Gecken hebt und senkt sich mühsam unter der tadellosen, diamantengeschmückten Wäsche. In seinen Augen flackern fahle Lichter; er spricht nichts mehr. Flasche um Flasche schleppt der Kellner heran, reichlicher Trinkgelder gewiß. Die Heroinen des Bacchus leisten Wunder. Ihre Kehlen sind offenbar verdorrt, ihr Durst ist endlos! Immer wieder trinken sie ihrem todtbleichen Ritter zu; dieser stürzt, ein mattes Kopfnicken als „Prosit“ in nervöser Hast Glas um Glas hinunter ... Ob er es wohl wußte, daß er Freund Hein ein letztes „Schmollis“ zutrank. Sein Haupt sank schwer nach hinten zurück; er röchelte laut.
Ein Wink. Einige dienstbare Geister führten die armselige Karrikatur aus dem Saale ... ob dem Tode geweiht, oder nur eines Reagenzmittels bedürftig – wer weiß es? Die also in ihrem Bacchanal gestörten Hetären zerstreuten sich in alle vier Ecken, von Neuem Jagd machend ... Und das sind Frauen! Das die verkörperte Weiblichkeit ... unsere Geschlechtsgenossinnen! ...
Ich hatte es satt, mir noch mehrere dieser Bilder vorführen zu lassen.
Die Marchesa folgte mir nach einigem Zögern und ich athmete hoch auf, als ich endlich in einem geschlossenen Wagen mich geborgen fühlte ...
Am nächsten Morgen besuchte mich die Marchesa in meinem Atelier. Sie wußte, daß ich in meinen Arbeitsstunden nicht gern Besuch empfange; es mußte daher doch nur brennende Neugier sein, die sie zu mir und zu so ungewöhnlicher Stunde führte. Ihre erste Frage galt denn auch der schönen Messaline von heute Nacht. Wie sie heißt, wo sie wohne, ob allein u. s. w.
Ich blickte erstaunt von meiner Arbeit auf.
„Sie müssen nämlich wissen, Felicita,“ beeilte sich die Marchesa zu sagen, „daß ich ein tiefes Interesse für dieses Mädchen in mir fühle. Denken Sie doch, die Tochter eines hohen Beamten, gebildet, schön, von guter Erziehung und dann – hier im Begriff, schmachvoll unterzugehen in Schlamm und Sünden! Wenn wir Frauen,“ fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „es nicht sind, die diesen armen Gefallenen die Hand reichen, sie aus dem Sumpfe zu ziehen – wer sonst würde es thun?“
Als sie schwieg, sagte ich ernst:
„An Ihrem guten Herzen und Willen zweifle ich nicht, wohl aber daran, daß Sie ein gutes Werk thun, vielmehr, daß es Ihnen gelingen dürfte. Meinen Sie, dieses Mädchen der Halbwelt würde es Ihnen danken, wenn Sie sie der Sünde entreißen? So wenig, als viele Tausende ihrer Schwestern. Diese alle haben ein krankhaftes Sichzurückziehen in die Sphäre des Wohllebens und des – Lasters. Ich habe gehört, daß mancher brave, edle Mann moralisch und physisch zu Grunde gegangen ist, weil er an sein Herz und an seinen häuslichen Heerd einen Engel nahm, aber einen – gefallenen Engel!
Eine Zeitlang mag es gehen, aber dann bricht der Charakter der Messaline sich Bahn, kein Hinderniß scheuend. Ist der Mann stark, dann löst er bald die Bande von seiner Phryne, doch zumeist sind es Schwächlinge, die zu feige sind, öffentliches Aergerniß zu erregen, oder sich von alten Gewohnheiten loszureißen. Eine solche Ehe ist entsetzlich. Der Mann verliert selber seine Gesittung und verfällt zuletzt irgend einem Laster, während die Hetäre in Saus und Braus lebt – zuweilen aber auch im Zucht-, Arbeits- oder Krankenhause endet. So. Im Uebrigen werde ich Ihnen ihre Adresse sagen; ich muß erst meine Listen durchsehen!“
„Aber“, wandte die Marchesa kleinlaut ein: „Sie versprachen mir doch, von dieser Person Näheres zu erzählen. Weshalb nannten Sie sie gestern denn eine niedere, unwürdige Kreatur?“
„Das ist schnell dargethan“, erwiderte ich kurz, denn es war mir unangenehm, daß die Marchesa ein so ungewöhnliches Interesse bekundete für eine Dirne, die sie aber „Studien halber“ für zweckentsprechend halten mochte.
„Corni, ja – so hieß sie; es fällt mir so eben ein, erschien mir allen Ernstes passend als Modell für die Darstellerin der „Danaë“. Es wurde mir alsbald klar, daß Corni von der gesellschaftlichen Stufe längst herabgesunken sei und sie kein Anrecht mehr auf die Achtung einer Dame unserer Kreise erheben durfte. Diese Person hat mir allerdings zweimal als Modell gedient; ein drittes Mal durfte sie nicht mehr kommen. Der Sachverhalt ist kurz folgender: Sie hatte, nachdem sie aus der Stunde entlassen war, der jungen Baronesse Lydia – sie kennen Sie ja auch, – im Treppenhause aufgelauert und die Baronesse zu bestimmen gewußt, sie mit in ihren Wagen zu nehmen, welcher vor dem Hause wartete. Hier hat sie die tollsten und häßlichsten Dinge über mich, über sie in ihrer Eigenschaft als mein Modell zur „Danaë“ und _last not least_ – über ihr Messalinenthum erzählt. Sie hat es, da die junge Dame starr vor Verwirrung und Schreck, stumm zuhörte, sogar gewagt, sie zu küssen und sich an der keuschen Unschuld zu vergreifen und da Lydia außer sich vor Empörung und Scham, drohte, dem Kutscher ein Zeichen zum Halten zu geben, that Corni es an ihrer Stelle, um dann behende – und ohne des Lakaien Hilfe abzuwarten, auszusteigen und zu verschwinden.
Die Baroneß, welche sich in furchtbarer Aufregung befand, ließ sofort wenden und kam verstört zu mir zurück. Wie ein Kind schluchzend, theilte sie mir, das in tiefer Scham erglühende Gesichtchen verbergend, in abgerissenen Worten alles Erlebte mit. Meine Empörung war grenzenlos. Ich sandte sofort meine Kammerfrau mit einer Banknote und dem Befehl zu der ehrlosen Dirne, nie wieder meine Schwelle zu betreten.
So gut ich konnte, habe ich die Baronesse beruhigt und durch milde Worte den Stachel aus ihrem jungen, frommen Herzen zu entfernen gesucht. Das liebe, blumenhaft zarte Kind getroffen zu wissen von dem Gifthauch einer Messaline, war für mich ein unerträglicher Gedanke. Und den Gipfel der Schamlosigkeit bildete nun noch ihre Darstellung bezüglich meiner Handlungsweise ihr gegenüber als mein – Modell. Was Baroneß Lydia in Worte wiederzugeben nicht den Muth hatte, das errieth ich und da erfaßte ich ihre Hand und führte sie hierher an meine Staffelei.“
Die Marchesa hörte mir gespannt zu und um mich nun nach meiner Klarlegung gleichsam zu rehabilitiren, langte ich aus einem verschlossenen Schranke die Rolle mit der Skizze der Danaë. – Dem kunstverständigen Blick der Marchesa durfte ich schon ein Urtheil über meine reine, ästhetische Auffassung zumuthen.
Auf dem üppigen, arabeskendurchwebten Seidenpolster mit dem rechten Arm bis zum Ellenbogen aufgestützt, sah man in ein edelgeformtes Frauenantlitz; den Blick emporgerichtet. Ein kleiner üppiger Mund und eine geradlinige Nase harmonirte mit der hohen Stirn, welche von einer Fülle lockiger Haarwellen umkränzt war. Den entblößten linken Arm hocherhoben, beide Hände griffbereit, um Jupiter, ihren Geliebten, in Gestalt des Goldregens aufzufangen, sah man die wohlgeformte Büste einer Jungfrau. – Den übrigen Körper verhüllte eine in schweren Falten herabhängende Decke.
„Ich gestehe“, sagte die Marchesa, welche sehr aufmerksam den Vorwurf betrachtete, „daß ich an dem Bilde absolut nichts finde, was das Modell zu einer so unpassenden Schilderung veranlassen könnte. Es ist doch einleuchtend, daß die Künstlerin, welche nur Kopf und Büste malen will, nicht des ganzen Modelles bedarf! Nein, nein, Felicita, jene Corni hat die Baroneß nur reizen wollen, um sie dann besitzen zu können. Ich vermag sehr wohl mir vorzustellen, welche Motive sie bewogen, ein solches Gespräch zu führen ... _Pauvre enfant, la petite baronesse!_“ Noch einmal beugte die Marchesa das schöne Haupt auf das Bild nieder und betrachtete dieses mit einer etwas unerklärlichen Aufmerksamkeit, ohne aber zu kritisiren.
„Und doch“, rief sie, sich plötzlich emporrichtend, mit verschleierter Stimme: „Und doch könnte ich dieses Weib lieben! Mag sie eine Messaline sein! ... Ich kann nichts dafür, daß mein ganzes Herz mich zu ihr zieht!“ –
Ich sah sie zweifelnd an. War das Scherz? Oder die Sucht nach der Liebe zu einem Weibe so fanatisch in ihr, daß sie nicht zurückschreckte vor der Gewißheit, daß diese Hetäre von vielen Männern geküßt worden und daß sie sich ihnen ergeben, ohne nach Rang, Stand und Alter und Charakter zu fragen – – eine Hetäre, die Modell steht – gewiß nicht zum ersten Male in meinem Atelier! und gewiß nicht immer vor einer Künstlerin – einer Dame! ...
Meinen Einwand wies die Marchesa zurück. Ich solle sie nur gewähren lassen, sie nicht zurückhalten. Meine Einwendungen, meinte sie weiter, seien ja ganz berechtigt, allein ihr Verlangen, diese Corni kennen zu lernen, von ihr zu hören, sei doch gar zu stürmisch. Nur einmal vielleicht, aber sehen müsse sie sie, heute noch, jetzt gleich – nur um die Adresse bäte sie. Nach einigem Suchen nannte ich sie ihr. Ich sah ihr fest ins Auge:
„Was wird Annina dazu sagen?“ fragte ich.
Die brauche es nicht zu wissen und wenn sie es erführe, nun, so wäre es auch gleichgiltig. Annina sei ihr zu vielem Danke verpflichtet und da müsse sie schon eine Extravaganz mit in den Kauf nehmen.
Das berührte mich unsagbar peinlich. Das also war die Liebe, Freundschaft zwischen der Marchesa und Fräulein von B.? Für erwiesene Wohlthaten dankbar sein und nicht murren dürfen – o Du Sphynx von einem Weiberherzen. Aber Du auch weißt nicht, wie wahre Eifersucht thut. Seltsam. Ich, die aufrichtige Bewunderin schöner Frauen, war wie mit einem Schlage aus meiner Bewunderung für die schöne Italienerin herausgerissen. Ich hatte noch niemals Gelegenheit gehabt, in den Spiegel dieser Frauenseele zu schauen. – Jetzt war ich total ernüchtert. „Genußsucht!“ Das war das Loosungswort dieser Lebefrau. Ich habe später manchmal darüber nachgedacht, wie ich mich so sehr habe täuschen lassen können; ich habe diese Marchesa ja nicht eigentlich geliebt, denn dazu war sie mir trotz ihrer Schönheit zu gleichgiltig, nein, aber ich habe sie stets bei guter Stimmung gesehen und dann immer in Annina’s Gesellschaft. Sie überhäufte diese mit Liebenswürdigkeiten und verschwendete eine Ueberfülle von Aufmerksamkeiten an Annina. Ich fand das nett, denn Edita und ich kennen ja auch das Glück der Frauenliebe. Ich hatte alle Ursache, enttäuscht und entrüstet zu sein. – –
Klingelingeling – –
Eine ältliche Frau in sehr sauberem Anzuge, mit einer abschreckenden Physiognomie öffnete und gab auf Befragen der Marchesa tief knixend, mit süßlicher Stimme Auskunft.
Ja Fräulein Corni sei zu Hause. Wen sie anmelden dürfe; sie sei die Wirthin.
„Mein Name thut nichts zur Sache. Ich will nur einige Fragen an die Dame richten,“ sagte die Marchesa, denn diese war es.
Die Frau musterte sie bei diesen Worten mit spöttischen Blicken: „Dame!“ Wußte denn diese, wie eine Fürstin auftretende Ausländerin, als welche sie an ihrem fremdländischen Accent leicht erkennbar war, wirklich nicht, daß ihr hoher Besuch einer gänzlich herabgekommenen Person galt?
Nach einigem Warten und wiederholtem Klopfen wurde von innen aufgeschlossen und die Marchesa stand vor der blonden Schönheit Corni’s.
Lächelnd, mit einer erstaunten Frage in den langbewimperten Augen, hörte sie die Begrüßung der fremden Dame an und mit tadelloser Verbeugung lud sie dieselbe ein, näher zu treten.
Es war ein großes, einfach möblirtes Zimmer, in welchem die Marchesa flüchtig Umschau hielt. Hohe Flügelthüren waren weit offen und gewährten einen Einblick in das daran stoßende Schlafzimmer, welches mit einer Pracht und Ueppigkeit ausgestattet war, wie man es in solcher Umgebung nur bei einer überschwenglichen, verwöhnten Courtisane erwarten darf.
Nachdem die Marchesa, in ihrer anscheinend kühlen Reserve verharrend, den Zweck ihres Besuches offen erklärt, bat sie die ihr Gegenübersitzende, ihr ihr Vertrauen zu schenken, und ihr ehrlich zu gestehen, wie sie auf eine solche abschüssige Bahn gelangt sei. Wider Erwarten überzog sich das Gesicht der schönen Hetäre mit tiefem Erröthen; betreten senkte sie den Blick und ihre weißen Zähne nagten in offenbarer Verlegenheit an der Lippe.
„Sprechen Sie ohne Scheu zu mir,“ ermuthigte die Marchesa, „ich interessire mich für Sie, denn ohne daß Sie es wußten, habe ich Gelegenheit gefunden, Sie zu beobachten. Ich weiß Alles, nur das Eine nicht, daß Sie, die Sie körperlich von der Natur so ausgezeichnet sind und eine gute Bildung und Erziehung genossen haben sollen, ein derartiges Gewerbe ergreifen konnten.“
„Gute Erziehung? Hahaha!“ Corni lachte bitter.
„O wenn Sie wüßten, gnädige Frau, wie bodenlos schlecht ich schon in frühester Jugend, ein Kind fast noch an Jahren, gewesen bin. Sehen Sie, ich habe es ja garnicht nöthig, einer fremden Dame aus meinem Leben Enthüllungen zu machen, die für mich durchaus nicht schmeichelhaft sind, allein ich finde ein gewisses Vergnügen an dieser Selbstpein und an Ihnen ist etwas, das, wenn ich so sagen darf, zur Beichte einladet. So hören Sie denn: